V.
Die Vorstellung.
Er blieb sitzen, als ich eintrat. Ich verneigte mich vor ihm, wie man es vor dem Unglücklichen aus Ehrfurcht und einer heimlichen Scheu thut, indem man in ihm den Träger, Leider und Darsteller einer gar nicht zu verachtenden, wenn auch meist unerfreulichen Macht sieht; und wahrlich eben sowohl diese Macht bedauert, als ihren Schauspieler. Und die Macht wird nur in unserer Seele vom Hasse los, sie wird gleichgültig, ja sie wird etwas werth, wie Eisen, daraus ein Meister ein angenehm schönes Kunstwerk, auch nur eine Spielerei gegossen; oder wie ein tückischer Strom, woran ein Kind ein Glockenspiel aufgestellt — und die Glöckchen klingen! sie spielen gar:
So geschah mir vor dem, noch schönen ernsten Manne; ein Mann von 50 Jahren, dem Leibe nach, dessen Geist aber heute so alt und gefaßt und ruhig wie die Welt, die schweigsame Welt schien. Denn er lächelte. Er reichte mir die Hand und „nannte mich bei Namen“ wie Homer sagt. Ich nannte ihn aber nicht bei Namen, um ihn nicht aufzuwecken — wie einen vor Schmerz jetzt Mond- oder Sonnensüchtigen, dessen Gefühle und Gedanken durch alle Himmel schweiften und nach allen Ursachen, Geheimnissen und Seligkeiten forschen und verlangen mochten.
Er deutete mir, mich zu ihm zu setzen. Er holte tief Athem. Lange darauf erst sprach er unter dem leisen Donner: „Welches große, durch Endlosigkeit grause Muß, das da Welt heißt, das vielleicht in einer fürchterlichen Einsamkeit so hangen und weben muß! Das nie auf seinen Tod hoffen darf, wie doch wir, die wir.... einzeln.... nacheinander.... ihn für dasselbe sterben. Und so quält es sich selbst, ohne alles andere mögliche Ergebniß ab, als daß es sterbend, verwandelt, so fort lebt! O wie heilig ist das Leben!“ Mir ist heute und vielleicht auf immer der Humor zerstört, dieser süße Duft aus bitterem Aloeholz; das höchste Rauchopfer, das wahrsagende singende Kind aus dem Zauberkessel! Ich gedachte jetzt an das, was mir einst mein Lehrer — der jetzt noch sogenannte, aber dem Blitz und Donner und allen Sternen unbekannte, äußerstgeheime, verborgene Oberconsistorialrath X...., dem ich die Paulus’sche Ausgabe des Spinoza brachte — heimlich in der Laube seines Gartens sagte, als höchsten Lebensrath: „Thue alles; nur nimm kein Weib!“ — Damit meinte er sein treuloses Weib — also kein wahres Weib. Ich wußte sein Leid. Treulosigkeit ist Lieblosigkeit; ja, Untreue mag einem Weibe darum noch angenehm sein. Die einmal so Leichtsinnige, wird sich vielleicht auch leichtsinnig trösten; aber dem liebenden Manne ist mit ihr alle Schmach, Schande, alle tiefste Verachtung angethan. Und warum ihm? Er hatte dieselbe Schmach einem Andern angethan. Schlimm, wer Vergeltung zu fürchten, ja zu hoffen hat, daß seine Seele Ruhe gewinnt; denn die Vergeltung kann nie ausbleiben. Wenn sein Weib auch nichts davon wußte, Er wußte es; Er war kein Mann, der sein Leben ursprünglich vom wahren allein gesegneten Anfang mit seiner Frau angefangen hatte. Das Leben zusammen rein und freudig anfangen, das allein ist der hinlängliche feste Grund zur Ehe. Allen andern ist die Möglichkeit zur Ruhe und Glück voraus schon abgeschnitten. Ich bin strenger, als alle Stoiker und möglichen und gewesenen Sittenlehrer, nur aus Seelenkunde, ja aus Chemie! Auf welche, welche erstaunende Reinlichkeit muß der Scheidekünstler halten, der viel richtiger ein Verbindungskünstler heißt. — Ich nun, ich hatte das Leben, die Ehe, mit meinem Weib rein und ursprünglich angefangen — mein treues Weib, die unabwehrbar fleißige Hausfrau, die liebende Mutter ist rein wie ein Engel von mir geschieden. Das heimtückischeste Unglück hat mich glücklichen Mann nicht getroffen — auch pries ich mich als den glücklichsten Vater: mir war kein Kind gestorben! Mir verlief die Natur nach ihrem Gesetz: „die Eltern sterben vor den Kindern.“ Aber wie wahr sagt der in allen andern so ungewöhnlich glückliche, in den Hauptstücken des Lebens, an Weib und Kind aber unglückliche Göthe aus tiefer Brust ein Wort, wie aus der Brust Gottes als Stimme des Weltalls:
Ich habe mein einziges Kind verloren: ein einziges Kind. Nur sie war sie. Keine gleicht ihr nur, Keine ersetzt sie. Sie ist hinweg! Schneiden Sie Jemandem nur eine Zehe, einen Finger weg, er fühlt nur die schmerzende Stelle, keinen der gebliebenen Finger. Ein Vater hat für jedes Kind ein ganzes Herz, die volle Liebe! Das ist für alle meine Töchter so wahr, daß ich einmal ganz überrascht wurde von einem aus der Türkei zurückgekehrten Freunde, der behauptete: „So kann ein Türke — also auch ein Mann, ein Mensch auch seine mehre Weiber lieben, und alle mit ganzer Liebe! und sie alle nur ihn.“ Aber wir Deutschen haben nicht Wörter genug, um, wie Blumengeschlechter, alle Gattungen der Neigungen des Herzens zu unterscheiden, und stecken alle im Rummel in den Sacknamen „Liebe.“ Glauben Sie, ich ehrte meine Töchter, weil sie wie wandelnde Gefäße der höchsten schönsten Glut, der seligsten und beseligendsten fähig sind. Und Arminia ist dahin. Der Mensch soll auch, was er liebt, noch beweinen, noch beklagen, um die ganze Wunderbarkeit und Ewigkeit desselben, seinen ganzen Himmel sich aufzuschließen. Wir haben schon die Priester der künftigen Welt. In welchem alten Buche, in welchem Gesangbuch stehen da Worte, wie Schillers heiliges Machtwort in dem himmlischen Requiem über alle Todten; wie der aus der Messe seliger Geister tröstliche Text für alle Welt, (da Jedem sein Tag kommt) wie das göttliche Wort:
Und nun weinte er bitterlich hinter seinen Händen.
Was war da zu sagen? Was an dem Mann zu trösten, der auch die Leiden der Liebe als Leben erkannt, als zuletzt jedes Menschen stilleres inniges Leben! Ich lernte an dem Manne künftige Fassung. Es gereute mich nicht, ich gelobte mir, es nie zu bereuen: nach Deutschland gekommen zu sein.
Darauf kamen einzeln seine Töchter um ihm Bericht von Arminia abzustatten. Er fragte jede nur stumm mit den Augen. Aber jede bewegte nur leise das Haupt zur Verneinung, und faltete die Hände. Ehe sie sich dann setzten, nannte er mir nur jede bei Namen. Und so erschienen, nach und nach in Zwischenräumen: eine schwarzhaarige Adda — eine blonde Adelheid, eine braune Alma, eine gedrungene Aurelie — eine schlanke Amalie, eine glutäugige Anna — schwebende Angelika — feurige Armida —; dann eine hagere Alexandra — blauäugige Alwina — kleine Armgard — hohe Adele — sanfte Agnes — lockige Apollonia — dann die jungfräulichen Wittwen, die Sympathievögel Antonie und Auguste, in der Mitte die bräutliche Afanasia. Bei ihrer Verschiedenheit an Haar, Farbe, Gesicht, Augen, Mund, Wuchs und Gang, Charakter und Stimme, drängte es sich auf, daß in ihnen viele alte Großmütter und alte Muhmen wieder auf der Welt erschienen waren, um sich aufs neue umzusehen! Die Heimlichkeit des Ortes; die blassen Gesichter, daraus nur Augen sich zuwinkten; die Stille; das bisweilige Flüstern, das eintönige Tröpfeln des Regens auf die Blätter der hohen Bäume; dann wieder ein leises Murren der Wolken, die wie berauschte oder gutmüthige Wahnsinnige im Schlafe murmelten; ein rosiges Aufthun des ganzen Himmels; Schrecken in den Gliedern, den Tod im Sinn, und selber die Verdoppelung aller Gestalten in dem deckenhohen breiten Spiegel — dem foppenden Echo der Augen, wie das Echo der redende Affe der Natur — das Alles machten uns alle zu Traum und zu Bild, das in der traurigen düsteren Stunde bis zum märchen- und fabelhaft Wahrem nachdunkelte! O wie unendlich Süßes und Schönes giebt diese vergänglich gescholtene Welt zu fühlen, zu leben, zu sein! Und nur weil sie vergänglich ist, kein starrer Himmel.
Jetzt rief der Kukkuk auf den Bäumen über uns. Und der Vater sprach: Ich nehme alle Zeichen der Natur nicht als Orakel, aber als Mahnungen stets mir an. Mir fliegt keine Biene, daß ich als Mensch nicht aufgeweckt zu meiner Arbeit eile. Gehen Sie, lieber Nachbar, sehen Sie noch einmal nach; dann wollen wir das liebe Kind bis zu seiner Ruhe bei uns bewahren.
Ich ging in meinem Mantel. Aber ich fand, daß der Regen ganz aufgehört hatte. Die Sonne brach durch die zerrissenen Wolken, die noch wie wunderliche Thiere über den Himmel zogen. Bei Arminia lagen die treuen Hunde noch wachsam, sahen mich an, setzten sich auf und schüttelten sich den Regen ab. Das Reh lag noch auf ihren Kleidern und blickte mich an, aber stand nicht auf. Nur von einer Fingerspitze hatte, wie von einem weißen Keime, der Regen die Erde abgespült. Ihr Gesicht überflog die hervorblitzende Sonne. Aber da zuckte kein Auge, keine Lippe! So niederblickend, und mit dem allerhöchsten bitterwonnigen Gefühle der ganzen Natur „das Schöne todt zu schauen“ ganz überladen, wie die Blumen umher von Gewitter-Ichor, zuckten meine Augen kaum von einem plötzlich niederfallenden Blitz; aber von dem herniederstürzenden Donner, krachend als bräche der ganze Himmel ein, knickte ich wie ein Rohr, und fiel auf meine Kniee. Der Schooß der Erde hüpfte von der Erschütterung ordentlich auf, und ein Zittern lief durch die Glieder der heiligen Mutter. Ich besann mich wieder durch das plötzliche Aufflammen eines Strohdaches mit Fischernetzen am Ufer des See’s. Aber — vor mir fuhr die nackend Begrabene empor! Ihre Hände langten über ihr Haupt, wie in die rollenden Wolken hinauf. Sie saß. Die nasse Erde fiel ihr von Hals und Nacken und Schulter und Brust in den Schooß. Vor Erstaunen, das noch nicht Entzücken zu werden vermochte, starrte ich sie an. Ihre Augenlieder bedeckten noch die Augen und zuckten.... ihre Lippen zuckten; ihre Wangen überströmte eine Rosengluth; auch ihre Stirn ward wie sonnenabendroth, ihre Gestalt zitterte; die wie nach mir ausgestreckten Arme bebten, daß die Steine der Ringe an ihren Fingern im Sonnenstrahl blitzten wie Thau. Ich griff ihr unter die Arme, ich hob sie an meiner Brust aus dem Grabe empor. Sie ruhte an mir wie ein verschlafenes Kind, das aufstehen soll zu einer Reise, und legte den Kopf auf meine Schulter. So, mit ihr stehend, löste ich das Schloß des Mantels, umhüllte sie allein damit, und befestigte das Schloß ihr unter dem Halse. So hielt ich die Wankende, die ohne mich gefallen wäre, während das Reh an ihr heraufsprang, und die Hunde sie wie rasend vor Freude umbellten. Jetzt schlug sie die Augen auf. Welcher Gestirne Aufgang ist irgend wo schöner in der ganzen Welt!
Wie die Schaar Nereïden, umgaben uns die herbeigesprungenen Schwestern und drängten mir die Schwester ab. Arminia! — Arminia! — Arminia! rief es, sie weckend, sie ermunternd und ermunternder. Sie wandte die Augensterne nach ihnen; aber ihre Lippen konnten nur zucken.