WeRead Powered by ReaderPub
Adams Tagebuch, und andere Erzählungen cover

Adams Tagebuch, und andere Erzählungen

Chapter 14: I.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

A comic first-person journal records the observations of a solitary narrator who discovers and lives with a talkative new creature that names surroundings, changes daily routines, and introduces puzzling customs. The narrator alternates between irritation and curiosity while describing outdoor exploits, domestic adjustments, and the small miscommunications that arise from different habits. The collection pairs this central diary with several short humorous sketches and anecdotes that extend its themes through satirical travel tales, social observation, and whimsical storytelling, all delivered in concise, ironic prose.

Die Appetit-Anstalt.

I.

Das Etablissement heißt Hochberghaus. Es liegt in Böhmen, eine kleine Tagereise von Wien und da es zum österreichischen Kaiserreich gehört, so ist es natürlich eine Kuranstalt. Das Reich besteht aus lauter Kurorten; es versorgt die ganze Welt mit Gesundheit. Die Quellen sind alle medizinisch. Ihr Wasser wird auf Flaschen gefüllt und über die ganze Erde versandt; die Einheimischen selbst trinken Bier. Dies sieht aus wie Aufopferung – aber Ausländer, die einmal Wiener Bier getrunken haben, sind anderer Meinung darüber. Besonders wenn es jenes Pilsener war, das man in einem kleinen Keller in einem dunklen Hintergäßchen im ersten Bezirk bekommt – der Name ist mir entfallen, aber das Lokal ist leicht zu finden: man frage nach der Griechischen Kirche; hat man sie gefunden, so gehe man rechter Hand gerade aus – das nächste Haus ist die kleine Bierschänke. Sie liegt fern von allem Verkehr und Lärm; hier ist ewiger Sonntag. Die Wirtschaft besteht aus zwei kleinen Zimmern mit niedrigen Decken, die von mächtigen Gewölbepfeilern getragen werden; Gewölbe und Pfeiler sind weiß getüncht, sonst könnte man die Räume für Kerkerzellen im Donjon einer Bastille halten. Die Einrichtung ist einfach und billig, Schmuck fehlt gänzlich – und doch ist hier ein Himmel für die aufopferungsvollen Biertrinker, denn das Bier ist unvergleichlich – wirklich, es giebt seinesgleichen nicht auf der ganzen Welt! Im ersten Zimmer wird man zwölf bis fünfzehn Damen und Herren von bürgerlichem Stande finden, im zweiten ein Dutzend Generäle und Botschafter. Man kann viele Monate in Wien leben, ohne von diesem Ort zu hören. Aber hat man einmal davon gehört und seine Reize erprobt – so wird man der Kneipe als Stammgast verfallen sein.

Indessen, dies alles sage ich nur so nebenbei – es ist nur eine flüchtige Bemerkung zum Zeichen der Dankbarkeit für genossenes Glück; mit meinem Aufsatz hat es nichts zu thun. Mein Aufsatz betrifft Kurorte. Alle ungesunden Leute sollten ihren Wohnsitz in Wien aufschlagen und von dieser Basis auf von Zeit zu Zeit nach den umliegenden Kurorten, je nach Bedürfnis, Ausflüge machen: einen Ausflug nach Marienbad, um das Fett loszuwerden; einen Ausflug nach Karlsbad, um den Rheumatismus loszuwerden; einen Ausflug nach Kaltenleutgeben, um die Wasserkur zu gebrauchen und alle übrigen Krankheiten loszuwerden. ’s ist alles so bequem zur Hand. Man kann in Wien stehen und einen Zwieback nach Kaltenleutgeben hineinwerfen; man braucht bloß eine Dreißigzentimeterkanone dazu. Man kann zu jeder Tageszeit dorthin eilen; man fährt mit phänomenal langsamen Zügen und braucht trotzdem kaum eine Stunde und ist dem Dunst und der Hitze der Stadt entronnen und hat dafür waldige Berge und schattige Waldwege und weiche kühle Lüfte und Vogelmusik und Ruhe und Frieden eines Paradieses.

Und man hat noch eine Masse anderer Kurorte zur Verfügung, die man bequem von Wien aus erreichen kann – lauter reizende Plätzchen; Wien liegt im Mittelpunkt einer schönen Welt von Bergen, wo hier und da ein See und Wälder sich finden; in der That, keine andere Großstadt ist so glücklich gelegen.

Es ist, wie ich schon sagte, Ueberfluß an Kurorten vorhanden. Zu diesen gehört Hochberghaus. Es liegt einsam auf dem Gipfel eines dichtbewaldeten Berges und ist ein Gebäude von bedeutender Größe. Es nennt sich die Appetit-Anstalt, und Leute, die ihren Appetit verloren haben, kommen hierher um ihn sich wieder herstellen zu lassen. Als ich ankam, nahm Professor Haimberger mich mit sich in sein Sprechzimmer und fragte:

»Es ist sechs Uhr; wann aßen Sie zuletzt?«

»Um zwölf.«

»Was aßen Sie?«

»Beinahe gar nichts.«

»Was war auf dem Tisch?«

»Die üblichen Sachen.«

»Rippchen, Hühner, Gemüse u. s. w.?«

»Ja. Aber sprechen Sie nicht davon – ich kann’s nicht vertragen.«

»Sind Sie der Sachen überdrüssig?«

»O, über alle Maßen. Ich möchte, ich hörte niemals wieder was davon.«

»Der bloße Anblick von Essen beleidigt Sie, nicht wahr?«

»Mehr als das, er empört mich.«

Der Doktor dachte eine Weile nach; dann zog er eine lange Speisekarte hervor und ließ langsam sein Auge daran heruntergleiten.

»Ich denke,« sagte er dann, »was Sie essen müssen, ist … aber hier, suchen Sie sich selber was aus!«

Ich warf einen Blick auf die Liste, und mein Magen schlug einen Purzelbaum. Von allen barbarischen Gelagen, die jemals ausgesonnen wurden, war dieses das gräßlichste. Ganz oben stand:

›Kutteln, zäh, halbgar, halbverfault, mit Knoblauch angemacht‹; halbwegs die Karte hinunter las ich: ›Junge Katze; alte Katze; Katzenklein‹ und ganz unten stand: ›Matrosenstiefel, mit Talg weich gemacht – roh aufgetragen.‹ Die großen Zwischenräume der Speisekarte wiesen Gerichte auf, die darauf berechnet waren, einem Kannibalen die Kehle zuzuschnüren. Ich sagte:

»Herr Doktor, es ist nicht angebracht, mit einem so ernsten Fall, wie der meinige ist, seinen Scherz zu treiben. Ich kam hierher, um Appetit zu kriegen, nicht um das bißchen, was ich noch davon übrig habe, loszuwerden.«

Er sagte ernst: »Ich scherze nicht; warum sollte ich scherzen?«

»Aber ich kann solche Greuel nicht essen.«

»Warum nicht?«

Er sagte das mit einer Unbefangenheit, die jedenfalls bewunderungswürdig war, mochte sie nun echt oder nur gut gespielt sein.

»Warum nicht? Weil – ja, Herr Doktor, seit Monaten habe ich selten einmal andere feste Nahrung verdauen können als Rühreier und Eierkuchen. Ihre unaussprechlichen Gerichte …«

»O, Sie werden Sie mit der Zeit sogar gerne essen. Sie sind sehr gut. Und Sie müssen sie essen. Das ist eine Vorschrift hier, und zwar eine strenge. Ich kann durchaus nicht erlauben, daß davon abgegangen wird.«

Ich sagte lächelnd: »Nun, dann Herr Doktor werden Sie den Abgang des Patienten zu erlauben haben. Ich reise.«

Er sah betroffen aus und sagte in einem Ton, der der Sache ein anderes Aussehen gab:

»Ich bin gewiß, Sie werden mir ein solches Unrecht nicht anthun. Ich habe Sie in gutem Glauben aufgenommen – Sie werden dieses Vertrauen nicht zu Schanden machen. Diese Appetit-Anstalt ist meine ganze Existenz. Wenn Sie fortgingen mit dem Appetit, wie Sie ihn jetzt haben, so könnte das bekannt werden und Sie sehen selber ein, daß dann die Leute sagen würden, wenn meine Kur in Ihrem Fall fehlgeschlagen hätte, so könnte sie auch in anderen Fällen fehlschlagen. Sie werden nicht fortgehen; Sie werden mir das nicht anthun!«

Ich bat um Entschuldigung und sagte, ich wollte bleiben.

»Das ist recht! Ich war sicher, Sie würden nicht gehen; Sie hätten damit meiner Familie das Essen vor dem Munde weggenommen.«

»Würde die sich was daraus machen? Ißt sie denn diesen verteufelten Kram?«

»Sie? Meine Familie?« Seine Augen waren voll freundlichen Erstaunens. »Natürlich nicht.«

»O, also nicht! Und Sie?«

»Ganz gewiß nicht.«

»Ich verstehe; ’s ist wieder ’mal der Fall des Arztes, der seine eigene Medizin nicht nimmt.«

»Ich brauch’ es nicht … Es ist sechs Stunden her, daß Sie gefrühstückt haben. Wollen Sie Ihr Abendessen jetzt haben – oder später?«

»Ich bin nicht hungrig, aber ›jetzt‹ ist ebenso gut wie sonst ’ne Zeit und es wäre mir lieb, wenn ich damit fertig wäre und es vom Halse hätte. Es ist so ziemlich meine gewohnte Stunde, und Regelmäßigkeit wird von allen ärztlichen Autoritäten empfohlen. Ja, ich will versuchen, jetzt ein bißchen zu knabbern – ein kleiner Spazierritt wäre mir lieber gewesen.«

Der Professor reichte mir das abscheuliche ›Menu‹.

»Suchen Sie sich selber was aus – oder wollen Sie es später haben?«

»O, du lieber Gott! Weisen Sie mir mein Zimmer an. Ich vergaß Ihre strenge Vorschrift.«

»Warten Sie noch einen Augenblick, ehe Sie sich endgiltig entscheiden. Es ist noch eine andere Vorschrift da: Wenn Sie jetzt etwas wählen, wird Ihre Bestellung sofort ausgeführt werden; wenn Sie aber warten, so müssen Sie warten bis es mir beliebt. Sie können von der ganzen Speisekarte kein Gericht ohne meine Einwilligung bekommen.«

»Schon recht. Zeigen Sie mir mein Zimmer und schicken Sie die Köchin zu Bett; ich habe es ganz und gar nicht eilig.«

Der Professor führte mich eine Treppe hinauf und brachte mich in eine sehr einladende und behagliche Wohnung, bestehend aus Wohnzimmer, Schlafstube und Baderaum.

Die Vorderfenster gewährten eine weite Aussicht über grüne Lichtungen und Thäler, über waldbedeckte Hügelkuppen – eine vornehme Einsamkeit, unberührt von der Qual der lärmenden Welt. Im Wohnzimmer waren eine Anzahl Gestelle voller Bücher. Der Professor sagte, er wolle mich jetzt mir selber überlassen; dann fuhr er fort:

»Rauchen und lesen Sie soviel Sie mögen, trinken Sie soviel Wasser, wie Sie Lust haben. Wenn Sie Hunger bekommen, so klingeln Sie und bestellen Sie was und ich werde entscheiden, ob Sie es bekommen dürfen oder nicht. Ihr Zustand ist ein hartnäckiger böser Fall und ich denke die ersten vierzehn Gerichte, die auf der Karte stehen, sind ohne Ausnahme nicht stark genug für die Verhältnisse. Ich bitte Sie um die Gefälligkeit, sich einzuschränken und keins von ihnen zu bestellen.«

»Mich einschränken – sagten Sie nicht so? Seien Sie darum ohne Sorgen. Bei mir werden Sie Geld sparen! Der Gedanke, eines kranken Mannes verlorenen Appetit mit solchem Raubvogelfraß zurückschmeicheln zu wollen ist heller Wahnsinn!«

Ich sagte dies voll Bitterkeit, denn es brachte mich außer mir, daß er so ruhig und kalt von seinen herzlosen neuen Mordmethoden sprach. Der Doktor sah mich bekümmert, aber nicht beleidigt an. Er legte die Speisekarte auf das Nachttischchen, das am Kopfende meines Bettes stand, ›so daß es bequem zur Hand sein möchte‹ und sagte:

»Ihr Fall ist durchaus nicht der schwerste, der mir bis jetzt vorgekommen ist; aber immerhin ist er schlimm und erfordert kräftige Behandlung; ich werde Ihnen deshalb verbunden sein, wenn Sie die Selbstbeherrschung üben, die ersten vierzehn zu überschlagen und erst von Nr. 15 an zu beginnen.«

Hierauf ging er, und ich fing sofort an mich auszuziehen, denn ich war hundemüde und sehr schläfrig. Ich schlief fünfzehn Stunden und wachte am nächsten Morgen um zehn herrlich erquickt auf. Wiener Kaffee! Das war das erste, woran ich dachte – dieser unerreichbare Wonnetrank, dieser prachtvolle Kaffeehauskaffee, mit dem verglichen aller andere europäische Kaffee und aller amerikanische Hotelkaffee bloß eine flüssige Armseligkeit ist. Ich klingelte und bestellte welchen; auch Wiener Brot dazu – diese köstliche Erfindung. Der Aufwärter sprach mit mir durch das Schiebefenster in der Thür und sagte – aber man weiß schon, was er sagte. Er verwies mich auf die Speisekarte. Ich gestattete ihm zu gehen – ich hätte ihn nicht weiter nötig.

Nach dem Bade zog ich mich an und gedachte einen Spaziergang zu machen – und kam bis an die Thür. Sie war von außen verschlossen. Ich klingelte und der Diener kam und setzte mir auseinander, das sei wieder eine andere Vorschrift. Der Patient müsse eingeschlossen bleiben, bis er die erste Mahlzeit eingenommen habe. Es war mir vorher am Ausgehen nicht übermäßig viel gelegen gewesen; aber nun war es etwas anderes! Ein Mensch, der eingeschlossen ist, wünscht immer dringend, auszugehen. Bald begann ich es schwierig zu finden, die Zeit totzuschlagen. Um zwei Uhr war ich sechsundzwanzig Stunden ohne Nahrung gewesen. Eine Zeitlang war ich immer hungriger geworden; jetzt merkte ich, daß ich nicht nur Hunger hatte, sondern daß mein Hunger sogar mit einem sehr kräftigen Adjektiv bezeichnet werden mußte. Indessen war ich doch nicht hungrig genug, um es mit der Speisekarte aufnehmen zu können.

Ich mußte mir irgendwie die Zeit vertreiben. Ich dachte an Lesen und Rauchen. Ich that es; Stunde auf Stunde. Die Bücher waren alle von derselben Art: von Schiffbrüchen; von Menschen, die sich in Wüsten verirrt hatten; von Leuten, die in verschüttete Bergwerksschächte eingeschlossen waren; von Leuten, die in belagerten Städten verhungert waren. Ich las von allen ekelerregenden Speisen, womit jemals hungerleidende Menschen ihre Gier nach Essen gestillt haben. Während der ersten Stunden machten diese Geschichten mir übel; dann folgten Stunden, wo sie nicht mehr solchen Eindruck auf mich machten; dann kamen Stunden, wo ich mich ab und zu darüber ertappte, daß ich bei der Beschreibung irgend welcher leidlich höllenmäßigen Gerichte mit den Lippen schmatzte. Als ich fünfundvierzig Stunden lang ohne Essen gewesen war, lief ich munter an die Klingel und bestellte das zweite Gericht auf der Speisekarte: eine Art Knödel mit Füllungen von Kaviar und Theer.

Es wurde mir verweigert. Während der nächsten fünfzehn Stunden machte ich alle Augenblicke ’mal einen Besuch bei der Klingel und bestellte ein Gericht, das weiter unten auf der Karte stand. Immer wieder abgeschlagen! Aber ich überwand stracks ein Vorurteil nach dem andern; ich machte sichere Fortschritte; ich kroch mit tödlicher Sicherheit näher an Nr. 15 heran, und mein Herz schlug schneller und schneller, meine Hoffnungen stiegen höher und höher.

Schließlich, als seit sechzig Stunden keine Nahrung über meine Lippen gekommen war – da war der Sieg mein und ich bestellte Nr. 15:

»Weich gekochte Kücken, fertig zum Auskriechen – mit den Eiern; sechs Dutzend, heiß und duftig!«

In fünfzehn Minuten waren sie da; und mit ihnen kam, vor Freude sich die Hände reibend, der Doktor. Er sagte in großer Erregung:

»Das ist ’ne Kur! Das ist ’ne Kur! Ich wußte, sie würde mir gelingen. Lieber Herr, mein großes System schlägt niemals fehl – niemals! Sie haben Ihren Appetit wieder – Sie wissen, Sie haben ihn; sagen Sie’s und machen Sie mich glücklich!«

»Her mit Ihrem Fraß! Ich kann alles essen, was auf der Speisekarte steht!«

»O, das ist edel, das ist prächtig! Aber ich wußte, es gelänge mir; das System ist unfehlbar. Wie sind die Vögel?«

»So was Köstliches war noch niemals auf der Welt – und doch mache ich mir sonst im allgemeinen nicht viel aus Geflügel. Aber unterbrechen Sie mich nicht, bitte! Ich kann meinen Mund nicht entbehren, wirklich, ich kann’s nicht.«

Da sagte der Doktor:

»Die Kur ist vollständig. Da ist kein Zweifel mehr dran und keine Gefahr mehr vorhanden. Lassen Sie das Geflügel stehen; jetzt kann ich Ihnen ein Beefsteak anvertrauen.«

Das Beefsteak kam – ein ganzer Korb voll – mit Kartoffeln, und Wiener Brot und Kaffee; und dann hielt ich eine Mahlzeit, die all meiner umständlichen Vorbereitungen wert war! Und Thränen der Dankbarkeit troffen mir die ganze Zeit über die Sauce hinein – Dankbarkeit gegenüber dem Doktor, daß er mir ein kleines bißchen einfachen gesunden Menschenverstandes eingetrichtert hatte, der so viele, viele Jahre mir gefehlt hatte.

II.

Vor dreißig Jahren machte Haimberger eine lange Reise in einem Segelschiff. An Bord waren fünfzehn Passagiere. Die Kost wies die übliche tagtägliche Einförmigkeit auf: Um 7 Uhr früh eine Tasse schlechten Kaffee im Bett; um 9 Frühstück: schlechter Kaffee mit kondensierter Milch, dumpfige Brötchen, Wasserzwiebäckchen, gesalzener Fisch. Um 1 Uhr Gabelfrühstück: kalte Zunge, kalter Schinken, kaltes Pökelfleisch, dumpfige kalte Brötchen, Wasserzwiebäckchen; um 5 Hauptmahlzeit: dicke Erbsensuppe, gesalzener Fisch, warmes Pökelfleisch mit Sauerkraut, gekochtes Schweinefleisch mit Bohnen, Pudding; von 9 bis 11 Abendessen: Thee mit kondensierter Milch, kalte Zunge, kalter Schinken, Pfeffergurken, Schiffszwieback, marinierte Austern, marinierte Schweinsfüße, geröstete Rippchen.

Als das Ende der ersten Woche herankam, hatte man aufgehört zu essen; statt dessen wurde nur an den Speisen herumgepickt. Die Passagiere kamen freilich zu Tische, aber dies thaten sie teils um die Zeit hinzubringen, teils weil die Weisheit der Menschengeschlechter uns anempfiehlt, regelmäßig in unseren Mahlzeiten zu sein. Sie waren der derben und einförmigen Kost leid, hatten kein Interesse daran, keinen Appetit darauf. Den lieben langen Tag lungerten sie auf dem Schiff herum: halb hungrig, von ihrem knurrenden Magen gequält, verdrießlich, mundfaul, elend. Drei von ihnen waren ausgemachte Magenkranke; diese wurden im Lauf von drei Wochen zu reinen Schatten. Dann war da noch ein bettlägeriger Invalide; der lebte von gekochtem Reis; er konnte nicht einmal den Anblick der gewöhnlichen Speisen vertragen.

Auf einmal ging das Schiff unter; Passagiere und Mannschaft retteten sich in offenen Boten. Wie üblich waren die Nahrungsmittel knapp. Die Vorräte wurden gering und immer geringer. Da besserten sich die Appetite. Als nichts mehr übrig war außer rohem Schinken und als die tägliche Ration davon auf 55 Gramm für die Person herunterkam, da waren die Appetite vorzüglich. Nach Verlauf von 14 Tagen kauten die Magenleidenden, der Invalide und die zartestbesaiteten Damen der Gesellschaft voll Wonne an alten Matrosenstiefeln und beklagten sich über dies Essen bloß, weil es so wenig davon gab. Und das waren dieselben Leute, die auf dem Schiff das ewige Pökelfleisch und das Sauerkraut und die anderen Unverdaulichkeiten nicht hatten ausstehen können!

Ein englisches Schiff errettete sie aus ihrer Not. Binnen zehn Tagen waren alle fünfzehn in so guter Verfassung, wie an dem Tage, da sie schiffbrüchig wurden.

»Sie hatten von ihrem Abenteuer keinen Schaden genommen,« fügte der Professor hinzu. »Verstehen Sie, was das sagen will?«

»Ja.«

»Verstehen Sie’s wirklich?«

»Ja – ich glaube doch.«

»Nein, Sie verstehen es nicht. Sie zögern. Sie können sich nicht zum Verständnis der Bedeutung aufschwingen. Ich will es noch einmal sagen – mit besonderer Betonung: Nicht ein einziger von ihnen erlitt irgend welchen Schaden.«

»Nun beginne ich zu verstehen. Ja, das war in der That merkwürdig.«

»Ganz und gar nicht. Es war vollkommen natürlich. Es war gar kein Grund vorhanden, warum sie Schaden nehmen sollten. Sie hatten die Appetitskur der Mutter Natur durchgemacht – die beste und weiseste Kur auf der Welt.«

»Brachte dieses Erlebnis Sie auf Ihre Idee?«

»Ja, es brachte mich darauf.«

»Es war für die Leute eine wertvolle Lehre.«

»Warum meinen Sie das?«

»Nun, ganz einfach: Es scheint doch, daß es für Sie eine solche war.«

»Darum handelt es sich hier nicht. Ich bin kein Narr!«

»Ich verstehe. Waren die anderen Narren?«

»Sie waren Menschen.«

»Ist das dasselbe?«

»Warum fragen Sie? Sie wissen es selbst. In Bezug auf seine Gesundheit – und auf alles übrige – ist der Durchschnittsmensch das Produkt seiner Umgebung und seiner abergläubischen Vorurteile; das Endergebnis ist: er wird ein Esel. Er kann nicht drei oder vier für ihn neue Umstände sich zusammenreimen und einen Schluß daraus ziehen; das geht über seine Kräfte. Er kann nicht selbst Beobachtungen machen, er muß alles aus zweiter Hand beziehen. Wenn die fälschlich so benannten niederen Tiere so albern wären wie der Mensch – sie wären alle binnen einem Jahr vom Erdboden verschwunden.«

»Diese Passagiere ließen sich’s also nicht zur Lehre dienen?«

»Keine Ahnung! Sie gingen auf dem englischen Schiff wieder zu ihren regelmäßigen Mahlzeiten und sehr bald pickten sie wieder anstatt zu essen – appetitlos, von den Speisen angeekelt, verdrießlich, elend, halbhungrig, den ganzen Tag auf ihre mißhandelten Mägen fluchend und schimpfend und dabei winselnd und wehklagend. Und das alles ganz überflüssigerweise, denn ihre Mägen waren die Mägen von Narrenvolk.«

»So ist also, wenn ich Sie recht verstehe, Ihr Verfahren …«

»Ganz einfach: Essen Sie nichts bevor Sie hungrig sind! Wenn das Essen Ihnen nicht mehr schmeckt, Ihnen keine Befriedigung, kein Vergnügen, kein Behagen mehr gewährt, so essen Sie nicht eher, als bis Sie sehr hungrig sind. Dann wird es Ihnen Vergnügen machen und außerdem gut thun.«

»Und habe ich keine regelmäßigen Stunden für die Mahlzeiten einzuhalten?«

»So lange Sie mit einem schlechten Appetit zu kämpfen haben – nein! Haben Sie den Feind untergekriegt, so ist Regelmäßigkeit nicht von Uebel, d. h. so lange der Appetit gut bleibt. Sobald er wieder ins Schwanken gerät, greifen Sie wieder zum Heilmittel – und dieses ist: Hungern – lange oder kurze Zeit je nach dem Erfordernis des einzelnen Falles.«

»Die beste Kost, scheint mir – ich meine die gesündeste …«

»Jede Kost ist gesund. Die eine ist gesunder als die andere – aber alle gewöhnlichen Gerichte sind gesund genug für die Leute, die darauf angewiesen sind. Mag eine Kost fein oder derb sein, sie wird gut schmecken und nahrhaft sein, wenn man auf seinen Appetit acht giebt und jedesmal, wenn er schwächer wird, ein kleines Fasten einschiebt. Nansen war an feine Kost gewöhnt, aber als monatelang seine Mahlzeiten nur auf Bärenfleisch beschränkt waren, da machte ihm das weder Schaden an der Gesundheit noch Unbehagen, weil sein Appetit infolge der Schwierigkeit, sich das Bärenfleisch regelmäßig zu beschaffen, in gutem Stande gehalten wurde.«

»Aber Aerzte entwerfen sorgfältig überdachte und auserlesene Zusammenstellungen von Speisen für Kränkliche.«

»Sie können’s nicht anders. Der Patient ist voll von ererbten Vorurteilen und hungert nicht aus freien Stücken. Er denkt, das würde ihn ganz bestimmt ins Grab bringen.«

»Es würde ihn aber doch schwach machen, nicht wahr?«

»Aber ohne Gefahr. Nehmen Sie die Kranken unter unseren Schiffbrüchigen. Sie lebten vierzehn Tage lang von ein paar Schnipfeln rohen Schinkens, lutschten ’mal an einem Matrosenstiefel und hungerten die ganze Zeit. Es machte sie schwach, aber es that ihnen nichts. Es brachte sie in eine gute Verfassung, so daß sie von einer herzhaften Kost herzhaft essen konnten; sie gewannen dadurch die Grundlage für eine kräftige Gesundheit. Aber sie waren nicht verständig genug, sich’s zu nutze zu machen, sie ließen die Gelegenheit vorübergehen, sie blieben kränklich – es geschah ihnen recht! Kennen Sie den Kniff aller Badeärzte?«

»Worin besteht er?«

»Es ist mein System in einer Verkleidung – verschleiertes Hungern. Traubenkur, Brunnenkur, Moorbadekur – ’s ist alles dasselbe. Die Trauben, der Brunnen, das Moorbad – sie geben der Sache einen Anstrich und helfen auch ein bißchen, die Hauptarbeit aber macht das Hungern, wovon der Patient nichts weiß. Einer ist an vier Mahlzeiten gewöhnt und zwar zu späten Stunden, an den beiden Enden seines Tages – nun sehen Sie sich ’mal an, was er in einem Kurort zu thun hat: Er steht auf um sechs Uhr in der Frühe. Ißt ein Ei. Trampelt zwei Stunden lang mit den anderen Narren einen Spazierweg auf und nieder. Ißt einen Schmetterling. Schlürft ein Glas von einem gefilterten Gesöff, das wie Raubvogelatem riecht. Spaziert nochmals zwei Stunden, aber allein; wenn man ihn anredet, sagt er ängstlich: ›Mein Brunnen! – Ich bin dabei, meinen Brunnen abzulaufen; bitte, stören Sie mich nicht!‹ – und stapft weiter. Ißt ein gezuckertes Rosenblatt. Ruht sich stundenlang in der Stille und Einsamkeit seines Zimmers; darf nicht lesen, darf nicht rauchen. Nun kommt der Doktor und befühlt sein Herz, seinen Puls, und beklopft seine Brust und seinen Rücken und seinen Magen und horcht mit einem Kindertrompetchen darauf herum. Dann befiehlt er des Patienten Bad: ›einen halben Grad Réaumur kälter als gestern.‹ Nach dem Bade wieder ein Ei. Ein Glas Gesöff um drei oder vier Uhr nachmittags, und feierliche Promenade mit den anderen Krüppeln. Diner um sechs: ein halbes Spätzle und eine Tasse Thee. Wieder Spazierengehen. Um halbneun Abendessen: noch einen Schmetterling. Um neun zu Bett. Dieses ›Regime‹ sechs Wochen lang – denken Sie sich’s mal aus. Es hungert einen Menschen aus und bringt ihn in eine prachtvolle Verfassung. Es hätte dieselbe Wirkung in London, New York, Jericho – überall.«

»Wie lange dauert es hier bei Ihnen, bis eine Person wieder in guter Verfassung ist?«

»Es sollte nur einen oder zwei Tage erfordern; thatsächlich dauert es aber eine bis sechs Wochen; je nach dem Charakter und der Geistesanlage der Patienten.«

»Wie kommt das?«

»Sehen Sie dahinten die Schar von Damen, die Fußball spielen, boxen und über die Zäune springen? Sie sind sechs oder sieben Wochen hier gewesen. Sie waren mickrige arme Gespenstergestalten, als sie kamen. Gewohnheitsmäßig nibbelten sie viermal täglich zu festgesetzten Stunden an Leckereien und Delikatessen und hatten Appetit auf gar nichts. Ich fragte sie aus und schloß sie darauf in ihre Zimmer ein, um zu hungern – die schwächsten für neun oder zehn Stunden, die anderen für zwölf bis fünfzehn. Es dauerte nicht lange, so begannen sie zu betteln; und sie litten in der That beträchtlich. Sie jammerten über Uebelkeit, Kopfschmerzen u. s. w. Aber dann hätten Sie sie sollen essen sehen, als die Zeit um war! Sie konnten sich nicht erinnern, daß ihnen jemals das Verzehren einer Mahlzeit ein solches Entzücken bereitet hätte – so drückten sie sich wörtlich aus. Damit hätte denn nun ihre Kur zu Ende sein sollen – aber nein! Sie konnten nach Belieben an jeder Mahlzeit meines Hauses teilnehmen und sie wählten ihre gewohnten vier. Nach einem oder zwei Tagen hatte ich einzuschreiten. Der Appetit nahm wieder ab. Ich ließ sie eine Mahlzeit überschlagen. Das brachte sie wieder auf den Damm. Dann fingen sie wieder mit ihren vier Mahlzeiten an. Ich bat sie, sie möchten doch lernen, von selber eine zu überschlagen, ohne auf mich zu warten. Bis vor vierzehn Tagen konnten sie das nicht; sie hatten wirklich dazu nicht Mut genug; aber schließlich brachten sie’s doch dazu und jetzt denke ich, sie sind in Sicherheit. Sie überschlagen alle Augenblicke einmal aus eigenem Antrieb eine Mahlzeit. Sie sind jetzt prächtig bei Gesundheit und ich glaube, sie könnten ruhig nach Hause reisen, aber sie haben noch kein vollkommenes Vertrauen zu sich selber und deshalb warten sie noch eine Weile.«

»Giebt es auch andere Fälle verschiedener Natur?«

»O ja. Zuweilen lernt einer die ganze Kunst in einer Woche – lernt seinen Appetit zu regulieren und dadurch in vorzüglicher Ordnung zu halten – lernt häufig einmal eine Mahlzeit zu überschlagen, ohne sich was daraus zu machen.«

»Aber warum muß man eine ganze Mahlzeit überschlagen? Warum läßt man nicht einen Teil weg?«

»Das wäre ein schwächliches Verfahren und ein unzulängliches! Wenn der Magen nicht kräftig nach Nahrung verlangt – sozusagen darnach schreit – so ist es besser, ihn nicht zu belästigen, sondern ihm eine wirkliche Ruhe zu gönnen. Es giebt Menschen, die mehr essen können als andere und dabei doch gedeihen. Es giebt allerhand Sorten von Menschen und allerhand Sorten von Appetiten. Ich werde Ihnen nachher einen Herrn vorstellen, der sich’s angewöhnt hatte, täglich an acht Mahlzeiten herumzunibbeln. Das waren für die ihm eigentümliche Art von Appetit zwei zu viel. Ich habe ihn auf täglich sechs heruntergebracht und er ist wohl und munter und freut sich seines Lebens … Wieviele Mahlzeiten halten Sie jeden Tag?«

»Früher – zweiundzwanzig Jahre lang – anderthalb; während der beiden letzten Jahre zwei und eine halbe: Kaffee und ein Brötchen um neun; Frühstück um eins, Hauptmahlzeit um halb acht oder acht.«

»Früher ein und eine halbe Mahlzeit – das heißt: Kaffee und ein Brötchen um neun, Hauptmahlzeit abends, zwischendurch nichts – ist’s nicht so?«

»Ja.«

»Warum fügten Sie eine Mahlzeit hinzu?«

»Meine Familie hatte den Gedanken. Sie waren besorgt um mich. Sie dachten, ich brächte mich selber ins Grab.«

»Sie fanden die ganzen zweiundzwanzig Jahre lang anderthalb Mahlzeiten genug?«

»Vollkommen!«

»An Ihrem gegenwärtigen jämmerlichen Zustand ist die Extramahlzeit schuld. Lassen Sie sie aus. Sie versuchen öfter zu essen als Ihr Magen es verlangt. Sie gewinnen dabei nichts, Sie verlieren. Sie nehmen jetzt in einem Tage bei zwei und einer halben Mahlzeit weniger Nahrung zu sich als früher in anderthalb.«

»Das stimmt – bedeutend weniger; denn in jenen alten Tagen war meine Hauptmahlzeit ein recht umfangreiches Ding.«

»Setzen Sie sich jetzt für ein paar Tage auf eine einzige Mahlzeit: abends, bis Sie eines guten, gesunden, regelmäßigen, vertrauenswerten Appetits sicher sind, dann halten Sie sich beständig zu Ihren anderthalb und hören Sie ganz und gar nicht auf Ihre Familie. Haben Sie irgend ein gewöhnliches Unwohlsein, besonders wenn es mit Fieber verbunden ist, so essen Sie während vierundzwanzig Stunden überhaupt nichts. Das wird Sie kurieren. Es wird sogar den hartnäckigsten Schnupfen kurieren. Kein Schnupfen überdauert ein streng durchgeführtes vierundzwanzigstündiges Fasten.«

»Ich weiß es. Ich habe es oft an mir selbst erfahren.«