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Abaellino der große Bandit

Chapter 27: Sechstes Kapitel. Geistererscheinungen.
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About This Book

The narrative unfolds in and around Venice across three books, following a circle of bandits and their interactions with figures such as a noblewoman and a young man named Flodoard, while centering on a feared outlaw called Abaellino. It combines action—raids, conspiracies, a birthday episode, and a nocturnal plot—with reflective passages about bandit life, solitude, and moral feeling. Encounters produce character change, secrets are revealed, and moments of terror and apparent supernatural occurrences punctuate the plot. Throughout, the narrator examines human character under pressure and aims to kindle admiration for virtue by staging moral choices amid suspense and dramatic incident.

Gritti. (sanft) Nun, Flodoard?

Flodoard. (mit großem Nachdruk) Erhalt’ ich warlich dann Rosamunden, wann ich euch den Abaellino überliefre? —

Gritti. Nicht eher.

Rosamunde. Flodoard! Flodoard! das Spiel endet sich schreklich — hüte dich selber vor Abaellinos Dolch!

Flodoard. (indem er mit den Zähnen knirscht) Still! — (gefaßt) Gnädigster Herr, gebt mit eure Herzogliche Hand darauf.

Gritti. Ich schwör es euch, Flodoard, schafft ihr mir den schreklichen Feind der Republik lebendig oder tod, so geb ich euch Rosamunden mit fürstlicher Aussteuer zur Gemahlin!

Flodoard. (hält schweigend die Hand hin)

Gritti. Hier empfangt meine Herzogliche Rechte.

Flodoard ging in Gedanken verloren durch das Zimmer. Im Thurme der St. Markuskirche schlug es fünf Uhr.

„Der Abend übereilt uns!“ tief Flodoard „wohlan so sei’s; in vier und zwanzig Stunden überliefr’ ich euch den fürchterlichen Banditen Abaellino.“

Gritti. (betroffen) Junger Mensch, versprecht weniger und leistet mehr.

Flodoard. (ernst und fest) Es gehe wie es gehe, ich halte entweder mein Wort, oder trete nimmermehr wieder über die Schwelle eures Pallastes. Ich habe Spuren und sichre Merkmahle von dem Bösewicht — entweder spiel ich morgen um diese Zeit ein Lustspiel, oder es werde in Gottesnamen ein Trauerspiel!

Gritti. Uebereilung ist gefährlich.

Flodoard. (mit Stolz) Ueber die Jahre der Uebereilung denk ich in meinem Leben hinweggesprungen zu sein. —

Rosamunde. (seine Hand fassend) Flodoard, Flodoard besinnet euch. Mein Oheim liebt euch, — nehmet euch vor Abaellinos Dolch in Acht!

Flodoard. Eben deswegen muß alles in vier und zwanzig Stunden, oder nie gethan werden. Wohlan, gnädigster Herr, ich will beweisen, daß die Liebe alles wagen kann — —

Gritti. Wagen freilich, aber ob erringen?

Flodoard. (dem man eine wachsende Verlegenheit ansieht) Macht mich nicht kleinmüthig, gnädigster Herr, seht, ich will euch bessern Muth geben. Habet die Gnade morgen Nachmittag in diesem Zimmer große Gesellschaft zusammenzubitten, Damen und Herrn, denn gewinn’ ich morgen den Sieg, so erleb ich ein großes Fest. Ladet vorzüglich die Beisizzer des ehrwürdigen Gerichts der zehn Männer ein, damit sie doch den Abaellino von Angesicht zu Angesicht kennen lernen, mit dem sie so lange vergebens im Kriege lebten.

Gritti. (sieht ihn lange bedenklich an, endlich:) Sie sollen erscheinen.

Flodoard. Und ihr habt ja wohl, wenn ich nicht irre, einige neue Freunde an dem Kardinal Grimaldi, dem Nobile Kontarino, Memmo, Falieri und Parozzi erhalten. Sie sind auch meine Freunde vor kurzer Zeit geworden; ich wünschte sie wären morgen gegenwärtig.

Gritti. Sie sollen gegenwärtig sein.

Flodoard. Aber noch eins. Sagt niemanden früher die Ursach der Zusammenkunft, ehe sie nicht alle angekommen sind. Dann stellt rings um eueren Pallast Wache mit geladnen Gewehren und selbst vor den Thüren dieses Zimmers, mit dem strengen Befehl, jeden herein, niemanden, bei Todesstrafe, heraus zu lassen. Denn vor Abaellino ist niemand sicher.

Gritti. Es wird geschehn.

Flodoard. Morgen mit dem Glokkenschlage fünf, oder nie, sehn wir uns wieder!

Flodoard empfahl sich schnell. Rosamunde bebte am Arme des Herzogs und Gritti schüttelte den Kopf.

Drittes Kapitel.
Die nächtliche Verschwörung.

Juchheisa!“ rief in der Mitternachtsstunde Parozzi im Zimmer des Kardinals Grimaldi, wo das ganze höllische Complot wieder beisammen war: die Sachen gehn treflich. Flodoard ist heut angekommen und Abaellino schon richtig bezahlt!

Grimaldi. Der Flodoard ist ein Schlaukopf, ich wünschte lieber, er bliebe am Leben und schlüge sich zu unsrer Parthei. Ich sage euch, Flodoard ist ein Schlaukopf!

Parozzi. Wie die Vagabonden immer sind.

Memmo. Und stolz ist er, stolz, als wär er Venedigs Herrgott.

Falieri. Rosamunde, wie ich erfahren habe, soll ihm nicht unhold sein.

Parozzi. O, Geduld, Abaellino bricht ihm den Hals, dann kann er mit dem Teufel und seiner Grosmutter liebeln.

Kontarino. Uebrigens hab ich troz aller Kundschaft seinetwegen in Florenz wenig erfahren. Es sollen einmahl, schreibt man mir, es sollen einmahl Flodoardo’s in Florenz existirt, aber sich längst von da hinweg begeben haben, man wisse nicht, wohin? und zu dieser Familie Flodoardo müsse denn wohl unser Vagabond gehören.

Grimaldi. Der Doge hat euch also sämmtlich auf morgen Nachmittag zu sich eingeladen?

Alle. Wahrhaftig! wahrhaftig!

Grimaldi. (mit Selbstgefühl) Das freut mich, das freut mich. Ich sehe mit Vergnügen, daß meine Empfehlung bei ihm so vieles gewirkt hat. — Und morgen Abend ist bei ihm Ball mit Masken, wie mir sein Kammerdiener sagte?

Falieri. Freilich!

Memmo. Wenn er nur nicht um unsre Verschwörung weis — ich wäre des Todes!

Grimaldi. Er kann unmöglich davon wissen.

Memmo. Ei, zum Teufel, jeder Beutelschneider, Pflastertreter, Abentheurer, Bettler und wie das Lumpengesindel heissen mag, welches unsre Armee ausmacht, weis davon und er sollte noch nichts gewittert haben?

Kontarino. Du Narr, da gehts ihm, wie betrognen Ehemännern; jedermann weis, daß sie Hörner tragen, nur sie selber haben keine Notiz davon. Aber, wahrhaftig, wir müssen nun den Anfang machen, unsre Projekte zu realisiren, oder wir werden endlich verrathen. —

Falieri. Du hast recht, Bruder.

Parozzi. Die Misvergnügten, die sich auf unsre Seite geschlagen haben, sinds zufrieden, wenn der Betteltanz in dieser Nacht vor sich gienge.

Kontarino. Ich nehme morgen den Dogen auf mich, und steche ihn nieder. Dann ergeh es, wie es wolle. Entweder wir sind dann aus allen Bedrängnissen durch allgemeinen Aufruhr der Republik gerettet, oder wir seegeln mit vollem Winde aus dieser vermaledeiten Zeitlichkeit ab.

Parozzi. Wir versehn uns alle mit Gewehr.

Grimaldi. Das Kollegium der Zehnmänner ist sammt und sonders morgen gegenwärtig — —

Falieri. Alle müssen sie niedergemacht werden!

Memmo. Wenns nur zulezt nicht schreklich für uns selber abläuft.

Kontarino. Ei, du verdammter feiger Knabe, bleib zu Hause hinterm Ofen; aber sind wir durchgedrungen, so komm nicht und fodre deine Geldsummen wieder.

Memmo. Bei meiner Seel, Kontarino, an Muth fehlts mir nicht; willst du, ich messe mich mit dir in diesem Augenblik mit der Klinge. Aber dein unseeliger Hitzkopf fehlt mir.

Grimaldi. Und wenn alles verdorben ist, so macht es die Kirche wieder gut und das große Wort Sr. Heiligkeit.

Memmo. Aber wo sind denn die Briefe vom Pabst?

Grimaldi. (wirft ihm zwei Papiere vor) Lies, ungläubiger Thomas!

Memmo. Donner und Wetter, wir treiben also eine privilegirte Schurkerei! —

Grimaldi. Der Pabst muß uns schüzzen, ich sage, er muß, denn wir vertheidigen als gute Christen die Gerechtsame seines Stuhls in der Republik Venedig — schon das kann euch eine Quelle des Muths werden, wenn in der lezten Noth alles scheitern sollte. Keine Hand darf euch verlezzen!

Kontarino. Höre, Parozzi, es bleibt nach unsrer Abrede dabei, du bestellst unsre Bundesgenossen mit Waffen und Wehr in deine Behausung. Um Mitternacht verläßt du den Ball, und bemächtigst dich des Arsenals. Der Hauptmann Sebilli ist unser, und hält dort die Wache.

Grimaldi. Der Schiffkapitain Adormo wird auf das Signal der Sturmglokke zu uns stossen mit seinen Leuten.

Falieri. Es kann gar nicht fehlen!

Kontarino. Macht nur die Verwirrung so gros, als möglich, Freunde und Feinde müssen durcheinander wüthen, keiner muß wissen woher der Aufruhr, warum, und wohin! —

Parozzi. Bei meiner Seele, ich danke Gott, daß es endlich so weit gediehen ist.

Falieri. Hast du die weißen Armbinden unter unsre Leute ausgetheilt, Parozzi?

Parozzi. Schon vorgestern.

Kontarino. Halloh, Brüder, die Kelche gefüllt! so wie jezt sizzen wir nicht sobald wieder beisammen, als nach vollbrachter Arbeit! —

Memmo. Laßt uns noch einmahl alles weislich überlegen!

Kontarino. Pfui! Ueberlegung ist das Kind der kalten Vernunft, und diese gilt in der Rebellion nicht. Hier spricht die Verzweiflung. Nur erst das Werk begonnen, das Staatssystem Venedigs mit Heldenmuth über einander geworfen, bis keiner mehr weis, wer Herr, und wer Unterthan sei, dann kann die Ueberlegung kommen, um zu rathen, wie weiter! — lustig, eingeschenkt! — Der Doge bietet uns durch seinen Ball die Hand — ha, ha, ha!

Parozzi. Den Abaellino müssen wir nothwendig vorher sprechen.

Kontarino. (schwänkt den Weinbecher) Es lebe Abaellino!

Alle. (trinkend) Abaellino! Abaellino!

Grimaldi. Und glüklichen Ausgang der künftigen Nacht!

Memmo. Ja, wohl! ja wohl!

Alle. Ein glüklicher Ausgang!

Parozzi. Wo sizzen wie übermorgen Nacht?

Viertes Kapitel.
Der wichtige Tag.

Am folgenden Morgen war alles so ruhig in Venedig, als wäre nichts geschehn, und doch war es gewiß, daß dieser Tag einer der merkwürdigsten in diesem Staate werden mußte.

Im Herzoglichen Pallaste war alles schon sehr früh erwacht. Der bekümmerte Gritti verlies ungewöhnlich zeitig das Nachtlager, auf welchem er sich dießmal schlaflos und sorgenvoll hin und her gewälzt hatte. Rosamunde hatte vom schönen Flodoard geträumt und wachend sezte sie ihre Träumereien fort. Iduella hatte unruhig geschlafen; sie liebte Rosamunden zu sehr und wußte schon welch ein intressanter Tag für das arme liebende Geschöpf der heutige werden würde. Aber Rosamunde war ungemein heiter; sie scherzte mit Iduellen, sezte sich zu ihrer Harfe und sang sich das Lied ihres Lieblingsdichters:

Liebe, Liebe, Kind des Himmels,

Aller Welten Königin,

Durch die Graun des Weltgetümmels

Warst du meine Führerin.

Früh hat mich dein Arm umschlungen,

Früh dein holder Geist bezwungen,

Früh dein Rosenmund geküßt.

In dem Morgentraum des Lebens

Sog des Lebens erste Lust

Stiller Wonne, frohen Lebens

Lieb o Lieb an deiner Brust!

Ach, von deinem Arm geschaukelt,

Deinen Tändelein umgaukelt

Froh zu früh der Morgentraum!

Deinen Namen, deinen Stämpel

Trägt die Schöpfung immerdar;

Sieh, der Himmel ist dein Tempel

und die Erde dein Altar —

Ja, so lange meine Augen

Noch den Reiz der Schöpfung saugen,

Bet’ ich dich, o Liebe, an!

Aber Rosamundens selige Laune verschwand, als der Mittag heranrükte und vorüberzog. Aengstlich wankte sie hier und dahin; ihr Herz klopfte ungestüm, in Erwartung fürchterlicher Auftritte.

Schon versammelten sich die Vornehmen Venedigs im Pallast ihres Oheims, schon war der schrekliche Nachmittag da, und der Doge sandte Iduellen an sie ab, in den großen Saal sie zu führen, wo die Herrn und Damen ihrer harrten.

„Gott! o mein Gott!“ rief sie leise: „laß alles wohlgelingen.“

Blas wie eine Leiche trat sie in das Zimmer, in welchem sie gestern ihren Flodoard Liebe bekannt hatte und Flodoard — war noch nicht da.

Die Gesellschaft war glänzend und heiter gestimmt; man sprach von Stadtnovellen, europäischen Staatsangelegenheiten. Kontarino und Grimaldi unterhielten sich mit dem Dogen; Memmo, Falieri und Parozzi standen in einem Winkel schweigend beisammen.

Draussen wars trübe und dunkel; es stürmte der Wind in den Wellen des Kanals und den Wetterfahnen der Palläste am Markusplaz; ein Regenschauer folgte dem andern.

Es schlug vier Uhr. Rosamunde ward blässer, als vorher. Gritti befahl dem Kammerdiener etwas leise ins Ohr. Man hörte bald darauf Männer von aussen wanken, und Waffen klirren an den Thüren des Saals.

Eine plözliche Stille herrschte durch die Gesellschaft. Die jungen Nobili stokten in ihren Liebeserklärungen vor den Damen; die Damen vergaßen ihre Modeneuigkeiten; die Staatsmänner starrten sich an und brachen ihre politischen Discourse ab.

Der Doge trat langsam in die Mitte der Versammlung. Jedes Auge wandte sich zu ihm. Hoch schlug den Verschwornen das Herz.

„Wundert euch nicht, meine Lieben, über jene seltsamen Anstalten!“ redete Andreas Gritti, Venedigs Herzog, sie an: „Es hat nichts zu bedeuten, was dem Vergnügen dieser Gesellschaft gefährlich sein könnte. Euch allen wird der Bandit Abaellino bekannt sein, der Mörder des braven Prokurator Sylvio und meiner getreuen Räthe Kanari und Dandoli. Dieser, vor welchem jeder rechtschaffne Republikaner zittern muß, dem nichts heilig und ehrwürdig heißt, der allen Troz bietet, die ihm drohen, — dieser höllische Auswurf wird vielleicht binnen einer Stunde in diesem Saale vor unsern Augen erscheinen!“

Alle. (erstaunt) Abaellino? Abaellino?

Grimaldi. Freiwillig?

Gritti. Nein, freiwillig in der That nicht. Aber Flodoard von Florenz hat gelobt unsrer Republik diesen wichtigen Dienst mit Gefahr seines Lebens zu leisten, es koste was es wolle, den Abaellino zu fangen, und hieher zu bringen.

Einer der Beisizzer des Zehengerichts. Viel, unendlich viel gelobt!

Ein andrer. Ich zweifle an der Vollführung des Gelübdes!

Ein dritter. Aber bei Gott, Flodoard machte sich uns die Republik zu großen Schuldnern.

Ein Vierter. Wahrhaftig, wie soll der Staat dem Flodoard vergelten.

Gritti. Die Vergeltung übernehm ich allein. Flodoard hat um die Hand meiner Nichte angehalten — ich gebe sie ihm.

Alle. (sehn sich schweigend unter einander an, theils mit Blikken der höchsten Zufriedenheit, theils des Erstaunens)

Falieri. (leise) Parozzi, was meinest du?

Memmo. Ich habe das kalte Fieber, so wahr Gott lebt!

Parozzi. (heimlich lachend) Abaellino wird sich fangen lassen! —

Kontarino. Meine Herrn, hat einer von euch schon den Abaellino von Angesicht zu Angesicht gesehn?

Einige. Wir nicht! wir nicht!

Ein andrer. Es ist ein Gespenst, der nur dann und wann und sehr unverhoft und ungebeten erscheint.

Rosamunde. Ich vergesse das Ungeheuer nicht — (sie erzählt einigen Damen leise)

Gritti. Und wie er mir erschienen ist, wird euch bekannt sein.

Memmo. (zu einigen Senatoren) Ich habe mir von dem Ungeheuer tausend Wunderdinge erzählen lassen — er ist der Teufel in menschlicher Gestalt — ich halte nicht für gut, daß man ihn in diese Versammlung bringt, denn er ist fähig hier ohne Gnade einen nach dem andern zu erwürgen.

Mehrere Damen. Gott bewahre, in dieses Zimmer?

Kontarino. Die Hauptsache ist, ob ihm Flodoard, oder er den Flodoard besiegt. Und ich geh eine schwere Wette darauf ein, daß Flodoard unverrichteter Sache abzieht.

Ein Senator. Und ich halte die Wette mit, daß nur ein einziger Mann in Venedig es unternehmen darf den Abaellino zu fangen — und der eine ist Flodoard von Florenz; eben der, von dem ich längst prophezeit habe, er werde in den Jahrbüchern der Welt einmahl eine glänzende Rolle spielen —

Ein andrer. Ihr habt recht, Sennor, ich bin erstaunt über ihn, als ich zum erstenmahle in seine Gesellschaft trat.

Kontarino. Tausend Zechinen! Abaellino läßt sich nicht greifen, oder er wäre denn gestorben.

Der erste Senator. (hizzig) Tausend Zechinen, Flodoard hascht ihn —

Gritti. Und liefert ihn tod oder lebendig.

Kontarino. Ihr, edle Venetianer, seid Zeugen: (er reicht dem Senator die Hand) (sie geben sich die Hände.)

Senator. Die Wette gilt.

Kontarino. (lachend) Ich danke euch für die tausend Zechinen, Sennor! Abaellino ist ein feiner Gauch — gewiß Flodoard hat Ursach sich zu hüten.

Grimaldi. Hat Flodoard die Sbirren zur Hülfe?

Gritti. Keinen, als sich selber. Seit gestern ist er nun schon abwesend, um auf den Banditen Jagd zu machen.

Grimaldi. (mit einem triumphirenden Lächeln zu Parozzi) Glük zu, Sennor!

Parozzi. (mit einer erfurchtsvollen Verbeugung) Gewiß, Ew. Eminenz prophezeien wahr.

Memmo. Ich lebe wieder auf. Nun, nun! man wird doch sehen!

Drei und zwanzig Stunden waren vorüber, seit dem Gelübde des kühnen Flodoard — die vier und zwanzigste brach an und er kam noch nicht.

Fünftes Kapitel.
Höllenangst.

Der Doge wurde unruhig. Der Senator fieng an für seine tausend Zechinen zu zittern, und Kontarino und seine Parthei lachten schadenfroh, wie wohl Kontarino laut bekannte: er wünsche lieber tausend Zechinen und zwei tausend zu verlieren, weil mit der Gefangenschaft Abaellinos die allgemeine Sicherheit der Republik gewönne.

Es schlug im Thurme der St. Markuskirche fünf Uhr — Rosamunde bebte; Todesschweis perlte von ihrer schönen Stirn. Flodoard kam noch nicht.

Der alte Andreas Gritti liebte Flodoarden wirklich — jezt schauderte er zum erstenmal vor dem Gedanken, daß Abaellinos Dolch gesiegt haben könne.

Rosamunde gieng zum Herzog, sie schien ihm etwas sagen zu wollen, aber die Angst lähmte ihre Zunge, eine Thräne quoll in ihrem Auge hervor. Sie verbarg die Angst und ihre Thräne so meisterhaft, als es sich immer hier thun lies — in einem Winkel warf sie sich auf einen Sessel nieder, rang die Hände und ihre Seufzer flehten Hülfe von dem barmherzigen Gott.

Die übrige Gesellschaft trippelte in sichtbarer Verlegenheit umher; man wollte fröhlich sein, aber auch nicht einmal der Schein der Fröhlichkeit konnte affektirt werden.

So verflos wieder eine Stunde, und Flodoard kam nicht.

Jezt brach die Abendsonne lächelnd hinter den Regengewölken hervor, ein Strahl der sinkenden Tageskönigin fiel auf Rosamunden — und Rosamunde wurde, sie wußte nicht, warum? froh.

Kontarino. Um fünf Uhr wollte Flodoard den Abaellino liefern! — es sind anderthalb Stunden darüber.

Senator. Wenn er ihn nur liefert, mögen dann auch anderthalb Wochen darüber sein.

Gritti. Nein! — still! — ich höre draussen Geräusch. — —

Die Flügelthüren sprangen auf und Flodoard trat allein herein im Reisekleide und Regenmantel. Wild und wüst flog sein Haar, düster rollte sein Auge durch die Gesellschaft. Er ris den Federhut vom Kopf herab und begrüßte die Versammlung.

Alles drehte sich zu ihm hin, jeder Mund schien zehn Fragen zu haben, jedes Auge studierte seine Mienen.

„Jesus! schrie Memmo: mir ahndet was!“

„Seid ohne Sorgen, Sennor!“ murmelte Kontarino.

„Edle Venetianer, sprach Flodoard, und seine Sprache war die Stimme des Helden: wahrscheinlich hat unser Durchlauchtigster Herr euch die Ursach dieser Zusammenkunft gemeldet — ich will jezt eure Sorgen lösen. Aber vorher frag ich noch einmahl, gnädigster Herr, wird Flodoard Rosamunden zur Gemahlin erhalten, wenn er den Abaellino in eure Hände liefert?“

Gritti. (ihn mit den Augen messend) Habt ihr den Abaellino?

Flodoard. Empfang ich Rosamunden?

Gritti. Ohne Widerspruch, ja! ihr empfangt sie mit einem fürstlichen Brautschaz.

Flodoard. Ihr Edeln von Venedig, ihr habt das Wort des Dogen gehört!

Viele Senatoren. Wir haben’s gehört!

Flodoard. (indem er drei Schritt durch den Saal macht) Wohlan, Abaellino, ist in meiner und eurer Gewalt!

Alle. (im wilden Tumult) Hilf Himmel! — Wo ist er! — Jesus Sohn Gottes! — Abaellino!

Gritti. Tod oder lebendig?

Einige. Tod oder lebendig, Sennor?

Flodoard. (ernst) lebendig!

Alle (in sprachloser Verwunderung oder mit Entsezzen ihm nachlallend): Lebendig! lebendig!

Grimaldi. (mit der Hand über die Stirn fahrend) Lebendig!

Kontarino. Das geht ins weite.

Rosamunde. (Iduellens Hand küssend) Hörst du, Iduella! Iduella! lebendig!

Senator. Sennor Kontarino, tausend Zechinen!

Kontarino. (durch die Zähne) Mit Vergnügen!

Flodoard. (mit einem schweren Seufzer) O gnädigster Herr — —

Gritti. (sanftlächelnd) Die Republik ist deine Schuldnerin, mein Sohn.

Einige Senatoren. Und wir danken euch jezt, heldenmüthiger Florentiner, für eure unbegreifliche Heldenthat. Die Republik wird vergelten.

Flodoard. (den Arm traurig nach Rosamunden ausstrekkend) Dort, seht sie dort meine Vergeltung.

Gritti. (mit Freudestrahlenden Antliz) Führe den Bluthund Abaellino hieher — ich kenne ihn. Es war eine Zeit, da sagte er zu mir: Herzog, ich messe mich mit dir, die Erde trägt selten auf einem so schmalen Strich Landes zwei so große Männer — führe doch den grossen Mann hieher!

Senatoren. Wo ist er? wo ist er?

Einige Damen. (in schreklicher Furcht) Um Gotteswillen — —

Flodoard. (schmerzhaft lächelnd) Fürchtet euch nicht mehr vor ihm, schöne Venetianerinnen, er hat ja nun seine Braut! (indem er auf Rosamunden deutet)

Falieri. (erblassend) Ist er hier schon im Pallast?

Flodoard. Hier im Pallast.

Ein Senator. Warum laßt Ihr uns so lange in banger Erwartung schweben?

Flodoard. (führt den Dogen zu einem Lehnsessel) Wohlan, so mag die Komödie beginnen! — Abaellino soll erscheinen. Tretet alle an die Seiten!

Wie von einem Sturmwind fortgerissen flog alt und jung erschrokken zurük nach den Wänden. Allen klopfte hoch das Herz; keinen aber mehr, als den Verschwornen, die mit Höllenangst der Erscheinung Abaellinos entgegenharrten.

Der Doge Andreas sas ernst und ruhig in seinem Stuhle, wie ein Richter zum Gericht des Banditenfürsten. Einzeln, in besondern Gruppen standen die Anwesenden mit verschiednem Mienenspiel da — wie am Weltgerichtsmorgen die Schatten der Seeligen und Verdammten einst untereinandergemischt, und doch grell von einander verschieden dastehn werden. Die schöne Rosamunde lehnte sich in ruhiger Engelsunschuld an Iduellens Achsel und musterte mit durstgen Augen ihren großen Liebling. Die Verschwornen mit langen, bleichen Gesichtern und hin stierenden Augen formirten den Hintergrund. Dumpfe Stille waltete über die Versammlung; kein Odemgeräusche störte sie.

„Und nun soll der schrekliche Abaellino vor euch erscheinen; zittert nicht, er wird keinen verlezzen!“ rief Flodoard aus, drehte sich um, ging zur Flügelthür, wischte sich über das Gesicht, warf den Mantel ab, kehrte wieder um — und wie durch ein Gaukelspiel, war Flodoard in Abaellino verwandelt! —

Sechstes Kapitel.
Geistererscheinungen.

Ein lautes Zetergeschrei scholl plözlich durch den Saal — Rosamunde stürzte ohnmächtig zusammen, die Verschwornen schnappten nach Luft, die Damen kreuzigten und segneten sich, die Senatoren standen leblos wie steinerne Puppen umher und Andreas Gritti verlor im Schrek Gehör und Gesicht.

Abaellino stand ruhig da in seiner ganzen furchtbaren Häßlichkeit, in seinem Banditenhabit, mit dem Gürtel voller Pistolen und Dolche, mit dem abscheulichen verzerrten, gelben Gesicht, über dem rechten Auge ein Pflaster, das linke hinter Fleischrunzeln halb verschwollen. Er grinste nach einer Minute rings umher, und trat dann ·zum erstarrten Doge.

„He!“ rief er mit heisrer, grölzender Stimme: „kennt ihr noch den Abaellino, hier ist er, mit Leib und Seele ist er hier, gnädiger Herr, um seine Braut einzuhohlen!“

Andreas Gritti seufzte tief auf, starrte den Ausbund der Hölle mit einem schreklichen Blik an und rief: „so bin ich noch nie hintergangen!“

„Wache! Wache!“ schrie Grimaldi, der Kardinal, und Abaellino zog eine Pistole hervor aus dem Gürtel, spannte den Hahn und drohte zu ihm herüber: „der erste,“ rief er, „der erste, der Wache schreit, oder eine Bewegung macht, ist in dieser Minute des Todes. Glaubt ihr, daß ich mich selber hier überliefern, selber die Wachen an den Thüren bestellt haben würde, wenn ich mich vor ihnen fürchtete, oder wenn ich euch entrinnen wollte? Ja, ich will euer Gefangner sein, aber ohne Gewalt; ich will euer Gefangner sein, dazu bin ich hier erschienen. Fangen soll den Abaellino kein Mensch, er muß selber kommen, um sich seinen Richtern zu überantworten. Oder glaubt ihr, der Abaellino sei der gewöhnlichen Bravo’s einer, der vor den Sbirren läuft, aus Armuth oder Leidenschaft meuchelmordet? nein, beim Himmel, nein, der bin ich nicht! war ich Bandit, so war ich Bandit aus Grundsäzzen! —“

Gritti. (die Hände zusammenwerfend) Großer Gott, ist es möglich?

Ein schauerliches Stillschweigen wohnte im Saale. Jeder gehorchte der Stimme des großen Banditen, der mit der Majestät des höllischen Monarchen durch den Saal schritt, wenn anders der Teufel Majestät besizzen kann.

Rosamunde schlug die Augen auf — ihr erster Blik haftete auf den verwandelten Flodoard.

„O!“ rief sie: „Allbarmherziger, es ist nicht möglich — es ist ein satanisches Blendwerk!“

Abaellino. (zu ihr tretend) Nein, kein Blendwerk, Rosamunde; dieser Bandit Abaellino ist dein Flodoard von Florenz.

Rosamunde. Geh, geh, entsezlicher Lügner, es ist nicht möglich! — du und Flodoard, Seraph und Satan! wer schmilzt die zusammen? Flodoard handelte gros und gut, wie ein Halbgott — ich habe von ihm gelernt tugendhaft zu handeln. Er war ohne Leidenschaft, zu jeder schönen That willig. Elend und Kummer ertrug er um des Guten willen, die Thränen der Leidenden abzutroknen — das waren seine Triumpfe! — Höllischer Bösewicht, den die Schaaren der Ermordeten vor Gottes Richterstuhl längst verklagt haben, prahle nicht mit Flodoards Namen.

Abaellino. (mit Stolz) Rosamunde, du bist — — — ein Weib. Sieh her, ich und dein Flodoard sind eins — sieh her! sieh her!

Abaellino riß das Pflaster vom Auge, rieb mit seinen Tuch im Gesicht umher, faltete die verzognen Mienen in ihre natürliche Ordnung zurük, strich die schwarzen Haare von der Stirn, und siehe da, der schöne Flodoard stand in Abaellinos Banditentracht vor den Augen der Versammlung.

Abaellino. Sieh, Rosamunde, siebenmahl will ich mein Gesicht noch verwandeln vor deinen Augen, und so täuschend, daß du mich in Ewigkeit nicht erkennen solltest. Aber dieß Gesicht ist Flodoards Angesicht, ich will es vor der Hand beibehalten.

Grimaldi. Entsezlich!

Die Senatoren. (durch einander murmelnd) Unerhört! Schreklich!

Abaellino. (liebreich zu Rosamunden) Nun? — versöhnst du dich mit mir?

Rosamunde. (ihn anstarrend) Flodoard, du bist kein Mensch!

Abaellino. (sich zu ihr hinabbeugend) Rosamunde — Rosamunde — bist du mein?

Rosamunde. (mit schaudernder Verlegenheit) Flodoard — ach, daß ich dich nie gesehn, nie geliebt hätte!

Abaellino. Willst du nun noch die Braut Flodoards — die Banditenbraut sein?

Rosamunde. (sieht ihn schweigend an, mit sich selber im fürchterlichen Kampf.)

Abaellino. Sieh, Mädchen, um deinetwillen hab ich mich selber verrathen — selber hingeliefert — — ach, Rosamunde, ich könnte noch mehr thun! — doch still! Rosamunde, nur eine Sylbe laß mich hören von deiner Lippe, nur ein armseliges Nein, oder Ja! Rosamunde, liebst du mich noch? — —

Rosamunde antwortete nicht. Ihr Auge sah zu ihm empor, schuldlos und liebevoll, wie das Auge eines Engels, und ihr Blik bekannte dem verführerischen Bösewicht, Liebe. Ihr Busen stürmte ungestüm — ungestüm wie das Meer der Gedanken und Empfindungen in ihrer Seele. Sie sank in Iduellens Arm zurük und Iduella weinte eine mitleidige Thräne auf ihren Liebling herab.

Der Doge sprang in diesem Augenblik wild vom Sessel auf; sein Auge blizte Wuth, seine Unterlippe zog sich höher hinauf; sein Odem flog heftiger. — Die Senatoren sahn ihn, warfen sich ihm vor und hielten ihn gewaltsam zurük. Abaellino inzwischen gieng ihm mit befremdender Kälte entgegen, und bat ihn sich zu beruhigen.

„Werdet ihr mir euer Wort halten, gnädigster Herr? — ihr gabt es mir, des sind jene edeln Venetianer und Venetianerinnen Zeuge.“

Gritti. (wild) Abscheulicher Bösewicht, dein Plan ist fein, boshaft und schreklich angelegt, mich zu betrügen. Sagt, Venetianer, bin ich verpflichtet, einem solchen fürchterlichen Gauner Wort zu halten? Da geht er hin und spielt eine betrügerische blutige Rolle: mordet Venedigs bravste Männer für Lohn, um mit dem Blutgelde in Venedig Aufwand zu machen. Dann kömmt der abgefeimte Abentheurer unter der Maske eines Biedermanns, verführt meine unglükliche Rosamunde zur Liebe, fodert mir das Mädchen ab, unter der Bedingung den Abaellino zu schaffen — stellt sich dann selber ein, verlangt die Erfüllung meines Versprechens und erwartet schlau genug zugleich Amnestie seiner Verbrechen. — Sagt, Venetianer, darf ich dem Bösewicht Wort halten.

Alle. Nimmermehr, nimmermehr!

Abaellino. (mit Ernst) Auch dem Fürsten der Finsternis müsset ihr euer Versprechen halten, wenn ihrs einmahl von euch gabet. O, Pfui, pfui, Abaellino, so hast du dich denn schreklich verrechnet: mit Biedermännern glaubt ich zu handeln, pfui, und ich lies mich betrügen! — (mit schreklichem Ernst) Noch einmahl und zum leztenmahle: soll das herzogliche Wort gebrochen sein?

Gritti. (richterlich) Entwaffnet euch.

Abaellino. Und ihr wollt mich verstoßen — ich habe mich umsonst in eure Hände geliefert?

Gritti. Dem braven Flodoard hätt ich Rosamunden nicht verweigert, aber dem Mörder Abaellino hab ich nichts in der Welt versprochen.

Abaellino. Hi, hi! meine Mordthaten drükken euch ja nicht, sondern mich; dereinst will ich die Sache vor dem Richter der Welt schon ausfechten.

Grimaldi. (zum Doge) Welche Gotteslästerung!

Abaellino. O, Herr Kardinal, bittet doch für mich — ihr kennt mich ja, ich bin ein guter Kerl.

Grimaldi. (mit Zorn und geistlicher Hoheit) Elender, was hab ich mit dir zu schaffen?

Abaellino. Soll ich also wahrhaftig verdammt werden? He da, nimmt sich keiner von euch des armen Abaellino an? (Eine Pause) Alle schweigen? gut, so eile denn alles zu Ende mit mir!

Rosamunde. (aufspringend, und zu den Füssen des Dogen) Gnade! Gnade! Barmherzigkeit für ihn!

Abaellino. (mit Seeligkeit) Oh, oh! ein Engel betet für mich in der leztcn Stunde.

Rosamunde. Erbarmen für ihn, mein Vater, Erbarmen für ihn! war er ein Sünder, so richte Gott über ihn! — ach, ich liebe ihn noch!

Gritti. (sie von sich stoßend) Weg, Geschöpf, ich kenne dich nicht!

Abaellino. (steht mit verschränkten Armen da und weidet sich an der Szene)

Rosamunde. (auf dem Erdboden sich halb erhebend) Habet ihr mit ihm kein Erbarmen, so habet es nur mit mir nicht. Richtet ihr ihn, so richtet mich zuvor! — — Vater, — Vater! verstoßet mich nicht.

Gritti. (zum Abaellino im ernsten Ton) Entwaffnet euch!

Abaellino. Und ihr könnt es kalten Auges ansehn, wie sich dies Lamm zu euern Füssen windet? — geht, ihr habt sie nie geliebt, diese Rosamunde. — (Er hebt sie vom Boden auf und trägt sie zu Iduellen) Jezt ist sie mein! — ich sag es euch, jezt ist sie mein, und der Tod soll uns erst von einander scheiden.

Venetianer, es scheinet als wollet ihr jezt Gericht über mich halten, es scheint, als wolltet ihr den Stab über mich brechen — wohlan, es sei euch erlaubt! aber zuvor will ich mit mehrern von euch erst richten.

Seht hier, ich bin der Mörder Sylvios, der Mörder Dandolis, der Mörder Kanari’s! ich leugne es nicht; wollt ihr nun die Herren kennen lernen, die mich dazu besoldeten — so seht, Venetianer, seht auf jene Schurken da — ein, zwei, drei, vier — Grimaldi, Parozzi, Memmo, Falieri und Kontarino. — Diese laßt in Verhaft nehmen.

Versteinert und entgeistert standen die genannten da — das verrätherische Gewissen blinzelte durch die starren Augen, durch die bleichen Wangen hervor und Abaellino wurde von keinem widerlegt.

„Was ist das?“ frugen sich die Senatoren erschrokken untereinander.

„Ein schändlicher Gaunerkniff!“ lallte der Kardinal Grimaldi, „rachsüchtig will nun der Boshafte uns in seinen Prozeß verwikkeln, da er sieht, daß ihm nichts zu seiner verlornen Freiheit verhilft!“

Kontarino. (sich ermannend) Er war in seinem Leben der größte Bösewicht und will es nun auch im Tode sein.

Abaellino. (mit Majestät) Schweigt! ich kenne euer ganzes Komplot, kenne eure Proscriptionslisten, kenne euern Anhang, und indem wir hier mit einander sprechen, nimmt man die Herrn mit den weissen Armbinden gefangen, die in der kommenden Nacht Venedig umdrehn sollten. — Vertheidigt euch nicht.

Gritti. (erstaunend) Was soll das sein?

Abaellino. Nichts mehr und nichts weniger, gnädigster Herr, als eine enthüllte Verschwörung wider den Staat und euer Leben. — Seht, so erhält euch ein Bandit zur Dankbarkeit euer Leben, weil ihr ihm bald das seinige rauben werdet.

Ein Senator. (zu den Angeklagten) Edle Venetianer, ihr schweiget.

Abaellino. Hier sind alle Vertheidigungen fruchtlos — ihre Bande ist auf meinem Befehl jezt desarmirt, und in die Gefängnisse des Staats vertheilt — besuchet sie, da werdet ihr mehr erfahren. — Uebrigens bildet euch nicht ein, daß ich um und in diesen herzoglichen Pallast die bewaffneten Soldaten um des fürchterlichen Banditen Abaellinos willen hinstellte, nein, sondern um jene Helden dort in engere Verwahrung zu führen. —

Und nun, Venetianer, ich habe mit Gefahr meines Lebens den Staat gerettet, ich habe mich als Bandit in die Versammlungen der Gottlosen gewagt, habe Sturm und Regen, Frost und Hizze ertragen, habe, wenn ihr schliefet, für Venedig gewacht, und ich darf noch auf keine Belohnung Ansprüche, machen? Das alles hab ich für Rosamunde von Korfu gethan, und ihr wollt sie mir verweigern; ich habe euch euer Leben, euch das Leben eurer Weiber und Kinder erhalten — Menschen, Menschen und ihr wollt mir das meinige rauben. —

Seht doch, wie jene Bösewichter dastehn, von Gott verdammt und ihrem innern Richter. Oeffnet sich wohl ein Mund zur Rechtfertigung? widerlegt mich einer auch nur mit einem Kopfschütteln? — Ich will euch von meiner Ehrlichkeit noch besser überzeugen. (Indem er sich zu den Verschwornen wendet.) He da, bekennet die Wahrheit — derjenige, der sie unter euch zum ersten gesteht, soll Gnade erhalten im Gericht, das versprech ich, der Bandit Abaellino.

Die Verschwornen schwiegen. Endlich nahte sich Memmo einem der Senatoren zitternd. — „Venetianer!“ lallte er: „Abaellino lüget nicht!“ —

„Er lüget! er lüget!“ riefen mit einemmahle Falieri, Grimaldi, Kontarino und Parozzi.

Still! schrie Abaellino und fürchterlicher Grimm blizte aus seinen Gebehrden: „Still! laßt mich sprechen — oder besser noch, laßt die Geister der Ermordeten sprechen. Hollah, ho!“ schrie der Fürchterliche und sprengte die Flügelthüren voneinander und siehe die längst beweinten, längst betrauerten Edeln traten herein, Sylvio, Kanari und Dandoli!

„Verrätherei!“ brüllte Kontarino und sties sich einen verborgen gehabten Dolch ins Herz.

Welch ein Auftritt!

Weinend sank Andreas Gritti in den Arm seiner todgewähnten Freunde; weinend schlang das lebende Kleeblatt großer Männer sich um den Freund und Waffenbruder und Herzog. — Erst in den Wohnungen des Himmels glaubten sich diese schönen Seelen, diese Helden, wieder finden zu können, und sie fanden sich nun auf Erden wieder zusammen. Sie die einstens als Jünglinge mit einander aufwuchsen, mit einander für das Wohl ihres Vaterlandes fochten, hingen jezt als Greise hier umeinander. Gerührt standen die Zuschauer da, und die alten ehrwürdigen Senatoren konnten sich bei dieser heiligen Szene der Thränen nicht erwehren. Man hörte und sah in dieser seeligen Trunkenheit nichts — hörte und sah nicht, daß die Verschwornen und der Selbstmörder Kontarino der Wache überliefert wurden — hörte und sah nicht Rosamunden, die sich schluchzend an die Brust des schönen Abaellino warf und überlaut schrie: Dieser — dieser ist kein Mörder!

Aber man ermannte sich endlich. Die Besonnenheit kehrte zurük. — „Heil dem Erretter der Republik!“ schrie man und weinte man laut und umringte den Abaellino.

Abaellino, vor einigen Minuten noch von allen verdammt, stand hehr und gros unter der entzükten Menge da, wie ein Gott, und an ihm hinauf schlang sich die schöne Rosamunde.

„Ich bin nicht Abaellino, nicht Flodoard von Florenz,“ sprach er sanft lächelnd: „ich bin der vertriebne Graf Obizzo von Neapel. Ich kam hieher als ein Bettler; Banditen nahmen mich in ihren Bund auf, und ich ergrif mit Freuden ihr unseeliges Gewerbe, theils um Venedig von dieser Menschenklasse selber zu reinigen, theils um auch diejenigen Buben kennen zu lernen, in deren Solde diese Meuchelmörder standen. Ich überlieferte euch die Banditen, und ihren Anführer ermordete ich vor Rosamunden mit eigner Hand. Ich war in Venedig der einzige Bandit; an mich mußten sich alle Schurken wenden; ich lernte sie und ihre Pläne kennen und ihr kennt sie jezt auch. Sylvio, Kanari und Dandoli sollten hingerichtet werden — wollten diese Männer nicht durch die Dolche andrer fallen: so mußten sie mit mir flüchten. Ich brachte sie durch Gewalt, Güte und List an einen Ort, wo sie sicher vor jeder Entdekkung waren, bis zum heutigen Tage. Sie entwarfen mit mir Pläne für die Zukunft und wie man die Verschwornen fassen müsse — das alles ist jezt ausgeführt und nun Venetianer, wollt ihr mich noch verdammen?“

Dich verdammen?“ riefen Doge, Senatoren und Nobili, und jeder ris ihn an sich, und drükte ihn nassen Auges an sein Herz.

„O!“ rief Andreas Gritti, indem er seine Augen trocknete: „ich gebe meine herzogliche Müzze dahin, wenn ich ein Bandit werden konnte, wie du! — Grosser Bandit, du hast mich überwunden, du bist größer, als ich! Nimm hin meine Rosamunde, nimm hin; etwas bessers hab ich nicht, sie gilt mir theuerer, als ein Kaiserthum — nimm sie hin!“

„Abaellino!“ jauchzte Rosamunde, und küßte den schönen Banditen mit Glut.

„Rosamunde!“ rief Abaellino und vergas in dieser Umarmung die ganze Welt.

Siebentes Kapitel.
Nachschrift.

Freilich wär es so unrecht nicht, wenn man sich jezt zwischen den Graf Obizzo der schönen Rosamunde und dem alten Doge hinsezzen, und Obizzo’s Erzählung von seiner Herkunft und seinen ehmahligen Abentheuern, die ihn nach Venedig trieben, mit anhören könnte — allein hier sind vorläufig nur zwei Fragen zu beantworten, die alles entscheiden. Erstlich: hört man mir gern zu, wenn ich Märchen erzähle? — Zweitens: Hab ich auch Zeit genug übrig Märchen zu erzählen? —