Memmo. Wahrhaftig, ich spreche im ganzen Ernst; frag nur den Falieri, der kann dir mehr erzählen.
Falieri. Höre, Parozzi, der Procurator Sylvio hats dem Dogen als eine heilige Wahrheit beschworen, daß kein andrer, als du, den Matteo zu Rosamundens Ermordung bestellt habest.
Parozzi. Nun, und ich sage euch, der Kerl raset.
Contarino. Aber nimm du dich in Acht. Gritti ist fürchterlich.
Falieri. Der Doge ist der elendeste Gauch von der Welt; er kann ein ganz guter Soldat sein, aber Kopf hat er nicht.
Contarino. Und ich schwöre dirs, Gritti ist wild wie ein Löwe und schlau wie ein Fuchs.
Falieri. Durch das verdammte Kleeblat, davon er der Stiel ist, der es um sich zusammen hält. Man nehme ihm den Sylvio, Conari, und Dandoli, so wird er dastehn, wie ein Schulknabe im Examen, dem mans Concept gestohlen hat.
Memmo. Ja, wahrhaftig.
Falieri. Und stolz ist der Gritti, wie ein Bauer, dem man ein Purpurkleid angezogen hat. Bei Gott, er ist unleidlich. Bemerkt ihr denn gar nicht, wie er täglich seinen Hofstaat vermehrt?
Memmo. So wahr ich lebe, du hast Recht.
Contarino. Und welche Gewalt er sich allenthalben anmaßt? Die Signoria, die Quaranti, die Procuratoren di St. Marco, die Avogadori wollen und wünschen nichts anders, als was dem Gritti gefällt. Alle hängen sie an dem Faden seiner Launen wie Marionetten, die ihre Holzköpfe schütteln oder verneigen, nachdem sie gezogen werden.
Parozzi. Und das Volk vergöttert diesen Gritti.
Memmo. Ja, das ist eben das schlimmste.
Falieri. Aber ich will verdammt sein, wenn sich das Spiel nicht bald dreht.
Contarino. Ja, nur angefangen, Leute. Aber was thun wir? da liegen wir in den Weinhäusern und Bordellen, saufen und spielen, stürzen uns in ein Meer von Schulden hinein, wo zulezt der beste Schwimmer ertrinken muß. Laßt uns den Anfang machen — laßt uns werben, laßt uns angreifen, die Verhältnisse müssen sich ändern, oder es geht in dieser Welt mit uns nicht gut.
Memmo. (seufzend) Freilich, freilich, die Gläubiger zerklopfen mir schon seit einem halben Jahr die Thüren, wekken mich des Morgens aus dem Schlaf und lullen mich des Abends mit ihren Klagen wieder ein.
Parozzi. Ha, ha, ha! nun ihr wißt ja, wie mirs geht! —
Falieri. Hätten wir minder flott gelebt: so würden wir izt ruhig sizzen können in unsern Pallästen, und — Aber izt —
Parozzi. Nun, wahrhaftig, ich glaube Falieri hält uns eine Buspredigt.
Contarino. So machens die alten Sünder sammt und sonders, wenn sie nicht mehr sündigen können, dann geloben sie hoch und theuer Reue und Besserung. Nein, ich bin zufrieden mit meinen Ausschweifungen; ich seh doch daraus, daß ich kein Alltagsmensch bin, der mit seinem Pflegma hinter dem Ofen zusammenschurrt, Federn spizt, Männerchen malt und vor ungewöhnlichen Einfällen schaudert. Die Natur hat mich einmal zum Wildfang geboren, und ich will meine Bestimmung erfüllen. — Brächte der Himmel nicht zuweilen Geister wie die unsrigen hervor: so würden die Menschen endlich einschlafen. Aber wir treiben die alte Ordnung aus ihren Fugen, und die Menschen aus ihrem Schnekkengang, geben einer Million Müßiggänger Räthsel auf, jagen einige hundert neue Ideen durch die Köpfe der großen Menge, verursachen allgemeine Gährung und sind zulezt der Welt so nüzlich, wie ein Sturmwind der trägen, sich selbst vergiftenden Natur.
Falieri. Prächtige Floskeln, so wahr ich Falieri heiße; Contarino; das alte Rom vermißt dich. — Allein Jammer und Schade, daß an dem Geklimper deiner Worte so wenig Realitäten hängen! — siehst du, inzwischen du vielleicht mit deinem Rednertalent barmherzigen Ohren ermüdet hast, hat Falieri gehandelt. Der Kardinal Grimaldi ist mit der Regierung unzufrieden, Gott weis es, wodurch ihn Gritti wider sich aufgehezt hat — kurz Grimaldi ist von unsrer Parthei.
Parozzi. (erstaunt und froh) Falieri, bist du toll — der Kardinal Grimaldi?
Falieri. Und er hängt an uns mit Leib und Seele. Freilich, ich habe ihm viel von unsern edeln Absichten, von unserm Patriotismus, von unsrer Freiheitsliebe vorneindbeuteln müssen, aber Grimaldi — ist ein Pfaffe, das heißt, ein Gauner! und so taugt er für uns.
Contarino. (reicht dem Falieri die Hand) Bravo, — Herr Bruder, wir spielen den Katilina zu Venedig! — Was mich betrifft, so hab auch ich gehandelt. Zwar hab ich für uns noch keinen großen Fang gethan, aber doch besizze ich ein großes allmächtiges Nez, womit ich den besten Theil Venedigs zu unsern Plänen zusammenfischen werde. — Ihr kennt doch die Markise Almeria?
Parozzi. Hält nicht jeder von uns eine Liste der Venetianerinnen, und wir sollten No. I vergessen haben?
Falieri. Almeria und Rosamunde, die Losung aller Venetianer.
Contarino. Almeria ist mein.
Falieri. Was?
Memmo. (durch die Zähne) Pest!
Parozzi. Almeria?
Contarino. Nun, gafft ihr mich nicht an, als weissagt ich euch den Einsturz des Himmels? — Kurz, ich bin Almeriens Favorit, und mit ihr aufs innigste vertraut. Aber unsre Liebschaft wird verdekt gehalten; was ich will, will auch sie, und wie sie pfeift, so tanzt Venedigs halber Adel.
Parozzi. Contarino, du bist unser Meister.
Contarino. Und nun ahndet ihr doch nicht, welche Macht ich in den Händen habe?
Parozzi. Ich schäme mich vor euch, denn noch hab ich nichts gethan. Wär’ Rosamunde ermordet: so würd’ ich, wenigstens euch vorlügen können, daß ich sie für mein Geld habe in den Himmel bringen lassen, damit Gritti den Hamen verlöre, womit er Venedigs erste Männer an sich gefangen hält. Lebt Rosamunde nicht mehr: so verliert Gritti allen Reiz; die glänzendsten Häuser werden von ihm ablassen, wenn ihre Hofnung zu Grabe geht, sich mit dem Gritti durch Rosamundens Verheurathung zu verbinden. Sie erbt einmahl vom Dogen.
Memmo. Und damit ich eurer würdig sei, will ich — Geld schaffen. Mein alter, grämlicher Oheim hinterläßt mir dem Universalerben volle Kisten — und der alte Filz, kann ja sterben, wenns mir gefällt.
Falieri. Er hätte längst sterben können.
Memmo. Ich war nur zu ängstlich — wahrhaftig Leutchen, ihr glaubts nicht, ich bin zuweilen so hypochondrisch, daß es mir ist, als hätt’ ich Gewissensbisse.
Contarino. Freund, nimm einen guten Rath an. — Geh ins Kloster!
Memmo. He, he, he, he!
Falieri. Wir müssen die alten Freunde, — Matteo’s Gesellschaft aufsuchen; die Gauner lassen sich jezt nirgends wittern.
Parozzi. Und vor allen Dingen muß das Kleeblatt des Dogen verdorren oder abgerissen werden.
Contarino. Vortrefliche Vorsäzze! wahrhaftig, wenn sie nur so schnell erreicht, als geträumt wären. — Kurz, Freunde, wir begraben entweder unser Elend unter den Ruinen der alten Staatsverfassung, oder wir befestigen dieselbe noch mehr durch unsere Todtenschädel. — In beiden Fällen erlangen wir Ruhe. Die Noth hat uns mit ihrer Geissel nun hinaufgepeitscht auf den lezten Gipfel ihres Felsen, wo wir entweder uns durch einen Geniestreich erretten, oder von der andern Seite in den Abgrund ewiger Vergessenheit und Schande hinunterschwindeln müssen. — Laßt uns izt nur raffiniren: woher Geld zu den nöthigsten Unkosten und woher Theilnehmer an unsern Plänen? Geht hin, und erobert die berühmtesten Mezzen Venedigs, auf deren Altären der Staatsmann, Mönch und Bürger opfert. Was wir mit aller Beredsamkeit, Banditen mit ihren Dolchen, Prinzen mit ihren Geldbörsen nicht vermögen, kann solch eine Phryne mit einem einzigen Blik. Wo der Wiz des Pfaffen scheitert und die Gewalt des Kriminalrichters ohnmächtig wird, kann noch ein Kus, ein süsses Versprechen Wunder thun. An dem wollüstigen Busen solcher Weiber schläft endlich die wachsamste Treue ein: ein Kus von solchem Weibe thaut der stummen Verschwiegenheit die Lippen auf und eine Schäferstunde kann die heiligsten Grundsäzze zu Grabe läuten.
Oder will euch das Glük bei den Weibern nicht wohl, oder fürchtet ihr euch selber in den Nezzen verwirren zu können, die ihr für andere ausspannt: so versuchts mit den Pfaffen. Schmeichelt den Stolz dieser Hochmüthigen, malt ihnen auf das leere Blatt der Zukunft Kardinalshüte, Patriarcheninsuln, Bischofsstäbe und Pontificalien. Ich schwör es euch, sie haschen zu, und ihr habt sie in eurer Gewalt. Sie, die Gewissensräthe der bigotten Venetianer, lenken Mann und Weib, Edelmann und Bettler, Gondolier und Dogen, Gelehrte und Laien am Zaum des Aberglaubens. Habt ihr die Pfaffen für euch: so könnt ihr Tonnen Goldes ersparen, um die Gewissen zu bestechen, denn sie handeln mit dem lieben Gott in Compagnie, und verschenken nach ihrem Gefallen bald die ewige Seligkeit bald die höllische Verdammnis.
Neuntes Kapitel.
Mollas Häuschen.
Kaum hatte Abaellino die berüchtigte That vollbracht, die nun allen Venetianern Stoff zum Plaudern gab: so entwischte er so glüklich, daß man auch nicht den geringsten Umstand vorfinden konnte, der ihn, als dem Thäter verrathen, oder die Spuren seiner Flucht entdekken konnte.
Er kam an Molla’s Häuschen — es war schon gegen Abend. Molla öffnete die Thür und er begab sich ins Zimmer. „Wo sind die andern?“ fragte er in einem wilden Ton. Molla erschrak:
„Sie schlafen schon seit dem Mittag. Wahrscheinlich wollen sie in der Nacht auf die Jagd gehn.“ —
Abaellino warf sich gedankenvoll auf einen Sessel.
„Aber du bist ja so düster, Abaellino? sieh nur, du wirst dadurch so häslich. Weg mit den Falten von der Stirn, sie entstellen dich noch mehr.“
Abaellino antwortete ihr nicht.
„Aber ich fürchte mich endlich vor dir. Sei doch freundlich du Riese! ich fange wirklich schon an dir gut zu werden, und deinen Anblik zu ertragen und“ — — —
„„Wekke die Schläfer!““ brummte der Bandit.
„Ei, laß sie doch schlafen, die trägen Kerls, fürchtest du dich denn mit mir allein zu sein? Seh ich denn so schreklich aus, wie du? — sieh mich doch einmal an.“
Sie stellte sich in ihrer kleinen, runden Figur vor ihm hin, und schielte lächelnd mit lüsternen Augen zu ihm hinüber. — Molla war in der That nicht häslich; ihr Stumpfnäschen, ihr brennendes Auge, ihr blondes Haar, das hinter der Haube wild über den vollen Busen herabstürzte, der in diesen Augenblikken ohnedies nur sehr leicht bedekt war, machte sie niedlich. Allein Molla wußte auch, daß sie ein Stumpfnäschen, einen sprechenden Blik, ein blondes Haar, und einen vollen Busen hatte. Und ihr Karakter war daher — wie der Karakter der meisten Mädchen und Weiber in einem gewissen Alter, in allen Ständen. Ein Mädchen, die es ihrem Spiegel und ihren Schmeichlern glaubt, es sei schön, ist auf dem halben Wege, ihre Unschuld zu verlieren. — Molla übrigens war weder Mädchen noch Weib, sondern — — — was viele ihres Alters und Geschlechts sind.
„Aber sei doch nicht so tükkisch, lieber Abaellino!“ sagte sie und sezte sich dicht neben ihn nieder und strich ihm mit ihrer runden Hand die schwarzen Lokken von der Stirn.
„„Wekke die Schläfer!““ rief Abaellino, und stierte sie verdrüslich an.
„Ei, ich glaube gar, der Schelm will trozzen!“ sagte sie und stand auf, warf sich auf seinen Schoos, sah ihn in die Augen — und das Halstuch fiel ab.
„Bösewicht! rief sie, was machst du?“
Abaellino konnte sich des Lächelns nicht erwehren.
„Lache nur noch!“ sagte sie lächelnd und faltete die Stirn, um zornig zu scheinen, vergab ihm aber bald die nicht begangne Sünde, schlang ihre Arme um ihn und drükte ihn an sich.
„„Du bist ein gutes Mädgen, Molla!““ entgegnete er, sties sie sanft zurük und stand auf: „„in einer halben Stunde wollen wir uns beide mehr erzählen, jezt rufe die Schnarcher herbei, ich muß sie sprechen!““
Molla entfernte sich schweigend und drohte ihm im Zurüksehn mit dem Zeigefinger.
Abaellino gieng mit starken Schritten durchs Zimmer, den Kopf auf die Brust gesenkt, die Arme untereinander geschlagen. „Der erste Schritt,“ dachte er bei sich! „der erste Schritt ist gethan; ein moralisches Ungeheuer weniger in der Welt. Ich habe in diesem Morde nicht gesündigt, sondern mich geheiliget. — Gott, steh mir bei, ich habe ein großes Werk vor mir. — Ach, und dann soll Rosamunde der Lohn meiner Mühseligkeiten — Rosamunde? die Nichte des Dogen dem verworfnen Abaellino — o, in Ewigkeit geht es hier nicht gut zu Ende. Aber welch ein toller Einfall, ein Mädchen beim ersten Anblik — — Aber auch nur eine Rosamunde kann durch ihr erstes Erscheinen fesseln. — Rosamunde und Emmoina! — — Doch es ist schön nach Unmöglichkeiten zu haschen, es belustigen Träume wenigstens, und der arme Abaellino bedarf Belustigung. O wüßte die Welt, was Abaellino vollführen wird, ach sie würde ihn gewis lieben und bemitleiden! —“
Molla trat herein. Ihr nach folgten schlaftrunken, gähnend und schlaff Thomas, Baluzzo, Petrini und Struzza.
„Reibt euch den Schlaf von den Augen, und überzeugt euch, daß ihr wachend seid, denn ihr sollt etwas hören, was ihr kaum im Traume glauben würdet.“
Alle sahn ihn gleichgültig an. „Nun was ists denn?“ fragte Thomas und dehnte sich schläfrig.
„Nichts mehr und nichts weniger, als daß unser braver, schlauer, tapfrer Matteo — ermordet ist.“
„„Wie? — ermordet!““ lallte jeder und starrte den Hiobsboten mit erschroknen Blikken an, und Molla schlug die Hände über den Kopf zusammen und sank kreischend auf den Sessel nieder, auf welchem sie vor wenigen Minuten noch um Abaellinos Zärtlichkeit buhlte.
Es herrschte eine allgemeine Stille.
„Donner und Wetter!“ rief endlich Struzza und trat ein paar Schritt zurük.
Thomas. Von wem?
Baluzzo. Wo?
Petrini. Diesen Nachmittag?
Abaellino. Vor einigen Stunden im Dolabellischen Garten, wo er die Nichte des Dogen aufgesucht hatte — wer ihn ermordet, das weis der Himmel.
Molla. (heulend) Der arme Matteo.
Abaellino. Morgen um diese Zeit findet ihr seinen Leichnam auf dem Rabenstein.
Petrini. Hat man ihn denn erkannt?
Abaellino. Freilich.
Molla. Der arme Matteo!
Thomas. Ein verdammter Streich!
Baluzzo. Verflucht, das hat ihn nicht geahndet, da er von uns ging, und uns allen nicht.
Abaellino. Nun, ihr scheint darüber bestürzt zu sein? —
Struzza. Ich kann mich noch nicht erhohlen — Der Schrek hätte mich fast zu Boden geschlagen.
Abaellino. Ei, beileibe, ich lachte, als ich die Botschaft erfuhr. So früh schon am Ziele! dacht ich.
Thomas. Was?
Baluzzo. Ich sähe darinn nichts lächerliches wahrhaftig!
Abaellino. Ihr fürchtet euch doch nicht davor, eine Gabe zu empfangen, die ihr selber so gern austheilt? — Wohin strebt ihr? was dürfen wir am Ende unsrer Arbeiten zum Dank fodern, als Galgen und Rad und Scheiterhaufen? welche Monumente dürfen wir für unsre Thaten fodern: als Schandsäulen und Rabensteine? Wem es gelüstet auf dem großen Welttheater die Rolle des Banditen zuspielen, der muß vor dem Tode nicht schaudern, er komme in Gesellschaft des Arztes, oder des Henkers. Also lustig!
Thomas. Das sei hier der Gottseibeiuns, ich kanns nicht sein.
Struzza. Mir klappern die Zähne.
Petrini. Hör’, Abaellino, laß uns ein vernünftiges Wort mit einander sprechen. Dein Wiz wird hier fürchterlich.
Abaellino. Ha, ha, ha, ha!
Molla. Ach du armer, unglükseliger Matteo!
Abaellino. Nicht doch, Molla, mein Schäzchen, wer wollte so sehr verrathen, daß man ein Weib sei. Komm und laß uns das Gespräch fortsezzen, das ich vorhin zerriß. Sez dich zu mir und gieb mir ein Mäulchen. —
Molla. Geh, Ungeheuer.
Abaellino. Hat Liebchen die Laune verloren? Nun wohl, sie wird schon zurükkehren, und wer weis, wie es dann um die meinige steht.
Baluzzo. Daß dich der Geier fasse, Abaellino, du bist unausstehlich!
Abaellino. Bist du eifersüchtig? Ho, ho, befürchte nichts!
Baluzzo. Verdammt seist du mit deinem hirnlosen Gewäsch; saalbadre ein andermahl. Jezt laß uns überlegen, was zu thun sei?
Petrini. Freilich, es ist hier nicht die Zeit zum Spassen.
Thomas. Abaellino, ich halte dich für einen gewizten Kerl, gieb Rath, was sollen wir thun?
Abaellino. (nach einer Pause) Nichts oder vieles. Entweder wir bleiben, was wir sind, und wo wir sind, morden für Geld und gute Worte einem Schurken zum Gefallen jeden ehrlichen Mann, lassen uns zulezt hängen, rädern, braten, an die Galeeren schmieden, kreuzigen und köpfen, je nachdem es der blinden Justiz behagt, oder — —
Einige. Oder?
Abaellino. Oder wir theilen unsern Raub, verlassen die Republik, beginnen ein ehrliches Leben, und söhnen den Himmel wieder mit uns aus. Seht, ihr habt izt soviel, daß ihr zeitlebens nicht in die verlegne Frage gerathen dürfet: woher nehmen wir Brod? — Ihr kauft euch in einem fernen Lande eine Villa, oder ein Wirthshaus, oder treibt Handel, oder ein Gewerbe, welches euch besser gefällt, als die Meuchelmörderei. Ihr mustert die Schönen, wählt euch ein Weibchen, zeugt Söhne und Töchter, eßt und trinkt und wezt die Scharten aus, durch eure Ehrlichkeit, die ihr durch Büberei schluget.
Thomas. Ha, ha, ha!
Abaellino. Was ihr thut, will auch ich thun, in eurer Gesellschaft laß ich mich entweder hängen und rädern, oder zum ehrlichen Kerl machen. — Nun wählt!
Thomas. Ein alberner Rath!
Baluzzo. Die Wahl hält nicht schwer.
Abaellino. Ich sollt’ es auch glauben.
Thomas. Wir bleiben beisammen, und treiben nach wie vor unser altes Gewerbe. Das bringt Geld und ein flottes Leben.
Petrini. Mein Seel, Kerl, du sprichst mir aus dem Herzen.
Thomas. Wir sind zwar Banditen, aber doch ehrliche Kerls, und der Donner über den, der dies läugnet. Vor allen Dingen aber müssen wir uns einige Tage eingezogen halten, damit wir nicht etwa verrathen werden, denn der Doge hat gewis izt seine Spione allenthalben. Dann aber schleichen wir uns, erkundigen uns nach dem Mörder Matteo’s und erdrosseln ihn zum warnenden Beispiel gratis.
Alle. Bravo! bravissimo!
Petrini. Und du, Thomas, bist dafür von heut an unser Meister.
Baluzzo. Ja, an Matteo’s Stelle.
Alle. Ja, ja!
Abaellino. Und ich sage, als ein braver Gesell hierzu mein herzliches Amen.
Zweites Buch.
Erstes Kapitel.
Der Geburtstag.
In ängstlicher Einsamkeit, eingeriegelt in ihren dumpfen Kammern, betrauerten die Banditen den Tod ihres Matteo; jeder Schlag an ihre Thüren machte sie zittern; jedes Geräusch auf der Straße machte sie grausen.
Fröhlicher aber und herrlicher gings im herzoglichen Pallast einher. Der Doge feierte den Geburtstag seiner schönen Nichte Rosamunde, und Venedigs Adel, die Gesandten und hohen Fremden machten mit ihrer Gegenwart dieses Fest zum glänzendsten in seiner Art.
Keine Herrlichkeit war hier gespart, keine Quelle der Freude verschlossen geblieben. Ueppig buhlten alle Künste um den Vorrang; Venedigs erste Dichter besangen diesen Tag schöner, als je, denn sie sangen Rosamunden; die Tonkünstler und Virtuosen verschwendeten hier die Allmacht der Musik, denn es galt Rosamunden; alle athmeten Seligkeit, alles schwelgte in der seltnen Verbindung jeder Freude; der Geist des Vergnügens umschwebte den Greis und den Jüngling, die Matrone und das Mädchen.
Selten hatte man den alten Dogen heiterer erblikt, als an diesem Tage. Er war ganz Leben, die fröhlichste Laune schwebte um seinen Lippen; gnädig und herablassend lies er niemanden seine Hoheit beahnden. Er scherzte bald mit den Damen, schwärmte bald unter den Masken umher, die den Ball glänzend machten, spielte bald mit den Feldherrn und Admiralen der Republik im Schach, überwand und lies sich überwinden, bald nekte er Rosamunden, und warnte sie, ihr Herz zu bewahren.
Dandoli, Sylvio und Canari, seine treuen Freunde und Räthe vergaßen ihr graues Alter; mischten sich unter die jungen Venetianerinnen und trugen scherzend jeder ihre Liebe an, nekten und ließen sich nekken.
„Als wir vor Scardona lagen, Canari, und die Türken uns dort den Sieg so schwer machten, da waren wir nicht so vergnügt, als an diesem Abend. Nicht so?“ rief Andreas Gritti dem alten Canari zu, der in eben dem Augenblik in das Seitenzimmer hinein trat, worin sich der Doge mit seiner Nichte allein befand.
„Warlich nicht, gnädigster Herr aber es ruht sich nach solchen Arbeiten schön! — Ich denke noch immer mit frohem Schauder an den neblichten Novemberabend, da wir Scardona eroberten und den halben Mond von den Stadtmauern hinunterstürzten! Bei Gott, unsre Venetianer fochten wie die Löwen!“
Gritti. Nun, alter Kriegsgefährte, trinkt; wir haben uns Ruhe erstritten.
Canari. Ruh und Lorbeern. — O, bei Gott, ich bin glüklich und glüklich ist jeder der unter euern Fahnen gefochten. Ihr, gnädigster Herr, habt mich verewigt; wer hätte in der Welt an Canari gedacht, wenn Canari nicht mit dem großen Gritti gefochten hätte, und in Sicilien und Dalmatien die ewigen Trophäen der Republik Venedig aufgepflanzt hätte mit dem großen Gritti.
Gritti. (sanftlächelnd) Der Cyprier besticht eure Fantasie, braver Canari.
Canari. Freilich sollt ich euch nun wohl nicht gradezu den Großen nennen, und in eurem Beisein loben, aber ich bin alt, und mag mich nicht verstellen; mögen das unsre jungen Hofschranzen thun, die noch nicht im Pulverdampf da standen und für Venedig und Andreas Gritti fochten. —
Gritti. Alter Schwärmer! — wird der deutsche Kaiser auch so denken?
Canari. Wenn Karl der fünfte nicht betrogen wird, oder sein Stolz noch die Größe eines andern ertragen kann: so muß er bekennen: Ich fürchte den Gritti von Venedig, aber auch er nur allein ist mir auf Erden überlegen! bei Gott, das muß Karl.
Gritti. Sollte ihn die Antwort beleidigen, die ich seinem Gesandten gab, da er mir die Gefangennehmung des Königs von Frankreichs notifizirte? —
Canari. O, gewiß, gnädigster Herr, gewiß. Aber sei es auch. Venedig zittert, so lange Gritti lebt, nicht. — Aber gnädigster Herr, wenn ihr einmal werdet heimgegangen sein zur ewigen Ruhe und eure Helden mit euch! O, Venedig, Venedig, ich fürchte deine goldne Zeit neiget sich zum Untergange!
Gritti. Lassen nicht unsre jungen Offiziere vieles hoffen?
Canari. Ach was sind die meisten? Helden in den Feldern der Liebe; Helden hinter den Pokalen; entnervte Jünglinge, schlaff an Körper und Geist. Doch halt, — nein! o, wenn man alt wird, oder neben einen Andreas Gritti steht, da vergißt man doch so leicht das wichtigste. — Ich habe eine Bitte an euch, mein Doge, eine große Bitte.
Gritti. Ich bin neugierig.
Canari. Seit acht Tagen befindet sich hier ein junger florentinischer Edelmann, Flodoard heißt er, ein herrlicher, vielversprechender Mann.
Gritti. Nun?
Canari. Sein verstorbner Vater war mein sehr guter Freund, er ist nun gestorben, der alte ehrliche Graf. Er diente in seiner Jugend mit mir auf einem Schiffe, hat manchen Türkenkopf hinweggesäbelt. — Es war ein braver Soldat!
Gritti. Ihr vergeßt seinen Sohn.
Canari. Sein Sohn hält sich jezt in Venedig auf und will in Dienste der Republik gehn. Ich bitte bei euch für ihn, stellt den jungen Mann irgend wo an; er wird einmal Venedigs Stolz sein, wenn unsre Asche vom Winde verweht ist. Ja, bei Gott, das wird er!
Gritti. Hat er Kopf?
Canari. Kopf und Herz, wie sein Vater. Wollt ihr ihn sehn, ihn sprechen? er ist unter den Masken dort im großen Saale. — Noch eins — er hat von den Banditen gehört, die in Venedig umherspuken, das erste Probestük seiner Schlauheit will er euch dadurch ablegen, daß er dieß unsichtbare Gesindel, dem unsre Polizei vergebens nachspürt, dem Criminalgericht in die Hände spielt.
Gritti. (verwundert) Wie ist das möglich? Graf Flodoard heißt er? sagt diesem Flodoard, ich verlange ihn zu sprechen.
Canari. O, nun hab ich schon die Hälfte oder alles gewonnen. Denn Flodoarden sehn, und nicht lieben, hält so schwer, als einen Blik ins Paradies thun und ohne Lüsternheit zu verbleiben. Flodoarden sehn und ihn hassen ist so unmöglich, wie den Blindgebohrnen das Tagslicht zu hassen, das er zum erstenmahl erblikt, da ihm der Staar vom Auge gezogen, wird.
Gritti. (lächelnd) Ich habe meinen alten Canari nie so schwärmerisch gefunden, als diesen Abend.
Canari. O, bei Gott, gnädigster Herr, die Flodoarde waren seit den frühsten Zeiten gros. Ihres Geschlechts Stamm trug schon damals herrliche Zweige, als das Geschlecht der Gritti, Canari, Dandoli und Falieris noch unter den wilden Gesträuchen keimte. Und ich glaube, jede Ceder grünt noch und giebt berühmte Zweige von sich, wenn unsre Familien rings umher ausgestorben sind, wie dürres, schwaches Pflanzwerk.
Gritti. Zeiget mir doch den Wundermann!
Canari. (im Aufstehn.) Ich werd ihn herbeirufen. Ach, es thut mir wohl meinen alten verstorbnen Waffenbruder Flodoard in seinem Sohn wieder lieben zu können. — Und, ihr edle Donna, hütet euch! hütet euch! (geht ab)
Rosamunde. Führt nur euern Helden vor, ihr habt meine Neugierde gespannt.
Gritti. Warum sonderst du dich so lange von den Tänzern ab, Rosamunde?
Rosamunde. Ich bin ermüdet, und jezt fesselt mich noch die Neugier, den hochgepriesenen Flodoard zu sehn. — Ach, lieber Oheim, mir deucht, ich kenne ihn schon. Unter allen Masken zeichnet sich vorzüglich eine griechische aus, und zeichnet sich so aus, daß man sie mit dem flüchtigsten Blik unter tausenden erkennt. Eine schlanke, große Gestalt, in jeder Bewegung so angenehm, — und tanzt so treflich.
Gritti. (lächelnd mit dem Finger drohend) Nichte! Nichte!
Rosamunde. O, fürwahr, lieber Oheim ich lüge nicht — aber doch kann es sein, daß der florentinische Flodoard und der Grieche zwei Personen — — seht, Oheim, seht dort hinunter, da, da steht der Grieche!
Gritti. Und Canari neben ihm. — Sie kommen! Nun, du bist im Errathen glüklich — —
Der Doge hatte kaum seine Worte vollendet, als der alte Canari hereintrath, einen schlanken Griechen an seiner Hand führend.
„Seht hier den Grafen Flodoard, der um eure Gnade bittet!“ sagte Canari, und Flodoard entblößte ehrerbietig sein Haupte, zog die Larve vom Gesicht und verneigte sich tief vor Venedigs großen Dogen.
Gritti. Ihr wollet in die Dienste unsrer Republik treten?
Flodoard. Wenn. Ew. Durchlaucht mich für dieselben würdig finden.
Gritti. Canari versprach mir viel Gutes von euch. Warum hat euch euer Vaterland nicht behalten?
Flodoard. Weil dort kein Gritti lebt.
Gritti. Bestätigt es sich, daß ihr die Banditen in Venedig aufgespürt habt?
Flodoard. Ich zweifle nicht daran sie aufspüren, und sie euren Gerichten überliefern zu können.
Gritti. Das wäre in der That von einem Fremdling viel. Ich bin begierig zu wissen ob ihr Wort halten könnet.
Flodoard. Morgen oder Uebermorgen Durchlauchtigster Herr, hab ich mein Versprechen erfüllt.
Gritti. Und das verspreche ihr so fest? Wißt ihr was es heißt, Banditen zu fangen? dies Gesindel ist unsichtbar und allgegenwärtig, man sieht es allenthalben, und nirgends, und noch ist es den Polizeibedienten der Republik nicht möglich gewesen diese Brut zu erhaschen, wiewohl kein Winkel in Venedig existirt, den unsre Spione nicht kennen, nicht durchstöbern.
Flodoard. Ich schäzze mich glüklich dem großen Dogen von Venedig mich durch solches Probestük empfehlen zu können.
Gritti. Wenn ihrs vollbracht habt, dann kommt zu mir. Jezt wollen wir uns der Freude überlassen, der dieser Tag geheiligt ist. — Führt meine Nichte zum Tanz, wenn ihr wollet.
Flodoard. Ein angenehmer Befehl. —
Rosamunde stand an den Sessel ihres ehrwürdigen Oheims gelehnt, und musterte den Grafen, und dachte an Canari’s Worte: ihn sehn und ihn nicht lieben hält so schwer, als einen Blik ins Paradies werfen, ohne lüstern zu werden. Und Rosamunde gab dem alten Canari recht. Ein helles Roth überflog sie, da der Oheim den Befehl gab, sie war verlegen, und wußte nicht, ob sie vor oder zurüktreten müßte.
Und wären manche meiner Leserinnen in Rosamundens Stelle gewesen, so zweifle ich gar nicht, daß sie in gleiche Verlegenheit gerathen wären. Denn eine Gestalt, wie die Gestalt des Flodoard, ein Gesicht mit einer so empfehlenden Physiognomie, mit solchen karakteristischen Zügen, die dem Künstler nichts mehr übrig ließen, wenn er das Ideal männlicher Schönheit darstellen wollte, Züge, welche laut sprachen, dieser Jüngling trägt ein Heldenherz im Busen — ach, die können ein armes, schwaches, unbefangnes Mädchen leicht in Verlegenheit sezzen.
Flodoard nahm Rosamundens Hand und führte sie in den Saal der Tänzer. Hier drehte, hier schwang sich alles nach den Harmonien des rauschenden Orchesters in lieblichen Gruppen beim Schimmer der brennenden Kerzen. Aber Flodoard gieng bebend und bebend Rosamunde an Flodoards Hand vor den Reihen der Tänzer vorüber — sie verloren sich bis zum fernsten Ende des herzoglichen Saals und blieben sprachlos an einem Fenster stehn, und sahn sich an, und sahn zu den Tänzern, und dann zum Mond hin und vergaßen sich und Tänzer und Mond und waren jeder allein mit sich beschäftigt.
„Fräulein, sagte Flodoard endlich nach langem Stillschweigen: das heiß ich unglüklich sein!“
„„Unglüklich? Ich verstehe euch nicht, Herr Graf, wer ist denn unglüklich?““ entgegnete die schöne Rosamunde, und sah dem Jüngling ins Auge, und lächelte sanft.
„Der, der in Elysium hineintritt und mit allem fremd ist; der, dem da dürstet, und den Pokal vor sich sieht, welcher nicht für ihn gefüllt ist.“
„„Seid ihr der Fremdling in Elysium etwa, oder der Dürstige neben dem Pokal, der nicht für ihn gefüllt ist? Es scheint, als wolltet ihr, daß ich eure Worte so verstände.““
„Ihr habt es verstanden, schöne Rosamunde. Und, sagt, bin ich nicht recht sehr unglüklich?“
„„Wo ist denn das Elysium, in welchem ihr fremd wäret?““
„Um Rosamunden ist Elysium.“
Rosamunde schlug die Augen nieder.
„Seid ihr böse? hat euch diese Offenherzigkeit gekränkt?“ fuhr Flodoard schnell fort, und zog schüchtern ihre schöne Hand an sich. —
„„Herr Graf, Florenz ist eure Vaterstadt? in Venedig haßt man Galanterien dieser Art. Wenigstens haß ich sie, und von euch wünsch ich sie am wenigsten zu hören.““ Sagte Rosamunde.
„Nein, Fräulein, so wahr ich lebe, hier lauschte hinter den Worten keine Schmeichelei.“
„„Dort tritt der Doge in den Saal — Canari und Sylvio neben ihm, er wird uns im Tanze vermuthen. Kommt zu den Tänzern!““
Flodoard folgte ihr schweigend. Der Tanz begann. — Himmel, wie schön war Rosamunde, wenn sie um Flodoarden nach den süssen Akzenten der Musik hinschwebte — wie schön war Flodoard, wenn er durch die unabsehbare Reihe der Tanzenden hinflog, und sein Auge Rosamunden suchte! Er war entlarvt noch und baarhäuptig, aber jedes Auge glitschte ab von den Federhüten und Helmen, und hin zu dem wilden hochfliegenden schwarzen Haargekräusel des schönen Flodoard. — Im Saal erhob sich ein Geflüster; die Tänzerinnen vergaßen ihre Touren, und die Herzen ihren gewöhnlichen Takt.
Zweites Kapitel.
Flodoard.
Einige Abende nachher sas Parozzi mit dem Memmo und Falieri auf seinem Zimmer, trübe leuchteten die Kerzen, trübe und stürmisch wars draußen am Himmel und düster wars in der Seele dieser Wüstlinge.
Parozzi. (nach einer langen Stille) Seid ihr eingeschlafen? He, Falieri, Memmo, trinkt doch.
Falieri. Dein Wein schmekt mir heut wie Galle.
Parozzi. Die verdammten Schurken!
Memmo. Du meinst die Banditen?
Parozzi. Keiner läßt sich wittern. Es ist bis zum sterben ärgerlich.
Falieri. Und die Zeit verstreicht, unsre Pläne werden verrathen, und wir sizzen dann in den venetianischen Staatskerkern dem Pöbel zum Hohngelächter.
(abermahlige Stille)
Parozzi. (seufzend) Flodoard! Flodoard!
Falieri. Der Kardinal Grimaldi erwartet mich noch diesen Abend.
Memmo. Nun ich denke Contarino kann nicht mehr lange ausbleiben.
Falieri. Er schwelgt gewis in diesen Augenblikken bei Almerien und vergißt Gott, uns, die Republik und Banditen.
Parozzi. Also ihr kennt den Flodoard nicht?
Memmo. Ich kenne ihn nur von Rosamundens Geburtsfest.
Falieri. Parozzi ist eifersüchtig.
Parozzi. O wahrhaftig nicht. Mag Rosamunde ihre Hand dem deutschen Kaiser oder dem ärmsten Gondelier in Venedig schenken, es wird mir gleichgültig sein.
Falieri. Ha, ha, ha, ha!
Memmo. Aber gestehn muß es der Neid, daß Flodoard der schönste Mann unterm Monde ist. — Bei Gott, wär ich ein Weib, ich müßte ihn lieben.
Parozzi. Nun ja, wenn die Weiber Närrinnen deines Kalibers wären, und auf die Schale mehr, als auf den Kern achteten — —
Memmo. Wie denn die Weiber einmal sind.
Falieri. Der alte Canari scheint mit dem Flodoard schon seit alten Zeiten bekannt gewesen zu sein.
Memmo. Freilich, der Graukopf hat ihn ja dem Dogen vorgeführt.
Parozzi. (knirschend) Brüder, es nimmt ein trauriges Ende.
Memmo. (seufzend) Dem Himmel seys geklagt.
Parozzi. Still! — es wird unten gepocht.
Memmo. Contarino ist’s. Nun werden wir bald hören, ob er die Banditen gefunden.
Falieri. (aufspringend) Es ist sein Gang.
Die Thür sprang auf. Contarino in einen Mantel verhüllt, trat herein. „Guten Abend!“ sagte er und warf den Mantel ab — und Parozzi, Memmo und Falieri bebten erschrokken zurük, und riefen: Du blutest! was hast du gemacht.
„Kleinigkeiten“ rief Contarino: „He, ist Wein da? gießt mir den ersten besten Becher voll, mich dürstet!“
Memmo. Aber Herzensbrüderchen, du bist sehr erhizt.
Contarino. (trinkt den Becher leer) Gift! Gift! schenkt ein.
Falieri. (gießt den Becher voll) Du blutest!
Contarino. Das weis ich; meine Schuld ists nicht.
Parozzi. Laß dich verbinden und dann erzähle! was ist vorgefallen?
Contarino. (trinkt) tausend Spas! he, füllt den Pokal!
Memmo. Nun, da stehn mir die Sinne still,
Contarino. Nicht so? Siehst du, Memmo, dafür bin ich auch Contarino, und nicht Memmo. — Die Wunde blutet zwar, aber gewiß sie ist nicht gefährlich. (reißt das Wamms auf und entblößt die Brust) da, seht her, was ists mehr, als ein Hieb von zwei Zoll Länge durchs Fleisch.
Memmo. (schaudernd) Brr, ein gräslicher Anblik.
Parozzi. (hohlt Pflaster herbei und verbindet die Wunde, nachdem er sie ausgewaschen.)
Contarino. Vater Horaz hat recht! der Philosoph ist alles was er sein will, Schuster und König und Wundarzt. Da sehe mir einer den Philosoph Parozzi, mit welcher Grandezza er mich zu bepflastern weis. — Magst Dank haben. Nun, Leutchen, sezt euch um mich her in einen Kreis, ich hab euch wunderliche Geschichten zu erzählen.
Falieri. Erzähle.
Contarino. Ich gieng um die Abenddämmerung aus, die Banditen aufzusuchen. Ich kannte die Kerls von Person nicht, und sie mich eben so wenig. Ein abentheuerliches Unternehmen, werdet ihr sagen: Allein, ich thats, um euch zu überführen, man könne alles, wenn man nur können will. Ich hatte schon Notizen genug, und siehe da, in meiner Verkleidung lies ich mich mit einem Gondelier ins Gespräch ein. Ich merkte fast, daß er von dem Aufenthalt der Bravo’s etwas wisse, ich rükte mit Geld und guten Worten näher, er desgleichen, zulezt erfuhr ich, daß er selber eines des saubern Gelichters sei. Ich schloß mit ihm einen Kontrakt, er fuhr mich auf seiner Gondel durch ganz Venedig, bald links, bald rechts, zulezt wußt ich in der Dunkelheit selber nicht mehr, in welchem Viertel der Stadt ich mich befände. Er verband mir endlich sogar die Augen und ich mußte mirs gefallen lassen. — Nach einer Viertelstunde, hielt er die Gondel an, befahl mir auszusteigen, führte mich durch ein paar Straßen in ein Haus, und da in eine enge kleine Stube. Hier riß er mir die Binde von den Augen, ich sah mich in der Mitte von drei fremden Kerln und einer Weibsperson.
Falieri. Ein Wetterkerl der Contarino.
Contarino. Hier war keine Zeit zu verlieren: sondern ich warf mein Geld auf den Tisch, versprach ihnen goldne Berge und machte sie mit gewissen Tagen, Stunden und Zeichen bekannt, durch welche wir uns irgendwo zusammenfinden wollten. Gab ihnen zugleich den Befehl, den Canari, Sylvio und Dandoli aus dem Wege zu räumen.
Alle. Bravo!
Contarino. Kurz, es gieng alles glüklich von Statten; aber plözlich wurden wir durch einen unerwarteten Besuch gestört.
Parozzi. Nun?
Memmo. (ängstlich) Um Gotteswillen — —
Contarino. Man klopfte. Die Weibsperson sprang hinaus, öffnete die Thür und kam todtenblaß wieder zurükgestürzt in unser Zimmer und rief: flieht! flieht!
Falieri. Nun?
Contarino. Bewafnet und bewehrt traten Polizeioffiziere und Sbirren herein, und an ihrer Spizze der Fremdling von Florenz mit dem Degen in der Faust.
Alle. Flodoard? Flodoard?
Contarino. Flodoard!
Falieri. Welcher Teufel führt den dahin?
Parozzi. Hagel und Wetter, warum war ich nicht bei dir!
Memmo. Da siehst du nun, Parozzi, da siehst du’s, daß Flodoard kein feiges Weiberherz hat?
Falieri. Still, laß ihn erzählen!
Contarino. Wir standen, wie angedonnert, da, und keiner rührte sich. Im Namen der Republik und des Dogen, ergebt euch! schrie Flodoard! Der Satan ergiebt sich dir eher, als wir! rief ihm mein Gondelier zu und grif nach einem Degen; die andern rissen die Flinten von der Wand und ich zog die Klinge und schlug die Lampen um, damit keiner den andern sähe. Aber der Mond schimmerte trüb durch die Fensterscheiben. — Ich dachte, hier wirds heißen: mit gefangen mit gehangen! und gieng dem Flodoard mit der Klinge zu Leibe. Aber meine Schläge glitten jedesmal von seinem Säbel ab, der wie ein Bliz um ihn herumflirrte. Ich schlug wie ein Rasender um mich her, aber hier ward meine Kunst zu Schanden, und eh ichs mir versah schlizte er mir die Brust auf. Ich fühlte die Wunde, sprang zurük, es fielen ein paar Schüsse, im Pulverbliz erkannte ich eine unbesezte Nebenthür, ich entwischte glüklich in die eine Kammer, schlug mit einem Faustschlag ein Fenster durch, sprang hinunter, lief einen Hofraum durch, überkletterte ein Paar Zäune, kam an den Kanal, ein Gondelier fuhr mich zum Marcusplaz und nun rannt ich zu Fus hieher. Da habt ihr das vermaledeite Abentheuer!
Parozzi. (aufspringend) Ich werde rasend.
Falieri. Alles, alles geht mit uns den fürchterlichen Krebsgang!
Memmo. Der Himmel warnt uns!
Contarino. Kleinigkeiten! So muß es sein. Je mehr Hindernisse, je größer mein Muth!
Falieri. Haben dich die Banditen erkannt?
Contarino. Nein, sie wissen nicht wer ich bin, noch wer sie zum Morde des herzoglichen Kleeblatts besolden wollte.
Memmo. Ich danke Gott, daß du so glüklich davon gekommen bist.
Falieri. Aber wie hat Flodoard den Aufenthalt der Banditen erfahren, da er doch in Venedig fremd ist?
Contarino. Wahrscheinlich durchs Ohngefähr, wie ich. — Aber meine Brustwunde soll er noch bezahlen!
Falieri. Flodoard macht sich zu schnell merkwürdig.
Parozzi. (hebt den Becher auf) Sein Tod!
Contarino. (trinkt) Gift für ihn!
Falieri. Ich muß mit ihm bekannter werden.
Contarino. He, Memmo, schaff Geld! wann fährt dein Alter dahin?
Memmo. Morgen Abend! —
Drittes Kapitel.
Neuer Lärmen.
Der schöne Fremdling von Florenz war seit dem Geburtsfest der Rosamunde von Korfu das tägliche Gespräch und der ewige Gedanke aller Venetianerinnen geworden, die irgend nur entlegne Ansprüche auf Schönheit und Eroberungen machen konnten. Manches Mädchen schlief jezt unruhiger, und träumte jezt schwerer, manche vermählte Donna stellte jezt Vergleichungen an und seufzte; manche eingezogne Spröde besuchte jezt die vorzüglichsten Spaziergänge und Gärten Venedigs, wo Flodoard sich etwa sehn lassen dürfte.
Allein seit der Zeit, daß eben dieser Flodoard an der Spizze der Sbirren die Banditen in ihrem Neste überfallen und mit Lebensgefahr gefangen genommen hatte, wurde er nun auch der Aufmerksamkeit der Männer würdiger. Man bewunderte nicht sowohl seine Entschlossenheit, seine Kühnheit, als vielmehr die Schlauheit, durch welche er die Wohnung der Bravo’s erspäht und die scharfsichtige weltberühmte Polizei der Venetianer beschämt hatte.
Der Doge Andreas Gritti zog ihn nun öfterer zu sich in Gesellschaft, und fieng an, diesem wunderbaren jungen Mann mit vorzüglicher Hochachtung zu begegnen. Er machte ihm ein königliches Geschenk für seine That, wodurch er der Republik so nüzlich geworden war, und erhob ihn zu einer ansehnlichen Civilcharge.
Allein bescheiden lehnte der liebenswürdige Florentiner diese Ehrenbezeugungen von sich ab. Er bat den Dogen ihm noch ein Jahr wenigstens zu erlauben, frei und unabhängig in Venedig leben zu dürfen; dann wolle er selber um ein Amt anhalten. —
Flodoard wohnte in dem prächtigen Pallast des alten Canari, aber lebte hier sehr eingezogen, studierte in den Schriften der Alten und Neuern, verschloß sich Tagelang in seinen Zimmern, und erschien selten nur auf den gewöhnlichen Promenaden.
Aber Canari, der Doge, wie auch Sylvio und Dandoli, Männer, die Venedigs Ruhm für Jahrhunderte gegründet hatten und glänzend erhielten, Männer, in deren Gesellschaft man sich aus dem Zirkel der Alltagsmenschen gerissen fand und im Umgang mit höhern Wesen zu leben glaubte, Männer, die den ausserordentlichen Jüngling Flodoard jezt in ihre Mitte aufnahmen, um ihn zum großen Mann auszubilden; Canari, Gritti, Sylvio und Dandoli sag ich bemerkten leicht, daß Flodoards Heiterkeit ein verstelltes Wesen sei, daß ein geheimer Gram an seinem Herzen nage.
Vergebens durchforschte ihn Canari, der ihn, wie seinen eignen Sohn liebte, vergebens heiterte ihn der ehrwürdige Doge auf — Flodoard blieb, wie er war, schwermüthig.
Und Rosamunde? Rosamunde hätte kein Mädchen sein müssen, wenn sie heiter geblieben wäre: düster und melancholisch schlich sie umher, sie ward blas und immer blässer, der Doge, der sie zärtlich liebte, wurde besorgt für ihre Gesundheit, — Rosamunde wurde zulezt wirklich krank und schwach, die venetianischen Aerzte verschwendeten hier umsonst ihre Kunst, Rosamunde mußte das Bett hüten und fieberte.
In dieser Unruhe, worin sich der Doge und seine Lieblinge befanden, erfuhren sie eines Morgens etwas, welches ihre Sorgen allerdings aufs höchste treiben mußte. Denn eine solche Verwegenheit war bisher in Venedig unerhört gewesen, als diejenige war, welche jezt begangen ward.
Die durch den Flodoard gefangenen Banditen, Petrini, Struzza, Thomas und Baluzzo lebten längst in gefänglichem Verhaft, mußten ein tägliches Verhör dulden und sahn mit jedem Tage ihrer Todesstunde entgegen — jezt glaubten Gritti und seine Vertrauten, es sei nichts mehr für die öffentliche Ruhe zu fürchten und Venedig gesäubert von all dem Gesindel, welches sich zu Werkzeugen des Lasters gebrauchen läßt — als mit einemmahle an den vorzüglichsten Statüen, Straßenekken und öffentlichen Gebäuden folgende Addresse angeschlagen gefunden wurde.