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»1906«. Der Zusammenbruch der alten Welt cover

»1906«. Der Zusammenbruch der alten Welt

Chapter 18: Und die andern Mächte ....?
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About This Book

The author reconstructs the events and causes of a cataclysmic 1906 conflict that begins with an incident in Samoa and rapidly engulfs Europe and overseas territories, examining diplomatic miscalculations, naval mobilizations, colonial unrest, and the cascading reactions across Washington, Petersburg and Tokio. Through a sequence of milestone episodes and on-the-ground vignettes—such as life in Apia and encounters between merchants, colonial officials and naval officers—the narrative traces how local skirmishes, parliamentary decisions, and imperial rivalries escalate into global war, describes the human and material devastation, and outlines the political and logistical challenges of postwar rebuilding.

„Bin um 5 Uhr 58 Neapel eingetroffen und hoffe morgen mittag 12 Uhr Bescheid, wann meine Braut in Rom eintrifft“.

Der Telegraphenbeamte beförderte diese Depesche unbeanstandet, ohne zu wissen, daß Admiral Beresford damit dem englischen Botschafter am Quirinal mitteilte, daß er mit dem Geschwader von fünf Panzern, fünf Kreuzern und acht Zerstörern auf der Reede liege und bis zum 20. März mittags 12 Uhr Bescheid darüber erwartete, ob er gegen die italienischen Schiffe die Feindseligkeiten beginnen sollte. Noch bevor auf dem Hafenamte eine Ordonnanz aus dem Marinekommando eingetroffen war um den Führer der englischen Pinasse dorthin zu bitten, war diese bereits wieder lautlos im Dunkel der Nacht verschwunden.

Trotzdem die Ankunft des englischen Kreuzers, wie sie ihm das Hafenamt gemeldet hatte, den kommandierenden Admiral der zweiten Division des Manövergeschwaders stutzig gemacht hatte, nahm er, im Vertrauen darauf, daß ein einzelnes Schiff, gegenüber einer so starken Verteidigungsflotte, dem Hafen keine Gefahr bringen konnte, an dem Festmahl im Marinekasino teil, welches bis tief in die Nacht hinein dauerte, weil die widerstreitenden Ansichten der Offiziere über den Ausgang der politischen Krisis dem Gespräch immer neue Nahrung gaben.

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Während ein fahles Dämmerlicht den heranbrechenden Morgen in der römischen Hauptstadt ankündigte, fuhr ein schlichter Wagen vor dem Ministerium des Auswärtigen in Rom vor. Der englische Botschafter ließ den italienischen Minister um eine dringende Unterredung im Auftrage seiner Regierung ersuchen. Eine Viertelstunde später standen sich beide Männer gegenüber. Der Engländer griff kurz zurück auf die Vorgänge in Samoa und erinnerte daran, daß der deutsche Kreuzer die englischen Schiffe angegriffen habe. „Es ist uns bekannt,“ fuhr er fort, „daß gewisse Bündnisverträge aus früherer Zeit bestehen, die Italien verpflichten könnten, Deutschland seinen militärischen Beistand zu leihen. Soweit wir diese Verträge kennen, kommt der Bündnisfall jetzt nicht in Frage, da Deutschland der Angreifer gewesen ist. Da um diese Stunde aber vielleicht (I suppose) die Feindseligkeiten in der Nordsee schon ausgebrochen sind, ist es für uns von Wert, zu wissen, welche Haltung die italienische Regierung einzunehmen beliebt. Wir können leider (I regret sincerely) nicht darauf warten, ob sich Italien auf die eine oder die andere Seite schlagen, oder neutral bleiben wird. Wir müssen daher darauf bestehen, eine klare Antwort zu erhalten und zwar bis heute mittag um 12 Uhr, da bereits die nächsten Stunden schwere Entscheidungen für uns enthalten können. Ich bin daher beauftragt von meiner Regierung,“ der Botschafter erhob sich und stützte die rechte Hand auf den Schreibtisch des Ministers, „dem italienischen Ministerium des Auswärtigen folgendes zu unterbreiten:

In der verflossenen Nacht hat unser Mittelmeergeschwader Aufstellung genommen auf der Reede von Neapel und vor dem Kriegshafen von Tarent; gleichzeitig wird ein Teil der mit uns verbündeten französischen Flotte vor Spezzia erscheinen und ist beauftragt, Maddalena zu observieren. Wir sind gezwungen, diese Maßregeln zu ergreifen, um zu verhüten, daß die italienische Regierung, von Berlin aus beeinflußt, eine feindselige Haltung gegen uns einnimmt. Ich bin beauftragt, folgende Forderungen zu stellen: Die italienische Regierung erklärt, daß sie in dem jetzt ausgebrochenen Kriege völlig neutral bleiben will. Als Pfand für diese Versicherung fordern wir, daß uns für die Dauer des Krieges die Benutzung des Kriegshafens von Venedig als einer eventuellen Operationsbasis für unsere Flotte gegen die österreichischen Kriegshäfen von Pola und Triest eingeräumt wird. Diese Benutzung hat nur soweit zu gehen, als unseren Schiffen erlaubt wird, in Venedig Kohlen zu nehmen und kleinere Reparaturen auszuführen. Ich bin beauftragt, die zustimmende Antwort der italienischen Regierung bis 12 Uhr mittags entgegenzunehmen, anderenfalls würden wir gezwungen sein, unsererseits mit dem Angriff auf Neapel und andere Küstenpunkte zu beginnen, während gleichzeitig die französische Flotte gegen Spezzia und Maddalena vorgeht. Ich bitte zu bedenken, daß nach den Mitteilungen, die sich in unserem Besitz befinden, die italienische Flotte dem gegen sie detachierten Teil unserer Marine, sowie dem französischen Geschwader vor Spezzia nicht gewachsen ist. Die Abweisung unserer Bedingungen würde im Laufe des heutigen Tages demzufolge die Vernichtung der italienischen Marine bedeuten und uns wahrscheinlich in Besitz der betreffenden Kriegshäfen setzen.“

Tiefes Schweigen herrschte in dem dämmerigen Gemach. Auf den Zügen des italienischen Ministers malte sich eine schlecht verhohlene Bestürzung. Der Engländer stand, die rechte Hand auf der Lehne des Stuhles, wie eine aus Erz gegossene Statue mitten im Zimmer. Der summende Schlag einer Uhr teilte die lastende Stille in kleine Stücke, es war 7 Uhr. Draußen auf der Straße hörte man den hallenden Schrei eines Ausrufers. Der Minister erhob sich und verabschiedete sich von dem Engländer mit den Worten: „Ich werde Sr. Majestät dem König die Vorschläge Eurer Exzellenz übermitteln und bedaure, daß das englische Kabinett uns in die Zwangslage versetzt, unsere Stellung in dem ausgebrochenen Konflikte so schnell zu wählen.“

Mit dem Bemerken: „Die Ereignisse sind stärker als wir“, verabschiedete sich der englische Botschafter.

Als Rom erwachte und seine Bewohner voll Erwartung nach den Zeitungen griffen, um aus ihnen zu erfahren, welche Entscheidung die letzten Stunden gebracht haben könnten, ahnte niemand, daß diese nicht draußen auf dem nordischen Meer, sondern im Königlichen Palais, wo eine ernste Beratung des Monarchen mit dem Gesamtministerium stattfand, bis um die Mittagsstunde fallen mußte. Erst um 10 Uhr wurde in Rom die Nachricht durch Extrablätter bekannt, daß auf der Reede von Neapel am Abend vorher ein englischer Kreuzer eingetroffen sei, und eine Stunde später erfuhr man, daß fünf große englische Panzerschiffe und eine Anzahl kleinerer Fahrzeuge auf der Reede Aufstellung genommen hatten.

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Um 9 Uhr machte auf der Reede von Neapel der Schiffsleutnant Hamilton dem Kommandanten des englischen Linienschiffes „London“ die Meldung, daß soeben der italienische Panzer „Lepanto“ an der Mole vor dem Arsenal festgemacht habe und daß ein Karrentransport aus dem Arsenale nach dem Schiffe stattfände, woraus zu schließen sei, daß man auf italienischer Seite seine Munitionsbestände ergänze. Aus den Schloten der Italiener quollen schwarze Rauchwolken, man machte Dampf auf. Durch scharfe Gläser konnten die Engländer erkennen, wie die Schutzkappen von den Geschützen entfernt wurden und wie die Mannschaften die Rohre reinigten und putzten. Es herrschte ein emsiges Leben an Bord der vier Panzer: „Lepanto“, „Italia“, „Dandolo“ und „Duilio“, sowie der beiden Kreuzer „Etruria“ und „Lombardia“. Ein schwarzes Torpedoboot verließ in schneller Fahrt den Hafen, dicke Rauchschwaden über den blauen, fast unbewegten Meeresspiegel hinter sich herschleppend. Es nahm den Kurs ums Kap Miseno in der Richtung nach Gaeta. Sonst herrschte eine tiefe, friedliche Stille, und nichts verriet, welche Gefahr von draußen her drohte, nur erschienen die Küstengewässer etwas verödet. Während sonst die Reede von zahllosen Fischerbooten und kleineren Fahrzeugen belebt war, und größere Dampfer und ferne Segler von der See her grüßten, schien jetzt alles Leben auf der Wasserfläche erstorben, nur die wuchtigen, langgestreckten Kriegsmaschinen stießen schwere Packen Rauchs aus, die die leichte Brise langsam in einen hellbraunen Rauchschleier auflöste.

An Bord der Engländer verfolgte man die Vorgänge am Hafen mit größter Aufmerksamkeit. Während bis gegen 9 Uhr auf den Hafenkais und in den anstoßenden Straßen dichte Menschenmassen beobachtet wurden, sah man sie in der klaren, sichtigen Luft plötzlich von einer flimmernden Linie umsäumt, die sich aus den grauen Mauern des Castel Nuovo fadenartig herauszog. Das blitzende Band umschlang die dunkle Masse, schwankte hin und her, schob sich vorwärts und zurück und rückte langsam nach dem Hintergrund des Platzes vor, hinter sich die hellen Flächen des Straßenpflasters leer lassend und allmählich die dunkle Welle in die Straßeneingänge zurückschiebend: Militär mit aufgepflanztem Bajonett räumte die Plätze und Straßen am Hafen.

Gegen 11 Uhr kam von Norden her ein weißer, schlanker Dampfer in Sicht; er schien dem Hafen zuzusteuern und schwebte einsam wie eine weiße Linie über der tiefblauen Meeresfläche. Kurz darauf erschien hinter dem Kap Miseno wieder das Torpedoboot, welches vorhin dort verschwunden war, änderte sofort den Kurs und steuerte auf den weißen Dampfer zu, an dessen Deck man mit scharfen Gläsern die deutsche Flagge erkennen konnte. Gleichzeitig löste sich aus der Masse des englischen Geschwaders ein Torpedoboot los, welches mit voller Fahrt, weiße Schaumberge mit seinem Bug aufwühlend, ebenfalls auf das weiße Schiff zufuhr. Es war ein seltsam aufregendes Schauspiel, dieses Wettrennen der beiden flinken schwarzen Boote um den weißen Dampfer zu verfolgen. Gleichzeitig fast erreichten sie ihn, und fast gleichzeitig blitzte an Bord beider Torpedoboote an dem vorderen Geschütz ein Funke auf, worauf der Deutsche die Maschine zu stoppen schien, denn er ward schwerfällig pendelnd von den Wogen gewiegt. Man schien zu verhandeln. Dann umspielte den vorderen niederen Schlot des englischen Torpedos eine leichte Dampfwolke und sekundenlang später dröhnte der scharfe, bellende Ton einer Sirene zum Lande hinüber. Man sah, wie der Deutsche den Kurs änderte und gefolgt von dem Torpedoboot auf das englische Geschwader zusteuerte, langsam die blauen Wogen zerteilend. Das italienische Torpedoboot fiel allmählich nach hinten ab, folgte zunächst eine halbe Seemeile, machte mürrisch Kehrt und nahm dann unter voller Maschinenkraft Kurs auf den Hafen, wo es nach einer Viertelstunde längsseits des Admiralschiffes „Dandolo“ festmachte, worauf ein Offizier, kenntlich an seinem Säbel, über den er beim Verlassen des Decks stolperte, das Fallreep zum „Dandolo“ hinaufstieg.

Erst später erfuhr man, daß jenes weiße Schiff der Hamburger Vergnügungsdampfer „Meteor“ gewesen war, der von Genua kommend hier vor dem Hafen von Neapel von den Engländern abgefangen wurde.

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Um 11 Uhr wurde in Rom durch Maueranschläge und Extrablätter bekannt gemacht, daß der König in Übereinstimmung mit dem Ministerium die englischen Forderungen abgelehnt habe. Sie wurden im Wortlaut mitgeteilt, mit der angefügten Erklärung:

Aus der Übermittlung des englischen Ultimatums habe sich klar ergeben, daß England entschlossen sei, die Neutralität Italiens in keinem Falle zu achten. Für den Verrat am Dreibund in der Stunde der Gefahr verlange die englische Regierung obendrein noch die Einräumung des Kriegshafens von Venedig, eine Forderung, die ein ehrliebendes Volk mit alten ruhmreichen Traditionen niemals akzeptieren könne. Die königliche Regierung habe sich deshalb entschlossen, die englischen Forderungen abzulehnen und an die Entscheidung der Waffen zu appellieren, zumal das englische Geschwader vor Neapel bereits eine drohende Haltung angenommen habe. Man habe eine Erklärung nach Berlin gesandt, daß Italien auch ohne Rücksicht auf Österreichs Haltung fest entschlossen sei, sein Geschick mit dem des Deutschen Reiches zu verbinden. Der König glaube, aus dem Herzen seines treuen Volkes zu sprechen, wenn er solche Entscheidung getroffen habe, zumal es sich inzwischen, wie man aus Berlin authentisch erfahren, herausgestellt habe, daß der Zwischenfall von Samoa lediglich durch das provokatorische Verhalten der Engländer herbeigeführt sei. Es handelt sich also in Samoa, wie jetzt in den europäischen Gewässern, ganz ohne Frage um einen hinterlistigen Überfall auf Deutschland, den England längst geplant und bereits seit Wochen vorbereitet habe. Eine Drohung, wie sie der englische Botschafter heute morgen dem Minister des Auswärtigen übermittelt habe, mache es der italienischen Regierung unmöglich, weiter den Weg der Verhandlungen zu beschreiten. Man habe daher die Flotte in Neapel und Spezzia, sowie den anderen Punkten, wo ein Angriff drohe, angewiesen, diesen mit den Geschützen zurückzuweisen.

Volksstimmungen sind Augenblicksstimmungen. Das auf der Schwäche der einige Jahre lang stark vernachlässigten italienischen Marine basierende und die Empfindlichkeit eines fremden Volkes so wenig berücksichtigende Vorgehen Englands hatte eine leidenschaftliche Erregung erzeugt, die das Erscheinen der englischen Flotte vor Neapel als eine unerträgliche Beleidigung des italienischen Ehrgefühls empfand.

Brausender Jubel erscholl in den menschengefüllten Straßen; nur ein starkes Aufgebot der Munizipalgarde vermochte die tobende Menge daran zu hindern, in der englischen Botschaft die Fenster zu demolieren. Ausgelöscht, wenigstens in der augenblicklichen Begeisterung, waren auch die alten Sympathien für den französischen Nachbar, seitdem man wußte, daß er gemeinsame Sache mit dem brutalen Angreifer machte. Aber wenn selbst das klerikale Element auf den Straßen teils aus ehrlichem Empfinden, teils in kluger Berücksichtigung der momentanen Volksstimmung, sich an den patriotischen Kundgebungen beteiligte, drüben jenseits der Tiber, dort wo der Papst-König grollend über den Trümmern seiner weltlichen Herrschaft thronte, wo er auch die Leitung der Geister langsam aus seinen Händen gleiten sah, dort blieb alles stumm, dort faßte man diesen Waffengang auch nur als eine historische Episode in dem Weltendrama auf, in dem die Streiter der römischen Hierarchie mit den Kindern der Welt um die letzte Entscheidung ringen.

Die Seeschlacht vor Neapel.

Wieder wie vor Jahrhunderten klopfte der Normanne mit eisernem Handschuh an Italiens Pforte, hinter der der Moloch Capua schon so viele Hekatomben blondhaariger Barbaren verschlungen hatte.

Gegen ½12 Uhr sah man die kompakte Masse des englischen Geschwaders sich in eine lange Dwarslinie auflösen und eine halbkreisförmige Stellung auf der Reede von Neapel einnehmen. Die schweren englischen Panzer wandten der Stadt ihre Vorderseite mit den riesigen Turmgeschützen zu, so die denkbar geringste Zielfläche bildend. Während die Torpedoboote bei den Linienschiffen zurückblieben und sich hinter deren schweren Stahlleibern deckten, vom Lande aus somit unsichtbar werdend, dampften die englischen Kreuzer seewärts und zogen sich aus dem Feuerbereich zurück. Zwei Panzerkreuzer an den drei Schornsteinen als Schiffe der „Kent“-Klasse erkennbar (es waren „Suffolk“ und „Lancaster“) gingen zwischen Ischia und der Küste unter Volldampf nach Nordwesten offenbar um, begleitet von vier kleineren Schiffen und einigen Hochseebooten, gegen etwa von Spezzia heranrückende italienische Streitkräfte zu sichern. Gleichzeitig verließ der italienische Kreuzer „Etruria“, der neben seinem Schwesterschiffe „Lombardia“ lag, seine Boje und fuhr auf das englische Geschwader zu.

Die „Etruria“ hatte den Auftrag dem englischen Geschwaderchef die Aufforderung zu überbringen, mit seinen Schiffen die Reede von Neapel zu verlassen, andernfalls werde man sein Bleiben als eine herausfordernde Handlung ansehen und die nötigen Konsequenzen daraus ziehen. Während aller Augen am Lande und auf dem Geschwader der „Etruria“ folgten und in banger Erwartung der Entscheidung harrten, die die kleine Dampfpinasse des italienischen Kreuzers, die jetzt am Fallreep der „London“ lag, zurückbringen werde, wollten drei französische und vier englische Dampfer diesen letzten Moment benutzen, um den Handelshafen zu verlassen. Noch hatte jedoch das erste Schiff nicht die Mole passiert, als ein Torpedoboot heransauste und die fremden Kapitäne aufforderte, sofort in den Hafen zurückzukehren, worauf der erste Dampfer, ein französischer, alsbald stoppte, Contredampf gab und rückwärts wieder in den Hafen hineinfuhr. Draußen hatte inzwischen die „Etruria“ ihre Pinasse wieder an Bord genommen und steuerte in fliegender Fahrt auf den Kriegshafen zu. An ihrer Seite legte alsbald ein Marineboot an, nahm einen Offizier an Bord und ging hinüber zum „Dandolo“. Die nächsten Minuten mußten entweder den Rückzug der Engländer oder den Beginn des Kampfes bringen. Draußen auf der Reede machte sich keine Bewegung bemerkbar; die bleigrauen englischen Panzerschiffe blieben auf ihren Plätzen liegen, von den Meereswogen sanft hin und her gewiegt.

An allen englischen Geschützen standen die Artilleristen, die Ärmel an den sehnigen Armen emporgestreift, bereit dem Feind die todbringende Ladung aus allen Rohren hinüberzusenden. 5 Minuten nach ½1 Uhr ging am vorderen Maste des „Dandolo“ ein Signal hoch, welches sofort von den anderen Schiffen beantwortet wurde; die Schornsteine warfen dicke Ballen Rauch aus, den ganzen Hafen in einen braunen Dunst verhüllend. Die Schrauben gingen an und das italienische Geschwader nahm den Kurs seewärts dem Feinde entgegen. „Etruria“ und „Lombardia“ blieben vor dem Eingang des Kriegshafens zurück. Auf englischer Seite wurden diese Manöver mit größter Aufmerksamkeit verfolgt.

Admiral Lord Beresford hatte die Anweisung, das italienische Geschwader auf die Reede hinauszulocken und dort den Kampf auszufechten, um, soweit es die Rücksicht auf die eigenen Schiffe zuließ, die Stadt Neapel zu schonen. Zehn Minuten nachdem das italienische Geschwader seinen Liegeplatz verlassen hatte, blitzte es aus allen vier Turmgeschützen des „Dandolo“ auf. Heulend sausten die Geschosse heran, das erste ungefähr 400 m vor dem Admiralsschiff auf die Wasserfläche schlagend, einen Moment unter ihr verschwindend und dann dreimal rikoschettierend zwischen der „London“ und der ihr zunächst liegenden „Formidable“ durchfahrend. Eine zweite Granate, ein Zufallstreffer, nahm von der englischen „Venerable“ den ersten Mast und den vorderen Schornstein mit über Bord, auch noch den zweiten zerfetzend. In diesem Moment erging auf allen englischen Schiffen der Befehl zum Feuern, und mit Donnergetöse entsandten die englischen Turmgeschütze ihre Ladungen. Furchtbar war die Wirkung am Lande, wo diese erste meist zu hoch gehende und über die italienischen Panzer hinwegfegende Lage einschlug. Zwei Granaten trafen den dicken Turm der Kaserne des Castel Nuovo, mehrere platzten vor dem Munizipalgebäude, dessen Frontmauer zertrümmernd. Wenige Minuten darauf brannte es im Hafenviertel an verschiedenen Stellen. Die vor dem Hafeneingang liegende „Etruria“ erhielt einen Treffer mittschiffs in der ungeschützten Wasserlinie, worauf der Kreuzer von einem heraneilenden Torpedoboot langsam in den Hafen bugsiert wurde, wo er nach einer Stunde sank.

Die einschlagenden Granaten erzeugten am Land eine furchtbare Panik. Glücklicherweise waren die vom Hafen führenden Straßen bereits vorher durch Militär geräumt, so daß der Verlust an Menschenleben nur gering war. Auch das trotzige Castel dell’Ovo wurde von englischen Granaten schwer heimgesucht. Die wuchtigen Mauern sanken im Rauche explodierender Projektile in sich zusammen, ganze Steinlawinen stürzten ins Meer. In dem brennenden Hafenquartier und oben in der Stadt lärmten und bimmelten die Feuerglocken.

Auf der „Formidable“ waren beide Schornsteine und Masten über Bord gegangen, aber hinter den Panzerwänden arbeiteten die Geschützbedienungen unerschütterlich weiter, ungeachtet, daß der Rumpf des Schiffes für das Laienauge nur noch einem Wrack glich, aus dessen Mitte die Flammen der Feuerungen emporschlugen. Nur widerstrebend entschloß man sich endlich dazu, die „Formidable“ aus der Feuerlinie schleppen zu lassen, denn Maschinen und Artillerie waren fast völlig unversehrt, und aus der grauen Stahlmasse des Panzer lohten unaufhörlich die Blitze der Kanonen. Die englischen Schiffe litten anfangs sehr unter den panzerbrechenden Geschossen der Italiener, so erhielt der „Bulwark“ beim Überholen des Schiffes im Seegange einen schweren Treffer in der Wasserlinie, der ihn nötigte, durch Einnehmen von Wasserballast auf der Backbordseite, die durch den Treffer verursachte Schlagseite nach Steuerbord wieder auszugleichen. Sehr viel schlimmer sah es aber an Bord der Italiener aus. Hier durchbrachen die englischen Granaten ohne weiteren Widerstand die ungepanzerten Bordwände, gingen teilweise glatt hindurch. Und sobald bei der geringer werdenden Entfernung zwischen beiden Flotten die englische Mittelartillerie, der die Italiener so gut wie nichts entgegensetzen konnten, in den Kampf eingriff, wurden die Verluste auf italienischer Seite so groß, daß sie fast alle Viertelstunden eine völlige Neubesetzung der Geschütze nötig machten. Es erforderte starke Nerven für die italienischen Kanoniere sich erst durch förmliche Leichenhügel und die auseinander gerissenen Körper ihrer Kameraden einen Weg an die Ladevorrichtungen bahnen zu müssen. In dem engen Raume der ungedeckten Barbettetürme, wo die riesigen 43 cm-Kanonen standen, watete man tatsächlich in Blut, stand auf zermalmten Leichen und fand in dem Brei menschlicher Gliedmaßen oft nur mit Mühe noch einen festen Standpunkt auf den Ladepodesten. Die Geschoßaufzüge waren durch Blut und verspritzte Körperteile verschmiert, und oft fanden die rastlos laufenden Ketten der Munitionsaufzüge einen Widerstand an Knochenstücken, die in sie hineingesprengt waren.

Dreiviertel Stunde hatte der Kampf gedauert. Auf allen italienischen Panzern klafften breite Schußlöcher und die dunklen Bordseiten waren wie gefleckt durch den gelben pulverartigen Belag, dem Rückstand der englischen Lydittgranaten. Nur hier und da hatte ein italienischer Panzer noch einen Schornstein oder zeigte Reste des Brückendecks, die ein wüstes Gewirr verbogener Stahlbalken, siebartig durchlöcherter Eisenwände und wie Papier zusammengerollter Teile der Reeling darstellten. Dazwischen zerfetzte und zerschmetterte menschliche Körper, ein vom Leibe getrennter Kopf, der die noch intakten Mannschaften, die mechanisch die Ladevorrichtungen handhabten und eine Granate um die andere in den heißen Schlund der Stahlrohre schoben, mit gläsernen Augen anstarrte. Der Panzer „Lepanto“ hatte am Hinterschiffe mehrere schwere Treffer unter der Wasserlinie erhalten; schon leckten die Wellen zwischen den Lücken der Reeling hindurch auf die Decksplatten, sich in dem geronnenen Blut, das an allen Eisenteilen klebte, rotfärbend. Das Vorschiff ragte weit aus dem Wasser, den riesigen Rammsporn zeigend. Außerdem waren die Maschinen auf mehreren Italienern teilweise gebrauchsunfähig geworden.

Die „Lepanto“ lag seit einer Viertelstunde vollkommen still, von den Wellen hin und her getrieben und zwar so, daß sie dem Feinde die Breitseite zeigte. Da flog an dem einzigen Mast des britischen Admiralsschiffes ein Signal hoch. Die ganze Linie der Engländer bewegte sich vorwärts. In den Abständen zwischen den Panzerschiffen erschienen die Torpedoboote und stürzten sich wie eine heulende Meute mit heiserem Schrei ihrer Sirenen auf den todwunden Feind. Die Entscheidung nahte. Zwar versuchten die Italiener in diesen fürchterlichen Minuten, da die dichte Linie des Feindes herandampfte, um dem grausigen Spiel ein Ende zu machen, ihr Feuer zu verstärken, indem sie ihre letzten Reserven in die Barbettetürme schickten, aber zu Dutzenden sah man sie in den Rauchwolken platzender englischer Granaten dahinsinken. Und als die britischen Linien auf Torpedoschußweite heran waren, war es still geworden hinter den stählernen Brustwehren an Bord der Italiener. Auf dem „Duilio“, wo das eindringende Wasser bereits die Maschinen- und Kesselräume füllte — denn weiße Dampfstrahlen fuhren aus den Decksöffnungen und ein paar dumpfe Detonationen ließen erkennen, daß mehrere Kessel explodiert waren — erschien jetzt eine weiße Flagge. Das Schiff lag auf dem rechten Flügel und so konnte hier noch Hilfe gebracht werden, indem man durch Sirenensignale die heranstürmenden Torpedoboote zurückpfiff. Zwei Zerstörer legten sich längsseit des „Duilio“ und ein englischer Offizier sprang an Bord, auf dem Trümmerhaufen der zusammengeschossenen Kommandobrücke die englische Flagge aufpflanzend. Von dort sah er, während seine Leute sich mit Eifer an das Rettungswerk machten — denn die Minuten, da das Schiff noch über Wasser aushalten konnte, schienen gezählt — an der „Italia“ und am „Dandolo“ je zwei Torpedos explodieren. Hierauf verstummte auf beiden Schiffen das Geschützfeuer. Die „Italia“ sank zwei Minuten darauf wie ein Klotz mit dem Heck zuerst, im Momente des Sinkens das ganze Vorschiff senkrecht über Wasser in die Höhe richtend und dann in den Wellen verschwindend. „Dandolo“ zeigte kurz darauf die englische Flagge über der italienischen und nur „Lepanto“ kämpfte noch mit einem Geschütz. Da brauste das vom Vizeadmiral Lord Beresford selber geführte englische Admiralsschiff heran und grub seinen stählernen Sporn in die Steuerbordseite des wehrlosen Feindes. Ein Moment, und „London“ machte sich wieder frei, indem sie mit voller Kraft rückwärts ging, dann stürzte eine riesige Wassermasse durch das von dem Rammstoß gerissene Loch, „Lepanto“ holte nach Steuerbord über und verschwand kenternd in den Wogen. Kurz darauf sank auch der „Duilio“.

Das Wrack des „Dandolo“ nahm der englische Panzer „Duncan“ ins Schlepp, während alle anderen englischen Schiffe ihre Boote, soweit sie nicht zerschossen waren, zu Wasser ließen, um die auf den Wogen treibenden italienischen Matrosen zu retten. Die meisten waren allerdings von den sinkenden Schiffen mit in den beim Untergang entstandenen Strudel hinabgerissen worden.

Das furchtbare Drama war zu Ende. Um 5 Uhr nachmittags fuhr der Panzerkreuzer „Juno“ in den Kriegshafen von Neapel ein, setzte, während die englische Panzerflotte in einem Halbkreis gefechtsklar auf der Reede Aufstellung nahm, eine Abteilung Mannschaften ans Land, die sofort in dem Arsenal alles Material im Laufe von zwei Stunden zerstörten. Die Torpedovorräte nahm der englische Panzerkreuzer an Bord. Das einzige im Hafen zurückgebliebene intakte Schiff, der Kreuzer „Lombardia“ strich die Flagge und wurde unter dem Union Jack nach Malta gebracht, wo zwei Tage später auch das Wrack des „Dandolo“ eintraf.

Da eine Landung nicht beabsichtigt war, wurde das englische Kommando mit Einbruch der Nacht zurückgezogen; die Marineanlagen kamen nach diesem Besuche für eine weitere Verwendung während des Krieges nicht mehr in Betracht. Auf der Reede blieben nur zwei englische Panzerkreuzer als Beobachtungsposten liegen. Eine sehr wertvolle Kriegsbeute bildeten zwei deutsche und 18 italienische Dampfer, die man nach Malta führte. Die im Hafen liegenden Segelschiffe und Fischerboote ließ man unbehelligt.

An demselben Tage fand bekanntlich auch der Kampf mit den drei in Tarent stationierten italienischen Panzerschiffen „Ruggero di Lauria“, „Andrea Doria“ und „Francesco Morosini“ statt, das mit der Vernichtung der beiden ersteren endigte, während der in Reparatur auf der Werft liegende „Morosini“ kampflos in die Hände des Feindes fiel und dann der englischen Flotte einverleibt wurde. Die vier englischen Linienschiffe hatten nach kurzem Gefecht die Einfahrt in den Hafen forciert, nachdem sie die gleich anfangs mit ihren Drehmechanismus in Unordnung geratenen Panzertürme auf der Insel San Paolo niedergekämpft hatten. Da eine Besetzung des Hafens von Tarent nicht beabsichtigt war, begnügte man sich auch hier damit, das Arsenal und die Docks in ähnlich gründlicher Weise wie in Neapel zu zerstören. Schließlich vernichteten die Engländer auch noch die wenigen kleineren italienischen Schiffe auf der Flottenstation von Maddalena nach einem kurzen Gefecht. Maddalena diente hinfort der englisch-französischen Flotte als Stützpunkt für die Blockade der italienischen Westküste.

Bekanntlich rief die Beschießung von Neapel eine ungeheuere Entrüstung hervor. Man warf den Engländern vor, eine offene Stadt bombardiert zu haben, wobei man jedoch vergaß, daß Neapel Kriegshafen war. Die anfängliche Absicht der Engländer, den Kampf auf der Reede zu führen, um die Stadt nicht in Mitleidenschaft zu ziehen, wurde, wie oben geschildert, durch die Eröffnung des Gefechtes von seiten des italienischen Admirals durchkreuzt. Immerhin herrschte große Aufregung im englischen Parlament, als der irische Abgeordnete John Redmont den englischen Premierminister deswegen interpellierte. Die Antwort, die dieser gab, war echt bezeichnend für die englische Auffassung. Der Minister las zunächst die Instruktion für Lord Beresford im Wortlaute vor, woraus hervorging, daß dem englischen Vizeadmiral von vornherein größte Schonung der Stadt zur Pflicht gemacht worden war. Er schilderte die bekannten Vorgänge zu Anfang des Gefechtes und sagte dann:

„Ebenso, wie Lord Beresford selber, bedauere ich die notwendig gewordene Beschießung des Hafenquartiers von Neapel. Wir beklagen es aufrichtig, daß wir gezwungen waren, einige Granaten in das Arsenal zu senden und daß mehrere zu hoch gehende Schüsse in die benachbarten Straßen trafen. Hierbei ist aber zu bedenken, daß die Verantwortung dafür auf den italienischen Admiral fällt. Weiter möchte ich darauf aufmerksam machen, daß Neapel zwar mit seinen baugeschichtlichen Denkmälern eine große Anziehungskraft für den Fremdenverkehr hat und daß der Besuch besonders englischer Reisender der Stadt eine große Einnahme bringt. Wollen Sie aber, meine Herren, bedenken, daß der Reiz, den Neapel bietet durch die exakte Schießleistung unserer Schiffsartilleristen in keiner Weise verloren, sondern im Gegenteil gewonnen hat. Die Zerstörung einzelner Bauwerke fügt vielmehr den zahlreichen Sehenswürdigkeiten Neapels einige neue hinzu, denn ich bin sicher, daß nach Beendigung dieses Krieges jene Ruinen für alle Reisenden und besonders für englische Touristen eine Hauptsehenswürdigkeit der Stadt bilden werden. Für die Zerstörung einiger zwar malerischer, aber nicht sehr wertvoller Gebäude wird die Stadt jedenfalls durch einen reichlicheren Besuch fremder Touristen vollauf entschädigt werden. Und ich denke, daß die efeuumsponnenen Trümmer der zerstörten Gebäude, verbunden mit der Erinnerung an den für England so glorreichen Tag von Neapel für alle Fremden eine größere Sehenswürdigkeit darstellen, als das zu der Zeit der Fall sein konnte, da jene Gebäude noch unverletzt waren. Ich glaube, daß sich auch das sehr ehrenwerte Mitglied dieses Hauses, welches im Namen einer etwas übertriebenen Humanität die Anfrage an mich richtete, mit meiner Antwort zufrieden sein wird, und sich dabei beruhigen wird, daß wir die Baudenkmäler fremder Länder danach einschätzen, ein wie großes Interesse sie für die Mitglieder unseres glorreichen Volkes haben“.

Wie gesagt, eine echt englische, aber nicht ganz zurückzuweisende Auffassung, denn der kolossale Fremdenbesuch, den Neapel jetzt aufzuweisen hat, zeigt ja deutlich, daß die durch das englische Bombardement zerstörten Gebäude für alle Touristen vorläufig fast so interessant sind, wie die Trümmerstätte von Pompeji. Die Einwohnerschaft von Neapel, die den Fremden englische Granatensplitter (die übrigens aus England neuerdings selber en gros bezogen werden) verkauft, ist ein Beispiel dafür, wie man ein nationales Unglück in Scheidemünze für den Touristenverkehr umwechselt.

Die Seeschlacht von Spezzia.

Der englisch-französische Plan war ursprünglich folgender gewesen: Zu gleicher Zeit, da die englische Flotte vor Neapel und Tarent erschien, um dem in Rom überreichten Ultimatum den nötigen Nachdruck zu verleihen, sollte die französische Flotte mit imponierenden Streitkräften, d. h. unter Aufbietung sämtlicher in Toulon gefechtsbereiter Panzerschiffe, auf der Höhe von Spezzia eintreffen. Jedoch hielten die Franzosen dieses Programm nicht ein, da Havarien auf verschiedenen Schiffen die Marschgeschwindigkeit ihres Geschwaders erheblich herabgesetzt hatte. Dieses, bestehend aus den sieben Linienschiffen: „Suffren“, „Jena“, „Hoche“, „Neptune“, „Henri IV.“, „Massena“ und „Brennus“, sowie den Panzerkreuzern: „Gambetta“, „Gloire“, „Montcalm“ und „Chancy“ — also den wahrscheinlich in Spezzia zu erwartenden und voraussichtlich noch in der Ausrüstung begriffenen Schiffen überlegen — hatte zwar am Mittag des 19. März die Reede von Toulon verlassen, unterwegs aber versagten die Maschinen des „Brennus“ und auf dem „Neptune“ brach die Steuerbord-Schraubenwelle. Unfälle, die, wollte man das Geschwader nicht um zwei wertvolle Einheiten schwächen, zu einem längeren Halt auf hoher See zwangen, bis der Schaden auf dem „Neptune“ leidlich repariert war. Die Maschinenhavarie auf dem „Brennus“ stellte sich allerdings als so erheblich heraus, — acht Bellevillekessel leckten hoffnungslos — daß der Panzer nach Toulon zurückkehren mußte. Zu der Zeit, da die Entscheidung über Krieg und Frieden schon gefallen war, befand sich die französische Flotte erst halbwegs zwischen Toulon und Spezzia; das aber wurde verhängnisvoll.

Die italienische Regierung hatte hier im Norden schneller ihre Maßregeln getroffen, als vor Neapel. Der in Genua liegende Panzerkreuzer „Carlo Alberto“ ergänzte dort Kohlen und Munition und ging am 18. März morgens um 10 Uhr mit vier Torpedobooten in See, mit der Funkspruchsstation Genua ständig in Verbindung bleibend und durch sie auch über den Ausbruch des Krieges unterrichtet. Nachmittags um 3 Uhr meldete der französische Kreuzer „Chancy“, daß er unverständliche Funksprüche erhalte, was die Annahme nahelegte, daß diese von italienischer Seite stammten. Um diese Zeit setzte die französische Flotte nach dem oben erwähnten Aufenthalt ihren Marsch auf Spezzia fort, während, wie gesagt, der Panzer „Brennus“ langsam nach Toulon zurückdampfte. Als er sich auf der Höhe der Hyères-Inseln befand, erfolgten abends gegen 10 Uhr plötzlich, fast gleichzeitig an Steuerbord und Backbord, am Hinterschiffe zwei furchtbare Detonationen, die das Hinterdeck des Schiffes unter einem Wassersturz begruben: Ein überraschender Angriff der von Genua ausgelaufenen italienischen Torpedoboote, der den Erfolg hatte, daß der „Brennus“ nach kaum 20 Minuten sank.

Fast um dieselbe Zeit fand südlich von Genua ein anderes Gefecht statt, welches ein ebenso schnelles Ende nahm. Der nach Norden zu sichernde französische Panzerkreuzer „Chancy“ erhielt zwei schnell aufeinanderfolgende Torpedoschüsse, und wenn er auch das feindliche Torpedoboot anscheinend in der Dunkelheit überrannt hatte, — man hörte nie wieder etwas von dem Fahrzeuge — so war doch das Schiff nicht zu retten. Die Torpedos hatten 20 m von einander mittschiffs auftreffend fast ein Drittel der Schiffswand zerrissen. Das Wasser stürzte in die Maschinen, sofort die Feuer löschend, so daß jede Rettungsarbeit unmöglich wurde. Der „Chancy“ kenterte und sank so rasch, daß kaum 40 Mann von seiner Besatzung sich in den Booten retteten, die zwei Tage darauf vor Genua eintrafen. Das waren zwei empfindliche Verluste noch vor Beginn des Kampfes.

Die französische Flotte traf um Mitternacht des 20. März vor Spezzia ein. Der alsbald unternommene Versuch von zehn Torpedobooten, in den Hafen einzudringen, scheiterte an der Wachsamkeit der Italiener. In Spezzia war man insofern in einer günstigeren Lage, als man volle 24 Stunden Zeit hatte, die Ausrüstung des im Hafen liegenden Geschwaders zu vollenden, und als im Morgengrauen des 21. März die französische Flotte den Kampf mit den Küstenbatterien begann, fand sie einen wohlgerüsteten Feind. Da von den Franzosen das Linienschiff „Suffren“ allein einen Oberdeckspanzer trug und somit gegen das Feuer aus den italienischen Mörserbatterien leidlich geschützt war, so legte es sich näher an die Küste und nahm mit seinen schweren Geschützen den Hafen und die Arsenale unter ein gleich anfangs sehr wirksames Feuer, während die übrigen französischen Schiffe weiter auf der Reede zurückblieben.

Die leidige Jahrhunderte alte Gewohnheit der Franzosen, ihr Schiffsmaterial zu ängstlich zu schonen, machte sich hier verhängnisvoll geltend. Anstatt alle Kräfte an den ersten Offensivstoß zu setzen — eine jede Stunde des Zögerns zählte auf seiten der Italiener, da sie der Ausrüstung und Gefechtsklarmachung ihrer Schiffe zu gute kam — ließen sie zunächst fast allein den „Suffren“ das Bombardement weiterführen.

Etwa um 9 Uhr erhielt man von Süden her von einem englischen Kreuzer die Funkspruchmeldung von dem Siege vor Neapel. Als dieser auf der französischen Flotte bekannt wurde, erregte er großen Enthusiasmus und der französische Admiral beschloß jetzt die Hafeneinfahrt von Spezzia zu forcieren, indem er Unterseeboote voranschickte, um die Minensperre zu zerstören. Während sich nun die französischen Linienschiffe formierten, erfolgte durch das Versagen des Rudermechanismus auf dem „Henri IV.“ ein an sich belangloser Zusammenstoß zwischen diesem und der „Jena“. Jedoch entstand eine momentane Unordnung in den französischen Reihen. In diesem Augenblick erschien die italienische Flotte in der weiten Hafeneinfahrt von Spezzia. Die sechs Linienschiffe „Regina Margarita“, „Benedetto Brin“, „Emmanuel Filiberto“ (sein Schwesterschiff „Admiral di St. Bon“ lag in Reparatur im Dock), „Sardegna“, „Sicilia“ und „Umberto“ gingen unter Volldampf dem Feinde entgegen. Gleich in den ersten Minuten des Kampfes erhielt der dem Feinde die verhängnisvolle Breitseite bietende „Henri IV.“ vier Treffer mittschiffs, die seine Mittelartillerie an dieser Seite außer Gefecht setzte. Außerdem mußte ein Treffer unter den Kommandoturm dessen Signalleitungen zerstört haben, denn das Schiff verharrte ruhig in seiner gefährlichen Lage. Da brauste unter voller Maschinenkraft die „Sardegna“ heran. Doch plötzlich hob sich deren Bug mit dem Rammsporn hoch aus dem Wasser. Dann tauchte die „Sardegna“ mit dem Vorschiff tief in die Wellen ein und setzte hierauf, wie eine Ente das übergekommene Sturzwasser abschüttelnd, ihren Weg fort.[3]

Wenige Minuten später grub sich der Sporn der „Sardegna“ in die Backbordseite des „Henri IV.“ ein. Dieser legte sich unter der Wucht des Stoßes nach Steuerbord über, und als die „Sardegna“ sich wieder frei gemacht hatte, schwankte er zurück, tauchte die Backbordreeling tief in die Wellen, einen Moment stand das Deck senkrecht zu den Wogen, die schweren Signalmasten klatschten auf das hoch aufspritzende Wasser; eine dumpfe Detonation erfolgte. Der „Henri IV.“ kenterte und lag kurze Zeit kieloben, während die Schrauben das Wasser peitschten. Dann versank der schwere Schiffskörper in den Wellen, die ganze Besatzung, auch die, die sich in den letzten Minuten auf seinen Rumpf gerettet hatte, und auf der rotgestrichenen Metallmasse des Unterschiffes wie hilflose Ameisen herumkrochen, mit sich in die Tiefe reißend.

Die Schlacht dauerte kaum eine Stunde. Über ihren Verlauf wissen die Augenzeugen die widersprechendsten Aussagen zu machen. Die Ereignisse folgten sich so schnell, daß menschliche Sinne der sich jagenden entsetzlichen Eindrücke kaum Herr zu werden vermochten. Als am Vordermast des französischen Admiralsschiffes das Signal erschien „Sammeln und nach Toulon zurückkehren“, (das Signal wurde nicht mehr von allen Schiffen verstanden, da der Signalmast wenige Sekunden darauf seitwärts über Bord stürzte) waren nur drei französische Panzer noch leidlich imstande den Befehl auszuführen. „Henri IV.“ und „Hoche“ waren gesunken, „Neptune“, von mehreren Torpedoschüssen getroffen, war, um die Besatzung zu retten, auf die Küste losgefahren und war unweit des Hafeneinganges langsam, das Vorschiff voran, untergegangen. In seinem turmartigen Signalmast, in dem sich schreckliche Szenen der Verzweifelung zwischen den nach oben enternden Mannschaften abgespielt hatten, hatte sich ein Teil der Besatzung gerettet; andere wurden von italienischen Zerstörern und Minenbooten aufgefischt.

Den Rückzug der schwer havarierten drei Panzer „Suffren“, „Jena“ und „Massena“ deckten die jetzt in den Kampf eingreifenden Panzerkreuzer. Doch wurde der „Gambetta“ nach einer halben Stunde so zugerichtet, daß er, nach einem vergeblichen Versuch, nach Süden zu entkommen, nur noch zwischen Übergabe oder Vernichtung zu wählen hatte. Er hißte die weiße Flagge. Die „Gloire“ opferte sich vergebens gegenüber den italienischen Panzern auf.

Nur dadurch, daß die italienischen Schiffe selber sehr stark gelitten hatten und im Hinblick auf die möglicherweise von Süden zur Hilfe eilende englische Flotte sich nicht zu weit von Spezzia entfernen wollten, wurde es möglich, daß die arg zusammengeschossene „Jena“ und der „Suffren“, der nur noch einem rauchenden Wrack glich, nach Toulon entkamen, während der „Massena“ in den Händen des siegreichen Feindes blieb.

Am 23. März liefen die Trümmer der französischen Flotte, zwei fast gefechtsunfähige Panzerschiffe, fünf intakte Torpedoboote und fast alle kleinen Kreuzer, die sich an der Schlacht nicht beteiligt hatten, in Toulon wieder ein. Der Eindruck dieser Niederlage war ungeheuer. Er führte in Toulon zu einer Arbeiterrevolte. Dieselbe Stimmung teilte sich auch der Bevölkerung von Marseille mit, deren sozialistischer Stadtrat in einer phrasenreichen Entrüstungskundgebung der Regierung, die sich leichtsinnig in diesen Krieg gestürzt habe, die Verantwortung für das nationale Unglück aufbürdete. Die ersten Schüsse, die französische Truppen in dem Feldzuge an der Südgrenze abgaben, waren auf die eigenen Landsleute gerichtet, die das Arsenal von Toulon stürmten und mehrere Marineoffiziere im Straßenkampf töteten. Zwar gelang es der Regierungsgewalt die Ordnung wieder herzustellen, jedoch das Vertrauen auf die Flotte und auch, bei der leicht umschlagenden Stimmung der Südländer, auf das Heer, war geschwunden und nur widerwillig zogen die unter diesem Eindruck stehenden französischen Truppen in den Krieg.

Frankreichs neueste Waffe, die so sehr protegierten Unterseeboote, hatten nichts ausgerichtet. Unentbehrlich für die Hafenverteidigung und den Küstenkrieg, hatten diese Fahrzeuge in ihnen unbekannten Gewässern beim Angriff auf einen unbekannten Hafen völlig versagt. Mehrere Boote waren übrigens vor Spezzia gesunken, eines, wie erwähnt, von der „Sardegna“ überrannt. Der Verlauf des Seekampfes hatte außerdem den Beweis erbracht, daß man in der französischen Marine bei der Anhäufung schwerer Gewichte auf den Decks in den festungsartigen Signalmasten und in den zu massigen Decksaufbauten zu wenig Rücksicht darauf genommen hatte, daß dadurch die Schiffe überlastig wurden und beim einseitigen Einbruch von Wassermassen in die Schotten der Gefahr des Kenterns ausgesetzt waren. Auch die italienische Flotte hatte schwer gelitten, zwar war kein Schiff gesunken, doch schieden der „Emmanuel Filiberto“, sowie der kaum noch schwimmfähige „Umberto“ die nur mit Mühe noch ins Dock gebracht wurden fürs Erste aus der Flotte aus. Nach Beendigung der notwendigsten Reparaturen konnte jedoch der italienische Admiral bei einer Revue auf der Reede von Spezzia Mitte April konstatieren, daß vier Panzerschiffe und die vier Panzerkreuzer wieder vollauf gefechtsfähig waren. Außerdem wurden die beiden im Bau befindlichen Linienschiffe „Vittoria Emanuela“ und „Regina Elena“ bald in die Flotte eingestellt.

Die englische Flotte verhielt sich nach der Schlacht von Neapel zunächst passiv, hatte auch genug mit dem Ausflicken ihrer Schiffe zu tun, und begnügte sich damit, zwischen Toulon, Maddalena und Neapel eine sichernde Postenlinie zu unterhalten, und außerdem die Straße von Brindisi, wo ein starkes Geschwader stationiert blieb, zu beobachten. Man traute der kleinen österreichischen Flotte zunächst keine Offensive zu und hatte darin auch, wie sich zeigte, recht. Das österreichische Geschwader in Pola und Triest, zu dem drei kleine italienische Kreuzer von Venedig stießen, wagte vorläufig keinen Vorstoß, war es doch auch ein gefährliches Wagnis, über Brindisi hinauszugehen, wo man voraussichtlich mit einem zwei- bis dreifach überlegenen Gegner zusammentreffen mußte. Die Aufgabe der österreichischen Flotte war es fürs Erste, nur auf dem Posten zu sein, um die Engländer und Franzosen zu zwingen, ein größeres Geschwader bei Brindisi und Tarent konzentriert zu halten. So zog man wenigstens einen Teil der feindlichen Machtmittel zur See von der deutschen Küste ab.

Das Nächste, was die französisch-englischen Kreuzer im Mittelmeer unternahmen, war, überall die deutschen, österreichischen und italienischen Schiffe aufzubringen, soweit sie nicht in türkischen Häfen lagen oder ins schwarze Meer geflüchtet waren. Dann herrschte einige Zeit fast völlige Ruhe. Es mag hier gleich erwähnt werden, daß es dann am 17. Juli auf der Höhe von Brindisi zu einer Seeschlacht kam, die dadurch herbeigeführt wurde, daß der Unwille des österreichischen Volkes über die Untätigkeit der Flotte die Regierung zwang, sie den Feind angreifen zu lassen. Sie wurde dabei durch eine Diversion der Italiener von Spezzia unterstützt, die Schlacht blieb unentschieden, sie kostete den Österreichern die Hälfte ihrer Panzerschiffe und den Engländern ein Linienschiff und zwei Panzerkreuzer. Das unweit Messina gleichzeitig stattfindende Gefecht endete mit dem Untergang der „Sardegna“ und der Gefangennahme der fast sinkenden „Sicilia“ durch die Engländer, die aber hierbei ebenfalls ein Linienschiff einbüßten. Dann trat für diesen Kriegsschauplatz bis zum Herbst wieder vollständige Ruhe ein. Die Italiener blieben mit ihren letzten vier Linienschiffen in Spezzia (die beiden am 21. März havarierten waren wieder ausgebessert) und die Verbündeten beschränkten sich weiterhin auf einen ziemlich lockeren Blockadedienst vor Brindisi und an der italienischen Westküste. Verstärkt wurde das Blockadegeschwader im Laufe des Sommers durch die inzwischen in Toulon endlich fertiggestellten französischen Panzerschiffe, die aber nicht mehr zum Kampfe kamen.


[3] Die Besatzung der „Sardegna“ erzählte später, man habe auf den „Henri IV.“ zusteuernd einen gewaltigen Stoß gespürt, der alle an Bord Befindlichen zu Boden warf. Man glaubte zunächst einen Torpedoschuß erhalten zu haben. Da aber nichts weiter erfolgte, alle wasserdichten Abteilungen meldeten, daß das Schiff intakt sei und nur das Kollisionsschott etwas Wasser zog, so konnte man sich den Vorfall nicht erklären. Erst viel später stellte sich heraus, daß die „Sardegna“ auf eines der französischen Unterseeboote gestoßen sein mußte.

Und die andern Mächte ....?

Ihre Stellung ergab sich gewissermaßen von selbst. Wer die politischen Vorgänge der letzten Zeit aufmerksam studiert hatte und wer durch den Phrasenschleier der Presse hindurchzublicken vermochte, für den gab es keine Enttäuschungen. Wohl aber Überraschungen. Die erste war Italiens Anschluß an Deutschland. Man hatte sich daran gewöhnt, den Dreibund als eine quantité négligeable anzusehen. Und es waren ja auch nicht so sehr geschriebene Paragraphen, die die Dreibundsmächte aufs neue zusammenschweißten, es war bei Italien mehr das Ungeschick der englischen Diplomatie, was die Regierung zwang zwischen einer Demütigung vor England, zwischen der Gefahr der Unpopularität und womöglich Abdankung und dem Kriege an der Seite Deutschlands zu wählen.

Auch die Geduld Österreichs hatte die Ungeniertheit Englands bei der Entfachung des Nationalitätenkampfes auf der Balkanhalbinsel bis zum äußersten erschöpft. Die ganz offen mit englischem Gelde betriebene Wühlarbeit, die englischen Waffenlieferungen nach Saloniki trugen die Kriegsgefahr bis an die Grenze Bosniens. Hier wurden Österreich gefährliche Fußangeln gelegt, um es bei der Abrechnung mit Deutschland zu paralysieren. Zudem griff durch Englands provozierende Behandlung der makedonischen Frage, wobei es Österreich, Italien und Rußland gegeneinander auszuspielen versuchte, allmählich eine außerordentliche Gereiztheit beim Austausch endloser diplomatischer Aktenstücke Platz, daß hier Anfang März bereits ein Konflikt entstand. Er wurde, da englische Sovereigns in Bulgarien und Serbien kräftig „einheizten“, auf diesem alten Tummelplatz nationaler Interessenkonflikte vielleicht einen Brand entzündet haben, hätte der Zwischenfall von Samoa nicht der Entwickelung vorgegriffen. Durch Rußlands Auftreten in Sofia und Belgrad, durch seine Drohung, nicht nur die heimlichen Schürer des Aufstandes zur Verantwortung zu ziehen — die russische Flotte lag zum Auslaufen bereit in Sewastopol — sondern gleichzeitig die alte „Potemkin“-Rechnung in Bukarest zu präsentieren, flaute die Bewegung ab. Die Rajahvölker zogen es vor, die englischen Pfunde in geräuschvollen Versammlungen in Slivovitz, Wodki und andere landesübliche Getränke anstatt in Patronen umzusetzen und ihre Haut für die Herren der Londoner City zu Markte zu tragen.

Österreich glaubte mit einem Federstrich seine alte Kabinettspolitik ohne Rücksicht auf die Empfindungen seiner zahllosen Nationalitäten fortsetzen zu können, und verfügte am 22. März die Mobilmachung der Armee. Als sich bereits zwei Armeekorps auf dem Wege nach der französischen Grenze befanden, brachen die bekannten Revolten des tschechischen Pöbels in Prag und andern Städten aus. Lärmende Volksversammlungen sandten Sympathieadressen nach Paris und auch aus Ungarn wurden massenhafte Gehorsamsverweigerungen bei der Mobilisierung bekannt. Die zum Garnisonsdienste einberufene Honvedarmee stellte im Rücken des österreichischen Heeres eine so bedeutende Gefahr dar, daß sie die Wiener Regierung zwang, die Hälfte der mobilen Armee im Lande zu lassen. Nur langsam vollzog sich deshalb der Transport der österreichischen Truppen auf dem Weg durch Süddeutschland und die Lombardei nach der französischen Grenze. Das hatte bekanntlich den Vorstoß der Franzosen auf Mülhausen zur Folge. Während im Norden Schlag auf Schlag folgte, während die deutschen Heere in Frankreich hineinfluteten, blieb die österreichische Führung stets eine schleppende. Die österreichischen Korps gliederten sich im Süden der deutschen Front an. Auf ihrem linken Flügel stand die italienische Armee. Auch Italiens halbes Heer hielt das Gespenst einer englischen Landung zur Verteidigung der langen Küstenlinien in der Heimat fest. Wenn die italienischen und österreichischen Armeen manche erfreulichen Erfolge erreichten, so verdankten sie das dem Umstande, daß ihnen nur schwächere feindliche Streitkräfte und die spanischen und portugiesischen Korps gegenüber standen.

Zugleich mit dem englisch-französischen Angriff hatte Portugal, der Vasall Großbritanniens, eine bombastische Kriegserklärung erlassen. Eingeengt in diesem Schraubstock der Westmächte blieb Spanien kaum noch eine Wahl. Zudem ward es von Paris aus kategorisch an die beim Besuche Loubets in Madrid getroffenen damals so harmlos aussehenden Abmachungen erinnert. Auch Spanien trat zu den Verbündeten über, und zwar ohne eine Kriegserklärung. Es war eine gewisse „Hemdärmligkeit“ im diplomatischen Verkehr eingerissen.

Und Amerika ....? Im Grunde genommen war es ein einfaches Exempel, das restlos aufging. Beide angelsächsischen Staaten, Amerika wie England, empfanden die deutsche wirtschaftliche Konkurrenz auf dem Weltmarkte seit Jahrzehnten gleich lästig. Von London wie von Washington aus hatte man ja häufig genug versucht, den andern in einen Krieg mit Deutschland hineinzutreiben. Keiner wollte derjenige sein der mit der größten Militärmacht anband, damit der andere als tertius gaudens inzwischen die Früchte des Krieges einheimse. Hatte England s. Zt. versucht, in dem Konflikt mit Venezuela Deutschland und die Vereinigten Staaten aneinander zuzubringen und sich dabei nicht nur während der Blockade, sondern auch bei dem Intriguenspiel in Washington gefährlich exponiert, so zeigten die Vorgänge in Samoa ein Gegenstück dazu. Nur war der Erfolg diesmal ein sehr realer. Wir kennen die Vorgeschichte des Zwischenfalls von Apia nicht, und werden sie vielleicht nie kennen lernen; man wird schon dafür sorgen, daß keine Dokumente auf die Nachwelt kommen. Das eine ist aber sonnenklar, daß die Verteilung amerikanischer Gewehre an die Eingeborenen, daß die Wühlarbeit der amerikanischen Missionare hier einen Konflikt schaffen sollte, in dem man dann den angelsächsischen Bruder liebevoll vor dem Rest sitzen ließ. Im letzten Augenblick als schon die Geschütze schußbereit waren, verließ, wie berichtet, der amerikanische Kreuzer „Wilmington“ die Reede von Apia. Die kleine Kostenrechnung auf Samoa hat man von Washington aus später unter Ausdrücken lebhaften Bedauerns bar beglichen. Es war der Einsatz im politischen Roulettespiel. Man setzte einen Dollar und gewann Millionen, wo der Handel zweier Nationen ein Jahr lang still lag. Ein einziges Mal hat England seine altbewährte Politik, einen Zusammenstoß mit mächtigen Völkern zu vermeiden, verlassen. Es glaubte mit Amerika zu gehen und ward von ihm geschoben und mit einem freundschaftlichen Fußtritt in den Abgrund gestoßen. Was England hundertmal gewollt hat, worauf es seine ganze Diplomatie konzentriert, gelang dem kühl berechnenden Bruder Jonathan, als britische Schlauheit auf einen Augenblick schlafen gegangen war. Der Moment, da der „Wilmington“ die Reede von Apia verließ, entschied für Amerika wie für England über Milliarden. Amerika buchte sie unter: Haben.

Und Rußland ...? Rußlands Haltung war von klugen Erwägungen geleitet, die auch persönliche Neigungen am Zarenhofe zum Schweigen brachten. Vielleicht am besten charakterisierte ein Artikel der „Nowoje Wremja“ die Lage, in dem es hieß: „Unserm Kriege mit Japan hat die ganze Welt mit niemals verhehlter Schadenfreude zugesehen. Es war der englischen Diplomatie gelungen, Japan auf es zu hetzen. Wir wissen, was wir England verdanken, und werden das nie vergessen. Japan hat, indem es unsere Flotte vernichtete, nur Englands Geschäfte besorgt. Heute, da Europa in Flammen steht, sind wir in der glücklichen Lage, uns an dem Feuer ruhig die Hände wärmen zu können. Jeder Sieg, jede Niederlage zählt auf unserer Seite. Je mehr tote Soldaten man auf französischer Erde verscharrt, um so größer wird die russische Armee. Sollen wir Deutschland in den Rücken fallen? Wir haben genug polnische Provinzen. Was wir wollen, nehmen wir uns, wenn der Krieg an der Erschöpfung beider Gegner zu Ende geht. Dann steht uns die Welt offen. Ebenso denkt man in Japan, wo man das Bündnis mit England grinsend verlacht. Kein Gelber marschiert wieder für England. Sollen wir Frankreich beispringen? Frankreich, das uns verraten, das unsere Schiffe aus Saigon verjagte? Diesmal sitzen wir im Parkett ... Das Spiel hat begonnen“.

Rußland blieb neutral, so neutral, daß es selbst den englischen Kreuzer „Arrogant“ der im April mit Maschinenschaden Riga anlief, kategorisch aufforderte, entweder den Hafen innerhalb 24 Stunden zu verlassen oder die Flagge zu streichen. Rußland instruierte die türkische Regierung, daß es keinerlei Unruhen auf der Balkanhalbinsel dulden werde, schob seine Grenzposten in Turkestan langsam vor, erklärte, daß es Getreide und Pferde nicht als Kriegskontrebande betrachte, sorgte so für die Aufrechterhaltung seiner Getreideausfuhr über die westliche Grenze und wartete im übrigen in aller Ruhe das Ende des Riesenkampfes ab.

Die skandinavischen Länder versandten an alle Regierungen eine Neutralitätserklärung, konnten aber nicht verhindern, daß englische Kreuzer häufig norwegische Fjorde aufsuchten. Dänemark setzte seine Armee auf den Kriegsfuß, und versammelte 30000 Mann in Jütland, während der Rest des Heeres in und um Kopenhagen konzentriert blieb. Es schien zunächst so, als ob die englische Flotte Esbjerg als Operationsbasis gegen die deutsche Nordseeküste benutzen wolle. Auf eine kategorische Erklärung von deutscher Seite, wenn die englischen Schiffe nicht sofort zum Verlassen Esbjergs veranlaßt würden, so werde Deutschland in Jütland einrücken, erließ die dänische Regierung einen Protest nach London, der auch den gewünschten Erfolg hatte. Nicht aus Rücksicht auf Dänemarks kleines Heer und seine wenigen Küstenpanzer, sondern weil eine Verletzung der dänischen Neutralität Jütland auf jeden Fall sofort in deutschen Besitz gebracht hätte. Zwar hätte Kopenhagen ein Stützpunkt der englischen Flotte werden können. Doch lag der Nachdruck ja nicht auf einer Landung an der deutschen Küste. Und fuhr man schließlich nicht ebenso gut mit einer wohlwollenden Neutralität Dänemarks, nach dem alten Erfahrungssatze: Neutralität ist, wenn man nicht erwischt wird?

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Es sei hier gleich der einzigen Gelegenheit gedacht, da die sozialdemokratische Phrase sich in die Tat umzusetzen versuchte. Nach der Drohung Bebels im Reichstage hatte man an so etwas wie die Proklamierung eines Massenstreiks in den Gewerben gedacht, die mittelbar mit der Mobilmachung zusammenhingen. Nichts davon geschah; der gesunde Sinn des deutschen Arbeiters war überall stark genug, um den Einfluß verhetzender Vereinsrednerei zu überwinden. Und als einige gar zu laute Schreier festgesetzt wurden, brachte man dieser Maßregel volles Verständnis entgegen. In der Volksseele klangen ernstere Empfindungen und Stimmungen wider, als daß sie sich über das Schicksal einzelner Agitatoren hätte aufregen können.

Bekanntlich erfolgte in den ersten Tagen des Krieges ein Vorstoß zweier französischer Korps ins untere Elsaß, der dort eine ungeheure Panik erzeugte. Beim Herannahen des Feindes glaubte nun der sozialistische Magistrat einer Stadt, deren Namen verschwiegen bleiben mag, seine international-sozialdemokratische Gesinnung dokumentieren zu sollen. Als eine Abteilung afrikanischer Chasseurs sich der Stadt näherte, zogen ihnen die Herren vom Magistrat mit roten Fahnen und Schärpen und sonst allerhand Rotem entgegen, um die „Befreier“ willkommen zu heißen. Der französische Oberst ließ ein halbes Dutzend Ansprachen und die Arbeitermarseillaise geduldig über sich ergehen und beförderte dann die ganze Gesellschaft hinter die Front, wo man die aus allen Wolken fallenden Internationalen zunächst um ihre Unterschrift unter die Anweisung einer sechsstelligen Summe als Kontribution ersuchte. Und als sie sich weigerten, steckte man die entgeisterten Volkstribunen einfach ein und kassierte selber das Geld. Es blieb dies erfreulicherweise der einzige Fall, in dem unentwegte Genossen ihre Phrasen von Völkerverbrüderung praktisch zu verwerten suchten. In dem Riesenkampfe, in dem die Nationen sich eisenklirrend gegenüberstanden, ward die kümmerliche Treibhauspflanze der Internationalität schnell zu Boden getreten.

Auf ferner, fremder Aue ....

Jetzt standen sie draußen alle die jugendfrischen Söhne eines fleißigen Volkes, die ein kurzer Befehl von ihrer Arbeit abgerufen hatte. Losgelöst von allen Bequemlichkeiten der Kultur standen sie jetzt im Felde. Leute, die vor zwei Wochen noch das Bewußtsein, einen nicht ganz tadellosen Kragen zu tragen oder ein Fleck auf dem Vorhemde aus dem moralischen Gleichgewicht gebracht hätte, verwöhnte Einwohner der Großstadt, denen bis dahin ein Mittagessen ohne weißes Tischtuch ein unvollziehbarer Gedanke deuchte, die daheim gewohnt waren nasse Stiefeln sofort zu wechseln, waren jetzt froh, wenn sie überhaupt einmal dazu kamen, den durchschwitzten Rock ausziehen, oder ihr Hemd selber in meist sehr zweifelhaften Gewässern waschen zu können. Nach kurzer Zeit lag diesem Volksheere die ganze Kulturwelt wie eine blasse Erinnerung, von der man durch Jahre getrennt war, dahinten. Manche gefielen sich ganz besonders in der Pose des rauhen ungewaschenen Kriegers. Wenn nur die furchtbaren Regengüsse nicht gewesen wären. Da man jedoch dem Tode täglich ins Auge sah, verloren alle kleinen Leiden ihre Bedeutung. Nur trockene Strümpfe und etwas festes im Magen und im Brotsack, dann ließ sich die Sache schon ansehen.

Und dies herzzerpressende, die Kehle zuschnürende Angstgefühl, wenn es zum ersten Mal ins Gefecht ging, wenn man zum ersten Mal auf Menschen schießen sollte, die einen doch schließlich nichts angingen, die einem doch nichts getan hatten. Aber solche Empfindungen verstummen, sobald der Soldat merkt, daß dies doch etwas anderes sei als daheim ein Manöver, wenn das pfeifende Sausen wie von einer schwippenden Gerte, wenn die durch einschlagende Kugeln verursachten Sandspritzer den Mann schleunigst sich decken hießen. Dann fielen die Ersten, und der Anblick der toten und verwundeten Kameraden entfachte in den andern eine ingrimmige Wut, eine wilde Gier nach Rache bis dann der Blutgeruch die Sinne umnebelt und alles andere Empfinden erstickt, nur das Eine: nur an ihn, nieder mit ihm, der dort drüben immer schießt .....

Bei dem Vormarsch der deutschen Heere durch Belgien blieb die rechte Flanke nach Norden stets durch starke Truppenmassen gedeckt, die bei einem zu erwartenden feindlichen Vorstoß von Antwerpen aus, sofort von rückwärts Verstärkungen heranziehen konnten. Da die Aufgaben der deutschen Heeresleitung im nordöstlichen Frankreich lagen, verzichtete man einstweilen auf einen Angriff auf Antwerpen und wartete, bis der Feind seinerseits vorgehen werde. Der ließ freilich lange auf sich warten. Es bedurfte erst ernsthafter Vorstellungen von französischer Seite, bis sich die englische Heeresleitung entschloß, durch eine Diversion direkt auf die deutsche Etappenlinie den französischen Verbündeten zu entlasten. Die Schlacht, die Mitte April nördlich von Löwen an der Dyle stattfand, endete nach anfänglichen englischen Erfolgen schließlich mit der Zurückwerfung der englisch-belgischen Armee auf Antwerpen, worauf mit der Belagerung der Festung begonnen wurde. Der Verlauf der Schlacht wird recht anschaulich geschildert in folgendem Briefe eines deutschen Reiteroffiziers, der zu Beginn des Kampfes verwundet wurde. Der Brief lautet: