11.
Von seiner Dienerschaft umgeben
Stand Aladdin am Eingangstor
Und führte mit beglücktem Beben
Die Braut zum Kuppelsaal empor.
Sie war beim ersten Anblick schon
Entzückt von ihm, da beim Vergleiche
Sie fand, daß nimmer ihm der Sohn
Des Großveziers das Wasser reiche.
Und Aladdin? Ach, wer beschriebe,
Was er im Innersten empfand,
Wie nun das Traumbild seiner Liebe
Holdselig leibhaft vor ihm stand!
Er rief: "Du Herrlichste von allen,
Vor der das Taggestirn erbleicht,
Gesteh' mir, ob ich nicht vielleicht
Verurteilt bin, dir zu mißfallen!"
"Mein Prinz—denn dieser Name scheint",
Versetzte sie, "dir zu gebühren—
Mir hat mein Vater dich zu küren
Befohlen und mich dir vereint.
Des Vaters Willen sich zu fügen
Ist einer guten Tochter Pflicht;
Doch ich vollzog sie mit Vergnügen;
Denn wisse, du mißfällst mir nicht."
Mit dieser feinen Antwort scheuchte
Sie seiner Sorge letzten Rest;
Und nun begann ein Zauberfest,
Das ihr viel Staunenswerter deuchte,
Als was daheim sie je geschaut.
Die Tafel überschwemmten Rosen,
Von Diamanten rings betaut;
Von einer gleichfalls grenzenlosen
Verschwendung zeugten die Pokale,
Die Schüsseln, Teller, Gabeln, Messer;
Sogar die Speisen waren besser
Als je beim kaiserlichen Mahle.
Zu Flötenspiel und Lautenklang
Ertönte, reizend anzuhören,
Ein doppelstimmiger Gesang
Von allerliebsten Mädchenchören.
Nach Schluß des Mahls erschien ein Schwarm
Von Tänzern und von Tänzerinnen,
Um einen Reigen zu beginnen.
Der Schloßherr selbst bot seinen Arm
Der Herrin, und voll Anmut schwangen
Nach einem alten Brauch des Lands
Die Neuvermählten sich im Tanz.
Die Mitternacht war längst vergangen,
Da sich im Schloß zu Ende neigte
Die Lustbarkeit.
Am Tag darauf,
Als schon des Sonnenballes Lauf
Sich nah dem Mittagsgipfel zeigte,
Schritt Aladdin mit einem Heere
Von Dienern auf dem kurzen Pfad
Hinüber zum Palast und bat
Den Schwiegervater um die Ehre,
Sein Schloß in Augenschein zu nehmen.
Gewiß, der Sultan mochte gern
Zu dieser Einkehr sich bequemen
Und ging, begleitet von den Herrn
Des Hofs, mit ihm dorthin zu Fuße.
Das Schloß, obwohl er's nun schon oft
Von seinem Fenster aus mit Muße
Betrachtet, schien ihm unverhofft
Noch prächtiger, als er es nah
Und näher jetzt vor Augen sah.
Im Innern erst vermochte kaum
Er sein Entzücken zu bemeistern,
Und gar der große Kuppelraum
Schien grenzenlos ihn zu begeistern.
Er sprach zum Großvezier: "Ein Wunder
Wie dies hab' ich noch nie gewahrt.
Hiergegen ist, bei meinem Bart,
Mein eigener Palast nur Plunder."
Doch als er wieder heimgekehrt,
Um manchen großen Eindruck reicher.
Da schlängelte der alte Schleicher
Von Großvezier sich unbegehrt
An ihn heran mit dem Vermerk:
"Wer könnte diesen Bau betrachten,
Erhabner, ohne für ein Werk
Der Zauberkunst ihn zu erachten?"
Der Sultan drauf mit strengem Blick:
"Das hochzeitliche Mißgeschick,
Das deinem Sohn so schlecht bekam,
Kannst du noch immer nicht verschmerzen,
Bist Aladdin deswegen gram
Und suchst ihn grundlos anzuschwärzen."
So scheiterte die Lästrung kläglich.
Der Fürst begab, sobald er wach,
Vielmehr von jetzt ab sich tagtäglich
Gleich in sein Lieblingswohngemach,
Wo freien Ausblick er genoß
Auf seines Schwiegersohnes Schloß,
Und ward nicht müd, vom Fenster aus,
Ganz in Bewunderung vergraben,
An Form und Schmuck des stolzen Baus
Das Auge stundenlang zu laben.
Sich Aladdin daheim verschlossen
Und ferngehalten vom Verkehr,
Der hätte gänzlich fehlgeschossen.
Im Gegenteil, er ward beständig
Lustwandelnd in der Stadt gesehn,
Ging zum Gebet in die Moscheen,
Tat manchen Einkauf eigenhändig,
War bei den hohen Edelleuten
Oft zu Besuch, und jedesmal,
Wenn er mit einer großen Zahl
Betreßter Diener ausritt, streuten
Sie Gold umher aus vollen Händen.
An seines Schlosses Pforten kam
Kein Bettelmann, der nicht mit Spenden
Vollauf beladen Abschied nahm.
Auch wenn er, um der Jagd zu pflegen,
Ins Feld hinausstob ungehemmt,
Ward jedes Dorf auf seinen Wegen
Von einem Goldstrom überschwemmt.
Kein Wunder war's, wenn dergestalt
Ihm der Berühmtheit Rosenwolke
Das Haupt umspann, und wenn er bald
Vergöttert ward vom ganzen Volke.
Er aber wurde drum nicht eitel,
Nein, zeigte dem bedrohten Staat
Sich von der Zehe bis zum Scheitel
Als echten Helden durch die Tat:
Des Reichs gesamte Grenze stand
In eines Aufruhrs hellem Brand.
Der Feldherrn keiner konnt' ihn dämpfen,
Bis Aladdin, dem Ruf der Not
Gehorchend, mannhaft sich erbot,
Auf eigne Faust ihn zu bekämpfen.
Vom Herrscher an des Heeres Spitze
Berufen zog er in das Feld,
Nicht achtend Mühsal, Frost und Hitze!
Bald war von ihm der Feind umstellt
Und wurde wie beim Hasenjagen
Trotz aller seiner Übermacht
In einer einz'gen großen Schlacht
Zerstreut und in die Flucht geschlagen.
Dann führte seine tapfren Krieger
Er heimwärts im Triumph, das Haupt
Von einem Ruhmeskranz umlaubt,
Und hieß nun Aladdin der Sieger.—
In stetem Fluß allmählich reihte
Sich Tag an Tag und Jahr an Jahr;
Er aber ward es kaum gewahr
An seiner schönen Gattin Seite,
Geliebt und liebend, hochgeachtet
Und doch von schlicht bescheidnem Sinn.
Die Bosheit, die von Urbeginn
Das Gute zu vernichten trachtet,
Sollt' aber nach der Gnadenfrist
Auch ihn mit hartem Streiche treffen.
Der Zaubrer, der mit schnöder List
Ihn einst sich ausgesucht als Neffen,
Dann heimgewandert und seit Jahren
In Afrika nun wieder saß,
Wollt' eines Tages, rein zum Spaß,
Genaueres davon erfahren,
Wie Aladdin zugrund gegangen.
Denn daß der Bursch aus jener Gruft
Nie mehr, nachdem er drin gefangen,
Zurückgekehrt zu Licht und Luft,
War nicht im mindesten ihm fraglich;
Die Frage, die er noch gespart,
Galt einzig seiner Todesart.
Er setzte sich darum behaglich
An einen Tisch, worauf mit Sand
Gefüllt ein Viereck sich befand
In Schachtelform, nahm einen Stift
Und zog damit nach Zaubrerweise
Im Sande Linien und Kreise
Nebst Lettern einer fremden Schrift.
Berechnend, murmelnd unverständlich,
Nach Grundsatz, Regel und Gebot
Geheimer Schwarzkunst, bracht' er endlich
Heraus, daß Aladdin nicht tot,
Nein, daß er aus der Gruft entsprungen,
Zu Glanz und Ruhm sich aufgeschwungen
Und obendrein als der Gemahl
Der Sultanstochter herrlich lebe.
Ha, war das tückische Gewebe
Zerfetzt? Er wurde leichenfahl,
Krebsrot und wieder kreideblaß
Und dann vor Mißgunst gelb und gelber.
"Wie?" rief er aus in Wut und Haß,
"Der Schatz, den mühsam für mich selber
Ich ausgespürt mit saurem Schweiß,
In zähem, jahrelangem Fleiß,
Der Lampe hohe Wunderkraft
Ward mir zu meines Forschens Lohne
Von einem niedren Schneidersohne,
Von einem Tagedieb entrafft!
Er, den vermodert ich gewähnt,
Er darf zu schwelgen sich erfrechen
Im Reichtum, den er mir entlehnt!
Doch nur Geduld, ich will mich rächen!"
Er warf somit am selben Tag
Aufs Pferd sich ohne viel Besinnen
Und galoppierte stracks von hinnen
Zum Reich, das fern im Osten lag.
12.
Nachdem er auf der langen Reise
Sich und sein Pferd halb tot gehetzt,
Sich nur an kurzem Schlaf geletzt,
Sich nur genährt mit knapper Speise,
Mit kargem Trank erfrischt, gelangte
Der Zaubrer in des Sultans Reich,
Und bald vor seinen Augen prangte
Die Hauptstadt, wo sein Schurkenstreich
Ihm damals kläglich war mißlungen.
In einem kleinen Gasthaus stieg
Er ab, um seinen Rachekrieg
Zu fördern durch Erkundigungen.
Das Wichtigste ward ihm natürlich
Enthüllt, bevor ein Tag verfloß;
Denn alle Welt sprach unwillkürlich
Von Aladdin und seinem Schloß.
Er ließ zu dem berühmten Bau
Von seinem Wirt sich hingeleiten,
Und als er ihn von allen Seiten
Beschnüffelt hatte ganz genau,
Da wußt' er, daß dem Aladdin
Zu einem Werk von solcher Größe
Nur jene Lampe Kraft verliehn.
Er gab sich selber Rippenstöße
Vor Ärger, weil dies Meisterstück
Ihn völlig erst ermessen lehrte,
Was ihm entgangen war, und kehrte
Zu seinem Gasthaus dann zurück.
Wo mochte wohl die Lampe stecken?
Wenn ihren Aufbewahrungsplatz
Er fähig wäre zu entdecken,
Dann könnt' er den ersehnten Schatz
Von ihm erlisten, Raub um Raub,
Und von der angemaßten Zinne
Zurück ihn schmettern in den Staub.
Er nahm behend wie eine Spinne,
Die rastlos webt an ihrem Netze,
Das Zauberviereck wieder vor,
Und durch die magischen Gesetze,
Die mit Gekritzel er beschwor
Und knifflicher Berechnungsart,
Ward bald unfehlbar ihm verraten:
Die Lampe war im Schloß verwahrt.
Der Zufall, der verruchten Taten
Oft beisteht, war auch ihm gewogen.
Willkommen traf die Nachricht ihn,
Daß vor drei Tagen Aladdin
Auf eine große Jagd gezogen
Und fern sei bis zum Wochenschluß.
Er trat in eines Klempners Laden
Und sagte: "Freund, es soll dein Schaden
Nicht sein, wenn du mir dienst. Ich muß
zwölf Lampen haben, nagelneu,
Von blankem Kupfer." "Meiner Treu,"
Erwiderte mit breitem Lachen
Der Klempner—denn er war erfreut,
Solch glänzendes Geschäft zu machen—
"Gleich zwölf? So viele hab' ich heut
zwar nicht auf Lager; doch bis morgen
Werd' ich die fehlenden besorgen."
Mit einem Korb am Arme kam
Der Zaubrer wieder tags darauf,
Verpackte drin den ganzen Kram,
Gab für den abgeschlossnen Kauf
Weit höhern Preis als nach Verpflichtung,
Bewegte dann sich in der Richtung
Des Schlosses langsam durch die Stadt
Und zwang das Volk, dem Ruf zu lauschen:
"Hört, hört! Wer alte Lampen hat,
Kann hier sie gegen neue tauschen."
Die Leute dachten allgemein:
"Der Mensch da hat wohl einen Sparren."
Die Kinder hielten ihn zum Narren
Und liefen gröhlend hinterdrein.
Ihn aber konnt' es nicht beirren;
Er ließ im Korb die Lampen klirren
Und wiederholte hundertmal
Aus Leibeskräften sein Gekrähe
Bis in des Schlosses nächste Nähe.
In ihrem großen Kuppelsaal
Saß Bedrulbudur. Das Gehöhne
Der Kinder und die schrillen Töne
Des Rufers drangen auch zu ihr,
Und einer Sklavin aufzutragen
Gebot ihr drum die Wißbegier,
Sie mög' hinuntergehn und fragen,
Was dieser wüste Lärm bedeute.
Die Sklavin ging und lachte hell,
Da sie zurückkam: "Der Gesell,
Der dort umringt wird von der Meute,
Ist ohne Zweifel gänzlich toll.
Sein Tragkorb ist von einem Haufen
Der schönsten neuen Lampen voll;
Er aber will sie nicht verkaufen,
Nein, will sie tauschen gegen alte."
Auch der Prinzessin Lachen schallte
Nun laut und klang im Echo nach,
Bis eine andre Sklavin sprach:
"Vergib mir, Herrin; doch ich finde,
Da sich's um alte Lampen dreht
Und gleich hier neben auf dem Spinde
Zufällig eine solche steht,
So könnte man, wenn's dir beliebt,
Erproben, ob der Kerl tatsächlich
Für diese da, die schon gebrechlich,
Uns eine nagelneue gibt."
Dem stimmte die Prinzessin zu.—
Klang dir im Innern keine Warnung,
O Bedrulbudur? Ahntest du
Nicht schmählichen Betrugs Umgarnung?
Die Wunderlampe war's, die dort
Unscheinbar stand seit ein paar Tagen,
Weil Aladdin, der immerfort
Sie sonst mit sich herumgetragen,
Aus Furcht, sie könn' in Wald und Feld
Verloren gehn, nicht auf die Jagd
Sie mitgenommen. Wer nun fragt,
Warum aufs Spind er sie gestellt,
Anstatt sie sorgsam einzuschließen,
Den darf die Antwort nicht verdrießen,
Daß hin und wieder ein Versehn
Wohl jedem unterläuft im Leben,
Und daß die Allerklügsten eben
Die dümmsten Fehler oft begehn.
Die Sklavin nahm die Lampe, trug
Zum Zaubrer hurtig sie hinunter,
Hielt ihm sie hin und sagte munter:
"Wenn diese da dir alt genug,
Gib eine neue mir zum Tausche."
Zugreifend voll Begier verschlang
Er mit den Augen seinen Fang
In schlecht verhehltem Freudenrausche;
Dann ließ er unters Kleid ihn wandern.
Den Korb jedoch mit den zwölf andern
Wies er der Sklavin vor zur Wahl.
Sie wählte lachend, und die Rotte
Begoß ihn mit vermehrtem Spotte.
Doch er, geschmeidig wie ein Aal,
Entkam durch eine Seitengasse,
Ließ dort, sobald ihn dieser Schlich
Geborgen hatte vor der Masse,
Den angefüllten Korb im Stich
Und lief davon, sein Gasthaus meidend.
Was lag ihm noch an seinem Pferd?
Was lag an andrem Geldeswert?
Jetzt war nur eins für ihn entscheidend!
Nachdem er eine halbe Meile
Vorm Stadttor endlich Halt gemacht,
Beschloß er, noch für eine Weile
Sich zu gedulden, bis die Nacht
Ihm Schutz vor Überrumplung böte.
Erst als im Westen sich verlor
Der letzte Schein der Abendröte,
Zog er die Lampe sacht hervor
Und rieb sie.
"Was ist dein Begehr?"
So rief im nächsten Augenblicke
Der Geist, an Länge, Breite, Dicke
Fünfmal so massig wie ein Bär;
"Die Lampe macht es mir zur Pflicht,
Daß ich gehorsam dich bediene."
Der Zaubrer sprach mit Siegermiene:
"Du sollst das Schloß, das jener Wicht
Von dir sich hat erbauen lassen,
Mit seinen sämtlichen Insassen
Und mir zugleich alsbald von da
Forttragen durch des Äthers Wellen
Und an dem Punkt in Afrika,
Wo ich daheim bin, niederstellen."
Gehorsam seinem neuen Meister
Vollzog der Geist noch in der Nacht
Mit Hilfe seiner Nebengeister
Den Auftrag.
Zeitig aufgewacht
Begab der Sultan sich wie täglich
Zum Fenster, um in froher Schau
Zu mustern den erhabnen Bau.
Sein Staunen aber war unsäglich,
Als er den leeren Platz erblickte,
Vom Schloß dagegen keine Spur.
Er rieb die Augen sich, er zwickte
Sich in den Arm; dies konnte nur
Entweder Trug sein oder Traum!
Doch welche Vorsicht er auch übte,
Die Sonne schien, kein Wölkchen trübte
Den Himmel bis zum fernsten Saum.
Unzweifelhaft, er träumte nicht!
Mit steifem, starrem Angesicht
Stand er und stand wie angewurzelt
Und murmelte: "Das Schloß ist fort,
Soviel steht fest. Wär's eingepurzelt,
So lägen doch die Trümmer dort.
Der Kuckuck weiß, was hier geschehn!"
Zum Schluß, wie stets in schweren Fällen,
Ließ er dem Großvezier bestellen,
Er wünsche schleunigst ihn zu sehn.
Der Großvezier kam angerannt;
Der Sultan faßte seine Hand,
Zog ihn zum Fenster hin und fragte
Voll Spannung: "Wirst du was gewahr
Vom Schloß, das gestern hier noch ragte?
Mich foppt, so scheint's, mein Augenpaar."
Der Großvezier war höchst betroffen;
Jedoch er sammelte sich bald.
"Herr," sprach er, "liegt nunmehr nicht offen,
Was mir schon längst für sicher galt,
Wenngleich du mir nicht beigepflichtet?
Dies Schloß, ich wiederhol' es frei,
So schnell verschwunden wie errichtet,
Es war ein Werk der Zauberei."
Der Sultan, der dem Lästerwort
Nicht mehr zu widerstehn vermochte,
Ward kirschrot im Gesicht; er kochte
Vor Zorn und fluchte: "Pest und Mord!
Ein Gauner, listig und verlogen,
Hat an der Nase mich gezogen!
Wo ist der Schurk', der das gewagt?
Noch heute soll sein Blut verschäumen!"
Drauf jener: "Herr, laß uns nur säumen,
Bis er zurückkehrt von der Jagd."
"Nichts da! Das wäre zu viel Schonung,"
Entgegnete der Sultan wild;
"Vom Henker werd' ihm die Belohnung,
Mit der man Hochverrat vergilt.
Geh', schick' ihm dreißig Reiter nach!
Die sollen unterwegs ihn greifen,
Verhaften und mit Schimpf und Schmach
Gefesselt vor mein Antlitz schleifen!"
13.
Auf seinem Rückweg nach der Stadt
Begriffen, ahnungslos und heiter,
Traf Aladdin die dreißig Reiter.
Ihr Hauptmann grüßte höflich glatt,
Und er, von Heimweh schon beschwingt
Und in der Meinung, jene wären
Vorausgesandt zu seinen Ehren,
Sah sich mit einem Schlag umringt.
"Mir ziemt, mein Prinz, dich aufzuklären,"
Begann der Hauptmann; "doch ein Sprecher,
Der Unheil meldet, spricht nicht gern.
Uns ward vom Sultan, unsrem Herrn,
Befohlen, dich als Staatsverbrecher
In Haft zu nehmen und gefangen
Zu führen vor sein Angesicht."
"Sag' nur, was hab' ich denn begangen?"
Rief Aladdin mit heißen Wangen.
Drauf jener: "Prinz, das weiß ich nicht."
"Wohlan, da habt ihr mich. Vollzieht,
Was eures Amts! Ich folg' euch willig,
Ist's auch gewiß nicht recht und billig,
Was unverschuldet mir geschieht."
Er warb vom Pferd geholt, an Armen
Und Hals mit Ketten fest umschnürt
Und so zum Schrecken und Erbarmen
Des Volkes in die Stadt geführt.
Der Liebling aller war in Not!
Man wußte nicht, aus welchem Grunde,
Sah nur ihn von Gefahr bedroht
Und wollte drum, zu raschem Bunde
Vereinigt, ihm die Freiheit schaffen.
Ein Teil ergriff metallne Waffen,
Ein andrer Steine, Knüttel, Stangen,
Den Reitern sperrend Weg und Raum;
Mit ihrem Häftling konnten kaum
Sie bis in den Palast gelangen.
Der Sultan, der bereits ihr Nah'n
Erwartet hatte vom Altan,
Befahl dem Henker, alsogleich
Dem Schändlichen, der sein Vertrauen
Getäuscht, mit einem scharfen Streich
Das Frevlerhaupt herabzuhauen.
Es ward ihm keine Frist verliehn,
Sich durch Verteidigung zu retten;
Der Henker hieß, nachdem die Ketten
Ihm abgestreift, ihn niederknien,
Erhob das Richtschwert, wie befohlen,
Um auf des Herrschers Wink im Nu
zum Streich gewaltig auszuholen.
Da—was ist das? Was dröhnt und gellt?
Was schwillt und wirbelt, brandend, brausend?
Vom Volke haben viele Tausend
Im Aufruhr den Palast umstellt.
Man reißt und rüttelt an den Mauern,
Man bricht aus ihnen Stein um Stein,
Und lange kann es nicht mehr dauern,
Da stürzen sie zertrümmert ein,
Und alle Tore klaffen splitternd.
"O Herr, bedenk'!" so wendet zitternd
Zum Sultan sich der Großvezier,
"Schau hin, wie meuterische Horden,
Vollständig zügellos geworden,
Gleich einem grimmen Riesentier
Sich gegen deine Mauern türmen!
Der Mensch hat auch dein Volk behext,
Und wenn du diesen Spruch vollstreckst,
Dann wird es den Palast erstürmen."
Der Sultan fuhr erschreckt zusammen.
Er merkte wohl, daß durch den Tod
Prinz Aladdins das Reich in Flammen
Auflodern würde. Drum gebot
Er dem verblüfften Henker knapp
Vorm Streich, das Leben ihm zu lassen;
Der nahm die Binde von ihm ab,
Und den erregten Menschenmassen
Ward mit Trompetenstoß verkündigt,
Der Sultan habe kurz und gut,
Wie sehr auch Aladdin gesündigt,
Ihn zu begnadigen geruht.
Dies Wort, voll Beifallslärm umtönt,
Goß Öl in die erzürnten Wogen;
Die sämtlichen Empörer zogen
Nach Haus beschwichtigt und versöhnt.
Doch Aladdin, als er befreit
Sich sah, hob zum Altan die Hände:
"Herr," bat er flehentlich, "vollende
Die Gnade, die du mir geweiht,
Und sage mir, durch welch Verbrechen
Verdient' ich solch ein Strafgericht?"
"Ei, willst du dich noch gar erfrechen,
Zu tun, als wüßtest du das nicht?
Komm'," rief der Sultan, "komm' hierher!
Dein Stolzes Schloß, wo mag es liegen?
Zeig' mir's! Nicht finden kann ich's mehr."
Als Aladdin emporgestiegen,
Ließ er ihn durch das Fenster blicken
Und fragte barsch: "Was siehst du da?"
Der Ärmste glaubte zu ersticken,
Versteinert, reglos blieb er stehn,
War nicht imstande, sich zu sammeln,
Geschweige denn ein Wort zu stammeln.
"Nun sprich! Kannst du dein Schloß erspähn?"
So forschte jener streng und hart.
"Bekenne, wo es hingekommen,
Und was aus meiner Tochter ward!"
"Mein Fürst," sprach Aladdin beklommen,
"Obgleich ich selbst nicht ahnen kann,
Was mittlerweil sich hier begeben,
So schwör' ich dir bei meinem Leben,
Ich habe keinen Teil daran!"
Der Sultan schrie: "Du Strolch, mitnichten
Entschuldigst du dein Bubenstück!
Gern will ich auf das Schloß verzichten;
Jedoch mein Kind gib mir zurück!
Sonst lass' ich meinem Wort zum Trotz
Dir deinen Kopf herunterschlagen,
Als wäre der ein Tannenklotz."
"Herr, eine Frist von vierzig Tagen
Gewähre mir!" bat Aladdin.
"Ich werde, sollt' es mir mißlingen,
Verlornes wiederzuerringen,
Mich meiner Strafe nicht entziehn."
Der Sultan sagte: "Wohl, so sei's;
Ich will dir diese Frist vergönnen.
Du würdest doch um keinen Preis
Dem Rächerarm entrinnen können."
Bekümmert, mit gesenktem Haupt
Schlich Aladdin wie ausgestoßen
Von dannen, und dieselben Großen,
An deren Freundschaft er geglaubt,
Die gestern noch ihm auf dem Fuß
Gefolgt, um sich vor ihm zu bücken,
Vermieden heute seinen Gruß
Und kehrten lieblos ihm den Rücken.
Was konnt' er tun? Wohin sich wenden?
Er lief, im Kopfe wirr und kraus,
Umher, die Stadt von Haus zu Haus,
Von Tür zu Tür nach allen Enden
Durchwandernd, ohne zu verstehn,
In welcher Absicht, fragte jeden
Mit abgeriss'nen irren Reden,
Ob irgendwer sein Schloß gesehn.
Gar manche wurden übermannt
Von Mitleid; andre wieder lachten
Ihn aus, vermutlich, weil sie dachten,
Er sei nicht richtig bei Verstand.
Nachdem er so mit müdem Blick
Drei Tage lang herumgeschlendert,
Wollt' in der Stadt, wo sein Geschick
Sich so bejammernswert geändert,
Er nicht mehr weilen, sondern trollte
Sich ohne Plan hinaus aufs Feld.
Unendlich lag vor ihm die Welt;
Nur wußt' er nicht, wohin er sollte.
"Weh mir! Ich ward so bettelarm,
Daß ich mein traurig Los verfluche!"
So rief er aus in bittrem Harm.
"Wenn ich den Erdkreis auch durchsuche,
Beharrlich pilgernd Jahr um Jahr,
Wo find' ich die Geliebte wieder?
Weit besser, daß die Augenlider
Der Tod mir schließt auf immerdar!"
Er näherte sich einem Fluß
Und wollt', um seine Qual zu kürzen,
Sich mit verzweifeltem Entschluß
Kopfüber in die Fluten stürzen.
Es war um Sonnenuntergang;
Der Feuerball mit letztem Blinken
Schien ihm den Abschiedsgruß zu winken.
Ein Ruck, ein Anlauf—und er sprang.
Das Ufer war an dieser Stelle
Besonders steil, und seinen Rand
Umschloß ein kahles Felsenband
In rauh zerklüftetem Gefalle,
Sodaß der lebensmüde Springer
An einem Felsstück hängen blieb
Und jener Ring, den er am Finger
Noch immer trug, daran sich rieb.
Das war sein Glück; denn alsobald
Wie aus dem Wasserdunst verdichtet,
Stand mächtig vor ihm aufgerichtet
Desselben Geistes Schreckgestalt,
Der einst ihm in der Gruft erschienen,
Und rief: "Ich bin des Ringes Knecht.
Mir zu gebieten ist dein Recht;
Sag' an, womit kann ich dir dienen?"
Drauf Aladdin: "O Geist, errette
Zum zweiten Male mich vom Tod
Und bring', bevor der Morgen loht,
Mein Schloß zurück zur alten Stätte!"
Der Geist versetzte: "Dies Gebot
Verträgt sich nicht mit meinem Walten.
Ich diene nur dem Ring. Du mußt
Dich an den Geist der Lampe halten."
"Nun wohl; jedoch wenn dir bewußt,
Wo sich zurzeit mein Schloß befindet,"
Sprach Aladdin, "befehl' ich dir
Kraft dieses Ringes, der dich bindet:
Befördre mich sogleich von hier
Gradaus an seinen neuen Platz!"
Kaum ausgesprochen war der Satz,
Da trug beflügelt ihn der Riese
Nach Afrika, zu jenem Ort,
Wo nun inmitten einer Wiese
Das Bauwerk stand, und setzte dort
Ihn sänftlich nieder auf das Gras.
Zwar blieb es Aladdin verborgen,
Daß er im Innern Afrikas
Gelandet war; doch er genas
Von allen Martern, allen Sorgen,
Als er den wohlbekannten Bau
Trotz dunkler Nacht im Sternenschimmer
Gewahrte, ja sogar die Zimmer
Dicht vor sich sah, die seiner Frau
Zur Wohnung dienten; und sie schlief
Wahrscheinlich dort schon fest und tief.
Um Lärm und Aufsehn zu vermeiden,
Hielt er gewaltsam sich zurück,
Wie schwer's auch war, so nah dem Glück
Bis morgen früh sich zu bescheiden.
Er streckte, von der langen Pein
Ermattet, unter einer Palme
Sich aus zum Schlummer, und die Halme
Des Grases wiegten mild ihn ein.
14.
Erweckt von süßen Vogelliedern
Hob er sich mit gestählten Gliedern
Vom Lager zeitig, und gelenkt
Von Sehnsucht fiel zu seiner Freude
Sein erster Blick auf das Gebäude,
Das ihm erschien wie neu geschenkt.
Auch die Prinzessin, die vor Kummer
Und tausend Ängsten Nacht für Nacht
In all der Zeit nur wenig Schlummer
Gefunden hatte, war erwacht.
Wer aber schildert ihre Wonne,
Da vor dem Fenster sich im Strahl
Der eben aufgegangnen Sonne
Leibhaftig vorfand ihr Gemahl!
Erst wechselten sie hundertfach
Kußhände, Grüße, Flüsterworte;
Dann schlich durch eine kleine Pforte
Verstohlen er in ihr Gemach.
Versteht sich, daß die Neuvereinten
Sich herzten, sich im Überschwang
Umschlungen hielten endlos lang
Und heiße Freudentränen weinten
In ihres Wiedersehens Rausch.
Zuletzt indessen unterbrach
Der Zärtlichkeiten holden Tausch
Bedeutsam Aladdin und sprach:
"Vergib mir, mein geliebtes Weib,
Ich muß, eh wir einander klagen,
Was wir erlebt in diesen Tagen,
Vor allem dich nach dem Verbleib
Der unscheinbaren Lampe fragen,
Die, während ich zur Jagd gezogen,
Im Saale stand auf einem Spind."
"Ach," seufzte sie, "sei nur gelind!
Ich selber wurde ja betrogen.
Längst ahnt mir, daß uns ihretwegen
Ereilte dieser Schicksalsschlag."
Drauf Aladdin: "Da sie zu hegen
Ich töricht unterlassen, lag
Die Schuld an mir. Doch jetzt erwägen
Wir besser, was den Schaden heilt.
Drum sag' mir, wo sie hingeraten."
Sobald sie dies ihm mitgeteilt,
Rief er: "Ich rieche nun den Braten!
Den Händler kenn' ich! Dieser Schuft,
Schon einmal wollt' er mich vernichten."
Sie fuhr dann fort, ihm zu berichten,
Wie nachts unmerklich durch die Luft
Entführt, sie morgens beim Erwachen
Sich hier in diesem fremden Land
Befunden, Afrika genannt,
Und wie der Kerl mit frechem Lachen
Sich ihr als Schloßherrn vorgestellt.
Drauf Aladdin mit Zornesfunken
Im Auge: "Solchen Erzhalunken
Hat nie zuvor gesehn die Welt.
Sprich, hast du nicht vielleicht erfahren,
Wo er die Lampe hält versteckt?"
Sie gab zur Antwort: "Wohl gewahren
Konnt' ich, daß unterm Kleid verdeckt
Er sie beständig bei sich trägt.
Denn seit ich hier bin, kommt er täglich
Zu längerem Besuch und legt
Es darauf ab, mich unerträglich
Mit ekler Huldigung zu quälen.
Ja, mehr noch, er verlangte dreist,
Ich solle zum Gemahl ihn wählen,
Weil du nicht mehr am Leben seist.
Mein Vater habe dir im Zorn
Den Kopf herunterschlagen lassen.
Dies Lied begann er stets von vorn,
Obwohl ich glühend ihn zu hassen
Beteuerte. Der eitle Wahn
Erfüllt ihn, daß ich auf die Dauer
Nicht widerstehe, wenn die Trauer
So hab' ich stets vor seiner List
Und seiner Schlechtigkeit gezittert
Bis heute, wo du bei mir bist."
"Ihm soll", rief Aladdin erbittert,
"Was andres blühen, als er meint.
Sei nur getrost! Von diesem bösen,
Ruchlosen, ränkevollen Feind
Werd' ich uns hoffentlich erlösen.
Was auch geschieht, mit Zuversicht
Vertraue mir bis zur Entscheidung,
Und siehst du später in Verkleidung
Mich wiederkehren, staune nicht."
Sobald er seines Schlosses Mauern
Verlassen, ging er querfeldein
Und traf in einem Palmenhain
Nach kurzer Wandrung einen Bauern.
Er fragte diesen nach dem Wege
Zur nächsten Stadt, und ob sein Kleid
Mit ihm zu wechseln er bereit.
Der Bauer war durchaus nicht träge,
Für dieses Fremden reiche Tracht
Sein schäbig Zeug daranzusetzen,
Und Aladdin, nachdem er sacht
Geschlüpft war in die alten Fetzen,
Schritt auf den ihm beschriebnen Pfaden
Der Stadt entgegen, kam hinein
Und fragt' in einem Krämerladen,
Ob ein gewisses Pülverlein
Zu haben sei. Der Krämer nickte,
Betonte nur, weil das geflickte
Gewand des Käufers ein Beweis
Der Armut schien, den hohen Preis.
Doch als der Fremde nicht verlegen
Ein Goldstück aus dem Beutel zog,
Bracht' er das Pulver ihm und wog
Ein Lot ihm ab.
Auf gleichen Wegen
Kam Aladdin ins Schloß zurück
Und sprach zu seiner Gattin: "Höre!
Notwendig für mein Wagestück
Ist mir dein Beistand. Ich beschwöre
Dich drum, befolge meinen Rat!
Wirf dich in deinen schönsten Staat,
Schmück' mit Geschmeide dich und Spangen,
Um den Entführer, wenn er naht,
Mit wärmstem Gruße zu empfangen.
Damit kein Argwohn ihn beirrt,
Stell' dich, als ob du mich vergessen,
Wenn dir's auch noch so sauer wird,
Und lad' ihn ein zum Abendessen.
Sobald er dann mit dir in frecher
Behaglichkeit bei Tische sitzt,
Laß ihm kredenzen einen Becher,
Gefüllt mit Wein, in den verschmitzt
Vorher dies Pulver du gestreut,
Und bitt' ihn höflich, dir zu Ehren
In einem Zug ihn auszuleeren.
Von dieser Bitte hocherfreut
Wird er den Wein hinuntertrinken
Und leblos auf den Boden sinken,
Bevor er noch den Trunk bereut."
Wenn dieses Spiel auch recht verfänglich
Ihr vorkam, so versprach sie fest,
Sie werde tun, was unumgänglich.
Er barg sich für des Tages Rest
In einem abgelegnen Flügel
Des Schlosses. Als die fernen Hügel
Die Dämmerung mit ihrem grauen
Gewebe langsam überspann,
Rief Bedrulbudur ihre Frauen,
Mit deren Beistand sie begann,
Aufs wunderbarste sich zu schmücken.
Voll Sorgfalt ward ein herrlich Kleid
Ihr angelegt und zum Entzücken
Verziert mit flimmerndem Geschmeid.
Ihr Gürtel, ihre Spangen waren
Gleichwie der Reif in ihren Haaren
Mit Diamanten dicht besetzt;
Und um den Hals die Perlenkette—
Welch noch so große Fürstin hätte
Sich glücklich nicht mit ihr geschätzt?
Sie sah, nachdem der Putz vollendet,
Ihr Bild in einem Spiegel an
Und dachte sich: "Wo lebt ein Mann,
Der nicht von so viel Reiz geblendet
Vor mir die Waffen mußte strecken?"
Sie stieg hierauf zum Kuppelsaal
Empor, worin schon für das Mahl
Ein Tischlein stand mit zwei Gedecken.
Sie hatte noch nicht lang' geharrt,
Als pünktlich zur gewohnten Stunde
Der Zaubrer eintrat und erstarrt
Von so viel reichem Schmuck im Bunde
Mit so viel Schönheit stehen blieb.
Sie schritt holdselig ihm entgegen,
Als wäre sein Besuch ihr lieb,
Und tat, als ob nur seinetwegen
Sie so verlockend sich und prächtig
Gekleidet. Zögernd nahm er Platz,
Noch immer keines Wortes mächtig.
"Freund, sollte dich der Gegensatz
In meiner Stimmung Wunder nehmen,"
Begann sie lächelnd, "So vernimm,
Ich mag mich jetzt nicht länger grämen.
Denn daß durch meines Vaters Grimm
Mein Gatte seinen Tod gefunden,
Davon hast du mich überzeugt.
Gesetzt auch, daß ich tiefgebeugt
Mit unheilbaren Herzenswunden
Wehklagen wollt' um ihn beständig,
Er würde doch nicht mehr lebendig.
Ich gönn' ihm seine Grabesrast,
Und weil sich meine Fesseln lösten,
Bin ich entschlossen, mich zu trösten,
Und lade dich bei mir zu Gast."
Der Zaubrer bildete frohlockend
Sich ein, gewonnen sei das Spiel,
Sah sich im Geiste schon am Ziel
Des kühnsten Wunsches, dankte stockend
Und setzte sich mit ihr zu Tisch.
Wie dort zu ihm verführerisch
Nun ihre Blicke sich erhoben,
Da schien es ihm unzweifelhaft,
Sie habe sich in ihn vergafft
Und wolle sich mit ihm verloben.
Ein üppig Mahl ward aufgetragen,
Und eine Sklavin reichte Wein.
Selbst schenkte die Prinzessin ein,
Goß unbemerkbar ohne Zagen
Das Pulver in des Gastes Becher
Und sprach: "Willst du mir frohen Mut
Bereiten, dann als wackrer Zecher
Trink' auf mein Wohl dies Rebenblut!"
"Ja, du Geliebte, du Verehrte,
Dies auf dein Wohl und unsern Bund!"
So rief er hochbeglückt und leerte
Den Becher aus bis auf den Grund.
Nach einem letzten kurzen Schnaufen
Fiel er bewußtlos rücklings hin.
Geholt von einer Dienerin
Kam Aladdin herbeigelaufen.
Als Bedrulbudur ihn umschlang,
Sprach er: "Begib dich auf dein Zimmer;
Denn mancherlei bleibt mir noch immer
Zu tun, obwohl dir dies gelang."
Nachdem sie sich entfernt, verlor
Er keine Zeit. Er riß der Leiche
Das Kleid auf, zog die wunderreiche
Geraubte Lampe draus hervor,
Ließ das entseelte Jammerbild
Fortschaffen von zwei starken Knechten
Hinaus ins nächtige Gefild,
Damit die Geier sein gedächten,
Wenn sie's gelüstete nach Speise,
Berief dann in gewohnter Weise
Den Geist und sagte: "Bring' sofort
Mein Schloß an seine alte Stelle!"
Noch nicht vollendet war das Wort,
Als schon der Geist in Windesschnelle
Mit fast unmerklichem Vollzug
Das Bauwerk durch die Lüfte trug.
15.
Der Sultan, der bis jetzt unendlich
Um seine Tochter sich gegrämt,
War vor Verwundrung wie gelähmt
Als morgens breit und gegenständlich,
Zurückgekehrt zum alten Platz
Das Schloß zu ihm herübergrüßte.
Der Anblick bot ihm für verbüßte
Betrübnis reichlichen Ersatz.
Er ließ ein Pferd sich satteln, trabte
Zum Schloß, verfügte sich geschwind
Zu seinem lang entbehrten Kind
Und ihre Zärtlichkeit erlabte
Sein Vaterherz. Dann wollt' er wissen,
Welch unglückselige Verkettung
Sie damals plötzlich ihm entrissen,
Und welchem Umstand ihre Rettung
Zu danken sei. Mit knappen Strichen
Erzählte sie vom fürchterlichen
Schwarzkünstler, der durch Zaubermacht
Sie mit dem Schloß entführt bei Nacht;
Wie von dem Schändlichen bedrückt
Sie schon geglaubt, ihm zu erliegen,
List gegen List ihm obzusiegen.
Ihr Vater war damit zufrieden,
Und als nunmehr auch Aladdin
Ins Zimmer kam, da zog er ihn
An seine Brust und sprach: "Hienieden
Ist man dem Irrtum ausgesetzt.
Vergib mir, wenn aus Übereilung,
Mein Sohn, ich blindlings dich verletzt.
Du brachtest meinen Schmerzen Heilung,
Indem du mir mein Kind befreit
Und sie behütet hast vor Schande;
Dies dank' ich dir für alle Zeit."—
Gefeiert ward im ganzen Lande
Die Wiederkehr des jungen Paars.
Ihr Glück verdüsterte kein Schatten.
Doch nicht die letzte Prüfung war's,
Die beide zu bestehen hatten.
Der Zaubrer nämlich, der ein Leben
Von großer Zähigkeit besaß,
War durch das Pulver, als dem Fraß
Der Geier man ihn übergeben,
In Wahrheit nur betäubt gewesen,
Von seinem Scheintod aufgewacht
Am nächsten Tag und bald genesen.
Er schwor, von Racheglut entfacht
Und vollgepfropft mit Gift und Geifer,
Er wolle vor Vergeltungseifer
Nicht rasten fürder und nicht rosten,
Und drum begann zum drittenmal
Er schleunigst über Berg und Tal
Die Reise nach dem fernen Osten.
Nach einem ganzen Wanderjahr
Voll Mühe, Drangsal und Gefahr
Kaum in der Hauptstadt angekommen,
War er nach einem neuen Kniff
Umschau zu halten im Begriff.
Er hörte dort von einer frommen,
Betagten Wundertäterin
Erzählen, die Fatime hieß
Und sich mit schlicht erhabnem Sinn
Der stillen Andacht überließ
In einer abgeschiednen Klause.
Durch Gassen, die man ihm beschrieb,
Schlich er zu ihrem kleinen Hause
Bei dunkler Nachtzeit wie ein Dieb,
Drang in ihr ärmlich Zimmer, weckte
Mit rohem Schütteln die Erschreckte,
Hielt einen Dolch ihr vor und sprach:
"Du sollst entseelt sogleich erblassen,
Kommst du nicht meiner Vorschrift nach!"
Sie mußt' ihm ihre Kleider lassen
Sowie den Schleier und die Haube,
Nebst dem geweihten Rosenkranz.
Obwohl dem Räuber sie sich ganz
Willfährig zeigte, ja, zum Raube
Hilfreich sogar die Hand ihm bot,
Stach er sie vorsichtshalber tot.
Sodann vor einem Spiegel schor
Den Bart sich weg der Halsabschneider,
Warf sich in seines Opfers Kleider,
Und als die Sonne stieg empor,
Trat er verschleiert auf die Gasse.
Der eine sprach zum andern: "Schau,
Dort geht einher die fromme Frau,"
Und eine große Menschenmasse
Umgab ihn rings voll Dankgefühl
Und folgte, Segenswünsche hegend,
Ihm nach bis in des Schlosses Gegend.—
Als die Prinzessin das Gewühl,
Vom Kuppelsaal herunterlugend,
Wahrnahm und obendrein erfuhr,
Daß all dies bunte Volk der Spur
Fatimens folge, deren Tugend
Und Heiligkeit ihr längst bekannt
Als der Verehrung Gegenstand
Und als das Vorbild frommer Sitten,
Da dachte sie, daß ihr gezieme,
Die Frau zu sich heraufzubitten.
Kam eine Botin, sie zu holen.
Der Zaubrer, nicht an seinem Sieg
Mehr zweifelnd, schmunzelte verstohlen,
Als er mit ihr den Saal erstieg,
Und fing, nachdem er ihn betreten,
Mit solcher Inbrunst an zu beten,
Daß die Prinzessin sich verneigte
Voll Ehrerbietung. Da der Schlimme
Sie ansprach mit verstellter Stimme,
Sowie nur hinter Schleiern zeigte
Sein glattgeschorenes Gesicht,
Erkannt' ihn Bedrulbudur nicht
Und sprach "Laß mich die Gunst begehren,
Fatime, daß du dauernd weilst
An unserm Herd und gute Lehren
Zu frommem Wandel mir erteilst."
Der abgefeimte Tückebold
Erklärte gern sich einverstanden;
Das war es ja, was er gewollt!
"Ein stilles Zimmer ist vorhanden
Im Schloß," fuhr die Prinzessin fort
In ihrer gläubigen Betonung,
"Und deiner Andacht wirst du dort
Obliegen können ohne Störung.
Erst aber mögest du mir ehrlich
Gestehn, wie dir das Schloß gefällt."
Der Zaubrer gab zur Antwort. "Schwerlich
Ist seinesgleichen auf der Welt;
Und dennoch, trotz der Raumverschwendung
Und dem Geschmack der Farbenwahl,
Bedrückt mich, daß in diesem Saal
Noch etwas mangelt zur Vollendung."
"Was ist es?" Scheinbar auf ihr Drängen
Erwiderte der Schuft: "Verzeih',
Von dieser Kuppel müßt' ein Ei
Des Vogels Roch herunterhängen."
Sie fragte, wo man das wohl fände.
Der Zaubrer drauf: "Gewaltig groß
Ist dieser Roch und nistet bloß
Auf Spitzen schroffer Bergeswände."
Sie dankte für den Rat und führte
Die falsche Heilige, noch immer
Nichtsahnend, selber auf ihr Zimmer.