VIII.
Verwickelungen.
.... Und ich konnte trinken! darüber trank mir wieder der schon innerliche Schwiegervater zu. Die Mittagstafel war aber zugleich Verlobungsfest der Afanasia mit dem Postsecretair Rheingraf, einem allerliebsten jungen feingebildeten mit Sprachen und Wissenschaften reich versehenem Adligen, der sich der Einpferchung und Einstellung zum Schwiegersohn seines, an schönen und guten Töchtern, so wie an Gelde reichen Postmeisters, heimlich und glücklich entzogen hatte.
Eine Verlobung erregt anderer Mädchen Herzen, erweicht sie, zieht sie an, und macht sie handgiebig. Besonders wenn eine Schwester des Hauses Braut ist, oder gar geheirathet hat, dann sind alle leichter zu erwerben. Denn ein leiser Neid erweckt mit Recht ein Begehren nach den göttlichen Dingen. So auch hatten die Herren Referendarien, Candidaten und Offiziere heute das Leben sehr süß und hoffnungsreich! Aber da ich ihnen, durch Vater und Tochter gewiß schon als künftiger siebenzehnfacher Schwager im Herzen lebte, so war doch auf keinem der schönen Gesichter ein Zug des Neides, ein Zürnen über Zurücksetzung wahrzunehmen. Wie schön, dacht’ ich, auch, wann — Schwestern, ein Haus voll, so einträchtiglich und gönnend bei einander wohnen! Was für Arbeit und Mühe, Pflege und Lehren des Vaters und der Mutter stecken doch in Kindern, wie in einem Nelkenflor der Gärtner steckt. Nur unsere Brigitte aß auch nicht, sondern sah ihre Freundin Arminia mit den allerzärtlichsten, ja wirklich liebebeladenen Blicken an. Sie bewunderte sie; sie erblaßte und erröthete vor ihr, daß ich nicht wagte, das arme Häschen anzusehen. Aber wie zärtlich streichelte sie auch den sammtenen Kopf meines Hundes, der als ein stummer, aber gewiß tiefaufmerksamer Beobachter und Kundiger der Seele seines Herrn neben Brigitten saß! Versteht sich, auf der Erde. Der Psycholog! Der Herzenkenner! Konnte mir nicht eine Stimme vom Himmel damals zuflüstern, was später einmal der Weiberkenner Herr von Stifter mir sagte: „Liebende Weiber lieben alles, was ihr Geliebter liebt, sogar seine Geliebte. Sie allein finden den Weg: sich selber quasi zu lieben! Ja, im Morgenlande finden Männer-schwärmerisch-liebende Frauen zuletzt jedes schöne Weib zum Anbeten schön!“ — Mir geschah nur, daß ich einen Augenblick denken mußte: „wenn Du Brigitten so aus dem Grabe gezogen!“ — Darüber mußte ich wenigstens mit dem Stuhle rücken, um nicht gar aufzustehen. Da erblickte ich mir gegenüber die blasse unglückliche Frau von Stifter, und ich war vollständig retabliert. Fast ein jeder Bräutigam soll noch in der Entscheidungsstunde einen solchen Abschiedsanfall haben, wo ihm alles geschauete Schöne und Liebe noch einmal — zur Prüfung — vor Augen erscheint. Dann macht die Phantasie ihr Bilderbuch zu, und die ernste Liebe tritt heran. Denn die Liebe, sie, die allein wahre, die alles Leben hervorbringende, alles berauschende Glut aller Welt, ist das ernsteste und lebensgefährlichste Wesen zugleich. Verwandelt, zersetzt, zerstört und nur leise gekränkt, ist sie Gift und Tod, wie kein anderes Schrecken. Arminien betrafen meine Augen auf einem langen finstern wie recht zürnendem Blick nach mir. — Das lobte mir Herr von Stifter, der heimlich mich gern rasch zur Verheirathung mit Arminien drängen wollte, mit den Worten: „Finstere Mädchen, lohende Herzen. Heiter lachende Mädchen machen finstere Männer. Ich möchte wohl wissen, worauf die Finstern so zürnen? Denn es ist keine Verstellung. Ich glaube, wenn ihnen ein Mann verkündigt wird, das ist kein Scherz!“
„Gewiß nicht“ sprach seine Frau gegenüber in ihrer Rede mit dem Nachbar, und Herr von Stifter ward über das unwillkührliche Orakelwort finster und stumm. Weil man ihn Barnabas Habakuk Gallus getauft hatte, deswegen war er ein Todfeind von Kalendernamen und hatte seinen Söhnen, nach Art der Alten, bedeutende und mahnende, nicht zu Tode abgetragene Namen gegeben, die ich über Tische im Gespräch von ihm nennen hörte: Ehrenfest, Wohlgemuth, Fürchtenichts, Freimund. Wie wohlthätig wären auch zeitlebens sie erinnernde Namen, sagte er, statt hohler unverständlicher, nichtssagender, heiliger, weil sie alte Schafe schon getragen haben; jeder besondere Mensch ist seinen eigenen Namen werth. Doch still! Wo bliebe sonst das Brigittenfest etc.! Doch ernstlich, auch vom Kalender müssen wir uns emancipiren, besonders von Krebs, Scorpion; Zusammenkunft, Drachenkopf und Drachenschwanz, Erdfinsternissen; denn die Sonne wird nicht finster, und von den Schaltjahren! Ich sehe, Sie freuen sich über meine Söhne, die einen König freuen würden, die armen Menschen! Bei den abscheulichen unchristlichen Türken wären sie nach ihrem Gesetz Menschen, wahre Söhne, Erben — ehrliche Leute! bei uns über alle Türken bis zum Himmel erhabenen künftigen Seligen, gilt ihre Sohnschaft und meine Vaterschaft — nichts. Welche Schande für alle Götter, selbst für die als albern bekannte Erde! die Türken ehren und achten jeder Mutter Kind dem andern gleich; jedes Frauenzimmer ist also bei ihnen in der Hauptsache emancipiert, und die ärmste Schöne kann Kaiserin werden, und Mutter sein mit Ehren und mit Gerechtigkeit. Dort ist, Gott sei Dank, kein unschuldiges Kind, kein Fehlender mit dem Fehler verachtet.
Jetzt wurden Gesundheiten getrunken und wir alle sammt und sonders auf Sonntag über acht Tage zu Afanasia’s Hochzeit geladen.
Mit einem eintretenden Bedienten war Arminias Reh mit hereingekommen, und wollte den Braut-Strauß von Afanasias Busen sich kapern, aber er war zu fest, dagegen erwischt’ es Arminias Strauß. So ein Thier! Sie ließ ihm die Blätter, da es die Blumen zerrupft hatte. Das war ein Characterzug, den ich mir merkte.
Meine rechtschaffene Mutter zog eine traurige Miene zu dem Orakel. Wir hatten sehr lange getafelt, und als wir im Begriff waren aufzustehen, meldete der Bediente dem Verlobungsvater, den Herrn von Rizzi. So blieben wir noch an der splendiden Tafel sitzen. Denn mein gewünschter Schwiegervater sprach: Ach, mein eigener, oder mein Stroh-, Hafer- und Heufreund, der redliche liebe Postmeister vom alten Geschlecht der Rizzi!
Der lange hagere feingebildete Mann trat ein und überschaute sein Unglück.
Wahrscheinlich in seiner letzten Angst hieher nachgefahren, um noch geheim ein Wort an seinen Rheingraf zu verlieren, hatte er sich hinter das Heu versteckt, das er zu handeln kam; und wohl empfangen als gütiger braver Mann und Duzbruder aller Welt, mußte er sich jetzt der Fräulein Afanasia als eines Rheingrafens verlobter Braut vorstellen.... sich mit seinen fünf Töchtern zur Hochzeit einladen lassen, und des „überraschendrasch“ verlobten Brautpaares Gesundheit in, ihm wahrscheinlich wie pures bloßes Wasser oder bittere Tisane schmeckenden Champagner trinken. Denn mein Nachbar von Stifter machte mich aufmerksam, daß dem Herrn von Rizzi dabei die Thränen im Auge standen und hatte die Worte gehört, die er beim Niedersetzen dem Brautvater zugemurmelt: Dir kann niemand etwas verdenken! Du hast angeborene vielfache Vorrechte vor uns allen. Du bleibst dennoch uns andern Vätern allen der liebe Leidenstrost, die lebendige Altar- und Taufstein-Hoffnung! Meine Paar Rizzi’s werde ich vor meiner Ruhe schon noch an Folgende anbringen. Denn hoffentlich wirst Du nun deinen Rheingraf poussiren; ich gratulire Dir also von Herzen! denn eines rechtschaffenen Vaters Noth ist groß, die fahren sechs Beiwagen nicht!
Darauf trank er ein „Hurrah“ dem Rheingrafen, Herrn von Postmeister! — wie er sich in seiner sich sedimentirenden Verlegenheit noch versprach, statt dem Postmeister, Herrn von Rheingraf.
Aber — kein Hurrah im gebildeten Europa! sagte höflich der tapfere bildschöne Offizier von P....., nachdem Herr von Rheingraf sich für die Gesundheit bedankt; Hurrah ist von Praga und Suwaroff her, ein garstiges russisches Wort! Hurrah ist auch ganz unverständlich, ja eine zu freimüthe Assonanz, ganz unaussprechbar vor manchem „hohen Balkone,“ wie Schiller sagt. Dieses schnarrende, trommelnde Wort ist das offenbar allein unedle von unserem ganzen Soldatenleben. Ich bin kein Sprach- sondern Herzens-Purist! Wir Deutschen haben ja unser schönes Glück auf; oder klingt das zu unterirdisch, oder wie der Wunsch: Glück aus, so haben wir das: Glück zu: oder das „Heil“; gewiß aber immer das schöne „Lebe hoch“ — hoch, hoch in allen Lüften! was — Viele so Vielen wünschen. Aus wohlmeinendem Scherz tranken nun alle dem Herrn von Rizzi ein Glück zu.... (zu was, das ward nur angedeutet) und noch Eins und zum dritten und letzten Mal Eins, dem ganzen Geschlecht der Rizzi; wofür er sich, als aus Italien stammend, aber der Italienischen Sprache vergessen, sich für uns zur innerlichen Freude überaus feierlich bedankte.
Der gute Vater weinte aber, da er seinen einzigen unvergeßlichen Sohn verloren, und wir küßten ihn ruhig.
Nach aufgehobener Tafel zerstreuten wir uns in den Garten, und das junge Volk entwickelte und sonderte sich allmälig in Paare und entfernte sich im Gespräch. Aber alle wandelten wir übersehbar im Schatten der Bäume; und auf dem weiten Wege im Kreise begegneten Alle in kleineren und größeren Zwischenräumen Allen. Das nannte Herr von Stifter eine große Liebespolonaise. So war ich zuletzt mit Brigitten und Arminien allein stehen geblieben. Die Freundinnen führten sich jetzt, so daß ich bald dieser, bald jener zur Seite gehen mußte. Als wir aber zu den beiden jungfräulichen Wittwen, zu Antonien und Augusten gekommen, die, ihre verlobte Schwester Afanasia in der Mitte, im heimlichen Gespräch auf einer Gartenbank saßen, und leise Brigitten winkten, beurlaubte sie sich von mir; die drei Schwestern standen auf und alle Vier gingen weit hinter nach dem Gartenpförtchen. Der Bräutigam wollte ihnen folgen, aber Afanasia bat ihn zu bleiben.
Ihre Stimme klang wie eine Geisterstimme, sprach ich zu Arminia. Eine so betretene Braut habe ich kaum gesehen! Wenn sie über Tisch ihren Bräutigam anblickte, verwandelte sich ihre Farbe in Blässe. Daß Antonie, daß Auguste heute aus Erinnerung ihres Glückes, oder — verzeihen Sie — ihrer todten Männer, zu keiner Freude kamen, oder vielmehr erst recht in Trauer versanken, das finde ich so wahr und treu und lieb, daß es mich selbst innig gerührt. Aber Afanasia — — doch ich habe kein Recht zu fragen und wünschte es so — so — so über alles in der Welt, denn nur ein....., ach, kann es mir geben!
Wer? fragte Arminia.
Und auch ich mußte es ihr sagen: ein Engel, eine Göttin, meine Göttin.
Und sie freute sich ächtweiblich. Und warum soll ein schönes Mädchen nicht auch hören, was sie ist! Denn der tiefsten Wahrheit gemäß, ist ihre Gestalt ja eben nicht erst so lange vom Himmel, ist auf Erden das Schönste — und bleibt nicht so lange, wie ja die Sonne weiß. Auch flüsterte mir Herr von Stifter bei Tische ins Ohr: „Es ist doch von Dalailama und allen Petern unläugbar: Kein Mann von allen möchte einen Geist heirathen! Kein Geistlicher selbst! Säßen diese schönen Jungfrauen hier alle als Geister — hui, wie nähmen die Herren alle Extrapost und Courierpferde bei Nacht und Nebel, kämen nie wieder, verwünschten das Schloß und sprächen: darinnen spuckt es! Also was zu beweisen war, also heirathen alle Männer: Leiber, wo möglich mit Geist, aber wenn nur mit Liebe, vor allem gern schöne Leiber, und solche, die Weiber heißen und sind.“ — Darauf ließ er mich die schönen Mädchen alle bewundern, besonders Brigitten und Arminien, wozu ich schon vom Himmel am Probegrabe Gelegenheit gehabt.
Gelegenheit, Miteinanderalleinsein und gepreßtes gedecktes Gespräch also thaten auch an mir das Wunder, dem Herzen Sprache zu geben. Wie ich weiter an den Engel und die Göttin anknüpfte, was ich weiter stammelte oder ausströmte — ich weiß es nicht mehr — denn ich bin kein Göthe, der sich selbst und sein lebendiges Präparat der Liebe behorcht, wie ein Tonsetzer vor dem Instrument, um Studien zu machen. Ich, war hingerissen! Das Ergebniß meiner Worte war die Antwort von Arminia: In sechs Wochen nach meiner dritten Schwester Afanasia Hochzeit bereiten Sie sich auf meine Entscheidung. Bis dahin gebe ich Ihnen alle mögliche Hoffnung, selber schon das Jot vom a, so daß Sie nur noch das kleine a zu der ganzen A...rmini...a zu erwarten haben.
Wir standen zufällig vor dem Beet, wo sie in der Erde gelegen. Sie erröthete, verneigte sich mit gesenktem Gesicht, wandte sich rasch und ging zum Vater. Und ich sah ihr nach, sah sie hingehen, mit welcher Bezauberung von ihrer Gestalt, ja Erstaunen vor ihrem „in der Welt sein!“ Mit welchem Entzücken der Ahndung, solch ein Wesen, das so gewöhnlich „ein Weib“ heißt, zu — besitzen. O welche Göttinnen schlafen und schliefen schon alle im Himmelblau! Nun sind sie hier, sie sind da — und in Einer sind alle dein. — Das mußt’ ich der Sonne sagen, und sagt’ es ihr leise hinauf. Aber sie schwieg.
Da trat Brigitte wieder vor mich hin, und lächelte mich an. Ich fragte sie nicht, sie gestand mir nichts. Sie fragte nicht, ich gestand ihr nichts, aber sie sah mich so wehmüthig an. Jetzt ging ich mit ihr zu dem offenstehenden Gartenpförtchen. Eine schwarzeiserne Thür in weißem Marmor. Drüber auf himmelblauer Marmortafel mit goldenen Buchstaben:
Ich erfuhr aber nichts, als das sei das Ende eines Liedes. Und sie sang mir die Melodie. Sie stammt aus Rom vom Capitol, und ist uralt, sagte sie dazu. Ich mußte nur rathen, daß die Männer der beiden jungen Weiber zu demselben Gartenpförtchen hinausgegangen und nicht wieder hereingekommen waren, aus Ursachen, die am Ende allen bevorstehen, vielen zu Anfang und in der Mitte; nicht nach irgend einem Unglücks-Gesetz, sondern nach dem alle Augenblicke neuem Ergebniß aller Himmelskräfte — nach dem Wetter der Welt.
Den Sonnenuntergang feierten die Töchter durch Musik, die große Sonate zu 44 Händen. Der Vater entschuldigte zuvor die nur hinreichende Fertigkeit, da sie keine Virtuosen wären, die alle nur aus Eitelkeit oder Gewinnsucht reisten, als musikalische Riesen. Alle Hauswesen, alle Gefühle würden zerrüttet, wenn alle sich so aufblasen wollten wie Frösche um den — morgenländischen Dreschern zu gleichen. (Auch den Sängern soll man nicht den Mund verbinden.) Zuletzt sangen sie die Nänie von Schiller „Auch das Schöne muß sterben“, dies allerhöchste und schönste Gedicht der Welt, dieser unendlichen und unermeßlichen Elegie, und Göthes eben so schöne als traurige Antwort darauf:
Hören Sie, der Vater läßt Ihnen allen vorsingen: „Geschwind zugegriffen! Sie können es! sprach Herr von Stifter und sagte dazu: Sonst hielt ich ein schönes Weib auf einem schönen Pferde für alles Schönste vereinigt, was es geben kann überall. Heute erfahre ich: Schöner Gesang aus schöner Frauen Munde, die die Seele der Welt auszuhauchen scheinen — das ist das Befriedigendste! Dabei, danach rührt sich kein Wunsch. Auf solche Klage giebt es keine Klage! Ich bin kein Mensch mehr; ich glaube, wenn mich Jemand schnitte, ich blutete nicht, oder ich sänke aus dem Kahn in den See, und rührte keine Hand zu meiner Rettung. — Kommt essen, rief er auf einmal laut, daß man wieder zum Menschen wird, der Steuern und Gaben bezahlen muß!
Nach dem Essen fuhren wir Westfreien spät im Mondenglanz nach Hause. Wir schwiegen zu Anfang; keiner wollte den Schein haben, das Haus zu bereden, oder die Fremden. Aber endlich brach denn doch die Frau Pastor aus und sprach: Stecken uns die Fische an? So stumm sein, nach so viel Geschautem und Gehörtem ist doch unmenschlich. Es ist zu natürlich, daß alle aus einer Gesellschaft nach Hause Gehenden, das Haus, die Speise und Getränke, die Bedienung, den Koch, das Geschirr bei Veranlassung des kleinsten Fehlers bereden, aus Besserwissen oder Besserhaben oder Besserwünschen tadeln; die Heuchler aber alles in Bedauern einkleiden. Dann kommen die Herren und Frauen Gäste daran, welche unter der Maske redlicher Theilnahme wieder bedauert werden. Dann scheidet eine Gesellschaft, eine Familie unterwegs von der anderen, und nun beredet jede besonders wieder die Anderen nach gehöriger Entfernung. So mögen auch wir jetzt beredet werden, denn mir klangen die Ohren, und wie!
Wohl nur von der Zugluft auf dem See; sprach ich, wie allen nach Hause Gehenden leicht nach der Erhitzung durch Zimmer, Getränk und Gespräch. Oder.. so wären es gar die Götter selbst, die das Klatschen erfunden, indem sie durch Ohrenklingen zur Rache erinnern! Da muß ich etwas erzählen: Als ich jüngst in der Hauptstadt war, hörte ich, daß ein vornehmer Wirth, der loyalste prächtigste Mann, nach einem in Wahrheit übersplendidem Fest schändlich war beredet worden, von den Heuchlern, daß er, wie Pyrrhus, nach mehreren solchen gewonnenen Terrinen- und Bouteillen-Schlachten das Feld werde räumen müssen. Er hatte daher zum folgenden Fest im reizenden Boudoir einen kostbaren kleinen Schrein in einer Ecke angebracht, auf die Thür desselben das Wort „verbotene Frucht vom Baum der Erkenntniß“ setzen — und den kleinen goldenen Schlüssel daran stecken lassen. Das hieß eine schöne Eva reizen — und lesen. Bald winkte sie einem Legationsrath, der gelesen; und Andere zum Schränkchen schickte. So schickte auch Einer mich hin, und ich las: „Ein freundlicher Wirth giebt alles von Herzen gern allen Magen ohne Dank zu erwarten. Aber Undank thut weh! Möchte doch Jede und Jeder mir gnädig ihn aufsparen bis nach dem Fest bei einem Anderen, und Diesem wieder so lange! Denn ich habe 100 solche Schränkchen unsern vorzüglichsten Festgebern zum Geschenk gemacht. Wo Sie also ein solches Schränkchen oder großes Buch mit der Aufschrift „Verboten“ erblicken, da bitte ich, sich meiner großgünstigt zu erinnern, auch wenn der Hausherr schonend die Inschrift, als jetzt notorisch nicht ausgestellt hätte. Noch melde ich, daß auch zwei kleine kostbare Schwur-Boudoirs für Herren und Damen besonders eingerichtet sind, welche vor Eintritt in die Gesellschaft schwören wollen: einander nicht zu bereden, oder moralisch todt zu schlagen. Der Zugang dazu ist geheim, so daß jeder von dem anderen annehmen kann: er habe geschworen, und nun sicher von ihm nicht beredet zu werden, ihn auch durchläßt. Gezeichnet: Graf N.
Wir lachten und schwiegen. Nach langer Zeit erst setzte ich mich zu dem alten guten Herrn von Hase und fragte ihn theilnehmend, warum er denn gar so still, so unaufgeweckt von anderer Freude sei?
Die Türken haben einmal einen braven Mann gehabt, sprach er seufzend, der hat Mezzo morto, der Halbtodte geheißen. Der bin ich wieder. Meine Freunde in der Stadt haben für mich gesorgt, und ich kann Bogenschreiber werden, zu 3 Kreuzer den Bogen. Aber meine Hand will nicht mehr fort, weil meine Seele vom Unglück gelähmt ist. Ich habe keinen Trost, als daß meine Frau gestorben ist, ohne meine Lage zu erfahren! Denken Sie, so etwas muß mein Trost sein! Aber es ist ein großer Fehler, daß ein Mann alle seine Geschäfte geheim hält und allein betreibt, um seiner Frau die vorübergehenden Sorgen und Gedanken zu ersparen! Denn die Weiber wissen den besten Rath, haben viel unbrauchbare Einfälle, aber ihr Herz entdeckt auch den rechten, wie durch Eingebung; sie trösten gewiß, und so sind sie getrost und getröstet. Für meine Liebe ist meine Frau nun ganz- und ich bin halbtodt, und mein armes Häschen, das lebt und möchte leben. Unglück ohne Aussicht, auch wenn man Blitze zu Blicken hätte, lähmt völlig. Denn es ist alles vergebens zu sinnen, zu reden, zu thun. Warum ich esse und trinke, ist mir unbekannt. Ich sehe völlig klar: alles Menschenthun ist nur ein Streben nach einem inneren Ziel; ich beneide Niemanden, ich beklage Niemanden, selbst mich nicht. Am liebsten schlafe ich, oder sitze mit gefalteten Händen. Ich würde doch entlassen als Bogenschreiber! Nur drei Bemerkungen möchte ich zum allgemeinen Besten niederschreiben. Wenn ein Gut sieben bis achtmal verkauft wird, so hat die Landeskasse den ganzen Werth dafür baar durch Verschreibungskosten, Lehnwaare, Stempel und Taxen. Das hieße also: Behaltet was ihr habt, kauft und verkauft nicht so oft! Güterhändler sollten unerschwingliche Gewerbsteuer zahlen, statt frei davon zu sein. Dann: Wann ein Käufer offenbar über die Hälfte betrogen ist, dann sollte ihm ein Jahr lang der freie Rücktritt zustehen. Die Clausel der Verzicht über oder unter die Hälfte, sollte nicht gelten. Und zuletzt: Wenn zwei Jahr dürre Zeit und allgegenwärtiger Mißwachs im Lande sein wird, dann hilft Gott dem Volke ohne Mühe zu allem Erwünschten; wie er mit 29 Grad Kälte, Deutschlands unüberwindlichen stolzen Feind mit der großen Armee in Rußland nur weghauchte. Das prophezeihe ich, nämlich Gottes Hilfe allein und gewiß. Nur partielles Unglück ist Unglück, das hab’ ich erfahren.
Er schwieg eine Weile, dann ergriff er meine Hand und sprach leiser: Haben Sie nur noch einige Zeit Geduld mit uns! Nehmen Sie nur nicht übel, daß so oft allerlei Weiber und Mädchen aus unsern Dörfern in Ihr Schloß kommen, und mit Bündeln! Ich bitte sie alle, nur ja recht leise aufzutreten! Und sein Sie nur nicht böse, daß meine Tochter so oft und vielmal hintereinander, leider so laut, in die Hände klatscht! Sie stärkt Wäsche für die Leute, Hauben, Bänder, Tücher. Es geht wirklich nicht anders! Ich habe es selbst auf alle Arten versucht! Und dann, daß sie den armen Staat, zwar hinter den Fliedersträuchern, doch immer in Ihrem Garten aufhängt! Die Nacht aber trocknet die Wäsche nicht; sie wird thaunaß! Wir haben versucht, die Wäsche in unserm Gewölbe zu trocknen, und haben eingeheizt; aber lieber Herr von Kopernick, da haben wir uns bald zu Tode geschwitzt, und der Schlag hätte mich bald gerührt; doch kam ich mit Zahnschmerzen weg! Lieber Himmel, da hatte ich doch wieder einen Wunsch, daß mir die Zähne wehe zu thun aufhörten, wie man sagt, oder daß mir die Bratwurst wieder von der Nase fiel! Verkennen Sie mich nicht, daß ich einmal scherze. Aber wie gesagt, das arme Mädchen ernährt mich mit der lieben Wäsche, und wenn sie so in die Hände klatscht, da denken Sie gütigst nur, sie klatscht mir Brot und sich — Dank. Mein neues Halstuch, daß Sie freilich in der Nacht nicht als neu zu erkennen vermögen, aber es ist wirklich neu, das hat mir das arme Häschen auch — — — —
Brigitte hatte aber des Vaters Worte gehört, kam, hielt ihm den Mund zu, und sprach nur leise: „Vater!“ Der Vater zog sie an sich, und sprach: Schilt den Vater nicht, der sein Kind ehrt! Du bist doch mein gutes Häschen!
Es war kühl. Ich gab dem alten Manne meinen Mantel um, und in ihren Gefühlen verloren, nahmen beide das so an, und sie hüllte ihn dicht darin ein.
Um uns aus der weichen Scene zu bringen, fragte mich der Pastor: Aber was sagen Sie zu dem guten Postmeister von Rizzi, der seine schon auf Jahre voraus verlobten Töchter vor Freude schon immer gnädige Frau nennt! — Mich rührt das tief! Der sorgliche treue Vater ist ein Repräsentant so vieler Väter jetzt im Vaterlande, die zu solchen Mitteln greifen müssen, die Tänzer auf Bällen auffordern zu gehen, um mit ihren Töchtern zu tanzen; die jungen Männer, die in Jahren erst ein Weib nehmen und ernähren können, in Beschlag zu nehmen, sie buchstäblich am Aermel zu führen; nach der Verlobung: „Gott sei Dank“ zu sagen; dem Herrn Bräutigam Anstellungen zu verschaffen durch goldene Sorge; den amtlos oder kleinbeamtet Vermählten jährliche, so zu sagen, Pensionen zu ertheilen, daß jeder Vater zuletzt selbst „Oel geben“ möchte! Das ist die wahre reine heilige Vaterliebe im gerechtesten Widerstreit mit der, den jungen Männern allen jetzt zu spät möglichen Ehe! Weiter nichts, nicht lächerlich, sondern zum Weinen tragisch. An späten Ehen geht ein ganzes großes Volk unter; jedes Land verdirbt dadurch, weil es entsittlicht wird, indem es lieblos gemacht wird. Denn wie ist das Leben der meisten Spätverheiratheten Männer! und wie muß es fast sein! Alle spät, das heißt immer zu spät verheiratheten Candidaten, Beamten u. s. w. müssen verdorben sein, ihre Weiber unglücklich, oder doch nicht glücklich, wozu sie das himmelschreiendste Recht haben! Die Ehe ist in so späten Jahren eine Spekulation; die Braut muß nur reich sein; dann muß sie passen, wohl oder übel; sie muß die Kosten ersetzen, die Schulden decken, als Wittwe leben können und die paar Waisen erziehen! Alte Männer wollen reiche Weiber. Ein liebender junger Mann ist mit einer jungen Frau allein zufrieden, ja wenn sie kein Bett mit brächte! kein Kleid auf dem Leibe hätte! Das ist die einzigrechte Zeit zum Heirathen! Das ist Glück! Das ist Ehe! Und nun wie voreilig, wie unvorbereitet: die Ehen unauflöslich machen zu wollen — denn geschehen wird es nicht, weil es nicht kann — welche Grausamkeit! Da habe ich gehört von einer Gesellschaft von Sanct Francis de Regis (nicht de Regibus), die in Belgien armen Leuten mit unehelichen Kindern die Verheirathung bezahle, damit ihre Kinder eheliche Kinder werden, ehrliche Kinder wie Schneekönigskinder im Märchen! Wieder die Pferde hinter den Wagen gespannt! Die Ehen müssen erst möglich gemacht werden; es müssen nur Leute einander heirathen, die ohne einander nicht leben können; sich lieber das Leben nehmen möchten, als einander entbehren; die so wohlerzogen sind, so duldend, beschieden und bescheiden, so durch Kinderliebe gefesselt, so einander ehrend, daß man sie zerhauen müßte, um sie auseinander zu reißen. Jammer, Schande, Elend, Verzweiflung unauflöslich machen, das heißt die Hölle unsterblich machen wollen, was wir nur dem sogenannten Teufel zutrauen. Welche Einzelne geben gute Paare? Das ist die Frage! Und wie können sie sich vereinigen? Das aber will Niemand fragen, aus Furcht der Arbeit mit Umwandlung so vieler Formen! Da habe ich mir die jungen Herren Offiziere so recht herzinnig beschaut, ihnen zugehört. Welche Vaterlandsliebende — also gewiß bis auf das Herzblut tapfere Männer! Wie gebildet, wie gelehrt in ihrem Fach, wie schönes junges deutsches armes Blut! Und wie sind sie mitten im Leben aus dem Leben verbannt! — Und die Herren Candidaten! solche junge Männer machen dem Lande, das sie hervorgebracht, Ehre. Und wann werden sie das gelobte — Pfarrhaus erblicken! — Und die Herren Referendäre, die mehr Gerechtigkeit im Herzen tragen, als in allen Büchern steht, wann werden sie ihre Bräute heimführen? frühverliebt alle, manche frühverlobt, tritt ein vergelbtes sehnsuchtverdorrtes Paar vor den Altar, woran junge Leute wie Adam und Eva gehören, die übrigens gar nicht getraut wurden, und doch ihre Kinder liebten. Denn ich wüßte kein ehrenrührigeres Gebot, als:
und:
Der alte Herr von Hase bejahte das alles immerfort! Unter diesen und andern Gesprächen waren wir nach Hause gekommen, und schieden mit dem: gute Nacht! Am andern Tage ließ meine rechtschaffene Mutter den armen Betjungen begraben; und ich beschloß, ihm, der Nachwelt zur Nachricht, was es heut zu Tage für untergegangengewähnte Träume in sogenannter Menschengestalt gegeben, ein Monument setzen zu lassen; verfaßte die Inschrift und bestellte es sogleich. Ich besuchte darauf auch den in einer Dachkammer meines Schlosses sitzenden armen Schelm, den Betmeister Nox (nicht etwa Knox) der seiner Ersäufung vergessen, wieder ganz wohlgemuth dasaß! Auf dem Gange zu ihm hatte ich Brigitten begegnet, die feuerroth vor mir geworden war. Ihn fand ich wie einen Zauberer, über dem Buche Tobias brüten. Er war ein weitläuftiger Verwandter von Heiligenhahns, darum schonte ich ihn; ja ich gab ihm Taschengeld und Speise und Trank. In den folgenden Tagen sah ich ihn Würmer suchen und angeln am See, wo er alle Arten Fische, auch in weidenen Reußen fing. Die Fische schenkte er weg, und ich bekam erst eine Ahndung davon, wozu er sie fing, als ich eines Abends zu meinem offenen Fenster herein große Lamentation aus dem Garten vernahm, daß die Sperlinge ihm seine, auf Horden zum Trocknen und Dorren ausgestellte Lebern verzehrt! „Er will den Engel des Herrn von Heiligenhahn spielen und den Eheteufel Asmodi verräuchern“, sprach nach unauslöschlichem Gelächter mein Pastor. Er ist aber doch nicht rechtgläubig — er schreibt einem gewissen Fisch, also atheistisch und glaubenlos der Natur höhere Kraft zu, als dem Engel selbst und der Begehung des Opfers, weil er von allen erlangbaren Fischen die Leber nimmt, um die rechte ja dabei zu erwischen! Da können ja aber die andern das Rezept verderben! Es ist zum Lachen und Weinen: aber auch zum Trost: Denn die Verwirrung zeigt aller Dinge Ende an, vom Thurm zu Babel bis zur Schlacht bei Belle alliance; ja die Verwirrung ist schon die Verwesung; wenn dagegen eines lebendigen Baumes nackte Wurzeln sogar nicht in der feuchten Erde verfaulen!
Eins aber will ich denn doch gestehen, mußte ich meinem Pastor sagen; wenn ich eine Jungfrau wäre, und mir Sieben liebe schöne junge Männer vor dem Brautbette weggestorben wären, was ja möglich ist, so würde ich doch kopfscheu und brautbettscheu werden, und einen Achten, der mich verlangte, aus Liebe zu ihm und zu mir doch erst wohlmeinend zu den sieben Gräbern führen!
Das möchten Sie als zaghaftes Mädchen thun, sprach der Pastor. Aber wäre ich auf gut Pythagoräisch mit meinem Pastoral-Verstande der achte Bräutigam, so würde ich eine solche betrübte Siebenmännerwittwe gar nicht nehmen, als nunmehr mit Herzen und Gedanken unerwerbbar, darauf ihre siebenfach erschütterte Liebe und siebenfacher Tod liegt; aber getrost jede Andre; obgleich vielen jungen Bräuten und jungen Frauen die Männer wegsterben. Daß aber Einem oft geschieht, was allen tausendmal geschieht, das ist kein Wunder, kein Fluch, kein Bann — nur eine Art Conglomerat oder Cumulat — eine Anhäufung. Die ganze, und ganz triftige Ursache, daß es jetzt so viel Gläubige giebt, ist die: daß die Menschen jetzt von allerhand Verzweiflung und Schmach getrieben, so viele und schwere fromme Wünsche haben! Da sie ihnen Niemand realisirt, so realisiren sie sich sie selbst; wie der Dichter sein Gedicht abfaßt, drucken, mit Bildern versehen läßt, und mit Selbstgenüge und Frohlocken als fromme Scarteken in Städten und Dörfern vom durchfahrenden Wagen verliert. Aus Kinderaugen schaut auch die Mutterliebe heraus; was schaut aus unseren, aus den Augen des Volkes?
Meine rechtschaffene Mutter mußte mich aber darauf zu meiner Beschämung erst erinnern, doch dem alten Herrn von Hase sein voriges Wohnzimmer wiederzugeben! Das arme Häschen hatte kein Hochzeitkleid zu Afanasias Trauung, und hatte endlich eins zusammengenäht und aufgefärbt, das meine Mutter mit Erbarmen gesehen. Nun hatte sie auch nichts, gar nichts zu einem Hochzeitgeschenk für sich oder den Vater, da sie alles daran verwandt, dem Vater Güte zu thun. Meine rechtschaffene Mutter ließ ihr alles für sie und den Vater neu und prächtig aus der Stadt kommen; hatte ihr 100 helle Dukaten in den Strickbeutel gesteckt und sie damit zu ihrem in der Stille verweinten Geburtstage beschenkt, an welchem der Vater sich seinen Trauring vom Finger gezogen — und sie gebeten, die Augen zuzumachen, die Finger auszuspreizen und ihr den weiten Ring — auf Zuwachs — indessen auf den Daumen gesteckt. Der Mutter Geschenk aber schien sie gebeugt zu haben; sie schämte sich vor mir, und wenn ich vorüber ging, blieb sie mit niedergeschlagenen Augen und angehaltenem Athem stehen. Wie ungern erscheint die Schönheit doch arm... oder die Liebe. Nur eine Bitte wagte sie nach mehren Tagen an mich: sie brachte eine neue verschriebene Jagdflinte und bat mich, dem Vater für dieselbe seine alte liebe Jagdflinte aus nun meinem Gewehrschranke zu geben! — Wie thut doch angethanes Unrecht die Seele auf, und die Augen! Aber um mich nicht zu verrathen, gab ich ihr zwar die alte Flinte, aber nahm die neue dafür. Wer enträthselt die Lust selbst in bessern Menschen, andern schönen und gar so guten Menschen hart, schneidend hart zu sein? Mir war ganz wohl auf die That! Was ging in mir vor, als ihr die Thränen in den Augen standen? Wie verdrossen war ich, als sie mit Freuden davon eilte! Ich sah sie darauf im Kahn mit dem Vater, der wilde Enten schoß, die sie ehrlich ablieferte. Und auch die Enten ließ ich alle liegen, ohne ihr Eine wiederzugeben. Aber sie dankte sehr für die Freude, die der Vater wieder gehabt! Dann sah ich sie wieder mit ihrem heraufgesteckten Schürzchen und ihrem Töpfchen Milch über den Hof kommen.
Natürlich war ich diese Tage oft drüben in Schloß Westfrei; aber ich bat um das bewußte kleine a umsonst, auch nur um ein großes K, ein kleines u und ein ss von Arminia! Ich beschwerte mich bei Brigitten; ich befragte sie auch über den Engel Tobiä. — „Sie sind recht grausam, Armin!“ antwortete sie finster-bös. Armin nannte sie mich? Spricht sie im Traum? redet sie aus dem vertrauten Gespräch mit der Freundin?
Am Hochzeittage kam Brigitte in völligem Staat mit dem Vater in neuen Kleidern, um sich bei meiner rechtschaffenen Mutter zu bedanken. Sie war so schön, daß sie meine Mutter — vorsichtig, um sie nicht zu verderben, als ihre Schöpfung, an’s Herz drückte. Sie besah sie dann mit Freuden und Lob. Nur irgend ein Ring fehlte am Finger. Die Mutter langte ihr Ringfutteral herbei und bot es mir dar, um daraus der guten Tochter einen Ring an den Finger zu stecken. Brigitte mußte es geschehen lassen und bebte innerlich dabei, daß ihr die Finger sich leise regten.
Wir fuhren dann alle in’s Brauthaus, wo wir den Engel Tobiä obendrauf und mit innerer Ueberhobenheit über uns alle, als faiseur des Tages und der Nacht, der Hochzeitnacht, umhergehend fanden. Er stand Niemandem Rede. Der Zug zu Wasser in den rosenbekränzten Kirchkähnen war schön, über dem Wasser, und drunten. Freude und Sicherheit schaute aus aller Augen. Nur, vor der Thür meiner Kirche hatte die Braut den Trauring verloren. Ein oft sich erneuernder Fall, der aber allemal nur eine unaufmerksame, also zerstreute oder versonnene Braut beweiset, welche Eigenschaften die Leute der Braut dann für ihre immerwährende Eigenschaften annehmen, und ihr Unglück prophezeihen, ohne Recht oder Unrecht zu haben, wie in allen Glaubenssachen mit und ohne Aber; sagte Doctor Schleyerlöser den Tag nachher zu meiner rechtschaffenen Mutter.
Zur Hochzeit waren billig alle Bekannten, oft oder selten gesehenen Freunde und Nachbarn, auch die in der That sehr wohlerzogenen, herzensguten und außerordentlich wirthschaftlich vom Vater gerühmten Töchter, Schwestern von Rizzi. Nur eine Amazone — das vormalige Non plus ultra der Schöpfung für Herrn Barnabas Habakuk Gallus von Stifter — war dem Hochzeitvater auf ihrem Rosse unwillkommen, die junge Gräfin N... und er äußerte seinen Abscheu heimlich gegen uns; worauf ihm Herr von Stifter, heute höflich Recht gebend, sagte: „Die Männer verderben die Weiber und machen sie zu ihren Puppen und englischen Bereiterinnen sogar, nur zu ihrem nie laut aussprechbaren Vergnügen. Und in der That, das Roß ist für Frauen oder gar Mädchen nicht geboren, eher noch eine Jumarte, oder geradezu der wahre leibhafte einfache geduldige Esel. Querreiten — wie widersinnig! nach vorn zu geritten, aber zur Seite gesessen und gesehen! Und, nach dem technischen Ausdrucke, „à la fourchette“ reiten, ist eigentlich gotteslästerlich; und nicht à la fourchette reiten, zeigt doch klar: warum sie nicht à la fourchette reiten! Kurz jedenfalls ist ein reitendes Frauenzimmer blamiert, ausgenommen die Schamlose, bei Schamlosen.“ — So sprach er laut, ja vor Zuhörern.
Ich kenne Sie an ihren Worten nicht wieder! entgegnete Herr von Heiligenhahn.
Das macht, versetzte der schlauverstellte Herr von Stifter: Ich habe vier mannbare, richtiger: weibbare Söhne, und da sehe ich schon ihre Bräute vor Augen, und sehe sie reiten! Sehe aber zum Glück auch meine Hetzpeitsche, Herr Nachbar! Man lernt verständige Leute erst verstehen — wenn man die Jugend mit ihrer Lust ablegt und Andere an seine Stelle rücken sieht. Ich denke aber auch, daß meine Söhne wohl, sehr wohl, hochwohlerzogen sind — weil ich sie mit allen meinen bittersüßen tiefen und weiten Erfahrungen, zum ehemaligen vergessenen Gegentheil von mir, erzogen habe. Ich darf wahrscheinlich — deswegen — um nur Vier von Ihren Töchtern anhalten, und gestatten Sie meinen Söhnen ihren bekannten Weg zu machen: ob ihre Töchter sie leiden und lieben?
Schlag ein, Alter! Greif zu, Vater! sprach Herr von Rizzi! Vier Töchter auf einmal los zu werden, los vom Herzen! Das sollte mir Einer bieten!
Freilich vom Herzen! da liegen sie alle darauf! bestätigte ihm der Hochzeitvater. Ich hörte und sah das, und mußte alle die drei guten Väter ehren und lieb gewinnen. Der Postmeister nahm mich unter den Arm und führte mich zu Tische „zu Ihrer Arminia“ sagte er mir, und zu ihr: „ich bringe Ihnen Ihren Armin!“ Und so saß ich zwischen Arminia und ihrer Freundin Brigitte. Die Betretenheit der Braut Afanasia löste sich in einen Freudenschrei, als ihr der Engel Tobiä in einem verdeckten Becher ihren gefundenen Trauring überreichte. Zu Nacht sollte sogar getanzt werden, wozu aber keine Veranstaltung getroffen war. Die Herren Offiziere und Andere mit ihnen bestürmten den Hochzeitvater. Aber er sagte zum Herrn von Rheingraf und zu mir: Wenn Sie nach meinem gehörten Worte dennoch tanzen wollen, so überlaß’ ich Ihnen den Sonntagssaal; denn der Musiksaal ist den Fremden zur Nacht eingerichtet. Aber — wenn Sie bedenken, und wenn die Mädchen wüßten, wie schädlich ihnen das Tanzen ist, blos schon als das Leiblich-sich-hingeben an junge Männer in solcher nahen Berührung; wenn sie wüßten, wie mancher sich blos satt mit- und an ihnen tanzt — wie unberührbar sie Jedem sein und bleiben müßten, der sie heirathen soll, sie würden nicht so zum Tanz und im Tanz rasen. Aber leider wollen und müssen sich viele Mädchen selbst auch mit und an andern jungen Männern in so naher Berührung einmal doch — satt tanzen! Aber auch dieses Geheimniß ist nun offenbar worden; und dies üble Verhältniß hieße, wenn es ein Buch gewesen, jetzt gewiß auch desgleichen mit Recht „das entdeckte Tanzthum“ oder „der Tanz der Zukunft.“ Von Liebenden aber sagt die Schrift Göthe’s:
Die Herren Candidaten stimmten ihm bei. Die Herren Referendäre blieben stumm; die Herren Postsecretaire aber vermittelten die Sache mit den Herren Offizieren dahin, daß doch Brautpolonaise und Menuett getanzt werde. Und das geschahe denn überraschend neu, nach der Orgel im Saal, wozu „der Engel“ die Bälge trat. Braut und Bräutigam erharrten so Mitternacht.
Vor ihnen aber entwich schon der Engel, gewiß in die Brautkammer... dem Bräutigam den Tod zu verbannen.
Denn nach einiger Zeit verbreitete sich im ganzen Schloß ein auffälliger unerhörter Geruch, (da ein ungerochner Geruch zu sagen nicht üblich ist, auch wir ihn alle riechen mußten!) Uns Eingeweihten war kein Zweifel, daß der Engel unfehlbar mit dem Räucherpulver betrogen worden sei! Es entstand nach und nach ein kaum mehr zu unterdrückendes Gelächter, blos über den uneinathmenbaren pestilenzialischen Geruch. Viele Damen bissen sich bald die Zunge weg, oder in die gestickten Taschentücher; selbst meine rechtschaffene Mutter beklagte sich vor Lachen über Stiche im Magen; allen stand das Wasser in den Augen, und glücklich der, der in einem Winkel, hinter einer Thür, einem Vorhang oder dem Rücken eines andern das Gelächter einmal ausschütten konnte. Dann hielten sie sich die Seiten und weinten noch. Und wenn der Tod darauf gestanden hätte, da war kein Verhehlen mehr! Die Hunde, die sich hereingeschlichen, wurden pro forma hinausgepfiffen, selbst das Reh ward hinaustransportirt: zum Schein wurden in Wahrheit alle Lampen revidirt; Fenster aufgemacht, Thüren zugeschlossen; von den Bedienten auf glühenden eleganten Schäufelchen mit Eau d’une million de fleures geräuchert — alles umsonst! nur erst recht zum Todtlachen — wir mußten scheiden. Es geschah grandement und mit Anstand. Doch geschah’ es. Einige Töchter waren roth, Brigitte außer sich. Der entschieden Heiterste und Gehaltenste von allen war Sangallo. Ich verdenke Ihnen nichts! sprach er; und wenn Dergleichen einmal durch einen Mephistopheles von Kometen auf Erden geschieht, so läuft die ganze Menschheit davon — und der große Hochzeitvater bleibt allein. Bedauern sie ihn — und vor der Hand mich. Auf Wiedersehen!
Der Postmeister bot uns eine Dose, und wünschte uns eine gute — Nase, am liebsten gar keine. Ich lachte noch im Bett, daß ich keinen Athem hatte. Der arme Bräutigam! die arme Braut!