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Als ich noch der Waldbauernbub war. Band 2 / Für die Jugend ausgewählt aus den Schriften Roseggers vom Hamburger Jugendschriftenausschuß. cover

Als ich noch der Waldbauernbub war. Band 2 / Für die Jugend ausgewählt aus den Schriften Roseggers vom Hamburger Jugendschriftenausschuß.

Chapter 9: Von meiner Mutter.
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About This Book

An autobiographical narrator recalls childhood in a rural household through linked sketches that evoke seasonal rhythms, domestic chores, and village customs. Scenes include sleepless Advent nights, morning devotions, labor around the homestead, simple games and small misadventures, and tender portraits of relatives. The pieces blend vivid sensory detail and gentle humor with reflective moments about fear, faith, and belonging, moving between everyday routines and moments of imagination that shape youthful perspectives.

Von meiner Mutter.

In der Stadt Graz war der lustige Karneval. An den Abenden ein tolles Gedränge auf den Gassen, ein fast betäubendes Rasseln der Wagen, ein Johlen und Schreien, ein Flimmern und Leuchten aus den Gewölben und Auslagen und von den hundert Laternen und zahllosen Transparenten der Fenster. Gold und Silber, Seide und Damast funkelten aus den Glaskästen. Gesichtsmasken in allen Farben und Formen grinsten daneben. Ha, das Leben ist ja gar so toll. Ich eilte durch das Gedränge. Die Uhr am Schloßberge that sechs Schläge, so hell — sie überklangen alles Geräusch, sie widerhallten von den hohen, lichtdurchbrochenen Mauern der Häuser. Eine ernste Mahnerin ist der Ruf der Uhr; möge der Mensch auch kindisch spielen mit Flitter und Tändelei, sie rechnet ihm die Stunde vor und schenkt ihm nicht eine Minute.

Ich ging nach Hause in meine stille Stube und begab mich bald zur Ruhe.

Des andern Morgens lag das Winterglühen der Sonne auf den schneeigen Dächern, ich schrieb eben das Märchen auf von dem verlornen Kinde — als es an meiner Thür klopfte. Ein Mann trat herein und brachte mir folgendes Telegramm:

»Lieber Sohn, gestern Abends um sechs Uhr ist unsere liebe Mutter verschieden. Komme zu uns, wir erwarten Dich in größter Trübsal. Dein Vater.«

— Gestern Abends, als ich durch das Weltleben schritt, war es geschehen in der armen Hütte. Und zur sechsten Stunde.

Am andern Tag in der Morgenfrühe war ich im Pfarrdorfe. Allein trat ich den Weg an, über schneefunkelnde Höhen und durch lange Wälder, weit hinein in das einsame Gebirgsthal. Unzähligemale war ich den Weg gewandelt, immer hatte ich mich ergötzt an dem Glitzern des Schnees, an den funkelnden Eiszapfen, an den Schneemänteln der Baumäste, oder wenn es Sommerszeit war, an dem Grünen und Blühen und Duften, an dem Vogelsang, an den Tropfen des Lichtes, die niedersickerten zwischen den Ästen, an der Ruhe und tiefen Einsamkeit. Wie oft war ich hier mit der Mutter gegangen, als sie, noch gesund und blühend gewesen, und später, als sie durch Krankheit schon zum Krüppel gemacht, an meinem Arm einherwankte. — Und ich dachte auf diesem Waldweg an den Lebenslauf meiner Eltern.

Er war junger Mann im Waldhofe gewesen.

Die Leute heißen ihn den Lenz, nicht weil er so jung und blühend und heiter war wie der Lenz, sondern weil er Lorenz hieß.

Sein Vater war, bei einem Raufhandel schwer verletzt, nur kurze Zeit krank gewesen und eines frühen Todes gestorben.

Nun war der Lenz Besitzer des Waldhofes. Um die Traurigkeit seines Vaters wegen ein wenig in den Hintergrund zu drängen, that er etwas Gutes, er suchte sich ein Weib. Er nahm schier die Ärmste und Unbeachtetste, die im Waldthale war — ein Mädchen, das schauderlich schwarz war die ganze Woche hindurch, das aber am Sonntage doch ein gar zartes weißes Gesichtchen hatte. Es war das Kind einer Kohlenbrennerin, das für seine betagte Mutter arbeitete, seinen Vater aber nie gesehen hatte.

Ein Jahr nach der Hochzeit, im Sommer, schenkte die junge Waldbäuerin ihrem Lenz den Erstgebornen. Der erhielt den Namen Peter und läuft nun damit durch alle Welt, ein ewiges Kind.

Ihr Leben war so eigenartig, ihr Leben war so gut, ihr Leben hatte eine Dornenkrone.

Unser Hof war nicht klein und seiner Tage gut bestellt; aber meine Mutter spielte nicht die vornehme Bäuerin, sie war die Hausfrau und die Dienstmagd zugleich.

Meine Mutter war gelehrt, sie konnte »Drucklesen«; das hatte sie von einem Köhler gelernt. Sie kannte die biblische Geschichte auswendig, und sie wußte eine Unzahl von Sagen, Märchen und Liedern — das hatte sie von ihrer Mutter. Dabei war sie Beistand mit Rat und That, und sie verlor in keinem Unglücke den Kopf und wußte immer das Rechte. — »So hat's meine Mutter gethan, so hat's meine Mutter gesagt,« meinte sie stets, und das war ihre Lehre und Nachfolge, selbst als ihre Mutter schon lange im Kirchgarten ruhte. Freilich war zuweilen ein wenig Köhlerglaube dabei, aber in einer Gestalt, daß er nicht schadete, sondern daß er eine milde Poesie verbreitete über das arme Leben in den Waldhäusern.

Die Armen kannten meine Mutter weit und breit; umsonst klopfte keiner an ihrer Thür, hungrig ging keiner davon. Wen sie für wahrhaft arm hielt, und er bat um ein Stück Brot, so gab sie einen halben Laib, und bat er um ein »Gafterl« Mehl, so reichte sie ihm auch ein Stück Schmalz dazu. Und »gesegn' Euch's Gott!« sagte sie dazu, — das sagte sie immer.

»Wo werden wir hinkommen mit unserer Sach', wenn Du alles verschenkst?« sprach zu ihr mein Vater oft schier ungehalten.

»'leicht gar in den Himmel hinauf,« antwortete sie, »meine Mutter hat oft gesagt, jedes Vergeltsgott von den Armen graben die Engel in den heiligen Thron Gottes ein. Wie werden wir froh sein zu einer Zeit, wenn wir bei dem lieben Herrgott die Armen zu Fürbittern haben!«

Mein Vater fastete gern jeden Samstag und nahm oft keinen Bissen zu sich, ehe die Schatten zu wachsen anhuben. Er that das zu Ehren unserer lieben Frau.

»Ich sag, Lenz, ein solches Fasten hilft nichts für eine gute Meinung,« versetzte da meine Mutter zuweilen, »was Du heut dabei ersparst, das kannst Du morgen essen. Meine Mutter hat immer gesagt: was übrig bleibt durch das Fasten, das opfere der Armut Lasten. — Ich denk, sonst thut es nichts helfen.«

Mein Vater betete an den Abenden, besonders zur »Rosenkranzzeit«, an den Samstagen gern lange und laut, that aber dabei häufig allerhand Verrichtungen, als Schuhnageln, Beinkleider ausflicken, oder sich gar rasieren. Dabei verlor er nicht selten den Faden vom Gebet, so daß ihm meine Mutter die Dinge oft aus den Händen nahm und rief:

»Meiner Tag, was ist denn das für ein Beten! Knie zum Tisch und bet drei Vaterunser mit Fleiß, ist besser wie drei Rosenkränz', bei dem Dir unter dem Herumdalgern der bös' Feind die guten Gedanken stiehlt!«

Wenn zu Zeiten die Arbeit schwer war, so hielt meine Mutter viel auf einen guten Tisch. — »Wer lustig arbeitet, mag auch lustig essen,« meinte sie, »meine Mutter hat alleweil gesagt: wer sich nichts traut anzubringen, der traut sich auch nichts zu gewingen.«

Mein Vater nahm vorlieb mit schmaler Kost; er fürchtete immer den Ruin des Hauses.

Das waren in der Ehe die einzigen Zwistigkeiten. Aber sie griffen nicht tief. Sie äußerten sich nur gegeneinander; wenn der Vater mit fremden Leuten sprach, so pries er die Mutter; wenn die Mutter mit fremden Leuten sprach, so pries sie den Vater.

In der Kinderzucht waren sie eins. Arbeit und Gebet, Sparsamkeit und Redlichkeit waren unsere Hauptgebote.

Vom Vater bekam ich nur ein einzigmal ordentlich die Rute. Vor dem Hause hin war junger Lärchen- und Tannenanwuchs, der nach und nach so hoch emporwuchs, daß er die Aussicht auf die jenseitigen Berge verdeckte. Ich hatte aber diese Aussicht lieb, und ich meinte, auch der Vater müsse mir Dank wissen, wenn ich — wie ich damals ein unternehmender Knabe war — die Bäumchen umhieb. Und richtig, eines Nachmittags, als alle auf dem Felde waren, schlich ich mit einer Axt in das Wäldchen und hub an junge Bäume umzuhauen. Da kam zu guter Stunde mein Vater herbei; aber der Dank, den er mir wußte, sah wunderlich aus. »Leih mir die Hack', Bub!« sagte er ruhig. Ich dachte, jetzt greift er selber zu, um so besser, und gab ihm die Axt. Er haute damit eine Birkenrute ab und strich sie glatt über meinen Rücken. »Wart!« rief er, »wenn Du den jungen Wald umbringen willst? Er hat noch Ruten für Dich!«

Von meiner Mutter bekam ich die Rute auch ein einzigmal. Da stieß ich einmal — wie ich schon gern auf dem Herde saß, wenn die Mutter kochte — den vollen Suppentopf um, so daß das halbe Feuer gedämpft wurde und ich mir schier die bloßen Füßchen verbrannt hätte. Meine Mutter war den Augenblick nicht dagewesen, und als sie nun auf das mächtige Gezische herbeieilte, rief ich, feuerrot im Gesichte: »Die Katz', die Katz' hat den Suppentopf umgeworfen!«

»Ja, dieselb' Katz' hat zwei Füß' und kann lügen!« versetzte die Mutter und nahm mich und strich mich eine lange Zeit mit der Rute. »Wenn Du mir noch einmal lügst,« rief sie hernach, »so hau' ich Dich mit dem Ofengabelstiel!« Ein arges Wort! Aber die Ausführung ist — Gott Dank — nicht nötig geworden.

Hingegen wenn ich gut und folgsam war, so wurde ich belohnt. Mein Lohn waren Lieder, die sie mir sang, Märchen, die sie mir erzählte, wenn wir zusammen durch den Wald gingen oder sie abends an meinem Bett saß. Das Beste in mir — ich habe es von ihr. Sie hatte in sich eine ganze Welt voll Poesie.

Als nach und nach meine Brüder und Schwestern kamen, da hat uns die Mutter alle gleich geliebt, keines bevorzugt. Als hernach zweie in ihrer Kindheit starben, sah ich die Mutter das erste Mal weinen. Wir anderen weinten mit ihr und weinten fortan immer, so oft wir die Mutterthräne sahen.

Und das war von dieser Zeit an gar oft.

Zwei Jahre lag der Vater auf dem Krankenbette. Wir hatten Unglück an Hof und Feld, Hagel und Viehseuche kam, unsere Kornmühle brannte nieder.

Da weinte die Mutter im Verborgenen, daß wir Kinder es nicht hätten sehen sollen. Und sie arbeitete unablässig, sie grämte sich und wurde endlich krank. Die Ärzte der ganzen Gegend wurden herbeigezogen; sie konnten nicht helfen, aber gut rechnen; nur einer sagte:

»Ich nehme nichts von so armen Leuten.«

Jawohl, trotz aller Lustigkeit, die so oft gewesen, wir waren arme Leute geworden. Die Fahrnisse waren alle weg, von dem ganzen großen Besitztume blieb uns nichts als die Steuern.

Nun beschloß mein Vater, den verschuldeten Hof so gut als möglich zu veräußern. Aber die Mutter wollte nicht, sie arbeitete, wenn auch krank, allfort mit Müh und Fleiß und ließ die Hoffnung nicht sinken. Sie konnte den Gedanken nicht fassen, daß sie fort sollte von ihrer Heimstätte, von dem Geburtshause ihrer Kinder. Sie verleugnete ihre Krankheit, sie sagte, sie sei nie gesünder gewesen als nun, und sie wolle arbeiten für drei.

Meine Geschwister glaubten auch, sie könnten das Heimatshaus nicht lassen, dabei hatten sie kein gutes Paar Schuhe mehr anzuziehen. Und die Mutter, wenn sie einmal in die Pfarrkirche gehen wollte, mußte sich von irgend einem Holzknechtweib ein Jöpplein ausborgen, das noch keine Flicken hatte. Und von allem die höchste Pein war der Hochmut der Leute und der Hohn, wenn sie doch zuweilen eine Beihilfe leisteten. Sie hatten die Wohlthaten vergessen, welche meine Mutter einst nach ihrem Vermögen jedem angedeihen ließ. Damals war sie die geachtetste Bäuerin in den Waldhäusern. Aber — das Unglück frißt die Freunde! Das hatte auch ihre Mutter, die Köhlerin, oft gesagt.

Aus jener traurigen Zeit, da meine Mutter krank war, will ich hier ein Erlebnis erzählen. Es beginnt mit einem sonnenfreudigen Pfingsten.

An jenem sonnenfreudigen Pfingstmontag war sie neununddreißig Jahre alt gewesen. Es war lustig. Die Saaten standen grün auf den Feldern, und auf der hohen Weide grasten die Herden, die zwar nicht uns gehörten, sondern dem Nachbar, an denen wir uns aber doch freuten, weil sie munter und leibig waren. Mein Vater hatte die Steuer des vorigen Jahres bereits gezahlt, die wirtschaftlichen Verhältnisse, die während der mehrjährigen Krankheit des Vaters zerrüttet worden waren, schienen sich allmählich zu ordnen, und damit stiegen wir auch wieder im Ansehen der Leute. Wir gingen an diesem Tage zusammen über die Auen, und die Kleinen sammelten Blumen, und die Großen lobten durch ein heiteres Wort oder durch ein Lied die Werke unseres lieben Gottes. Da setzte sich die Mutter auf einen Stein und wollte sterben.

Wir schleppten sie nach Hause, wir legten sie aufs Bett, wo sie lange lag — wochenlang, monatelang. Alle Nachbarn kamen und brachten wohlgemeinten Trost; alle Ärzte der weiten Umgegend kamen und brachten wohlgemeinte Medizin. Die Kranke war, wie man hinter ihrem Rücken zugestand, vom Schlage gerührt, sie siechte. Als aber der kühle Herbst kam, da wurde ihr besser, sie lag nun tagsüber nicht mehr im Bette, sie saß auf der Ofenbank oder am Tische, wo die Kinder spielten, oder am Herde, wo sie den ungelenken Vater im Kochen unterwies. Sie war nicht heiter, und sie war nicht betrübt, sie war ruhig und hatte keine Klage — nur wenn sie allein war, machte sie bisweilen einen schweren Seufzer. So verging der Winter, es kam wieder das liebliche Pfingsten, und die Mutter war krank.

Da kam an diesem Feste die alte Riegelbergerin zu uns, die brachte etliche Semmeln mit, sie gab allerlei Hausmittel an und zählte kerngesunde Leute auf, die durch solche Hausmittel kerngesund geworden wären. Endlich fragte sie, ob wir nicht schon beim Stegthomerl gewesen wären?

Nein, bei dem wären wir freilich noch nicht gewesen.

Wesweg wir so nachlässig sein könnten und noch immer nicht beim Stegthomerl gewesen wären? Zu dem müsse man in einer solchen Krankheit doch zu allererst schicken!

Aber, es sei so viel weit dahin, wandte mein Vater ein.

»Und wenn es drei Tagreisen wäre, um die Gesundheit ist's nicht zu weit.«

»Das ist freilich wohl wahr, um die Gesundheit wär's nicht zu weit,« meinte mein Vater. »Und meinst, Riegelbergerin, daß er ihr helfen thät'?«

»Das Helfen, mein lieber Waldbauer, das steht bei Gott,« antwortete die Riegelbergerin in ihrer gewohnten Überlegenheit. »Wunder wirken kann auch der beste Arzt nicht. Aber kennen thut er's, der Stegthomerl, und sagen wird er's, ob noch eine Hilf' möglich ist oder nicht.«

Schon am nächsten Tage ging ein Bote hin über die Berge in das Thal, wo der Stegthomerl wohnte. Er ging früh aus, und er kam spät heim, und er brachte den Bescheid, der Stegthomerl hätte gesagt, er könne gar nichts sagen, so lange er die Kranke nicht selber sähe.

Am nächsten Tage ging ein anderer Bote (denn der erste war auf dem weiten Weg hinkend geworden), um den Stegthomerl zu holen. Er kam spät in der Nacht allein zurück und brachte den Bericht, der Stegthomerl gehe zu keinem Kranken, er sei selber nicht mehr jung, auch wolle er sich nicht wieder einsperren lassen, weil die geprüften Doktoren einen höllischen Brotneid hätten und selber jeden unter die Erde bringen möchten. Wenn die kranke Waldbäuerin zu ihm kommen wolle, so ließe sich vielleicht was machen. Aber nach laufe er den Kranken nicht.

Das war doch männlich gesprochen, und wir begriffen es alle mit einander, daß ein Mann, der seinen Wert kennt, sich nicht just wegwerfen wolle. Aber nun war eine große Bedrängnis. Das Wetter — allerdings — das war schön und warm, die Tage waren lang, die Mutter war auch bereit. Doch, konnten wir sie hinübertragen den viele Stunden langen Weg bis zum Stegthomerl? Es war keine Möglichkeit. Fahren? Wir hatten keinen Wagen, und das letzte Paar Zugochsen hatten uns die Gläubiger weggetrieben, bei denen während der Mutter Krankheit neuerdings angeklopft worden war. Die Nachbarn brauchten ihre Ochsen zu dieser Zeit auf dem Brachfelde. Der Knullbauer hatte zwei Pferde, er wollte sie leihen, aber sie kosteten für den Tag — der Vater schlug die Hände zusammen — fünf Gulden und den Hafer.

Und als wir um die kranke Mutter herum so betrübt dasaßen, nach Rat suchten und keinen fanden, ging die Thür auf und trat der Knabe des Straßenwirtes herein.

»Was willst denn Du, Bübel?« fragte mein Vater.

Das Bübel schlenkerte mit den Händen. »Ja,« sagte es, »der Samersteffel laßt sagen, wenn der Waldbauer sein Roß und Wagen haben will, so kann er's haben.«

»Wo ist denn der Samersteffel?«

»Bei uns sitzt er und hat sein Roß und Wagen bei uns eingestellt.«

Mein Vater sann ein wenig nach, was er sagen sollte; dann sagte er: »Der Steffel, der möcht mir einen schönen Preis mache; sag: ich ließe mich bedanken.«

Der Knabe ging, und nach einer Stunde kam der Samersteffel selber. Es war ein kleiner, wohlbeleibter Mann, der einst, so lange die Straße noch nicht gebaut war, über den Alpsteig mit einem Saumroß verschiedenerlei Dinge befördert hatte. Seit die Straße war, hatte er sich ein Steirerwäglein angeschafft, mit dem er Getreide, Salz, Most und Sonstiges transportierte, aber alles ums Geld, natürlich, weil er davon leben mußte, und nicht nur das, sondern auch reich werden wollte, um an der neuen Straße ein großes Wirtshaus zu bauen. Ein Gastwirt zu sein, das war sein Ideal, und er hatte auch das Zeug dazu, er war allfort bei Humor und hätte es schon verstanden seine Gäste zu unterhalten.

Heute aber, da er in unsere Stube trat, war er gar nicht bei Humor.

»Ihr macht unsereinem eine recht unnötige Mühe,« sagte er und setzte sich schnaufend auf die Wandbank. »Hast Du schon gehört, Waldbauer, daß ich mich Geschäfts wegen wem angekoppelt hab? Wirst so was von mir nicht gehört haben, weil ich's gottlob nicht vonnöten hab. Wenn ich mich aber einmal selber antrag, daß ich was führen will, so führ ich's umsonst. Ich hab gehört, daß Dein Weib zum Stegthomerl möcht und kein Fuhrwerk hat. Meine Mutter, Gott tröst ihre Seel, ist auch lang so krank gewesen, ich weiß, wie das ist, es ist ein Elend. Wenn's Euch recht ist, so führe ich morgen die Waldbäuerin hinüber zum Stegthomerl.«

Da sind wir alle wohl gar recht froh gewesen. Wir haben nicht weiter dran gedacht, ob die weite Fahrt nützen wird oder schaden, oder ob die neue Medizin angreifen wird, oder wie die Krankheit hernach ausgehen wird. Zum Stegthomerl, nur zum Stegthomerl, damit war uns alles gewonnen.

In der nächsten Frühe, als der Morgenstern zwischen den mächtig schwarzen Eschenbäumen herlugte, wurde ich geweckt. Der Vater mußte ja daheim bei der Wirtschaft bleiben, so sollte ich, der dreizehnjährige Junge, mit der Mutter sein, um darauf zu achten, daß ihr nichts widerfahre. Die Mutter saß schon bei ihrem Frühstück und that, als ob ihr die Milchsuppe rechtschaffen munde. Der Samersteffel und ich aßen eine Pfanne Sterz weg, und dann fuhren wir davon. Der Steffel saß auf dem Kutscherbänklein und redete laut seinem Rößlein zu, daß es heute einen Gescheiten machen und recht flink dreintraben solle, »damit wir die Waldbäuerin heimbringen, so lang es noch heut heißt.« Meine Mutter saß, in alle ihre Kleider und obendrein noch in den Wettermantel meines Vaters vermummt, auf einem Lederkissen, zu Füßen hatte sie Stroh, und über das Ganze lag eine schwere Bettdecke, aus der nur ein Teil ihres Hauptes ein wenig hervorschaute. Neben diesem Krankenbette saß ich und hatte ein schweres Herz.

Es war noch die frostige Nacht, über dem Wechselberg wurde der Himmel erst ein wenig blaß. Der Weg ging über die Auen dahin. — Jetzt erwachten die Vögel, jetzt begann die Herrlichkeit des Morgenrotes, jetzt stieg die große Sonne empor. Meine Mutter zog die Decke ein wenig zurück und schaute hinauf in die Sonne.

»Ich habe einen guten Trost,« flüsterte sie und suchte meine Hand anzufassen, »wenn der Sommer ein wenig mithilft und der Stegthomerl auch — ich bin ja doch noch nicht so alt ... was meinst, mein Kind, werd' ich gesunderweise noch einmal können die Welt anschauen?«

Ich war so zuversichtlich wie sie, mir war leicht geworden. Die Morgensonne! Die liebe, warme Morgensonne!

Die Mutter wurde gesprächig. »'s ist närrisch auch noch,« sagte sie auf einmal und lachte fast laut, »daß der Mensch so viel gern auf der Welt ist. Meine Leut' möchte ich halt wohl ungern verlassen. Mein Lenzel, Dein Vater, thät mir so viel derbarmen, wenn er niemand mehr hätte; die Kinder sind noch klein.«

»Ich werde jetzt doch schon ziemlich groß,« war mein Einwand.

Da wendete sich die Mutter mit dem Gesichte ganz zu mir und sagte: »Just Du, mein Peter, just Du machst mir die meisten Sorgen. Du kommst mir halt ganz anders vor, wie andere Buben in Deinen Jahren. Hast zur Arbeit keinen rechten Schick — heißt das, Schick schon, aber halt deutsch keine Freud. Ja, ja, wenn Du's auch leugnest, ich kenn Dir's an, Dich freut die Bauernarbeit nicht, Du tappst herum und willst was anders und weißt selber nicht was — schau, das ist gerade das Gefährlichst'. So wollt ich unseren Herrgott wohl schön bitten, daß er mich bei Dir laßt, daß ich Dich kann anhalten und bis ich weiß, was aus Dir wird.«

»Ein Fuhrmann wirst, gelt Bub?« rief der Steffel über seine Achsel her zu uns in den Wagen.

»Ein braver Fuhrmann, der arme Leut' thut führen, das wollt mir schon gefallen,« bemerkte meine Mutter; darauf schmunzelte der Steffel ein wenig.

Der Weg ging stark aufwärts und wurde steinig; der Steffel und ich gingen neben dem knarrenden Steirerwagen zu Fuß. Die Sonne war heiß geworden. Es war eine mühevolle Fahrt, und wir kamen nur langsam weiter. Als wir hoch oben durch die fast ebenen, aber finsteren Waldungen der Fischbacheralpe dahinfuhren, da hörten wir kein Wagenrad, denn der Erdboden war dicht mit Fichtennadeln besäet, nur daß die Räder bisweilen an eine Baumwurzel prallten. Die Vögel waren still geworden, denn über den Wipfeln lag der heiße Tag. Meine Mutter war eingeschlummert. Ich schaute in ihr blasses Gesicht und dachte: Der Stegthomerl wird schon ein gutes Mittel wissen; es ist doch ein Glück, daß wir zum Stegthomerl fahren können.

»Magst ein Trumm Brot, Peter?« fragte der Steffel.

»Ein Brot, das mag ich schon.«

Und wie ich hierauf das Stück Brot erhielt, lag auch ein Stück Speck drauf, und jetzt fing meine Bedrängnis an. Ich hielt das Ding lange in der Hand und schaute es an und schaute auf die Mutter hin; sie schlief. Den Steffel, der es so gut mit uns meinte, wollte ich nicht beleidigen. Da ich die Sache aber nicht so auf sich und auf meiner Hand belassen konnte, so hub ich endlich an, zuerst ganz leise, aber allmählich lauter: »Steffel!« zu rufen.

»Was willst denn?« fragte dieser endlich.

»Ich thät schön bitten,« sagte ich gar verzagt, »schön bitten, daß ich den Speck da nicht essen müßt'. Weil ich halt keinen Speck nicht mag.«

»Du weißt nicht, was gut ist,« lachte der Fuhrmann und befreite mich von meiner Not.

Endlich begann es bergab zu gehen, da holperte der Wagen auf den heißen Steinen, rüttelte die Kranke aus dem Schlaf, und die Sonne brannte ihr ins Mark hinein, und dabei fröstelte sie.

Murmelte der Steffel: »Der Stegthomerl muß schon ein höllisch guter Arzt sein, daß eine solche Fahrt der Mühe wert ist. Nur aushalten, Fuchsel, wir haben nimmer weit.«

Um den späten Mittag war's, als wir ins Thal kamen und vor dem Häuslein des Stegthomerl hielten.

Wir führten die Mutter in die dumpfig mürfelnde Stube, in der alle Fensterlein fest geschlossen waren, dort ließen wir sie auf die Bank nieder und fragten nach dem Thomerl.

Ein altes, brummiges Weib gab uns zur Antwort, der Thomerl wäre nicht da.

»Das sehen wir,« sagte der Steffel, »möchten nur wissen, wo er ist?«

»Kunnt's nit sagen.«

»Wann er kommt?«

»'leicht, daß er nimmer lang ausbleibt, 'leicht, daß er erst in der Nacht einmal kommt, 's ist möglich, daß er zum Schanzwirt gegangen ist.«

Die Alte ging aus der Stube, wir saßen da. Meine Mutter that einen schweren Atemzug.

Der Steffel ging der Alten nach und bat sie um einen Löffel warmer Suppe für die Kranke.

»Wo sollt' eins jetzt eine warme Suppe hernehmen; ist schon lang kein Feuer mehr auf dem Herd.« So der Bescheid. Da machte sich der Fuhrmann selber dran, Feuer zu schaffen, Milch zu suchen und zu kochen.

Die Mutter aß nur ein weniges von der Suppe, schob die Schüssel uns zu, daß auch wir was Warmes bekämen.

Als all das vorbei war, gab der Steffel dem Weib einen Silberzehner für die Milch und für das Heu, welches der Fuchs fraß.

Nach einer Stunde, während es in der Stube ein paarmal schier finster geworden war, weil draußen Wolken vor die Sonne zogen, trat der Stegthomerl endlich in die Stube. Es war ein kleiner, dünnbeiniger Mann, der aber einen großen Kopf, breite Achseln, eine sehr hohe Brust und einen tüchtigen Höcker hatte. Und der Kopf war in die Schultern gebohrt, so daß sich das Männlein allemal mit dem ganzen Körper umkehren mußte, so oft es den Kopf wenden wollte. Ich sehe ihn heute noch lebhaft, wie er zur Thür hereintrat und uns mit seinem weitläufigen, verdunsenen Gesichte zuerst scharf, dann lächelnd ansah.

Meine Mutter war sogleich unruhig geworden und suchte sich von ihrem Sitze zu erheben, um ihm ehrerbietig ihr Anliegen vorzutragen.

Der Thomerl winkte mit der Hand, sie möge das lassen, und sagte hernach mit etwas lallender Stimme: »Ich weiß schon, Du bist die Waldbäuerin aus dem Alpel, Dich hat vor einem Jahr der Schlag getroffen.«

»Der Schlag hat mich getroffen?« fragte die Kranke mit Schrecken.

»Hast weit und breit herumgedoktort, und jetzt, weil Dir sonst keiner helfen kann, kommst zu mir. Ist allemal so, versterbend kommen sie, und wenn nachher dem Stegthomerl seine Arznei nicht Wunder wirkt und der Kranke draufgeht, so heißt's dann: der Stegthomerl hat ihn umbracht.«

Diese Worte waren an und für sich ganz schrecklich zu hören, doch waren sie noch erträglich, weil sie mit lächelnder Miene gesagt wurden, und weil der Thomerl nun beisetzte: »Verhoff's, daß es mit Dir noch eine Ausnahme hat, Waldbäuerin. Ich werde Dich jetzt untersuchen.«

Fürs erste, selbstverständlich, fühlte er ihr den Puls. »Der hupft,« murmelte er, »der hupft.« Dann zog er ihr mit seinen breiten Fingern die Augenbrauen auseinander und guckte auf das Weiße hinein — und sagte nichts. Hierauf mußte sie den Nacken entblößen, und er legte sein Ohr dran — und sagte nichts. Ferner betrachtete er mit großer Aufmerksamkeit die Linien in der inneren Handfläche, erkundigte sich dann nach dem näheren Befinden der Kranken und fuhr fort, die Pulsadern und die Atemzüge zu untersuchen, so daß ich von der Gewissenhaftigkeit dieses Mannes sofort eine hohe Meinung gewann.

Und als er mit der Untersuchung fertig war, setzte er sich meiner, sich langsam wieder in ihre Tücher hüllenden Mutter gegenüber auf einen Stuhl, spreizte die Beine aus, bohrte sein Kinn in seinen Rumpf, und, die Arme über der Brust gekreuzt, sagte er: »Ja, meine liebe Waldbäuerin, Du mußt sterben.«

Meine Mutter zuckte leicht zusammen, ich sprang auf. Der Steffel aber blieb ganz gelassen auf seinem Platze sitzen, schaute eine Weile starr auf den Stegthomerl und sagte plötzlich: »Mußt Du nicht auch sterben? Nein, Du wirst hin, altes Kamel, gottverfluchtes!«

Jetzt war's die höchste Zeit. Wir packten eilig zusammen und fuhren heimwärts.

Es war schwül und schattig, der Himmel hatte sich mit Wolken bedeckt, es meldete sich kein Tier, es rührte sich kein Wipfelchen, unser Wagen knarrte schwerfällig dahin. Meine Mutter lag still in ihrer Ecke und schaute mit ihren großen, dunklen Augen die dämmernde Welt an.

Der Steffel saß wutschnaubend auf seinem Bock, allmählich jedoch wurde er ruhiger, und nun brummte er:

»Aber einen solchen Rausch haben!«

»Wer?« fragte ich.

»Ein solcher Rausch ist wirklich der Mühe wert, daß man eine Tagreise weit fahrt und ihn anschauen geht,« fuhr der Steffel fort. »Hab mir's ja sagen lassen, daß es selten soll nüchtern sein, das alte Kamel; und heut ist es geradewegs vom Schanzwirt gekommen.«

»'s wird wohl gut gewesen sein,« sagte nun meine Mutter, »wenn er nüchtern gewesen wäre, hätte er mir die Wahrheit vielleicht nicht gesagt.«

Und so sind wir schwer betrübt dahingefahren. Über den Bergen her hat der Donner gemurrt, ganz heiser und dumpf; aus der Ferne her hat die Wetterglocke von Fischbach geklungen. Da richtete sich meine Mutter auf und sagte: »Eins mußt mir zu Lieb thun, Peter, und den Steffel will ich auch bitten: dem Vater, meinem Mann, thut es nicht sagen, was der Stegthomerl gesagt hat.«

»Thät sich wahrlich nicht auszahlen, daß man so eine Narrenred' weiter sagt,« rief der Fuhrmann sehr laut, »aber zum Gericht geh ich! Verklagen geh ich ihn! Das thu ich!«

»Bitt' Dich gar schön, Steffel, laß das sein,« bat meine Mutter, »mußt nicht glauben, daß ich mir das Wort so schwer leg, ich hab mir's selber oftmals gedacht, mit mir wird's ausgehen, wie es mit allen serbenden (kränkelnden) Leuten ausgeht. Was kann der Stegthomerl dafür! Wir sind nicht zu ihm gefahren, daß wir uns von ihm anlügen lassen. Mich schmerzt es nur, daß wir ihn nicht einmal gefragt haben, was wir für die Aufrichtigkeit schuldig sind.«

Jetzt stieß der Steffel ein Lachen aus und ließ die Peitsche ein paarmal durch die Luft pfeifen, gleichwohl das Pferd nach Kräften seine Schuldigkeit that.

Als wir über die Höhen dahinfuhren, hatte sich das drohende Gewitter gänzlich verzogen, die untergehende Sonne schien mit einem weichen Goldglanze auf die weite Gegend hin, über Wald und Auen, und ein erquickender Hauch floß in unsere Brust.

Auf der blassen Wange meiner Mutter lag eine helle Thräne.

Als wir schweigsam und müde über unsere Auen fuhren, standen die Sterne am Himmel. Allerwärts im Grase rieselte das Lied der Heimchen. An der Zaunschranke, wo unsere Halde anhub, stand eine schwarze Gestalt, welche uns ansprach, ob wir's wären?

Mein Vater war's, der uns entgegengekommen. Meine Mutter nannte ihn beim Namen; die Stimme war weich und zitternd.

Der Vater geleitete uns in das Haus, ohne eine Frage zu thun.

Erst als wir in der Stube waren und das Spanlicht brannte, fragte er mit Befangenheit, wie es uns denn ergangen wäre?

»Nicht schlecht,« sagte der Steffel, »gar nicht schlecht; wir sind recht munter gewesen.«

»Und der Stegthomerl — was hat er denn gesagt?«

»Der hat gesagt, daß auch die Waldbäuerin nicht ewig leben wird, daß es mit ihr aber noch lang Zeit hat — noch lang. Nur schön achtgeben; zur Sommerszeit hübsch in der guten Luft sein, nicht anstrengen und nicht aufregen, gut essen und trinken und keine Medizin — nur keine Medizin, hat er gesagt. Nachher wird's schon wieder gut werden.« —

Darauf verging eine Zeit. Mein Vater trachtete nach dem Ausspruche des Steffels, von dem er glaubte, daß es der Ausspruch des Stegthomerl wäre, die Mutter zu pflegen, und als der Winter kam, saß sie am Spinnrocken und spann. Die Maus hatte den Faden nicht entzwei gebissen.

Im selbigen Winter kam die Nachricht, daß unweit des Schanzwirt auf der Fischbacheralpe der Stegthomerl erfroren unter dem Schnee gefunden worden sei. Wir beteten für ihn ein Vaterunser.

Der Samersteffel, der bisweilen zu uns kam und stets der gute, heitere Mann blieb, hatte dem Thomerl auch verziehen und zwar einzig nur, weil dieser damals Unrecht gehabt.

Mir fehlte — um nun wieder auf unsere übrigen Verhältnisse zurückzukommen — alle Freude an dem Bauernstande und freilich auch die Kraft dazu. Ich ging denn zu einem Handwerk, aber den Eltern konnte ich nicht helfen. Die Sonntagskost, die ich daheim hatte, wollte ich meinem Vater zahlen, er nahm nichts, er sagte, ich sei nach wie vor sein Kind, nur nicht so viel Späne brennen sollte ich in den Samstagnächten, wenn ich zu Hause wäre.

»Mein, so laß ihm die Freud, er hat sonst auch keine«, sagte da die Mutter und war meine Fürbitterin.

Da wurde es mit mir anders. Ich ging in die Welt.

Der Abschied von meiner Mutter war hart, aber nach kurzer Zeit hatte sie es erfahren, daß mein Leben ein glücklicheres geworden.

Wie nun das Glück da war, so kam bald der Neid herangehumpelt — oder die Dummheit? Ein Gerücht ging in den Waldbergen: »Es wär so weit schon recht mit dem Peter, aber wie's eben geht in der Stadt, vom christlichen Glauben wird er abfallen.« Und bald hieß es weiter: »Saubere Geschichten das! Wird ihm auf einmal die ehrlich' Arbeit zu schwer und die rechtschaffen' Kost zu schlecht, geht in die Stadt und ißt Fleisch am Tag unserer lieben Frau und fällt ab vom Glauben.«

Meine Mutter hatte zuerst gelacht, als sie das hörte, sie kannte ja ihr Kind. Dann kam ihr aber der Gedanke: Wenn's denn doch wäre! Wenn ihr liebes Kind denn doch auf Gott vergäße und verloren ginge!

Sie hatte keine Ruhe, sie ging und borgte Kleider aus von der blinden Jula und borgte von einer gutherzigen Hausiererin drei Gulden und reiste — krank und hinfällig, an jeder Hand einen Stock — in die Hauptstadt. Sie wollte sich überzeugen, was Wahres war an der Leute Gerede. Sie fand ihr Kind als armen Studenten in schwarzem, geschenktem Rock und mit zurückgekämmten Haaren. Das gefiel ihr schon nicht recht, doch gelang es, sie zu beruhigen. Aber sie sah in den zwei Tagen ihres Aufenthalts in der Stadt überall das tolle, leichtsinnige Treiben, sah Außerachtlassung von alten, ihr ehrwürdigen Gebräuchen und Spott über Dinge, die ihr heilig waren, und sie sagte zu mir: »Unter solchen Leuten wirst doch nicht bleiben können, Kind, sie thäten Dich zu Grunde richten.«

»Nein, Mutter,« antwortete ich, »denken kann man, was man will, und gute Gedanken können die Leute nicht rauben.«

Sie schwieg. Aber als sie zurückkam in die Waldberge und wieder das Gerede hörte, war sie gebrochener als je. —

Mit der Wirtschaft war es nun entschieden. Haus und Hof wurden veräußert, den Gläubigern überlassen; meine Geschwister verdingten sich an fremde Bauern. Den hilflosen Eltern wurde ein Häuschen angewiesen, das bisher zum Gute gehörte. Mein jüngster Bruder, der noch nicht im stande war, sich das Brot zu erwerben, und eine Schwester blieben bei ihnen und übten Pflege an der armen Mutter. Der Vater ging allweg über die Berge zu den Ärzten und verschrieb ihnen schier sein Leben, wenn sie jenes seiner Gattin retten könnten.

In dem Häuschen sah es armselig aus. Die Kranke duldete still. Ihr Augenlicht wollte sie verlassen, ihr Denkvermögen wollte sich auflösen. Der Tod klopfte in wiederholten Schlaganfällen an ihr Herz. Oft schien sie schwer zu leiden, aber sie schwieg; sie hatte nichts mehr mit der Welt — nur nach ihrem Gatten, nur nach ihren Kindern fragte sie. — Es war ein jahrelanges Sterben.

Ich habe sie in dieser Zeit oft besucht.

Sie erkannte mich kaum, wenn ich an ihrem Bette stand; dann sagte sie doch wieder wie im Traume: »Bist Du's, Peterl? Gott sei Lob und Dank, daß Du wieder da bist!«

Im Hochsommer trugen wir sie einmal mitsamt dem Bette aus der dumpfen Stube in das Freie, daß sie noch einmal den Sonnenschein sehen sollte. Ich weiß nicht, ob sie ihn sah, sie hielt das Auge offen und blickte die Sonne an, die Sehnerven schienen erstorben zu sein.

Da kamen plötzlich Tage, da sie umgewandelt war. Sie war heiter und verlangte in das Freie.

»Wirst mir doch wohl wieder gesund, Maria, und wir bleiben noch eine lange Weil beisammen,« sagte ihr Gatte.

»Ja,« antwortete sie. —-

Das alles hatte ich auf diesem Waldwege überdacht — und jetzt war es vorbei mit diesem armen reichen Leben.

Als ich endlich nach stundenlangem Wandern durch die Wälder des Alpsteigs das strohgedeckte Häuschen am Berghange sah, da war es wie ein bläulicher Schatten über Wald und Feld und allem, und doch lag der Sonnentag darüber. Aus dem kleinen Rauchfange stieg ein grauer Hauch. — Ahnt sie's, daß ich komme, kocht sie mir meine Lieblingsspeise? — Nein, fremde Leute bereiten ein Totenmahl.

Lange standest du vor der angelehnten Hausthür, deine Hand zitterte, als sie sich endlich an die Holzklinke legte. Da ging die Thür auf, da tratest du ein, da war es dunkel in der engen Vorlauben, nur ein mattes Öllämplein flatterte in einem Glase, und da sahest du's wohl — an der Wand, unter der räucherigen Bodenstiege, auf einem Brette lag die Bahre, ganz zugedeckt mit einem großen weißen Tuche. Zu Häupten stand ein Kruzifix und die Schale Weihwasser mit einem Tannenzweig ..

Da fielst du nieder aufs Knie ... Endlich kam die Thräne. Die Thräne, die uns einst das Mutterherz mitgegeben auf die Welt zur Linderung im Leid und zum einzigen Trost in der Stunde, wo kein anderes Heil der Seele naht, wo die Freunde uns nicht verstehen können und das Mutterherz gebrochen ist. O, sei gegrüßt, du reiches, ewiges Erbe!

Jetzt ging leise die Stubenthür auf, und Maria, die jüngste Schwester, trat heraus. Sogleich hub das Mädchen laut zu weinen an, als es den Bruder sah, von dem sie alle so oft gesprochen, nach dem der Mutter letzter Blick gefragt, und der in der Ferne war, als sie das Auge schloß. Nun lag er da und weinte um ihre Lebenszeit.

Selbst ihre Kinder daheim hatten geschlafen in der Sterbenacht. Erst als das Morgenrot durch die Fensterchen leuchtete, ging der Vater zu ihnen in die Kammer und sagte: »Thut die Augen auf und schaut, über den Wechsel steigt schon die Sonne herauf, und unsere liebe Frau thut drin sitzen mit dem heiligen Christkindlein, und auf dem Schemel zu ihren Füßen sitzt eure Mutter und thut aus einem Rocken das himmlische Kleid spinnen.«

Da wußten sie's gleich, es war die Mutter gestorben.

»Willst Du sie anschauen?« fragte mich jetzt die Schwester. Dann trat sie an das Haupt der Bahre und hob langsam das Leintuch.

Ich sah meine Mutter, noch auf ihrem erstarrten Antlitz lag das Heil. Die Last war weg von meinem Herzen, erleichtert und getröstet, als ob ich auf eine weiße Blume blickte, schaute ich die lieben Züge. Das war ja nicht mehr das arme, kranke, mühselige Weib, das war das von einem Strahle aus längst vergangenen Jugendtagen verklärte Angesicht. Sie lag da im Schlummer und war gesund. Sie war wieder jung und weiß und milde, sie lächelte ein wenig, wie sie gern that, wenn sie auf den kleinen lustigen Knaben blickte, der sich mit seinen Spielzeugen zu ihren Füßen umhertrollte. Die dunkeln, glänzenden Haare (sie hatte noch kein graues) waren ihr sorgsam gewunden und guckten an den Schläfen etwas hervor aus dem braunen Kopftuche — wie sie's immer gern hatte, wenn sie an den Festtagen zur Kirche ging. Die Hände hielt sie gefaltet über der Brust mit dem Rosenkranze und mit dem Wachsstocke. Als wie wenn sie eingeschlummert wäre in der Kirche am Pfingstsonntage während des freudenreichen Hochamtes, so lag sie da, und noch im Tode tröstete sie ihr Kind.

Aber an den rauhen Händen sah man's wohl, daß die Schlummernde durch ein mühevolles Leben geführt worden war. So standest du vor diesem heiligen Bilde — fast so still und regungslos wie die Ruhende.

Endlich flüstertest du zu dem leise weinenden Schwesterlein: »Wer hat ihr die Augen zugemacht?« —

In der Stube erschallten Hammerschläge. Der Schreiner zimmerte das letzte Haus.

Endlich hüllte Maria das Leintuch wieder über das Haupt, so sanft, so sorglich, wie sie hundert- und hundertmal das Mütterlein zugedeckt hatte in der langen Zeit des Siechtums.

Dann trat ich in die kleine, warme Stube. Der Vater, die ältere Schwester, die beiden Brüder, wovon der jüngere noch ein Knabe war, traten mir betrübt entgegen. Sie sagten kaum ein Wort, sie reichten mir die Hand, bis auf den Kleinen, der duckte sich im Ofenwinkel, und man hörte sein Schluchzen.

Der Zimmermann-Sepp hobelte gleichmütig an dem bereits zusammengefügten Sarg und rauchte dabei eine Pfeife. —

Später, als draußen schon die Schatten des Nachmittags gewachsen waren weit über die schneeglitzernde Wiese hin, als in der Stube der Sepp auf den Deckel des Sarges das schwarze Kreuz zeichnete, saß der Vater neben demselben und sagte leise: »Wie's Gott will. — Jetzt hat sie doch wieder ein eigenes Haus.«

Am ersten Tage nach der Mutter Sterben war kein Feuer gemacht worden auf dem Herde der Hütte. Allmiteinander hatten sie vergessen, daß der Mensch zum Morgen, zum Mittag wohl eine warme Suppe ißt. Hingegen war auf dem Anger hinter dem Häuschen ein hellflammendes Feuer angezündet, um das Bettstroh zu verbrennen, auf welchem sie gestorben war. — Wie voreinstmal die Vorfahren ihre Wuotansfeuer haben entfacht, den teuren Verstorbenen der Göttin Hell, der Bergenden, empfehlend.

Ich hatte mich auf die Bank gesetzt und das Brüderchen zu mir emporgehoben. Der Kleine blickte völlig furchtsam zu mir auf, ich hatte einen schwarzen Rock an und eine weiße Halsbinde um, ich kam ihm so vornehm vor. Seine kleine Hand, die auch schon Schwielen hatte, hielt ich in der meinen. Dann bat ich den Vater, daß er etwas erzähle aus dem Leben unserer Mutter.

»Wartet ein wenig,« antwortete der Vater und sah wie träumend der Zeichnung des Kreuzes zu. Endlich that er einen tiefen Atemzug und sagte: »So, jetzt wär's fertig. Wohl lang hat ihr Kreuz und Leiden gedauert, aber das Leben ist kurz gewesen. Kinder, das sag ich Euch, jeder hat keine solche Mutter, wie die euere ist gewesen. Für Dich, Peter, hätt' sie schier das Leben aufopfern müssen, wie Du bist auf die Welt gekommen. So sind sie drauf gekommen nacheinander, die Freuden und Leiden, die Sorg und Not — das Elend! Und wie ich krank gewesen bin auf den Tod und die Ärzte all' gesagt haben, ich müßt' fort, es gäb' kein Mittel mehr, hat mein Weib die Hoffnung nicht aufgegeben, hat mich nicht verlassen. Tag und Nacht ist sie bei mir gewesen, hat auf ihren Schlaf vergessen und auf ihren Bissen Brot. Schier mit ihrem Atem hat sie mir das Leben eingegossen — mein gutes Weib. — —«

Die Stimme wollte ihm brechen, mit dem Rockärmel wischte er sich das Nasse aus den Augen.

»Was eine gute Wartung ist, das sollt' eins nicht glauben,« fuhr er fort, »gesund bin ich wieder worden. Wir haben fortgelebt in der Treu'; daß Du, Peter, in der Fremde Dein Glück hast gefunden, das ist Deiner Mutter größte Freud' gewesen. Wie sie krank und serbend ist gelegen an die zehn Jahre und drüber, wie sie uns haben hinausgestoßen aus unserem Haus, wie das schlechte Gered' ist gewesen, und wie wir doch das größte Vertrau' gehabt haben zu Euch Kindern, das wisset Ihr ja selber. Völlig dreißig Jahr sind wir beisammen gewesen im Ehestande. Allweg hab ich gebetet, mich sollt' der lieb' Herrgott zuerst nehmen, jetzt hat er sie doch noch lieber gehabt. — Müsset nicht so weinen, Kinder, Ihr seid Eurer Mutter beigestanden.« —

Weiter sprach er nicht.

Als der Sarg gezimmert war, legte der Vater Hobelspäne als Hauptkissen hinein. Er hatte immer die Gewohnheit gehabt, daß er nach gethaner Arbeit zu seinem Weibe ging und sagte: »Jetzt bin ich fertig.« Als er nun die Hobelspäne zurecht geschichtet und auch die übrigen Vorbereitungen gethan hatte, ging er in die Lauben zur Bahre und sagte: »Jetzt bin ich fertig.«

Am späten Abend, als auf dem tiefdunkeln, klaren Himmel der Halbmond stand und sein Dämmerlicht ergoß über die Wälder und schneeschimmernden Auen und über das Waldhäuschen am Hange, da winselte allfort der Schnee am Wege, da kamen aus Bauernhöfen und fernen Hütten Leute herbei. Wenn sie auf den Wegen, die sie gekommen, auch laute, heitere Gespräche miteinander geführt hatten, so wurden sie doch jetzt, da sie dem Häuschen nahten, schweigsam, und man hörte nur das Knistern ihrer Tritte im Schnee.

In der kleinen Vorlauben, die durch das Lämplein matt beleuchtet war, kniete jeder hin auf den kalten Lehmboden und betete still vor der Bahre und besprengte sie dann mit Weihwasser. Hernach ging er in die Stube zu den anderen, die da um den Tisch und den Ofen herumsaßen, Lieder sangen und geistlichen Betrachtungen oblagen. Sie waren alle da, um die arme Häuslerin zur letzten Ruhestätte zu begleiten.

Ich hätte, wären die Leute nicht dagewesen, allfort an der Bahre stehen und die Mutter ansehen mögen. Ich las in ihren Zügen meine Kindheit und meine Jugend. Ich meinte, noch einmal werde sich das klare Auge öffnen und mich anlächeln, noch einmal werde mir das Wort fließen von diesen Lippen, das in ihrer Liebfreude so weich und herzensreich war gewesen. Aber wie ich auch ihr lieber Sohn gewesen war, und wie lange ich noch stehen mochte bei ihr — sie schlief den ewigen Schlaf.

Ich ging in die niedere Küche, wo die Nachbarinnen das Totenmahl kochten, ich suchte im Rauche herum die Geschwister, auf daß ich sie tröstete.

Drin in der Stube war jetzt alles mäuschenstill und in großer Spannung. Der alte Jäger Mathias, der ein braunes Hemd und einen weißen Bart trug, saß am Tische und erzählte eine Geschichte.

»Ist einmal ein Bauer gewesen,« begann er, »und der hat ein Weib gehabt, gar ein armes, krankes Weib. Und einmal, an einem heiligen Ostermorgen, da ist ihm das Weib gestorben. Wie die Seel' von dem Leib abgeschieden ist gewesen, da ist sie dagestanden ganz mutterseelenallein in der finsteren Ewigkeit. Kein Engel hat wollen kommen und sie führen und weisen hinein in das himmlische Paradies. Christi Auferstehung wird gefeiert im Himmel, hat es geheißen, und da hat kein Engel und kein Heiliger Zeit für die arme Seel', daß er sie thät weisen. Die arme Seel' aber ist gewesen in unaussprechlicher Angst, sie hat bedacht, daß sie ihrer Krankheit wegen schon lange in keine Kirche hat kommen mögen. Und sie hat schon allweg die Teufel winseln und pfeifen gehört, und sie hat gemeint, jetzt ist sie verloren. O mein heiliger Schutzengel und Namenspatron! hat sie gerufen, kommt mir zu Hilf in dieser Not, sonst muß ich hinab in die Höllenglut! — Aber sie sind halt alle beisammen gewesen im Himmel bei der Auferstehung Christi. Darauf ist das arme Weib schon zum Hinsinken gewesen ohne Trost und Beistand, aber auf einmal ist unsere liebe Frau gestanden an ihrer Seiten, gehüllt wohl in ein schneeweißes Kleid und in der Hand zur schönen Zier einen Kranz von Rosen. Sei gegrüßt und sei getröstet, Du armes Weib! hat sie lieblich gesagt zur abgeschiedenen Seel', Du bist eine fromme Dulderin gewesen all Deiner Tage lang, und an jedem Samstag mein hast Du gefastet mir zu Lieb, und das, was Dir dadurch übrig geblieben, hast Du den Armen gereicht, mir zu Lieb. Das will ich Dir nimmer vergessen, und wenn mein lieber Sohn seine glorreiche Auferstehung feiert an diesem Tage, so will ich Deiner gedenken und Dich hinaufführen zu seinem goldenen Thron und zu Deinem freudenreichen Platz im Rosengarten bei den Engelein, den ich bereitet habe Dir zu Lieb, und wo Du kannst warten auf Mann und Kinder. Und darauf hat unsere liebe Frau das arme Weib bei der Hand genommen und hinaufgeführt in den Himmel. — Deswegen sag ich, ein Fasten und ein Almosen zu Ehren unserer lieben Frau ist gar ein gutes Werk.«

So erzählte der Mathias im braunen Hemde.

»Auch unsere Waldbäuerin, die wir morgen bestatten, hat gern gefastet,« sagte ein Weiblein, »und rechtschaffen gern gegeben.«

Der Vater schluchzte vor Rührung. Der Gedanke, daß seine Gattin nun im Himmel sei, legte ein gar liebliches Licht in sein betrübtes Herz.

Die alte rußgebräunte Hängeuhr — das war dieselbe, welche seit dem fröhlichen Hochzeitstage des Waldbauers alle Stunden getreulich gezählt, die freudvollen und die leidvollen; welche die erste Stunde wies, als voreinst das Knäblein geboren wurde in der Sonntagsfrühe; welche nun nach vielen Jahren die sechste Stunde zeigte, als der Erlösungsengel durch die Stube zog und seinen Kuß der Dulderin auf die Stirne drückte — die Hängeuhr rückte ihren Zeiger jetzt gegen zwölf.

Und als so ein vergangenes Leben gemessen war wie ein einziger Tag von Sonnenaufgang bis Niedergang — da sagte mein Vater: »Bub, geh hinaus in den Stall, und leg Dich ein Stündlein aufs Stroh, daß Du ein wenig magst rasten. Wenn es Zeit ist, will ich Dich schon wecken.«

Ich ging hinaus, that in der Lauben noch einen Blick auf die Bahre und trat dann in die freie, kalte, sternenvolle Nacht. Die Mondessichel war hinter die Wälder gesunken; ihren letzten Strahl hatte sie noch durch die Thürfuge gleiten lassen auf das Bahrtuch — morgen, wenn sie wieder aufging, war dieses arme Menschenwesen ja schon in der dunkeln Erde. —

So lag ich nun im Stalle auf dem Stroh, wo sonst meine zwei Brüder schliefen. Neben mir, an Hängketten standen oder saßen die drei Rinder und scharrten im Wiederkäuen mit den Zähnen. Es war eine dunstige Wärme in dem Stalle, und von der halbmorschen Decke tropfte es nieder auf mein Strohlager.

Voreinst — ja, da zitterten wohl auch die Tropfen nieder, die Tautropfen von den Bäumen, als dich die Mutter zur ersten Kommunion führte. Du hast ein neues Jöpplein an, und auf deinem Hut steckt ein frischer Rosmarin. Über dem Brustfleck am Halse schaut das schneeweiße Hemdchen heraus, und die Wangen sind rosenrot vor lauter Waschen. Die Mutter hat ein hellfarbiges Kleid, ein braunes Vortuch und eine schwarze, knappanliegende Joppe an. Das breite Halstuch ist von roter Seide und leuchtet wie Glut und Flamme. Ein grünweißes Blumensträußchen wächst aus dem Busen hervor. Auf dem Haupte trägt sie eine hohe, kostbare Goldhaube, wie sie damals Mode war im ganzen Lande; und an beiden Seiten der Stirne gucken die Locken hervor, schwarzglänzend wie die zwei großen Augensterne und zart und weich wie die Wimpern an den Lidern. Die Wangen sind angehaucht von dem Morgenrote, das Kinn ist weiß und lieblich gebogen. Die roten Lippen lächeln ein wenig und grollen dabei, weil du gar so vorwitzig hüpfest, Kleiner, über die Steine und Baumwurzeln und dabei die Nägel aus den Schuhen trittst. — Aber in ihrer blühendsten Schöne hat noch kein Kind seine Mutter gesehen; und doch, wie ist es so lustig, Knabe! Da glitzert es im Wald und leuchtet in den grünen Lärchenbäumen, und da duftet das Blühen, und die Vöglein singen auf allen Wipfeln. Kindeszeit, Maienzeit! —

Dumpfe Schläge weckten mich aus meinem Traume, ich fuhr empor. Jetzt legen sie die Mutter in den Sarg, jetzt hämmern sie den Deckel darauf. —

Ich stürzte aus dem Stalle und in das Haus. Da stand in der Lauben der weiße, schlanke, zugedeckte Sarg, und die mattflackernde Öllampe beleuchtete nur mehr das leere, öde Bahrbrett.

.... Ich hätte sie gern noch einmal gesehen.

Die Leute bereiteten die Trage. Der Vater kniete hinter der Thür und betete; die Schwestern weinten in ihre Schürzen, und der kleine Bruder schluchzte so sehr. Ach, er wollte das Weinen zurückhalten; hatte er doch gehört, für die Mutter sei es am besten so, und sie sei nun in der himmlischen Freude — er hatte ein bißchen gelächelt dazu, aber nun, da sich die Leute anschickten, die Mutter hinauszutragen und fort für alle Ewigkeit, war der Trost vergessen in dem kleinen, bedrängten Herzen.

Ich nahm das Brüderlein an der Hand, und wir gingen in die dunkle, hinterste Ecke der Stube, wo sonst niemand war, wo nur die kranke Mutter gern gewesen. Dort setzten wir uns auf die Bank. Und dort saßen wir, während draußen alles vorbereitet wurde, während sich die Leute zu Tische setzten und das Totenmahl verzehrten.

Sie waren gekommen, um Leid zu tragen mit uns; jetzt aßen sie, jetzt lachten sie, und dann thaten sie wieder, wie's der Gebrauch war und sie freuten sich schier, daß wieder einmal einer gestorben war und ihnen dadurch Abwechslung in das alltägliche Leben brachte.

Plötzlich wurden draußen laute Worte gesprochen: »Wo ist der Überthan? Wir finden den Überthan nicht!«

Der Überthan ist ein dünnes Leinengewebe, welches als ein Schleier über den Sarg gehüllt wird und nach dem Glauben des Volkes am jüngsten Tage dem Auferstehenden als Überkleid dient.

Der Vater wurde durch den Ruf von seinem Gebete aufgeschreckt; jetzt torkelte er herum und suchte die Leinwand in seinem Kasten, auf den Wandstellen und in allen Winkeln. Er hatte sie ja gestern nach Hause gebracht, und jetzt war sie nirgends zu finden. Er wußte auch nicht, wo ihm der Kopf stand — jetzt sollte er sorgen, daß alle zum Mahle kämen, jetzt sollte er sich umkleiden zum Kirchgange, jetzt sollte er seine Kinder beruhigen, jetzt sollte er eine frische Kerze auftreiben, weil die alte schon auf den Grund gebrannt war und die Leute in das Finstere zu kommen drohten, jetzt sollte er gar in den Stall gehen und die Rinder füttern für den ganzen Tag, da niemand daheim sein würde — und jetzt sollte er sagen, wo er gestern in seiner Wirrnis den Überthan hingelegt hatte. — Und in den nächsten Minuten trugen sie sein Weib aus dem Hause.

Alles kam in Aufregung. »So hat der Alte keinen Überthan,« murrten sie, »das hat man auch noch nicht gesehen, daß eine Totentruhen nackt und bloß davongetragen wird, aber bei der armen Waldbäuerin muß es wahr sein: elend gelebt und elend gestorben!«

Auch die beiden Schwestern huben zu suchen an, und Maria rief klagend: »Jesus mein, ohne Überthan darf mir meine Mutter nicht begraben werden; da muß sie noch liegen bleiben daheim, und ich gebe mein Kresengeld (Patengeschenk) und kaufe ihr das letzte Kleid. Wer hat die Leinwand weggethan? O Gott, jetzt wollen sie ihr das Allerletzt' auch noch versagen!«

Ich suchte das Mädchen zu beruhigen, und wir würden im Dorfe draußen schon eine Leinwand bekommen, und wenn nicht, so ruhe sie auch unter bloßem Tannenholz in Frieden.

»Du kannst so reden!« rief sie, »hat Dir die Mutter seiner Tage nicht auch die Kleider gekauft von ihren blutig ersparten Kreuzern? Und jetzt soll sie auferstehen am jüngsten Tag in ihrem armen Gewande, wo alle anderen ein weißes Kleid tragen!« In ein lautes Weinen brach sie aus und lehnte ihre glühende Stirne an die Wand.

Aber bald darauf war ein Aufatmen unter den Leuten, der Überthan hatte sich gefunden.

Und als gegessen war — wir genossen keinen Bissen — und als alles bereitet war, da machten sie die Thür auf in die Vorlauben hinaus und knieten nieder vor dem Sarg und beteten laut die fünf Wunden Christi.

Dann stellten vier Männer den Sarg auf die Trage und huben ihn auf und trugen ihn aus der armen Menschenwohnung im Walde und davon über die Heiden und Wiesen und durch hohe Wälder.

Und ringsum war die Winternacht, und über allem lag der Sternenhimmel.

Noch einen Blick auf das leere Bahrbrett, dann zog ich rasch meinen kleinen Bruder mit mir fort, und Vater und Schwestern eilten auch nach, und der ältere Bruder verschloß die Thür, und nun lag die Waldhütte da in der Dunkelheit und in der tiefsten Stille. Das Leben war fort, der Tod war fort — eine größere Einsamkeit kann nicht mehr sein. —

Man hörte das Summen des betenden Leichenzuges, man sah das Flimmern der wenigen Laternen zwischen den Baumstämmen. Die Träger gingen mit schnellem Schritte, die Beter konnten schier nicht nachkommen auf dem holperigen Schneepfade. Ich war mit dem kleinen Bruder weit zurückgeblieben, der Knabe konnte so schnell nicht vorwärts. — Im Leben hätte uns die Mutter nie so zurückgelassen, da hätte sie gewartet, ein wenig lächelnd und ein wenig grollend, und den Kleinen an der Hand geführt. Jetzt verlangte ihr schon nach der Ruh'.

Vor dem Pfarrdorfe am Wege steht ein hohes Kreuz mit dem lebensgroßen Bilde des Heilands. Hier setzten sie nach stundenlangem Wallen vom Gebirge her den Sarg zu Boden und warteten auf den Arzt, der aus dem Dorfe kam zur Totenbeschau. Aber als wir zwei Zurückgebliebenen nachkamen, da war der Sargdeckel bereits wieder festgehämmert. — So konnte ich Dich denn nimmermehr sehen auf dieser Erde, meine Mutter! —

Im Dämmerlichte der Morgenröte zogen sie zur Pfarrkirche ein.

Die Glocken klangen hell zusammen. Mitten in der dunkeln Kirche war ein hoher Sarkophag aufgerichtet, es strahlten viele Kerzen, und es begann ein feierlicher Trauergottesdienst. Der Pfarrer des Ortes, ein alter, blinder Mann mit schneeweißen Haaren, eine ehrwürdige Gestalt, umgeben von Priestern in reichem Ornat, hielt das Requiem. Seine Stimme war hell und feierlich, ein Sängerchor antwortete, und Trompeten und Posaunen tönten durch die Kirche.

Ich sah den Vater an, er mich, wir wußten nicht, wer das alles so angeordnet hatte. Heute weiß ich, daß es meine Freunde in Krieglach gewesen, die uns den schönen Liebesdienst gethan haben.

Als der Trauergottesdienst vorüber war, wurde der Sarkophag weggeräumt, wurden am Hochaltare alle Festkerzen angezündet, und drei Priester, nicht mehr in Farben der Trauer, sondern in rosigem, golddurchwirktem Meßgegewande, traten an die Stufen des Altares, und es wurde ein feierliches Hochamt mit hellem Glockenschall und fröhlichem Musikklange aufgeführt. »Weil sie erlöst ist von dem Leide«, sagte ich zu dem Knaben.

Endlich schwankte der Sarg, reich geziert, von der Pfarrkirche, in welcher die Waldbäuerin voreinst getauft und getraut worden war, dem Friedhofe zu. Die Priester und der Sängerchor sangen laut und hell das Requiem, die Glocken klangen über das Dorf weit hin in die Wälder, und die Kerzen flackerten im Sonnenschein. Ein langer Zug von Menschen bewegte sich durch die breite Dorfgasse. Wir gingen hinter dem Sarg und hielten brennende Kerzen in den Händen und beteten.

Draußen zwischen Äckern und Wiesen auf einer sanften Anhöhe liegt der Friedhof. Er ist nicht klein, denn die Pfarre erstreckt sich weit hin über Berg und Thal. Er ist eingefriedet mit einem Bretterzaun, viele Kreuze von Holz und verrostetem Eisen stehen darin, und mitten ragt das Bildnis des gekreuzigten Erlösers.

Vor diesem Bilde, zur rechten Hand, war das tiefe Grab — gerade an derselben Stelle, wo sie vor Jahren die zwei verstorbenen Kinder der Waldbäuerin gebettet hatten. Zwei frische Erdhügel lagen am Grabe geschichtet.

Hier ließen die Träger den Sarg zu Boden und entkleideten ihn aller Zier, und arm, wie er gekommen war aus der Waldhütte, rollte er hinab in die Grube.

»Heut' ist's an Dir, morgen ist's an mir; so bin ich schon zufrieden,« murmelte mein Vater, und der Priester sagte: »Sie ruhe im Herrn!«

Dann warfen sie Erdschollen hinab und gingen davon. Gingen dem Wirtshause zu, genossen Wein und Brot und redeten von täglichen Dingen. — Als die zwölfte Stunde war und nach der Sitte die Kirchenglocken noch einmal anhuben zu läuten, der Bestatteten zum letzten Gruß, machten sich die Waldbewohner auf den Weg gegen ihr Hochthal.

Wir Zusammengehörigen saßen noch eine Weile beisammen und sprachen traurig von der Zeit, die nun kommen mußte und wie sie einzurichten sei. Dann nahmen wir Abschied, Vater und Geschwister gingen heim in die Waldhütte, um in derselben wie die Mutter zu leben und zu sterben.

Mich hat ein Freund in Krieglach zu seinem Tisch geladen, hat einen Becher mit Schaumwein gehoben und das Wort gesagt: »Die Toten sollen leben!«

Sie leben in unserem Herzen.

In der letzten Stunde vor der Abreise nach der Stadt ging ich durch ein Nebengäßchen nach dem Friedhof. Das Grab war noch offen, und einsam stand unten der weiße Sarg. — Die Sonne Deines letzten Tages geht jetzt unter, und dereinst werden die Zeiten nimmer zu messen sein, vor denen Du das irdische Licht hast gesehen.

Die Erde rollte hinab, und über den Bergen der Waldheimat lag ein fremder Schatten.