„Das Licht, das wir da sehen, brennt im Saal:
Wie weit die kleine Kerze Schimmer wirft!“
Und Porzia sagt:
„Horch, Musik!“
„Es sind die Musikanten Eures Hauses,“ antwortete Nerissa; und — one touch of nature makes the whole world kin: wer möchte nicht immer so nach Hause kommen bei Mondenlicht und wenn der Schein der heimatlichen Lampe durch die Bäume flimmert und des Hauses Musik dem Heimkehrenden, der den heißen Tag mit seinen Freuden, Nichtigkeiten und Widerwärtigkeiten durchwanderte, leise und wehmütig, aber süßer und herzlösender als alles, was der Tag zu bieten hatte, von fernher entgegenklingt?
Das ist nicht bloß in Belmont so gewesen, das war lange vorher so, ehe Venedig existierte, und wird hoffentlich auch wohl noch so sein, wenn es längst wieder in dem Sumpfe, aus dem es emporstieg, versunken ist.
Wie oft sind wir so heimgekommen, wir glücklichen Kinder damals?! Aus den grünen Wäldern und aus den bereiften Wäldern. Aus der Maiblumenzeit und aus dem Herbststurm. Von der Johanniswürmerjagd und vom Eislauf. Sie behaupteten dann jedesmal, daß sie sich recht sehr um uns geängstigt hätten; aber dieses gehörte ja ganz und gar zu der Musik, mit der uns die Heimat empfing, und wer möchte in späteren Jahren einen Ton der besorgten Liebe, die früher auf ihn achtete, in der Erinnerung vermissen?
Sie haben es uns nicht merken lassen, oder aber wir haben auch wohl nicht darauf geachtet, daß viel grimmigere Sorgen als unser spätes Nachhausekommen das Schloß Werden ängstigten. Der Herr Graf hat es seiner Tochter nicht mitgeteilt, welch einem schlimmen Shylock mit Messer und Wagschale seine Existenz verpfändet war. Er hat seine Lebensnot für sich behalten, wie meine Mutter ihre Ahnungen davon gleichfalls nicht laut werden ließ. Selbstverständlich haben doch viele Leute darum gewußt; wir aber nicht, denn zu den „Leuten“ gehörten wir eben damals noch nicht. Es gehört erst das richtige Alter dazu, ehe man zu seinem eigenen Schaden von der Welt unter jenes Sammelwort mit einbegriffen wird.
Daß es schlecht um den Steinhof stand, wußten wir; denn Jule Grote tat ihrer Zunge keinen Zwang an in ihren Warnungen und Vorwürfen, mit denen sie ihn (den Vetter Just einbegriffen) immer noch zu retten oder, wie sie sich ausdrückte, „herauszureißen“ hoffte; — aber wie schlimm es um Schloß Werden stand, das haben wir erst erfahren, als nichts mehr herauszureißen war. Die Leute hatten eben viel zu viel Respekt vor dem Herrn Grafen, um ihm mit ihren Warnungen, Redensarten, gutem Rat und Vorwürfen zu kommen.
Aber aus Kindern werden Leute. Die Zeit steht nicht still; — weder in dem grünen Walde noch im entblätterten, weder über der Weizensaat noch über dem Stoppelfelde, nicht auf dem Flusse noch diesseits und jenseits desselben, weder in Bodenwerder noch auf dem Steinhofe und auf Schloß Werden.
Wir sind vier oder fünf Jahre älter geworden und, was uns Knaben anbetrifft, eben dem Gymnasium entwachsen. Ich habe mich der Philologie gewidmet und treibe die dahin einschläglichen Studien in der großen Stadt Berlin; was daraus werden wird, ist mir augenblicklich noch recht dunkel; ich habe eigentlich nicht gerade viel Lust, später einmal den gelehrten Schulmeister zu spielen und meinesgleichen wiederum heranzubilden und groß zu ziehen. Ewald Sixtus befindet sich auf einem süddeutschen Polytechnikum. Er hat die Absicht, Baumeister, Ingenieur oder dergleichen zu werden und kostet vor der Hand seinem „Alten“ in dem „billigen“ Süden ein Erkleckliches.
„Unser römischer Namensvetter würde wohl andere Saiten gegen seinen Jungen aufgezogen haben, wenn die Wechsel nie reichen wollten,“ brummte der Alte in dem Försterhause. „Aber der Wildkater weiß es einem immer so plausibel zu machen, Herr Graf; — und dann ist da jedesmal, wenn die Ferien kommen, seine Schwester für ihn da, Frau Langreuter, und geht einem um den Bart; und so ein gutes Kind wie das Mädchen, Frau Langreuter, das hat die Gegend hier herum noch nicht weiter aufgezogen; die gnädige Komtesse ist natürlich ganz anders, ein nettes, vornehmes Frauenzimmer. — Ei, sieh mal, Fritze, bist du auch mal wieder da? Ja, ja, der alte Kessel! Nicht wahr, es rudelt sich doch immer wieder ganz gut daselbsten? Na, morgen kommt auch mein Junge; da werden ja denn wohl das stille Leben und die Friedlichkeit für anderthalb Monate ihr Ende haben.“
Ich sollte nun auch wie der Papa Sixtus von den zwei jungen Damen oder den beiden Mädchen, Irene und Eva, in zwei Worten ein Charakterbild geben. Und dies wunderbare Thema läßt sich im Grunde auch wirklich so abmachen. Sie waren Fräulein, die eben zu Jungfräulein geworden waren; und sie übersahen uns weit.
„Sie können einen verrückt machen mit ihrer klassisch großartigen Süffisance,“ sagte Meister Ewald und meinte hauptsächlich die Komtesse Irene. „Ho, ich glaube wahrhaftig, man muß sie erst geheiratet haben, um ganz genau zu erfahren, was eigentlich hinter ihnen steckt!“
Großartige Selbstgenügsamkeit hatte ich Even in ihrem Verkehr mit mir nicht vorzuwerfen; aber es kam ziemlich auf dasselbe hinaus, wenn ich dann und wann ihr Betragen für höchst sonderbar und sie für ein merkwürdig unberechenbares Frauenzimmer erklärte. Daß man ein „Frauenzimmer“ heiraten könne, war mir in dem Kreise meiner Vorstellungen als etwas Mögliches und vielleicht auch zu Erstrebendes noch nicht deutlich und faßlich. Die geniale Äußerung Ewalds in dieser Beziehung überhörte ich zuerst ganz, dachte dann am nächsten Tage zufällig wieder daran und schrieb sie mir erst in der folgenden Nacht als eine kolossale Frechheit und als — etwas ungemein Interessantes fest ins Gedächtnis.
Gewachsen sind unsere Nußbüsche an der Gartenhecke nicht mehr; sie sind aber noch mehr ins Breite gegangen mit ihren Zweigen und überschatten einen weiteren Kreis. Unsere alten Kindernester hängen noch in diesen Zweigen; aber es sind ausflogene Nester. Die jungen Damen klimmen nicht mehr zu ihnen empor, und nur Freund Ewald ruft noch dann und wann hoch in einem Wipfel das Gedächtnis früherer seliger fauler Stunden in seinem Busen wach und läßt seine langen Beine mit alter Grazie uns auf die Köpfe niederbaumeln; denn unser Lieblingsplatz sind die Bänke in diesem lieblichen Schatten doch geblieben, trotzdem daß wir so sehr erwachsen und verständig und anständig geworden sind.
Es ist aber einerlei; auf dem Grunde unserer Seele schlafen doch alle alten fröhlichen Neigungen. Wir gehen noch von dem „großen Nußbaum“ aus den Unserigen durch; der einzige Unterschied ist, daß die Mädchen (auch Irene) noch ein wenig mehr Einwendungen zu machen haben, und daß wir es zu Hause mitteilen, daß wir „ausgehen“, und uns die Erlaubnis nicht ohne weiteres selbst nehmen. Früher freilich ließen wir alle unsere Sorge den lieben Angehörigen, heute nehmen wir schon ein gut Teil unserer eigenen Sorgen auf alle unsere Wege, auch auf die lustigsten, mit uns.
Und da sind wir wieder auf dem Wege, von dem wir erst im Anfange dieses Kapitels beim süßen Licht des Mondes und beim Lampenschimmer der Heimat zurückkehrten. Es ist wieder Sommer, und wieder steht Mondschein im Kalender. Wir gehen wieder auf Besuch zu dem Vetter Just nach dem Steinhofe; aber nicht nur, wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht dasselbe: auch wenn man zweimal dasselbe tut, ist es gleichfalls nicht mehr dasselbige. Die Namen, die Adam den Dingen gab, bleiben wohl, und die Menschheit darf sie dreist dabei nennen; aber flüchtig sind des Menschen Auffassungen und Begriffe: was er heute so nennt wie gestern, ist heute nicht mehr das, was er gestern darunter verstand. Wir gehen tausendmal den nämlichen Weg, aber nimmer wieder denselben; —
Ach, und in demselben Flusse
Schwimmst du nicht zum zweiten Mal.
Gottlob, das Echo in unseren Bergen und Wäldern wachzurufen, haben wir noch nicht verlernt — Ewald und ich nämlich.
„Holla, der Steinhof: Heda, he, Vetter! Vetter Just Everstein!“
„Holla, holla, hier!“ klingt es zurück, und der Vetter, nunmehr fünfundzwanzig Jahre alt, kommt langsam und langbeinig, unbeholfen, fett und äußerlich unsagbar vertiert, die kurze Pfeife im Munde, über seinen Hof uns entgegen, nach dem Hause zurückrufend:
„Jule, da sind sie.“
Und wieder erscheint Jule Grote auf der Haustürtreppe, um fünf Jahre hexenhafter von außen und weichmütiger von innen geworden.
„O mein Je, die jungen Herrschaften! Die Ehre und das Vergnügen werden ja jedesmal größer; denn so wie die jungen Leute, mit Erlaubnis zu sagen, heranwachsen, das glaubt gar keiner, der es nicht immer von neuem mit ansieht.“
„Und du hast uns wieder voraufgeahnt, Vetter Just?“ lacht Ewald.
„Natürlich! Und sowohl von wegen der Seelenkunde, als der Witterungskunde. Nach wem habt ihr euch denn wohl am meisten während des vierzehntägigen Landregens hingesehnt als nach mir. Meteorologie nennt man dieses, wenn man seine Freunde genau kennt und zu gleicher Zeit mit der Landwirtschaft zu schaffen hat.“
„Wahrlich, so ist es, Herr Vetter!“ lacht auch Irene, die Hände zusammenschlagend, und Eva lacht auch, und der Vetter gibt der letzteren zuerst die Hand; denn sie macht sich immer noch von allen am wenigsten über ihn lustig, das heißt gar nicht; und er weiß das um so mehr zu schätzen, je „gelehrter“ er geworden ist und weiter wird. Der Ernst und die ernsthafte Teilnahme seiner Umgebung und guten Bekannten hält selbstverständlich nicht Schritt mit seinen Fortschritten in Bildung und Wissenschaften. Im Gegenteil, sie bleibt sehr zurück dahinter, und die gute Bekanntschaft nimmt ihn immer vergnügter, was man ihr schon hätte hingehen lassen können, wenn nicht leider bereits Leute darunter gewesen wären, die auf seine „Verrücktheit“ spekuliert hätten und eigene Bestrebungen darauf bauten. Die lachen nur hinter seinem Rücken, und er hat keine Ahnung von ihnen, trotzdem daß Jule Grote ihn tagtäglich auch auf das aufmerksam macht und mit der Nase darauf hinstößt.
Die Lacher nimmt er in gewohnter Weise leicht.
„Das ist mir ganz einerlei,“ meint er. „Ich denke sie mir allesamt rückwärts, wie sie alle an ihrer Mutter Brust gesogen oder eine Amme gehabt haben oder mit Brei aufgefüttert sind, und wie keiner was für seine Natur kann und ich auch nicht. Wenn ich da muffig werden wollte, so hätte ich wohl manche andere bessere Gelegenheit zur Wut. Ich habe doch alles versucht. Ich habe mir eine Kanarienvögelhecke angelegt, und ich habe mich auf die Bienenzucht geworfen — oben stehen die Bücher über beides, und es ist eine ganze Reihe geworden. Ich habe es mit der wissenschaftlichen Verbesserung der hiesigen Ackerstelle in ökonomischer Hinsicht probiert und — oben stehen die Bücher auch, und da habe ich nicht den tausendsten Teil von dem, was darüber erschienen ist, aber eine schöne Reihe ist es doch. So wahr ich hier stehe, es ist mir bitterer Ernst um meiner Väter Erbe, obgleich ich noch nicht einmal wie sie verheiratet bin und Nachkommenschaft habe. Der liebe Gott weiß es, wie oft ich mich schon dem Teufel vor Angst und Verdruß hätte übergeben mögen!“
Dieses pflegte er zu sagen; augenblicklich aber brummt er im höchsten Behagen:
„Wir sind eben beim Frühstück. Kommt nur rasch herein. Jule!“
„Ich weiß ja schon, Just,“ ruft die Alte, die harte treue Hand im Kreise herumreichend. „Alles, wie es sich schickt. Vorliebnehmen ist auch was, was der liebe Gott gern hat.“
Da ist nun die alte gute Bauernstube des Steinhofes zum zweiten Mal. Wieder voll Augustfliegen und mit all dem übrigen Zubehör, — auch den Hühnern.
„Alles immer noch so wie sonst,“ grinst der Vetter. „Tretet mir nur die Küken nicht tot. Aber ein Skandal ist es eigentlich und schickt sich gar nicht, Fräulein Eva. Wenn ich mir die Mastviehzucht — ich will mal sagen, die Schweine — aus dem Salon entfernt halte, so komme ich damit an die Grenzen des Menschenmöglichen, Fräulein Irene. Das Gedicht von Goethe, Grenzen der Menschheit, ist da ganz auf meinen Fall und meine Umstände gemacht.“
„Weil wir alle wissen, daß wir hier jederzeit so, wie wir erschaffen wurden, willkommen sind, deshalb sind wir alle Augenblicke bei Ihnen, Vetter,“ lacht die Komtesse. „O, kümmern Sie sich Evas und meinetwegen gar nicht um die Grenzen der Menschheit. Lassen Sie dreist alles herein, was von Rechts wegen zum Steinhofe gehört.“
„Und dies ist wieder Schinken!“ stottert der Vetter blöde glückselig. „Und zu empfehlen, Fräulein. Sehen Sie, ein Barbar bin ich auch gegen diese lieben Borstentiere nicht. Ein jeder muß doch nach seinem Nutzen in der Welt taxiert werden, — auch das Porcus! Nicht wahr, Ewald? nicht wahr, Fritz? Jule, mehr Milch für die Damen!“
Wir tun ihm den Gefallen und lachen über seinen Witz herzlich; nur Ewald bemerkt dazu:
„Drehe mal den Schlüssel dort im Schrank und rücke mit einem Nordhäuser auf den Schrecken heraus!“
Wir sind diesmal mehr unter uns. Die Leute sind draußen im Felde oder sonst in Adams Berufe tätig. Die alte Jule geht ab und zu.
Wenn der Vetter eben noch behauptete, bereits gefrühstückt zu haben, so könnte ihm ein magenkranker Millionär dreist zwei Drittel von seiner Million für den Appetit bieten, mit dem er in unserer liebenswürdigen Gesellschaft frisch von neuem ans Werk geht. Sein Hang in das Geistige hinein und sein Sehnen nach den weniger materiellen Interessen der Menschheit haben ihm da gottlob bis jetzt noch keinen Abbruch getan.
Wir holen ihn natürlich mehr oder weniger harmlos aus über seine gegenwärtigen Studien. Vierschrötig sitzt er heute vor mir da, mit beiden Ellenbogen auf dem Tische das mecklenburgische Wappen zur Darstellung bringend, und — verschämt wie irgend eine Jungfer im durchlauchtigsten deutschen Bunde. Und doch ziert er sich nicht. In seinem Kauen, Schlingen und Schlucken gibt er ganz naiv und auch etwas geschmeichelt Nachricht von sich. Eva findet ihn im geheimen rührend, Irene von Everstein rührend-komisch, Herr Ewald Sixtus „einfach zum Wälzen!“ und ich — ich finde, daß sie alle recht haben in ihren Meinungen von ihm; denn ich bin leider am festesten davon überzeugt, ihn längst herausgefunden zu haben, und zwar als einer von den ersten. Gütiger Himmel!
Gütiger Himmel! O du lieber Gott!… Das ist auch so ein Ausruf, durch den sich der Mensch Luft macht, ohne dabei viel an das zweite Gebot zu denken.
Ich stütze den Kopf auf die Hand, und die Rechte, die ihre Federzüge weiterführt, ist nicht mehr imstande, auf jedes Komma und jeden Punkt zu achten. Ist es möglich, daß die Sonne so hell und der Mensch so sorgenlos sein kann? Wir haben es an unserem eigenen Leibe und in unserer eigenen Seele erlebt; also möglich muß es doch wohl sein! Ich habe bis jetzt meistens im Präsens geschrieben; in den Zeitformen der Vergangenheit fahre ich von jetzt an fort zu schreiben.
Unser Behagen an dem guten Tage, an der guten Stunde war wieder einmal auf das Höchste gestiegen, als Jule Grote den Kopf in die Tür steckte und uns benachrichtigte:
„Es steht ein Mann draußen, der will die jungen Herrschaften sprechen; und hier ist ein Brief für dich, Just. Der Landbriefträger von Bodenwerder hat ihn auch eben gebracht; aber er hatte es eilig, und was darin steht, wußte er nicht.“
„Hurra!“ riefen Just, Ewald und ich, die Mädchen sahen lächelnd auf und nach der Tür. Daß uns da etwas Unangenehmes oder gar noch etwas viel Schlimmeres kommen könne, fiel uns nicht in den Sinn. Die ganze Welt: die Erde, dieser treffliche Bau, dieser herrliche Baldachin, die Luft; dies wackere umwölbende Firmament, dies majestätische Dach, mit goldenem Feuer ausgelegt — war alles in zu guter Ordnung, als daß wir uns auch nur den allergeringsten Riß durch es hätten vorstellen können.
„Man hat doch keinen Augenblick vor ihnen Ruhe!“ hatte Ewald gerufen und war aufgesprungen, um den Boten von Schloß Werden hereinzuholen oder draußen auszufragen nach dem, was man von uns wünsche. Der Vetter hatte seinen Brief ruhig neben seinen Teller gelegt und nur gesagt:
„Er ist von Stakemann in Bodenwerder. Weshalb kommt der alte Junge nicht selber, wenn er mir was zu sagen hat. Na ja, es ist eben keine Jagdzeit.“
Er wischte langsam und behaglich die fettglänzenden Finger an seiner Lederhose ab, ehe er das Schreiben von neuem aufnahm und es erbrach. Als Gelehrter wußte er natürlich, daß man jedwedes Schriftstück mit dem gehörigen Respekt (selbst wenn es nur vom Freund Stakemann in Bodenwerder war) und vor allen Dingen mit Reinlichkeit zu handhaben habe.
„Komm doch mal heraus, Fritz,“ sagte Ewald Sixtus dann von der Schwelle und auf seinem Gesicht war keine Spur mehr von der Lust der Minute vorhanden.
„Was ist es denn?“ fragten die beiden Mädchen immer noch lachend; doch schon im nächsten Augenblick hatten sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Vetter Just Everstein zu richten, der mit seinem jetzt geöffneten Briefe in der Hand wortlos und mit offenem Munde dasaß, dann sich über die Stirn strich wie einer, dem der kalte Angstschweiß ausbricht, wieder das Geschreibsel ansah, aber doch nur, als ob er den Inhalt desselben träume, dann die Hand schwer auf den Tisch und auf seinen Teller fallen ließ, daß die Scherben davon nach allen Richtungen hin auseinander flogen, und zuletzt aufstand und starr dastand und in jenen Riß blickte, der einem jeden zu irgendeiner Stunde mehr oder weniger durch sein Universum gegangen ist. Die Wand und die Stubendecke fällt wohl nicht so leicht ein, wohl aber das mit goldenem Feuer ausgelegte Firmament — die ganze Welt wie wir sie uns dachten in unserer Unerfahrenheit von ihr.
Den Boten hatte uns meine Mutter eine Stunde nach unserem Weggange von Schloß Werden nachgejagt. Der Herr Graf war in einem Gartenweg vom Schlage gerührt, gelähmt und bewußtlos aufgefunden worden. Als der Bote sich aufs Pferd warf, lebte der arme Herr zwar noch; aber es stand schlimm mit ihm, und — „die Frau Langreuter wäre am liebsten selber gekommen, um die gnädige Komtesse nach Haus zu holen,“ sagte der Bote. „Was ich sonst vernommen habe, ist, daß kurz vor dem Unglück ein Brief von dem Herrn Doktor Schleimer in Bodenwerder angekommen war.“
Das war ein jäher Schrecken, der an dieser Stelle kurz abgemacht werden muß.
Den Brief hatte der gute Freund des Vetters aus Bodenwerder geschrieben, und er lautete:
„Paß auf, Vetter Just! Seit vorgestern fehlt der Doktor Schleimer, und seit heute morgen ist es sicher, daß er, wenn er es irgend möglich machen kann, fürs erste nicht nach Hause kommen wird. Du solltest das Aufsehen hier sehen; aber natürlich hat’s jetzt jeder längst vorausgewußt. Ob ihn die Gerichte durch ihre Steckbriefe und Signalements wieder einholen werden, ist die Frage. Aber eine andere Frage ist’s, wie Du eigentlich mit ihm stehst. Du weißt, er hatte einen sicheren Schuß, das muß man ihm lassen; aber daß er auch zu anderen Dingen als bloß zur Jagd nach dem Steinhof hinaufgekommen ist, glaubt mehr als einer, der manchmal nach euch hingehorcht und seine Augen offen gehabt hat, z. B. ich. Kannst du ihm ruhig nachsehen, so ist’s mir sehr lieb, und ich bitte dich, gib baldigst Nachricht, daß ich aus der Sorge komme. Hast du da Dreck am Stecken, so bin ich Dein Freund und habe Dich hiermit verwarnet. Du bist dann aber zu Deinem Trost der einzigste nicht, der sich vor Gift die Haare auszuraufen hat. Hier sind Dutzende, die dem Notar den Kalk von den Wänden herunter nachfluchen, und darunter am meisten die, welche mit dem urfidelen Kerl (und das war er!) auf der Kegelbahn und an unserem runden Tisch beim Posthalter Brüderschaft gemacht oder ihn zum Gevatter gebeten haben. Aber das will noch gar nichts sagen; meine feste Überzeugung ist, daß der Gegend das richtige Licht erst dann aufgesteckt wird, wenn es jeder von euch biederen Landleuten zu den Akten gegeben hat, wie er unter euch gewirtschaftet hat. Wahrhaftig, mir sollte es recht leid tun, Vetter, wenn Du auch in diesem Falle mit zu seinen besten Bekannten gehörst, und ich kann nur wünschen, daß Dir Dein verrücktes Latein und sonstige unsinnige Liebhabereien zum ersten Mal was genützt und zu dem richtigen Mißtrauen in Geldsachen und Unterschriften gegen die Menschheit verholfen haben. Dieses alles habe ich Dir als Freund geschrieben; denn daß es mir recht käme, wenn dem Steinhofe durch solchen abgefeimten, nichtswürdigen Spitzbuben und Durchgänger ein Malheur passierte, wirst Du wohl aus alter Bekanntschaft und von wegen der vielen vergnügten Stunden daselbst nicht meinen,“ usw.
Der Vetter Just stand auf, setzte sich wieder, ließ die Hände matt und flach auf die Knie fallen und stöhnte:
„Kinder, das ist freilich wohl für uns alle die letzte vergnügte Stunde auf dem Steinhofe gewesen. O Fräulein Irene — sehen Sie nicht so stier hin! vielleicht und hoffentlich steht es wohl noch nicht so schlimm mit dem Herrn Papa. Medizinisch kann der Mensch mehr als einen Schlag aushalten, ehe er für immer zu Boden liegt. O Jule, liebe alte, arme, alte, liebe Jule, ich wollte gleich für alle Ewigkeit nicht wieder von der Erde aufstehen, wenn ich dir dieses erspart hätte. Ja, ich habe dem Doktor Schleimer den Steinhof auf lateinisch in die Tasche gesteckt, und er nimmt ihn mit hinüber nach Amerika!“
Die alte Jule Grote fiel aus dem Weinekrampf in den Lachkrampf —
„O Just, Just, Just, sprich doch nicht von mir!“
Was wir anderen sagten, läßt sich nicht genau durch Wort und Schrift ausdrücken; es war auch nicht von Bedeutung. Auch von unserem Heimwege durch den heißen, glühenden Tag ist wenig zu reden. Weiße schwere Wolken wälzten sich, als wir in dem morschen Kahne des Vaters Klaus wieder auf dem Flusse schwammen, über die Berge empor und in das lichte Blaue hinein; Irene lag auf der Bank, mit dem Kopfe an Evas Brust; Ewald hatte eine Ruderstange ergriffen, blickte von Zeit zu Zeit auf die beiden Mädchen und nahm ingrimmig unserem Charon den schwersten Teil seiner Arbeit ab. Ich ließ mir wieder die Flut des Stromes über die heiße Hand spülen; aber Kühle war nicht in dem Wasser.
„Ich weiß es wohl, daß es da nicht gut steht,“ flüsterte mir der weißhaarige Schiffs- und Fischersmann beim Aussteigen zu, indem er verstohlen mit dem Daumen nach den heimatlichen Bergwäldern deutete. „Ja, ja, junger Herr, es fließt alles hin wie das da!“ und er deutete auf seinen Fluß.
Das war kein neues Bild; ich aber sah doch auf die eiligen Wasser zurück und fand den Vergleich von neuem tiefsinnig und einzig zutreffend. Wie kommt es, daß wir den Eindruck der höchsten Weltweisheit nie aus dem Verkehr mit den Herren vom Metier, wohl aber gar nicht selten aus der Bekanntschaft und dem Umgange mit dem Vater Klaus in seiner Fischerhütte, mit der alten Tante in ihrem Erkerstübchen und mit dem Unbekannten, dem wir seit vier Wochen täglich in der Gasse begegnen und mit dem wir noch nie ein Wort gesprochen haben, — ziehen?! Weil es die Gemeinplätze, d. h. die höchsten Wahrheiten sind, auf denen unser Leben sprießt, wächst und wuchert, und nicht die hohen Offenbarungen des Menschen im einzelnen. In ruhiger Stimmung bereiten wir uns durch die letzteren wohl auf die entgegengesetzte vor, aber doch mehr, um die gute Stunde noch behaglicher zu machen: die böse Stunde hat noch keiner behaglicher dadurch gemacht.
Es donnerte hinter den Bergen, — ein langgezogenes feierliches Rollen dann und wann den ganzen Nachmittag über. Wir kamen nach Hause, und der Herr Graf konnte mit seiner Tochter nichts mehr sprechen. Er starb in der Nacht. Wir anderen von Schloß Werden durchwachten sie, und wir hörten den heftigen Sommerregen in den Blättern rauschen.
Elftes Kapitel.
Ich war dreißig Jahre alt geworden und, wie es in den Sternen geschrieben stand, ein Schulmeister. Ich war Doktor der Philosophie und hatte die venia docendi an der Universität Berlin. Wenn sie nur gekommen wären, um das von mir abzuholen, was ich selber gelernt hatte! Aber sie blieben aus; sie schienen der Sache nicht im mindesten zu trauen.
Zuerst versuchte ich es, mein philologisches Wissen auf einem rheinländischen Gymnasium an die Jugend zu bringen; jedoch bekam ich bald von maßgebender Stelle herunter den Rat, diesen Versuch aufzugeben. Man verwies mich zwar nicht offiziell dabei auf meine wirklich etwas hohe Schulter; aber man zuckte doch nur die Achseln, wenn die Jungen lachten und meine Autorität gleich Null blieb.
Die Kirche, die immer den Nagel auf den Kopf trifft, hat auch darin recht, daß sie keinen mit irgendeiner auffälligen Gebrechlichkeit Behafteten unter ihren öffentlichen Dienern leiden will. Sie hat selbstverständlich ihre Würde zu bewahren, selbst auf Kosten ihrer besseren Überzeugung. Hat sie der Schadenfreude und der Lust am Lachen unter ihren Lämmern ein testimonium divitiarum auszustellen, so tut sie es und fühlt nachher nicht das geringste Bedürfnis, sich die Hände zu waschen, wie weiland der römische Prokurator Pontius Pilatus.
Ich ging und überließ es besser gewachsenen Oberlehrern und Kollaboratoren, die blonde und blauäugige Jugend der Germanen zum Einjährig-Freiwilligendienst und auf das Abiturienexamen vorzubereiten.
Was ich dann trieb? Ich war stark im Griechischen und Lateinischen. Einer Lieblingsneigung wegen hatte ich mich auf das Auffinden und Nutzbarmachen mittelalterlicher Geschichtsquellen geworfen, und man hat mich draußen eine Zeitlang schändlicherweise im Verdacht gehabt, Doktordissertationen aus vielerlei Fächern im Vorrat anzufertigen, auf Lager zu halten und sie bei sich bietender Gelegenheit gegen jedes Honorar unter dem Siegel der Verschwiegenheit (Diskretion selbstverständlich) zu verschleißen.
Dies ist eine schnöde Verleumdung! Ich habe nur einem Menschen zum „Doktor“ verholfen, und der bin ich selber; und, um eine Redensart der Πόλις anzuwenden: was ich mir dafür kaufen konnte, war unbedeutend.
Aber es nennen sich manche Menschen Geschichtsforscher und edieren Monographien, Volks- und Völkerhistorien und haben seltsamerweise vor den Quellen gerade eine so große Scheu, wie vielleicht in ihrer Jugend vor dem Quellwasser, wenn es am Sonnabend abend zu einer gründlichen Reinigung ihrer Person verwendet werden sollte. Für diese und ähnliche Herren war und bin ich der rechte Mann. Als wirklich geheimer Mitarbeiter bin ich denn auch für mehr als einen Parlamentarier schätzbar, und manches „Hört, hört!“ und manches „allgemeine Beifallsgemurmel“ wäre eigentlich auf meine Rechnung und nicht die des „verehrten Vorredners“ und weit und tief blickenden Realpolitikers auf der Tribüne der gegenwärtig tagenden hohen politischen Körperschaft zu setzen.
Was ich mir hierfür kaufen konnte, war etwas, wenngleich nicht viel mehr als das, was mir die Sprachen der Griechen und Römer zu Utilitäts- und Luxuszwecken und Ausgaben abwarfen.
So ging es mir denn erträglich nach Wunsch, und sogar was den Luxus anbetrifft; das jedoch erst seit dem schlimmen schwarzen Tage, an dem ich meine gute Mutter verlor und leider nicht mehr für ihr Behagen in ihren Greisenjahren zu sorgen hatte. Ich saß im Winter warm zu Hause, ich speiste in einer der Restaurationen mittleren Ranges der Stadt, und ich konnte mir dann und wann ein Buch, wenn auch nur antiquarisch, anschaffen: auf dem hohen Standpunkte wohlangewendeter Lehrjahre, der sich in dem französischen Worte: je ne lis plus, je relis seulement! darlegt, bin ich auch bis heute noch nicht angelangt, hoffe ihn aber dermaleinst zu erklimmen.
Mein „Zu Hause“ bestand in einer bescheidenen Junggesellenwohnung im vierten Stockwerk eines Hauses in der Mittelstraße. Ich besaß wohl eine eigene Bibliothek, aber keine eigenen Möbel.
Ich hatte harte, steinige Pfade gehen und meine Wege häufig recht heftigem Winde, argen Staubwirbeln und unbehaglichem Regenschauer abkämpfen müssen. Selbst in den äußerst seltenen Momenten, wo ich mich für einen äußerst gescheiten Menschen dabei hielt, zog ich wenig Genuß und Befriedigung daraus; nämlich aus dem, was die Nebenmenschen gewöhnlich etwas spitzig eine äußerst glückliche Selbstüberzeugtheit zu nennen pflegen. Und nun genug hiervon. Wie kurz und abbrüchig ich dieses alles hingeschrieben habe, so habe ich es doch nur wie jeder andere gemacht und zuerst einzig und allein von mir selber als der wichtigsten Angelegenheit dieser und jeder zukünftigen Welt gesprochen. Es soll dafür aber auch bei mir nicht mehr als bei jedem anderen zu bedeuten haben — eine harmlose, eben der Menschheit anklebende Schwäche und das gleichfalls ganz allgemeine Bedürfnis, wenigstens etwas in der eigenen Persönlichkeit im Laufe der Zeiten aufrecht und unberührt zu erhalten.
Die anderen!… Wo waren die anderen im Strom der Zeit geblieben? Was war aus den anderen geworden, die vor ein paar Seiten noch mit mir jung, gesund, dumm und glücklich waren?
Wenn ich es nun mit schönen Redensarten zudecken würde, wie wenig ich mich im Grunde um diese anderen bekümmert hatte, so würde mir das leicht genug werden. Ich könnte aber auch den nächsten guten Bekannten oder den ersten besten Unbekannten in der Gasse anrufen, um es mir von ihnen bestätigen zu lassen, wieviel der Mensch mit sich selber zu tun hat und wie wenig Zeit und Nachdenken ihm für den liebsten Freund übrig bleibt, wenn sich eine Wand, eine Stunde, ein Tag oder gar ein Jahr zwischen ihn und uns gelegt hat.
Ich habe Jahre lang nur gewußt, daß Eva Sixtus in der alten Heimat dem alten Vater immer noch Haus halte, daß Ewald in seinem Beruf als Ingenieur in Irland tätig sei und daß Irene von Everstein verheiratet in Wien lebe. Von dem Vetter Just habe ich gar nichts gewußt. Ich erlebte es noch als Student, daß der Steinhof subhastiert wurde und weit unter seinem Wert an einen Landsmann fiel, der schon längst ein freundlich-begehrliches Auge darauf geworfen hatte und einst ebenfalls zu den fröhlichsten und behaglichsten Gastfreunden und Jagdgenossen des Vetters gehörte.
Daß Schloß Werden gleichfalls unter den Hammer kam und unter dem Wert einen Liebhaber fand, erfuhr ich brieflich durch meine Mutter, die dann zu mir ins Rheinland zog, und daselbst, wie gesagt, in meiner Kollaboratorwohnung nach längerem schweren Leiden sanft gestorben ist.
Jule Grote sollte immer noch in Bodenwerder wohnen, doch das war ein Gerücht, von dem ich nicht einmal angeben kann, wie es zu mir gelangte. Ich hatte viel zu viel mit meinem Griechischen und Lateinischen, meinen mittelalterlichen Geschichtsquellen, modernen Geschichtsschreibern und parlamentarischen Tagesgrößen zu schaffen, um mich viel um Jule Grote kümmern, mich bei ihr aufhalten zu können. Es ist ja eben kein Aufenthalt in dieser Welt bei den besten Dingen, — und bei den besten Freunden auch nicht; und wenn alle Lebenskunst am Ende nur darauf hinausläuft, sich unabhängig von den mitlebenden Menschen und Dingen zu machen, so ist das eigentlich gar keine Kunst, sondern uns allen höchst natürlich.
Nun nahm ich seit verhältnismäßig langer Zeit alles als etwas, was sein konnte, jedoch nicht zu sein brauchte. Es gewährte mir häufig das bekannte egoistisch-kitzelnde Behagen, daß die Tage, an denen auch ich dann und wann grimmig und selbstüberzeugt rief: Nun soll es sein! hinter mir lagen.
Die süße und sonnige, wälderrauschende, ewige Frühlings- und Erntefeste feiernde Zeit von Schloß Werden lag auch hinter mir, und man hat es mir im Lesezimmer der königlichen Bibliothek nie angemerkt, daß mir bei meiner närrischen Kompilationsarbeit die Erinnerung daran irgendwie hinderlich in den Weg trat und mich vielleicht geduldig stimmte, wenn ein mir augenblicklich nötiges Werk ausgeliehen war und bei einem, wie Freund Ewald seinerzeit sich ausgedrückt haben würde, „dummen und langweiligen Kerl“ lag, der doch nichts damit anzufangen wußte.
Mir wird bedenklich flau zumute, wie ich alles dieses hier niederschreibe, und ich denke, offen gestanden, mit einigem Grauen an die möglicherweise doch eintretende Stunde, in der ich diese Seiten mit ihren liebenswürdigen Selbstbekenntnissen wieder überlesen werde. Es ist immer eine sonderbare, heikle Sache um das Wiederlesen im eigenen Lebensbuche! An welche Leser ich mich aber mit dem eben Niedergeschriebenen wende, weiß ich, Gott sei Dank, nicht. Mündlich hätten mich wohl nicht sehr viele aussprechen lassen, sondern das meiste von sich aus anders und besser zu berichten gewußt. Und es ist gut so, denn es ist die gute Meinung, die die Welt von sich hat und lebhaft geltend macht, die diese sonderbare Universitas aufrecht und im Gange erhält. Was sollte aus ihr, der Welt, werden, wenn jeder es vermöchte, den anderen ruhig aussprechen zu lassen? Eine recht objektive Welt, aber eine vielleicht doch etwas zu ruhige; — so etwas wie ein Universalkirchhof vielleicht, voll sehr weise im Lapidarstil redender Leichensteine. Der Herr erhalte uns also im recht fröhlichen Kriege gegeneinander, solange es ihm gefällt, uns überhaupt zu erhalten!
Zwölftes Kapitel.
Ob er wirklich so existiert, wie wir ihn aus tausendfachem Zusammentreffen mit ihm kennen lernen, lassen wir eine offene Frage bleiben. Wie wir ihn in unsere philosophischen Systeme einzureihen belieben: im praktischen Dasein bleibt er verteufelt mehr als ein bloßes Wort oder ein Begriff. Er ist und bleibt der Herr und Gebieter. Und im Gegensatz zu den übrigen Erdenherren und Erdengebietern läßt er sein Kommen vorher durchaus nicht ankündigen, weder durch die drei Stöße mit dem Marschallstabe auf den Parkettfußboden, noch durch Posaunenstöße, durch das Hervorrufen der Wachen, den obligaten Trommelwirbel, das Präsentieren der Gewehre und das Senken der Fahnen. Die Erdenherren vor allen übrigen Sterblichen wissen es am genauesten, daß er auch dazu — viel zu vornehm ist: er, der Zufall nämlich.
Von der Suppe aufsehend bei meinem altgewohnten alltäglichen Speisewirt, fand ich ihn mir plötzlich wieder einmal gegenüber, und der Löffel entfiel meiner Hand. Der Löffel ist der Hand viel größerer Philosophen, Geschichtskenner und dergleichen Leute bei derartigen Gelegenheiten entsunken, und sie haben es hoffentlich stets für eine Gnade gehalten, wenn ihnen der Appetit nicht für längere Zeit oder gar für immer verdorben wurde.
Gottlob war das letztere bei dieser Gelegenheit bei mir nicht der Fall; aber die Erstarrung blieb dessenungeachtet für längere Zeit die nämliche, bis sich das sie in ihr Gegenteil, die höchste Bewegung, auflösende Wort fand:
„Vetter!… Der Vetter Just!“
Je unmöglicher es erschien, desto bedingungsloser drängte sich die Gewißheit auf, daß er es war. Ja, er war es! Er war es unbedingt!… Ausgeweitet nach allen Dimensionen; mit einem Ansatz zwar zu einer hohen Stirn, sonst jedoch in keiner Weise infolge seines landwirtschaftlichen Bankerottes verfallen und zu einer selbstgelehrten Ruine geworden, sondern auch — ganz im Gegenteil.
Er war es ganz gewiß! und zwar mit einem gewissen, völlig undefinierbaren Anstrich vom Exotischen, einem ihm ganz sonderbar gut passenden Anflug von Amerikanertum. Wäre einer von den Göttinger Sieben seinerzeit nach Amerika ausgewandert; so hätte er so zurückkommen können; Professor Gervinus vielleicht ausgenommen. Es war wundervoll!
„Just Everstein!“ stammelte ich noch einmal, mehr gegen mich selber als gegen diese unvermutete Erscheinung am Berliner Wirtstische gewendet; und nun legte auch sie, die Erscheinung, oder er, der Vetter Just, Messer und Gabel nieder, legte dann gleichfalls erstaunt einen Augenblick lang beide Hände auf den Tisch, erhob sich dann langsam, bog sich über, warf das Salzfaß um, was beiläufig diesmal ausnahmsweise kein übel Omen war, und rief ganz mit der alten unveränderten Stimme vom Zaun oder der Haustürtreppe des Steinhofes her:
„Now?… Jetzt aber erst mal alle stille! Fritzchen!! Nun nur nicht alles auf einmal!… Fritz? der kleine Fritze Langreuter!… Also zuletzt doch wieder!… Ich bin es; aber — jetzt laß auch du dich einmal anfühlen! Mensch, so reiche doch endlich deine Hand (your fist, sagte er) her. O mein lieber Junge, das ist doch zu gut!“ …
Es war ein sehr gefülltes Restaurationslokal, in dem unser Wiedersehen stattfand, und die verschmauchten Räume füllten sich eben immer noch mehr mit hungrigen Menschen. Sämtliche Professoren der vier Fakultäten, die Bauakademie und verschiedene andere Akademien schütteten ihre Zuhörer über diese behaglicheren Tische und Subsellien aus. Privatdozenten von allen Sorten schoben sich ein; dazwischen großstädtisches Volk von jeglicher Art. Mir schwindelte, ich glaubte zu träumen, wenn ich an den Steinhof und unser trostloses Abschiedsfrühstück daselbst dachte. Und ich dachte in dieser aufgeregten Minute wirklich daran, so sonderbar das erscheinen mag, vorzüglich dem mit mehr Muskeln als Nerven von der wohlmeinenden Natur ausgestatteten Erdenbürger.
Ich ergriff die Hand, die mir über den Tisch zugereicht wurde; breit war sie immer noch, aber ich hatte auch den harten biederen Griff vom Steinhofe in der Erinnerung und nahm die weichen Finger jetzt ebenfalls als etwas ganz sonderbar Unstatthaftes.
„O Vetter Just!“
„Jawohl! Und ich freue mich merkwürdig, lieber Junge. Viel ins Gerade gewachsen ist er nicht mehr in den Jahren! Aber das ist auch schön; da findet man doch auch hier etwas wieder, was so ist, wie es war —“
„Und wie lange bist du in der Stadt, Just?“
„Davon nachher! Ich glaube wahrhaftig, der Kerl ist imstande und meint, daß ich schon seit acht Wochen Wand an Wand mit ihm wohne, ohne ihn aufgefunden zu haben! Ist es denn möglich, daß ein alter Freund so schlecht von dem anderen denken kann!“
„Wie kannst du verlangen, Vetter, daß ich in diesem Moment genau überlege, was ich sage und frage? Wo kommst du her?“
„Auch das noch!… Well, aus Amerika natürlich, wo die Leute in jedem Momente ganz genau wissen, was sie sagen und was sie fragen. Und nun, weißt du was, Fritz? Nun tun wir fürs erste, als ob keinem von uns beiden etwas besonders Merkwürdiges passiert sei. Jetzt essen wir mit möglichster Ruhe zu Mittag und besehen uns stillschweigend währenddem. Keiner nimmt es dem anderen übel, wenn er bei dem Studium auch einmal den Kopf schüttelt. What will you drink? Alter Kerl, wenn ich weiter nichts mit über das Wasser zu euch zurückgebracht hätte als den alten guten Magen vom Steinhofe (Fritze, nachher stoßen wir darauf an!), so wäre auch das schon gar nicht zu verachten. Wie sagt Cicero in diesem Falle?… Na?!… Kellner, die Weinkarte! Ach ja, die schöne Zeit, wo man alles Gute, was kam, als etwas sich ganz von selbst Verstehendes nahm!“
Das war nun alles so hingesagt, als ob der Mann erwarte, daß man mit dem sonnigsten Lachen darauf Antwort gebe; und ich lachte auch, wie man hie und da über etwas ganz Neues lacht, dem man eben noch auf keine Weise beikommen kann. Es war mir nie im Leben etwas so neu erschienen als der Vetter Just Everstein, dieser alte gute Bekannte. Ratlos, wie und wo er am richtigsten anzufassen sei, fing ich mechanisch an, meine Suppe herunterzulöffeln, aber ohne ihn für den kürzesten Augenblick aus den Augen zu lassen. Ihm aber schien das großen Spaß zu machen, ihm, der so viele Jahre hindurch so oft unser Ergötzen auf dem Steinhofe gewesen war.
„Dir ist es gottlob gut gegangen,“ stammelte ich, und:
„Besser, als ich’s verdiente,“ erwiderte der Vetter Just. „Cicero hat sich jedesmal nach einer längeren Reise für das heimatliche Gewächs erklärt, und wenn es noch so verfälscht war; und sie haben den Falerner damals sicherlich schon gerade so vermanscht wie heute hier diesen Rüdesheimer. Dessenungeachtet also: Auf dein Wohl, Fritz!“
„Auf dein Wohl, Vetter Just,“ stotterte ich und sah wieder stumm hin nach dem alten wackeren Freunde.
Das überraschende Wiedersehen hinderte ihn in der Tat nicht, sich gerade so durch die Speisekarte des Berliner Restaurants durchzuarbeiten wie vordem durch das Gute, was unsere Jule Grote auf den Tisch setzte, und nachher verstohlen und „vermittelst eines zweiten Schlüssels“ durch seine Schinken-, Speck- und Wurstkammer.
„Noch einmal auf dein Wohl, Fritz Langreuter!“
„Und auf deines so oft du willst, Just, und — die alte Jule soll leben!“
Da war das lösende Wort, das ich bis jetzt so vergeblich zu finden gesucht hatte.
„Hurra, das soll sie!“ rief der Vetter, auf den Tisch schlagend daß alles Tafelzeug emporhüpfte und man von sämtlichen übrigen Tischen sich nach uns umdrehte.
„Sie lebt doch hoffentlich noch und befindet sich wohl? Sie muß freilich jetzt wohl —“
Der Vetter hatte seine Serviette neben dem Teller niedergelegt, den Teller von sich abgeschoben und die Hände auf die Knie fallen lassen.
„Old boy, wenn du in die Fremde hinaus gemußt hättest und ich zu Hause geblieben wäre, so wäre ich dir, wie ich mich kenne, hoffentlich mit dieser Frage vom Leibe geblieben. Nimm es mir nicht übel, Fritze, aber von Rechts wegen müßtest du doch eigentlich wissen, daß sie noch lebt. Nimm es nur nicht übel, daß sie auch die ganzen Jahre, in welchen wir uns nicht gesehen haben, noch gelebt hat. Übrigens danke ich für gütige Nachfrage, Fritzchen! sie sitzt wieder ganz gut und, ihr Alter und Temperament abgerechnet, recht vergnügt auf dem Steinhofe.“
„Auf dem Steinhofe?… Sie hat — du hast — den Steinhof wieder, Just?“
„Natürlich!“ sagte der Vetter Just Everstein, als ob das das Natürlichste von der Welt gewesen wäre. Kein römischer Kaiser, der je eine verlorengegangene Provinz zum deutschen Reiche zurückbrachte, hätte das selbstverständlicher finden können; das wenigstens mußte ich aus meinen Geschichtsforschungen und meinem mittelalterlichen Quellenstudium wissen; und der Vetter Just hatte vollkommen recht: es war erbärmlich wenig, was ich von der Welt durch mein Quellenstudium in Erfahrung gebracht und darin behalten hatte.
Nun hätte ich dreist auch mein stummes Studium der jetzigen äußeren Erscheinung des Jugendfreundes von neuem über den Wirtstisch weg beginnen können. Aber je nötiger es war, desto unmöglicher war es gleichfalls. Nie war mir das Getöse, das Geklapper und Geklirr, das Kommen und Gehen rund umher so widerwärtig und unbehaglich gewesen als jetzt. Ich sah nur wie hülflos in das gute Gesicht mir gegenüber, und der Vetter Just nickte nur lächelnd und brummte:
„Ja, ja, es ist wohl nicht der richtige Ort hier zu dem, was wir einander vielleicht doch etwas weitläufiger zu erzählen haben. Das Getränk paßt auch nicht recht zu der Feierlichkeit der Stunde; es macht seinem Schuft von Verfertiger wohl alle Ehre, aber melancholisch stimmt es doch. Weißt du was, Alter? Jetzt nimmst du mich mit nach Hause. Da hocken wir einmal wieder zusammen wie in meinem Erker auf dem Steinhofe — weißt du noch? Ach Gott, wie habe ich mir da drüben so oft nach dem Erker und des Großvaters Wissenschaftsschranke das Herz abgesehnt!… Alter Kerl, und ich wohne jetzt wieder darin, — den Schrank hat freilich damals der Auktionator geholt. Daß Irene Everstein augenblicklich hier auch in der Stadt wohnt, wirst du ja wohl wissen, obgleich du nicht gewußt hast, daß meine alte Jule noch lebt. Und — Menschenkind, in Bodenwerder halten sie mich immer noch für einen gerade so großen Narren wie vor Jahren. Zum Exempel dieses Schrankes wegen, für den ich fünfzig Dollars geboten habe, wenn ihn mir einer noch irgendwo auftreibt. Aber imponieren tue ich ihnen jetzt doch riesig; denn dazu braucht man nur einen hübschen Sack voll Taler, und es ist also leicht genug. Sobald du hier von deinen Geschäften abkommen kannst, mußt du mich auf dem Steinhofe besuchen, um das Gaudium mit zu erleben. Und nun komm, deinen Kaffee braust du dir hoffentlich selber.“
Ich kam, das heißt, ich ging einfach mit, und ich sagte es auf dem Wege nach meiner Wohnung nicht, daß ich auch nicht gewußt hatte, wo Irene von Everstein augenblicklich lebte. Es war ein Wunder, daß ich meinen Weg nach Hause in meiner jetzigen Stimmung zu finden wußte.
Dreizehntes Kapitel.
Und dann kam wieder eine Stunde, in der ich wieder auf meiner Stube allein saß, und zwar tief in der Nacht oder vielmehr früh am Morgen. Draußen tobte das schlechteste Wetter der Jahreszeit, und von den Wänden sahen mich durch den Tabaksqualm des Vetters meine Bücher an, und zwar ebenfalls wie etwas, das mich nur zu oft abgehalten hatte, die besten Lebensstunden, wie es sich gehörte, auszunutzen, und mein Teil von der Sonne, der frischen Luft und der freien Welt mit allen fünf Sinnen und vor allem mit Händen, Füßen und Lungen einzuholen.
Der Vetter Just hatte mir ein Privatissimum vorgetragen, wie ich es nie gelesen habe und leider auch nie lesen werde. Er hatte mir über seinen Lebensgang Bericht gegeben, von jenem Morgen an, wo der Bodenwerdersche Landpostbote auf dem Steinhofe unseren jungen guten Kreis sprengte, bis auf die eben abgelaufene wunderliche Stunde.
Nun konnte ich wohl sitzen, mir den Kopf mit beiden Händen halten und Gewissensbisse der schlimmsten Art haben, nämlich die der vielbeschäftigten, selbstgenügsamen Indolenz, die plötzlich zu dem Bewußtsein kommt, wie wenig auf Erden durch sie zum Guten, Wirklichen und Wahren ausgerichtet wird! Ich hatte selten kläglicher geseufzt und jämmerlicher nach Luft geschnappt als in jener Nacht; und des Vetters Knastergewölk war wahrlich nicht schuld an der erbärmlichen Atemnot.
Mittelalterliches Quellenstudium hatte ich zur Genüge für mich und andere getrieben und konnte genaue Auskunft geben, zum Exempel über die Annalen von Brauweiler, die sich so sehr darüber beklagten, daß die Ketzer so viele Wunder täten, und die natürlich das Nahen des Antichrists, des allgemeinen Durcheinanders daraus vordeuteten (o dieser Ketzer von Vetter!), aber die Quellen des lebendigen Daseins, die neben mir aus dem Boden aufsprudelten, jede nach ihrer Art trübe oder klar, mit ihren Kristallblasen und überhängendem Grün, mit ihrem Treiben von Kindermühlwerken und Fabrikrädern, mit ihrem Rauschen über Stock und Stein, die waren mir nur zu sehr aus dem Gesicht und Gehör fern geblieben! In meinem Kopfe war in jener Nacht, nachdem der Vetter Just Everstein Farewell oder Good night gesagt hatte, das große Durcheinander unbedingt momentan vorhanden, und es kostete keine geringe Mühe, nur die allernötigste Ordnung wieder in das Chaos zu bringen.
Ach, Vetter Just, was hatte ich dir auf deine Erzählung als Gegengabe meinerseits zu bieten? Wie wenig fühlte ich mich persönlich in den Enthusiasmus einbegriffen, mit dem du die Titel auf den Bücherbrettern an diesen nichtsnutzigen vier Wänden herlasest und buchstabiertest!… Aber das Ärgste war doch, Vetter, als du so ganz beiläufig und gutmütig bemerktest:
„Das ist der ganze Steinhof und meine Erkerstube und meine Gefühle — wie’s leibt und lebt! O Fritz, du hast es gut gehabt und bist immer mitten in allen deinen Anlagen und Wünschen geblieben, und keiner hat dich gestört: glaub nur ja nicht, daß ich dir nochmals einen Vorwurf daraus mache, daß du heute mittag bei Tische so gar nichts von uns anderen gewußt hast. Ich hätte sicherlich ebenso wenig davon gewußt, wenn ich du gewesen wäre! Du bist ja freilich ein ganz famoser Kerl! Ein Riese bist du!“ …
So fühlte ich mich freilich in jener Nacht, — ach, du liebster Himmel! und jetzt lasse ich die Arme sinken und lasse den Vetter Just Everstein erzählen.
„Daß man die größten Wunder zu Hause erlebt,“ sagte er, „das lernt man erst in der Fremde erkennen. Man braucht sich überall nur fest hinzustellen mit dem, was man von seinem eigenen Grund und Boden mitgebracht hat, um dem Auslande verdammt merkwürdig vorzukommen. Das ist meine Erfahrung, und so habe ich selbst als Deutscher den lieben Leuten da drüben ganz devilish imponiert. Mit den lieben Leuten aber meine ich sämtliche Bürger der Vereinigten Staaten von Nordamerika, von den großen Seen bis an den äußersten Zipfel der Halbinsel Florida und von einem Ozean bis zum anderen. Ich freute mich auch da schon auf das Wiedersehen mit unserem guten Ewald, bloß um ihn fragen zu können, wie es ihm in dieser Hinsicht außerhalb der deutschen Nation ergangen sei. Nun, ihm natürlich, wenigstens in dieser Beziehung, noch um manches Prozent besser als mir; das steht fest, ich glaube nicht, daß es mir bloß so scheint! Du weißt, unter welchen schauderhaften und unangenehmen Umständen ich von euch und dem Steinhofe überhaupt Abschied zu nehmen hatte. Ein blöderer Hanstoffel als ich ist wohl selten aus seinem Traumwinkel und von der Ofenbank an die freie Luft hinausbefördert worden. Alles, was ihr nachher erlebt haben könnt (Fräulein Irene nehme ich aus!) ist gar nichts gegen das, was ich an jenem schönen Sommertage und dann bei der Auktion ausgestanden habe. Und wie die Welt ist, nimm mir das nicht übel, Fritze, so ließ sich keiner von euch auf dem Hofe mir zum Troste und der alten Jule zur Aufrichtung blicken; und so waren wir denn einzig und allein auf uns selber angewiesen in dem Verdruß und Elend, ich und Jule Grote. Ich mache dir übrigens durchaus keinen Vorwurf, Fritzchen, denn ich weiß es wohl, daß ihr euch damals gleichfalls durch schlimme Tage durchzufressen hattet. Aber uh, die alte Jule! Da habe ich das Meinige zu hören gekriegt vom Morgen bis zum Abend. Und, was das Schlimmste war, durchaus nicht mehr mit Gift und Galle und spitzen Reden, sondern alles in Wehmut und Herzeleid, und — mein armer, lieber Just hier — mein armer, armer Junge da! — Zum Heulen war’s! Die Haare stehen mir heute noch darüber zu Berge. Ganz unerträglich! — — ‚Dich hätte ich gar nicht aus deinen Windeln herauswickeln sollen, Just‘ — winselte die Alte fort und fort, als ob ich an dem tagtäglichen Exekutor nicht schon genug zu tragen gehabt hätte. Gottlob, daß das alles damals war und nicht heute noch mal ganz von vorn an durchgemacht werden muß! — Und ein Glück war es in allem Unglück, daß ich für die gute alte Seele am wenigsten zu sorgen hatte. Ich kam ihr einmal mit dem Wort und der schweren Herzensangst; aber da hättest du Jule Grote in ihrer Glorie sehen und hören können, Fritz Langreuter! Keine Katze konnte giftiger aufprusten. Da ging es los wie die Kastanien in der Asche, und die Asche flog mir arg genug in das Gesicht. — ‚O du dummer Bengel, willst du dich auch da noch zum Narren machen? Mich willst du unglückselig geschoren Schaflamm bemuttern? Du hülflose, übergeschnappte Kreatur, du? Du hast doch sonst immer mit deinem dummen Maul warten können, bis du gefragt wurdest! Ach, Gott, nun auch das noch!… Um mich macht sich das Kind zu guter Letzt auch noch seine Gedanken. Da ist es denn freilich wohl mit uns zum Schlimmsten gekommen! Zu glauben steht es freilich nicht, du — Töffel!‘
„Das war das richtige Wort, Fritz. Für sie bin ich mein Lebtage der kleine Töffel gewesen, und ich kann dir gar nicht sagen, Fritze, wie wohl es mir jedesmal ums Herz wird, wenn ich daran denke, daß ich es auch heute noch für sie sein kann und bin.
„Sie hatte vollständig recht. Die Gedanken, die ich mir in meinem Leben gemacht habe, sind nie viel wert gewesen, und die über sie am wenigsten. Da könnte ich mich noch eher mit meinen Gefühlen sehen lassen! Ich sage dir, Fritz, wenn ich noch lebe und jetzt, in dieser Nacht, hier dir so fett und rund gegenübersitze, so ist das einzig und allein ihr Verdienst. Sie nahm es mir denn auch ganz unchristlich schriftlich übel, als ich ihr die ersten hundert Dollars über die See nach Bodenwerder schickte. So’n dummes Zeug verbat sie sich ausdrücklich fürs künftige; ich muß dich aber da mal unsere gegenseitige Korrespondenz lesen lassen: so kurzweg erzählen läßt sich dies nicht; das ist wie mit allem Schönsten, Liebsten und Großartigsten in der Welt. Zum allerwenigsten muß ich die Dokumente dabei auf dem Tische haben.
„Sieh mal, Fritz, du bist nur eine vaterlose Waise gewesen, ich dagegen eine mutterlose von Kindesbeinen an; also kalkuliere dir mal unser gegenseitiges Verhältnis, ich meine zwischen mir und meiner Alten, selber zurechte. Ach, Gott, was hat sie von meinen Gedanken ausstehen müssen! und was das Ärgste war, das Allerärgste war noch zurück und ging ihr über alles übrige hinaus, bis sie sich auch in es, wie in alle meine anderen Unsinnigkeiten, mir zuliebe, gefunden hatte. Auf den Gedanken, nach Amerika auszuwandern, verfiel ich auf dem Wege nach Bodenwerder am letzten Auktionstage, und es war ein richtiger Kreuzweg. Nach ihr, meiner Jule, hatten sich die Hände, die sie gebrauchen konnten, dutzendweise ausgestreckt; aber nach mir nicht ein einziges Paar. Wer konnte mich gebrauchen? Sie war auf jedem Bauernhofe, auf jedem Gutshofe hochwillkommen; denn sie wußten alle weit ins Land hinein, was für eine Perle von Ökonomie und Molkenwesen, Schweinezucht, Viehzucht und Menschenzucht überhaupt der Steinhof an ihr gehabt hatte. Mir verhalf weder der große noch der kleine Broeder zu einer Unterkunft; — im Gegenteil, sie waren schuld daran, daß ich überall, wo ich anklopfte, mit einem manchmal gar nicht höflichen Kompliment weiter geschickt wurde. Niemand wollte von dem ‚gelehrten Bauer‘ etwas wissen, und am allerwenigsten seine besten Freunde. So bitter ist wohl selten einem Menschenkinde der Geschmack vom Lateinischen auf der Zunge geworden wie mir damals.“ …
„Armer Teufel!“ sagte ich, Friedrich Langreuter, Doktor der Philosophie, Privatdozent an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin usw. usw., und fügte hinzu: „Was weißt du denn von dem Geschmack auf den Zungen anderer Leute, Vetter Just? Ach, Vetter, du bist der größte Doktor, der mir je bekannt geworden ist — wie gern zeige ich dir die meinige körperlich und geistig und lasse mir ein Rezept gegen die Bitterkeit darauf verschreiben!“
„Zweihundertfünfzig Taler hatte sich die Alte übergespart,“ fuhr der Vetter fort, „das übrige hatte sie alles immer wieder so bei kleinem in den Steinhof hineingesteckt, und noch dazu meistens wohl in mich, und ohne daß ich es in meinem faulen Behagen leider Gottes im geringsten gemerkt habe und ihr dankbar dafür gewesen bin, wie es sich von Gottes und Rechts wegen gehörte. Nun kam sie mit ihren Sparkassenbüchern und ihrem Strumpfe voll blanker Achtgroschenstücke zum Vorschein und mit einem Gesichte dazu, was mir bis an mein Lebensende im Gedächtnis bleiben wird. Denke dir nur um ihr Gesicht einen Heiligenschein, wie ihn die Maler um ihre himmlischen Jungfrauen malen; — beschreiben läßt sich aber der Kontrast nicht, sondern nur mit tränenvollem Herzbeben nachfühlen. Nicht einmal für ihr standesgemäßes Begräbnis, wovon sie immer gern sprach wie die Alte in dem Gedichte, wollte sie wenigstens die fünfzig Taler zurückbehalten, und — gottlob — bis heute hat sie sie auch noch nicht nötig gehabt; aber ich habe sie ihr damals doch zurückgelassen, und dabei erlebte ich denn of course ihren letzten Wutanfall über mich vor meiner Abreise. Die zweihundert Taler habe ich genommen, und ich will keinem anderen von meiner Natur wünschen, daß ihm auch einmal so schweres Geld in die Tasche gesteckt wird! Glaub nur ja nicht, daß sich das so an einem Tage machte; ebensowenig wie der Abschied! Aber eines Morgens waren wir doch so weit, nämlich bis zu dem: ‚Ja, Just, denn Adjes, und ich hätte nimmer gedacht, daß ich auch das noch an dir erleben sollte!‘ — gekommen. Fahre du einmal so wie ich damals von Bodenwerder nach Bremen und probier’s, wie dir dabei zumute ist. Was wir Gelehrten die Logik nennen, das ist wie Philosophie auf dem Wege zum Zahndoktor; beides kommt einem erst wieder, wenn alles — Herz, Hirn und auch die Kinnbacken — wieder in verhältnismäßiger Ordnung sind. Du siehst es mir heute, Gott sei Dank, nicht mehr an, wie ich damals aussah inwendig und auswendig. Wenn wir Gelehrten aber wissen, daß der Mensch in seiner Natur immer derselbe bleibt, so ist es doch ebenso wahr, daß sich manches auf den Charakter hängt und dazu gerechnet wird wie die Mistel zum Apfelbaum. Kannst du das Schmarotzergewächs nicht zu Vogelleim gebrauchen oder ist dir das Geniste sonst widerlich und hinderlich, so sei nur dreist ein guter Gärtner und richtiger Mensch, — reute es aus, reiß es ab und mach ein Feldfeuer aus dem Gestrünk und Gestrüpp. Für mich, den Vetter Just vom Steinhofe, ist da diese glorreiche Republik der Vereinigten Staaten von Nordamerika eine unbezahlbare Schulmeisterin gewesen. Hier bin ich wieder, und — ein Schulmeister bin ich drüben gewesen: ich habe mich doch nicht ganz umsonst von euch hier zu Lande auslachen lassen wollen! alter Junge, und ein Buch könnte ich wohl auch jetzo zustande bringen, wenn auch nur eines — meine Lebensgeschichte. Ich gebe dir mein Wort darauf, eine ganz sonderbare Historia ist das; und so in manchem stillen Augenblicke komme ich mir wirklich merkwürdig kurios und interessant vor und als etwas, was ganz außer mir steht und sich von den verschiedensten Seiten her betrachten läßt. Nicht wahr, Objektivität nennen wir dieses? Glaube nur aber ja nicht, daß ich dir das Gesicht, welches du mir hier eben zuschneidest, übel anrechne.“
„O Vetter,“ habe ich damals, mit beiden Händen nach der Hand des teuren Mannes greifend, gerufen, „Vetter, lieber Vetter, was ich für ein Gesicht dir mache, weiß ich nicht; aber wie ich jetzt, in dieser Nacht, mit diesem Winde vor dem Fenster in deiner Schule sitze, das weiß ich ganz genau. Und nun tue mir die Liebe an und verführe mich nicht wieder, dich zu unterbrechen! Erzähle weiter — weiter; o erzähle weiter —“
„Herr Urian! Jawohl; — wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen, singt der Wandsbecker Bote. Und freilich, eine Reise habe ich getan, und sie war noch lange nicht zu Ende, als ich drüben am anderen Ufer angekommen war, daselbst auf der Werft im Kreise meiner Zwischendecksgenossen stand (einige saßen auch noch ratloser als ich auf ihren Kisten und Kasten) und diesen Neuyorkischen Nordamerikanern meine ersten frisch importierten Maulaffen feilbot. Großer Gott, damit mochte man dort so frisch als möglich ankommen, eine neue Ware war es da am Platz wahrhaftig nicht! Es ist nicht in einer Sitzung, wie wir sie jetzt abhalten, zu berichten, was ich im Handel damit ausgestanden habe! Und dann nimm nur auch mal die Konkurrenz an! ganz abgesehen von den Weibern, Kindern und den Alten, die dazu ihre Tränen, Seufzer, Jammergesichter und Gebresten auf den fremden Markt bringen. Daran darf ich gar nicht denken, ohne meine eigene Historie auf der Stelle abzubrechen und anzufangen, die eines anderen, und zwar eines anderen von Hunderten und Tausenden, zu erzählen. Der Mensch ist aber und bleibt ein Egoist, und so bleibe auch ich in der Furche und pflüge mein eigen Feld nach der allgemeinen Regel dir vor wie bei dem ersten besten Preispflügen. Das mit der großen Konkurrenz war denn sicherlich für mich kein eitler Wahn. Es geht außer den ordentlichen Bauern auch eine Menge wirklicher Schulmeister über das Wasser, weil ihnen der vaterländische Grund und Boden nicht genug Balken mehr unter sich hat — gelehrte Leute, Professoren, Doktoren, Oberlehrer und Seminaristen — Philologen und Philosophen von jeder Sorte, und kommen sämtlich beim Steinklopfen, Ziegeltragen und im deutschen Auswandererspital an. Mit mir ist es glücklicherweise umgekehrt gegangen. Ich habe da freilich nur meine eigene persönliche Erfahrung und kann nur sagen, was ich persönlich weiß. Und nun, Fritz Langreuter, lasse ich mich darauf totschlagen, daß von allem, was man drüben am besten gebrauchen kann, ein lateinischer Bauer das allererste ist. Von ihren großen Städten und dergleichen rede ich natürlich nicht, sondern von ihren Wildnissen und Einsamkeiten. Und merken lassen darf man es ihnen, auch im Hinterwalde oder auf der Prärie, auch nicht, was man außer seinen zwei groben Fäusten mitgebracht hat, sondern sie müssen es nach und nach ganz von selber merken. Nun stelle dir den Vetter Just vor in einem Lande, wo jedes Kind, sowie es das Licht der Welt erblickt hat, sofort sich auf das Praktische legt und mit seinen Eltern über seine ersten natürlichen Geschäfte an zu handeln fängt. Nicht wahr, da brauchte der bankerotte Bauer vom Steinhofe nicht erst eine Glatze zu kriegen, um zum Kinderspott zu werden? Es war der erste Vorteil, den ich aus meiner heimischen Dummheit zog, daß ich dieses einsehen und mich darauf einrichten konnte. — Ach, Fritz, es ist manchmal dem Menschen nichts dienlicher, als daß er mal so recht vollständig umgekehrt wird! wenn das Allerinnerste nach außen kommt, dann erfährt er erst, was eigentlich alles in ihm gesteckt hat und was ihm nur angeflogen war. Jetzt kehrst du zuerst den Bauer heraus, Just! denke ich mir, mit der Faust vor der Stirn; — den Urbauer, den deutschen Bauer aus der Zeit, wo er sich noch nicht einen Ökonomen schimpfen ließ. Dreidrähtig, Just! schon um der alten Jule willen. Ebenso dick als lang, und wäre es auch nur der Ehre des deutschen Vaterlandes wegen. Mist bleibt überall Mist und hat überall dieselbe Wirkung in der schönen Natur, einerlei ob in dem alten Europa oder in dem jungen Amerika. Und dann — muß man denn immer in seinem eigenen Bette schlafen und den Schlüssel zu seiner eigenen Rauchkammer in der Tasche herumtragen? Uh, das Fleisch ist mir da wirklich von den Knochen gefallen; aber gereckt habe ich mich auch. Du glaubst es wahrscheinlich nicht; aber einen guten Zoll bin ich ganz gegen die Natur in Amerika noch gewachsen. Das Land hat das wirklich naturgeschichtlich so an sich, daß es seine Leute wie zähes Leder auseinander zieht. Ist dir mein Hals nicht aufgefallen? Na ja, auf dem Steinhofe steckte er mir ganz anders zwischen den Schultern! Nimm es mir nicht übel, das sollte kein Stich auf dich sein; denn bei dir ist das ganz was anderes, du bist ein glorreicher deutscher Gelehrter und passest mit deiner dünnen Nase ganz nach der Regel zu deiner übrigen Figur. Aber wir — das deutsche Volk im großen und ganzen; wie lange müssen wir noch selbst dem Unteroffizier dankbar sein, der uns zum Geradestehen animiert und uns das Kinn mit der Faust in die Höhe stößt, um uns auf das stolze Blau über uns aufmerksam zu machen?! Das war eine Abschweifung, rechne ich; und da bin ich also auf einer Farm mitten im Staate Wisconsin — auf einer Farm — zahle mein Lehrgeld als Ackersmann auf Erden nachträglich und hole vieles nach, was ich auf dem Steinhofe aus Faulheit und Dummheit versäumt habe; — mein einziger Verlaß die Muskeln, die mir Jule Grote angefüttert hatte. Ein bißchen klimatisches Fieber abgerechnet, ging es auch so ziemlich. Aber das Geräte! damit habe ich Jahre lang meine liebe Not gehabt, bis ich es mir handgerecht einstudiert hatte. Nimm nur mal solch eine Yankee-Axt an. Und dann ihre Verbesserungen an ihren Pflügen zwischen ihren Baumstumpfen. Selbst das Älteste, was Adam schon kannte, kommt einem da neu vor. Bis auf den Griff am Spaten mußt du dort als deutscher Ackerknecht von frischem in die Lehre gehen. Aber in der Not frißt der Teufel Fliegen, und by degrees machte sich die Sache ganz gut. Wir Gelehrten nennen das ja wohl eine felix culpa, wenn sich einer zu seinem Glück und besserem Verständnis blamiert und sich elend und lächerlich macht? Wir hatten einmal einen thüringischen verunglückten Pfarrer in Liedlohn genommen, der sprach viel hiervon. Einerlei; ich sage dir, Fritze, man muß so einen wackeren Erbsitz und Urvätereigentum wie den Steinhof wie im Traum von der Hand weggeblasen haben, um es im vollen einzusehen, was für ein glorreich Handwerk Adams Handwerk ist! So ist es aber mit allen guten Dingen, die uns in die Hand wachsen, in die Windel eingebunden oder auf dem Präsentierteller gebracht werden. Erst verdudele du sie, dann lernst du sie nach ihrem ganzen Wert und Behagen abschätzen! Wenn ich es heute nicht noch zu allem übrigen hier bei euch zum Titel Ökonomierat bringe, so — na, ich will lieber nicht sagen, was Karl Heinzen drüben dann in diesem Falle sagen würde! — Herzensjunge, es ist jammerschade, daß du in jener Zeit nicht bei mir warst, um dein Pläsier gerade so an mir zu haben wie im grünen Grase unter meines Vaters alten Kirschenbäumen oder in meiner ganz verrückten Erkerstube. O, hätte ich nur manchmal die alte Jule, dich, Ewald und die beiden Mädchen nach Neu-Minden hexen können! Wenn man absolut einmal zu renommieren wünscht, so renommiert man am liebsten vor seinen nächsten Bekannten, Verwandten und besten Freunden, wahrscheinlich eben weil die doch nie an einen glauben. Neu-Minden hieß unsere Ansiedelung, und alles in allem gerechnet, jung und alt zueinander, waren wir so zirka fünfzig bis sechzig Köpfe stark. Immer ein hübscher Kern! Der General Varus auf seinem Marsche durch Deutschland hat wahrscheinlich erst bei Detmold einen bunteren Haufen von uns, und zwar zu seinem Schaden, auf einer Stelle zusammen erblickt. Neu-Minden! ein netter Name und ein absonderlich Sammelsurium deutschen Volkes! — von jeder Sorte a G’schmäckle, wie die drei oder vier Schwaben unter uns sagten. Drei bis vier Dutzend Kinderflachsköpfe wuchsen uns zwischen den Beinen, Schweinen, Baumstumpfen und Fenzen auf, und das war die Hauptsache, und wer auch Präsident sein mochte — dieses machte ihm keine grauen Haare; einen Kultusminister schickte er uns nicht, um Ordnung zu stiften, nach Neu-Minden. Ihm war es in seinem weißen Hause in Washington vollständig einerlei, auf welche Weise sich seine Bürger die Fähigkeit, seine Nachfolger in diesem weißen Hause zu werden, erwarben. Nun, da freue ich mich, daß ich dreist beschwören kann, daß es immer noch etwas auf sich hat mit dem deutschen Gewissen, nämlich soweit es sich um Vaterpflichten und Muttersorgen handelt; einerlei, ob es ihm absolut gleichgültig ist, wer Präsident wird, und wer nicht. — ‚Sie wachsen auf wie die Schweine!‘ brummten kopfschüttelnd die Grauköpfe von beiden Geschlechtern in der neuen Gemeinde. ‚Ein Vergnügen ist es, es mit anzusehen, aber eine Schande ist es auch, wie das Zeug ins Kraut schießt. Es geht nicht länger so; für den nächsten Winter müssen wir für einen Schulmeister zusammenlegen, koste er, was er wolle. Aber mit Rat, Gevattern! es verläuft sich mancher von der Sorte hierher, dem man kein Ferkel zum Waschen anvertrauen möchte, wenn man ihn selber und seine Vorgeschichte im alten Lande genau kennte.‘ — Na, Fritze, du kennst mich und meine Vorgeschichte im alten Lande! was meinst du zu mir und diesen Reden und Beratungen in der Waldwirtschaft rund um mich her? Nicht wahr, du siehst es jetzt schon ziemlich klar vor dir liegen, wie es sich nachher alles gemacht und passend ineinander gefunden hat? Schwerenot, wollte ich dir jetzo eine Pfeife vom schwersten Lobtabak vorrauchen, so könnte ich es, daß du Fenster und Türen des Wohlduftes halber aufsperren müßtest. Neu-Minden aber existiert glücklicherweise noch; also reise du nur selber hinüber und höre dir, wenn dir daran liegt, an, wie die anderen von mir reden. Ich, der ich auf dem Steinhofe nicht der Herr und Bauer sein mochte, ich bin hoffentlich ein guter Bauer und Knecht in dem amerikanischen Walde gewesen. Aber ich bin auch durch des Großvaters Schrank — weißt du noch! — im Laufe der Zeit wieder mein eigener Meister geworden, wie wir Deutschen das Wort nehmen; ich habe eine Farm in die Wildnis hineingesetzt, die sich sehen lassen konnte und bald ihren Wert und Preis hatte. Weiß der liebe Gott, den Vetter nannten sie mich auch drüben bald auf zwanzig Meilen in die Runde, ohne daß ich dir sagen kann, wie es zuging. Von den Kindern ging es nicht aus. Die habe ich schon der Autorität wegen bei ihrem Mister Everstein erhalten. Bitte, reise wirklich morgen schon ab; — bloß um zu hören, wie sie hundert und mehr Meilen nordwestlich von Milwaukee von dem Mister Everstein sprechen, wenn sie zu ihren Buchstabierspielen aus allen Himmelsrichtungen her auf eine halbe Tagereise weit zu Pferde und zu Wagen zusammenkommen! Und ich habe es nicht bei dem bloßen Buchstabieren gelassen nach getaner Tagesarbeit mit Axt, Pflug und Spaten. Ein Exemplar vom alten Broeder war freilich nicht aufzutreiben, weder in Neu-Minden noch in Neuyork; aber da liegt schon in Minnesota am Mississippi ein Ding, das heißt Sankt Paul, und da hat mir wirklich und wahrhaftig einer einen Ellendt aufgetrieben, und wenn heute ein eingeborener Neu-Mindener einen Begriff oder eine Ahnung von mensa und amare hat, das heißt in der Römersprache, so bin ich der Mann, der schuld daran ist. O, und der pythagoreische Lehrsatz! Erinnerst du dich wohl noch an den Magister matheseos, Fritze Langreuter? und an meine Seelenseligkeit, als ich ihn heraus hatte und ihn dir als etwas, was unumstößlich seine Richtigkeit hatte, beweisen konnte? Du hättest die Tafelrunde von alten und jungen Neu-Mindenern sehen sollen, denen ich ihn gleichfalls bewies, mit Kreide auf der Tischplatte, am Winterabend mitten in der amerikanischen Wildnis und viel näher dem Lake superior als der Weser und dem Flecken Bodenwerder und dem Dorfe Kemnade! Siehst du, liebster Freund, so habe ich wenigstens einmal in der Fremde für voll gegolten in dem, was ich zu Hause für das höchste Ideal hielt. Jetzt bin ich mit Ruhe ein Bauer auf meinem alten braven Hofe. Alle Nachbarn sind mir wiederum willkommen wie vor Jahren in meiner Narrenzeit. Ich bin auch mit Vergnügen für jedermann wieder der Vetter Just, und manchmal denke ich wie mit einigem geheimen Vergnügen: hast du auch weiter nichts vor dich gebracht, Just, als daß sie nicht mehr hinter deinem Rücken über dich lachen, so ist auch das schon bei deiner angeborenen Dummheit und Faulheit etwas ganz Hübsches.“
„O Vetter Just,“ rief ich im hellen Enthusiasmus und, wahrhaftig mit Tränen in den Augen und einem heißen Kitzel in der Gurgel, „der Vetter Just bist du und bleibst du, und — bei den unsterblichen Göttern — höher als das kann es kein sterblicher Mensch auf dieser Erde bringen! O Vetter, wie freue ich mich, daß ich dich wieder im Lande weiß und von neuem dich auf dem Steinhofe besuchen und bei dir in die Schule gehen kann!“