WeRead Powered by ReaderPub
»1906«. Der Zusammenbruch der alten Welt cover

»1906«. Der Zusammenbruch der alten Welt

Chapter 33: Daheim.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

The author reconstructs the events and causes of a cataclysmic 1906 conflict that begins with an incident in Samoa and rapidly engulfs Europe and overseas territories, examining diplomatic miscalculations, naval mobilizations, colonial unrest, and the cascading reactions across Washington, Petersburg and Tokio. Through a sequence of milestone episodes and on-the-ground vignettes—such as life in Apia and encounters between merchants, colonial officials and naval officers—the narrative traces how local skirmishes, parliamentary decisions, and imperial rivalries escalate into global war, describes the human and material devastation, and outlines the political and logistical challenges of postwar rebuilding.

Auf Ansbach-Bayreuth!

Auf Ansbach-Bayreuth!

Schnall um deinen Degen und rüste dich zum Streit!

Prinz Heinrich ist erschienen auf Striegaus sonn’gen Höhn,

Die preußischen Truppen in Parade zu sehn.

Schon tönt von den Höhen ein Morgengruß,

Der jeden Preußen begeistern muß,

Drum Brüder seid mutig, seid schnell und bereit,

Wenn’s Vorwärts heißt!

Auf Ansbach-Bayreuth!

(Alter Text des Hohenfriedbergers.)

Noch einmal wütete der Geschützdonner los. Die Erde zitterte unter den Erschütterungen und die Luft war erfüllt von todbringenden Geschossen. Dazwischen das Klappern und Knattern des Infanteriefeuers und der helle Klang der Maschinengewehre. Es war, als sei die Hölle losgelassen. Da schmetterten scharf und schneidend Trompetensignale in den Gewittersturm der Völkerschlacht. Durch Hunderttausend zuckte es. Und während nun die acht Regimentskapellen gewaltig einsetzten und die machtvoll begeisternde Weise des Hohenfriedbergers über das weite dampfende Schlachtgefilde dahinbrauste, schlug die dunkle Woge von Menschen- und Pferdeleibern an dem Abhang des Hohlweges empor. Im Nu war der grüne Hang erklommen und jetzt jagten die blinkenden, rasselnden Reitergeschwader dahin über die sanft nach vorn abfallende Ebene, im breiten Strome alles mit sich fortschwemmend. Ein herrlicher, herzerfrischender Anblick für das Soldatenherz, nachdem man fünf Tage in Erdlöchern versteckt, wie ein Maulwurf geduckt hinter den Rand des Schützengrabens rastlos nur immer auf die rauchenden Hügel und die schießenden Ackerfurchen drüben abgedrückt hatte.

Die Schützenlinien des Feindes stutzten. War dies ein Phantom, eine Täuschung der erregten Sinne? Es galt, die wenigen Minuten auszukaufen, bis die dichte Wand von flatternden Pferdemähnen, von blitzenden Reitersäbeln, das schreckliche Gatter von wirbelnden Lanzen, diese donnernde Staublawine, unter der die Erde von tausendfältigem Hufschlag erdröhnte, heran war. Man hatte auf deutscher Seite gut beobachtet, die französische Infanterie hatte sich bis auf wenige Patronen verschossen und die deutschen Geschütze hatten durch ein aus allen Kalibern ohne Pause fortgeführtes Schnellfeuer die feindlichen Munitionskolonnen, in denen Dutzende von Wagen aufflogen, von der Feuerlinie ferngehalten. Hinter den Positionen der Artillerie und den Schützenlinien hatten die deutschen Granaten, hatten die Schrapnells mit ihrem Bleiregen eine Feuerzone geschaffen, die kein lebendes Wesen passieren konnte.

Zwar rissen die letzten Granaten der französischen Batterien große Lücken in die deutschen Schwadronen, wohl sank Mann und Roß dahin im wüsten Knäuel der Vernichtung, aber der Gedanke an die leeren Patronentaschen erzeugte drüben angesichts der Reiterattacke einen lähmenden Schrecken. Und dieses Gefühl der Hilflosigkeit ließ in den Reihen der französischen Regimenter die durch die fünftägige Schlacht entnervt und in ihrer Widerstandskraft erschüttert waren, jetzt eine Panik entstehen. Ja, wenn die Artillerie jetzt Kartätschen gehabt hätte, ein einziger Munitionswagen konnte dem Verhängnis wehren! Bei der schnell sich verringernden Distanz hatte das planlose Schießen der französischen Schützenlinien nur geringe Wirkung. Jede Feuerleitung fehlte. Von der Angst vor dem herannahenden Furchtbaren jeder klaren Überlegung beraubt, verpulverte man die wenigen letzten Patronen sinnlos, zwecklos; die Befehle der laut schimpfenden, erregten Offiziere widersprachen sich fortwährend. Im instinktiven Selbsterhaltungstrieb ballten sich die Kompagnien zu einzelnen Massen zusammen, um bei dem Bajonett die Rettung zu suchen. Die verhängnisvolle Gefahr des Kleinkalibers, die Munitionsverschwendung, hatte sich hier schrecklich geltend gemacht.

Jetzt war die lange Linie der deutschen Kavallerie heran und brach in die feindlichen Reihen ein. Blinkende Säbel, wuchtige Hiebe, zertretene Menschen, hochaufsteigende Pferde, ein kurzer, aussichtsloser Kampf und schon waren die deutschen Reiter zwischen den französischen Batterien, alles vor sich niederwerfend. Lähmendes Entsetzen trug dieser durchschlagende Erfolg eines Kavallerieangriffes auch in die Reihen der französischen Reserven, die jetzt einfach ausrissen. Der schlecht geleitete und zaghaft durchgeführte Gegenstoß zweier französischer Bataillone versagte völlig. Im Nu waren die deutschen Reiter zwischen den flüchtenden Franzosen. Einzelne Carrés, die sich zusammenzuballen suchten, wurden niedergeritten. Schwere Pferdeleiber im Ansprunge die Bajonette niederdrückend und im Todeskampfe mit den Hufen die Infanteristen zerschlagend, rissen große Breschen in die Fronten, durch die die langsam dünner werdenden Linien der deutschen Regimenter immer weiter vorwärtsstürmten. Der Rest der Schwadronen jagte jetzt nach links und rechts abschwenkend, davon.

Die Riesenaufgabe der tapferen Reiter war gelöst. Als sich die Coulissen der Kavallerieregimenter nach beiden Seiten auseinanderschoben, stürmten hinter ihnen im unwiderstehlichen Anlauf die deutschen Schützenlinien heran. Von allen Seiten klang das Angriffssignal: „Kartoffelsupp, Kartoffelsupp, den ganzen Tag Kartoffelsupp“ über das Feld, weckte den teutonischen Kampfeszorn und trug den Sturmlauf der deutschen Regimenter mitten in die durch den Kavallerieangriff gebrochene Lücke. Vier französische Schützengräben bis an den Rand mit zerstampften Menschenleibern gefüllt, vier zerschossene Batterien zwischen deren Geschützruinen sich kein Leben mehr regte, lagen bereits hinter der deutschen Angriffsfront, und immer mehr Bataillone fluteten hinein in diese nach beiden Seiten rasch weiter reißende Bresche mit der das französische Zentrum an einer schwachen Stelle durchbrochen war. Aber schon schob der Feind von beiden Seiten Truppen vor, um das Loch wieder zu stopfen. Doch umsonst. Die deutsche Artillerie war schon heran, nistete sich hinter einem Eisenbahndamme ein und bäng ... bäng ... bäng ... knatterte das Feuer der Maschinengeschütze in die Reihen der französischen Kavallerieregimenter, sie in wenigen Minuten mit einem Sprühregen von Geschossen niedermähend. Es war eben ein Unterschied, ob eine Reiterattacke auf einen aus gedeckter Stellung feuernden, siegreichen Feind oder auf erschütterte Infanterie ansetzt die nur noch die letzte Patrone im Laufe hat. Auf dem Manöverfelde sieht beides für das Laienauge gleich aus und die Biertischstrategen, die sich über die „sinnlosen Kavallerieattacken“ so sehr empörten, sie hatten immer nur das eine vergessen, daß niedergekämpfte Infanterie nicht mehr schießt.

Hinter dem Eisenbahndamm stand die rasch vorrückende deutsche Artillerie sehr bald in Stärke von zwei Regimentern, die nun mit Schrapnells unter den flüchtenden französischen Bataillonen fürchterlich aufräumte. Und nun begann die regellose Flucht. Von Südosten her war der rechte französische Flügel umfaßt und aufgerollt worden. Das Zentrum war gegenüber Rethel durchstoßen und überall vor der französischen Front wuchsen jetzt aus der Erde die Massen der deutschen Bataillone empor. Es gab kein Halten mehr und vor allem fehlte jede Disposition des Rückzuges auf feindlicher Seite. Die französischen Korpsführer verloren die Leitung über ihre Truppen. Vergebens, daß sich die Offiziere mit dem Revolver in der Hand den Fliehenden in den Weg warfen; vergebens, daß sie diesen oder jenen niederschossen, die zurückflutende Woge riß auch sie mit sich fort, und wollten sie nicht unter den Stiefeln ihrer Leute enden, so mußten sie mit dem Strome schwimmen. Ähnlich war es auf dem linken Flügel, wo sich die englischen Bataillone länger hielten und durch die siegreichen Vorstöße der Deutschen isoliert, teilweise bis auf den letzten Mann ihre Positionen verteidigten. Die deutsche Artillerie, deren Geschosse zuweilen selbst in die eigenen Sturmkolonnen einschlugen, hielt jeden Versuch einer Gegenoffensive nieder. Die Schlacht war entschieden.

Auf dem Rückzuge der einzelnen französischen Korps fehlte jede einheitliche Führung. Nur einige gewannen die Straße nach Paris und nach Südosten, die meisten Regimenter trieb wahnsinnige Angst und die volle Deroute zwischen die Forts von Reims und Laon, wo sich die Hunderttausende nunmehr stauten, während die deutschen Granaten unablässig in die Scharen der Flüchtenden einschlugen. Es gab kein Halten mehr auf dieser Flucht. Die deutsche Kavallerie, deren ganze Kraft rücksichtslos eingesetzt wurde und bei der aus Mann und Roß der letzte Atemzug herausgeholt wurde, löste auf der Verfolgung jeden Truppenverband des Feindes auf und was sich nicht um Reims konzentrierte, — die Feldbefestigungen vor Laon fielen noch am Abend den Deutschen in die Hände, worauf die mit Menschen gefüllte Stadt, die unablässig bombardiert wurde, um Mitternacht kapitulierte — war keine Armee mehr, nur noch ein wüstes Gemenge erschöpfter, um ihr armes Leben sorgender Menschen, die keinen Widerstand mehr zu leisten im stande waren.

Die englische Armee, die auf dem linken Flügel gestanden hatte, war ebenfalls zersprengt, und zog sich in völliger Auflösung nach Südwesten zurück. Der größte Teil ihrer Artillerie und ihr schwerfälliger Troß fiel den Deutschen in die Hände.

Die Nacht.

Die Flucht der französischen Regimenter erfolgte konzentrisch auf Reims. Die Batterien, die eine Stellung nach der andern aufgeben mußten, fuhren rücksichtslos querfeldein, Verwundete mit den Hufen der Pferde zerstampfend und mit den Rädern der Protzen und Geschütze zermalmend, fliehende Truppenkörper zerreißend und durchbrechend, dafür von den eigenen Leuten in wilder Entrüstung zuweilen mit Gewehrschüssen bedacht. So löste sich alle Ordnung auf. Die beiden von Nordosten und Südwesten sich langsam vorschiebenden Frontlinien des deutschen Heeres nahmen die fliehenden Hunderttausende gewissermaßen in eine Zange, deren Flügel sich immer enger zusammenschlossen. Wo auf deutscher Seite noch Reserven vorhanden waren, schob man diese jetzt in die Front und ließ die völlig erschöpften, bei den entscheidenden Sturmangriffen furchtbar dezimierten Regimenter auf dem Schlachtfelde an Ort und Stelle biwakieren. Von Biwakieren war freilich nicht viel die Rede, die Mannschaften sanken, bis auf das Äußerste ermüdet, in ihren letzten Kampfpositionen einfach um, und die Ermattung war so stark, daß kaum jemand an Abkochen und Proviantfassen dachte. Nicht einmal zum Feuermachen reichte die Energie mehr aus. Nur schlafen, bis ins Unendliche schlafen, war der einzige Gedanke, der noch in diesen automatischen Maschinen lebte. Und so lagen sie bataillonsweise, kompagnieweise hingemäht und versanken in einen traumlosen, bleiernen Schlaf, während nur ein paar Posten Wache hielten, um den vorbeipassierenden Truppenteilen den Weg zwischen dem schlafenden Heere nach vorn zu weisen. Und unablässig ging es vorwärts in dem blutroten, grausigen Dämmerschein der Sommernacht, die durch den lodernden Brand der Städte und Dörfer erhellt wurde, als stände eine Welt in Flammen. Von fernher klangen über das Schlachtfeld die alle Lebensgeister weckenden Weisen unserer Armeemärsche und übertäubten das Gewimmer der Verwundeten und den Verzweiflungsschrei der Sterbenden. Neben den erschöpften Helden der Fünftageschlacht schliefen die anderen Zehntausende den ewigen Schlummer.

Die schwarzen Schlangen marschierender Bataillone schoben sich auf die Stelle zu, wo aus dem Festungsgebiet von Reims wüster Waffenlärm herüberdrang, wo der Feuerschein der brennenden Lager aufstob zum Himmel. Ohne Aufhören ging es vorwärts und neben und zwischen den Truppen die langen Wagenreihen der Ambulanzen, die kaum im stande waren, auch nur die notdürftigste Hilfe in dieser schrecklichen Nacht zu bringen. Einer solchen Zahl von Opfern gegenüber erlahmte die hilfreiche Hand des Arztes.

Als die Tete eines der letzten Reserveregimenter, — eben aus der Heimat eingetroffen — den Eingang des Dorfes Grandcourt passierte, waren die Sanitätssoldaten gerade am Werke, die niedrigen Häuser der langen Dorfstraße in Lazarette umzuwandeln und mit den verwundeten Kriegern zu belegen, die eine Sanitätskolonne herangeführt hatte. Da auf der linken Seite der Straße ein von den Franzosen bei ihrem Rückzuge stehengelassener Wagenzug mit Lagermaterialien und einige zwanzig mit Heu und Stroh hochbeladene Bauernwagen die Passage sperrte und auf der rechten Seite die Fahrzeuge der Sanitätskolonne vor den Haustüren hielten, war die nicht sehr breite Dorfstraße fast völlig verstopft. Die ersten Kompagnien des Regimentes rückten daher nur bis in die Mitte des Dorfes vor und machten dann Halt, damit vorne erst Platz geschaffen würde. So standen die Kompagnien eingeteilt zwischen den beiden langen Wagenzügen und warteten eine Viertelstunde nach der anderen.

Um den Eindruck abzuschwächen, der erfahrungsgemäß äußerst deprimierend auf jeden Soldaten wirkt, wenn er noch vor dem Kampfe die jämmerlich stöhnenden Opfer der Schlacht und ihre blutenden Glieder vor Augen bekommt, ließ der Regimentskommandeur die Musik einige Märsche spielen, die ihre alte Zauberkraft, den schlummernden Kampfesmut zu wecken, auch hier wieder wirksam erwiesen. Schmetternd klang der Torgauer durch die von den Schrecken des Krieges erfüllte lange Dorfstraße, zwischen den Häusern mannigfaltiges Echo weckend und die Schmerzensschreie der Verwundeten übertönend. Rings war der Himmel vom Brandschein gerötet. Leise strich der Nachtwind über die Reihen derer, die dem Kampfe entgegengingen und die armen Opfer der Feldschlacht, die mit zerschossenen Gliedern zurückgebracht wurden. Die Häuser auf der rechten Seite der Dorfstraße waren bereits mit Verwundeten gefüllt, jetzt begann man auch die auf der linken Seite zu belegen, wobei die Sanitätsleute mit ihrer schrecklichen Last die Reihen der Kompagnien passieren mußten.

Eben trug man einen Obersten hinüber, der einen Schuß durch die Lunge erhalten hatte, und wollte ein weiteres Haus öffnen. Es war verschlossen; ohne weiteres wurde die Tür eingestoßen und mit ihr zugleich stürzten zwei Soldaten in die dunkle Hausflur. Als hier der Besitzer mit einer Laterne in der Hand erschien und einem Feldwebel, der ihm entgegentrat den Eingang verwehren wollte, wobei er in verzweifelter Erregung einen unverständlichen Wortschwall hervorsprudelte, schob man den Mann einfach beiseite, und die Tragbahre, auf welcher der Oberst lag, wurde gerade in den Hauseingang hineingetragen, als dieser plötzlich erhellt wurde. Ein altes Weib, dem die grauen Haare wild um den Kopf flatterten, stürmte, einen brennenden Holzscheit schwingend heraus, schlug mit diesem dem verblüfften Feldwebel ins Gesicht, stieß ihn zur Seite, daß er auf der Hausflur hinkrachte, und drängte sich an den Sanitätssoldaten vorbei. Die rasende Megäre stand plötzlich auf der Straße, wilde Verwünschungen kreischend. Ein Leutnant der ersten Kompagnie, dem angesichts der gräßlichen Gefahr der Herzschlag stockte, entriß einem Soldaten das Gewehr. Einen Moment, und er hatte sich zwischen den beiden nächsten Heuwagen durchgewunden und holte zu dem vernichtenden Schlage aus; wie vom Blitze gefällt lag das Weib mit zerschmettertem Schädel im Straßenkote.

Um einen Atemzug zu spät, denn schon war das Furchtbare geschehen: im letzten Moment hatte die Hexe ihr teuflisches Vorhaben noch ausgeführt. Im hohen Bogen hatte sie die brennende Latte oben auf den nächsten Heuwagen geschleudert. Fauchend und rauschend fuhr der Nachtwind hinein in das Heu, und im Nu stand der Wagen in lichten Flammen, die dem Windzuge folgend mit Gedankenschnelle den nächsten ergriffen, und bevor man sich noch von der Erstarrung erholt hatte, war die Dorfstraße ein blendendes sausendes Flammenmeer. Das Heu brannte, das Stroh brannte, die rote Glut spritzte nach allen Seiten; die Häuser brannten. Wohin man sah, gelbe und rote Flammen, schwälender Rauch, der in den Augen biß. Stürzende Wagen, die Glutlawinen über die Straße schütteten, knatternde Sparren, ein feuriger Regen von zerstiebenden, brennenden Schindeln und dazwischen wimmernde, ratlos hin und her laufende, rettende und sich gegenseitig anrennende Menschen. Im roten Feuerschein erstrahlten die Gewehrläufe, die Bajonette, mit denen man die Glut auseinander zu reißen suchte; vergebens, in diesem feurigen Graben war keine Hilfe möglich. In der flackernden Brandung, die brausend auch die Sanitätswagen ergriff, erschien plötzlich über dem ersten, wie hingezaubert gegen den brandroten Hintergrund, die in dem scharfen Luftzuge heftig flatternde weiße Fahne mit dem Genfer Kreuz.

Ein einziger, furchtbarer Verzweiflungsschrei durchgellte diese Szene der Vernichtung. Kaum geborgen unter dem schützenden Dach sahen die hilflosen Verwundeten sich rettungslos dem Flammentode preisgegeben. Wildes Geschrei, laute Kommandos, ein Durcheinander von hin und her hastenden Menschen. Die Kompagnien waren von der Dorfstraße verschwunden. In die Haustüren eindringend, griffen sie rasch zu, um ihre verwundeten Kameraden aus dieser brodelnden Hölle nach rückwärts durch die Höfe der Häuser ins Freie zu retten. Aber nicht mehr überall gelang es, und nach entsetzlichen Szenen verzweifelter Rettungsversuche mußte man acht Häuser — und es waren gerade die am dichtesten mit Verwundeten belegten — ihrem schaurigen Schicksal überlassen. Während aus jenen Unglückshäusern, mitten aus der Flammenglut der herzzerreißende Todesschrei hilfloser Menschen in die Finsternis hinausdrang, während das Dorf langsam wie eine lodernde Fackel niederbrannte, tönten draußen von allen Seiten des Schlachtfeldes herüber die Militärkapellen der vorrückenden Truppen, den zwischen brennenden, stürzenden Bretterwänden dem Tode rettungslos Geweihten die Siegeskunde zutragend, der Choral von Leuthen: „Nun danket alle Gott“.

Als das fahle Morgenlicht heraufdämmerte, säumten nur noch rauchende, schwarze Brandruinen die lange Dorfstraße. Ein Gerümpel von eisernen Radreifen und Deichselbeschlägen zwischen der dampfenden Holzasche ließ noch die Trümmer des Sanitätszuges und auf der anderen Seite die der französischen Wagen erkennen. Dazwischen verkohlte menschliche Körper. Vor den zusammengestürzten Lehmmauern eines Hauses saß, in zerrissener verbrannter Uniform, der Oberst jenes Regiments, auf einem Prellstein. In seinem Schoße hielt er das Haupt eines junges Offiziers, dessen schauerlich verwundeter und verstümmelter Körper kaum noch menschliche Formen hatte. Stumpfsinnig nickte er vor sich hin, das einzige lebende Wesen auf dieser Stätte gräßlicher Vernichtung. Eine im scharfen Trabe heranrollende Batterie bahnte sich soeben ihren Weg durch den Brandschutt auf der Dorfstraße. Nur im Schritt vermochte sie hier vorzurücken, damit sich die Pferde nicht in den Wagentrümmern verfingen. Unter den schweren Kanonenrädern knirschte und knackte das verbrannte Holzwerk. Jetzt war das erste Geschütz bei der Gruppe auf dem Prellstein angekommen. Der Batteriechef stieg vom Pferde und trat an den Obersten heran, grüßte und fragte: „Kann ich helfen, Herr Oberst“. Der aber stierte ihn blöde an: „Wir wollen nach Hause gehen, Ludwig, Mutter wartet“. Der Oberst war in jener Schreckensnacht, als er vergebens versucht hatte, seinen schwer verwundeten Sohn aus dem brennenden Hause zu bergen, irrsinnig geworden. Aufs Tiefste erschüttert stieg der Batteriechef wieder zu Pferde und langsam mit den Rädern in dem schweren Schutt knirschend und über verkohlte Leichen hinwegrollend, setzte die lange Reihe der Geschütze ihren Weg fort. Staub zum Staube, Erde zur Erde.

Nach einer Woche kapitulierte die Lagerfestung Rheims. Wüste Szenen ohnmächtiger Erbitterung hatten sich in dem weiten Rayon zwischen den Forts abgespielt. Der Proviant ging zu Ende und das unablässig von deutscher Seite fortgeführte Bombardement demoralisierte die eingeschlossene Armee so vollständig, daß das Oberkommando auf französischer Seite, zumal sich ernstliche Reibungen zwischen den einzelnen Korpsführern geltend machten, auf einen Ausfall aus der Festung und auf weiteren Widerstand verzichtete.

Daheim.

Es war leer geworden in der Heimat seitdem das Volksheer draußen stand. Die wirtschaftlichen Betriebe stockten und soweit die Fabriken ihre Tätigkeit nicht vollständig eingestellt hatten, arbeiteten sie mit einem Viertel ihrer früheren Kraft. Da der Handel gänzlich lahm gelegt war und auch die Hände fehlten, die Waren des Ausfuhrhandels herzustellen, ließ man die Kessel abblasen und die schnurrenden Räder stillstehen. Wozu auch noch arbeiten, da die englische Blockade die Häfen schloß? Nur die Betriebe, die für die unmittelbarsten Lebensbedürfnisse des Volkes und für die Versorgung der Armee arbeiteten, wurden vollständig aufrecht erhalten.

Auch bei der Ernte fehlten die Arbeiter, und hier griff man zu dem einfachen Mittel, das zunächst etwas verblüffend wirkte, dann aber allerseits als berechtigt anerkannt wurde, den nationalen Wehrdienst in nationale Arbeit umzuwandeln. Wie man in Friedenszeiten militärische Kräfte herlieh, um die Erntearbeiten zu vollenden, so berief man jetzt die Landsturmpflichtigen zweiten Aufgebotes ein, die aus Leuten bestehen, die entweder wegen geringer, körperlicher Fehler vom Wehrdienst befreit, oder nach abgeleisteter Wehrpflicht zu alt waren, um ins Feld zu rücken. Als die Zeit der Ernte herannahte, sah man draußen auf den Feldern im Schweiße ihres Angesichtes behäbige Landsturmleute an hochbeladenen Bauernwagen stehen, sah man sie die Ernte bergen und die Garben schichten. Professoren und reiche Kaufleute, junge und alte Männer jeden Berufes, alle wurden sie herangezogen, um die Hände zu ersetzen, die hier in der Heimat fehlten, weil des Volkes Söhne draußen jenseits der Grenze im harten Kampfe des Reiches Schicksal zum Siege wandten. Unter Murren zwar anfangs, bald aber in voller Würdigung der Lage, unterzogen sich alle mit erfreulichem Eifer den Pflichten, die das Vaterland auch auf diesem Gebiete von seinen Bürgern forderte.

Es war still und einsam geworden daheim und so rechte Andacht zur Arbeit hatte man nirgends. Immer wieder drang der Ruf der Extrablattverkäufer hinein in die Werkstätten, in die Schreibstuben und Kontore. Und wieder stand man an den Straßenecken und vor den Zeitungsredaktionen in dichten Haufen. Immer wieder dasselbe Bild, Monat für Monat. Wenn die weißen, siegverkündenden Blätter hinausflatterten auf die Straße, dann brach der Jubel los: Noch ein Sieg — zu Lande. Zu lodernder Begeisterung erhoben sich die Herzen, wenn der Telegraph die Kunde brachte, daß unsere braven Truppen wieder den Feind geschlagen in schier endlosem Kampfe.

Aber dann Tage darauf, wenn die anderen Meldungen kamen, die langen, eng bedruckten Seiten mit den Listen der Gefallenen und Verwundeten, dann ward es still unter den dichtgedrängten Scharen, die diese nüchternen Reihen von Namen und Zahlen mit eiligem Blick durchflogen, nach einem geliebten Namen forschend und erleichtert aufatmend, wenn er nicht darunter war. Es war ein wunderbar ergreifender Anblick jedesmal, wenn die Verlustlisten herauskamen, wenn sie an die Plakatsäulen angeheftet wurden und Hunderte diese riesigen Blätter umlagerten. Wenn dann einer der Zunächststehenden die Namen langsam buchstabierte und mit der ungeschickten Betonung des einfachen Mannes laut vorlas, horchten alle mit gespannten Sinnen und in stummer Teilnahme machte man Platz, wenn dieser oder jener plötzlich zusammenzuckte, wenn ihm die Tränen über die Wangen rollten und er sich leise davonschlich. Und weiter ging die endlose Reihe der Namen, immer neue, es war der letzte Appell für die, welche draußen ihr Leben gelassen. Und dann geschah es, daß mitten unter der Menge ein junges Weib aufschrie und im dumpfen Schmerz heimwärts wankte, ihr Kindchen an der Hand führend, nunmehr eine vaterlose Waise. Dann streichelte der Kleine die Hand der weinenden Mutter und fragte: „Kommt Vater nicht wieder zurück?“ Nimmermehr, nie wieder! O, welch ein Schicksal liegt in diesem Worte: nie wieder! Wie viel blühendes Leben zertrat dieser grausame blutige Krieg!

Wenn sie dann heimkehrten die langen Wagenzüge, wenn auf den Bahnhöfen die Transportwagen der Krankenhäuser und Lazarette hielten, um die zerschossenen, die wunden und kranken Opfer aufzunehmen und dorthin zu bringen, wo menschliche Kunst sich oft vergebens abmühte, Leben zu erhalten und zerschmetterte Glieder zu heilen. Wie der Krieg die wildesten Leidenschaften entfacht, wie er die tierischen Instinkte aufpeitscht, wenn der Soldat die Waffe auf einen Gegner richtet, der ihm persönlich nichts zuleide getan, der ihm unbekannt und gleichgültig, auch ein Mensch, um dessen Leben daheim Weib und Kinder zittern, um den sich die Eltern sorgen, um ihn, der nun zum Manne erwachsen die Stütze ihres Alters sein sollte. Mensch zu Mensch, nur verschieden nach dem Volksempfinden und nach den Farben der Uniform. Ja die Kugel ist eine Törin, dieses kleine Stückchen Metall, es weiß nicht, von wannen es kommt und wohin es fährt, und welche Tränensaat dem Boden entsprießt, auf dem sein Opfer verblutet.

Der Krieg, der die niedrigsten und höchsten Instinkte der Menschheit entfesselt, sie zur Sonnenhöhe emporhebt und in Nacht und Grauen finsterer Leidenschaften hinabstößt, er weckt auch die höchste Blüte des Mannestums, die Kameradschaft. Und mit Staunen sahen die Söhne des Volksheeres, die, sich dem Diensteid zufolge und der Soldatenpflicht gehorchend, dem Befehl der jungen Offiziere beugten, daheim auf dem Kasernenhofe und jetzt im Schlachtendonner, wie diese Jünglinge in wenigen Wochen zu Männern erwuchsen, die sich eins fühlten mit dem Volke in Waffen, über das sie nur das Kommandowort erhob. Lächerlichen Dünkel und kleinliche Überhebung drückte die Gewalt des Krieges bald zu Boden. Jetzt, wo ein Schicksal über alle entschied, verwischten sich auch die von Menschenwitz ausgeklügelten Standesunterschiede. Mensch zu Mensch. Die Soldaten hingen mit kameradschaftlicher Bewunderung und Liebe an ihren Führern, von denen sie wußten, daß sie sich keine Ruhe gönnten bevor der letzte Mann nicht versorgt war. Gewiß, es gab Ausnahmen, aber sie blieben Ausnahmen. Trotz der strengen Disziplin wurden auch Fälle häßlicher Ausschreitungen bekannt, die eine harte Strafjustiz erforderlich machten. Aber das war sicher, wer draußen durch eine Kugel auf dem Sandhaufen endete, und die, welche ohne die militärischen Ehrenzeichen heimgeschickt wurden, die wären auch daheim dem Spruche des Staatsanwaltes verfallen. Es blieben Ausnahmen, häßliche Ausnahmen, gegenüber der Masse von herrlichen Beispielen deutscher Soldatentreue, von Kameradschaftlichkeit und schonender Milde gegenüber dem besiegten Feinde.

Immer neue Schlachten, neue Siege und neue Verlustlisten. Wie lange sollte dieses furchtbare Ringen noch dauern, das die Länder entvölkerte und die jugendfrische Blüte der Nationen unter dem grünen Rasen bettete? Daheim lagen täglich Millionen auf den Knien und flehten zum Himmel, daß er dem mörderischen Schlachten, den Blutopfern des Volkes ein Ende machen möge. Und immer neue Schlachten, neue Gefechte, neue Verlustlisten. Immer mehr Menschen erschienen daheim in schwarzer Kleidung, lebten mit verweinten Augen ihr Alltagsleben stumm und teilnahmslos dahin, ein Leben, dem jede Zukunftshoffnung fehlte, ein Leben, vor dem sich erdrückende Sorgen türmten, und immer neue Schlachten. Es war etwas anderes, draußen im Feindeslande dem Gegner frei und offen ins Auge zu sehen, die Waffe in der Hand, die die Entscheidung barg; anders daheim, wo man den Klang der Siegestrommeten nicht hörte, wo man nur die langen Züge der Verwundeten sah und nur die Opfer zählte, die dieser Riesenkampf tagtäglich erforderte.

Als der Herbst kam.

Antwerpen wurde belagert, Cherbourg und Le Havre wurden belagert, Brest wurde durch größere Streitkräfte von der Landseite aus beobachtet. Auf eine eigentliche Belagerung von Paris hatte man verzichtet und sich damit begnügt, die großen Zufahrtsstraßen nach der Hauptstadt durch starke Beobachtungskorps besetzt zu halten und einen weiten Ring um den riesigen Fortsgürtel zu legen. Die dadurch halb und halb eingeschlossene und lahmgelegte Besatzung von Paris, bestand aus 200000 Linientruppen und 100000 Mobilgardisten, die aber, wie die ersten Ausfallsgefechte bewiesen, wenig kriegstüchtig waren. Durch eine sinnreiche Staffelung der deutschen Beobachtungskorps, verbunden mit einem komplizierten Signal- und Nachrichtendienst, der mit allen Mitteln der modernen Technik, mit Fesselballons, Funksprüchen, Heliographen, Automobilen u. s. w. arbeitete, war es bisher gelungen, bei jedem Ausfall den die Pariser unternahmen, die Massierung der französischen Truppen zwischen der Stadt und den Forts rechtzeitig vom Ballon aus zu erkennen und ehe der Kampf begann, auf dem Schlachtfelde jedesmal stärker zu sein, als der angreifende Feind. Die meisten französischen Anläufe endeten schon vor den deutschen Drahthindernissen. Durch Anlegung breiter Minenfelder à cheval der Straßen, auf denen der Anmarsch des Feindes erfahrungsgemäß erfolgte, wurde ein weiteres Sperrmittel geschaffen, das mit seiner furchtbaren Explosivkraft auch eine moralische Einwirkung auf die Angriffslust ausübte. Eine Truppe, die stets darauf gefaßt sein mußte, — und wo waren keine deutschen Minen! — daß die Erde kilometerweit unter ihr aufriß und daß der Stein- und Eisenhagel der Dynamiteruption Hunderte vernichtete, war an sich schon unsicher im Anmarsch und ging schlecht ins Gefecht. Sämtliche Versuche, den Ring der deutschen Beobachtungskorps zu durchbrechen, waren bisher gescheitert, und trotz der in Paris angehäuften riesigen Vorräte begann sich in der Millionenstadt bereits ein Mangel an Nahrungsmitteln geltend zu machen, wenn er auch noch nicht in irgendwie drückender Form fühlbar wurde.

Mehr als die Hälfte Frankreichs war im Besitz der verbündeten Heere. In einem großen Bogen von der Loiremündung über Orleans bis Lyon standen die deutschen Armeen von dort bis südlich Lyon die Österreicher, die jedoch in den Gebirgen von Lyonnais gegenüber den mit dem Terrain vertrauten französischen Truppen sehr wenig wirkliche Erfolge aufzuweisen hatten. Das untere Rhône-Tal und die südfranzösische Küste war mit Ausnahme des von der Landseite belagerten Hafens von Toulon und Marseilles, dessen geschickt angelegten Feldbefestigungen noch standhielten, in den Händen der italienischen Armee; ihr Hauptquartier befand sich zur Zeit in Nîmes.

Die französische Regierung hatte sich von Paris nach Bordeaux geflüchtet und hatte in den ihr noch zur Verfügung stehenden Landesteilen die levée en masse, wie 1871 organisiert, allerdings bei der Kürze der Zeit ohne den erhofften Erfolg. Die englischen Truppen bildeten von der Loire-Mündung bis etwa Bourges den linken Flügel der langgestreckten Stellung, die die französischen Korps in einem Halbrund sich anlehnend an die Gebirgsketten Mittelfrankreichs einnahmen. Der rechte Flügel, wo sich auch die spanischen und portugiesischen Truppen befanden, stand mit der Front fast direkt nach Osten gerichtet bis zur Meeresküste hinunter den Italienern gegenüber. In Brest und Cherbourg befanden sich starke englische Streitkräfte, sie stellten auch neben den belgischen Truppen das Hauptkontingent der Verteidiger Antwerpens. Diesen letzten vom Feinde gehaltenen Plätzen in Nordfrankreich führte die englische Flotte fortgesetzt neues Material an Geschützen, Munition, Proviant und Truppen zu. Jede von den deutschen Geschützen zerschossene Position wurde bald wieder ausgebessert und hinter den zerstörten Außenwerken erhoben sich immer neue Reihen von Schanzen, gegen die nur ein langsames Vorrücken möglich war. Andererseits war von deutscher Seite ein ernsthaftes Vorgehen nicht einmal beabsichtigt, da man mit den englischen Zufuhren rechnend, sich darauf beschränkte, zu verhindern, daß die drei Seefestungen zu Einfallstoren für neue Armeen wurden.

Gegen Ende des Sommers war der Krieg nach den ungeheuer verlustreichen Feldschlachten eine Zeit lang zum Stehen gekommen; man war auf beiden Seiten bestrebt, die riesigen Einbußen an Mannschaften zu ersetzen und wollte dann von deutscher Seite im Oktober mit dem konzentrischen Angriff von Norden und Osten her beginnen, war aber durch die geringen Erfolge der Österreicher und Italiener gezwungen, die Entscheidung noch hinauszuzögern.

Zur See war die deutsche Flagge verschwunden, ebenso die italienische und die österreichische. Die Reste der deutschen und italienischen Flotte wurden durch das feindliche Geschwader in den Häfen blockiert. Das Weltmeer war einsamer geworden und die gewohnten Straßen des internationalen Dampferverkehrs waren verödet, da auch die meisten englischen Handelsdampfer zu Transporten zwischen den heimischen Häfen und den belagerten französischen Küstenplätzen, sowie zur Verproviantierung der englischen Blockadeflotte in der Nord- und Ostsee und im Mittelmeer herangezogen waren. Vielen deutschen Ozeandampfern war es gelungen, sich in nord- und südamerikanische Häfen zu flüchten; teils lagen sie dort still am Hafenkai, oder sie waren durch Scheinkäufe in amerikanische und in die Hände von Reedern der südamerikanischen Republiken übergegangen.

Wo aber die deutsche Flagge im überseeischen Handelsverkehr verschwunden war, war sie überall durch das Sternenbanner ersetzt worden. Die Union machte sich in allen Erdenwinkeln die günstige Situation, daß sich ihre beiden Hauptkonkurrenten auf dem Weltmarkt in erbittertem Kampfe gegenseitig zerfleischten, zu nutze, und trat mit ihren Handelsagenten überall in die entstandenen Lücken ein, eine Position nach der anderen mit ihren Schiffen und ihren Preiscourants erobernd. Nicht geringe Energie entwickelten auch besonders im Indischen und im Großen Ozean die japanischen Kaufleute, die nach jeder Gelegenheit ausspähten, an verwaister Stätte festen Fuß zu fassen. Über die Phrasen von der offenen Tür und andere Talmiwerte europäischer Diplomatie war man in dem wilden Wettlauf um die Handelsherrschaft jenseits des Meeres lächelnd hinweggeschritten.

Auch die Theorien der Neutralitätspflichten hatten nur noch Makulaturwert. Nur der eigene Vorteil war noch die Richtschnur alles Handelns, seitdem das gewohnte Spannungsverhältnis zwischen den europäischen Mächten durch den Krieg gelöst war und kein internationales Gericht, durch das Gleichgewicht der Mächte erzwungen, mehr über dem internationalen Ehrenkodex der Neutralitätsgesetze wachte.

Ohne Bedenken lieferten die Vereinigten Staaten Munition, Waffen, Proviant und Schiffe nicht nur nach England, sondern auch in die belagerten französischen Seeplätze, und in der Garonne-Mündung war die amerikanische sowie auch die japanische Flagge zahlreich neben der englischen vertreten. War man doch auf der Schattenseite des Kriegsschauplatzes bei dem englisch-französischen Nachrichtenmonopol sicher, daß Deutschland von solchen Freundschaftsdiensten einstweilen nichts erfuhr und in England, Frankreich und Spanien ließ man von diesen Lieferungen selbstverständlich nichts verlauten. Man nutzte nach Kräften die Lage aus, unbemerkt alle Geschäfte besorgen zu können, die der rollende Dollar verlockend erscheinen ließ. Lissabon, Vigo, Bordeaux und Barcelona waren die großen Umschlagsplätze des einträglichen Einfuhrgeschäftes, welches aus amerikanischen und anderen Häfen unter neutralen Flaggen besorgt wurde. Nur darauf sah man, daß diese Liebesdienste stets in klingender Münze beglichen wurden. Das zum Zwangskurse ausgegebene Papiergeld überließ man den Landeskindern der kriegführenden Mächte, die sich mit ihm begnügen mußten, während das gute Gold in die Taschen der Zwischenhändler floß, die bei den Kriegslieferungen Riesensummen verdienten.

Horch! Der Wilde tobt schon an den Mauern.

Hört ihr’s dumpf im Osten klingen?

Er möcht’ euch gar zu gern verschlingen,

Der Geier, der nach Beute kreist:

Hört im Westen ihr die Schlange?

Sie möchte mit Sirenensange

Vergiften euch den frommen Geist.

Schon naht des Geiers Flug,

Schon birgt die Schlange klug

Sich zum Sprunge,

Drum haltet Wacht

Um Mitternacht

Und wetzt die Schwerter für die Schlacht.

E. Geibel.

Der Jahrhundertstag der Schlacht von Jena am 14. Oktober war durch einen neuen Zusammenprall der Volksheere auf dem historischen Schlachtfelde nördlich von Poitiers gefeiert worden. Der Vorstoß der Engländer und der auf dem rechten Flügel dieser Gefechtsfront stehenden vier französischen Korps war durch die Wachsamkeit der auf einen solchen historischen Schlachttag wohl vorbereiteten Deutschen zurückgeschlagen worden. Die Verfolgung des Feindes hatte so lange gedauert, als aus den deutschen Kavallerieregimentern aus Mann und Roß noch ein Atemzug und ein Klingenschlag herauszuholen gewesen war. Eine allgemeine Erschöpfung auf beiden Seiten war eingetreten, und nur langsam schoben sich die deutschen Reservekolonnen in die eroberten Stellungen hinein.

Es war ein klarer, stiller Oktobernachmittag, morgens war ein Regenschauer hernieder gegangen. Jetzt konnte man in der durchsichtigen, feuchtfrischen Luft weit, weit nach Süden sehen, bis zu den blauen Gebirgszügen ganz in der Ferne, wo die Massen des feindlichen Heeres neue Verteidigungsstellungen suchten. Abseits vom Wege, neben einem kleinen Wäldchen, von dessen Bäumen langsam die braunroten Blätter herabrieselten auf die nasse Erde, hielt eine Gruppe von Reitern, die um einen einzelnen Mann einen Kreis bildete. Er hielt in der Linken ein großes Kartenblatt und sprach, mit der Rechten Linien und Punkte auf dem Papier markierend, zu einem Adjutanten. Dann klappte er die Karte zusammen, schob sie in die Satteltasche und ritt, gefolgt von den Generälen, nach der Chaussee zurück. In diesem Moment erklangen die flotten Weisen eines Marsches an der Waldecke, wo die Chaussee sich ins Tal hinabsenkt, eine Regimentsmusik erschien und im strammen Schritt tauchte die Kolonne aus dem Walde hervor. Ein scharfes Kommando, die Musik brach plötzlich ab, um dann mit den Klängen des Präsentiermarsches wieder einzusetzen. Der Oberst führte sein Regiment an Kaiser Wilhelm vorüber, der hart an der Chaussee zwischen den hohen Pappelbäumen haltend, seine Truppen passieren ließ: Das Regiment, welches zwei Tage vorher bei Poitiers mit dem letzten entscheidenden Angriff das englische Zentrum zum Weichen gebracht hatte. Im strammen Schritt, den deutschen Heerkönig mit begeisterten Jubelrufen begrüßend, zog das Regiment vorüber, langsam wie eine schwarze Schlange der Senkung der Chaussee folgend und allmählich im Tal versinkend.

Als die Letzten vorüber und auch der letzte Gepäckwagen rumpelnd und polternd hinter der Höhe des Hügels verschwunden war, ward’s wieder still dort oben auf der Höhe ... In tiefes Sinnen versunken hielt der Kaiser mitten auf der Chaussee, die schwermütige Pracht des klaren Herbstabends und die ruhige Schönheit der Fernsicht auf die blauen Berge Frankreichs in sich aufnehmend. Und diese andächtige Stimmung teilte sich seiner Umgebung mit, kaum wurde ein Laut gehört in dem Kreise der deutschen Heerführer; das leise Knarren des Lederzeuges der Sättel und das Scharren der Pferdehufe brachte das Schweigen nur noch deutlicher zum Bewußtsein. Leise rieselten die welken, braunen Blätter von den hohen Bäumen herab auf die Landstraße. Von irgendwo drüben her, hinten vom Walde, wo mehrere Regimenter im Biwak lagen, klangen die sehnsuchtsvoll klagenden Töne einer Musikkapelle herüber, die mit der schmelzenden Weise von La Paloma der Stimmung des Abends einen seltsam ergreifenden Ausdruck verliehen. Und die Töne verschwammen und fanden sich in der Luft und quollen immer mit neuer Macht hervor, weit hinter dem Walde.

Und noch immer hielt der Kaiser, von seiner Umgebung durch die Breite der Chaussee getrennt, zwischen den Pappeln. Da mischte sich in diese Elegie des Herbstabends ein rauher, schnaufender, polternder Lärm, ein Automobil klapperte heran, machte kurz vor dem Standpunkte des Kaisers Halt; ihm entstieg der Reichskanzler. Fürst Bülow trug ein weißes Blatt in der Hand und überreichte es dem Kaiser, während dessen Umgebung nur die Worte verstand: „Majestät, soeben trifft aus Rom diese chiffrierte Depesche ein, in der uns unser Botschafter eine Mitteilung macht, die offenbar .....“, das Weitere war nicht vernehmbar, da sich der Kaiser über den Hals seines Pferdes gebeugt, zum Kanzler herniederneigte und jetzt vom Pferde stieg, das von einem Reitknechte beiseite geführt wurde. Die Generäle zogen sich, ein paar Schritte dem Walde zureitend, diskret zurück, und der Kaiser und der Kanzler blieben mitten auf der Chaussee allein, sich eifrig unterhaltend, wobei der Kaiser stets von neuem in die Depesche hineinblickte.

Drüben vom Walde her schollen noch immer die wehmütigen Akkorde von La Paloma herüber, doch der Zauber des Herbstabends war gestört. Irgend etwas Entscheidendes mußte vorgefallen sein, denn nachdem sich der Kaiser von seiner Umgebung mit kurzem Gruß verabschiedet, bestieg er mit dem Fürsten Bülow das Automobil, welches ihn schnell zum Hauptquartier zurückführte.

Noch an demselben Abend erfuhr man in der engeren Umgebung des Kaisers den Inhalt jener Depesche: Der deutsche Botschafter in Rom hatte dem Reichskanzler mitgeteilt, daß nach einer Meldung aus Barcelona die letzten Nachrichten über eine Bewegung unter den mohammedanischen Stämmen an der Nordküste Afrikas doch eine größere Bedeutung haben müßten, als man zunächst annehmen konnte. Die Ermordung mehrerer Franzosen und Italiener in Tripolis mußte offenbar mit der Revolte in Tunis im Zusammenhange stehen, die die europäischen Einwohner veranlaßt hatte, in Besorgnis um ihr Leben und Eigentum die Stadt auf französischen und englischen Schiffen zu verlassen. Dazu kamen Gerüchte, die ebenfalls aus Barcelona übermittelt wurden, daß sich in Marokko eine tiefgehende europäerfeindliche Bewegung bemerkbar mache. Ja man wollte sogar wissen, daß alle Europäer in Mogador und Casablanca ermordet worden seien. Eine aus dem Lager vor Marseille übermittelte Meldung besagte schließlich, daß die europäische Kolonie in Tanger die Entsendung eines französischen Kriegsschiffes dorthin erbeten habe, da die Kabylen die Stadt bedrohten.

Das Wichtigste aber, was Fürst Bülow dem Kaiser zu melden hatte, war eine Mitteilung des deutschen Botschafters in Petersburg, der eine über Sibirien eingetroffene Meldung weitergab, wonach in Kanton und Hankau ein chinesischer Aufstand ausgebrochen sei, dem sämtliche europäische Kaufleute in beiden Städten zum Opfer gefallen seien. Auch wollte man an der russisch-chinesischen Grenze von einer Bewegung unter den Chinesen gehört haben. Ja ein Gerücht wollte wissen, daß ein neuer Aufstand in Peking das dortige Gesandtschaftsviertel bedrohe, so daß sich die Gesandten entschlossen hätten, die in Tientsin stationierten europäischen Truppen an Peking heranzuziehen.

Nur in der engeren Umgebung des Kaisers erfuhr man von diesen Nachrichten. Im Hauptquartier wurden sie lebhaft besprochen. Zur See völlig machtlos sah sich Deutschland außer stande seinen bedrohten Landeskindern jenseits des Meeres irgendwelche Hilfe zu leisten und außerdem war man dank des englisch-französischen Kabelmonopols nicht einmal im Besitz von sicheren Nachrichten über das Schicksal der Deutschen in Marokko und im fernen China.

Das dumpfe Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber solchen Ereignissen ließ einen außergewöhnlichen Entschluß reifen. Am anderen Morgen um 6 Uhr verließ ein Stabsoffizier im Automobil das deutsche Hauptquartier und war bald darauf an der äußersten Vorpostenlinie angelangt. Hier bestieg Oberst von Gersdorf das Pferd eines Ulanenoffiziers und ritt, begleitet von seinem Trompeter und einer Ordonnanz, die eine mächtige weiße Fahne trug, auf der Chaussee, die auf die französischen Vorposten zuführte, in raschem Trabe vorwärts. Um 9 Uhr wurden die drei Reiter von den französischen Posten angerufen. Der Oberst bat in französischer Sprache zu dem nächsten Kommandoführenden gebracht zu werden. Es wurden ihm die Augen verbunden, um 12 Uhr stand er vor General Turner und befand sich eine Stunde darauf in einem Bahnzuge, der ihn nach Bordeaux führte.

Kaiser Wilhelm hatte sich entschlossen, an die Ritterlichkeit der feindlichen Heerführer zu appellieren, und hatte die französische Regierung durch den Parlamentär ersuchen lassen, ihm, wenn möglich, genaue Auskunft zu geben über die gemeldeten europäerfeindlichen Bewegungen in Marokko und China. Die Sorge um das Schicksal deutscher Landeskinder, die vielleicht einem erbarmungslosen Feind ausgeliefert, des Schutzes des Reiches entbehren mußten, rechtfertigte diesen Schritt vollauf, denn gegenüber einem solchen Gegner waren doch europäische Interessen trotz des Krieges solidarisch.

Keiner von denen, die in der Nacht die stille Dorfstraße, an der das deutsche Hauptquartier lag, passierte, wußte, welche neuen Sorgen den siegreichen Heerkönig des deutschen Volkes bedrückten. Wer aber hinaufschaute zu den erleuchteten Fenstern des einfachen Dorfwirtshauses, die des Reiches Herrscher in dem kleinen französischen Orte bewohnte, dessen Name seit vier Tagen der Weltgeschichte angehörte, der sah bis in die frühe Morgenstunde an den Fenstervorhängen unablässig einen gleitenden Schatten, der an dem einen Fenster auftauchte und verschwand, am nächsten erschien, wieder verschwand und dann wieder rückwärts denselben Weg durchmaß. Rastlos, unaufhörlich, bis des Morgens Dämmerschein die Schatten verblassen ließ und unten das Leben erwachte und Rosseschnauben den frischen Morgenwind grüßte. Dort oben hielt des Reiches Kaiser mit seinem Kanzler ernsten Rat über die nächste Zukunft.

Der Sturm bricht los.

Die Nachrichten, die Oberst von Gersdorf drei Tage darauf aus Bordeaux zurückbrachte, ließen die schlimmsten Befürchtungen weit hinter sich zurück. Die Ereignisse an der afrikanischen Küste hatten sich sehr viel schneller entwickelt, als man im deutschen Hauptquartier ahnte. Die arabische Gefahr war nicht nur eine drohende, sondern war bereits vorhanden.

An der Küste zwischen Alexandrien und Tunis lebte kein Europäer mehr. Die auf den Ruinen von Karthago errichtete französische Kathedrale war in Flammen aufgegangen. Mehrere Tausend Europäer hatten sich in Tunis noch an Bord englischer und französischer Schiffe retten können. In Algier hatte man sämtliche Außenposten nach der Wüste zu zurücknehmen müssen. Was sich nicht rechtzeitig gerettet hatte, war von den aufständischen Arabern niedergemacht worden. Nur mit Mühe widerstanden die kleinen spanischen Presidios an der marokkanischen Küste dem Ansturm der Kabylen.

Tanger wurde noch gehalten durch ein französisches Marinekommando. Was aus den Europäern an der atlantischen Küste des Sultanates geworden, darüber fehlten alle Nachrichten. Die Masse der marokkanischen Heerscharen, die in den Vorstädten von Tanger bereits täglich der schwachen französischen Besatzungstruppe Gefechte lieferte, wurde nach Zehntausenden geschätzt; ganz Marokko befand sich im Aufstande. Der schwache Sultan war in Fez auf dem Marktplatze hingerichtet und der siegreiche Prätendent kämpfte an der Spitze seiner fanatischen Krieger in den Vorstädten von Tanger.

Dazu trafen Nachrichten aus Ägypten ein, die bereits wissen wollten, daß die ägyptisch-englischen Truppenteile südlich von Chartum geschlagen seien, und die bis ins ungemessen Phantastische wachsenden Gerüchte erzählten, daß ganz Zentral-Afrika sich unter dem Mullah der mit unendlichen Heeresmassen nilabwärts vordrang, erhoben habe. Die Meldungen, die von der Ermordung von Europäern im ägyptischen Sudan und einer gefährlichen Bewegung selbst in der Umgegend von Kairo berichteten, nahmen täglich an Zahl zu, sodaß es kaum noch einem Zweifel unterliegen konnte, das sich tatsächlich die gesamte Welt des Islam in einer gewaltigen Aufstandsbewegung befand.

Dieses Auflodern eines unerwarteten Fanatismus war gekommen, wie der Dieb über Nacht. Von Tanger bis nach der ostafrikanischen Küste hin mußte alles nach einem gemeinsamen Plan organisiert worden sein, andernfalls wäre das gleichzeitige Losbrechen des Aufstandes auf dem ganzen afrikanischen Kontinent unerklärlich gewesen, und, wie man später erfuhr, war das in der Tat der Fall. Das Hauptquartier der Propaganda des Islam, gewissermaßen der mohammedanische Jesuitenorden, die Sekte der Senussi, südlich und östlich von Tripolis, hielt die Fäden dieser wie ein Steppenbrand sich ausbreitenden Bewegung in der Hand. Der Mahdi, der Kalif, der Mullah und Bu Hamara sind stets nur Werkzeuge des Führers der Senussi gewesen. Von dort aus waren auch jetzt die Befehle an alle Korangläubigen versandt worden und an einem Tage, gegen Mitte Oktober, ward überall die grüne Fahne des Propheten entrollt. Der Dschechad, der Glaubenskrieg, hatte begonnen.

Auch in Konstantinopel rührte es sich, mußte es sich rühren, wollte der Padischah das Erbe der Kalifen nicht widerstandslos aus der Hand geben. Wer die Bekenner des Islam als Völker in Schlafrock und Pantoffeln verspottet hatte, wer die stumpfe Ergebenheit der Muslim in ihr Schicksal, von den Drohnen an der Staatskrippe ausgewuchert zu werden, als ihr wahres Gesicht genommen hatte, sah sich jetzt bitter getäuscht. Der Fanatismus der Muslim konnte wohl schlummern, konnte Jahrzehnte, Jahrhunderte schlummern, erstorben war er nicht. Jetzt da die Waffen der Giaur sich gegen einander kehrten, jetzt war die Stunde, da die Energie aller Völker, die ihre Gebetsteppiche nach Osten, nach Mekka zuwandten, zu ungeahntem, furchtbaren Leben wieder erwachte.

Die uns Europäern in ihrem Wesen ewig verschlossene und rätselhafte Welt des Orients, sie wallte auf, wie in einem scheinbar erloschenen Vulkane wieder neue Lavaquellen aufbrechen.

Wie Heuschreckenschwärme ergossen sich die ungezählten Massen fanatischer Glaubenskämpfer über die von Europäern einer Halbkultur geöffneten Länder Afrikas, aus ihrem dunklen Schoße im Innern immer neue Kräfte gebärend und gewaltige Menschenwogen nach den Küstenländern zutreibend. Vergebens mähten die englischen Maschinengeschütze in einer Schlacht bei Chartum Tausende von Derwischen nieder. Die Zahl der Feinde minderte sich zwar, ergänzte sich aber stets, und mit der letzten Patrone, die man in die glutheißen Rohre schob, war auch der letzte Widerstand der kleinen Scharen von Europäern gebrochen, die nach dem Abfall der eingeborenen Elemente, statt aus Regimentern nur noch aus derem Skelett, nur noch aus Offizieren und wenigen weißen Freiwilligen bestanden, denen man die geretteten Gewehre in die Hand gedrückt hatte. Keiner von den Kämpfern bei Chartum konnte von dem Ausgang der Schlacht berichten, längst war ihnen der Rückweg abgeschnitten, die Nildampfer waren in die Hände der Fellachin gefallen, die als Heizer und Maschinisten auf ihnen ein scheinbar harmloses Dasein führten, bis der Ruf des neuen Kalifen auch sie erreichte und ihre Hände gegen ihre weißen Herren waffnete.

In wilder Hast und wahnsinniger Verzweiflung retteten sich die englischen Beamten und die englischen Touristen aus Kairo nach Suez und Alexandrien. Die Schreckensszenen dieser Flucht aus Ägypten berichteten von unerhörten Grausamkeiten eines bis zur vollen Raserei aufgestachelten Fanatismus, daß sie das Blut derer, die sie mit erlebten, erstatten machten. Alexandrien wurde von der englischen Garnison so lange gehalten, bis der letzte Europäer an Bord der Schiffe im Hafen gebracht war. Nur mit Mühe konnte ein Bombardement der Stadt den Rückzug und die Einschiffung der englischen Garnison decken. Auch Suez und die Kanalstrecke bis Port Said wurde noch von englischen Marine-Mannschaften gehalten, die sich bei Ismailia in schnell befestigten Feldbefestigungen gegen die fortgesetzten Angriffe der einst von englischen Offizieren gedrillten ägyptischen Armee verteidigten, der die gesamten Munitions- und Waffenvorräte in die Hände gefallen waren.

La illaha ill allah!

Der allgewaltige Schech ul Islam war von der Oase Siwah, der alten Heimstätte des Jupiter Ammon, kommend, an einem Oktobernachmittage über die große Nilbrücke in Kairo eingezogen. Sein Weg glich einem Triumphzuge; überall warfen sich ihm begeisterte Fellachin in den Weg, um von den Hufen seines Pferdes berührt zu werden und dadurch unverwundbar zu werden in dem heiligen Kriege. Im vizeköniglichen Palais, wo der Schech Wohnung genommen hatte, war er vom Khediven mit allem Pomp des Orients empfangen worden. Auf dem Dache des Schlosses wehte das alte Sturmpanier des Islam, der Sandschak-Scherif, die grüne Fahne des Propheten. Ganz Kairo befand sich auf den Beinen; von allen Seiten aus Oberägypten und aus den Küstenprovinzen, aus Syrien und Arabien strömten ungezählte Scharen von Glaubenskämpfern unablässig in die Stadt, die das Hauptquartier und die Operationsbasis für den Feldzug gegen die Giaurs war.

Als die sinkende Sonne mit ihren Strahlen die Felsabhänge des Mokattam in rötliches Licht tauchte und die Umrisse der Zitadelle in Kairo und der dahinterliegende stille Windmühlenhügel in der Abendbeleuchtung seltsam scharf und nahe erschienen, traten auf allen Minarets der Stadt, hoch oben über der alle Straßen durchwogenden Volksmenge, die Mueddins heraus, um die Gläubigen mit näselnder Stimme zum Gebet zu rufen. Ein Wille, ein Gedanke, ein Gott beseelte diese wimmelnden Massen, die die Wüste geboren und die in endlosen Zügen jetzt herbeieilten, um der Stimme des neuen Propheten zu folgen und ihre Leiber in leidenschaftlichem Fanatismus den Maschinengeschützen und dem Kleinkaliber der Ungläubigen entgegenzuwerfen.

Der weite Platz vor dem vizeköniglichen Palais und alle dorthin einmündenden Straßen glichen einem wirbelnden Meere bunter Farben. Als sich die abendliche Dämmerung verdichtete, flammten überall an den Kandelabern die Gaslichter und die elektrischen Monde auf, und auf den hohen schlanken Minarets erschienen Laternen und qualmende Pechfackeln. In das Rauschen und Brausen der durcheinander flutenden Menschenmenge mischte sich das dumpfe Schlagen riesengroßer Trommeln und von fern her klangen die wilden Musikweisen aus der Kaserne an der anderen Seite des Abdin-Platzes. Neue Bewegung kam in die sich hin und her schiebenden Massen, als von den Minarets der Gebetsruf der Mueddins ertönte und die alte Kampfparole des Islam: La illaha ill allah (Es gibt keinen Gott außer Gott) drunten ein tausendfaches Echo weckte.

Mitten auf dem Abdin-Platze bildete sich jetzt ein Ring um einen großen Mann im grünen Turban und eine Stille entstand, die ihre Wellen allmählich bis an die Mauern des Schlosses, bis an die Kaserne und die den Platz umgrenzenden Häuser vortrieb. Ein dumpfes Schweigen brütete in der heißen, stauberfüllten, schwülen Luft, die in den Strahlen der scheidenden Sonne wie ein blutiger Nebel erschien. Aller Blicke hafteten am Balkon des vizeköniglichen Palastes, auf dem eine hohe, weiße Gestalt erschien: der Schech ul Islam. Ein tausendstimmiger Schrei erschütterte die Luft und erstarb dann auf einen Wink des Schechs hin allmählich wieder in den Gassen und Straßen, in den Höfen und Winkeln der hohen Steinpaläste langsam nachdonnernd. El Futa! klang es scharf und gebieterisch oben vom Balkon herab, und von neuem erbrauste die Brandung in tosendem, rhythmischem Tonfall, als die Tausende die erste Sure des Korans dem Schech nachsprachen.

„Im Namen des Allbarmherzigen! Lob und Preis Gott, dem Herrn der Welt, dem Allerbarmer, der da herrscht am Tage des Gebets. Dir wollen wir dienen und zu Dir wollen wir flehen, auf daß Du uns führest den rechten Weg: Den Weg derer, die Deiner Gnade sich freuen und nicht den Weg derer, über welche Du zürnest und nicht den der Irrenden.“

Es war die Riesenorgel des Meeres, das alle Dämme zersprengte, das die Arbeit eines Jahrhunderts, das mühsame Werk einer fremden Kultur niederriß, es war der Erlösungsruf eines Volkes, das sich aus einem Zeitalter trostloser Knechtung aufzuraffen versuchte, das die Hand wieder ausstreckte nach der Herrschaft über den Orient. Dieses Volk, das sich aus dem Dämmerzustande eines mühseligen Dahinvegetierens erhob, war begeistert von dem trügerischen Glauben an einen neuen goldenen Tag, und als die Worte des Koran erklangen, als neben den Schech ul Islam der Khedive oben auf den Balkon trat, eine Schattengestalt neben dem kraftvollen Bannerträger des Fanatismus, brach es mit elementarer Gewalt wieder hervor: La illaha ill allah, — es ist kein Gott außer Gott.

Unter steten Unruhen verfloß die Nacht des Tages, an dem der Schech ul Islam die grüne Fahne entrollt und in der Stadt der Kalifen mit kraftvoller Hand die Zügel der Regierung ergriffen hatte. Einsam schwebte oben von dem kleinen Fort auf der Höhe des Mokattam das gelbe Licht einer Laterne. Ein Hoffnungsstern für alle diese bunten Völker, die ein begeisterndes Wort aufgeschreckt hatte aus ihrem tatenlosen Traumleben.

Als dann die Morgensonne die Spitzen der Pyramiden von Gizeh grüßte, diese riesigen Denksteine einer versunkenen Zeit, die jetzt einsam im Wüstensande ruhten, nicht mehr beschmutzt von dem wimmelnden Ameisenschwarm europäischer Touristen, zog der Schech ul Islam an der Spitze der ägyptischen Regimenter und der unübersehbaren Reiterscharen der Beduinen der Wüste nach Osten aus, gen Ismailia, dem letzten Bollwerk, das noch die Söhne der Hunde mit ihren Maschinengeschützen hielten. Zwei Tage darauf waren die englischen Verteidiger Port Saids und Ismailias von der Brandungswelle, die der Schech ul Islam heranführte, hinweggeschwemmt. Lesseps’ Kanal war an zwei Stellen durch Dynamitsprengungen verschüttet und die in ihm abgeschnittenen beiden englischen Kreuzer wurden, nachdem sie ihre Munition gänzlich verschossen, von ihren Kommandanten mit den wenigen Überlebenden der Besatzung in die Luft gesprengt. Dann ging der Siegeszug des Schechs weiter nach Norden durch die Wüste, in der einst die Kinder Israels 40 Jahre geschmachtet. In Jerusalem und den anderen Städten Palästinas gaben furchtbare Judenmassakres Zeugnis von der Wut des alten Glaubenshasses. Anfang November öffneten Damaskus und Beirut ihre Tore dem ägyptischen Heere, welches dann Mitte des Monats in den Gebirgspässen Kleinasiens zunächst Halt machte, aus den Bauerndörfern überall reichlichen Zuzug erhaltend. Die Truppen des Vilajet Konia traten alsbald zum Schech ul Islam über; die von Tag zu Tag erwartete türkische Armee blieb jedoch aus.

Bereits im Oktober, kurz nachdem die ersten Nachrichten von der Erhebung Ägyptens und Nordafrikas nach Europa gedrungen waren, machte sich eine ähnliche Bewegung in der europäischen Türkei bemerkbar. Die Ermordung der europäischen Konsuln in Saloniki und Adrianopel erhellte wie ein Fanal auch hier plötzlich die Szene. Es war kein Zweifel, daß der Sultan der afrikanischen Aufstandsbewegung gegenüber eine freundliche, nur durch die Rücksicht auf Rußland, welches die Garantie für die Ruhe in der Türkei übernommen hatte, gemilderte Haltung einnahm. Das Erscheinen der russischen Schwarzenmeer-Flotte vor Konstantinopel wirkte zunächst als ein Dämpfer. Aber die Lage war so drohend und barg für die Zukunft solche Gefahren, daß die europäischen Kaufleute in der Türkei es vorzogen, sich und die Ihrigen schleunigst zu Wasser und zu Land in Sicherheit zu bringen. Der Beginn der Kämpfe an der russisch-türkischen Grenze, in Armenien, ließ denn auch erkennen, daß hier kein Halten war, wenn man nicht durch einen kraftvollen Feldzug dem Siegeszuge des Schech ul Islam entgegentrat.

Die ersten Erfolge in Nordafrika setzten sofort den ganzen Kontinent in Brand. Mit einer Schnelligkeit, die den elektrischen Telegraphen fast überholte, durch ein geheimnisvolles, uns Europäern ewig unverständliches System der Nachrichtenübermittelung war die Empörung Ägyptens in wenigen Tagen bis hinunter nach Lorenzo-Marques und bis nach der Senegalmündung bekannt, jedenfalls viel eher, als daß es noch möglich gewesen wäre, den europäischen Besatzungen in den einzelnen Kolonien eine Warnung zukommen zu lassen. Die arabische Aufstandsbewegung, der sich auch die heidnische, nicht dem Islam angehörige Negerbevölkerung instinktiv anschloß, wallte allerorten so plötzlich auf, daß in den englischen, französischen und portugiesischen Besitzungen und im Kongostaate die kleinen Garnisonen, soweit sie nicht überhaupt von der Kriegsfurie im ersten Ansturm hinweggefegt wurden, nur mit Mühe sich der Belagerer erwehren konnten. An der ganzen Guineaküste hielten sich Ende Oktober außer Dakar und St. Louis in Senegambien nur noch ein paar englische Küstenplätze. Die ganze Westküste des Kontinentes war bis auf Loanda, Swakopmund und Lüderitzbucht, wo die deutschen Besatzungen die ziemlich zaghaften Angriffe der Hereros und Hottentotten siegreich abschlugen, in den Händen der Eingeborenen, die alle Europäer erschlugen oder unter gräßlichen Martern zu Tode quälten. Eine eigenartige Illustration zu dem früher viel verspotteten Worte: „In Afrika wird immer nur der Neger herrschen“. Daß man die Neger militärisch ausgebildet und auch die Unteroffiziersstellen mit Farbigen besetzt hatte, rächte sich hier in verhängnisvoller Weise. Die europäischen Kolonialmächte wurden überall mit ihren eigenen Mitteln und was noch schlimmer war, mit ihren eigenen Waffen, die sie den Eingeborenen in die Hände gegeben hatten, bekämpft. An der ostafrikanischen Küste hielt sich außer Sansibar nur noch das britische Mombas. Die englischen Garnisonen, die die deutschen Kolonien besetzt hatten, verbluteten in Kamerun und Dar-es-Salam und Tanga bald unter den täglich wiederholten Sturmangriffen der Schwarzen. Taten eines schweigenden Heldentums, wie sie auf diesen verlorenen Außenposten europäischer Kultur nutzlos vollbracht wurden, blieben in Europa monatelang unbekannt; erst jetzt erfahren wir näheres aus den Erzählungen der Eingeborenen, die sich an jenen Kämpfen beteiligt hatten. Auch die Besatzungen in Britisch-Nigeria, in Dakar, St. Louis und Mombas lagen in den entfesselten Fluten dieses Völkeraufruhrs wie einsame Felsblöcke, an denen die Wogen unablässig nagten und bröckelten.

An den Hängen der Basutoberge.

Bei ihrem Rückzug nach Süden ins Kapland hatten die englischen Truppen die Eisenbahnen hinter sich zerstört, und der Bahnkörper war durch Dynamitsprengungen überall so zerrissen, daß seine Wiederherstellung mit den geringen Beständen an Schienenmaterial Wochen und Monate in Anspruch nahm. Und auch dann konnte man nur die Linie, die von Bloemfontein über Colesberg nach Süden führte, allein wieder notdürftig in stand setzen, so daß sie für Truppentransporte genügte. Mitte Oktober sollte die allgemeine Vorwärtsbewegung nach Süden beginnen, doch sollte es dazu nicht mehr kommen.

Man hatte bekanntlich zu Anfang des Krieges mit einem allgemeinen Kaffernaufstand gerechnet. Es hatten damals auch mehrere Volksversammlungen stattgefunden, die von den Führern der äthiopischen Kirche geleitet wurden. Da es aber nach einigen Plünderungen von Farmen und vereinzelten Mordtaten bald wieder überall ruhig wurde, hatte man sich der Hoffnung hingegeben, daß man die Offensivkraft der äthiopischen Propaganda doch überschätzt habe, und daß es auf der Seite der Eingeborenen noch an der nötigen Organisation fehle. Diese Auffassung behauptete sich während des Sommers und es schien in der Tat so, als ob das Prestige der europäischen Waffen doch noch so groß sei, daß die Kaffern sich nicht zu einem wirklichen Aufstand entschließen konnten. Allerdings blieben Gehorsamsverweigerungen der schwarzen Arbeiter auf den Farmen an der Tagesordnung und auch die mongolischen Minenarbeiter zeigten sich so aufsässig, daß man genötigt war, sie in einem Stadtviertel von Johannesburg zu internieren und dieses militärisch bewachen zu lassen.

Wenn sich in der Erdrinde vulkanische Eruptionen und Erdbebenkatastrophen vorbereiten, so kündigen sie sich dadurch vorher an, daß die Quellen ausbleiben, und in alten Geschichten ist zu lesen, wie jähes Entsetzen die Menschheit erfaßt, wenn das Quellwasser versiegt und die Lebensadern der Erde plötzlich in blutroter Farbe wieder erscheinen.

Anfang Oktober wurde aus dem gesamten Gebiete, welches die deutschen Truppen und die Burenmiliz besetzt hielten, gemeldet, daß im Zeitraume einer Woche fast sämtliche Kaffern nicht nur aus den Farmen verschwunden seien, sondern daß auch die Viehtreiber und die im Transportdienst beschäftigten Eingeborenen plötzlich davon gelaufen seien. Es war nur in den seltensten Fällen möglich gewesen der Flüchtlinge wieder habhaft zu werden. Es war, als habe der Erdboden die schwarzen Kerle aufgesogen. Der Offensivstoß ins Kapland wurde dadurch vereitelt, daß man sich nunmehr ganz anders einrichten und von der Feldarmee größere Kommandos an den Transportdienst abgeben mußte. Nur ungern entschloß man sich auch einige Hundert von den chinesischen Minenarbeitern einzustellen, aber die harte Notwendigkeit und der absolute Mangel an Arbeitskräften zwang zu dieser Maßnahme. Dann trafen die ersten Nachrichten von größeren Raubzügen bewaffneter Kaffernbanden im Osten der Oranjeriver-Kolonie ein, Geschichten von der scheußlichen Abschlachtung einzelner Farmen und ganzer Dörfer gingen von Mund zu Mund, und verbreiteten einen jähen Schrecken. Diese neue Gefahr bestimmte die deutsche Armeeleitung ein Bataillon, dem sich zwei größere Burenkommandos unter General Delarey anschlossen, östlich der Bahnlinie Bloemfontein-Colesberg zu detachieren und nach Maseru, am Fuße der Basutoberge, vorzuschieben.

Es war kurz nach Sonnenaufgang, als Major Findeisen zusammen mit General Delarey die Vorpostenlinie abritt. In der Nacht hatte sich unter dem Schutze der Dunkelheit eine Kaffernbande an die äußersten Posten herangeschlichen, und es bedurfte bei Tagesgrauen eines energischen Vorstoßes, um den zwischen den Termitenhügeln und dem niedrigen Buschwerk der Steppe versteckten Feind zurückzuwerfen. Auf dem Schauplatze dieses nächtlichen Kampfes hielt Major Findeisen neben Delarey, und beide blickten nach dem im Morgenlichte daliegenden dunklen Höhen des Basutolandes hinüber. Mit seinem Glase suchte der Major die Felsabhänge der Berge ab, da drängte er mit einem Ruck sein Pferd zu Delarey hinüber und reichte ihm das Glas, welches dieser jedoch zurückwies. Delareys scharfe Augen hafteten auch bereits an dem Felsplateau in halber Höhe der Berge, das von einer unermeßlichen Menge Kaffern wimmelte; auch die dahinterliegende Schutthalde war schwarz von Menschen. In der klaren Luft konnte man bemerken, daß den Mittelpunkt dieser Tausende von Kaffern ein einzelner Mann auf einem Felsblock bildete, der anscheinend eine Ansprache hielt. Die ganze Versammlung schien in wilder Bewegung zu sein. Man konnte an dem matten Blinken von Metall erkennen, wie die dunklen Gestalten ihre Gewehre über den Köpfen schwangen.

Petrus Mapanda.

Alle Hänge, die breite Fläche des Bergplateaus, alle Klippen und Felstrümmer waren überflutet von einer unendlichen Menge von Kaffern, zwischen denen die hohen Gestalten der Basutoneger um Haupteslänge hervorragten. Alle horchten den Worten des Mannes dort auf dem breiten Felsblock, dem einzigen ruhenden Punkt in dem Gewimmel wolliger Negerschädel. Petrus Mapanda predigte den Vernichtungskrieg gegen den weißen Mann. In seinen Händen hielt der Führer dieses Kaffernaufstandes ein holländisches Bibelbuch und mit weithin schallender Stimme kündete er seinen Hörern die uralte Geschichte, daß Jehovah sein Volk hinausführen wolle aus der Knechtschaft. Wie er allen, die seinen Namen bekennen und seine Gebote halten, das gelobte Land untertan machen wolle, das Land, aus dem ein räuberischer Feind, der auf seinen Schiffen über das Weltmeer gekommen, sie einst vertrieben. Petrus Mapanda erzählte, wie er in der Stille der Bergwüste auf den Gipfeln der Basutoberge einsame Zwiesprache gehalten habe mit Jehovah, der ihm das Schwert in die Hand gedrückt habe. Und der Messias der schwarzen Rasse, vor dem sich alle willig beugten, der gestern noch ein namenloser Kaffer, heute das Haupt der äthiopischen Kirche war, ergriff das Bibelbuch und las:

„Also zogen sie aus von Succoth und lagerten sich in Etham, vorn an der Wüste. Und der Herr zog vor ihnen her, des Tages in einer Wolkensäule, daß er sie den rechten Weg führete, und des Nachts in einer Feuersäule, daß er ihnen leuchtete zu reisen Tag und Nacht.“

Wie ein neuer Moses stand Petrus Mapanda auf dem Felsblock, inmitten der lautlos horchenden schwarzen Menge, die jetzt, als das Bibelwort verklungen, mit lautem Geheul ihre Gewehre in die Luft schwang und dem Propheten, der sie in das gelobte Land hinabzuführen versprach, in wilder Begeisterung zujauchzte. Weit sah man von dem hohen Bergplateau hinab in das flache Steppenland. Die in der klaren Luft deutlich erkennbaren kleinen deutschen Abteilungen, die nach Maseru hineinmarschierten, erschienen von hier oben wie Bleisoldaten aus der Spielschachtel. Vor der Postenkette hielten zwei Reiter, einer in der grau-gelben deutschen Uniform, der andere in dunklerer Kleidung. Man sah, wie mehrere Patrouillen jetzt in der Richtung auf die Berge vorgingen. Auge in Auge stand man sich vor der entscheidenden Stunde gegenüber. Wenn jetzt der schwarze Bergstrom hinunterdonnerte ins Tal, wenn unablässig von oben neue Massen nachfolgten, so mußte ein solcher Wasserschwall die kleine Schar des Feindes erdrücken und ersäufen, mußte das Land überschwemmen und die dunkle Woge weit hinaustragen, mußte alles Leben vor sich vernichten, mußte die Städte niederbrechen und zerstören, was der Fleiß eines Jahrhunderts gebaut. Und Petrus Mapanda begann von neuem, er erzählte, wie der gelbe Mann im fernen Osten ein Riesenreich zu Boden geworfen, wie der Japaner den Russen geschlagen, weil Jehovah von diesem, der seine Gesetze mißachtet und in den Staub getreten, alle Kraft genommen hatte. Jetzt habe Jehovah den Sinn der Feinde der schwarzen Rasse verwirrt, daß sie ihre Waffen im Kriege gegeneinander kehrten. „Die Weißen haben ihr Herz verhärtet gegen die Leiden des schwarzen Mannes, sie haben Gottes Gebote vergessen, haben Gottes Ebenbilder in die Kette der Sklaverei geschmiedet. Wie eine Feuersäule wird der Herr vor uns herziehen während der Nacht und wie eine Wolkensäule während des Tages.“ Der sich an seinen eigenen Worten berauschende Prophet deutete jetzt mit erhobenen Händen hinauf zu dem Gipfel des Berges, den eine Nebelwolke verhüllt hatte. „Seht ihr, dort ist Jehovah, dort ist unser Hort und unsere Hilfe! Seht, er sandte uns ein Zeichen, die Wolkensäule wird vor uns hergehen, wenn wir heute hinabsteigen in die Gefilde, da er die letzten Streitkräfte der Weißen vor uns niederwerfen wird wie Gras, welches in der Sonne verwelkt.“ Und die ragende Gebirgswelt hallte wider von dem begeisterten Schrei der Tausende und Abertausende die Petrus Mapanda jetzt hinabführte nach Etham-Maseru, am Rande der Wüste.