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Achtzehn Töchter: Eine Frauen-Novelle cover

Achtzehn Töchter: Eine Frauen-Novelle

Chapter 11: X. Die feindlichen Schwestern. Der Brief.
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About This Book

A narrator describes purchasing a countryside estate and gradually trading personal freedom for obligations to land, livestock, and local dependents. Neighboring households, including one celebrated for its many daughters, introduce romantic entanglements, family rivalries, and social complications. Told in episodic chapters, the work blends domestic observation and gentle satire to examine how ownership reshapes identity, duties, and relationships. Comic misunderstandings, ritualized customs, and reflective asides about inheritance and authority propel interwoven courtships and reconciliations toward pragmatic resolutions while maintaining a tone that mixes wit and sentiment.

X.
Die feindlichen Schwestern. Der Brief.

Jetzt mischten sich natürliche wirkliche Dinge in meine Verhältnisse; wie denn zu jedem Traume — wozu ich viel Mehreres rechne als man glaubt — ein natürlicher, wirklicher schlafender Mensch gehört; wie zu einem Spiegelbild der Spiegel, und zum Opiumtraume das Mohnhaupt, was Niemand genug bedenkt. Nämlich, als ich eines Vormittags drüben in Westfrei Herrn von Heiligenhahn besuchte, fuhren drei Englische Reisewagen mit landesherrlichen Pferdebeinen vor. Ein Diener meldete den Baronet N. Angenommen. Er trat ein. Jeder der zu Fremden die fremde Sprache spricht, wird nur sein eigener Uebersetzer, während der Fremde durch Freiheit und Geist sich ergehend und ergießend dem höflichen Radebrechern der fremden Sprache überlegen wird. Obgleich Herr von Sangallo vortrefflich Englisch verstand und sprach, zwang er nicht sowohl aus Stolz, sondern aus Klugheit den Baronet deutsch zu sprechen. Der englische Irländer war der leibhafte Mann von fünfzig Jahren, dieser wirkliche arme ewige Jude der Männer, der in jedem Geschlecht aber in tausend Exemplaren erscheint, und reeller als jener, wirklich bis zum jüngsten Tage umherwandern muß. Schön gewesen und noch bedauerbar, trug er die Spuren der Gefallsucht und des Gefallens schöner Weiber an ihm, sichtbar als hagere blasse Wangen, düsteren Blick, gezwungene Gradhaltung. Man sah ihm an, daß er nicht wußte, warum oder wonach er nur noch die Hände ausstrecken sollte; was als vornehme Ruhe erschien. Und doch sprachen seine Züge jetzt von wirklichem ehrlichen Kummer und schwerer Sorge, die aber wie eine Strafe auf ihm lag; wie ein Pilger aussieht, der um seiner Sünden willen nach Mekka wallfahrtet. So sagte der eben gegenwärtige Herr von Stifter, der wohl der Mann war ihn zu erkennen.

Es entspann sich nun folgendes Gespräch zwischen dem Baronet und Herrn von Heiligenhahn:

Haven Ihr effectiv tweiandwenzig Dachters?

Achtzehn, Ja, Sir.

Nein: Mylord! Eich forgas darauf, thats mein Bruther begraven is. Ihr seyn famos für habing soltsch ein Nummer, van Dachters. Eich bin kurios sie tu sihn.

Sie sind keine Curiositäten.

Wheirum willen Ihr sie natcht schonen?

Zeigen? Wollen Sie Eine heirathen?

No! Thank, Sir,.... Willen Ihr Wanne af mein sieven Dachters? Ihr sind Widofer!

Nein, Dank! sprach der Generalvater; aber er rief seine Schaar Nereïden.

Der Lord, unwillig die Töchter nicht sehen zu sollen, sprach auf Englisch vor sich hin: Ich habe Eile; meine Frau stirbt mir sonst, ehe ich in das Seebad nach Peisa komme! Hilft doch ein Herrscher, ein Priester dem Andern mit Rath und That. Soll ein Vater dem Andern nicht rathen? Ist das deutsch? So thun wir Irländer nicht! — Aber, sprach er, Sie Holycock, expecten Sie! expecten Sie! und eilte hinaus an die Wagen. Darauf führte er uns seine Töchter herein, etwas scheue Wesen von über der See, an denen man wohl bewundern konnte, was der liebe Gott, oder der Gott, der wahren Liebe auch da, wo man gar nicht hindenkt, für allerliebste Dinge macht! Die gegenwärtigen sieben Exemplare standen im Alter von drei bis zu achtzehn Jahren und trugen selbst auf der Reise schneeweiße Kleider mit kornblumenblauen Bändern um den Leib und die Hüte; so daß ich die bildschöne stillgefolgte Kammerjungfer bedauerte, wenn ich nur dachte, wie schon meine einzige rechtschaffene Mutter auf Reisen ihr Mädchen schor, welches, wenn sie selber schlief, waschen und plätten mußte, und dann am Tage auf dem Bocke schlafen sollte und einmal hinuntergestürzt war, worauf meine rechtschaffene Mutter ihr meinen Platz im Wagen eingab. „Das Mädchen für Sieben“ glühte jedoch über und über wie eine Rose in der Abendsonnengluth, und hielt sich heimlich die Stirn vor Unwohlsein. Der Baronet hatte zuerst Augen dafür, sprach mit ihr, bat uns dann einen Arzt holen zu lassen; und ich sandte nach meinem Salomon. Seine älteste Tochter Dolly (Dorothea) hatte der Nolly (Helena) aber beim Aussteigen auf das Kleid getreten, wodurch sie es sich aus den Falten gerissen; und obgleich hier im Zimmer von Fremden, ermordeten sie sich bald mit den Augen und führten einen kaum moderirten Zank untereinander, wie Fischweiber etwa während es fürchterlich blitzt und donnert.

Da sehen und hören sie, sprach der Baronet außer sich, weswegen ich Sie um Rath fragen wollte, da ich im Hause meines Banquiers in Hamburg zufällig von Ihrem Schwiegersohn erfahren, mit wie viel Töchtern Sie Gott begabt; zur Strafe oder zum Lohn — wage ich armer Siebenvater nur eines Siebengestirns von Mädchen nicht mehr zu sagen. Mein Bruder, lange General in Indien, lachte mich aus und sagte nur kurz: Alles geschieht „right and noble;“ Strafe und Lohn sind nur die Empfindung der Weltfiguren in rechten oder ignobeln Menschen; so daß dieselbe Figur Zweien, ja Tausenden verschiedene Gesichter schneidet! „Ein gutes Gewissen ist die wahre Freiheit, und erlöst von allen indischen Propheten und Götzen und Bonzen und ihren den Menschen gemachten Aengsten jetzt und in Ewigkeit.“ — Aber was da! Sind Ihnen unter so vielen Töchtern nicht „die feindlichen Schwestern“ aufgelebt? wie mir! Nach allen vergeblichen Zucht-Worten habe ich mich zu ihrem ferneren Bessern nicht entblödet, den Bischof sie admoniren zu lassen. Aber Sie redeten ihn stumm ja sprachlos! — Ich habe sie Jahre lang getrennt. — Doch in der ersten Stunde des Wiedersehens war der Streit ärger wie je! Ich habe sie beide hungern lassen, und in den polnischen Bock gespannt. Seit der Zeit war es gar aus; denn Eine schreibt der Andern ihr Unglück und ihre Schande zu, nicht sich! nicht mir! Am liebsten hätte ich sie verheirathet, beide, oder nur Eine. Aber in meiner Umgebung nahm sie Keiner; denn in der That darf sich kein Mann allein getrauen, was Vater und Mutter nicht im Stande gewesen. Ich besuchte zwei Seasons die Bälle in London. Aber ihr Ruf war ihnen in Gestalt einer verrätherischen Nachbarin vorausgeeilt. Und wer seine Töchter auf jenen großen Mädchenmarkt in zwei Jahren nicht verthan, der ist lächerlich wenn er mit Töchtern wiederkommt, als käm’ er mit großschnablichen Ritterdamen-Schuhen aus der neuern Fabelwelt. Mein Bruder fand die feindlichen Schwestern beide sehr schön und meinte, ihre Feindschaft komme nur daher, daß Eine Sommersprossen habe, die andere Wintersprossen, die auch im Winter blieben. Aber er irrte, sie waren schon Feindinnen als Kinder. Vielleicht haben Sie selbst nun auch so ein Paar Hauszerrütterinnen gehabt, und Sie schlagen mir gewiß nicht ab, das Mittel mitzutheilen, durch welches Sie den Unglücklichen selbst, den fünf Schwestern, der Mutter, mir und dem ganzen Hause den Frieden und die Ruhe, früh, bei Tische und zu Nacht als gründlicher Vater wiedergeben!

So sprach der Lord auf englisch; und bat sich die Antwort deutsch aus; da der Hauptgewinn, fremde Sprachen zu wissen, nur darin liege: die Fremden zu verstehen und in seiner Muttersprache verstanden zu werden, so daß Jeder aus vollem Herzen mit allen Vortheilen des Ausdrucks, allem Reichthum seines Wissens sprechen könne. Etwas verstehen, sei in allen Dingen aber leichter als es selber machen, und die Menschen hätten jetzt zwanzigmal mehr zu lernen, als ein alter Aegyptier, Grieche oder Jude, da die alten Goldbarren des Wissens täglich zu unzähligen Goldschlägerblättchen geschlagen würden.

Unser Herr von Holycock erwiederte ihm, daß er ihm gern die wenigen Lehren mittheilen wolle, wodurch er seine Töchter hoffentlich gut erzogen, und die, aber unermüdlich angewandt, wahrscheinlich ausreichten in den Hauptsachen, um aller Welt Töchter mehr als nur untadlich zu machen. Lieber Herr College, sprach er, wie ich gern sage und gesagt, ich habe mein Amt begriffen und übernommen; denn Ehemann sein, ist ein Amt der wahren Liebe; Vater sein, ist ein Amt der Treue, dem keins vorgeht, als Mutter sein. Neben diesen Aemtern darf jeder Mensch, der Aermste wie der Reichste durchaus kein anderes übernehmen, als so weit es sich mit diesen einzigen wahren Menschenämtern verträgt, sonst wird er unglücklich und macht unglücklich, über alle Maaßen, auf mehre Geschlechter. Ich bin fest überzeugt, daß auf vernünftigeren Gestirnen schlechte Väter und Mütter enthauptet werden; denn Waisen gerathen besser als verzogene Kinder. Ich bin aber auch überzeugt, daß in jener Welt, die wir alle Abend und die ganze Nacht vor Augen sehen, auch Anstalten sind, wo junge liebe Leute zu guten Eheleuten, guten Väter und Müttern besonders erzogen werden; Anstalten die bei uns auf der Erde noch gänzlich fehlen, als auf einem noch ziemlich albernen Planeten; und die doch nöthiger sind als alle Zuchthäuser und Irrenhäuser, welche post festum die Uebel zudecken. Wir armen Thoren fangen alles am Ende an, wie mit der ewigen Seligkeit. Eine der Früchte meiner paar Lehren sehen Sie schon eben dadurch — daß Sie meine Töchter nicht schon hier sehen.

Wie so? fragte der Lord.

Ich habe ihre Neugierde nur auf die wahren Dinge gerichtet, weil ich behaupte: Eher sind die Menschen nicht glücklich, ruhig, noch belehrt und erzogen, bis z. B. kein Mensch mehr nur von der Arbeit wegsieht, und, wenn Sieben Päbste und Acht Kaiser in Parade durch die Straßen ziehen. Diese Ruhe bei allen elenden Vorgängen habe ich meinen Kindern am gestirnten Himmel gelehrt.

Wir wollen doch sehen! versetzte der Lord, und ging hinaus. Und bald trug er auf den Armen eine kleine Araberin herein, eine Zwergin von 17 Jahren, die, wie er nachher sagte, ihm sein Bruder aus Aden mitgebracht hatte. Das unvergleichlich schöne Quasi-Kind mit seinen großen Augen, seiner wie nur angehauchten Farbe vom schwächsten Ton aus Schwarz und Braun gemischt, seine kleinen Händchen mit Fingerchen und Nägelchen, die der schönste Affe nicht zierlicher haben konnte, ein weißer Turban mit Perlen umwunden, die Füßchen, die unter den weiten weißen Höschen kaum Füßchen zu nennen waren, der himmelblaue Kafftan, der silberne Gürtel, sogar die kostbare, im Verhältniß sehr lang zu nennende Tabakspfeife; und die zwei so kleinen Chinesischen Zwerghündchen, daß sie gegen den Newfoundländer füglich Infusionshunde zu nennen waren — das alles hatte die Töchter des Hauses gereizt, hinter dem Fenster hervor und hinaus zu treten; und nun begleiteten sie das liebe Kind Gottes in Jubel herein, wo es sein Herr mitten auf den runden Tisch stellte, aber auch gern die Neugier entschuldigte, welcher sogar „ihre Königin“ nicht widerstanden habe.

In diesen Wirrwarr kam der Herr Postmeister von Rizzi mit seinen Töchtern, um die Eine als Braut, bis zur möglichen Heirath, mit dem ihn begleitenden Postschreiber vorzustellen. — Nun Gott sei gedankt, sprach er in aufrichtiger aber etwas plumper Weise, hier geht es zu Frauenzimmern! — Aber das feine Benehmen des Irländers legte ihm Anstand auf, und er verstand zu schweigen, was sein — wie aller jetzt klugen Leute — größter Verstand war. Die reizende Gouvernante, Miss Denny (Isabella) brachte aus dem Wagen auch Lady Pat (Martha), ihre kranke blasse Herrin hereingeführt, die nach den Begrüßungen sehnlich wünschte, die Frau vom Hause, die glückliche Mutter so vieler Töchter zu sehen und zu sprechen!

Das Verlangen rührte uns alle tief. Denn sie lag in der Gruft in einem weißmarmornen Sarkophage. Und obschon die sonderbaren und wahren Worte mit goldenen Buchstaben über dem Eingange standen:

Es giebt keine Todten!

so empfanden wir Bekannte doch bang die Abgeschiedenheit der Gestorbenen; und es ward ernste Stille. Der Wittwer versprach ihr das Bild auch immer noch seiner „Wittwe im Himmel“ in der Gruft zu zeigen, was er nur bei feierlichen Anlässen oder an Geburtstagen, und nur dem Kinde sich satt schauen ließ, dessen Geburtstag war, um es heilig zu halten.

Indessen hatte Afanasia schon sich den Schlüssel zur Gruft geholt; denn der Hofmeister des Baronet, ein, um wirklich schön zu sein, nur zu langer junger Mann, mit zu schmaler Stirn, hatte ihr für den Vater einen Brief aus Hamburg übergeben. Da sie zumeist die Nachrichten von dort betrafen, hatte sie heimlich und schnell den Inhalt gelesen:

P. P. Hamburg, d. 18. Juni 184—

Wir avisiren Sie hierdurch, daß Schiff Kalypso, Capitain Ellis, welches Ihren Herrn Sohn oder Schwiegersohn nach London überfahren sollen, wie man sagt „mit Mann und Maus“ untergegangen ist. Die Stürme waren zu groß, und auch wir haben empfindlichen Schaden gelitten.

Hamster und Comp.

Nachdem die arme Afanasia sich zur Wittwe gelesen, und eine Zeit ohnmächtig gelegen, hatte sie der ambulante Geistliche so gefunden und zu sich gebracht. Sie hatte ihn mit einer schrecklichen Lache von sich gestoßen, ihm den Brief hingeworfen, und sich zur Mutter geflüchtet.

Auf unserem Zuge zur Gruft — denn ein Zug war es — führten die feindlichen Schwestern die Mutter, die ihre Gesundheit über sie beide verloren. Denn beide liebten die Mutter, wenigstens jetzt, wirklich rührend. Die Aelteste litt an Kopfweh, sie überwand sich aber, um mit der Mutter zu gehen. Der Baronet führte sich mit Herrn von Sangallo; die wunderschöne Zwergin Aïscha mit der kleinsten Tochter; Herr von Rizzi konnte sich nicht enthalten zu fragen: Ob die kleine „Apfelsinerin,“ oder „glückliche Araberin“ denn gar nicht zu verkaufen wäre? Er wüßte jemand, der den höchsten Preis für dieselbe bezahlen würde. Er habe die Ehre den Verstorbenen manchmal zu kennen, der Personen und Verhältnissen, selber der Natur gern einen unschuldigen Zopf anhänge. Diesem würde nichts willkommener sein, als eine Zwergenhochzeit, nebst fürstlich gefeiertem Brautlagerchen, und als dann ein winziges Kindtaufen und eine neukindische Menschenrace, da er schon den Stammhalter, den kleinen Adam zu dieser Eva in seinem Schlosse besäße, oder zu Mann und Vater geliehen bekomme; den reizendsten kleinen Hampelmann, der je drei Käse hoch gewesen. Ihm thue der kleine — doch auch Mensch — leid, welcher sogar in dieser mädchensteinreichen Zeit, kein Mädchen, nicht einmal eine arme Wittwe zur Frau finden könne.

Die beiden Väter aber wandelten langsam in ihr Gespräch vertieft. Herr von Sangallo sagte ihm, in Bezug auf die feindlichen Schwestern, deren fast in allen Häusern wären: „Von der Geburt des Kindes muß die Erziehung anfangen; dann sind Vater und Mutter mit dem dritten Jahre in allen Hauptsachen damit fertig. Kenntnisse und Erfahrungen sind ein Anderes; diese gehen ihm dann von Menschen und Welt zu. In den ersten Jahren müssen Neigungen und Abneigungen, Scham und Ehre, Recht und Unrecht, schon entschieden gestimmt und gerichtet werden. Wer das Gute zu erregen, hervorzutreiben und entfalten versteht, was jedem Menschenkinde eingeboren ist, der hat sogar nicht Irriges oder Arges nieder zu halten — es erscheint da gar nicht! Eltern, Geschwister, Beispiele sind die entscheidendsten unaustilgbaren freien Lehrer des Menschen nach seiner Epiphanie, oder Erscheinung auf Erden. Aber da denkt man: Was ist schon so einem stummen dummen Wurme zu lehren? Das kleine Männchen oder Weibchen zermalmen wir sogar immer noch! Es hört nicht, es sieht nicht, es ist kein Geist aus dem Himmel. Zu spät, ist Erziehung — unmöglich. Jedoch will ich Ihnen sagen, was mir in ähnlichem, eingeschlichenem Falle geholfen. Ich bin mit meinen Kindern krank gewesen, mit tausend Vaterleiden; Ich bin mit ihnen gesund geworden, mit tausend Freuden. Meine Kinder sind mir, wie Blumen, alle wie fühlbar in der Brust gewachsen, und stehen noch darin. Ich bin auch mit ihnen krank an Gemüthe gewesen; und ich habe immer Denen zumeist und einige Zeit ausschließlich gehört, die den Vater bedurften, während mein Auge die andern nur leicht überwachte. Verlassen Sie sich in allen Dingen in der Welt am liebsten auf die bessern Menschen. Das ist kürzer und sicher. Denn ist von Zweien schon nur Eins vernünftig und fest, dann müßte das Andere ein Wolf sein, wenn es den Treuen, Sanften noch anfiele! Ich habe mit der sanftmüthigeren Tochter der beiden „feindlichen“ hinlängliche Zeit allein gewohnt, von früh bis zu Nacht und wieder zum Morgen, und kaum etwas anderes gethan, als ihr ihre Fehler in allem Unrecht, in allen Folgen recht klar gemacht; aber ohne Hinterhalt klar und wahr. Und als die Ueberzeugung davon sich in ihr befestigt, entließ ich sie mit der Lehre: „Sage und thue deiner Schwester nur das, was ihr gut und lieb ist.“ Auch das überwachte ich einige Zeit, half es ihr ausführen — und ich hatte nicht nur zwei Herzen gewonnen, sondern alle bemühten sich noch eifriger sie zu übertreffen! Die schlimmere Schwester besiegte die Scham, und nach mancher noch heimlichen Thräne, war sie mein liebstes Kind!“

Also haben Sie auch ein liebstes Kind? Das freut mich! sprach der Baronet.

„Ach, das, dem die Mutter gefehlt hatte! Diesem mußte ich mich ja, billig und recht, mehr hingeben! Ich denke immer, wer Männern treue verständige Weiber, und Kindern liebevolle glückliche Mütter erzogen, der hat mehr gethan, als der Bildhauer Bernini, Thorwaldson oder — Cornelius, deren Werke nicht weiter zeugen, nicht Gefühl und Seele haben, wie die Türken sagen, noch glücklich sind. Die Lebendigen sind die wahren Kunstwerke, denn sie leben, statt in der Vorhölle, gewiß in dem Vorhimmel, wenn nicht geradezu einzig und allein in dem wahren Himmel. Meine Tage, meine Nächte, meine Arbeit und Sorge ruhen in meinen Kindern, sie sind in die übergegangen, sie sterben nicht mehr mit mir, nicht mit ihnen; sie stehen in vielen noch auf. Das ist die Auferstehung des Geistes.“

In einer Gesellschaft werden viele Interessen zu gleicher Zeit verfolgt; Reisende müssen Augen und Ohren immer offen haben, um jede Gelegenheit zu ergreifen; und so hatte die Gouvernante und der lange Pädagog sich zuerst an die demüthige kleinlaute Brigitte gewandt, und bald von ihr herausgebracht, daß sie gern die Stelle einer Kammerfrau bei der Lady ersetzen und mit nach Italien gehen wolle, schon weil sie da in der Fremde diente und vor ihren Bekannten nicht zu Schanden geworden erschien. Sie hatte sich aber hohen Gehalt bedungen, welcher dem Vater in voraus hier ausgezahlt werden und erlöschen sollte, auch wenn sie, ohne ihn abverdient zu haben, in der Fremde stürbe. Das gute arme Kind! Das mußte es wohl vermuthen! So mußte rasch verhandelt worden sein; denn jetzt traten, Lehrer und Lehrerin, beides Deutsche und Protestanten, mit dem schönen glühenden Opferthiere vor den Baronet, es ihm vorzustellen. Er genehmigte alles, wenn Brigitte seiner Frau gefiele — (ob die Frau ihr gefiele, davon war keine Rede) — und wenn wir, namentlich ich, ihr ein gutes Zeugniß gäbe! — Das verwirrte mich, und mein mündliches Zeugniß mochte wohl so feurig und wundersam ausgefallen sein, daß mich Herr von Stifter zupfte, und mir darauf bei Seite sagte: Mit Erstaunen habe ich Sie den schönen Pädagogen mit grimmiger Eifersucht betrachten ja beneiden gesehen! Sie hätten ihn lieber ermordet! Lieber junger Freund, wie viel Schönes müssen wir Andern in der Welt überlassen! Ja wenn wir Einzelnen alle in tausendfacher Gestalt lebten, so würden wir noch nicht glauben: Arme und Lippen genug zu haben! Wir scheitern alle an der Unmöglichkeit. Aber Eifersucht und Neid vollenden oft das, was die Liebe nicht thut; denn was wir glauben auch entbehren zu können, das wollen wir doch keinem Andern lassen, zu solchem Besitz, woran nur zu denken uns Angst macht!

Heute verstand ich ihn noch nicht; und wozu mich der Tag für Tag ängstlicher werdende Mann gern erwecken wollte, und manchmal wiederum nicht; aber da sah ihm der Schelm aus den Augen. Ich sah jetzt nur wirklich mit Neid und Leid das arme Mädchen der Lady vorstellen.

Ihr voriges Gespräch fortsetzend ersuchte der Irländer jetzt einen „Collegen“ Herrn Holycock, ihm diejenigen Hausregeln zu sagen, die er bei seinen Töchtern bewährt gefunden.

Ohne Auslegung ist das mißlich; antwortete ihm der Hausvater. Doch will ich Ihnen bewährte Worte sagen. Es sind etwa nur ihrer Zehn:

1) Mutter und Vater müssen sich lieben, innig und gesund sein und Verstand haben!

2) Bei Tische darf nichts Unangenehmes des Hauses ausgethan werden. Essen ist ein wichtiges Werk.

3) Mutter und Vater dürfen in Gegenwart der Kinder sich nie widersprechen, daß beide heilige Götterbilder bleiben.

4) Eltern müssen in Zeiten der Leichtgläubigkeit der Töchter vorbeugen.

5) Wenn Vater oder Mutter gegenwärtig sind, darf keins der Geschwister das andere tadeln oder loben.

6) Lehrstunde muß immer sein; besonders bei Gelegenheiten und Vorfällen, welche die Erfahrung der Jugend sind, um sie Urtheil zu lehren, und ihr das Rechte und Wahre dabei zu sagen.

7) Den Kindern muß man von Kleinauf die ganze reine Wahrheit sagen. Das vertragen sie neben den Mythen und Mährchen aller Zeiten, sogar neben dem besten und herrlichsten Buche der Kinder —: Grimms Haus- und Kindermährchen. Nach den Jahren der Phantasie und des Allesglaubens wächst dann das Wahre wie die Eiche über Blumen empor.

8) Die Kinder sollen ganz zeitig wissen: Jeder soll sich selbst glücklich machen, nicht blos den Andern. Liebe und Schönheit sollen keine Opfer sein. Schon Moses hat gesagt: Liebe deinen Nächten wie dich selbst; demnach soll jeder auch sich selbst lieben, und sich zu lieben verstehen.

9) Den Kindern muß man die Phantasie aufschließen, alles als wirklich lebendig darstellen, um ihr Mitleid zu gründen, und die Liebe zu Mutter und Vater und Geschwistern, Andern bei erfordernden Gelegenheiten angedeihen zu lassen so weit und so gering das auch nur möglich ja auch nur nöthig ist — da alle überall die Ihrigen haben und wirklich lieben, was da Liebe zu heißen und zu sein verdient.

10) Jeder soll die Seinigen doch nur so gut und höflich wie Fremde behandeln.

Freilich, setzte er hinzu, bedürfen diese Zehn Worte: Parabeln oder auch unbildliche Auslegungen, um ganz überraschend und allein „hinlänglich zur Erweckung des Geistes zu wirken — (das Herz liegt im Geiste, nicht im Thorax, dem Brustgerippe!). Ich ließ diese Worte auch aufführen, z. B. zu dem Zehnten Worte sandte ich bei Regenwetter den Kindern in das Zimmer eine alte nasse Frau, die sich auf den Stuhl setzen mußte, um auf mich zu warten. Und sie duldeten das, ja bewirtheten und bedauerten sie. — Ich sandte ihnen einen alten dummen tauben Bauer, der durchaus behaupten mußte, bei uns recht im Schlosse des Herrn von Stifter in Nordfrei zu sein. Und sie hatten ihn sanft belehrt; ja das mitgebrachte gebundene Kalb im Zimmer geduldet und gestreichelt. Und noch Widerwärtigeres, ja Grobes hatten sie von Fremden geduldet, die sie im Leben nicht wiedersahen, mit denen sie nicht alle künftigen Tage zu leben hatten, denen sie keinen Dank schuldig waren! — Ich bat mir dann, was sie so Fremden gethan und an diesen geübt, auch von allen den Meinigen an den Ihrigen aus! Sie waren überrascht und sie freuten sich. Ja wenn diese Lehre vielleicht einmal gegen Eine im Hause vergessen werden wollte, dann durfte diese nur sagen: „Bedenke, ich bin ja eine Fremde!

Mit diesen Worten langt man weit, überall hin. Denn welch unsinniges Gebot wäre das: Du sollst deine schöne für dich glühende Geliebte lieben!... Du sollst dein Weib lieben! Du sollst deine Kinder lieben! Nur zu lieben verstehen ist die Sache!“

Der gute Irländische „Katholik auf dem Sprunge“ schrieb sich jedes Wort getreu in seine Schreibtafel. Als wir so zaudernd zur Gruft gekommen, stand sie offen. Vom Sarkophage der Mutter erhob sich da langsam die schöne Afanasia, blaß und schweigend, edel wie je Elektra oder Iphigenia. Sie kam dämonisch heraus geschritten, staunte, von den Marmorstufen emporblickend, die Inschrift an: „Es giebt keine Todten!“ Doch sie lächelte und sprach in den Himmel hinauf: Aber Sterbende! Gestorbene! Uns Verlierende! Uns Verlorene!

Der ambulante Geistliche gab dem Vater den Hamburger Brief; sie fiel dem Vater um den Hals, und er hielt sie an einer Brust sich fest. Dann reichte sie den Schwestern die Hände hin. Sie führten sie fort. Niemand besuchte das Bild der Mutter, als die kranke Mutter, Lady Pat; sie dachte sich selbst wohl in die Erde; denn sie lächelte und sah nicht unerquickt, welch Leben über dem Grabe glüht und wächst und sich freut und leidet wie einst die Todten.

Herr von Rizzi stand ganz betroffen über die Nachricht des Todes von seinem Rheingraf. Muß ich Gott nun nicht danken für das, was ich für eine Beraubung hielt? Meine gute Tochter, sprach er zu seiner schönen Clementine, nun wärst Du eine Wittwe! Und eine Wittwe so jung und reich sie ist, verheirathet sich schwer! Dabei küßte er sie auf die Stirn. Das edle Mädchen schwieg.

Eine der sonderbaren geheimnißvollen Stunden der Erde verging. Mein gerufener Arzt kam. War nun vorher schon eine Veränderung in den Schwestern vorgegangen, welche zumeist der vagabunde fromme Mann nur erst gerade durch seine Zaubercur zu Wege gebracht, indem er Natur und Schicksal und göttliche Dinge für curabel und verbesserlich ausgegeben, und sich für den Generalgewaltigen: sie zu curiren; so befiel nun alle ein soliderer Schreck: die Reisenden hatten die Blattern mit ins Haus gebracht. Die schöne Kammerjungfer hatte ihre Freundin vor dem Tode noch einmal heimlich besucht und sich selbst sie deutlich erkennbar geholt. Auch Dolly, die Eine der feindlichen Schwestern, war davon ergriffen, und zu den beiden unzertrennlichen Kleinen, zu der Zwergin Aïscha und der jüngsten Tochter des Irländers zuckte der hierin weise Salomon die Achseln und schwieg. Der Baronet bat nothgedrungen den Herrn von Holycock um das Gastrecht mit den Worten: „Ich bin ein Fremder! Die Kinder sind fremd!“ Der Vater drückte ihm die Hand, und den Gästen wurde eingerichtet. Der brave Vater-Postdirector, was er indessen geworden zur Anerkennung überaus löblicher redlicher Postmeisterschaft, empfahl sich mit seinen fünf Töchtern und dem dritten Verlobten, auf gesundes Wiedersehen, alsbald sehr vorsichtig. Der steinreiche herrliche Mann, der nur als schon bejahrt in Todesangst schwebte vor seinem gewiß noch fernem Ende alle seine Töchter wohl zu verheirathen, bedachte gewiß: daß sie zur Heirath doch leben müßten und schön bleiben! Und daran hatte er Recht. Niemand belächelte seine Liebe. Ich selbst sandte Brigitten in aller Stille nach Hause fort, um mein Haus einzurichten für die Schwestern Sangallo, gab ihr einen Brief an meine rechtschaffene Mutter mit, in welchem ich sie bat, Brigitten durchaus nicht mehr von sich zu lassen! Aber Herr von Sangallo befahl weder seinen Töchtern, noch wehrte er ihnen, indeß in mein Schloß hinüberzuziehen, das ich ihm angeboten. „Sie sind vor zwei Jahren alle zum drittenmal vaccinirt“, sprach er nur, durchaus nicht kopfscheu vor der Natur und ihrer Gerechtigkeit, die von menschlichen Gesetzen oder Befehlen nicht eingefangen noch gebannt wird, und von Kaiser und Pabst sich kein X für ein U machen läßt, sondern frei aus allen heiligen Pentagrammen und Dreiecken schreitet — und Niemanden auslacht, der da weint.

Arminien suchte ich; aber vergebens. Erst spät, als ich schon Abschied genommen, sah ich sie vom Schlosse aus, im Garten an dem Orte stehen, wo ich ihr aus dem Grabe geholfen. Sie starrte da hinab, als wünschte sie: nicht daraus auferstanden zu sein. Als ich aber selbst in den Garten kam, war sie entschlichen, und in der Dämmrung auf der Erde, über die schon die Sterne am Himmel heraustraten und blinkten, konnt’ ich sie nirgends entdecken. Ich schlich zu meinem Kahn. Der See glomm in Abendschein. Da hörte ich die Melodie des Liedes mit rührender Stimme singen. Es war Afanasia in wahrem Schmerz des Verlustes ihres Geliebten, und die Abendluft hauchte mir — da mich nur wenige Gebüsche von ihr schieden, jedes Wort verständlich zu. Sie war „die Erwartende“ selbst, und sang aus tiefster Seele:

Hier sitz’ ich am Gartenpförtchen
Im goldenen Abendschein;
Hier bist Du hinausgegangen —
Wann kommst Du hier wieder herein?
Du bist von mir fortgezogen
In die weite Welt hinein;
Ich weinte Dir bittere Thränen,
Ich weine sie noch allein!
Du bist nicht wiedergekommen,
Da der Tod die Herzen zerbricht;
Du hast nicht die Treue gebrochen,
Ich breche die Liebe Dir nicht!
Sie kommen alle wieder
Die Sterne! der fehlende Mond!
Ihr süßes Wiederkehren
Das bin ich so süß gewohnt.
Wann alle Sterne zergehen,
Wann droben der Himmel zerbricht,
Wann Tod und Liebe gestorben,
Dann kommst Du ..... auch dann noch nicht!
Bei goldenem Abendscheine
Ach, sitz’ ich und harre Dein;
Hier bist Du hinausgegangen .....
Wann kommst Du hier wieder herein?