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Achtzehn Töchter: Eine Frauen-Novelle cover

Achtzehn Töchter: Eine Frauen-Novelle

Chapter 10: IX. Der betrogene Freier.
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About This Book

A narrator describes purchasing a countryside estate and gradually trading personal freedom for obligations to land, livestock, and local dependents. Neighboring households, including one celebrated for its many daughters, introduce romantic entanglements, family rivalries, and social complications. Told in episodic chapters, the work blends domestic observation and gentle satire to examine how ownership reshapes identity, duties, and relationships. Comic misunderstandings, ritualized customs, and reflective asides about inheritance and authority propel interwoven courtships and reconciliations toward pragmatic resolutions while maintaining a tone that mixes wit and sentiment.

IX.
Der betrogene Freier.

Ich weiß nicht, was mein Schwiegervater in spe zu dieser Wiederholung alter verschollener Wunderlichkeiten gesagt, da ein wegen seiner Armuth an Geist und Geld schonenswerther Anverwandter sie wieder in das neueste klare Leben eingeführt, „weil er der Meinung gewesen und noch war und blieb: daß alle alten Wunder auch für uns Neue geschehen seien, bei uns eben so gut wie jemals geschehen könnten, ja müßten.“ So referirte mir mein Pastor und setzte hinzu: Auf der Nachhochzeit fand ich den Herrn Engel Tobiä mitten unter den Candidaten triumphirend im Garten. Ich hatte da zweimal zu erstaunen. Einmal über ihn, der sein Unternehmen für wahr und bewiesen hielt, da es Gläubige gefunden; und er habe es nur „auf vielfaches hohes Begehren ausgeübt.“ Er klagte sich dabei selbst seiner Freigeisterei an, da er es mit der Leber des rechten Fisches nicht so genau genommen; aber die Leber könne doch nicht der wahre Wunderthäter sein, als eine bloße verächtliche Natursache! Uebrigens müsse die Religion dem Menschen in allen Fährlichkeiten, wo kein anderes Mittel ausreiche noch ausreichen könne, ja eben Hilfe bringen! Besser Etwas als Nichts! Ja der Glaube erfülle das Nichts, der Glaube sei etwas allein für sich selbst, und wenn ihm die ganze Welt geradezu widerspräche. Und hier sei sichtbar, daß die lieben besorgten Mädchen nun getrost freien, und zuversichtlich ihre Liebhaber zu Männern nehmen würden, wovon sie außerdem eine unerklärliche zwar, aber durch die Vorgänge der Todesfälle der Männer der schon verheiratheten Schwestern unläugbar über sie gekommene Furcht gerade um so mehr abgehalten haben würde, je mehr sie ihren Bräutigam geliebt. Denn das sei doch keinem, nur einigermaßen es mit ihrem Geliebten und sich selbst wohlmeinenden Mädchen anzumuthen, daß sie gerade durch ihre Heirath, als dem alles hingebenden, alles ihr erwerbendem Act des Lebens, ihren Mann umbringen wolle! Und aus allen diesen Gründen bitte er sich von sämmtlichen Herren Freiern der schönen Mädchen einen guten Kuppelpelz aus, deren einer ein wirklicher Schafpelz sein könne, da ein alter mit sibirischer Katze gefütterter, und einst anständig vorgestoßener, zu nichts mehr tauge als auf das Backfaß zu decken.

Das Zweitemal war mein Pastor über die unirrbare Sicherheit und die vollkommene Duldung der Herren Candidaten erstaunt. Die überaus nobeln jungen Männer, erzählte er mir, lächelten aus ihrer wohlerrungenen Sicherheit des Geistes, sie zuckten nicht einmal die Achseln, eine Geberde, die jetzt oft sogar in Gesellschaft hoher Personen heimlich geübt, mit Schadenfreude bemerkt wird. „Der liebenswürdige Herr Markwort, Lehrer bei dem Präsidenten, sprach nur: Es ist weit gekommen; aber es giebt kein Rückwärts. Es wird noch weiter kommen; aber es giebt noch keinen Weg in die Vorzeit, nur in die Zukunft. Kein Greis ist mehr zu einem Kinde zu machen, als im Lande der Poesie — in Nirgendheim, wo bekanntlich alle Alten, Männer und Weiber, jung gemahlen werden. Unser armer Freund ist ein Poet; er gehört zu jenen lieben Menschenkindern, welche die Poesie ins Leben einführen, als Leben ausführen wollen.“

„Nichts wäre trauriger, sprach sein Freund, Herr Mährhold, Lehrer bei dem Superintendenten, als die Poesie aus der Seele vertilgen wollen; denn das Können widerlegt jedes neugeborene Kind bis ins Zehnte Jahr. Auch wir Erwachsene glauben dem Homer, wenn er uns in seine Tage versetzt hat, und das sind wir in Constantinopel so fähig wie in Rom. Wir glauben dem Sophokles im Theater von Berlin so gut wie in Paris; wir glauben dem Schiller, einer Jungfrau, einem Posa, einer Braut von Messina in Dresden so gut wie in Wien. Alle ohne Ausnahme in Prag und München glauben ihm, ja selber der Papst in Rom glaubte ihm, wenn er deutsch verstünde. Aber Poesie ist Poesie in allen Dingen ohne Ausnahme. Und der große Prozeß, den die Deutschen führen und unfehlbar glorreich gewinnen, ist der Prozeß: Poesie und Wahrheit zu scheiden, und jede einzeln hoch und herrlich und heilig den Menschen aufzustellen, oder doch die Piedestale dazu zu gründen und zu bauen. Woran aber auch nur ein Mensch mit Grund zweifelt, das ist nicht Wahrheit. Was der ganzen Welt unmöglich, ihren Gesetzen zuwider ist, das ist Winkelwahrheit, nicht einmal Poesie. Ist denn nun die nicht mehr aufhaltbare Scheidung ein Unglück, da die Menschheit beide geschiedenen Dinge wie zuvor behält, ja noch herrlicher, reiner, himmlischer in Besitz nimmt! Wer kann da von Unheil sprechen? Wem lähmt sein verlachtes Bemühen nicht Geist und Hand? — Es ist kein Ernst, kein heiliger Ernst in dem Wort: „Rückwärts! — Werdet alt!“ „Werdet Kinder.“ — Die Verlachung lauscht schon im Schweigen.“

„Der Dritte, Herr Wöllner, unvergeßlichen Namens, jetzt Lehrer bei dem General, sprach: Was wollen, was sollen, was können die Menschen? Was bedürfen sie alle und Jeder? Das Leben! nichts weiter. Zum Leben aber die Lehre, um es schön und rein und richtig zu leben. Aber auch ohne Todesfurcht. Gegen diese aber nur Vertrauen, Ueberzeugung: daß sie sind und daß die ganze Welt ist und bleibt. Die Poesie hat zu dem rein „richtig“ und sicher zu leben alle Kraft verloren, oder vielmehr sie nie dazu besessen; nur zum schönen frohen Leben. Das Volk, denn in das Volk ist schon die Kunde vom größeren ewigen Himmel und seinen Folgen auf Erden gedrungen, und bei ihm nie mehr auszurotten: Das Volk könnte leicht Alles mit Allem verwerfen. Darum bedarf es jetzt nur der Wiederanknüpfung der Sittlichkeit, als des Höchstnothwendigen zu einem würdigen Leben, an den ewigen Geist; und dazu nur der Erkenntniß: daß aller Geist, Geist Gottes ist. So ist die Verpflichtung, die neue Vereidung vollbracht.“

„Und sie wird vollbracht werden, hat der Vierte, Herr Wolkamp, Lehrer bei dem Herrn Geheimrath gesagt. Endlich, nach vielen Widerwärtigkeiten, vielleicht Gefahren, und tausend bitteren Erfahrungen unserer Feinde, vielleicht eher als sie und wir es vermeinen, dürfen wir auf die Anerkennung der Legitimität auch der Vernunft hoffen. Wenn dann die Einsicht klar und in allen siegreich geworden: Auf den unzählbaren großen Gestirnen giebt es Billionen Religionen mit Trillionen Bekennern, deren Jeder dennoch auf seine eigene Weise den Geist der Welt und die Welt, in seinem Geiste versteht, mit göttlicher Berechtigung; und: Gott hat keine Armee Gläubiger mit gleichfarbiger Uniform und derselben Parole; sondern jeder Geist ist freier ewiger Geist der Welt selbst; dann werden wir armen oder reichen, viel reicheren Geister erscheinen dürfen; wer Recht thut, wird frei sein mit Hand und Zunge zum Bekenntniß. Jeder wird den Anderen helfen zu leben wie Geschwistern, aber ihren Wahn wird er ihnen vorstellen dürfen, sanft und treu, und unverfolgt und ungefangen. Denn keine Unwahrheit ist heilig; jeder Irrthum und Aberglaube ist Seelentodtschädlich, unwürdig und überflüssig. Nichts Ungewisses, Bezweifelbares, Verdächtiges kann die Grundlage des Lebens sein. Das Aufgeben aller Vernunft, die Verzweiflung führt nimmer zur Ruhe und Seligkeit. Eine Verzichtung auf den lebendigen, heutlebenden und ewig sich offenbarenden Gott und seine Verläugnung trägt ihren Fluch. Eine Absperrung in ein von Fanatikern mit Brettern wohlvernageltes Haus mit künstlicher Lampe, worein kein einziger anderer Sonnenstrahl hineindringen soll, ist durch seine Idee schon das Haus der Angst und des Todes und des sicheren Verfalls. Ja, es ist der Menschheit besser, daß Jeder dem Andern zu Leben und Glück und Freude von Herzen hilfe, und weniger stolzüberhoben zu sein, ja sich weniger sicher zu dünken — als Andere zu hassen, verachten, verfolgen, ihr Vaterland zu unterwühlen, ihr Lebensglück zu bedrohen, und blos darum, damit sie dereinst nicht auf göttlichem unfehlbarem heiligem Wege, sondern nur auf ihre besondere Methode in den Himmel gekommen erscheinen. Aber nur Gott giebt Erde und Himmel, Gott giebt das jetzige Leben so gut wie das ewige. Doch Geduld! Meine Deutschen alle sind ein unüberwindliches Volk; sie kennen, wie die Aegyptier, keine heiligen Ochsen, und ziehen still wie Rinder sacht aber stet und unablässig ihren Strang.“ —

„Da hat ihm der Fünfte, Herr Haltaus, der Lehrer des Consistorialraths gesagt: Ein Volk ist langlebig, und hat mit Recht Geduld. Wir Menschen brauchen alles schon in unserem Leben und haben die Ungeduld nicht ganz mit Unrecht. Unter zehn Jahren nach unserer Würdigerklärung für das Amt finden Wenige ihre Werkstatt. Uns insonderheit aber bleibt nichts übrig als unsere Anwartschaft aufzugeben, und anders wie im Volke zu nutzen. Auch erkläre ich ehrlich und fest: Ich will mein Weib nicht einer Albernheit verdanken; so gut wie mein Amt nicht, meiner, um Brot an den Nagel gehangenen, in der Tiefe der Seele verwundeten Ueberzeugung; einem bösen Gewissen, einem falschen Schwur. Es ist schändlich seine „Obern“ zu betrügen, schändlicher, das Volk; am schändlichsten ein Betrüger zu sein. Die Erde hat noch Brot für aufrichtige redliche Männer. Das Land zwingt keinen zum geistlichen Stande, was aber mit dieser Zeit nöthig werden könnte. Wer sonst zu allem zu dumm war, ward Theolog, oder Oekonom. Jetzt möchten und müssen das die ausgezeichnetsten Köpfe sein. Aber nur die Reichen können fortan studiren. Vielleicht schade um die Köpfe der Armen, deren Genie ihr stupender Reichthum ist. Aber welche Aussicht für die Reichen! Welche feine Anstalt: sie zur Bildung und Arbeit zu zwingen! Darum spreche ich gern wie Du „doch Geduld.“

Und so haben sie das Gespräch mit einem stillen feinen Lächeln beschlossen, wozu der ambulante Geistliche ein frommes Lied bald leise, bald laut gesungen. „Das rührte mich, aber berührte mich nicht; und klug ist, der Welt ihren Lauf zu lassen.“ So referirte mir mein Pastor.

Mir war eigen zu Muthe — ich liebte! Dessen war ich gewiß. Denn wer ein Mädchen wirklich liebt, der fühlt die äußerste Ehrfurcht vor ihr, so, als schwebe sie als Göttin um ihn, und schaue ihm immer zu. Er lebt im höchsten Anstand. Wer seiner Geliebten gegenüber ungeheuer essen kann, von dem glaube sie ja nicht daß er sie liebe. Er ist aller Dinge satt, von allen Dingen selig. Kaum ein Wort kann er ihr stammeln, als sei jedes unwerth der Schönheit und des Himmels, in dem er mit ihr zu wandeln hofft, selige Jahre lang. Wer einem Mädchen vermag, Schmeicheleien vor Andern freilich ihr am bestechendsten, in das Angesicht zu sagen, der liebt sie nicht, der will sie nicht ganz, nur Etwas von ihr, der erscheint nur ein bezauberter holder Betrüger des holden Menschenkindes. Doch mir erging es eigen. Ich konnte auch der schönen Brigitte Wörtchen sagen! Auch ihr gegenüber war mir die Brust so voll! Geschah mir das, weil sie Arminias Freundin war? Oder: wem Eine Jungfrau als ein göttliches Wunderwerk in aller Herrlichkeit erschienen ist, dem ist dadurch jede Jungfrau, jedes Weib, als heilig einem Andern, heilig geworden, und jedes Kind, als ein Menschenkind, wunderbar und theuer? Wenn die wahre enge gefangene und befangene Liebe zu Einem auf Erden solche Freude ausgießt über die ganze Welt, uns alle Anderen so glücklich und himmlisch erscheinen läßt — o, welcher andern Liebe bedarf da es noch, als dieser Liebe zwischen Jüngling und Jungfrau, daraus Mann und Weib wird, die Kinder werden, und das ganze gesegnete Menschengeschlecht!

Ich mußte diese Stelle aus meinem Tagebuche, oder wahrer gesagt: aus meinem geheimen Nächtebuche hieher setzen, um darzulegen, welche meine Empfindungen bei den nun folgenden Ereignissen waren, und wie sie mir halfen klar zu sehen und zu meinem guten Weibe zu gelangen. Um aber von mir zu erzählen, muß ich von einem Stück Welt oder einem Stück Leben Anderer erzählen. Denn der Wind der uns hier umsauset, ist in der Ferne bereitet; die Wolken, die heute über uns ziehen und regnen, sind weit im Weitem gemacht; und die Rose die heute aufblüht, war gestern eine Knospe!

Der gute Herr unseres kleinen Vaterländchens hatte nun eine treuauszurichtende Versendung nach England. Niemand war ihm empfohlener als Rheingraf, leider der neue Ehemann, der eine Nachtpoststelle bekleidend, alle Morgen zu seiner Frau Afanasia gekommen, alle Abende von ihr geritten war.

Uns Brautwerbern ward an dem geplagten Freunde die jetzt noch so geplagte Männerwelt recht deutlich und innig leid. Die größte Sclaverei ist wohl, um Brot seine Zeit, seine einzigen Tage mit Seufzen hinzugeben. Wer nicht Herr seiner Zeit ist, der ist der Unglücklichste. Und wie viele treibt nur die Noth, nicht der innere Beruf: Weib und Kinder am Morgen früh zu verlassen, am Abend spät erst müd’ und verdrossen wiederzusehen; verheirathet zu sein — wie ohne Weib; Vater zu sein — wie ohne Kinder; sie nicht lehren und erziehen zu können. Offenbar ein noch nicht wohleingerichtetes Verhältniß, das seiner Ausgleichung harrt. Wie viel glücklicher als alle dergleichen scheinbarreichen aber wahrhaftarmen Leute, ist das allgemeine Volk auch darin! Der ganze Stand der Handwerker, welcher Stiefeln, Kleider, Töpfe, umgeben von Weib und Kindern, macht; das Landvolk, das mit Frau und Kindern zufrieden sich müht; denen vereint die Tage des Lebens vergehen, das jede Stunde des Lebens mit ihnen genossen. Indeß tröstet die Andern der Stolz, das Geld, die Ehre, die Macht, und die Einbildung: Herren und Köche des Lebens zu sein; oder die Opfer für alle Unmündigen, Unverständigen und Argen. Was überhaupt noch unentbehrlich erscheint, ist ihnen eine freiwillig übernommene Pflicht. Schweigen wir vor ihnen ja von dem Glücke: „seines Lebens fleißige weise Herren zu sein.“

Zu diesem Bedauern kam bald darauf ein kleines Billet vom Postsecretair Rheingraf an Afanasia aus der Stadt. Sie hatte es dem Generalvater, wie wir den Hausherrn nannten, mitgetheilt, dieser den Schwestern, diese dem Engel Tobiä, dieser ließ uns, mit Stolz auf seine Kunst, die wenigen Worte lesen:

Liebes Weib!

Ich komme 14 Tage längstens nicht. Der Herr versendet mich nach London. Er selbst war so huldreich bei der Abfertigung! und was ist denn heut zu Tag Reisen? Er versprach mir die nächste Postmeisterstelle und lächelnd bis dahin eine Tagpost. Dann komme ich alle Abend! Ich bin mit allem wohlversorgt. Bleibe indessen gesund und treu

Deinem

glücklichen Manne
L. v. Rheingraf.

Afanasia weinte. Die Schwestern schwiegen betreten. Selbst der Generalvater bedauerte, daß er nicht gleich den Schwiegersohn zu sich genommen, wie ein alter Patriarch. Wir beritten nach einigen Tagen die näheren, angenehm gelegenen Gehöfte am See, am Wald und an den Bergen, die er auch aus ältern Gebäuden hatte zu freundlichen bequemen, ja geräumigen Familienwohnungen einrichten lassen, welche aber alle noch nicht völlig ausgebaut, nur unter Dach standen. Jeder dieser Villen, hatte er den Namen von einer seiner Töchter beigelegt; und so sahen wir von früh bis Abend die reizenden Höfe: Amalienhof, Alwinenhof, Antonienhof, ja sogar einen Armidenhof, der mir überflüssig schien, und die anderen; bis wir bei Sonnenuntergang in Afanasienhof am längsten verweilten, in dessen, im venezianischen Styl erbauten Wohnhause nur noch die Möbel fehlten. Aber schon die Spiegel standen unausgepackt da, und die Teppiche zusammengerollt. Er zuckte die Achseln und wir ritten heim. Da war schon wieder ein Brief aus Hamburg von Rheingraf an Afanasia gekommen, im Comptoir des Banquier Hamster und Comp. geschrieben, aber abrupt, phantastisch, mit einer unendlichen Abschweifung über den Namen Kalypso, über schöne englische Mädchen und eine Zwergin. Mein Chirurgus Salomon, um Armida willen freilich nicht mehr mein Freund, der gegenwärtig war, flüsterte mir dennoch ins Ohr: Der Brief ist nicht geheuer! oder der wohl, doch nicht der Briefsteller! — Die Freude über die mitgesendeten Geschenke aber ließ alles vergessen.

Darauf kein Brief von London! In 14 Tagen kein Rheingraf. In 4 Wochen keiner! Da weinten die beiden Wittwen wieder. Afanasia kam blaß, mit verweinten Augen. Sie saß mit den Wittwen spät bis in die Nacht an der marmornen Pforte; oder sie gingen alle Drei den Weg weit hinaus in die Kornfelder bei Wachtelschlag ihren Erwarteten entgegen. Aber die Schwestern hüteten sich wohl, Afanasia schon durch das Lied zu betrüben:

Hier bist Du hinaus gegangen —
Wann kommst Du hier wieder herein?

Denn der ambulante Pastor stärkte sie durch den Trost: Ohne Probe, ohne Bewährung keine geistliche noch weltliche Medizin! Jetzt ist eben die Zeit des Glaubens! Auch Armida und Brigitte hielten sich jetzt fast geheimnißvoll zusammen. Sie sah mich zuweilen verstohlen an; sie ward immer stiller, ja dienstbarer, aber dagegen nur strenger, ich möchte sagen enthaltsamer gegen mich. Alles war ja so natürlich; alles war so natürlich zugegangen, treu und tüchtig, wahr und offen — und nur der Ambulante, der Nox, war der Narr; und Narren stecken an wie Kranke. Das will man nicht glauben, oder gerade hoffen so Manche von dieser Ansteckung die Weltrettung! Wenn nun auch Rheingrafs Ueberfahrtschiff in den letzten Stürmen mit Mann und Maus im sogenannten deutschen Meere untergegangen wäre, sprach mein Pastor zu mir, dann ist alles und jedes wohl und weise hergebracht, und Ursach- und folgerecht durch- und ausgeführt; so daß, wer den Vorgang durchschaute, jeden Wassertropfen, jeden Windeshauch dabei heilig sprechen müßte. Aber, aber — Sie, mein theurer Herr Patron, sind wahrscheinlich als Brautwerber und Junggesell schon ein Wittwer! Denn obgleich diese Anhäufung einerlei Geschickes mehrer Schwestern in einem Hause nichts ist, als für Jede Einzelngeschehenes und gewiß nicht geschehen, um uns auf’s Neue zu Narren zu machen; so ist die Sache den Schwestern doch aufgefallen. Sie wissen, der Vater ist nach Auskunft, aber ohne Auskunft zu erhalten, mit Afanasia zum Herrn in unser Hauptstädtchen, vulgo Residenz, gereiset. Warum hat sich ihr Arminia vor allen zur Begleiterin aufgedrängt? Aus Herzensdrang mein’ ich. Auch sind sie auf ihren Betrieb auf dem Heimweg über G.... gereiset, die angebliche Geburtsstadt des Pabstes Gaganelli. Dort hat sie sich etwas in der Apotheke gekauft, um sich zu überzeugen, daß der Apotheker als ein redlicher Bruder alle seine Schwestern bei sich im Hause hat, deren Dreien die Männer alle in den Honigwochen gestorben sind; und nun heirathen die andern drei Schwestern durchaus nicht, weil sie sich als eine Art schöner Tod oder süße Mörderinnen vorkommen. Das ist wahr, sub fide pastorali, und Sie können sich von der Sache durch eine kleine Reise dahin, alle Tage überzeugen und die reichen armen Wittwen und schönen armen Nonnen sehen und sprechen. Auch wissen es alle Leute. Und nun sind für Sie die albernen Folgen: Liebt Arminia Sie nicht, so sagt sie Ihnen nicht das kleine a! Liebt sie Sie, so sagt sie das kleine a noch weniger. Dazwischen werden Sie zu zweifeln haben, und vom wahren Grunde nie Gewißheit erlangen. Auch gefällt meiner scharfsehenden Frau gar nicht der Haß, den Arminia und Herr von Stifter so verwunderlich gegen einander hegen. Meine Frau schüttelt den Kopf. Ich muß es Ihnen sagen.... und mögen es die kommenden Monde nicht erklären: Sie hat Arminia, die Hände vor der gesenkten Stirn verwendet, stehen gesehen, und der Stifter hat mit rollendem Auge in die Ferne sehend, sich mit zwei Fingern die Unterlippe gestrichen; das bedeutet große Verlegenheit. Das Bewundertwerden, das Angebetetwerden erweicht Steine; und gerade Sünder reißen Göttinnen aus dem Himmel —, und berufene selbst ältere Sünder sind Engeln aus Phantasie croquanter als junge unschuldige Engel. Zwar, Tropfen höhlen Steine aus, aber Ueberraschung sprengt Felsen. Das Unglück kommt rasch, aber es bleibt unermüdlich lange. — Zwei Weiber irren schwer! Ihm soll wohl eine Scheidung alles tilgen. Folglich würden Sie dann wohl ihre Freundin Brigitte heirathen, alles thun und alles empfangen, was dieses reichste aller Wörter der Menschen in sich faßt. Meine Frau meint: das edle arme schöne Kind liebt sie von Herzen. Uebrigens, ad hoc, etwas Neues im Dorfe: Die alte Mutter Heidemann ist mit Händen und Füßen, wahrscheinlich auch mit der Zunge dagegen gewesen, daß ihre Tochter Siegemunde einen armen lieben jungen Menschen im Dorf, den Ehrenfried, hat heirathen dürfen — heute morgen haben die Fischer die Tochter todt aus dem See gezogen! Sie liegt noch am Ufer, und der arme Ehrenfried und Siegemundens Bruder Bernhard sitzen da neben ihr weinen. Hier haben Sie das Fernrohr.

Durch das Fernrohr sah ich nun die blasse Todte mit grünem langen Grase in den langen Haaren — und die Weinenden. Auch die Mutter kam, blieb unter einem Baume stehen, sah mit finsterm Gesicht hin, ob es möglich, ob es wahr sei? und trug das erstarrte Gesicht auf den alten wankenden Beinen in den vielgrünen sonnigen Wald. Und mein Pastor sagte mir: In dem mehr als man geglaubt verständigen China würde Ich, sammt Ihnen und vielen Obern jetzt abgesetzt, weil wir auf solche Dinge des Hauses nicht Acht gegeben; weil wir unsere Leute nicht gekannt. Die Mutter geht nun frei aus; denn bei uns, bei mir und Ihnen hat sie Nichts begangen! Aber sein Sie versichert, es ist der erste Fall, der, oder ähnlicher Art in meiner Gemeinde. Ich fühle, was alles ein evangelischer Geistlicher sein kann und soll. Jetzt essen wir unser Brot fast mit Sünden. Uns fehlt die Kenntniß, der nahe Verkehr mit den Menschen, die Einwirkung zur rechten Zeit; denn was Alle überhaupt sollen, das wissen alle Menschen jetzt auswendig! Wir sind in Trägheit versunken, weil wir die Dinge erwarten, die da kommen sollen! Wir sitzen da wie arme Leute, denen das Haus abgebrannt ist. Das kann und wird kein Verständiger läugnen.

Er war kaum fort, als der arme Herr von Hase zu mir kam, mir zu sagen, daß er mit Brigitten mein Haus verlassen werde. Ihn werde sein Bruder zu sich nehmen. Brigitte hoffe einen Dienst zu finden. — Konnt’ ich das hindern? Hätte ich sogar ihm sein Gut wiedergeschenkt, so fühlte er sich erst recht bedrückt. O wer bedenkt das Wort: Erst der Arme und Unglückliche bedarf erst recht der Freiheit, der Ruhe der Seele.