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Allerhand Sprachdummheiten / Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen cover

Allerhand Sprachdummheiten / Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen

Chapter 174: Rücksichtnahme und Verzichtleistung
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About This Book

Der Text versammelt typische Fehler und unsichere Wendungen der deutschen Sprache und erläutert sie nach Wortbildung, Formenlehre und Satzbau geordnet. Er behandelt Deklinationen und Konjugationen, Plural- und Genitivformen, Steigerung, Partizipien, Präpositionen, Relativsätze, Tempus- und Modusfragen sowie zahlreiche Beispiele problematischer Formulierungen. Ziel ist weniger ein vollständiges Regelwerk als die Schärfung des Sprachgefühls: durch kritische Analyse und treffende Beispiele soll eine einfachere, natürlichere Ausdrucksweise gefördert werden. Das Werk ist als aufmerksam zu studierender Leitfaden gedacht, nicht als bloßes Nachschlagewerk.

Rücksichtnahme und Verzichtleistung

Erzeugnisse des Sprachschwulstes sind unter den Substantiven besonders die Zusammensetzungen mit nahme, die in neuerer Zeit so beliebt geworden sind: Parteinahme, Stellungnahme, Rücksichtnahme, Einsichtnahme, Anteilnahme, Abschriftnahme, sogar Einflußnahme und Rachenahme! Einige dieser Bildungen sind ganz überflüssig. Oder könnte es wirklich mißverstanden werden, wenn jemand sagt: er handelte ohne Rücksicht auf seine Freunde – lege mir die Papiere zur Einsicht vor – ich erhielt von ihm die Tafeln zur Abschrift? Wozu das -nahme? Offenbar soll es die Handlung ausdrücken. Aber die liegt doch schon in Rücksicht, Einsicht und Abschrift, fühlt man das gar nicht mehr? Recht töricht ist Einflußnahme, denn Einfluß hat man entweder, oder man gewinnt ihn, man kann ihn auch zu gewinnen suchen, sich ihn sogar anmaßen, aber man „nimmt“ ihn nicht. Anteilnahme (in Leipzig Ahnteilnahme ausgesprochen) ist nichts als eine häßliche Verbreiterung von Teilnahme. Man scheint sich jetzt einzubilden, Teilnahme sei auf traurige Ereignisse, Unglücksfälle, Todesfälle u. dgl. zu beschränken, in allen andern Fällen müsse es Anteilnahme heißen. Ein vernünftiger Grund zu einer solchen Unterscheidung liegt nicht vor. Es wäre doch lächerlich, wenn nicht auch bei einem freudigen Ereignis meine Teilnahme genügte; Parteinahme und Stellungnahme scheinen auf den ersten Blick unentbehrlich zu sein, aber doch nur deshalb, weil man immer in ein Substantiv zusammenquetschen zu müssen glaubt, was man mit dem Verbum sagen sollte.

Wie mit Rücksichtnahme aber verhält sichs auch mit Hilfeleistung und Verzichtleistung; Hilfe und Verzicht sagen genau dasselbe.