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Achtzehn Töchter: Eine Frauen-Novelle cover

Achtzehn Töchter: Eine Frauen-Novelle

Chapter 4: III. Der Donner als Brautwerber.
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About This Book

A narrator describes purchasing a countryside estate and gradually trading personal freedom for obligations to land, livestock, and local dependents. Neighboring households, including one celebrated for its many daughters, introduce romantic entanglements, family rivalries, and social complications. Told in episodic chapters, the work blends domestic observation and gentle satire to examine how ownership reshapes identity, duties, and relationships. Comic misunderstandings, ritualized customs, and reflective asides about inheritance and authority propel interwoven courtships and reconciliations toward pragmatic resolutions while maintaining a tone that mixes wit and sentiment.

III.
Der Donner als Brautwerber.

Der Pastor erklärte mir den Zweck seiner Reise — eine Magenreise! Mein und meiner Frau Magen fahren zum Diner! Weihnachten muß ich die Ehre genießen, bei Ihnen in Südfrei unsere Magen einzustellen, laut Vocation; Ostern in Ostfrei; Pfingsten in Westfrei; und also dermalen bei Herrn von Sangallo, dessen Vater schon ein Muster aller kleinen und größeren Herren war; die großen haben oder leiden kein Muster, so wie sie denn wenig ihres Gleichen haben. Der selige Herr von Heiligenhahn, der den Heiligenschein, als bei ihm eine Wahrheit, verdient, was hat er gethan? Denken Sie! Freuen Sie sich, daß Sie und keiner Ihrer so gottwilligen Erben es nun zu thun braucht; oder bedauern Sie, daß er Ihnen solche Thaten, nach denen kein Hahn kräht, weggenommen hat! Und fühlen Sie die Beraubung, so ersinnt Ihr Herz gewiß ein Neues Gute; oder räumt ein anderes, auf den Menschen lastendes Uebel weg, wovon zur Freude aller Arbeitslustigen noch Bergevoll und Bergehoch zu beliebiger Auswahl vorhanden und vor Augen liegt. Das hilft aber nichts, bis etwas den Leuten vor — Herzen kommt, oder die Buße wieder Mode wird, oder von hohem Ort wieder Mode gemacht wird; und der Buße allein verdanken wir die meisten Kirchen und Hospitäler! Alte christliche Ritter, die aber unbeschadet ihres riesenfesten Glaubens, schlimmer wie die Heiden lebten, verstanden das Wort „Kirchenbuße und Klosterbann“ so: daß sie mit Kirchen und mit Klöstern büßten! Gott, welche Sünden und Verbrechen stehen da gemauert in unserm heiligen Deutschland umher, und die Glocken lallen sie unverständlich zum Schrecken; wie Kinder, welche die schändliche Mutter noch nicht dem Vater verrathen können.

Und was stiftete Er? fragte ich.

Kirchen- und Schulfreiheit! Hochzeit- und Kindtaufenfreiheit in Ost-, West- und Südfrei; Nordfrei gibt es nicht, versetzte der Pastor.

Wie in Amerika? fragte ich, erstaunt über Deutschland; wie dort, wo man Alles unversehrt lehren kann und lehrt, wo erst Menschen eine Kirche bilden — können, wenn sie wollen, und nicht eine Kirche: Menschen!

Sie wissen nicht, woran wir absterben, wenn nicht sollen, doch werden; sprach mein Pastor. Herr von Sangallo konnte es nur plump thun. Er hat Gestifte gemacht: Hier giebt kein Mensch in Ewigkeit — verzeihen Sie den unprophetischen Ausdruck — etwas zu Kirche oder Schule, für Pastor oder Schullehrer; freier Unterricht, freier Gottestisch, freie Hochzeit — um die Trauung so zu nennen — frei Taufen, freies Begräbniß! Also alle göttliche Dinge — Sonne, Mond und Erde ausgenommen — frei! Er hat, freilich jetzt sehr achselbezuckt, geglaubt: ein Herr ist nicht blos, der Dienste und Gaben von seinen Leuten, die Wolle von den Schaafen, die Garben vom Felde, die Bäume aus dem Walde nimmt, und alles Andere Gott überläßt; sondern ein Herr ist, wer seinen Leuten das, wozu ihr Verstand und ihre Mittel nicht reichen, verschafft, selbst mit Opfern. Und wie klein ist dies Opfer gewesen? Was hat so lange Wohlthat geleistet? —: ein Stück Wald! wie ihn andere Herren oft in einer Nacht verspielen, oder in eines Jahres Lauf vertrinken und verschmausen. Und wie gesegnet: Dort sehen Sie die himmelanstrebenden Fichten wieder stehen, daß einem das Herz im Leibe lacht.

— Ich habe vor Kurzem die Berechnung eines Engländers fast beweint, sprach mein Schulmeister, Lieutenant Groll: Wie viel Vermögen der Völker eitel vergeudet wird, unnachgefragt, so daß nichts nachbleibt, unnachgefragt. Aber von jetzt an doch nachgesagt und vorgesagt. — Er hatte die bejammernswürdige Summe gezogen, was alle europäischen Heere seit 30 Jahren kosten. Er sagt: „Deutschland feiert jetzt bald den dreißigjährigen Frieden; keine Flinte ist gegen einen Feind loszuschießen gewesen.“ Aber da waren: Welche Nachbarn, gegen die das ganze Volk in Waffen stehen muß! oder welche Furcht vor den eigenen Völkern! Und wohlgemerkt, die so theuren Heere sind nicht mehr da. Die Soldaten waren nicht unsterblich, sondern sind gestorben, gealtert; also soll die genossene Ruhe die Frucht sein. Aber war es möglich und waren etwa 5 Millionen Thaler nur eines angenommenen Landes auf den Stamm eines Heeres verwendet, andere 20 Millionen jährlich gespart worden, also in 30 Jahren 600 Millionen Thaler, und diese 600 Millionen Thaler wären auf Schulen, Schulmeister, wahre Heil-Anstalten aller Art, Verbesserungen des Landes, zu Abgaben-Erlässen ganzer armer Städte; kurz, statt auf die Furcht, auf die Liebe verwendet worden — wo wäre da im ganzen Lande ein Unsinniger gewesen, der seinen Herrn nicht auf Händen getragen hätte? Wo wäre ein Mensch zu Hause geblieben: um dieses sein solches Vaterland nicht gegen Legionen Teufel glorreich zu beschützen? Da quollen Geister aus der Erde, da stiegen begeisterte Engel vom Himmel.

Wie eine feurige Schlange fuhr jetzt ein Blitz über den ganzen Himmel, und Donner schmetterte hinter ihr drein.

Nicht weiter! sprach ich. Sie spielen ganz vortrefflich Orgel, Herr Lieutenant? Wie kommt das? —

Ich bin Theologiemüder Candidat, antwortete er, und war lange Musiklehrer der Fräulein Sangallo. Der Herr Pastor sollte Sie doch vorher ein wenig mit diesem, seinem Schicksal gemäßlebenden Vater so vieler Töchter bekannt machen; obgleich der Oberförster in nächster Stadt auch schon 11 Töchter hat. Auch unser Barbier Salomon ist das achtzehnte Kind von Einer Mutter.

Und ich vervollständigte: Ich selbst habe auf meiner Heimreise über England in Leeds bei einem Wirth logirt, der gerade sein neunundzwanzigstes Kind taufen ließ.

Herr von Stifter, Ihr Gutsnachbar hier am See, der lange in der Levante gereist ist, bemerkte der Pastor, hat gesehen, daß viele Türken, gewiß nur eigene, 30 bis 40 Söhne hatten; Töchter werden da nicht gezählt. In Sicilien sind um sein ankommendes Schiff die Kinder von nur 13 Matrosen herbeigelaufen, ein Schwarm von 105! Aber die Erziehung! die Erziehung! das ist die Sache; und die Verheirathung, die gute Verheirathung! Denn die Töchter sind schon alle so so, oder so wie ihre Mutter Agathe, verheirathbar, welche gewiß dem Fürsten zu Lynar zu seinem wunderhold naiven Gedicht, „die Frau von sechzehn Jahren“, das schöne Vorbild gegeben hat, oder doch gegeben haben könnte; um dem Autor sein Eigenthum nicht anzutasten. Mit 19 Jahren ist sie schon Mutter von 7 Kindern gewesen, laut Kirchenbuche; denn darin stehen einmal Drillinge, zweimal Zwillinge; darauf in fünfzehn Jahren eilf einzelne Töchter. Nur 33 Jahr jung, ist sie über die jüngste Tochter eingegangen. Jetzt ist sie gegen 13 Jahre todt; also ist diese Jüngste schon so alt; und die älteste erst in dem berühmten und beliebten Standjahre 29, in welchem alle noch ältere Mädchen sich rühmen zu sein. Diese Aelteste, Antonie, ist Wittwe; Auguste: Wittwe. Und auffällig, beide kurz hintereinander zu Wittwen geworden. Zwanzig Jahre auseinander wäre es Niemandem aufgefallen. Antoniens Mann ist nicht in die Brautkammer gekommen, weil er am Hochzeittisch an einer Fischgräte, die ihm durch Husten den Blutsturz erregt, krank geworden. Auguste ist beim Austritt aus der Trauung krank geworden, und ihr Mann ist vor ihrer Genesung mit dem Pferde gestürzt und gestorben. Darum bedenkt sich die jetzige Braut, Afanasia, durch die Verheirathung ihren schönen jungen Bräutigam, dem Postsecretaire Herrn von Rheingraf geheimnißvoll umzubringen! Zehn andere Töchter haben jetzt Brautbewerber. — — —

Ich wollte mir ihre Namen so eben nennen lassen, um zu hören — daß er nicht Arminia darunter nenne; als es wieder furchtbar blitzte und einschlug, am Ufer von Westfrei. Wir wußten Herrn von Sangallo mit seinen schönen Nereïden gelandet. Wir sahen sein Schloß. Kein Rauch quoll aus; keine Flamme stieg auf; und wir waren ruhig, bis auf meine rechtschaffene Mutter, die in Beschwerden ausbrach und mir vorwarf: „Da hast Du den Schwur!“ Und ich mußte mir erlauben, ihr vorzustellen: Liebe gute Mutter, der Schwur hat sich nur auf ein Menschengedenken zurück bezogen; aber Niemand kann beschwören, das nicht ferner, oder bald bei uns ein Gewitter aufzieht und donnert und blitzt und einschlägt! Ja gerade, weil noch nicht, desto wahrscheinlicher!

Der Gewittersturm jagte uns; die Wellen drängten den Nachen; die Ufer flogen zurück. Der herabstürzende Wind wühlte hohle Kessel im See aus; uralte große Fische, Karpfen von 20 bis 30 Pfunden, mit bemooseten Häuptern und gelben fleischernen Schnauzbärten wie Seehusaren, tauchten empor; große Hechte stoben vorüber. Aus der Gegend, wo wir fuhren, sollten alle drei Schlösser und Dörfer in den Buchten des kühn verzogenen dreieckigen Sees zu sehen sein. Aber dichter Regen ergoß sich uns seitwärts herab und warf Blasen auf dem Wasser. Ich will nicht behaupten, daß die Frau Pastorin, obzwar eine getaufte Jüdin, nicht den Messias erwartet habe; denn Er hatte sie gewiß auch darum mit geheirathet, um im Hause im Gespräch von alten Tagen und neuen Hoffnungen, von denen das alte Herz nie abgewaschen wird, stets in der Seele verstanden, mit ihr reden, mit ihr leben zu können. Auch nur Sie konnte seinen Kindern nicht die morgenländische Nase.... und Er nur auch ihr nicht die großen schönen Augen der Töchter und ihr immerfremdes, oft linkisches, oft engelhaftes Wesen vorwerfen. Kurz sie war voll Andacht; er war sonderbar still. Wir andern, die wir keine, keine Hoffnung mehr haben, als das unabsehliche Weltende — waren sehr froh, als wir auf das Ufer sprangen.