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Achtzehn Töchter: Eine Frauen-Novelle cover

Achtzehn Töchter: Eine Frauen-Novelle

Chapter 13: XII. Der Vater Semi-morto.
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About This Book

A narrator describes purchasing a countryside estate and gradually trading personal freedom for obligations to land, livestock, and local dependents. Neighboring households, including one celebrated for its many daughters, introduce romantic entanglements, family rivalries, and social complications. Told in episodic chapters, the work blends domestic observation and gentle satire to examine how ownership reshapes identity, duties, and relationships. Comic misunderstandings, ritualized customs, and reflective asides about inheritance and authority propel interwoven courtships and reconciliations toward pragmatic resolutions while maintaining a tone that mixes wit and sentiment.

XII.
Der Vater Semi-morto.

Und so war er fort und blieb fort, innig von allen bedauert, ja von Kundigen vor Ahndung wirklich betrauert — wie der General, der auch alle seine überstandene Noth sogar abgeworfen!

Wir erfüllten indessen, das: „Seid Ihr glücklich,“ während des reinen, weißen, traulichen Winters und des Vorfrühlings, und reisten, als der Kukkuk erschien, dahin wo er zu Hause sein soll — nach Italien. Meine Brigitte erkannte zufällig in Rom den Lord, der seine blinde kleine Tochter führte, und dem sie von Dolly und Nolly erzählen mußte. Er meinte: es fehle ihm ordentlich etwas, seit der ewige Streit ihm nicht mehr Angst mache! und Ruhe und Frieden um ihn sei! Ich forschte bei ihm nach Sangallo, da uns eine Sage gekommen war, er sei mit seiner Tochter auf einer bloßen Abendlustfahrt im Golf von Neapel ertrunken, oder doch todt aus dem Wasser gezogen worden. — „Ihm sieht das Schlimmste ähnlich!“ erwiederte er; „das bekenn’ ich, da ich selbst unglücklich bin; aber er lebt auf der geisterhaften Insel Elba!“

Wir eilten nach Piombino, von Piombino hinüber, und entdeckten ihn dort, verwildert, in seiner Heraklesgestalt fast einem alten Deutschen gleich. Ich rief ihn an. — Er ging. — Ich folgte. — Er ging rascher. Ich bat. — Er stand; ja nach langem Besinnen gab er mir die Hand. Ich wollte ihm von seinen Töchtern Nachricht geben — er verbot es. Ich freute mich — er blieb ernst.

Ich allein durfte ihn in den folgenden Tagen zum Gange auf den eisenstein-rothen öden Bergrücken abholen. Doch er schwieg und schwieg. Er war tiefsinnig geworden, erschöpft an allen Gefühlen, gleichgültig, wach, und doch unaufweckbar: er ließ, vorauswandelnd, vor seinen Füßen ruhig ein Kind in den See stürzen, das er mit einem Griff erretten könne.

So blieb er äußerlich; doch innerlich rührte ihm sich das Blut, wie der Wein bei der neuen Traubenblüthe. Nun endlich erst bei meinem Scheiden ging ihm das Herz auf. Und so erfuhr ich Einiges, das er so hin murmelte. Dann bat er mich sogar um Erlaubniß, zu sein wie er sei!... oder um Verzeihung: daß er so sei. Aber, sprach er tiefaufseufzend: „Auch zu viel, zu viel Sorge der Liebe erdrückt. Ich bin ihr erlegen. Der Postdirector vollends hatte mir Todesangst gemacht. Er hatte mich mit seiner Schwiegersohnkrankheit angesteckt, und in mir fand sie heiliges Feuer genug und Stoff viermal so viel! Und dann die Schande! die verheimlichte Schande erwürgt heimlich. Denn worüber ich mich bergehoch erhoben und sicher bedünkte, darein verfiel Ich; darein stürzte mich mein bestes Kind. Soll ich den Namen Arminia vor Ihnen aussprechen? Sie sind glücklich; Sie lieben und sind geliebt; daher kann Sie nichts verwandeln. Aber wahrer ansehen kann man das Vergangene doch! Und Sie hatten sich wahrscheinlich nur in ihre Schönheit verliebt, als sie gereizt und geblendet, sie retteten; was jedoch jeder Beichtvater, jeder Superintendent und frömmste Minister gethan haben würde zu seiner Ehre. Darum konnten Sie sie ohne Verzweiflung, Zorn, Rache und Thränen aufgeben, da sie Ihnen mit Recht war „bedenklich“ geschildert worden; besonders als das frevelhafte Spiel mit Dr. Jenner, und der Glaube an den bloßen Namen „Kuh,“ das arme Mädchen entstellt hatte! Daß Arminia ihr halbes „Ja“ vorher zurückgenommen, das irrte Sie nicht! Aber, mein junger Freund, Arminia, liebte Sie; und durfte Sie dann nicht lieben; denn das verbot ihr das große Wort: Um zu lieben, muß sich die Jungfrau oder der Jüngling des Geliebtwerdens werth und würdig fühlen. Das Gefühl giebt Feuer und Muth zu Liebe, vielleicht die Liebe selbst! Denn wer liebt, will dem Geliebten schön, rein, himmlisch erscheinen, ihm das seligste Glück bringen, es ihm sein und bleiben. Mit dem Unwerth versiegt die Liebe. — Sehen Sie da, als Zusatz und Erklärung zu Ihres Vaters Heirathsgebot und des Pastors Ehepredigt, und als Verklärung, die höchste Glorie in den Worten: Die Liebe, diese unsere menschliche Liebe der Geschlechter, ist auch zugleich und allein nur die reinste göttlichste Kraft, über die keine zu wünschen ist; und sie ist die vollkommenste Sittlichkeit, an der alle möglichen Engel, Halbgötter und Götter vollauf in Ewigkeit haben. Da ist kein Zweifel. Wir bedürfen nichts weiter, nichts Anderes. Denn so ist die alltägliche Liebe der alltäglichsten Menschen zwischen den beiden Geschlechtern. Denn drei Geschlechter giebt es nicht!“

Ich stutzte und fragte kleinlaut: Aber was war denn Arminien geschehen?

„Eine Ueberraschung, die erregten Liebenden sehr leicht geschieht — die sie zum Staube warf!“ sprach er. O traue doch kein Vater, keine Mutter und keine getroste Jungfrau einem Manne, (selber einem halben übertünchtem Greise nicht) der aus Verführung von Weibern ein jahrelanges wohl lebenslanges Geschäft gemacht hat. Das Gift bricht wieder aus, und die alte Schlange weiß alle Künste! Daß er dann verwünscht und verabscheut wird, das nimmt er hin als gewohnt. Wer nun das war? Haben Sie nicht gehört, daß vier Söhne ihren Vater gefordert? Aber die Mutter hat sie bedeutet, und als Weib sich mit ihrem Manne geschossen; doch nur dann erst, als ich zum einzigen stummen Vorwurf des Unrechts an seinem fünfzehn Jahr lang kranken Weibe — womit er sich gerade entschuldigen wollen — dem Manne sein Kind — Teufel! — meinen Enkel, das kleine todtgeborene herzensliebe Männchen, in einem Särgchen zugesandt, das ich noch aus der Zeit besaß, wo ich „Meister vom Stuhle“ gewesen, und das mit den geheimnißvollen Zeichen bunt und zierlich bemalt war.

Ich verstummte über Arminia. Zuletzt sprach ich nur — der Stifter ist todt.

Erlauben Sie mir also: als Vater todt zu sein; fuhr er fort. Manch guter Vater stirbt wohl schon, als zu weich und verzagt, an drei oder vier guten Kindern; wie nun ich nicht an achtzehn Töchtern? und darunter zwei Unglückliche, und eine Verunglückte. Ein Tropfen Essig verdirbt eine Tonne Honig.

Er sah mir die Thränen in den Augen.

Kein Mitleid! versetzte er. Zu meinen Zehn Haus- und Kindergeboten rathe ich Ihnen noch die zwei wichtigsten aufzunehmen; und mit allen Zwölfen dürfte ein Vater langen, wenn auch noch nicht ein Gatte. Mein Herz hat mich noch diese letzten gelehrt:

11) Auch die schwersten und größten Fehler halte bei deinem Kinde für möglich. Denn selbst gut sein, läßt noch nicht sicher glücklich bleiben unter den Menschen!

12) Stehe deinem Kinde in jedem Unglück bei, verlaß es in keiner Noth, hilf ihm in jeder Schande.

Und daß meine jüngste Tochter, meine treue Armgard, bis zu meinem Tode bei mir bleiben will? Sie hat sich auch ein Gebot gemacht: dem Vater die Liebe zu vergelten. Da kommt das gutste Kind, wie sie klein sich immer selbst nannte! Jedoch auch sie schenke ich weg, wenn ihr Herr und Freund kommt! Ich bin der Mann der einsam leben kann — vor Erinnerung! vor aller Welt! Auch sage ich nicht ab: wieder heimzukehren und für all’ mein Leid mit Freude belohnt zu werden, wenn ich wieder Sinn dafür und Kraft dazu erlangt. Freude will Feuer und Muth in der Seele; die Lahmen tanzen schlecht. Ich denke wiederzukehren, so in zehn Jahren! Auch schon meines Männerstiftes wegen; denn es giebt viel brave Professoren und ehrenfeste Geistliche, die es bedürfen möchten. In zehn Jahren sind hoffentlich die bösen Geister hinab in die Erde versunken, wenn auch mit Gestank. Indessen möchte mein Prytaneum noch nöthig werden, jetzt so nöthig in so schauriger Zeit, wie einst die Klöster. Die Schulmeister aber, das sind die Eisenköpfe!

Keine Sorge! beruhigte ich ihn. Gott ruft manchmal vom Himmel, ja er langt auch hinunter, oder haucht nur. Und sein Hauch macht lebendig, und ein Wind macht den Himmel schön! So schieden wir, während er mich groß ansah, weil ich noch gesagt: mich verlangt recht heim — nach Deutschland.

In meinem Zimmer drückte ich im Gefühl meines Glückes mein Häschen an’s Herz. Auch sie fing sich an zu beklagen — und wir reisten langsam nach Hause und kehrten gesund zu meiner rechtschaffenen Mutter zurück.

Doch was geschah? — Nach mehren Tagen besucht mich Freund von Rizzi; jetzt auch noch durch einen Orden geehrt. Wir fahren hinüber zu den Schwestern, und Wer steht da? mitten unter den Töchtern und Söhnen? —: der Vater! Heiligenhahn! wie er leibt und lebt!

... Ein Vater ist ein Sclave seiner Kinder; rief er mir zu — aber ein glücklicher; denn er ist wie das Kind vom Hause! wie in der Türkei.

Und Herr von Rizzi sprach: „Ich sagte gleich, der kommt wieder! In der Türkei, zur Pestzeit, wenn das Weib den Mann, und der Mann das Weib geflohen, ja, wenn Mutter die Tochter und Vater den Sohn verlassen haben, da bleibt die Mutter bei ihrem Sohn, und der Vater erst recht bei der Tochter! Das ist Geschlechtsliebe, die reine Geschlechtsliebe. Und Du hier, Heiligenhahn, Du wolltest von achtzehn Töchtern entlaufen? — Nicht von Einer!“ —

Breslau.

Druck von Robert Lucas, Schuhbrücke Nr. 32.