Was ich gebraten sehen kann,
Seh’ ich nie als ’ne Mordtat an!
Also ist die Reihe an dir, den Ranzen zu schleppen, Irene. Immer galant gegen die Damen! sagt Mamsell Martin; wenn es wieder bergan geht, nimmt ihn Fritzchen dir ab. Aber Riesenkreaturen haben wir diesmal, was?! Es ist wahrhaftig ein Spaß, was für eine Menge unschuldig Blut so’n paar rote Vogelbeeren an den Galgen bringen! Nicht wahr, Eva?“
„Famos!“ ruft die Komtesse hochrot, zerzaust und glühend vor Jagdlust; und der Herbstwind fegt und rasselt durch den Niederwald und treibt ihr die blonden Locken über das Gesicht und — treibt mich zurück in den Sommermorgen, den ich immer von neuem unter der Feder weg verliere, um mich immer wieder zu ihm zurückzufinden.
„So? haben sich die beiden Puppen noch herangefunden?“ fragt Ewald grinsend, als seine Schwester und ich ihn und die Gräfin unter den Bäumen des Waldes wieder einholen. „Das ist schön! Nun haben wir auch die Tugend und die Vorsicht in der Bande, und nun kann’s losgehen! Was an mir in Fetzen heute davonfliegt, das flickst du zusammen, Evchen. Für die schändlichen Redensarten, die heute abend über Irene losgelassen werden, bist du vorhanden, Fritzchen. Und nun rasch weiter; — deine Alte merkt wahrscheinlich jetzt schon Unrat, Fritz, und hängt schon an der Sturmglocke —“
„Und Papa kommt die Treppe herunter und schüttelt in dem Gartensaale den Kopf. Und deine Mama ringt die Hände, Fritz, und Papa ist zu allerletzt noch am wenigsten ärgerlich und in Sorgen. Ach, es soll aber heute auch das allerletzte Mal sein, daß wir so böse sind! Ich gehe ganz gewiß nicht wieder mit durch, ohne vorher um Erlaubnis gebeten zu haben.“
„Ich auch nicht,“ ruft Eva Sixtus mit Tränen in den Augen.
„Ich auch nicht!“ sage ich kleinlaut, und —
„Na, denn ich auch nicht; aber fürs erste stecke ich mir jetzt ’ne Pfeife an. Hier sind wir auf Staatsforstgrund, und die Grafen von Everstein können mir meinetwegen kommen. Übrigens könnt ihr ja alle noch umkehren; im Notfall laufe ich ganz gern allein, und dem Vetter Just ist es auch recht. Geh du dreist wieder nach Hause, Fritzchen, und nimm alles ruhig mit, was sonst noch von Teesimpeln da ist. Au!… alle Donner!“
Eine gute Handvoll Haare aus der Lockenfülle des „höhnischen Hanswurstes“ streut Irene Everstein in die Morgenlüfte, und fünf Minuten später sind wir allesamt so weit von dem Schlosse Werden fern, daß uns auch der lauteste Klage- oder Warnungsruf von dorther nicht mehr zu erreichen vermöchte. Wir sind gerettet aus aller Kultur in die schönste Wildnis, in die sich der gebildete, älter gewordene Mensch nur in seinen allerhöchsten Feierstunden zurückdenken kann, — in den Stunden oder Augenblicken, die wie ein leichter schöner Rausch kommen und schwinden und leider nicht jeden Tag auf der Tagesordnung stehen, was auch die Leute, die es so ausnehmend gut verstehen, „zur Sache!“ zu rufen, davon halten mögen.
In an indian file, wie Ewald, der damals mit größestem Eifer seine amerikanischen Abenteurerromane englisch las, sagte, schlüpften wir durch die Büsche; und wenn die beiden Mädchen alle Augenblicke aus der Bahn brachen und ins Blumenpflücken gerieten, so fand sich für uns zwei Jungens wieder mancherlei anderes, was uns auf dem Wege aufhielt. Gut zehn Uhr wird es in Bodenwerder geschlagen haben, wenn wir endlich eine halbe Stunde weiter stromaufwärts das Flußufer, den Vater Klaus und den Kahn desselbigen bei seiner Fischerhütte erreichen.
Es führt eine Schiffbrücke bei Bodenwerder über den Fluß. Das weiß ein jeder, so gut als ein jeder den Freiherrn von Münchhausen aus Bodenwerder kennt. Was wäre aber unsere Fahrt zu dem Vetter Just Everstein ohne den Vater Klaus und seinen Kahn inmitten des Weges? Unbedingt nur das halbe Vergnügen.
Wenn wer mit in die Lust des wolkenlosen Tages hineingehörte, so war’s der alte Fischer Klaus, obgleich Ewald jedesmal bemerkte:
„Wären die Mädchen nicht dabei, so sparte ich sicher meinen Groschen dem Alten am Leibe ab. Wer schwimmen kann, braucht auf dem Lumpenwasser noch lange keine Bretter unter sich.“
„O du Renommist!“ ruft Irene, die, wenn sie sich ganz allein zwischen den Buchen und Weiden hüben und drüben gewußt hätte, wahrscheinlich gleichfalls keine Bretter und Balken zwischen sich und das sonnenbeglänzte, weich hingleitende Element gelegt haben würde.
Schon zupft mich Eva Sixtus scheu und erschreckt am Rockärmel.
„Sei nur ruhig, Evchen! Sie renommieren beide furchtbar. Das Großmaul da mit seinen Händen in den Hosentaschen und Irene — innerlich! Komm nicht ins Rutschen den Abhang herunter. Da liegt der Vater Klaus bei seinen Reusen, und da steigt sein Rauch auf von seinem Herde. Irene kann ja gar nicht schwimmen!“
Dieser Rauch von dem Feldsteinherde des Alten am Wasser ist wahrscheinlicherweise die Rettung meiner Nase vor zwei Fäusten, die von rechts und links her dicht unter sie gehalten werden.
„Hurra, der Vater Klaus!“ schreit Ewald und rutscht bereits auf seines Vaters erst vor einem halben Jahre an den Dorfschneider abgegebenen Hochzeitshosen über das Steingeröll in die Tiefe, als ob er den Stoff gleichfalls für „absolut unverwüstlich“ erachte.
Die Komtesse wirft mir noch ein „Ach, so’n gutes Fritzchen!“ zu und folgt dem Kameraden bergunter gleichfalls in sitzender Stellung und nur um ein Weniges mehr als er um den äußerlichen Anstand besorgt.
„Na, na, wat kummt mi da? Ach, Herrje, i seh’n Sie mal!“ meint Vadder Klaus, und wir sind alle bei ihm angelangt, — alle mit heiler Haut, bis auf den Meister Ewald, der sich etwas nachdenklich die Posteriora reibt und mehrfach den vergeblichen Versuch macht, sich dieselben über die Schulter genauer zu betrachten und seinen Schaden zu besehen.
Nach dem Walde das Wasser! Es ist sehr heiß an dem Ufer; aber keiner merkt es. Der Fluß ist breit genug, um alles, was in der jungen Brust noch gebunden lag, frei zu machen. Eilig drängen sich und lautlos die Wirbel vorbei und nehmen uns geheimnisvoll verführerisch in der Phantasie mit sich in das Hellste, Kühlste, Grenzenloseste — immer weiter und weiter durch alle geographischen Schulstubenerinnerungen bis hin auf das große Meer. Juan Fernandez und Salas y Gomez liegen im magischen Blau als einzige feste Punkte, an denen die Erfahrung mit wonnigem Herzpochen haften kann; darüber hinaus in wiederum undenklicher Ferne spült und sprüht’s nur in die Buchten und Palmenwälder von Traumland hinein! selbst für Ewald Sixtus, der schon ganz genau weiß, daß die Weser einfach bei Bremerhaven in die Nordsee mündet, daß vor Neuyork Long Island liegt und daß Staat und Stadt Neuyork zu den Vereinigten Staaten von Nordamerika gehören. Auch für mich, der ich in der neueren Geographie ziemlich und in der alten recht gut Bescheid weiß, der ich den Weg des Königs Alexander zum Indus und nachher die unvereinigten Staaten von Asia minor ganz genau auf der Karte zeigen kann.
Während nun Vater Klaus seinen langgedienten Kahn zur Überfahrt bereit macht, durchstöbern die zwei Mädchen „zum wer weiß wievielten Male“ sein einsiedlerisch halbwildes Hauswesen.
„Eines steht fest,“ ruft Irene, den blonden Lockenkopf aus der Pforte der Hütte vorstreckend; „das nächste Mal bitten wir zu Hause um die Erlaubnis, und dann bleiben wir eine Nacht hier. Da liegen wir hier am Feuerherde und braten uns unsere Fische selber, und der Mond muß scheinen und wir singen dazu und rufen die Kähne und Flößer an —“
„Und kriegen dumme Redensarten zurück,“ grinst Ewald.
„Und dumme Jungen werden draußen mit dem Kopf ins Nasse untergeduckt —“
„Und ich bin dabei!“ schreit Ewald mit einem Sprunge und die Mütze schwingend. „Das ist eine ganz rasend heitere Idee! Das nächste Mal gehen wir ihnen sicherlich erst bei Sonnenuntergang durch!“
Und der Alte am Wasser, bedenklich seine Kappe von einem Ohr aufs andere schiebend, meint:
„Ich wäre wohl schon dabei, und zu Schaden sollten die jungen Herrschaften bei mir auch wohl nicht kommen; aber — schriftlich muß ich die Erlaubnis doch wohl vor mir haben; denn nachher kenne ich sonst die Herren beim Amte gut genug, wenn ich wieder von wegen meiner Berechtigung allhier vor sie muß. In alten Zeiten, allwo man noch gar keine Papiere nötig hatte, soll das alles viel besser gewesen sein, und da hätte auch ich nichts Schriftliches verlangt, sondern im Gegenteil.“
„Dies ist doch großartig!“ meint Irene Everstein, eine der gewohntesten Redensarten ihres Freundes Ewald sich aneignend.
Nun fahren wir über.
„Nicht schaukeln! bitte, bitte, nicht schaukeln, Irene!“ fleht Eva, wie sie vorhin „Nicht schütteln!“ ängstlich gerufen hat.
Die Strömung ist ziemlich heftig und das „Schaukeln“ in der Tat durchaus nicht notwendig.
„Ja, lassen Sie es lieber, junge Herrschaft,“ meint der Vater Klaus. „Erst vor acht Tagen habe ich da ein bißchen weiter unten eine herausgeholt. Die mußte ziemlich weit von oben her zugereist sein; hier herum und soweit unsere Gerichtsherren hinreichen, hat sie niemand gekannt. In Bodenwerder haben wir sie denn auch unbekannterweise beerdigt, und ich bin auch der einzigste gewesen, der mit ihr gegangen ist; und das ist nicht das erste Mal in meinem Leben gewesen. So’n alter Fischersmann will doch nicht so ganz als ein Vieh an seinem Wasser sitzen, sondern sie geben sich, mit Respekt zu sagen, gegenseitig alle Ehren. Ja, so ’nen Wasserlauf soll man nur recht kennen durch die Jahre und Tage und Nächte und alle Witterungen — das ist wohl was Nachdenkliches, junge Herrschaften!“
Wir sahen alle nach dem Weidenbusch hinüber, wo die unbekannte Fremde anlandete nach ihrer langen Reise. Irene schaukelte nicht mehr; aber nun sind wir mitten im Strom, und wo ist der Sonnenschein heller als mitten auf den Wassern? Die Wellen flimmern, silberne Flossen schnellen rundum auf, um blitzschnell wieder in die Tiefe zu verschwinden. Wir lassen alle eine Hand in die laue Flut herniederhängen und sie um die erhitzten Pulse spülen.
„Na, aber Fritze, dein zarter Teint!“ grinst Ewald. „Nun guckt nur, ob seine liebe Nase bei der Temperatur nicht schon abblättert wie eine Zwiebel. Von euch zwei Backfischen sage ich gar nichts; denn ihr seid ja ganz in eurem Elemente, und übrigens wird es euch auch Fritzchens Mama heute abend schon sagen, und morgen früh noch einmal.“
Die beiden Mädchen unter ihren breiten Sommerstrohhüten glühen freilich wie die Pfingstrosen; aber von der unbekannten Leiche, welcher neulich unser alter Fährmann in Bodenwerder allein das letzte Ehrengeleit zu Ehren seines Flusses gab, ist nicht weiter die Rede. Wir landen auf dem anderen Ufer, der Vater Klaus bekommt seinen Fährlohn und ruft uns nach:
„Also auf das schriftliche Attestat verlasse ich mich. Nachher wünsche ich mir nichts Besseres als die junge Herrschaft bei mir zu Gaste, wenn mal der Mond voll im Kalender steht und der Fisch zutunlich gewesen ist. Und mitsingen tu’ ich auch. In meinen jungen Jahren habe ich immer über der Bratpfanne alle hübschen jungen Mädchens hüben und drüben in den schönsten Liedern vom Jahrmarkt mit besungen.“
Es schlägt eben in der Ferne, in Bodenwerder, elf Uhr, als wir lachend, die Mützen und die Taschentücher schwenkend, unseren Weg auf dem Schifferpfade durch Weiden, Röhricht, über die harten Kiesel und Flußmuscheln fortsetzen stromabwärts.
Unser grauer Charon bleibt noch eine ziemliche Weile auf seine Ruderstange gelehnt stehen und sieht uns nach — lächelnd, kopfschüttelnd und eine Prise nehmend. Er hat zu allen diesen drei Äußerungen seiner Meinung und Ansichten über uns vollkommen die Berechtigung und braucht sich nicht im geringsten auf irgend etwas Schriftliches einzulassen.
Siebentes Kapitel.
Es ist, als schwände der Vetter in immer unbestimmtere, idealere Ferne. Aber wir erreichen ihn und das Seinige doch; und wenn wir ihn haben werden, so wird er hoffentlich um so näher zu Sinn und Herzen wirken und also in der einzig wahren Weise ganz realistisch da sein. Mein Wort darauf, wir wissen Bescheid und stehen mit den echten Wirklichkeiten oder Realien in dieser Welt auf ganz gutem Fuße und verkehren miteinander nicht bloß in Schlafrock und Pantoffeln — denn das will nicht viel bedeuten! — sondern auch dann und wann im Fest- und Feiertagskleide, und das will viel sagen!
Nun quer landein durch die Sommerglut! Wir haben jedoch glücklicherweise nur noch eine kleine halbe Stunde zu marschieren, bis wir den Steinhof erreichen, und wir legen den Weg nunmehr rasch genug zurück, denn jetzt hält uns nichts mehr auf demselbigen auf. Die Mädchen wollen zwar anfangen, ihre Füße nachzuziehen; aber Ewald, im kurzen Trabe sich zu mir wendend, meint grinsend:
„Jetzt ist es ein wahres Glück, daß sie ihren Magen gerade so gut als wir spüren, sie drehten sonst richtig noch um und gingen nach Hause. — Alle Donner, Rührei und Schinken, Kinder, ich sage euch, so fressig wie jetzt ist’s mir — seit gestern mittag noch nicht im Leibe zumute gewesen! Ho, jetzt will ich nur wünschen, daß dem Vetter diese letzte Nacht recht lebendig von mir geträumt hat und er sich wenigstens annähernd anständig auf die Visite eingerichtet hat. Nun, Leute, im Notfall steigen wir ihm selber in die Rauchkammer und brechen ihm wie Schillers ganze Bande in seine Würste ein. Die anderen Stücke von ihm, ich meine Schillern — kann er ja dann derweilen mit euch herdeklamieren. Von mir weiß ich Bescheid und sage, erst essen, und zwar ordentlich, und dann meinetwegen soviel Poesie und Geschichte und Philosophie und Ästhetik, als ihr wollt und leisten könnt. Was sagst du, Fräulein Gräfin?“
„Nach dem Essen! In dem Grasgarten im Grase und im Schatten. Laß aber jetzt nur das lange Reden, die Sonne sticht zu arg. Evchen, ach Gott, am besten ist’s, man macht die Augen zu und läuft zu und denkt sich lang hin in das Gras in dem Grasgarten unter den großen Birnbaum.“
„Siehst du! Und heute abend müssen wir auch wieder nach Haus. O, ihr habt ja nicht auf mich hören wollen!“
„Mit einer Mamsell wie du drei Schritte über die Gartenhecke hinaus spazieren zu gehen, ist wirklich ein Pläsier,“ brummt Ewald halb höhnisch, halb verdrießlich.
Wäre der Weg noch eine Viertelstunde länger, so ist nicht abzusehen, wie tief unsere Stimmung noch sinken könnte. Das ist die gewichtige Viertelstunde, auf die es in so vielen Erdenlagen und Stimmungen ankommt zu unserem Behagen oder Elend. Wir haben diesmal glücklicherweise nur noch fünf Minuten in einem steinigen, holprichten, ausgefahrenen Feld- und Hohlwege zurückzulegen, um wieder auf allen Höhen unseres jungen, taufeuchten Sommer- und Sonnenrausches festen Fuß zu fassen.
„Hurra, der Steinhof!… Vivat der Vetter Just Everstein!“ — — —
„I, i, wat kümmt mi denn da?“ sagte der Vetter. „Das ist aber schön! I, siehst du wohl, hier sitze ich nun schon den halben geschlagenen Morgen und warte auf Trost. Da kommt er mir vierspännig, gerade als ich denke: Just, jetzt gehst du zum Essen, ohne daß sie Dich suchen, sonst gibt es noch mehr Spektakel und Unfrieden auf dem Hofe, und du hast gerade genug für heute davon.“
Er saß wirklich auf einem Stein am Wege unter einem Dornbusch, außerhalb seines Erbsitzes, dieser kuriose Vetter; und als er damals aufsteht und gähnt und grinst und sich reckt und dehnt, ist er ein lang aufgeschossener Junge von nicht ganz zwanzig Jahren. Ein vollkommener, aber aus allem rund um ihn und an ihm herausgewachsener Junge. Daß also alles, was aus ihm noch werden kann, augenblicklich noch in ihm steckt, ist sicherlich etwas, was nur sehr wenige meiner fraglichen Leser vermuteten. So einer, der etwas selber erlebt und erfahren hat, ist immer klüger als derjenige, welchem er nachher davon erzählt.
„Holla, was schiebst du in die Tasche, Vetter? Richtig, da sitzt er in der Sonne und verstudiert sich weiter! Zeig gutwillig oder ich ziehe dir mit der Jacke das Fell vom Leibe!“ ruft Ewald. „Kinder, jetzt macht er auch Verse!… Gedankenspiele beim Pflügen!… Als Hannchen in die Flachsrotte fiel!… Und da hat er den alten Urlateiner, Vater Broeder, auf dem Feldsteine warm gesessen. Ei, guck mal, Fritze, gerade wie wir auf dem dummen Gymnasium! Was nicht von oben in den Kopf will, dem kommt man viel bequemer mit einem anderen Körperteile bei. Hat jemals jemand so einen verrückten Kerl erlebt? Es ist doch reinewegs nicht zu glauben, was die Menschheit alles leisten kann. Und dann möchte man sich da nicht die Haare darüber ausraufen, daß man nicht die Häute mit seinem Nebenmenschen austauschen kann? O ihr gottverdammten Götter von Rom und Griechenland, was gäbe ich dafür, wenn ich der Bauer auf dem Steinhofe wäre und dieses urverbohrte Monstrum mit seiner lateinischen Grammatik hier ich!“
„Jetzt höre auf, oder du wirst langweilig, Ewald!“ rief Irene Everstein. „Kommen Sie, Vetter Just, und hören Sie nicht auf den albernen Bengel —“
„Und du bist doch nicht böse, daß wir schon wieder da sind, lieber Just?“ fragt Eva. „Die beiden Jungen sind schuld daran, ich wollte eigentlich nicht mit —“
„Und wenn sie alle im Grasgarten im Grase liegen und schnarchen, dann sitzen wir beide wach zusammen, Just!“ sage ich; und der Vetter, blöde, freundlich, seelenvergnügt und nicht „urverbohrt“, sondern urverschämt sein glänzend Gebiß im Kreise herum zeigend, steht in unserer Mitte; und es hat gewiß selten einen anderen Menschen gegeben, der sich so wenig wie er um diese Lebenszeit gegen Güte und Bosheit der Welt zu wehren wußte.
Gottlob kommt ihm auch jetzt ein Trost und eine Hülfe aus der Ferne her, nämlich vom Zaun des Steinhofes.
„Da ruft sie zum Essen! und wir haben gestern ein Rind — ich will lieber nicht sagen gegen meinen Willen, sondern wegen Futtermangel, wie sie sagt, geschlachtet. Und jetzt kommt nur rasch; ihr kennt sie ja!“
In Bodenwerder wird es wahrscheinlich gerade zwölf Uhr schlagen. — — —
Es ist ein schlechter Boden, sagten die Leute, die sich darauf verstanden, von dem Steinhofe und der dazu gehörigen Länderei, und sie konnten nichts dafür, wenn sie es nicht ahnten, was für Prachtgewächse dieser schlechte Boden hervorzubringen vermochte. Es war Jule Grote, die über den Zaun rief, und zwar mit einer Stimme, in die der Himmel alles Gift, was er eben vorrätig hatte gegen die irdischen Zustände, hineingelegt zu haben schien.
Ich kenne es heute viel besser als damals, das gute alte Mädchen nämlich, und weiß, was der Vetter an ihr hatte. Er weiß es ebenfalls heute besser als damals. Damals, das heißt an jenem Tage, schob er uns sich voran auf dem Feldwege durch den kärglichen Haferacker und brummte:
„Ich komme mit; aber, Kinder, ich sage euch, gerne wäre ich heute allein nicht nach Hause gegangen! Es ist alles mal wieder vom frühen Morgen an kopfüber kopfunter gegangen, und ich bin an allem schuld gewesen. Ach Gott, ach Gott, wo ich meine Hände habe, soll ich meinen Kopf haben, und wo ich meinen Kopf habe, da will sie meine Hände sehen. Und dann soll ich meine fünf gesunden Sinne zusammennehmen und bedenken, wozu mich der liebe Herrgott in die Welt und hier auf den Steinhof hingesetzt hat. Und wenn sie nur wüßte, wer ihr all das Elend mit mir eingebrockt hat, sagt sie. Es muß wohl von weit her kommen, meint sie, und das ist das einzige, was sie darüber weiß; und ich, Fritz, ich weiß auch nicht mehr. Sie hat doch meinen Vater gekannt, und meinen Großvater dunkel: von den Zwei habe ich es wohl auch etwas, aber nicht ganz, sagt sie, wenn ihr die Hände anfangen vor Ärger zu zittern, und sie mit der Schürze vor den Augen abgeht und ich auch und ihr doch nichts in der Wirtschaft in den Weg lege, sondern sie mit der Vormundschaft ruhig regieren lasse hier auf dem Steinhofe. Und denn werde ich doch auch erst nächste Ostern übers Jahr mündig und mein eigener Herr!“
Mit einer uns an ihr ganz fremden Grazie schiebt Irene Everstein ihren Arm in den des armen Teufels und sagt:
„Bitte, Herr Just!“
Das war ganz und gar meine Mutter in ihrem Verkehr mit ihrer Umgebung; aber bei meiner Mutter hatte ich noch nie darauf geachtet, wie vornehm sie mit den Leuten umzugehen wußte.
In diesem Moment aber war es natürlich Herr Ewald Sixtus, Untersekundaner usw., der’s bewies, wieweit man mit einer guten Lunge und mit zärtlich tuender Unverschämtheit in der Welt reicht. Mit der ersten erschütterte er durch einen Jubelschrei die Lüfte auf eine Viertelstunde im Umkreis, mit der zweiten sprang er über den Zaun des Steinhofes und hing sich der braven Jungfer Grote an den Hals:
„Da sind wir wieder, Jule! Sehen Sie, so wird die Sehnsucht endlich doch belohnt! Wie lange stehen Sie denn schon hier und gucken nach mir aus über die Planken, Mamsell Grote? Komm her, Fritz, und gib Pfötchen. Gibt sie dir aber auch einen Kuß, so morde ich dich heute abend auf dem Rückwege. Lebendig kommst du dann nicht wieder auf Schloß Werden an. Und nun rasch, Jule, Sie wissen es, daß Sie für mich zum Fressen sind! Rasch — jeder holt sich Messer und Gabel und seinen Teller selber aus der Küche.“
„O herrje, herrje — und die jungen Damens auch wieder!“ rief die wackere Haushälterin und Vormünderin auf dem Steinhofe, ächzend sich aus den Armen ihres stürmischen Verehrers und zweiten Lieblings frei machend. „Ich habe es seiner Mutter im Kindbett und Totenbett versprochen, daß ich solange bei ihm aushalte, als er mich bei sich behält!“ sagte sie von ihrem ersten Liebling — dem Vetter Just Everstein.
Nun bekommt Eva Sixtus eine bewillkommnende Hand und dann Irene auch; letztere aber erst, nachdem diese Hand vorher noch einmal in der blauen Kattunschürze unnötigerweise abgetrocknet und abgewischt worden ist.
„Aber das ist mal schön! Nehmen Sie es nur nicht übel; aber es ist mein Schicksal! jedesmal, wenn wir die Ehre haben, haben wir gemistet auf dem Steinhofe, und ist der Herr Just den ganzen Morgen durch nicht aufzufinden und abzurufen gewesen. Ich brauche nur am Abend zu sagen: Just, jetzt paßt du mir aber auf die Gottesgabe morgen früh, so geht er durch mit seinen Lateinbüchern, und ich sitze allein mitten drin in der Wirtschaft und den Tagelöhnern. Was daraus werden soll, weiß ich nicht; na, aber Essenszeit ist’s freilich jetzo längst, und nächste Ostern übers Jahr wird er einundzwanzig alt und sein eigener Herr. Ach Gott, gnädigstes Fräulein Gräfin, Ihr Herr Vater sollte nur einmal einen einzigsten Tag lang an meiner Stelle sein! Und — Ihre Mutter auch, Herr Langreuter, aber davon will ich weniger sagen, denn die ist ja auch ein Frauenzimmer und hat das Ihrige durchgemacht in ihrem eigenen Haushalt und bei anderen Leuten.“
Achtes Kapitel.
Wie viele schöne, geistreiche, vornehme Menschen habe ich auf meinem Lebenswege kennen gelernt!
Auf die körperliche Schönheit am Menschen achte ich sehr genau und mit größester Teilnahme und bin noch heute imstande, einen ziemlichen Umweg zu machen, um ihr in den Gassen und Häusern begegnen zu können. So bin ich zu der festen Überzeugung gelangt, daß ihrer nicht weniger wird in der Welt.
Geist ist im Überfluß vorhanden. Dies weiß ja ein jeder selbst am besten. Wer glaubt nicht, von seinem Überfluß an Tausend und aber Tausend reichlich abgeben zu können?
Von der Vornehmheit brauche ich eigentlich gar nicht zu reden. Ich habe da nur sehr wenige kennen gelernt, die sich in ihrem innersten Herzen nicht zum allerhöchsten Adel der Schöpfung rechneten und jedwede Vernachlässigung, ein jeglich Übersehenwerden dieser schmeichelhaften, aber wahren Tatsache nicht mit den grimmigsten Zügen in das goldene Buch ihrer Selbstschätzung eintrugen. Und je kälter sie dabei lächelten, desto schlimmer war’s für den schnöden, mehr oder weniger unbewußten Gleichmacher. Er sank jedenfalls sehr tief in ihren Augen und sofort unbedingt aus allem Anrecht auf irgendwelche Berücksichtigung ihrerseits vollständig heraus. Und das war recht — ist recht und — wird recht bleiben; denn es ist allzu angenehm und kitzelt zu süß um das Zwerchfell herum, um jemals von uns als Recht aufgegeben zu werden.
Nun hinke ich hier durch den kümmerlichen Hafer seines Feldes hinter dem Vetter Just her. Hübsch ist er nicht, schön noch weniger. Geistreich hat ihn noch niemand genannt, und was seine Vornehmheit anbetrifft — nun, so hat er es ja selber gesagt, daß er mit dem etwas recht fraglich gewordenen Wappen seiner Ahnen über seiner Stalltür nicht das mindeste mehr anzufangen wußte.
Was ist es nun, das diesen lang aufgeschlodderten, wehleidig-verblüfft um sich stierenden großen Jungen uns als ein Ideal alles dessen, was die Jugend lieb hat an der Sonne, der Erde, den Weibern, den Professoren und den Königen, hinstellte?
Eine ganz einfache Sache; nämlich, daß er von allen diesen schönen und herrlichen und großartigen Dingen und Wesen etwas an sich hatte, und zwar das, was die Jugend am ersten und mit der glücklichsten Bewunderung aus ihnen herausfühlt. Die, welchen das zu hoch klingt, haben nie zwischen dem vierzehnten und fünfzehnten Lebensjahre an einem Julitage auf der Erde lang ausgestreckt gelegen und, die Hände unter dem Hinterkopfe, sich — die Sonne ins Maul scheinen lassen, wie die Redensart lautet. Sie haben nie die Großmutter am Winterofen erzählen hören und sie nachher auf dem Sterbebette gesehen; sie haben nie die Wellen rauschen hören, die Aphrodite gebaren; und auf das Rauschen und Leuchten der hellen Sommerkleider im Walde hinter ihnen haben sie auch wenig geachtet. Ihnen hat es, was die Gelehrten anbetrifft, nie imponiert, was die verrückten Kerle im Laufe der Jahrtausende alles möglich gemacht haben. Ganz umsonst für sie ist Alexander von Macedonien bis zum Indus vorgedrungen und hat sich von dem König Porus durch Heldenhaftigkeit gutwillig besiegen lassen. Heldenhaftigkeit ist nicht in ihnen; sie haben nie die Lebensbeschreibungen des Plutarch unter das Kopfkissen gelegt oder die Kirschblüten im Garten auf sie niederfallen lassen.
Heldenhaftigkeit, und somit die Sonne, das Geheimnis und Wunder der Erde, das Weib und die Wissenschaft steckten in dem Vetter Just Everstein:
„Das ist ein ganz drolliger Patron!“ sagten diejenigen, welche es immerhin noch ganz gut mit ihm meinten und ihre wahre Meinung über ihn nicht zu schroff äußern wollten.
„Kennen Sie diesen schnurrigen Kauz, den sogenannten Vetter Just noch nicht?“ fragte sich die Gegend weit umher und fügte, ohne die Antwort abzuwarten, hinzu: „O, dann lernen Sie ihn doch ja recht bald kennen; es wird Sie nicht gereuen.“
„Düt is ’nen ganz verrückten Minschen,“ meinte der zum Steinhofe gehörige Teil der in diesem Augenblicke in diesen Memorabilien um den Eßtisch auf dem Steinhofe versammelten Tafelrunde. Die das sagten — die Knechte, Mägde und Tagelöhner des Steinhofes —, hatten recht, vollkommen, zweifellos recht: der Vetter Just Everstein war ein ganz und gar verrückter, das heißt ihnen und noch vielen anderen gänzlich ins namenlose Weite entrückter Mensch.
Es war eine Bauernstube der alten, rechten Art, in der wir uns jetzt mit zu Tische setzen. Und es ist der richtige alte Tisch mit den richtigen Näpfen und Schüsseln darauf. Es hat seit dem Jahre 1838, in welchem Jahre der Freiherr von Münchhausen seinen Gastfreund, den Baron Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher, in der Boccage zum Warzentrost als Syndikus bei seiner Luftverdichtungs-Aktienkompanie anstellte, manch liebes Mal mehr Voll, ein Viertel, Halb und Dreiviertel auf dem Kirchturme von Bodenwerder geschlagen. Der Fortschritt ist wieder ungeheuer gewesen; unsere Bauern sind die „Herren Ökonomen“ geworden und gründen längst selber Zuckerfabriken und Luftverdichtungs-Aktiengesellschaften. Ihre Jungfern haben sich „mamsellen“ lassen und werden Fräuleins genannt. Fräulein Emerentia von Schnuck-Puckelig ist eine Wahrheit geblieben; aber die Tochter vom Oberhofe ist zu einem schönen Phantasiebild geworden: der treue Eckart — diesmal Karl Leberecht Immermann genannt — hat wieder einmal vergeblich am Wege gestanden und warnend die Hand erhoben. Wir haben uns ein Unterhaltungsstücklein aus seinem weisen, bitterernsten Buche zurecht gemacht; — kehren wir rasch auf den Steinhof zurück. Was bleibt auch mir anderes übrig, als mir heute aus den Zuständen der Vergangenheit eine angenehme Gegenwartsunterhaltung künstlerisch-chemisch abzuziehen und das Caput mortuum in den frischesten Wind zu streuen, der augenblicklich vor dem Fenster weht?!
Sie saß schon um den Tisch, die Hausgenossenschaft des Steinhofes, als wir dran und drüber hinfielen. Und da Jule Grote vollständig recht hatte und der Meister bis jetzt noch fehlte, so ging es um ein Beträchtliches weniger lehrhaft an der Tafelrunde zu als damals auf dem Oberhofe, als der Jäger zum ersten Male der Unterhaltung zwischen dem Hofschulzen und seinen Leuten zuhörte.
Große Bohnen und gekochten Schinken gab es heute auch hier wie damals auf dem Oberhofe, als der Jäger dort zum ersten Male seinen Platz am Tische einnahm.
Auf des Meisters Stuhl, obgleich er kein Meister war, saß der Vetter. Ihm zur Rechten Jule Grote, ihm zur Linken Irene Everstein. Der zur Seite saß Eva Sixtus und ihr gegenüber ich, neben der grimmig-klugäugigen Haushälterin und unbestrittenen Herrin des Steinhofes. Dem Freund Ewald gegenüber lag schwer auf den Tisch hin der Oberknecht, ihm zur Seite saß die Großmagd, und die anderen bis zum Hofjungen schlossen sich in bunter Reihe an. Millionen von Fliegen waren gleichfalls vorhanden, auch Bienen und anderes Flügelgesindel kamen aus dem Garten und der übrigen freien Natur, gerade wie wir von Schloß Werden, ohne vorher um Erlaubnis anzufragen. Die Temperatur in der niedrigen Stube war sehr hochgradig; die Balken der geweißten Decke drückten schwer herab, und es half gar nichts zur Kühle, daß die schmalen, niedrigen Fenster geöffnet standen. Über die Schwelle der offenen Stubentür traten Hahn und Hühner mit erhobenen Füßen ungeniert und ließen auch ihre Naturlaute nicht etwa blöde auf dem Hofe zurück. Hund und Katze konnten frei ein und aus gehen, hielten sich aber so dicht als möglich an uns; und da sie nicht auf dem Tische geduldet wurden, so trieben sie sich wenigstens unter ihm herum und warteten mit nervöser Ungeduld auf alles, was von ihm für sie abfiel. Von der Wand hinter dem Vetter Just mahnten die zehn Gebote, sehr bunt unter Glas und Rahmen, zu ihrer Beobachtung. Hinter dem kleinen Spiegel zwischen den Fenstern fehlten die Pfauenfedern und neben ihm der Kalender des laufenden Jahres nicht. Seltsam berührte (ich darf diese kitzelnd zugespitzte, moderne Redensart an dieser Stelle wohl anwenden) nur der Ofen hinter mir, und nicht als solcher, sondern durch das, was auf ihm stand. Auf ihm stand nicht etwa der alte Fritz in Gips mit seinem Krückstock oder der Kaiser Napoleon mit untergeschlagenen Armen (beides hätte durchaus nicht seltsam berührt!), sondern es stand da in einem hübschen Miniaturgipsabguß, wenngleich ziemlich gelb angeschmaucht, — die mediceische Venus der gesamten Tafelrunde des Steinhofes gegenüber.
„Und da ich sie mir einmal von so ’nem wandernden Italiener mit seinem Brett auf dem Kopfe angeschafft habe, so bleibt sie da auch stehen, Fritz!“ hatte mir der Vetter gesagt. „Es braucht ja keiner ’s anzugucken, wenn er nicht mag; — ich habe mein Geld dafür gegeben, Fritz. Sieh mal, ihr anderen und dann alle berühmten Menschen in der Welt habt nur das vor uns voraus, daß ihr euch vor dergleichen nicht fürchtet und schämt. Guck mal, mir geht es noch schwer ab, daß ich darüber rede, und ich täte es auch ganz gewiß nicht, wenn du nicht auch mit den anderen deine schlechten Witze darüber gemacht hättest. Laß mir aber nur mal einer einen mit dem Besenstiel dran rühren! Dafür hat die weiße Gipsmadam doch zuviel gekostet!“
Dieses letzte Wort bringt mich auf die wenigstens auf dem Papier noch gegenwärtige Stunde zurück.
„Anderwärts als hier auf dem Steinhofe esse ich sie nicht, und wenn der Tod darauf stünde,“ sagt Ewald, schmatzend wie eines jener unwählerischen Tiere, für welche der Schöpfer die wackere Hülsenfrucht Vicia faba hauptsächlich erschaffen haben soll. „Evchen mag sie nur ihres Geruches in der Blüte wegen, und Irene ißt sie nur, weil sie schauderhaft hungrig ist und meinetwegen; nämlich weil sie im Heroismus nicht hinter mir bleiben will. Fritze frißt natürlich alles herunter, ohne darüber nachzudenken; und Sie, Jungfer Grote, bitte, noch ’n Stück aus dem Fetten. Schad’t nichts, wenn auch ein bißchen nah vom Knochen. Die Würmer sind ja mit im Kessel gewesen, Jungfer Jule —“
„I, so höre einer! Ein ganz nichtsnutziger Junge bist du,“ stammelt die Wirtschafterin des Steinhofes, „und —“
„Und beißen einen Sekundaner, den seine Herren Lehrer längst schon Sie anreden müssen, nicht mehr.“
Ein breites, glänzendes, zähnefletschendes Grinsen geht um den ganzen Tisch. Die Knechte stoßen ihre Nachbarn mit dem Knie an, die Mägde kichern, und nur der Hofjunge schlingt ungerührt weiter.
„I, so soll mich doch!… Nun höre einer!… Ach, herrje, bist du auch schon so lateinisch? Du?… Was kosten denn jetzt die Rohrstöcke bei euch auf Schulen? Sind wohl höllisch dies Jahr mißraten in Hinterpommern oder wo sie wachsen, weil du mir hier Glocke Zwölf am Tage so kommst wie ein Maikäfer, wenn’s Abend wird?! Herr Langreuter, Sie verdirbt er auch noch in Grund und Boden; und er ist es auch allein, der alle Augenblicke mit Ihnen hierher nach dem Steinhofe her vagabundiert, daß Sie, Fritzchen, mir meinen Jungen da, meinen Just, noch mehr aus seinem Menschenverstande heraus verführen, was eine Sünde ist, mehr als ich sagen kann, und was seine Schwester auch wohl weiß, und wenn ich nur nicht die lieben Gesichterchen so gern auf dem Steinhofe hätte, so wollte ich schon noch mehr sagen; aber die gnädige Frölen Gräfin darf’s mir dreiste glauben, ich nehme es keinem übel, wenn er es anders gewohnt ist bei Tische, und große Bohnen sind freilich nicht jedermanns Sache, da hat der Junge recht.“
„Wenn Sie den hier meinen, Jungfer Grote,“ lachte Irene Everstein, mit ihrer Gabel auf Freund Ewald deutend, „so sollte ich nur mal ’nen Augenblick lang Ihren großen Löffel da in der Hand haben! Ach, herrje, ich würde ihm Deutsch auf sein Lateinisch geantwortet haben. Und übrigens haben sie ihn auch nur deshalb mit nach Sekunda genommen, weil er ihnen für Tertia zu lang geworden ist. Wachsen kann jeder, und wir auch; nicht wahr, Eva?“
Sie stand auf, und da alle sie darauf ansahen, sagte sie:
„Ich will mir nur ein Glas Wasser vom Brunnen holen.“
„Bleib sitzen, das will ich dir besorgen,“ sagte der Vetter Just, gleichfalls aufstehend. „Du weißt doch, Irene, daß dir die Winde zu schwer ist. Es springt hier nicht so bequem aus einem Löwenmaul wie bei euch auf Schloß Werden.“
Er erhob sich tölpisch genug von seinem Stuhl; aber Ewald Sixtus und ich, wir waren ruhig sitzen geblieben; und es ist auch heute erst, in der Erinnerung der fernen Vergangenheit, daß mir das bemerkenswert erscheint. Ich schätze es übrigens jetzt für ein Glück, daß die Feinfühligkeit nicht bei allen Menschen mit den Jahren wächst. Wer würde es aushalten können in einer Welt, in welcher dieses die Regel wäre und die Leute ohne das in keiner Achtung stehen und es auch nicht zu Vermögen bringen könnten?
Jule Grote sah ihrem vierschrötigen, langen, unmündigen Mündel mit einem Ausdruck von verdrießlichem Jammer nach, der sich gar nicht beschreiben läßt. Sie hob den Löffel zum Munde; aber sie ließ ihn wieder auf den Teller sinken und brummte:
„Da danke einmal einer dem lieben Herrgott für die gute Gottesgabe!“ und dann grimmig sich zu Ewald Sixtus wendend, rief sie:
„Dich sollte dein Vater aus alter Freundschaft von Schulen abtun und hierher auf ein halb Jahr zur Probe in die Wirtschaft geben. Vielleicht brächtest du ihn noch aus der Unvernunft heraus und zu ordentlichem Sinn und Gedanken. Von euch anderen aber ist es mir eine große Ehre und Pläsier; aber besser ist’s doch, ihr bleibt mir soweit als möglich weg vom Steinhofe. Was nutzt der Kuh Muskate? Und was haltet ihr mir den Bauer auf dem Steinhofe noch mehr von der Arbeit ab? Soweit meine Besinnung reicht, haben sie zwarst alle, vom Vater zum Sohn, hier auf dem Hofe ’nen Vogel im Kopfe mit in die Welt gebracht; aber solch ein nichtsnutzig ganzes Nest wie dieser doch keiner! Du lieber Himmel, was daraus werden wird, weiß ich; und doch liege ich Nacht für Nacht wach und bitte, daß einer kommt und es mir sagt; gerade als ob ich es wie das höchste Glück nie genug hören könnte! O ihr junges Volk sollt es nur auch erst einmal erfahren haben, wie es dem Menschen zumute ist, wenn er sich so an seine Sorge anklammern muß und um seinen Willen gar nicht gefragt wird dabei!“
Das war gerufen und doch nur über den Tisch geächzt — „der Leute wegen“; — als ob die nicht schon längst Bescheid und den Vetter Just zu nehmen gewußt hätten, wie sie ihn gebrauchen konnten. Ihnen war es ganz bequem so, wie er war; und Jule Grote hatte recht, vollkommen recht in ihrem Jammer und Ingrimm: der Steinhof mußte zugrunde gehen unter einem Bauer wie der Vetter Just Everstein.
Doch der Vetter Just ist eben mit dem Glase klaren Wassers aus seinem Ziehbrunnen für die Komtesse Irene zurückgekommen. Er hat fein ein Klettenblatt darunter gelegt, und ein Bär könnte es nicht zierlicher präsentieren. Endlich sind wir alle satt, — sogar der Junge vom Hofe ist satt und äußert es durch einen klagevollen Laut, der aber nicht allein Seufzer ist und auch nicht bloß aus der Tiefe seines Busens sich emporringt. Ein jeder geht, mehr oder weniger gutwillig, wieder an seine Arbeit; nur der Vetter Just nicht, der doch am gutwilligsten gehen sollte. Und wir nicht; denn dazu sind wir wahrhaftig nicht vom Schloß Werden durchgebrannt!
Wir liegen, wie wir es uns auf jeder schattenlosen Stelle unseres Weges lockend ausgemalt haben, im hohen Grase, im Grasgarten des Steinhofes unter dem großen Kirschbaum; der Vetter Just Everstein aber sitzt in unserer Mitte am Stamm des Kirschbaumes und hält die Knie mit den langen Armen umschlungen. In der Küche hält Jule Grote die Kaffeemühle im Schoße und schüttelt die Haube und wirft bedenkliche Blicke durch das kleine Fenster nach ihren Gästen und ihrem in aller Welt nichts nützen jungen Herrn und Meister. Dieses aber gehört besser in ein ander Kapitel, und ich beginne das sofort.
Neuntes Kapitel.
Es war nicht der erste Everstein mit einem Nagel oder Vogel im Kopf, den der Steinhof erzeugte. Es hatten schon mehrere des Namens die Umgegend in Erstaunen gesetzt; und dieser Freund Just war auch nicht der erste, den die Gegend „Vetter“ nannte und von dem sie nach jedem Nachbarschaftsbesuche mit der Hand im Haar oder mit dem Knöchel des Zeigefingers vor der Stirn Abschied nahm und sich auf dem Heimwege fragte:
„Ist denn das ’ne Möglichkeit?“
Der Vetter Just mußte es aber doch wohl in der Absonderlichkeit allen seinen Ahnen zuvortun; und was zu viel ist, das ist zu viel! „Vieles hat er von seinem Großvater und seinem Vater, aber nicht alles,“ sagte Jule Grote.
„Der verfluchte Junge. Totschlagen könnte ich ihn alle Tage ein paar Male!“ pflegte sein seliger Vater zu seufzen. „Und totgeschlagen hätte ich ihn auch schon längst, wenn mir da nicht immer sein Großvater in das Gedächtnis käme, Nachbar, und ich mir denken müßte, was kann er denn eigentlich dafür, wenn’s ihm einmal im Blut steckt?! Mich hat’s wohl gottlob übersprungen! aber seinen Großvater hättet Ihr kennen sollen, Nachbar. Na, richtig, Ihr habt ihn ja gekannt, und so müßt Ihr doch auch sagen, daß so ’ne Weisheit, als der prästierte, auch nicht allenthalben und immer für Geld und gute Worte zu haben ist. — So nehme ich ihn denn am Kragen und schüttele ihn in der hellen Wut, und er sieht mich dumm an und sagt nichts, oder sagt: Ja, Vater! und dann muß ich ihn wieder laufen lassen; — denn, Herr Amtmann, Sie sagen wohl, das müssen Sie eben nicht tun, Everstein, sondern Sie müssen sich und dem Bengel einen Zwang antun! aber nun ist denn dieses wieder nicht in meiner Natur. Ich kann leider Gottes den Grimm und die Wut über den Nichtsnutz nicht festhalten über dem Nachdenken über ihn. Es ist eben unsere Natur! Was für die anderen Bauern der Mist ist, das sind für uns hier auf dem Steinhofe die Hirngespinste und Spintisierereien; und seit Olims Zeiten ist das so mit uns gewesen. — Ja, Sie haben recht, Base, daß das nicht so weiter gehen kann, wenn der Steinhof nicht zugrunde gehen soll, wenn ich mal die Augen zutue; aber Sie sind ein verständig Frauenzimmer, Base, und so will ich Ihnen denn meinen letzten Trost nicht vorenthalten. Sehen Sie mal, was hat uns auf dem Steinhofe seit mehr denn hundert Jahren immer wieder ’rausgerissen? Die gütige Vorsehung! So ist das bei meinem Vater gewesen und bei dem seinen und so weiter fort rückwärts. Und so hat sich noch, wenn die Not am größten war, — immer noch ein vernünftig Weibsbild gefunden, dem das Elend jammerte und das also ein gut Werk an uns tat und — uns nahm. Von Meiner will ich nicht reden; aber seit sie auf dem Kirchhofe liegt, vermisse ich sie doch auch recht sehr! Aber meine Mutter, als was Justs Großmutter nun ist, das war eine Frau! Wenn ich da an meinen seligen Vater denke, so kann ich nur die Hände zusammenlegen und sagen: Uh jemine!… Und sehen Sie, Base, auf so eine hoffe ich denn auch zum Besten von meinem Strick von Jungen da, und bei allem, was nach uns kommt auf dem Steinhofe. Die Weibsleute haben uns noch immer aus dem blauen Nebel und allen Dummheiten herausgeholt. Denn was Sie auch sagen mögen, Base, angewiesen seid ihr ja doch allesamt mit eurem ganzen Interesse auf uns, wenn ihr uns mal genommen habt, eure uneigennützlichen Gefühle beim Jasagen ganz unbesehen. Sie brauchen da nur an den Ihrigen und sich selber zu denken, wenn Sie es mir erlauben, Frau Base.“
Für die richtige war es wohl noch ein wenig zu früh am Tage.
„Wenn die Zeit kommt, werde ich mich nach ihr schon auf die Lauer legen, wie es mein Vater für mich getan hat und den sein Vater für ihn,“ pflegte der Alte einer jeden solchen sorgenvollen Erörterung als Schluß anzuhängen. Leider erging es ihm wie den meisten Erdenbewohnern: er starb an einer Erkältung in der Heuernte, ehe er sich nach der Rechten auf die Lauer gelegt hatte; und der Junge hatte dann auch nicht weiter nach ihr gesucht, sondern die Tage und sein Wachstum in ihnen hingenommen, wie’s ihm kam, unter staatlicher Obervormundschaft und unter der Pflege und Vormundschaft von Jule Grote.
Die Sommersonne scheint auf den dichtbelaubten Kirschbaum, und Licht und Schatten halten ihren flimmernden Tanz auf dem weichen Grase unter ihm. Irene hat ihren blonden Kopf in Evas Schoß gelegt und ist dem Schlafe näher als dem Wachen. Ewald liegt lang ausgestreckt auf dem Bauche, hält seinen Kopf auf beide Fäuste gestützt und starr blinzelnd auf den Vetter und zuckt mit den Ellenbogen, als ob er die ganze Welt in die Seite stoßen und sie gleichfalls auf ihn aufmerksam machen möchte. Auch ich halte in der grünen Kühle die Augen nur mit Mühe offen, aber annähernd horche ich doch auf alles, was hin und wieder gesagt wird, und gebe auch wohl mein Wort mit drein.
„Wenn du lange genug nachgedacht hast, so darfst du meinetwegen dreist sagen, was du denkst, Just. Wenn ich satt bin und weich liege, kann ich allen Unsinn ruhig anhören, Vetter Just,“ spricht Ewald mit einer Miene, als ob er noch nie während seiner gelehrten Laufbahn vom Klassenlehrer einer unverschämten Redensart wegen zur Tür hinausbefördert worden sei.
„Ich denke ja an gar nichts!“ antwortet der Vetter Just. „Was sollte ich denn denken?“
Irene von Everstein, ihre Augen halb öffnend, murmelt:
„Solch einem dummen Jungen antwortete ich auch das nicht einmal, Just. Er soll drei Bäume weiter gehen und uns hier unter unserem jetzt ungeschoren lassen. Das ist meine Meinung.“
„Und meine auch!“ ruft Evchen Sixtus mit ganz ungewöhnlicher Energie.
„I sieh’ einmal, Jungfer Naseweis! bist du auch noch da? In deiner Stelle wäre ich längst in der Küche, um Donna Julia Cichoria beim Kaffeekochen und in ihrem Kummer um ihren dummen Jungen zu unterstützen. Was ist deine Ansicht von der Sache, Fritzchen?“
„Halt’s Maul und laß mich wenigstens in Ruhe, Ungeheuer.“
„Und dies soll nun nicht grob sein?“ brummt das „belebende Prinzip“ in unserer Gesellschaft, dreht sich auf die Seite und grinst: „Bist du mir böse, Just?“
„Seit dem schönen Wetter zu Anfange voriger Woche habe ich euch hierher schon voraufgerochen. Jetzt ist es nett von euch, daß ihr mal wieder da seid. Ne, böse bin ich dir gerade nicht; denn Fritz und deine Schwester und Fräulein Irene wissen es, daß man auf keinen gern wartet, auf den man nicht jeden Morgen nach der Witterung ausguckt.“
„Sehr schön gesagt!“ brummt Ewald, jetzt wirklich sich abseits und unter einen etwas entfernten Stachelbeerbusch wälzend. „Gute Nacht, alle miteinander! Wenn wieder mal was Interessantes vorkommt, so weckt mich freundlichst. In Gehörweite für euren Unsinn bleibe ich euch zuliebe. Na, das Blech!“
Die Sonne liegt auf allen Bäumen des Grasgartens des Steinhofes; aber die Vögel in den Bäumen haben bereits ihre Siesta beendigt und fangen von neuem an, munter zu werden, um den trotz seiner Länge so kurzen schönen Tag so vergnügt und glücklich als möglich auszunutzen, — gerade wie wir. Die Komtesse sitzt wieder aufrecht und sehr helläugig da. Ihre Augen glänzen vor mädchenhaft lustiger Mutwilligkeit, als sie sagt:
„Hört nur, er schnarcht schon, der Unmensch! Jetzt sind wir unter uns. Rückt alle zusammen; — und nun sagen Sie, Vetter Just — es hört keiner zu als ich und Eva, Fritz und die Spatzen im Baum, und wir meinen es alle ganz ernst — haben Sie es hübsch weiter gebracht, seit wir zum letzten Mal hier auf Besuch waren?“
Mit seinem tölpischsten Lächeln sieht der Vetter in die Ferne:
„Wieso soll ich es denn weiter bringen, wenn ich nicht mal weiß worin?“
„Ach, verstellen Sie sich nur nicht, Vetter! Bitte, sehen Sie nicht so dumm aus! Damit machen Sie anderen Leuten was weiß, aber uns nicht. Sie studieren sich immer weiter hinein, bis zum Klügsten von uns allen, und das sind Sie auch von Natur schon lange; und nun werden Sie nur nicht rot, denn das nützt Ihnen noch viel weniger als das Dummaussehen. Sie studieren ja alles rundum verrückt, sagt Jule Grote; — sich selber — sie — den ganzen Steinhof. Und wo das enden will, weiß sie nicht, sagt sie.“
„Es ist auch nur Ewalds Neid, weil er für das, was einem anderen soviel Vergnügen macht, soviel Prügel von seinen Herrn Lehrern gekriegt hat,“ meint Evchen Sixtus schüchtern, und: „Unsinniges Volk!“ klingt es von dem Stachelbeerbusch faul und schlaftrunken her.
„Ja, es ist ein Spaß!“ sagt der lange, im nächsten Jahre mündige Vetter Just Everstein und verzieht den Mund wie ein ausgelachtes Kind, und — heute weiß ich genauer als damals, was das Auslachen und Ausgelachtwerden unter den Menschen bedeutet seit den Tagen des Urvaters Noah. Ich lache viel seltener als damals aus eigenem Antrieb, und noch viel seltener lache ich mit.
Damals lachte ich mit, und zwar in die grinsende Bemerkung von dem Stachelbeerbusche her:
„Hu, der alte Broeder! Schlag ihn doch mit unserem Zumpt auf den Kopf, Fritze! Uh; na, mein Junge soll’s besser haben als ich.“
Wir achten, was unsere Unterhaltung unter dem Kirschbaum anbetrifft, von jetzt an nicht im mindesten mehr auf die Stimme vom Stachelbeerbusch her.
„Es ist die lateinische Grammatik gar nicht,“ stottert der Vetter.
„Sondern deines Großvaters ganzer Bücherschrank, den du mit dem Steinhofe von deinem Vater geerbt hast, Just. Funkes Naturgeschichte, Blanks Geographie, der ganze Schiller, Goethes Götz von Berlichingen und Werthers Leiden, Engels Philosoph für die Welt, Nathan der Weise, Minna von Barnhelm, Emilia Galotti, das Mildheimische Not- und Hülfsbuch, das Mildheimische Liederbuch, Beckers Weltgeschichte und die Geschichte von dem Schweizer Schullehrer Pestalozzi —“
„Hat der Kerl auch ein Buch geschrieben?“ fragt der Stachelbeerbusch. „Bis jetzt habe ich gemeint, daß der nur den General Wallenstein nicht mit ermordet hat.“
„Ach, das war ja ein ganz anderer!“ ruft Eva Sixtus noch einmal gutmütig, und:
„Halt’ endlich deinen Mund, Sixtus!“ rufe ich auch noch einmal, aber gutmütig gerade nicht, und:
„Wer spricht denn eigentlich mit euch?“ klingt es unverschämt zurück. „Nicht einmal träumen darf man wohl mehr von euch verrücktem Volk? Natürlich, der Herr Vetter darf ruhig am hellen lichten Tage nachtwandeln gehen, ohne daß es einem anderen auffällt als höchstens der Jungfer Jule. Schön also — und noch einmal gute Nacht!“
Er trifft mit seinen nichtsnutzigen Redensarten dann und wann sonderbarerweise den Nagel auf den Kopf, der gute Freund unter dem Stachelbeerbusch. Wir betrachten uns alle von neuem den Vetter Just Everstein unter seinem Kirschbaum und sehen ihn uns auf das Wort von dem Nachtwandeln hin an.
Er läßt die Knie fahren, reibt sich die langen Beine eine Weile sehr nachdenklich, windet sich sozusagen an sich selber langsam und mühselig in die Höhe, hat mich dabei, ohne daß ich den geringsten Widerstand zu leisten imstande bin, mit emporgezogen und sagt:
„Komm’ du mal mit, Fritz. Ihr anderen könnt uns rufen, wenn der Kaffee fertig ist.“
Er hält mich mit eisernem Griffe am Oberarm, tritt über den Kameraden unter dem Stachelbeerbusche weitbeinig hinweg und nimmt mich mit sich, und ich weiß schon wohin; denn es ist nicht das erste Mal, daß er mich in dieser oder doch einer ganz ähnlichen Weise abseits führt. Und ich weiß auch schon wozu; denn es ist nicht das erste Mal, daß er sich an mich hält, wenn die anderen und die Welt ihm und er selber sich zuviel werden. Damals lachte ich ebenfalls; heute sehe ich sehr ernsthaft aus, wenn Leute Vertrauen in mich setzen, Rat von mir haben wollen und sich auf mich mehr als auf andere verlassen zu dürfen glauben. Ich habe im Laufe der Zeiten allzuviel von meinem Grundvermögen an Selbstvertrauen ausgegeben und eingebüßt, um das Ding jetzt noch bequem, leicht und vergnüglich nehmen zu können: — ach, armer Vetter Just, und wie fest und angsthaft verließest du dich an jenem Sommertage auf meine Schülerweisheit und wolltest Licht daraus für deinen ganzen tapferen, guten, großen Lebensweg! Mein bester Trost ist da heute, daß dir damals noch viel weniger damit geholfen gewesen wäre, wenn ich dir mit der vollen Summe meiner jetzigen Weisheit hätte aufwarten und zu Hülfe springen können!
Es befindet sich in einem Erker im Dache des Wohngebäudes auf dem Steinhofe ein einfenstriges Gemach, von dem aus man eine weite Aussicht hat über Wälder und Felder, ferne und nahe Hügel und Berge, eine Aussicht, so gut sie eben ein Blick dem Lande Westfalen zu liefern mag. Die Wände sind vor fünfzig Jahren vielleicht zum letzten Mal geweißt worden. Der Gipsfußboden ist in den kuriosesten Mustern nach allen Richtungen hin gesprungen und senkt sich ziemlich schräg von dem Fenster der Tür zu. Urväterhausrat ist der Ofen, der Tisch und die zwei Stühle. Urväterhausrat ist der Schrank, der des Großvaters Bücherei enthält. Ein gut Drittel alles Raumes nimmt des Vetter Justs Bettsponde ein, in welcher der Vetter, ganz entgegen der landesüblichen Gewohnheit, auf Stroh schläft und auch nicht unter dem gewohnten Federgebirge und kugelartigen Deckbett.
„Er ist ein Monster in allem, was er tut und läßt!“ stöhnt Jule Grote jedesmal, wenn sie den Schlüssel in der Tür steckend findet oder ihn sich mit Gewalt erobert.
Der Vetter, der meinen Arm auch auf der Treppe nicht losgelassen hat, befördert mich mit einem plötzlichen Schub und Stoß in die Mitte seines Heiligtums. Hastig verschließt und verriegelt er die Pforte von innen, dann wendet er mir ein von verschämtem, aber glückseligstem Lächeln verklärtes Gesicht zu und seufzt aus tiefster Brust:
„So! Nun laß sie kommen!… Willst du eine Zigarre, Fritz?“
Ich weiß, obgleich ich selber nichts weiter als ein „dummer Junge“ bin, womit ich dem alten wundervollen Jungen in diesem Raume zu Gefallen sein kann, wie niemand sonst in der Welt. Und die Luft in diesen engen vier Wänden muß von sonderbaren Sporen und Keimen erfüllt sein: Dschinnistan ist für uns beide da; die träge Verdauungsstunde unter den Bäumen des Grasgartens, aus dem wir eben die Treppe heraufgekommen sind, ist wie in ein fern vergangenes Jahrhundert entrückt. Ich sitze auf dem Bette des Vetters, und er hält mir das brennende Schwefelholz an den dargebotenen Glimmstengel und flüstert glänzenden Auges:
„Langreuter, ich habe ihn heraus!“
Es ist ein süßes Blatt, das ich da verqualme; aber ins Husten gerate ich doch darüber und zwischen dem Husten frage ich:
Ein Schlag auf die Schulter wirft mich zurück auf den Strohsack und mit dem Hinterkopf an die Wand.
„Den Magister matheseos!… Es ist, weiß Gott, richtig! Das Quadrat der Hypotenuse ist wahrhaftig so groß wie die Summe der Quadrate der beiden Katheten am rechtwinkeligen Dreieck!“
Ich reibe mir wohl den Hinterkopf ein wenig; aber so betäubt haben mich der körperliche Puff und die geistige Überraschung doch nicht, daß ich nicht mit Herz und Seele, mit Armen und Beinen und vor allem mit einem Hurra aus gesunder Lunge an der wissenschaftlichen Errungenschaft des Vetters teilnehmen könnte.
„Das ist famos! das ist brillant! Just, das ist großartig!… Und ganz allein aus dir selber; — das ist riesig —“
„Ich habe dich auch bloß dazu mit hier heraufgenommen. Jetzt brauchst du nur noch zu brüllen: das ist borstig! das ist haarig! — und wir können wieder zu Ewald und den Mädchen in den Garten hinuntergehen, Fritz!“
Es kommt einem gewöhnlich erst lange, nachdem man alle seine Examina hinter sich hat, wie schwer es ist, mit den wirklichen großen Herren aus Dschinnistan umzugehen, und — den meisten kommt es gar nicht. Die lobwürdigsten Examina in sämtlichen Brotfächern tun da nicht das geringste zur Sache. Mit wahrer Subtilität will nur immer das behandelt sein, was hinter dem berühmten Kanzler Oxenstierna steckt, nicht der wenige Verstand in ihm — nach seinem eigenen Wort —, der dazu gehört, um die Welt militärisch und ziviliter zu verwalten.
„Du hast recht, Vetter,“ sage ich kleinlaut zurück; „vergib mir nur noch mal das Dumme-Jungen-Betragen. Na, alter Kerl, gib mir die Hand. Daß ich mich riesenhaft freue, wenn es dir gut geht, weißt du ja. Und daß du ein nobler Kerl bist und zwanzigmal mehr wert als wir anderen alle miteinander, das weiß ich. Und jetzt komm’ hierher an den Tisch und beweise mir das nichtsnutzige Untier von Lehrsatz gleichfalls. Was die verdammte Bestie mich an Schweiß und Blut gekostet hat, das wissen die Götter. Und frage nur Ewald. Mathematik ist seine Force, aber drei Glatzköpfe könnten sich Perücken aus den Haaren machen lassen, die er sich darüber ausgerauft hat, und vom Oberlehrer Dr. Grimme weiß ich es fest: er trägt eine aus dem Busche, der auf Ewalds Kopfe gewachsen ist, und hat sich das Material selber mit den Wurzeln ausgezogen.“
„Den Witz habe ich schon einmal anderswo in Büchern gelesen, Fritz,“ meint der Vetter.
„Dann kannst du dich fest darauf verlassen, daß es gar kein Witz ist, sondern eine richtige, schreckliche Wahrheit, Just. Frage nur Ewald danach.“
Nun hängen wir über dem Tische, und der Vetter Just Everstein beweist mir den Magister. Es müßt ein gut Stück vom einstürzenden Himmel dem Erben und Meister des Steinhofes auf den Kopf fallen, um ihn zum Aufgucken zu veranlassen. Er verwickelt sich und gerät auf falsche Fährten und gerät auch sich mit der Faust in den blonden Haarwulst. Er findet sich wieder zurecht, und es wird licht und immer lichter vor und in seinen Augen. Endlich ist er siegreich durch und sein autodidaktischer Triumph vollständig.
„Hurra!… Weiß Gott, er hat den Pythagoras unter sich und kniet ihm auf der Brust!… Vetter, du bist ein Riese! Und auch dies hast du alles aus dir selber?…“
„Und aus Büchern!“ sagt der Vetter Just Everstein viel verschämter als ein junges Mädchen, dem man zum ersten Mal sagt, daß es hübsch sei. Die junge Dame auf dem Ball erfährt da natürlich nichts, als was sie sich schon längst selber mitgeteilt hat; der Vetter Just aber weiß von nichts, was ihn selber angeht, und glaubt am meisten noch der Mamsell Jule Grote, die ihm jeden Tag von neuem zu hören gibt, daß er der größte Nichtsnutz, Unverstand und Tagedieb sei, den der liebe Herrgott in seinem Zorn zu ihrem Elend in die Welt und auf den Steinhof habe hinsetzen können.
Von den „Büchern“ kommen wir natürlich auf des Großvaters Bücherschrank. Dschinnistan — Genieland, Geisterland öffnet seine Pforten immer weiter. Wir haben längst alle Berechnung darüber verloren, was es in Bodenwerder geschlagen haben mag auf dem Kirchenturme. Wir kümmern uns nicht im geringsten darum, daß es auch auf dem Steinhofe eine Uhr gibt, die ziemlich richtig die Zeit anzeigt und von Jule Grote gewissenhaft immer von neuem aufgezogen wird.
Wir sind zum Kaffee gerufen worden und haben nur geantwortet:
„Ja, gleich. Im Augenblick!“
Irene hatte Freund Ewald die Augen mit ihrem Taschentuch verbunden, und er hat den Blinden im Blindekuhspiel recht gut zu spielen gewußt. Wir haben das helle Lachen und Kreischen wohl vernommen und dabei aufgeguckt und gefühlt, daß es in dieser engen Kammer unter dem Dache an diesem Julinachmittage ziemlich schwül sei trotz dem offenen Fenster; aber wir haben auch diesen Lockungen nicht Folge geleistet, sondern nur wiederholt:
„Ja, gleich! Wir kommen ja schon!“
Damals brummte mir der Kopf, als Ewald Sixtus zuletzt eine Leiter mit Hülfe des Hofjungen vom Schafstall herüberschleppte, sie am Hause emporrichtete und plötzlich durch jaches Erscheinen in der Fensterbank und unbändig Geschrei uns mit roten Köpfen und offenen Mäulern aus Traumland und der Literatur vom Ende des achtzehnten und Anfang des neunzehnten Jahrhunderts in die Welt der Wirklichkeit und in die Gegenwart zurückriß. Heute weiß ich ganz genau, wie das Schicksal, wahrscheinlich mit dem Finger an der Nase, über den Vetter Just Everstein dachte, nämlich:
„Höre, lieber Sohn, Dich kenne ich wie alles übrige gut genug, um dich wie alles übrige auswendig zu wissen. Du würdest mir ein netter Hahn geworden sein, wenn ich dich von deinen Eierschalen an auf den Mist gesetzt hätte, der dir heute dein Ideal ist. Dich hätte ich wohl verbrauchen sollen als dyspeptischen Professor der Philologie und dysoptischen Doktor der Philosophie, — nicht wahr?! Ne, ne, nicht rühran! Hier wächst du mir mit deinen Spinnen im Kopfe auf deinem angeerbten höchst realen väterlichen Dünger und in der Gesellschaft von Jule Grotes Ferkeln und Küken auf. Nachher werden wir weiter sehen und den Kerlen mit ihren Systemen beweisen, daß doch auch in unserem Durcheinander und Kopfüber Kopfunter ein gewisses System vorhanden ist! Bitte, geniere dich ja nicht, du Tropf! rede mir nur drein und zappele dich ab, um dir und mir meine Widersinnigkeit zu beweisen. Es haben mich schon ganz andere Völkerschaften und Herrschaften für absolut ungereimt erklärt und das mir sogar auch schriftlich gegeben; ich habe aber zuletzt immer doch noch einen ziemlich passenden Reim auf sie zu finden gewußt. Nur schade, daß ich nicht wie ihr sagen kann: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.“
Zehntes Kapitel.
„Wie süß das Mondlicht auf dem Hügel schläft!“
Es schläft auf allen Hügeln in der Ferne der Erinnerung für den rechten Menschen: die Sonne mag ihm noch so häufig hell und scharf aufgegangen sein im Leben.
Und Porzia sagt: