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Aladdin und die Wunderlampe / Tausend und einer Nacht nacherzaehlt cover

Aladdin und die Wunderlampe / Tausend und einer Nacht nacherzaehlt

Chapter 11: 6.
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About This Book

A poor, idle youth is recruited by a cunning sorcerer to fetch a treasure in a secret cave, where he obtains a magical ring and a lamp whose spirit grants wealth and protection. He uses the lamp's power to rise from poverty, build a splendid household, and win the hand of a princess. When the sorcerer steals the lamp, a contest of trickery ensues; through resourcefulness the youth recovers the lamp, overcomes the sorcerer, and secures his fortune and position.

6.

Vor lauter Ungeduld erweckte

Bereits vor Tag, bei Dämmerschein

Der Sohn die Mutter, und sie steckte

Sich in ihr Feierkleid hinein.

Die Vase, bis zum Rand gefüllt

Mit den Juwelen, ward in Linnen

Von ihr behutsam eingehüllt;

Ein feines weißes Tuch für innen,

Ein gröberes als Überzug,

Sodaß, nachdem sie die vier Enden

Verknotet mit geschickten Händen,

Sie das Geschenk als Bündel trug.

Sie warf sich nochmals nieder erst

Und hauchte, vor Erregung heiser:

"Bevor, erhabner Herr und Kaiser,

Den Anlaß du von mir erfährt,

Der mich bewog zu diesem Schritte,

Vernimm die demutsvolle Bitte,

Daß mein unglaubliches Verlangen

Du gnädig im voraus verzeihst;

Denn ich vergehe fast vor Bangen.

Erscheint ja doch mein Unterfangen

Sogar mir selber allzu dreist."

Da lösten sich die Zungenbande

Der Mutter. Ohne weitre Scheu

Berichtete sie wahrheitstreu,

Durch welch geheimes Abenteuer

Sich seiner Tochter Aladdin,

Ihr Sohn, genaht; wie heftig ihn

Seitdem verzehre wildes Feuer;

Wie redlich sie sich unterdessen

Ihn abzukühlen angestrengt,

Doch wie von Leidenschaft besessen

Er sie zu diesem Gang gedrängt.

Nur seiner Drohung, daß er sterbe,

Wenn nicht um deren Hand sie werbe,

Die doch fürwahr, mit ihm verglichen,

Nicht minder unerreichbar fern

Als an dem Firmament ein Stern,

Sei schließlich zögernd sie gewichen.

Das schien dem Sultan eine Flause;

Doch gab er seiner Bitte nach,

Weil er sein Günstling war, und sprach

Zur Mutter freundlich: "Geh' nach Hause

Zu deinem Sohn und meld' ihm dies:

Den Antrag, den er stellte, wies

Ich nicht zurück; drei Monat sind

Vonnöten aber, eh' zum Gatten

Ich jemand gebe meinem Kind,

Um sie geziemend auszustatten.

Nach Ablauf dieser Zeit komm wieder."

Die Mutter ging nach Haus zurück,

Und diesmal bebten ihre Glieder

Nicht vor Verzagtheit, nein, vor Glück.


7.

Wer könnte wohl in Worte fassen,

Wie selig unser junger Held,

Nachdem die Mutter ihm bestellt,

Was ihm der Sultan melden lassen!

O Wonne, daß nach langem Dürsten,

Nach vielen Nächten ohne Schlaf

Die Botschaft aus dem Mund des Fürsten

Sein kühnstes Hoffen übertraf!

Er tanzte rund herum im Zimmer,

Schwor in den feurigsten Ergüssen

Der Mutter Dankbarkeit auf immer

Und überhäufte sie mit Küssen.

Drei volle Monat waren freilich

Als vorgeschriebne Wartezeit

Für seine Sehnsucht endlos weit.

Es war darum gewiß verzeihlich,

Daß ihn des Ziels Erwartung quälte

Und er beständig nach der Uhr

Nicht Wochen, Tage, Stunden nur,

Vielmehr auch die Minuten zählte.—

Zwei Monat waren abgelaufen,

Als eines Morgens ahnungslos

Die Mutter sich, um was zu kaufen,

Zum Markt begab. Ein laut Getos'

Der Fröhlichkeit scholl ihr entgegen,

Als wär' ein Fest herangerückt;

Mit Blumenkränzen allerwegen

Ward eilig Haus für Haus geschmückt,

Und Lämpchen wurden hundertfach

Hinaufgereicht auf hohe Leitern

Für Prachtbeleuchtung auf dem Dach.

Die Straßen wimmelten von Reitern

Auf edlen, reichgezierten Pferden,

Und alt und jung war aufgeputzt.

Die Mutter, ganz und gar verdutzt,

Vermochte draus nicht klug zu werden.

Sie fragte drum den ersten besten,

Weshalb denn heute jedermann

Sich rüste wie zu großen Festen.

Der gab zur Antwort: "Schau mal an,

Das weißt du nicht? Ei, das erzählt sich

Ja doch die ganze Stadt erfreut;

Dem Sohn des Großveziers vermählt sich

Prinzessin Bedrulbudur heut."

Als ob des Blitzes jäher Funke

Durchzucke seines Lebens Mark,

Empfand sich Aladdin zerschmettert,

Blieb standhaft aber doch und stark;

Und als verzweifelnd er durchblättert

Seite für Seite sein Gedächtnis

Nach Mitteln gegen diese Pein,

Fiel ihm des falschen Freunds Vermächtnis,

Die Wunderlampe, wieder ein.

Zur Mutter sprach er drauf entschieden:

"Der Hochzeit setz' ich einen Damm!

Laß schaun, wer heute mehr zufrieden,

Ich oder dieser Bräutigam."

Die Feierstimmung war verraucht,

Verwandelt alle Lust in Wehe.

Denn da zum Abschluß einer Ehe

Den Bräutigam man dringend braucht,

So blieb am Ende keine Wahl,

Als die Vermählung zu verschieben

Samt Freudenfest und Hochzeitsmahl,

Bis man ihn wieder aufgetrieben.

Der Sultan flößte seiner Tochter

Gar zärtlich Tröstung ein und Mut;

Allein mit Mühe nur vermocht' er

Zu stillen ihrer Augen Flut,

Obwohl weit mehr verletzte Scham

Und schwergekränkter Stolz die Quelle

Der Tränen war als Herzensgram.


8.

Der Großvezier fand keinen Schlummer

In dieser Nacht. Am andern Tag

Bei Sonnenaufgang, als vor Kummer

Halb krank er noch im Bette lag,

Trat aschenfahl und übernächtig

Sein Sohn herein. Der Vater schrie,

Vor Jähzorn seiner nicht mehr mächtig:

"Hinweg mit dir, und laß dich nie

Mehr sehn!" Da fiel er auf die Knie:

"Mein Vater, schein' ich so verdächtig,

Daß du Gehör mir weigern willst?

Wenn dir bekannt, was unverschuldet

Ich heut und gestern nacht erduldet,

So wett' ich, daß dein Groll zerschmilzt.

Ich wurde beidemal gepackt

Von unsichtbaren Fäusten, stärker

Als Menschenhand, und eingesackt

In einen engen, finstren Kerker,

Zu schmal, um nieder mich zu legen,

Ja, selbst um aufrecht mich zu regen;

Die Tür von außen fest verrammelt

Und alles Rütteln ohne Zweck!

So kauert' ich, noch kaum gesammelt

Vom ersten fürchterlichen Schreck,

Erneuter Hexerei gewärtig,

Gefaßt auf meinen Untergang

Und mit dem Erdendasein fertig,

Wer weiß, wieviele Stunden lang,

Bis endlich beidemal die Tür

Von selber aufsprang. Aber gäbe

Man tausend Bräute mir dafür,

Ich möchte nicht, solang' ich lebe,

Dies noch ein drittes Mal erleiden.

So sehr mir die Prinzessin teuer,

Ich will sie lieber dauernd meiden,

Als dem geheimen Ungeheuer

Zum Spielball dienen unbeschränkt.

Ich glaube, Bedrulbudur denkt

Hierin nicht anders, und sie kann,

Auch wenn sie liebenswert mich findet,

Nicht recht vertrauen einem Mann,

Der unfreiwillig stets verschwindet.

Drum wünsch' ich, ob du gleich dem bösen

Verhängnis nicht mit Unrecht grollst,

Daß du den Sultan bitten sollst,

Er möge die Verlobung lösen."

Mit Windeseile flog die Kunde

Von der Entlobung durch die Stadt,

War tagelang in aller Munde;

Doch schließlich schwatzte man sich satt.

Es wußte ja vom wahren Grunde

Nur Aladdin allein Bescheid,

Und da nunmehr sein Weizen blühte,

Nahm mit beruhigtem Gemüte

Zum nächsten Schachzug er sich Zeit.

Die Mutter schritt bedenklich heim,

Jedoch gelabt vom Hoffnungsschimmer,

Des Herrschers Fordrung werd' auf immer

In ihrem Sohne jeden Keim

Des närrischen Begehrs ersticken.

Doch als von diesem Trost beseelt

Sie klipp und klar ihm aufgezählt,

Was er dem Sultan solle schicken,

Und sicher dachte, daß erschrocken

Er sich bequeme zum Verzicht,

Rief er mit strahlendem Gesicht

Und überschäumendem Frohlocken:

"Nichts weiter? Ei, der Sultan irrt

Im Glauben, daß durch die Bedingung

Er mich ins Bockshorn jagen wird.

Wähnt er, mir fehle zur Bezwingung

Solch eines Probestücks die Macht?

Ich könnt' ihm noch ganz andre Launen

Befriedigen. Er soll erstaunen,

Und du nicht minder. Gib nur acht!"


9.

Die gestörte Hochzeitsfeier

Die Mutter nahte nun dem Thron

Und sprach mit vielen Huldigungen:

"Hier sendet Aladdin, mein Sohn,

Erhabner, was du dir bedungen.

Er hofft, es werde dir gefallen

Und der Prinzessin ebenfalls."

Der Sultan, kaum ein Wort zu lallen

Imstande, mit gerecktem Hals

Und überzeugt, ihn wolle necken

Ein Trug der Sinne, blickte bald

Verwundert auf die vierzig Becken

Mit ihrem funkelnden Gehalt

Von größrem Wert als ganze Länder,

Bald auf die fürstlichen Gewänder

Der achtzig wohlgestalten Sklaven

Und sagte laut zum Großvezier:

"Fürwahr, der Himmel soll mich strafen

Wenn ein Geschenk wie dieses hier

Je Sultanstöchtern ward geboten!"

"So ist es," stimmte jener bei,

zumal er einsah, daß der Knoten

Nicht anders mehr zu lösen sei.

Wie hätte noch der Fürst sein Wort

Zurückziehn können als Empfänger

Von solchem beispiellosen Hort?

Er fragte jetzt sogar nicht länger

Nach des Bewerbers Rang und Stand

Und allen andern Eigenschaften;

Für jeden Vorzug konnt' als Pfand

Sein ungeheurer Reichtum haften.

"Geh'," sprach er drum in mildem Ton

Zur Mutter, "meld' ihm, daß mit warmen

Gefühlen ich und offnen Armen

Ihn grüßen will als Schwiegersohn."

So waren jetzt nach hartem Ringen

Die Schwierigkeiten weggeräumt;

Sie selber durft' ihm Kunde bringen,

Daß alles, was er sich erträumt,

Was für unmöglich ihr gegolten,

Was als Verrücktheit sie gescholten,

Und was ihm ihre Zweifelsucht

Verargt als frevelhaft verstiegen,

Ihm jetzt als eine reife Frucht

Bereit war in den Schoß zu fliegen.

Aladdin reitet zum Schloß des Sultans

Vielköpfig, massig, nicht zu zählen,

Lief wiederum das Volk herbei;

Betäubend schwang aus allen Kehlen

Sich Beifallruf und Jubelschrei,

Besonders wenn, vom Sklaventroß

Geschnellt, als ungewohnter Segen

So rechts wie links ein Hagelregen

Von goldnen Münzen sich ergoß.

Wer war der Ritter hoch zu Roß?

Bei Namen konnt' ihn niemand nennen,

Nicht einmal einer unter zehn,

Die noch vor kurzem ihn gesehn,

Den alten Aladdin erkennen.

Er, jüngst noch dürftig, unansehnlich,

Sah nun sich selber nicht mehr ähnlich;

Denn zu der Lampe Wunderkräften

Gehörte die geheime Macht,

Dem Glückspilz, den sie hoch gebracht,

Auch äußern Adel anzuheften.

So lag am Tage sonnenklar,

Daß all der Pracht, womit er prunkte,

Durch sein Verdienst er würdig war.

Er wurde rasch zum Mittelpunkte

Für jedes Auge; jauchzend hob

Zum Himmel ihn des Volkes Lob

Und gönnte gern ihm dieser Erde

Vollkommenstes und reichstes Heil.

Bis zum Palasttor mittlerweil

Gelangt, stieg artig er vom Pferde.

Die Pförtner bildeten zwei Reihen

Von Tor zu Tür, um dem Empfang

Vermehrte Würde zu verleihen;

Durch diese schritt er sacht entlang,

Trat in den Saal und vor den Thron.

Der Sultan, seiner harrend schon,

War überrascht und höchst erbaut

Sowohl von seiner Prachtentfaltung

Wie seinem Wuchs und seiner Haltung,

Schritt ihm entgegen, zog ihn traut,

Ihm wehrend, auf die Knie zu sinken,

An seine Vaterbrust und ließ,

Indem er ihn willkommen hieß,

Ihn sitzen dicht zu seiner Linken.

"Mein Freund," versetze halb im Scherz

Der Sultan, "um durch dieses Feuer

Heillos versengt zu sehn dein Herz,

Halt' ich fortan dich viel zu teuer.

Ist dies das Mittel, dich zu töten,

So weiß ich, was dich heilen soll."

Er gab ein Zeichen. Flugs erscholl

Musik von Zimbeln und von Flöten.

Er führte drauf ihn liebevoll

Zum wunderbaren Nebensaal,

Worin bereits auf goldnen Tellern

War aufgetischt ein leckres Mahl,

Das aus den kaiserlichen Kellern

Versorgt war mit dem besten Wein.

Der Sultan aß mit ihm allein;

Der Großvezier und all die Herrn

Von Rang und von Geblüt umkreisten

Den vollbesetzen Tisch von fern

Und mußten zusehn, wie sie speisten.


10.

Der Sultan erblickt das Schloß Aladdins

Der feierliche Freudenklang

Von Trommeln, Pfeifen und Trompeten

Erscholl der Mutter zum Empfang.

Von des Palastes Zinnen wehten

Im Winde fröhlich bunte Fahnen;

Aus Schalen strömte Balsamduft;

Der Hofstaat stand auf den Altanen

Und schwenkte Tücher durch die Luft.

Die Stadt ward neuerdings geschmückt

Mit Laubwerk, Teppichen und Lichtern;

Viel deutlicher war den Gesichtern

Des Frohsinns Stempel aufgedrückt

Als beim gestörten Hochzeitsfeste

Von damals. Die verdutzte Schar

Des Volks erblickte zwei Paläste,

Wo tags zuvor nur einer war;

Zumal bestaunten sie den neuen,

Und laut bekannte jedermann,

Er müsse den Vergleich nicht scheuen,

Ja, steh' dem alten weit voran.