Venetianer!
Struzza, Thomas, Matteo, Petrini, und Baluzzo, die bravsten Männer von der Welt, die, wenn sie an der Spizze einer Armee gestanden hätten, Helden heißen würden und izt als Banditen der Staatsetikette zum Opfer gebracht worden sind, existiren für euch zwar nicht mehr, aber mit Leib und Seele noch einer, dessen Name diesem Blatte unterschrieben steht. Lächerlich ist mir Venedigs Polizei, lächerlich der Stolz des schlauen Flodoard, der meine Brüder zur Schlachtbank hinschleppte. Ich lebe noch! Wer meiner bedarf, der suche mich, er wird mich allenthalben finden, wer mir verrätherisch nachspürt, wird mich nirgends sehn! — Venetianer, ihr versteht mich! Wehe dem, der mich verfolgt; sein Leben und sein Tod ruhn in meiner Hand. — Ich bin der venetianische Bandit
Abaellino.
„Hundert Zechinen!“ rief der brave Doge von Venedig: „hundert Zechinen dem, der mir das Ungeheuer entdekt, und tausend dem, der mir es liefert!“ —
Allein umsonst flogen die Spione der Polizei umher; sie trafen keinen Abaellino. Umsonst paßten jezt alle Müßiggänger, Pflastertreter, Lungrer und Banqueroteurs auf, um tausend Zechinen zu gewinnen, Abaellino machte ihren Wiz zu Schanden.
Aber allenthalben wollte man izt den Abaellino gesehn haben, der eine in der Gestalt eines Greises, der andre in der eines Knaben, der dritte in einem Weiberrok, der vierte in der Mönchskutte; es hatte ihn jeder gesehn und keiner.
Viertes Kapitel.
Das Veilchen.
Ich erzählte den Lesern im Anfang des vorigen Kapitels, daß Flodoard so traurig und Rosamunde so düster geworden wären, aber das warum? hab ich ihnen noch nicht entdekt.
Flodoard, der sonst so heiter und die Seele der Gesellschaften gewesen war, fing seit einem gewissen Tage an, ernster zu werden, und von eben dem Tage an verlor auch die fröhliche Rosamunde ihren Humor.
An diesem Tage nämlich führte die Hand des launenhaften Ohngefährs, oder die Göttin Liebe, die nun zuweilen auch ihre Grillen hat, Rosamunden in ihren Oheimes Garten, der nur den Vertrauten des Dogen offen stand, und in welchem er selber in stiller Einsamkeit oft am Abend eines schwülen Tages ausruhte.
Rosamunde gieng hier die breiten, sandigen Wege auf und nieder, tief in Betrachtungen verloren. Sie rupfte die unschuldigen Blätter von den Hekken ab, und streute sie gedankenlos vor sich hin; blieb zuweilen plözlich stehn, gieng dann wieder einige Schritte vor, blieb wieder stehn, sah bald den blauen Himmel, bald die Erde an: zuweilen schwoll ihr schöner Busen stürmisch empor, zuweilen flog ein halbunterdrükter Seufzer über ihre kleinen Lippen. —
„Aber er ist doch schön!“ sprach sie leise, und starrte schmachtend vor sich hin, als sähe ihr Auge ein Etwas, das gewöhnlichen Blikken verschleiert ist.
„Doch Iduella hat auch Recht!“ fuhr sie dann wieder fort, und sah böse aus, als wenn Iduella Unrecht gehabt hätte.
Diese Iduella war ihre Gouvernantin Freundin und Vertraute, eine der würdigsten Damen ihres Geschlechts. Rosamunde hatte nämlich ihre Eltern früh verloren. Die Mutter starb, da Rosamunde kaum den Mutternamen lallen konnte, und ihr Vater Guiscardo von Korfu, Kommandeur eines venetianischen Schiffes, war vor acht Jahren mit seinem Schiffe in einem Seetreffen wider die Türken untergegangen, da er noch ein Mann in den besten Jahren war. Iduella wurde nun die Erzieherin und Mutter Rosamundens, und nun Freundin und Vertraute ihrer kleinen Geheimnisse.
Indem nun Rosamunde noch mit sich selber plauderte, trat die ehrwürdige Iduella aus einem Seitengang hervor.
Rosamunde. (bestürzt) Bist du auch hier?
Iduella. (sanftlächelnd) Nun ja, du nennst mich ja gewöhnlich deinen Schuzgeist, und Schuzgeister müssen nie von ihren Lieblingen fern sein.
Rosamunde. Höre, Iduella, ich habe deine Reden überdacht, und gefunden, daß sie zwar richtig und sehr weise gesprochen sind, allein — —
Iduella. Was deine Vernunft bejaht, verneint dein Herz?
Rosamunde. Gewis.
Iduella. Ich tadle dich auch gar nicht, liebes Kind, sondern ich habe dir ja selber gestanden, daß, wär ich in deinem Alter, und ein Flodoard erschiene, und bettelte oder bettelte nicht um meine Gunst, ich ihm gewis nicht böse sein würde. — Flodoard bleibt unstreitig ein angenehmer, und, für jedes Mädchen von Geschmak, sehr gefährlicher junger Mann. Er hat viel Einnehmendes in seiner Gestalt, viel Reiz in seinem Umgang, viel schöne Züge in seinem Karakter — — aber er ist ein armer Edelmann, dem der Doge von Venedig unmöglich seine Nichte zur Gemahlin geben kann und wird.
Rosamunde. (lächelnd) Ei, wer spricht denn von Gemahlin werden? ich will ihm ja nur — — nur gut sein.
Iduella. So? also, würdest du zufrieden sein, wenn Flodoard sich mit einer andern Venetianerin — — —
Rosamunde. (schnell) O das thut er gewiß nicht.
Iduella. (lächelnd) Liebes Kind, du willst dich so gern selbst betrügen. Aber thu es nicht. Ein Mädchen, welches liebt, verknüpft mit den Gedanken an ihre Liebe zugleich den Wunsch einer ewigen Verbindung. Und den Wunsch darfst du hier gar nicht hegen, ohne deinen Oheim zu beleidigen, der, er mag der beste Mann von der Welt sein, doch dem eisernen Gesez der Politik und Etikette gehorchen muß.
Rosamunde. Ja, ja, ich weis das sehr gut. Sieh nur, ich will ihn auch nicht lieben, sondern, ich will nur seine Freundin sein. Und er verdiente gewiß, daß ich ihm gut bin; ach, glaube nur Flodoard verdient noch weit mehr.
Iduella. Und Freundschaft und Liebe, — o, Rosamunde, du kennst diese Gäste nicht. Freundschaft und Liebe vertauschen oft ihre Masken unter einander. Die Liebe hängt oft den Mantel der Freundschaft um, wenn man sie in ihrer eigenthümlichen Gestalt nicht dulden will. — Mit einem Worte, liebes Kind, denk an deinen Oheim, denke daran wieviel du ihm schuldig bist, und opfre ihm eine Grille deines Herzens auf.
Rosamunde. Ja, ich glaube beinah selber, daß nur eine vorübergehende Laune bei mir ist. Ich will den Flodoard nicht mehr lieben. Du kannst dich darauf verlassen. — Ich bin ihm jezt gar nicht mehr gut, wenn ich daran denke, daß er mich von meinem lieben Oheim abwendig machen will.
Iduella. (lächelnd) Solltest du so viele Gewalt über deine rebellischen Empfindungen haben?
Rosamunde. Gewiß. Es wird sich zeigen. Ich bin ihm gar nicht mehr gut, dem Verführer.
Iduella. (mit einem scharfen Blik auf sie) Gar nicht mehr gut?
Rosamunde. (seitwärts blikkend) I nun ja, wohl noch etwas; denn hassen kann ich doch den armen Flodoard nicht; das hat er nicht verschuldet.
Iduella. Nun, wir sprechen uns wieder. Vergiß deinen schnellen Vorsatz nicht so rasch, als er dir auflog. Ich will einen Besuch ablegen; die Gondel erwartet mich.
Iduella verlor sich in den Gängen des Gartens und Rosamunde schlich langsam umher und träumte und dachte, wünschte und verdammte, sehnte sich wonach und wollte sich nicht das Ziel ihrer Sehnsucht gestehn.
Es war ein heißer Sommernachmittag, und Rosamunde sah sich um nach einem schattigten Pläzchen. Sie suchte die Fontaine auf, neben welcher eine kleine Rasenbank angelegt war, worüber die zauberischen Hände der Kunst und Natur ein Nez von Jasmin und Epheu gewebt hatten. Dieß Pläzchen suchte sie auf; sie kam zur Fontaine, drehte sich um die Hekken und — ach! erröthend flog sie zurük, denn Flodoard sas auf dem Rasenbänkchen unter dem Jasmin- und Epheunez neben der Fontaine und las in einem Bündel Schriften.
Rosamunde wußte nicht ob sie fliehn, oder stehn bleiben müsse. — Flodoard sprang auf, so bestürzt er auch war, und rettete sie aus der Verlegenheit, indem er ihr die Hand küßte.
Jezt, wenn sie nicht wider allen guten Ton sündigen wollte, mußte sie stehn bleiben.
Flodoard behielt ihre Hand in der seinen — was konnte sie davor, daß er auf den sehr natürlichen Einfall kam? die Hand zurükzuziehn? — je nun, er that ja der Hand nichts zu leide, und schien in ihrem Besiz so glüklich zu sein — und wie konnte Rosamunde die namenlose Grausamkeit begehn, und jemanden ein Glük rauben, das ihrem Glükke nicht widersprach?
„Fräulein, sagte Flodoard, um doch etwas zu sagen; der schöne Nachmittag ists werth, daß man ihn im Freien verlebt!“
„„Aber ich störe Euch im Studieren, Herr Graf.““
„Wird man gestört in seiner Pflicht, wenn sich uns eine angenehmre aufdringet?“
Nun war das Gespräch zu Ende. Sie sahn sich beide an, schlugen beide die Augen nieder, sahn beide umher nach Luft, Beeten, Himmel, Bäumen und Blumen, suchten Stoff für ein Gespräch und je ämsiger sie suchten, je weniger fanden sie, und in der peinlichsten Verlegenheit verflogen zwei kostbare Minuten.
„Ach ein niedliches Veilchen!“ rief plözlich Rosamunde, um doch etwas vorzunehmen, und sprang hin, bükte sich und pflükte das Blümchen, welches sie gewiß zu jeher andern Zeit nicht gepflükt haben würde.
„„Eine schöne Blume!““ sagte Flodoard und ärgerte sich über diese leeren Worte.
„Eine herrliche Farbe!“ fuhr Rosamunde fort: „Violet, roth und blau so schön unter einander gemischt, wie kein Maler die Farben mischen kann.“
„„Und ein bedeutungsvolles Blümchen! sezte er hinzu: Roth die Farbe der Freude, Blau die Farbe der Freundschaft und — — ach, wie glüklich wäre der Mann, Rosamunde, dem ihr die Blume gäbet! — Freundschaft und Seeligkeit hängen unauflöslich aneinander, Freundschaft und Seeligkeit sind inniger vermischt, als dieß Roth und Blau des bedeutungsvollen Veilchens!““
„Was ihr nicht über eine simple Blume schönes zu sagen wißt!“
„„Aber, wem wird einstens Rosamunde das geben, was diese Blume bezeichnet? — doch, eine alberne Frage — ich weis auch gar nicht, wie ich heut beschaffen bin — verzeiht mir den lächerlichen Vorwiz, Fräulein!““
Er war still. Rosamunde war still; Stille herrschte am Himmel und auf Erden, aber nicht im Herzen der Liebenden.
Aber wenn sie auch ihrer Zunge gebieten konnten, daß sie nicht Verräther der geheimen Leidenschaft wurde, wenn gleich die Lippen Rosamundens nicht gestanden: du bist es, Flodoard, dem dies Veilchen von mir gegeben werden soll; wenn gleich Flodoards Mund nicht fragte: Rosamunde, gieb mir die Blume und das was sie bedeutet! o so schwiegen doch ihre Augen nicht. Diese treulosen Dollmetscher heimlicher Gefühle bekannten hier mehr, als das Herz sich selber eingestand. —
Flodoard und Rosamunde standen in süsse Quaalen versunken vor einander da; ihre Blikke ruhten auf einander und wurden die Herolde der wachsenden Empfindung. Mit einem namenlosen schwärmerischen Lächeln starrte die unschuldige Rosamunde den auserkornen Liebling an; und schüchtern zweifelnd studierte der schöne Jüngling dieß Lächeln Rosamundens. Und er verstand es; und das Herz pochte lauter, und rascher flog sein Odem.
Rosamunde bebte; ihr Busen erhob sich ungestümmer; sie wurd es gewahr und ein liebliches Roth der Schaamhaftigkeit strömte über ihr Angesicht hinab.
Ach, eine Ewigkeit so dazustehn, sich spiegeln zu können im liebenden Auge des Geliebten, hören zu können die leisen Seufzer der Sehnsucht, berechnen zu können am Aufwallen und Sinken des Busens, die Ebbe und Flut der Empfindungen — dieß ist der erste Himmel, zu welchem die Liebe führt.
„Rosamunde!“ seufzte Flodoard unwillkührlich, und unwillkührlich lispelte sie: „Flodoard!“
„Gieb mir das Veilchen, o mir!“ stammelte er, und zitterte nicht vor seiner kühnen Foderung.
Rosamunde hielt die Blume fest.
„Fodre, fodre dafür eine Königskrone, ich will sie dir stehlen. Rosamunde, mir die Blume!“
Sie sah den Bittenden an und schwieg.
„Mein Glük, meine Ruhe, mein Leben hängt an dieser Blume. So wahr ein Gott lebt, ich thue dann Verzicht auf alles, was die Erde Schönes trägt!“
Die Blume schwankte in ihrer schönen Hand.
„Du erhörst mich, Rosamunde? Ich bettle nicht umsonst?“
Bei dem Wort betteln fiel ihr Iduella ein. Wo bleibt dein Versprechen, dein Vorsaz? sagte sie zu sich selber: flieh, flieh! du wirst dir und Iduellen und deinem Oheim treulos.
Und sie zerriß die Blume.
„Ich verstehe euch, Flodoard, sagte sie: aber gebt eure Pläne auf — und so wie jezt laßt uns nimmer in diesem Leben wieder beisammen stehn.“
Sie sprachs, drehte sich um und lies den armen Flodoard angedonnert stehn.
Fünftes Kapitel.
Abaellino.
Kaum war sie auf ihrem Zimmer, o so beweinte sie auch schon ihre Heldenthat. — Es that ihr wehe, ihn so beleidigt zu haben. Sie dachte sich den armen Jüngling, wie er nun nach ihrer Flucht dagestanden habe, niedergeschlagen, hoffnungslos mit nassen Augen. Sie sah ihn im Geiste sich härmen, und trostlos jammern; sah ihn, wie er nun freudenlos umherschlich, die Mörderin seiner Seelenruhe verdammte, dem Grabe entgegen hoffte und sich demselben mit jeder Thräne, die er ihrentwillen verweinte, näherte; sie hörte schon im Geiste die Nachricht: Flodoard ist gestorben! sah nun schon das Volk um seine Gruft versammelt weinen, um ihn, den das halbe Venedig anbetete, und die ganze Stadt und seine Feinde selbst bewunderten.
„Nein, nein!“ rief sie: „das war eine erbärmliche Heldenthat! nein, Flodoard, ich habe es nicht so gemeint, als ich sprach, ich liebe dich doch, ich will dich lieben, und wenn auch Iduella zürnt, und mein Oheim mich hasset!“
Einige Tage nachher erfuhr sie, daß Flodoard allen seinen Bekannten sehr verwandelt erscheine, daß er melancholisch umherirre und sich in den Zirkeln der Freude nur selten hineinmische.
Dies war ihrem weichen Herzen eine schrekliche Post. — Sie floh in die Einsamkeit ihres Gemachs, weinte sich satt, und büßte mit tausend Thränen der Reue ihr Verbrechen.
Niemand kannte ihrer Schwermuth Quelle niemand ihrer Krankheit Ursprung. Darf es uns noch wundern, wenn Rosamunde zulezt die ängstlichen Sorgen den alten Oheims wekte, und jeder um ihr Leben zitterte. Darf es uns noch wundern, wenn Flodoard sich mit seinem Seelengram den Augen der Welt entzog und vergebens den harten Kampf mit einer Leidenschaft begann, welche schon jede andre Empfindung in ihre Wirbel verschlungen hatte?
Doch wir verlassen Rosamundens Krankenbett auf einige Augenblikke und besuchen zur Abwechslung die Wohnung der Rebellen, die in ihren Planen immer weiter rükten, immer zahlreicher, immer mächtiger und für den alten Andreas Gritti und sein Venedig fürchterlicher wurden.
Parozzi, Memmo, Contarino, Falieri die Häupter der werdenden Verschwörung versammelten sich jezt öfter im Pallast des Kardinal Grimaldi, wo sie ihre Entwürfe zur Staatsveränderung Venedigs gemeinsam spannen. — Jeder handelte hier angetrieben von seinem Privatintresse; der eine um seiner ungeheuer angelaufnen Schulden mit einemmale quitt zu werden, der andre um seinem Ehrgeiz ein Opfer zu bringen, der dritte um Rache zu üben für gewisse längst vergährte Kränkungen, der vierte um seine Rechte ausgebreiteter zu machen u. s. f.
Diese schreklichen Menschen, welche nichts geringers als entweder Venedigs Umsturz, oder Erfüllung ihrer überspannten Foderungen verlangten, hatten um so mehr zur Ausführung ihrer Schwindeleien Muth, da der größte Theil des venetianischen Pöbels, der über die neuen Auflagen und Steuern klagte, sich an sie schlos.
Reich genug an Menschen, reich genug an Geldern, um die fürchterlichen Projekte zu realisiren, reich genug an kühnen, verwegnen, schlauen Männern, die fähig genug waren Revoluzionen anzuzetteln und durchzuführen, sahn sie schon stolz herab auf den guten Doge Andreas Gritti, der von diesem höllischen Komplot nichts beahndete.
Allein ein fürchterlicher Schall wars ihren Ohren, als man die arme Sünderglokke läutete und die gefangnen Banditen zum Richtplaz führte, auf welche sie einen großen Theil ihrer Hofnungen gesezt hatten. Desto froher aber machte sie der Stolz des verwegnen Banditen Abaellino, der öffentlich aufzuschlagen sich erkühnte, er lebe noch in Venedig, und man solle nicht verzagen.
Der Tollkopf ist ein Mann für uns, riefen alle entzükt, und jezt lag alles daran den verwegnen Menschen in ihre Verschwörung zu verzetteln.
Es gelang ihnen wirklich. Abaellino fand sich zuweilen bei ihnen ein, aber er war in seinen Foderungen eben so vermessen, als in seinen Versprechungen.
Alle verlangten zuerst den Tod des Prokurator Sylvio, ein Mann, der zu den wärmsten Freunden des Dogen gehörte, ein Mann, vor dessen Falkenblik sich ihr lichtscheues Gewissen fürchtete, und der den Kardinal Grimaldi bei dem Dogen verdrängt hatte.
Aber Abaellino verlangte für das Leben dieses einzigen ungeheure Goldsummen.
„Ich versprech’ es euch, sagte er, als ein ehrlicher Kerl, daß wenn ihr mir mein Geld gebt, der Prokurator Sylvio in der andern Stunde die Augen auf immer schließt. Er hänge am Himmel, oder verkerkere sich in der Hölle, ich finde ihn, und treffe ihn.“
Was sollte man thun. Handeln ließ sich Abaellino nicht; der Kardinal wollte so gern seinem Ziele näher rükken, über Sylvios Grab aber führte sein Weg.
Abaellino empfieng das Geld, und am andern Morgen fehlte der verehrungswürdige Sylvio, der Liebling den, braven Gritti, der Stolz Venedigs in der Gesellschaft der Lebendigen.
„Ein fürchterlicher Kerl, der Abaellino!“ riefen die Verschwornen, und feierten triumphirend an der Tafel des Kardinals das Todesfest des Prokurators.
Der Doge war bestürzt und lange ausser sich vor Schrek. Er sezte eine große Prämie darauf, wer denjenigen entdekken würde, der den Freund des Dogen aus der Welt geschafft hätte. — —
Es wurde dieser Wille des Dogen an allen Straßenekken ausgerufen, in der ganzen Republik bekannt gemacht, und einige Morgen nachher fand man folgenden Zettel angeschlagen an die Hauptpforte der venetianischen Signoria:
Venetianer!
Bemüht euch nicht den Preis zu verdienen, der auf meine Entdekkung gesezt ist. Ich selber bekenne hiemit: Abaellino war Sylvios Mörder, und wer ihn hascht, den will er königlich belohnen.
Abaellino.
Sechstes Kapitel.
Die Entdekkung.
Ich darfs gewiß meinen Lesern nicht erst erzälen, daß Venedig ob dieser Frechheit ausser sich war. Nie hatte noch ein Mensch so etwas gewagt, nie einer so voll stolzen Uibermuthes der berühmten Polizei Venedigs und der Gewalt des Dogen gespottet. Alles gerieth in Bewegung, die Patrouillen wurden verdoppelt, die Wachen verstärkt, die Sbirren umhergesandt, und niemand sah und hörte und spürte etwas von dem Abaellino.
Die Pfaffen predigten von dem stolzen Verbrecher, und riefen die schlummernde Rache Gottes auf, solchen Greuel zu rügen. Die Damen zitterten vor dem Namen Abaellino’s, denn wer konnte ihnen dafür stehn, daß er sie nicht, wie ehmals Rosamunden, zu seiner Braut einweihte. Die alten Mütterchen behaupteten fest, Abaellino hab sich dem Teufel verkauft und mit dessen Beistand spotte er der gerechten Wuth aller frommen Venetianer. Kardinal Grimaldi, Parozzi und seine Gesellen waren stolz auf diesen furchtbaren Bundesgenossen, und pochten jezt schon lauter und sahen eine Zukunft voller Triumphe. Die verwaiste Familie des ermordeten Sylvio rief Fluch herab auf den Mörder, und jede Thräne, welche sie verweinte, wünschten sie in ein Schwefelmeer verwandeln zu können, worinn sie den Abaellino hinabstürzen könnten. Der Doge und seine Getreuen betrauerten lange ihren verlornen Freund und schwuren nicht eher zu rasten, bis sie den heillosen Verbrecher ertappt, und schreklich bestraft haben würden.
„Aber bei alle dem, sagte Andreas Gritti: bei alle dem muß ich dennoch gestehn, der Abaellino ist ein seltner Mensch, der, wenn er vielleicht an der Spizze eines Heers stände, die halbe Welt erobern würde. Ich möchte wenigstens den Mann nur einmal sehen!
Ich will deinen Wunsch erfüllen! sagte eines Abends, da Gritti allein in dem Garten seiner Familie auf und niederwandelte, ein unbekannter Mensch zu ihm: Ich will deinen Wunsch erfüllen. Sieh hier den Abaellino, den Freund des erschlagnen Sylvio und deinen und der Republik allgetreusten Diener! —“
Gritti sah auf und bebte zurük. Eine, halb in ihren Mantel vermummte Gestalt, mit dem scheuslichsten Angesicht von der Welt, stand vor ihm und röchelte ihm diese Worte zu. Er, der in den Feld- und Seeschlachten nie gezittert, und von keiner Gefahr aus seiner Gleichmüthigkeit gestört war, er, der tapfre Doge verlor in diesem Augenblik auf einige Minuten seine Geistesgegenwart. Sprachlos starrte er den Banditen an, der furchtlos vor ihm da stand, und nicht von der Majestät des Ersten in Venedig gerührt wurde.
Abaellino grinste ihn freundlich an.
„Du bist ein fürchterlicher — ein abscheulicher Mensch!“ sprach Gritti indem er sich wieder sammelte.
„Fürchterlich?“ entgegnete der Bandit: „das freut mich! — Abscheulich? das möcht ich nicht sagen. Freilich mein Aushängeschild zeugt von einem abscheulichen Handwerke, aber Doge, was meinst du? vielleicht sind wir beide die größten Männer Venedigs, du in deiner, ich in meiner Art!“
Der Doge lächelte unwillig.
„O!“ fuhr Abaellino fort: „lächle nicht so ungläubig. Erlaub es immerhin, daß ich mich, als Bandit, mit einem Dogen vergleiche; ich denke immer, man darf sich mit dem vergleichen, mit wem man sich messen darf! —“
Der Doge machte eine Bewegung ihn zu verlassen.
„Nicht doch!“ rief der Bandit schmunzelnd: „das Ohngefähr führt solch ein Paar großer Männer nicht sobald wieder auf diesen kleinen Landstrich zusammen. Bleib doch!“
„Höre Abaellino,“ redete ihn der Doge an, mit aller Hoheit, die in seiner Gewalt stand: „Du hast große Talente vom Himmel empfangen, warum wucherst du mit denselben nicht besser. — Ich verkündige dir völlige Verzeihung und Amnestie über alles das, was geschehen ist, unter der Bedingung, daß du mir den nennst, der dich zu Syivios Mörder gedungen, und daß du das Gebiet der Republik verlassest. —“
„Hi, hi!“ entgegnete Abaellino: „Über die Grillen bin ich längst hinweggesprungen. Menschen können für meine Sünden keinen Ablaß ertheilen, und an jenem Tage, wenn alle Menschen ihren Schuldbrief vorzeigen, werd’ ich auch den meinigen aufzeigen können. Den Namen dessen, der mich zu Sylvios Mord bezahlte, wirst du, aber nur heute nicht erfahren. Ich soll das Gebiet der Republik räumen? — warum? aus Furcht vor dir? hi, hi! aus Furcht vor der Republik? — ha, die fürchtet den Abaellino, aber Abaellino sie nicht! Doch unter einer Bedingung könnt’ ichs vielleicht thun — —“
„Und die wäre?“ fragte der Doge: „willst du zehntausend Goldstükke? —“
„Ich gäbe dir selber gern zehntausend Goldstükke, wenn du deine häßlichen Worte ungesagt machen könntest. — Nein, gieb mir deine Nichte Rosamunde, die, Tochter des Guiscardo von Korfu zur Gemahlin!“
„Unmensch!“
„Hi, hi! Geduld! — Du willst nicht? —“
„Fodre Geld und Gut, ich gäbe dirs. Und wenn die Republik eine Million an dich verlöre, sie gewönne dabei, wenn du ihre Luft nicht mehr verpesten wolltest!“
„Wahrhaftig? — sieh eine halbe Million beinah hab ich schon wieder bekommen für das Leben deiner treusten Freunde, für Kanaris und Dandolis Kopf! gieb mir Rosamunden, oder — —“
„Schurke!“
„In vier und zwanzig Stunden sind Kanari und Dandoli zum Teufel! sag, Abaellino hats gesagt!“
Bei diesen Worten zog der Bandit ein Terzerol hervor, schos es in die Luft ab — der Herzog prallte zurük, und als er sich umsah, war Abaellino verschwunden.
An eben demselben Abend, oder vielmehr in der Mitternachtsstunde stand Abaellino im Pallaste des Kardinal Grimaldi unter den Verschwornen. Parozzi, Memmo, Falieri, Kontarino, welche wir schon kennen und andre ihres saubern Gelichters waren gegenwärtig.
Man sas eben bei Tische und schwenkte die vollen Pokale. Grimaldi erzählte, wie er sich beim Dogen eingeschmeichelt und den Parozzi, Memmo Kontarino und Falieri empfohlen hätte; Kontarino prahlte mit der erledigten Procuratorstelle, wie sie ihm gewiß nicht entgehn würde, Parozzi zweifelte gar nicht an Dandolis oder Kanaris Stelle beim Herzog Plaz nehmen zu können, wenn sie nur erst hingerichtet sein würden und — in dem Augenblik stand Abaellino vor ihnen.
„Na, rief er: Wein her! das Werk war vollbracht! Dandoli und Kanari sizzen jezt beim Teufel zum Nachtmahl! —“
Alle sprangen erstaunt auf.
„Und den Dogen hab ich persönlich Wahrheiten gesagt. Seid ihr nun zufrieden mit mir, ihr Bluthunde?“
„Flodoarden noch!“ schrie jauchzend Parozzi, und Abaellino rief: Brr! Brr!
Drittes Buch.
Erstes Kapitel.
Flodoard und Rosamunde.
Rosamunde, Venedigs Liebling, war krank: Iduella seufzte sich müde am Lager der schönen Elwin und seufzte sich wach daran. Rosamunde war krank, ein stiller Seelenharm nagte an der Blüte ihrer Reize, — ach, sie liebte den edeln Flodoard; aber wer hätte Flodoarden auch hassen können. — Sein Heldenwuchs, sein schönes Angesicht, sein schwärmerischer Blik, sein ganzes Wesen predigte laut: seht hier den Favoriten der Natur — und Rosamunde? — Rosamunde liebte die Natur so sehr!
Aber Flodoard war auch kränklich. Er schlos sich oft ein: vermied alle Gesellschaften, oder reiste zur Erheiterung seines Geistes durch die Städte der Republik. Oft war er Wochenlang abwesend, und wenn er dann wieder kam, o, wie sehnsuchtsvoll erwartete ihn dann jeder Familiencirkel, in welchen er eingeweiht war!
Jezt war er drei Wochen von Venedig abwesend gewesen. Niemand wußte von ihm, in welchen Gegenden er umherschwärmte. Der Doge hätte ihn so gern jezt gehabt, um sich nach so vielen Fatalitäten etwas in seiner Gesellschaft zu zerstreuen, und — wie gerufen — erschien er nun.
„Lieber Flodoard!“ seufzte der Doge, als Flodoard zu ihm in das Zimmer trat: „ihr müßt euch nicht nicht so lange von uns entfernen. Ich bin jezt ein verwaister Mann. Ihr wißt doch schon, daß mein Kanari, mein Dandoli —“ — —
„Alles“ entgegnete Flodoard mit verbißnem Schmerz.
„Es schleicht der Teufel durch Venedig, unter dem Namen Abaellino’s, und raubt mir alles, was mir theuer ist. Flodoard, ich zitterte auch schon für euch. — Wir haben vieles, vieles mit einander zu reden, aber jezt gebricht mir die Zeit. Es hat sich ein Fremder melden lassen; ich muß ihn empfangen. Aber —“ —
In diesem Augenblik schwankte Rosamunde aus einem Nebenzimmer herein. Sie sah Flodoarden und bebte seitwärts. Flodoard schlug die Augen nieder und begrüßte bebend die holde Nichte des bekümmerten Dogen.
„In einer halben Stunde werd’ ich euch rufen lassen;“ fuhr der Herzog fort; „unterhaltet meine kranke Nichte.“
Der ehrwürdige Gritti verlies den bestürzten Jüngling. Rosamunde trat an ein Fenster. Flodoard schlich ihr langsam nach.
Verlegen standen sie beide da — sahen bald hinaus auf den St. Markusplaz, bald nach den herrlichen Gemälden des herzoglichen Zimmers, bald auf ihre Fingerspizzen.
„Ihr zürnet noch?“ stammelte endlich Flodoard, und dachte an die fatale Gartenscene.
„Ich zürne nicht,“ antwortete Rosamunde, und ein schönes Roth flog über die blassen Wangen.
Flodoard. (mit festerer Stimme) Und ihr habt mir meine Sünde ganz vergeben?
Rosamunde. (vor sich nieder lächelnd) Sünde? — nun ja, ganz vergeben. — Ein Sterbender muß ja gern verzeihn, damit Gott in seinem Gericht auch gern verzeihe. Und ich bin eine Sterbende — ich fühl es.
Rosamunde. Zweifelt nicht. Seit gestern hab ich zwar das Krankenlager verlassen, aber, es ahndet’ mir, ich werd’ es bald wieder aufsuchen, um es nie wieder zu verlassen. Und darum — darum bitt ich auch von euch Verzeihung, wenn ich euch gekränkt haben sollte.
Flodoard. (schweigt)
Rosamunde. Ihr scheinet sehr rachsüchtig, sehr unversöhnlich zu sein.
Flodoard. (lächelt sie wehmüthig an)
Rosamunde. (ihm die Hand reichend) Nun, Signor, alles vergessen?
Flodoard. Nein, nein! das kann ich nicht. Ich kann nichts vergessen, was ich mit euch gelebt habe. Ich will nichts vergessen, die Auftritte sind mir zu heilig. — Aber verzeihen? (indem er ihre Hand an seinen Mund drükt) Ach, wollte Gott, ihr hättet mich recht sehr beleidigt, theure Sennora, recht sehr beleidigt, dann könnt ich euch auch sehr vieles verzeihn — aber jezt kann ich nichts vergeben. (lange Pause)
Rosamunde. Ihr habt wohl viel umhergeschwärmt seit den lezten Wochen.
Flodoard. Viel.
Rosamunde. Und hattet vieles Vergnügen?
Flodoard. (schnell) Warum nicht? man sprach ja allenthalben mit mir von Rosamunden.
Rosamunde. (mit einem strafenden Blik und sanften Ton) Flodoard?
Flodoard. Und wißt ihr, welchen Plan ich nun habe?
Rosamunde. Wieder fortzureisen?
Flodoard. Getroffen, und zwar um nie wieder nach Venedig heimzukehren.
Rosamunde. (überrascht) Nicht doch, Flodoard! Flodoard, das solltet ihr können? (vor ihren Worten erröthend. ) Ihr — ihr scherzt!
Flodoard. So wahr Gott lebt, ich habe nie ernster gesprochen!
Rosamunde. (mit einem intressanten Blik) Nein, Flodoard, ich glaub es euch in Ewigkeit nicht.
Flodoard. Hab ich schon allen Glauben bei euch verloren?
Rosamunde. Und wohin wollt ihr, wenn ich darum fragen darf?
Flodoard. Nach Maltha, und mit den Malthesern wider die Korsaren. Der Himmel wirds doch geben, daß ich mich zum Kommandeur eines Schiffs aufschwinge — das Schiff führe dann den Namen Rosamunde, und das Schlachtgeschrei sei Rosamunde! Ich hin dann gewiß unüberwindlich! —
Rosamunde. Ihr spottet bitter, aber bei Gott, das hat Rosamunde um euch nicht verdient.
Flodoard. Spott? — ich euch verspotten? — wahrhaftig ich spotte nicht, die Zeitungen mögen über Jahr und Tag mich und diese Stunde rechtfertigen.
Rosamunde. (ihn anstarrend) Ihr treibt es weit mit euern Wiz.
Flodoard. (lächelnd) Nun ja, und wem verdank’ ich diesen Wiz? kurz und gut, Sennora, ich verlasse Venedig, um euch keine unangenehme Augenblikke zu schaffen. Vielleicht sehn mich die türkischen Freibeuter lieber.
Rosamunde. Man sollte auf euch Jagd machen; ihr freibeutert nur zu sehr und selbst auf festem Lande.
Flodoard. Gott weis es, und bin ein sehr unglüklicher Freibeuter auf festem Lande, denn ich gerathe da in Gefangenschaft, wo ich zu siegen träumte.
Rosamunde. (ausweichend) Und ihr könntet den Dogen verlassen, der euch so sehr schäzt?
Flodoard. Die Liebe des Dogen ist mir theuer. Aber, bei Gott, Rosamunde, sie macht mich nicht glüklich, und wenn man mir Königreiche zu Füssen legte, sie machten mich nicht glüklich —
Rosamunde. Bedürft ihr zu euerm Glük soviel?
Flodoard. Viel, unendlich viel! — ich habe darum gebettelt — (indem er sie anstarrt und ihre Hand heftig drükt) ich habe darum gebettelt — Rosamunde, und man hat mirs abgeschlagen.
Rosamunde. Ihr seid ein Schwärmer!
Flodoard. (sich näher an sie schließend) Rosamunde!
Rosamunde. (zitternd) Was wollt ihr?
Flodoard. (halbleise) Mein Glük!
Rosamunde. (sieht ihn ein Weilchen an, zieht ihn zu sich, stößt ihn wieder zurük) Geht! geht! um Gotteswillen geht! —
Flodoard. (wandelt langsam und traurig mit untereinander geschlagnen Atmen durchs Zimmer)
Rosamunde. (schwankt ihm nach, nimmt seine Hand — sinkt an seine Brust) Flodoard!
Zweites Kapitel.
Ein fürchterliches Versprechen.
Heil dem glüklichen Flodoard, er hatte überwunden! er hielt das liebende Mädchen in seinen Armen fest, und glaubte eine Gottheit zu umarmen. Fest schlang sich Rosamundens Hand um Flodoardens Nakken; er war der ihrige, dem sie so manche Thräne geweint, so manchen Seufzer geseufzt, so manchen Traum geträumt hatte.
Dicht in einander verschlungen, standen sie da, eine herrliche Gruppe für den Pinsel einer Angelika Kaufmann — und die Engel Gottes schwebten unsichtbar über die Liebe dieser Heiligen.
Nur einmahl schlägt unter allen tausend Stunden des Lebens dem Sterblichen eine solche Stunde: Heil dem, der sie noch erwartet, Heil dem, der sie noch genießet! Man sage immerhin, es ist doch nur Gaukelspiel der entzükten Einbildungskraft, ein leicht verdunstender Rausch der Sinnlichkeit — o, nennt mir unterm Mond eine Seeligkeit, welcher die Einbildungskraft ihren Zauber nicht leiht! —
Flodoard und Rosamunde vergaßen nun zum erstenmahle, daß sie Menschen wären. Das Zimmer um ihnen her ward zum Himmel; die Erde der Altar Gottes, ihre Seufzer, ihre Küsse wurden Lobgesänge dessen, der das Hochgefühl der Liebe gab!
„Ich bin dir gut!“ lispelte Rosamunde und gedachte nicht ihrer Iduella: „ach, ich bin dir nur zu gut, Flodoard! —“
Der Jüngling antwortete nichts. Rosamunde stammelte ein leises, Ach! und Lippe glühte an Lippe, Busen stürmte an Busen, Arme hingen gewunden um Arme.
Und — plözlich eröffnete sich die Seitenthür.
Der Doge Andreas Gritti trat schon wieder herein. Der erwartete Fremde war, Kränklichkeiten halber, nicht erschienen. —
Flodoard und Rosamunde hörten den Hereinkommenden nicht.
Gritti stand bestürzt da, er sah der Scene einige Augenblikke zu, seine Mienen verzogen sich in ein sanftes Lächeln, er drehte sich um und ging wieder zurük.
Das Geräusch seines Kleides an der hohen Flügelthür erwekte die Trunknen aus ihrem Wonnetraum. Rosamunde riß sich mit Entsezzen los; Flodoard verlor seine Geistesgegenwart aber keineswegs.
„Gnädigster Herr!“ rief er dem Dogen nach — —
Der Herzog wandte sich um und Flodoard lag zu seinen Füssen.
Gritti sah mit stiller Würde und mit Ernst auf den Knieenden hernieder.
„Ich mag eure Vertheidigung nicht hören!“ sagte der Doge mit steigender Stimme.
„Nein,“ entgegnete Flodoard, mit festem Tone: „nein, gnädigster Herr, ich bedarf keiner Vertheidigung, daß ich Rosamunden liebe, wohl muß sich der vertheidigen, der sie nicht liebte! Ists aber ein Verbrechen, daß ich Rosamunden anbete, o so mag mich Gott von dieser Sünde frei sprechen, weil er Rosamunden so schön erschuf.“ —
„Ihr scheint auf eure wizzige Apologie vielen Fleiß verwandt zu haben; aber sie verfehlt ihren Zwek,“ versezte Gritti.
„Ich sag es noch einmahl, gnädigster Herr!“ erwiederte Flodoard, und stand auf: „entschuldigen will ich mich nicht. Aber ich will mehr, ich bitte bei euch um Rosamunden.“
Gritti stierte den Kühnen mit einem fremden Blik an.
„Freilich, gnädigster Herr, freilich bin ich ein armer Edelmann, und es scheinet Verwegenheit zu sein, wenn ein solcher um die Nichte des Venetianischen Doge buhlt. Aber, beim Himmel, ich glaube der große Gritti wird seine Rosamunde nicht an Männer verschenken, die nur mit Goldstükken, Grafschaften, und Titeln prahlen, oder sich in den Glanz ihrer Ahnen verhüllen, wenn sie nicht selber glänzen. — Ich gesteh es freilich, noch besizze ich keine Verdienste, die mich eurer Rosamunde würdig machen könnten, aber ich will sie mir erwerben. — —“
Der Doge drehte sich unwillig um. Rosamunde flog herbei und schlang ihren Arm um Grittis gebeugten Nakken. —
„Zürnet nicht!“ rief sie und verbarg ihr bethräntes Antliz an dem Busen ihres Oheims.
„Fodert!“ rief Flodoard; „was muß ich sein, was soll ich thun, um Rosamunden zu erhalten von euch. Fodert, es soll mir das Schwerste ein Kinderspiel werden. Beim Himmel, ich wünschte Venedig läge unter der gräslichsten Gefahr, oder euer Leben würde von zehntausend Dolchen bedroht — dann dürft ich hoffen Rosamunden zu verdienen. Ich rettete Venedig und schlüge zehntausend Klingen zurük. —“
Gritti lächelte bitter. „Ich habe,“ sagte er: „ich habe der Republik viele Jahre gedient; ich habe Leben und Blut gewagt, ich erwartete wenigstens zur Belohnung ein sanftes, glükseliges Alter — aber ich habe mich betrogen. Meine alten Freunde werden mir durch Banditen geraubt und — ihr, Flodoard, ihr nehmt mir nun noch diese einzige, die bisher meine lezte Freude war. — — Höre, Rosamunde, liebst du den Flodoard wirklich?“
Flodoard zitterte. Rosamunde ergriff des Jünglings Hand und — schwieg.
Gritti wandte sich aus Rosamundens Arme, und gieng langsam mit tiefem Ernste im Zimmer auf und nieder. Rosamunde warf sich auf einen benachbarten Sessel; und weinte. Flodoard beobachtete den Dogen.
So verstrichen einige Minuten. Es herrschte im Zimmer eine feierliche Stille; Gritti schien mit einem fürchterlichen Entschlusse schwanger zu gehn. Bekümmert erwarteten die Liebenden den Ausgang der Geschichte.
Plözlich blieb der Doge in der Mitte des Zimmers stehn. „Flodoard!“ sprach er, und Flodoard nahte sich ihm ehrerbietig: „Flodoard, ich habe den Entschluß gefaßt: Liebt euch meine Rosamunde, wohl, so mag sie es thun; ich will der Wahl ihren Herzens keine Schranken bauen. Aber Rosamunde ist mir viel zu theuer, als daß ich sie dem ersten besten überlassen könnte, der sie fodert. Der Mann, dem ich Rosamunden lasse, muß Rosamundens werth sein; sie soll eine Belohnung seiner Verdienste werden. Noch habt ihr euch nur geringe Verdienste um unsern Staat erworben — es ist jezt Gelegenheit da, euch ein sehr großes zu verschaffen. Schafft mir den Mörder Sylvios, Kanaris und Dandoli’s — schafft mir den fürchterlichen Banditenkönig Abaellino tod oder lebendig! —“
Flodoard trat bei dieser Foderung, an deren Erfüllung sein Wohl und Weh hieng, erblassend zurük. „Gnädigster Herr — —“ stammelte er.
„Ich weis, fuhr Andreas Gritti fort: ich weis sehr gut, welch eine Foderung ich wage, wenn ich den Abaellino fodre. Lieber will ich selber mich durch eine türkische Flotte schlagen und das Admiralschiff aus ihrer Mitte stehlen, als diesen Abaellino fangen, der mit der Hölle einen Bund geschlossen zu haben scheint, der allenthalben und nirgends ist, den viele gesehn haben und den keiner kennt, der den Wiz unserer Staatsinquisitoren, des Collegiums der zehn Männer und ihrer Spione zu Schanden macht; vor dem jeder edle Venetianer zitiert, vor dessen Dolch ich selber auf meinem Throne nicht sicher bin. — Ich weis es, was ich fodre, aber, Flodoard, ich weis auch, was ich gebe. Ihr seid verlegen? — Ihr schweiget? — Flodoard, ich habe euch lange genug beobachtet, ich habe in euch Spuren eines wahrhaft großen Geistes entdekt — darum wag ich die Foderung, ists einer vermögend, den Abaellino zu fassen, so glaub ich seid ihrs. — Nun?“
Flodoard gieng schweigend vor sich umher; ein fürchterliches Wagestük wars, das er unternehmen sollte, wehe, wenn Abaellino sein Vorhaben erfuhr! aber Rosamunde war der Preis! Er warf einen Blik auf das Mädchen, und sein Plan war entworfen, alles zu wagen.
Er gieng zum Dogen.