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Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Chapter 17: Fünfzehntes Kapitel.
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About This Book

The narrator assembles episodic recollections of provincial life, tracing domestic scenes, small-town characters, and the slow effects of political and economic change on ordinary households. Vivid memories range from childhood impressions of light, sound, and household order to a traumatic loss connected with border smuggling, all framed by reflective commentary. Themes of modest heroism, quiet pleasures, and moral observation recur as the pieces move between anecdote and meditation; the material is presented as two linked books of life stories that blend memoir, social detail, and ironic distance.

Vierzehntes Kapitel.

Soweit waren wir vor Mitternacht gekommen. Nach Mitternacht erzählte der Vetter weiter, wie er durch harte Arbeit, klugen Sinn und treuherziges Beharren in jeglichem wackeren Vornehmen durch gute und böse, durch harte und linde Zeiten, durch schlimme Tage und schlimmere Nächte seinen Weg als ein fester, wirklicher und wahrhaftiger Mann sich in das Vaterland und zu dem alten Erbsitz zurückgebahnt hatte. Wenn nichts in der Welt feststehen bleibt als ein wirkliches und wahrhaftiges Kunstwerk, wenn alles andere vorbeigehend ist, so hatte dieser Mensch in seinem Leben ein echtes und gerechtes Kunstwerk fest hingestellt, zum Trost und zur Nachahmung für alle, die das Glück hatten, ihn kennen zu lernen. Das war old German-text-writing in der vollsten Bedeutung des Wortes! eine leserliche, dauerhafte Schrift mit allen ihren kuriosen Schnörkeln und Verzierungen! Wer darin seine Autobiographie niedersetzte, der konnte gewiß sein, daß sie manchem kommenden Geschlecht von Kindern und Enkeln merkwürdig, rührend und ermutigend sich in das Gedächtnis prägte. Und das deutsche Volk hat wahrlich dergleichen monumenta germanica recht sehr nötig; denn wenn unsere großen Leute dann und wann vielleicht weitherziger als die irgendeines anderen Volkes sind, so sind dagegen unsere kleinen häufig in eben dem Grade kläglicher, kleinlicher, engherziger, mürrischer und unzufriedener als irgendeine Menge, die eine andere Planetenstelle bewohnt; und — ach, wie oft hatte ich mich in den letzten Stunden im ganz geheimen an die Brust geschlagen und geseufzt: Gott sei mir Sünder gnädig! Ich seufzte es aber auf Griechisch: Ὁ θεὸς, ἱλάσθητί μοι τῷ ἁμαρτωλῷ. Wahrscheinlich, wie es mir jetzt vorkommt, um in der Befähigung dazu einen Trost zu finden; denn Griechisch konnte der Vetter wenigstens doch nicht!

Aber er erzählte nun davon, wie er seine alte Jule aus Bodenwerder abgeholt und im Triumph nach dem Steinhofe zurückgebracht habe, und das war wiederum mehr als Griechisch und Sanskrit.

„Ich hatte ihr natürlich,“ berichtete er, „auch von Amerika aus von allem Guten, was mir zuteil wurde, das ihr Gehörige zukommen lassen; aber der Tag, an dem ich selber heimkam, war doch das Beste, sowohl für sie wie auch für mich. Schade, daß ich euch — dich, Irene und Ewald — nicht von Schloß Werden dazu herüberholen konnte! Gottlob, Eva Sixtus und ihr Vater sind wenigstens dabei gewesen und mit von neuem auf dem Steinhofe eingezogen. Daß die ganze Umgegend auf den Beinen war, kannst du dir wohl vorstellen. Freilich bei mehr als einem guten Freunde, mit dem ich von meinem jammerhaften Abschiede her einen Schinken im Salze hatte, habe ich wohl ein Auge zudrücken müssen, wenn er mir am liebsten als mein allerbester Freund um den Hals gefallen wäre; aber ich habe es gern getan. Je mehr man sich den Wind draußen in der wilden Welt um die Nase hat wehen lassen, desto bescheidener wird man in seinen Ansprüchen an den Charakter der Menschheit und nimmt am guten Tage still mit in den Kauf, worüber man am schlimmen vor Wut und Ärger aus der Haut fahren möchte. Zwischen der alten Jule und manchem früheren guten Haus- und Hof- und Jagdfreunde ging es freilich nicht ganz so glatt ab, und manch einer bleibt heute noch ihretwegen weg vom Hofe, der meinetwegen wieder ganz behaglich seine Beine unter unserem Tische ausstrecken könnte. Die Weiber sind in diesen Dingen nämlich von einem viel besseren Gedächtnis als wir Männer, Fritze; und Gnade Gott manchem armen Sünder, wenn sie es durchsetzen und am Jüngsten Gerichte Sitz und Stimme kriegen. Gnade für Recht ergeht da gewißlich nicht; — selbst bei unseren deutschen Frauenzimmern nicht, welche immer noch die besten sind und die harmlosesten, was gleichfalls eine von meinen amerikanischen Erfahrungen ist, und die ich auch dir jungem Menschen, Fritzchen, mitgebracht haben will. Und es soll mich recht freuen, wenn du noch Gebrauch davon machen willst. Aber das ist ja alles nur beiläufig, nimm’s nicht übel; ich sage dir, Doktor, den Weg von Bodenwerder nach dem Steinhofe hättest du an dem Tage sehen sollen! Und dann unsere Ankunft auf dem alten ausgemergelten, nichtsnutzigen Haferacker — weißt du, an der Fenz — nein, Gott sei Dank, an der echten, richtigen Weißdornhecke und dem Plankenzaun, über den ihr mich so oft angecheer’t habt. Wenn es in meiner Erzählung hiervon etwas kraus durcheinander geht, so gehört auch das zu dem Spaß, denn es kommt einzig und allein daraus her. Sonst kann ich jetzt unter Umständen recht gut bei der Stange bleiben. Ich hatte selbstverständlich mich schon ein paar Wochen vor unserem Haupteinzuge auf dem Hofe installiert. Junge, und ich habe die ersten Nächte in meinem Erker auf Stroh geschlafen; und — o! — so hat lange keiner in dieser Welt der Plagen und schweren Sorgen und Arbeiten die Beine von sich gestreckt und die Arme unter dem Hinterkopfe zusammengelegt, mit dem Blicke an den alten kahlen Wänden herum und durch das Fenster in die Nacht hinein und dann in den dämmernden Morgen! Ich habe da wie ein König geschlafen, denn ich habe den größten Teil der Nächte verwacht; aber dagegen waren es sehr angenehme schlaflose Nächte. Ihr waret alle darin eingeschlossen, wie ich selber von meinem frühesten Aufmerken an. So liegend, müßte der Mensch eigentlich alle zehn Jahre sein Dasein sich zurückdenken können; dann könnte man sich auch alles Schlimme, Traurige und Wehmütige viel leichter mit Ruhe gefallen lassen und es erleben! Well, auf jede solche vergnügte Nacht kam dann der frische Morgen mit seinem hemdärmeligen Wirtschaften in dem verlorenen und wiedergewonnenen Väterreich. Was mir mein Vorgänger an lebendigem und totem Inventar mit in den Kauf gab, wollte nicht viel bedeuten, und für mich, der ich noch meine alte Inventur im Kopfe hatte, gar nichts. Da mußten mir neue Gäule, Kühe, Schweine und Ziegen in die Ställe; — ihren Hühnerbestand mußte Jule Grote wiederfinden, wie sie ihn aufgegeben hatte, und die Gips-Venus mußte auch auf den Ofen wieder hin, sonst war die ganze Geschichte nicht das halbe Pläsier. Und Tische und Bänke hatten sie mir in meiner Abwesenheit gleichfalls derartig verrückt, daß ich mit vier Fäusten und acht Beinen hätte greifen und laufen mögen, um nur die allernötigste Ordnung wieder hereinzubringen. An Karl Ebeling erinnerst du dich wohl nicht mehr? Das war ja unser Junge zu unserer Zeit auf dem Hofe! Na, siehst du, es freut mich, daß dir der Lümmel doch wieder frisch in der Erinnerung aufgeht! Er hat damals manchen Wurf mit dem Pantoffel und manchen Schlag mit dem Küchenbesen, der moralisch mir gehörte, aushalten müssen; und nun male dir meine Genugtuung, daß ich das Ungetier (einen anderen Namen hatte Jule Grote ja nicht dafür!), voll ausgewachsen, mannbar und mit einem Schatz versehen, und dazu als Reserve-Unteroffizier, wieder habe, und zwar als unseren Oberknecht! Er sitzt jetzt mit Anstand zu meiner Linken an unserem Tische in der alten Stube, weißt du; aber ein anderes Exemplar von ihm in seiner lieben Jugend und Gefräßigkeit und Flegelhaftigkeit habe ich, Gott sei Dank, dazu wieder mir gegenüber am anderen Ende des Tisches. Karl Eggeling heißt der Schlingel heute; na, und ich muß mir doch manchmal in den Ärmel lachen, wenn ich wieder einmal zu erfahren habe, daß die alte Jule immer noch nicht milder und sanfter gegen diese Spezies von der männlichen Gesellschaft gestimmt ist. — Die alte Jule! da sind wir wieder bei ihr und ihrem Einzuge auf dem Steinhofe. So in Tränen gebadet habe ich noch kein Frauenzimmer bei keinem irdischen Zufall und weder in Amerika noch in Europa erblickt! Du hättest ihr das größeste Unrecht antun können, und es hätte diese Flut nicht aus dem Schütt gelassen. So weich wie das Glück hatte das Unglück sie längst nicht gemacht. Freund Stakemann, der auch noch lebt, Fritz, — du weißt, Stakemann, der mich damals so treu brieflich warnte, als es längst zu spät war! — Stakemann, der immer der alte vergnügte Kerl geblieben ist, kam leider auch hier mit seinem Witz post festum. Die spaßhafte Bemerkung, daß der Weg von Bodenwerder her wohl nächstens unter Wasser stehen, und daß man sich demnächst in Bremen über das große Wasser wundern würde, hatte ich bereits gemacht, geradeso wie damals, das heißt, die Jahre vorher, meine Geschäfte mit dem Doktor Schleimer, dem ich, wieder beiläufig, leider nicht in den Vereinigten Staaten begegnet bin, um ihm offenherzig meine Meinung sagen zu können. — Sonst war mir übrigens selber eigentlich auch gar nicht spaßhaft zumute, sondern sehr im Gegenteil. Ich saß da auf dem Leiterwagen und hielt den Arm um die Alte und tröstete sie und mich nach besten Kräften in unserem Glück. Es ist keine Kleinigkeit, selbst im glücklichsten Fall, sich um soviel älter — alt — und in diesem auch als Greisin zu sehen und zu fühlen, daß man noch einmal eine glückliche Minute herausgefischt hat! Ich weiß nicht, Langreuter, ob ich dir das nach der Syntax vortrage, aber eine Wahrheit ist es, verlaß dich drauf. Nicht wahr, alter Freund, wenn einer den anderen so recht verstehen soll, dann braucht der nur recht unverständlich zu sprechen, wenn er seine Meinung nur recht tief aus dem Grunde heraufholt?! Daher, wo man gar nicht mehr weiß, ob man aus seiner eigenen Seele spricht oder der des anderen!… Nun spricht man häufig davon, daß es sehr süß ist, eine junge Geliebte vom Wagen zu heben, um sie in die neugegründete Heimat einzuführen. Ich glaube dieses herzlich gern, obgleich ich es leider noch nicht selber an mir und an einem guten Mädchen probiert habe; aber sozusagen etwas Bräutliches hatte auch Jule Grote an sich, als sie mit ihrem Anverlobten, dem Steinhofe, wieder zusammenkam nach so langer Trennung und hoffentlich jetzt auf immer. Während des Zwischenreichs und der Fremdherrschaft hatte sie natürlich keinen Fuß in die Gegend gesetzt: ‚Zehn Pferde hätten mich nicht in das Hoftor gezogen, Just!‘ rief sie einmal über das andere, während sie jetzt durch alle Stuben und Kammern, treppauf und treppab, durch Stall und Garten humpelte und mich mit seligen Tränen in den Augen auf alles aufmerksam machte, was das ‚fremde Volk während seiner Herrschaft nach seinem Gusto verändert oder gar ganz schandbar verrungeniert hatte‘. Wir gingen alle mit ihr, und weißt du, Fritz, was nach meinem Vergnügen an der Alten mir das Lieblichste war? Das war unsere liebe Eva Sixtus, die ihren alten Papa führte und, immer verstohlen mit ihrem weißen Taschentuche an den Augen, wie ein weinender Frühlingsmorgen aussah. Es war ein wahres Glück, daß Stakemann fortwährend seine schlechten Witze und altbekannten nichtsnutzigen Bodenwerderschen Redensarten und Anekdoten uns dabei zum Besten gab; die Sache hätte sich sonst wirklich für einen Bürger der Vereinigten Staaten von Nordamerika zu sehr ins Gerührte verlaufen. Du hast unsere liebe Eva wohl lange nicht gesehen, Fritz? Das ist sehr schade. So jung wie vor zehn oder zwölf Jahren ist sie heute nicht mehr; aber das muß ein heikler Patron sein, für den sie nicht in die Länge und in die Breite in die allersüßeste Frauenfreundlichkeit sich ausgewachsen hat! Und dann solltest du den Förster über sie hören! Hast du selber einen Speech auf der Seele, so laß ihn um Gottes willen nicht zum Worte über sie kommen. Da redet er kopfwackelnd das allervolkreichste Meeting vom Stump zu Tode. Freilich, was mich betrifft, so bringe ich ihn immer mit dem größesten Vergnügen auf seine Tochter, sein liebes Mädchen, und dir, Fritze Langreuter, würde es wohl ebenso gehen, wenn du dir unter deinen jetzigen großartigen und weltgelehrten Verhältnissen noch das alte bescheidene Herz und Vergnügen an allen diesen unseren alten Dingen und Leuten von Schloß Werden, dem Steinhofe und der Umgebung hättest bewahren können. Daß das freilich nicht gut möglich ist, sehe ich aber recht gut ein, mein Junge!“ ……

Ich hatte mir geschworen, den Menschen nicht zu unterbrechen, und ich unterbrach ihn auch jetzt nicht; aber ich sprang auf vom Stuhl, knöpfte mir die Weste auf und trat auf längere Minuten an das Fenster, um die brennende Stirn an die Scheiben zu drücken und auf das dem Morgen hastig zutreibende Gewölk zu sehen und auf den Wind zu horchen. Als ich an den Tisch zurückkam, hatte sich der Vetter Just eine frische Pfeife gestopft und hielt eben das brennende Zündholz darauf. So gleichmütig und phlegmatisch, als ob er mir nicht das geringste gesagt habe, was einen Privatdozenten ohne Zuhörer und einen Doktor der Philosophie ohne Philosophie aufregen könnte. Und jetzt sagte er noch dazu:

„Wahrhaftig, wenn man so ins Schwatzen kommt!… zwei Uhr am Morgen! Bei uns auf dem Steinhofe fangen da schon die Hähne an zu krähen. Und ich sitze hier und rede und rede und bedenke gar nicht, wie ich dich von der nächtlichen Ruhe abhalte, und wie kostbar gerade deine frischen Morgenstunden für die gelehrte Welt und die Wissenschaften sind. Aber guck, Fritz, so bleibt ein Deutscher immer ein Deutscher! Ein echt eingeborener Nordamerikaner hätte dir einfach gesagt: Ich habe den Steinhof wieder; wenn du Lust hast, male dir alles übrige dazu oder laß es bleiben. — Ich dagegen sitze hier und möchte dir auf jeder Faser und Fiber in mir meine Gefühle und Erlebnisse in der alten Heimat nach der Heimkunft vorspielen und frage den Teufel danach, ob das dir noch interessant ist oder nicht. Aber jetzt auch kein Wort mehr! Wo ist mein Überrock? Hier. Und hier ist mein Hut. Jetzo setze deiner Güte und Geduld die Krone auf und leuchte mir die Treppe hinunter. Den Weg nach meinem Wirtshause finde ich schon; hoffentlich aber kehren mehr Leute von meiner Art da ein, die sich leicht festschwatzen nämlich, wenn sie nach Jahrhunderte langer Abwesenheit und Trennung einen guten alten Freund und Bekannten zufällig wieder getroffen haben und ihn in ihrer Zufriedenheit mit der Welt in den Schlaf oder über den Schlaf weg, aber sicher halb tot reden. Allein möchte ich auch in diesem Falle nicht in der Welt stehen.“

Fünfzehntes Kapitel.

Nach jahrhundertelanger Trennung und Abwesenheit! Das letzte Wort war das richtige; ich aber war Pedant genug, daß ich mir auch in diesem Augenblicke, das heißt, nachdem ich dem Vetter die Treppe hinunter mit dem Lichte vorangegangen war, durch jenes Worts sprachliche und begriffliche Zergliederung meine Stimmungen und Gefühle klarer machte. Wer diese langen Jahre hindurch abwesend gewesen war, das war nicht der Vetter Just Everstein, sondern ich, — ich, der ich so hübsch ordentlich zu Hause geblieben war.

Ich schlief in dieser Nacht nicht mehr, obgleich ich ziemlich rasch zu Bette ging. Da lag ich und versuchte es, hundert zerrissene Fäden wieder anzuknüpfen, was stets ein bedenklich Geschäft ist und nicht immer gelingt, jedenfalls aber ungemein selten das Gewebe des Lebens haltbarer und glatter macht. Nun war es sonderbar, wie gerade die letzten Exkurse des wackeren Freundes mir die heftigste Unruhe in das Geblüt geworfen hatten. Was erzählte mir auch der Mann von dem „weinenden Frühlingsmorgen“ Eva Sixtus? Wir waren doch alle — ohne Ausnahme — in den Sommer des Daseins hineingeraten. Was sollten mir die hübschesten Bilder aus Tagen, die, wie der Vetter ganz richtig sich ausdrückte, ein Jahrhundert weit hinter uns lagen?

Ich wendete mein Kopfkissen darob fortwährend um, ohne Ruhe darauf zu finden. Baß ergrimmt (nein, das war nicht das richtige Wort!) entstieg ich, als der trübe Morgen gekommen war, dem ruhelosen Lager mit den Gefühlen eines Mannes, der eine weite Reise unternommen hat, um alte Schulden einzukassieren, überall aber leere Taschen gefunden hat und nun selber mit leerer Tasche in einem öden Gasthofszimmer sitzt. Mit einer wahren Wut blickte ich von einem meiner Büchergestelle auf das andere. Die weisesten Autoren, denen ich in diesen schönen Momenten mit meiner Lebensrechnung unter die Nase zu rücken versuchte, waren nur imstande, mir die Gegenforderung und Frage zu stellen:

„Wer soll uns denn mit Noten versehen, wenn nicht ihr Lebenden? Dummes Zeug: Trost und Beruhigung! — Bestätigung unserer Lebensangst, Unruhe und Not wollen wir von euch Atemholenden! Weiter im Texte!“

Von den Schuldnern zu den Gläubigern — den Gespenstern, die mich in der Nacht geplagt hatten! Der Mensch hat eigentlich gar keine Ahnung davon, wie er die Wörter seiner Sprache mißbraucht. Die Abgeschiedenen lassen einen wohl schon in Ruhe: es sind die lebendigen Wesen in Fleisch und Blut, die mitatmenden, leidenden, sich freuenden Genossen der Erdenlaufbahn, die da gewöhnlich durch unsere Träume spuken gehen! Sind sie gar noch gute alte Freunde und Bekannte und haben sie dazu muntere Füße, wackere Hände, helle Augen und rote Backen und wissen sie mit kräftiger, sanfter oder gar freundlicher und liebevoller Stimme ihre Fragen zu stellen in der Geisterstunde, so ist das sehr häufig am allerbedenklichsten für unsere nächtliche Ruhe.

Wie mit einem Zauberstabe hatte dieser Mensch und Vetter Just, dazu Bürger der nüchternen Vereinigten Staaten von Nordamerika, an die dürre Wand geschlagen und das klaräugige Spukgesindel über mich her beschworen. Als ich gegen elf Uhr meinen Weg durch die belebten Gassen zu seinem Hotel suchte, um ihm, dem Vetter Just, meinen Gegenbesuch zu machen, sah ich unwillkürlich gespannter als seit langer Zeit den Begegnenden in die Gesichter und mit einem gewissen ängstlichen Suchen und Erwarten in das Getümmel überhaupt. Was ich seit langem teilnahmlos hatte an mir vorbeistreifen lassen, das gewann nach dieser Nacht plötzlich ein sozusagen angsthaftes Interesse für mich. Andere Leute mochten es vielleicht anders nennen; ich nannte es Gedanken, was mich auf meinen Wegen bis heute durchgängig gehindert hatte, auf die Bewegung um mich her viel zu achten. Höchstens ärgerlich hatte ich dann und wann auf- und um mich gesehen, wenn ein unvermuteter Puff und Knuff von Menschenkindern, die es stets eiliger als ich hatten, mich in meiner Neigung, mit gesenkter Nase hinzuschlendern und, offen gestanden, an sehr wenig zu denken, störte. Nun hatte sich dieses mit einem Male geändert, wenigstens für diesen Morgen. Ich ging mit geradeaus gerichteter Nase und mit Augen, die nach rechts und links und manchmal sogar einem auffälligeren Individuum nachguckten.

Weißt du, wer da mit dir geht oder dir entgegenkommt? Hast du es schriftlich, daß niemand darunter ist, dessen Erkennung im Haufen dir wichtiger sein kann als das träumerische Gespinste, in welches du deine fünf Sinne eingewickelt umherträgst. Würdest du dich über kein zweites unvermutetes Begegnen an der Straßenecke wundern oder freuen? Bist du wirklich so ganz allein und — auf dich allein angewiesen unter den Hunderttausenden? Und — da stand ich schon und starrte und brachte im jähen Anhalten meinerseits diesmal eine Hemmung in den Strom der Bevölkerung und auf dem Gesichte des Nächsten hinter mir, auf dessen Zehen ich mich mit meinem Hacken niederließ, einigen Verdruß hervor. — — —

Mademoiselle Martin!

Das war nicht das Gesicht, auf welches ich in dem großen Strome gepaßt hatte; — Eva Sixtus sah anders aus! — aber das Wunder und die Verwunderung blieben die nämlichen. Ich mußte doch noch Mademoiselle Martin, unsere alte französische Sprachmeisterin von Schloß Werden, kennen! Sie war es! sie war es unbedingt, und wenn auch nur um das alte Wort zu bewahrheiten: Wenn es kommt, so kommt es in Haufen!

Ein greisenhaft, verschrumpfelt und verrunzelt, etwas phantastisch aufgeputztes Mütterchen wackelte sie daher, und ich stand mit dem Hute in der Hand:

„O Mademoiselle!… o Mademoiselle Martin, welches ungemein erfreuliche —“

Monsieur?!

Es lag eine Welt von Fragen in dem einen Wort; und ich war imstande zu stottern:

„O, ich bitte — Doktor Langreuter ist mein Name.“

Da ging es gottlob wie ein Lächeln über das sorgenvolle Altfrauengesichtchen der ci-devant soeur ignorantine.

„Je, Fritz?! Monsieur Frédéric Langreuter! Ei, der Herr Doktor Langreuter! Aber, en vérité, das nenne ich freilich ein recht erfreuliches Zusammentreffen. Haben Sie mich wiedererkannt, Fritz — Herr Doktor? O dieses unvermutete Wiederfinden freut mich ebenfalls sehr.“

„Und Sie kennen mich auch noch, Mademoiselle? Und gestern mittag — o Mademoiselle, welche Wunder können doch noch in dieser Welt geschehen!… Gestern der Vetter Just und nun Sie, Fräulein Martin! Und Sie haben sich so wenig verändert, daß auch das ein neues Wunder ist, Mademoiselle.“

„Geben Sie mir Ihren Arm, monsieur. Durch ein paar Straßen müssen wir sans condition miteinander gehen. Schmeicheln will ich Ihnen nicht: Sie haben sich sehr verändert, Mr. Langreuter, und hätten Sie mich nicht angerufen, so würde ich Sie wahrscheinlich nicht wiedererkannt haben.“

Wir paßten ganz zueinander: ich der mittelalterliche Quellenforscher und das melancholisch geputzte Mütterchen an meiner Seite. Durch ein heiteres Wesen hatte sich Mamsell Martin wohl nie hervorgetan; aber nun hatten die Jahre und die Erlebnisse wie immer dichter sich übereinander schiebendes Gewölk das letzte Licht in ihren Altjungferzügen ausgelöscht. Ich hatte sie vorsichtig zu führen, denn ihr Schritt gehörte nicht mehr zu den festesten. Wir gingen langsam, und auch das war sehr nötig.

„Ich habe es gestern von einem guten, alten Freunde vernommen, daß Gräfin Irene jetzt hier ihren Aufenthaltsort genommen hat, Mademoiselle. Ich habe viel erfahren seit gestern, Mademoiselle, und vieles, was ich eigentlich ebenso gut, wo nicht besser als jener treue, wackere Freund wissen müßte. Nun gehe ich plötzlich auch mit Ihnen hier —“

„Ja, wir wohnen seit einigen Wochen in Berlin, Herr Fritz — Herr Doktor. Durch wen aber wissen Sie das auch — seit gestern?“

„Durch den Vetter Just.“

Nun sah man wieder einmal recht deutlich, daß sowohl der Dichter des Textes zum Freischütz sowie der Komponist und alle weisen und melodischen und poetischen Männer, die das Nämliche vor ihnen in Versen und Prosa oder Noten angemerkt, das Richtige getroffen hatten.

Ob auch die Wolke sie verhülle, die Sonne bleibt am Himmelszelt! Wie ein Sonnenstrahl ging es über die gelbe faltenreiche Stirn, wie freudiges Leuchten zuckte es aus den schwarzen Augen der alten soeur ignorantine.

Oh monsieur, monsieur! Der Vetter Just! O wohl, monsieur Just Everstein! Ja, der hat uns gefunden und hat uns eine Visite gemacht, und wir waren so glücklich, ihn zu sehen! Und er hat bei uns gesessen stundenlang und von der alten Zeit gesprochen! Und er hat unser Kind in seinen guten Armen in den Schlaf getragen! Die Komtesse hat geweint, als er weggegangen ist, aber diesmal vor Freuden. Nicht weil er gegangen ist, sondern weil er versprochen hat, immer wieder zu uns zu kommen, zu uns und unserem armen Kinde. Und er ist wieder gekommen, und hat wieder mit uns von der alten Zeit und dem Herrn Grafen und dem lieben, armen château de Werden geredet. O — er hat uns gesucht in dem pêle-mêle, der Vetter Herr Just, und er hat uns gefunden und nicht bloß durch einen Zufall. Le bon dieu hat ihm das in sein Herz gegeben, daß er es nicht anders konnte, sondern suchen und finden und kommen und da sitzen mußte, um uns zum Troste zu sein in dieser argen, schlimmen, schlimmen Welt! Wie ein Gesandter von dem guten Gott ist er uns gewesen, der Vetter Herr Just, der mir soviel aversion und répugnance hat bereitet in der glücklichen alten Zeit, wenn ich euch rief zu der Lektion — savez-vous? hoch oben aus den Bäumen und ihr nicht antwortet, weil ihr alle waret echappiert und — eh, eh, hattet euch durchgeschlüpft — glissés par la haie — wie die Vagabonden in die weite Welt und nach dem Steinhof. Oh mon dieu, damals habe ich geweint, weil das war, nun weine ich, weil das nicht mehr sein kann. Aber madame la baronne, meine Komtesse kann noch lächeln, wenn sie spricht mit dem Vetter Just davon und von euch anderen bösen Kindern; und so bin ich auch glücklich, daß ich einst mich so sehr habe geärgert.“

Vergebens war es, meinerseits ein Wort in diesen Redefluß der alten Dame zu werfen. Und sie redete das alles zu mir in einer der belebtesten Straßen der großen Stadt Berlin, gänzlich unbekümmert darum, daß wir nicht allein darin gingen wie vordem wohl in der großen Lindenallee im Garten von Schloß Werden. Wir gingen ihnen allen zu langsam und nahmen ihnen allen zuviel Platz auf dem Wege in Anspruch; aber alle hatten sie es auch nicht darum so eilig, um rascher zu einem Vergnügen zu gelangen, und so war nichts gegen dies Geschobenwerden und Gedrängtwerden einzuwenden.

Daß sich Irene von Everstein in Wien mit einem Freiherrn Gaston von Rehlen verheiratet hatte, wußte ich, ebenso daß diese Ehe nicht glücklich ausgefallen war. Nun wohnte die Frau Baronin seit einigen Wochen als Witwe in Berlin, mit einem kranken Kinde und mit ihrer alten französischen Sprachmeisterin. Ich hatte hundert Fragen zu stellen und brachte doch keine einzige über die Lippen. Jeder Blick in das melancholische graue Gesichtchen mir zur Seite wurde mir hier zu einem Hindernis und trieb mir das Wort von der Zunge zurück; die soeur ignorantine aber schwatzte trübselig weiter von der guten alten Zeit, „als der Herr Graf noch lebte und niemand eine Ahnung, ein pressentiment, davon hatte, wie die Verhältnisse für uns alle sich nach seinem Tode gestalten würden“. Des Ausdrucks changer de face bediente sich Mademoiselle Martin, und es war der ganz richtige Ausdruck: ein ganz anderes Gesicht als damals, wo nur der Herr Graf genau wußte, wie schwankend unsere Stellung im Leben sei, machte uns heute die Welt!

Monsieur Ewald ist immer noch in England oder Irland; doch er will nächstens nach Deutschland zurückkehren, hat uns neulich mademoiselle Eva geschrieben,“ sagte Mademoiselle. „Der Herr Vetter Just hat ihn in der Stadt Belfast par hasard getroffen. Ich hätte mir gern von ihm erzählen lassen, aber der Herr Vetter hat nicht viel von ihm erzählt. Das Kind war sehr unruhig, und da nahm er es auf den Arm. Hélas, es ist ein sehr schwächliches Kind, monsieur Frédéric, und auch ein wenig verwachsen — ah, pardon.“

Die Gute hatte nicht nötig gehabt, um Verzeihung zu bitten. Erst durch ihren letzten halb erschrockenen Ausruf wurde ich auf die unwillkürliche Bezugnahme auf meine eigene gleichgültige Person lächelnd aufmerksam. Ich hatte nur an Ewald Sixtus in Belfast gedacht und an die Gründe, die den Vetter Just abhalten konnten, von ihm der Gräfin Irene ausführlich zu erzählen. Mir mußte der Vetter hierüber Rede stehen, das stand mir unumstößlich fest.

Wir hatten nun die größere Verkehrspulsader der Stadt verlassen und schritten durch stillere Straßen.

„Nun ich Sie wiedergefunden habe, — auch par hasard, Herr Fritz Langreuter! — so müssen Sie uns doch nun auch wohl eine Visite machen,“ meinte Mademoiselle. „Ich werde Ihnen zeigen unsere Wohnung; doch können Sie nicht gleich mit mir gehen, denn madame la baronne — meine Irene ist nicht wohl heute. Sie müssen kommen mit dem Vetter; ich aber werde sagen, daß ich Sie jetzt getroffen habe, und daß Sie aus alter Freundschaft zu uns kommen werden. Darf ich das, monsieur Fritz? Dort wohnen wir, im dritten Stockwerk; — der Herr Vetter Just kennt aber den Weg, und Irene wird sich sehr freuen.“

Ich sah an dem Hause empor und hielt beide Hände der alten, so bittersüßen Dame, konnte aber nichts weiter hervorbringen als:

„O Mademoiselle!“

Adieu, monsieur,“ rief sie. „Und — au revoir! nicht wahr, monsieur?“

Die Haustür hatte sich hinter ihr geschlossen, und ich lief eiligst meinen Weg zurück und nach dem Hotel, in dem der Vetter Just Everstein abgestiegen war und hoffentlich noch auf mich wartete mit dem Frühstück, zu dem er mich eingeladen hatte.

Sechzehntes Kapitel.

Gewartet hatte er in seinem Hôtel garni nicht mit dem Frühstück; auch dazu war er zu sehr der Vetter Just vom Steinhofe geblieben. Aber er hatte doch noch viele schöne Reste auf dem Tische übergelassen; und mit mir von neuem herzlich und herzhaft daran zu Werke zu gehen und sich zu erbauen, dazu war der Vetter immer noch der Mann. Aber ich hatte durchaus keinen Appetit mehr; selbst der sehr mäßige, den ich vom Hause mitgenommen hatte, war mir auf dem Wege unter der Begegnung mit der weiland soeur ignorantine, Mademoiselle Martin, vollständig vergangen.

Nun war es aber trotz dieser Begegnung immer noch ein Mirakel, den Vetter Just vom Steinhof in einer solchen modernen Karawanserei aufsuchen zu müssen und ihn daselbst sogar auf dem bekannten trostlosen Sofa hinter dem bekannten, schäbig rotbehängten Tische hemdärmelig zu finden. Welch ein Segen und Glück ist es, daß ein richtiger Haspel immer ein Haspel bleibt, selbst wenn er einem in einer gläsernen Flasche als eine Kuriosität vorgewiesen wird!

„Du bist lange ausgeblieben, Fritz! Aber so seid ihr einmal hier, und man muß euch nehmen, wie ihr seid!“ rief er mir entgegen. „Jetzt komm her und setz dich und greif zu. Einen Klingelzug habe ich schon verruiniert; aber brauchst du noch etwas, so sag’s nur dreist, ich gehe dann lieber selber danach. Alter Junge, ich freue mich unbändig. Öffnete sich jetzt dort die Schranktür und Jule Grote träte hervor, um, mit der Faust auf den Tisch gestemmt, dir und mir die Wahrheit zu sagen, so wäre meine Behaglichkeit vollkommen. Aber wie siehst du denn eigentlich aus? Ist dir etwas Unangenehmes auf dem Wege hierher begegnet, oder haben wir für deine Kräfte etwas zu lange in die Nacht hineingesessen und von den alten Tagen gesprochen?“

Ich fuhr so rasch als möglich damit heraus, was mir eben begegnet war, und der Vetter fuhr mit der Hand über den Hinterkopf und sprach sehr gedehnt:

„Ach so!… ja freilich!“ …

„O Just,“ rief ich, „du bist natürlich sofort da wieder der liebste Gast und beste Freund und Berater! Ich soll womöglich nur in deiner Begleitung dort einen Besuch machen; — ich bitte dich um des Himmels willen, was ist das? Sind die Zustände dort wirklich so trostlos, daß —“

„Hast du wirklich gefrühstückt? Auf Ehre, Fritz, bist du satt und magst du wahrhaftig nichts mehr von dem öden Zeug hier auf dem Tische?“ fragte der Vetter kläglich. „Ich frage dich dieses aus Gründen. Nämlich mir ist der Appetit auf längere Zeit vergangen, nachdem ich dort aus alter Freundschaft an die Tür geklopft hatte und von Mamsell Martin hereingelassen worden war. Ach, Fritz, was will das alles sagen, was die Männer erleben können, gegen das, was die Weiber dann und wann erleben müssen. Ich bringe dich natürlich hin, damit du selber siehst, was der Schuft, dem sie in die Hände gefallen ist, aus unserer lieben Irene gemacht hat. O, wäre sie tausendmal lieber mit mir über das Wasser und dann, hie und da ohne einen Cent in der Tasche, durch die Straßen von Neuyork und durch alles Sauere und Bittere bis in die Wildnis von Neu-Minden gezogen, als daß sie so dumm war und als bankerottes hochadeliges und reichsgräfliches Fräulein und junges Mädchen unter ihren Leuten blieb.“

„Davon habe ich eigentlich zu erzählen, nicht du, Vetter Just,“ seufzte ich. „Das waren trostlose Zeiten auf Schloß Werden, die nach dem Tode des Herrn Grafen kamen. Wir erfuhren es beide damals, Vetter, wie dem Menschen zumute wird, wenn plötzlich hundert fremde Hände und Fäuste das Recht gewinnen, in unser Dasein hineinzugreifen und alles, was wir für unser ewig Eigentum hielten, als das ihrige in Anspruch nehmen. Da wird das Geräte des Lebens verschoben, das uns für alle Zeit an seinem Platze fest zu stehen schien. Da klingt fremdes Gelächter in Räumen, in denen wir nur zu flüstern wagten. Du hast nicht die Macht, dich gegen die roheste Rede, gegen den erbärmlichsten Witz zu wehren. Und wenn die grünen vertrauten Bäume von draußen in gewohnter Weise dazu in die Fenster sehen und rauschen, so ist das kein Trost, sondern ganz das Gegenteil. Wir auf Schloß Werden hatten gerade so wie du auf deinem Steinhofe von allem Abschied zu nehmen. Und wir erfuhren jetzt erst in herzzerbrechender Deutlichkeit, wie uns alles ans Herz gewachsen war. Ach, du hättest meine Mutter und ihr armes Kind, ihre Irene, in jenem Sommer und Herbst sehen sollen, wie sie in den immer leerer werdenden Räumen in den Winkel gedrückt saßen und alles über sich ergehen ließen; die stolze Irene am stillsten und geduldigsten! Wohl hätte die Komtesse auf dem Försterhofe ein anderes heimatliches Dach finden können, wohl hätte sie mit uns — meiner Mutter und mir — gehen können und unser Schicksal teilen, wenn nur nicht jeder Mensch sein eigen Schicksal hätte, das durch keine Liebe und Aufopferung, keinen Haß und Zorn eines anderen geändert werden kann —“

„Jawohl, da hast du recht,“ seufzte der Vetter Just. „Man macht sich hier immer entweder zu viel oder zu wenig Illusionen von der Macht, dem guten oder bösen Willen seiner nächsten Umgebung und liebsten Freundschaft. Gegen das Schicksal, was einem angeboren ist, können sie nichts ausrichten, das steht fest — that is a fact, sagen wir drüben.“

„So kam denn die Vormundschaft und sprach uns drein, und dann der Brief aus Graz, und dann die Tante aus Graz persönlich. Da war es denn mit uns anderen allen aus, und wie von dem Steinhofe, so ging von Schloß Werden ein jeder seinen eigenen Weg in die Fremde hinein. Wenn dem nicht so wäre, wo bliebe dann nachher wohl die Verwunderung, wenn man sich wieder trifft, wie zum Beispiel wir jetzt, und seine Erfahrungen gegenseitig austauscht?“

„Da hast du wieder recht,“ sagte der Vetter Just Everstein, als ob ich ihm wirklich eben die höchste Weisheit und zwar als etwas ganz neu Entdecktes mitgeteilt hätte. „Und jetzt sei nur still,“ fuhr er dann um so überraschender fort, „du erzählst mir da gar nichts Neues; und so melancholisch, wie du das da herleierst, so trübselig habe ich es alles selber mit durchgemacht von Bodenwerder aus. Großer Gott, wie bald vergessen doch die Leute, wie nahe sie vor ein paar Jahren beieinander gewohnt haben! Von Irenes Ehestand spreche ich dir meinerseits nicht. Da mußt du dich lieber an Mamsell Martin wenden; die war, Gott sei Dank, von Anfang an bis zum Ende dabei und hat dazu heißeres Blut in den Adern als ich und kann dir also die jämmerliche Geschichte mit allem dazu gehörigen Nachdruck und Gestus erzählen. Nur tu mir die Liebe, Fritz, und frage nicht die Komtesse danach aus. Freilich, du wirst das wahrscheinlich wohl schon von selber unterwegs lassen, wenn du die alte wilde Hummel und Spielkameradin nach den ihr von der gütigen Vorsehung zudiktierten Lebensschicksalen wieder zu Gesicht gekriegt hast. Kurios aber bleibt es einem immer doch, wie diese nichtswürdigen Schicksale so durcheinander spielen, daß selbst der Gleichgültigste nie genau weiß, wie sehr ihn die Sache angeht. Daß ich von neuem hier drinstecke, und zwar tief, das weiß ich; nun soll es mich nur wundern, was dir, mein guter Fritze Langreuter, hierbei zu deiner Behaglichkeit und Unbequemlichkeit aufgehoben ist! Well, noch steht es aber bei dir, ob du die arme Frau durch mich nur grüßen lassen willst?“

Wenn es mir bis jetzt noch irgendwie unklar gewesen wäre, wie es möglich war, daß der Vetter Just den Amerikanern imponierte und den Steinhof wiedererlangte, so hätten mir seine letzten Worte unbedingt darüber Aufklärung geben müssen.

Und diesem Vetter hatte ich vordem die Brosamen, die vom Tische meiner Schülerweisheit abfielen, mit dem bekannten Dummen-Jungen-Humor grinsend zukommen lassen?! Und dieser Vetter Just Everstein hatte es einst für eine Glorie gehalten, mir den pythagoreischen Lehrsatz „vordemonstrieren“ zu können! Die alten Kirschbäume im Grasgarten auf dem Steinhofe, die jetzt wieder samt dem Grasgarten sein Eigentum waren, schnitten mir aus der Ferne der Erinnerung sehr ironische Gesichter. Der ganze Steinhof lachte; mir aber war durchaus nicht lächerlich zumute: wenn ich ein alberner Schulbube gewesen wäre, so hätte ich dreist meine Stimmung weinerlich nennen dürfen. Um mich daraus zu retten, brachte ich nach althergebrachter Menschenweise die Rede auf etwas anderes, das heißt auf den nächsten besten Bekannten oder Freund. Ich erkundigte mich nach Ewald Sixtus und wünschte etwas Genaueres über das Zusammentreffen des Vetters mit ihm in Belfast zu erfahren.

„Der Mann gefiel mir eigentlich nicht,“ sagte der Vetter Just kurz und deutlich. „Ein tüchtiger Ingenieur scheint er geworden zu sein; aber sonst hat die Fremde gerade nicht nach meinem Geschmack auf ihn eingewirkt. Von uns zu Hause mit ihm zu reden, habe ich bald aufgegeben, da er selber stets gleich wieder abbrach. Aber über Wasserbauten und Brückenanlagen haben wir viel miteinander gehandelt. Wie dieser Mensch in dem Försterhause hatte flügge werden können, ist auch eines von den vielen unbegreiflichen Wundern dieser Erde. Was mich anbetraf, so schien er sich übrigens auch ein wenig zu wundern, daß ich nicht ganz der Alte geblieben war. Gewissermaßen habe ich ihm sogar, wie es scheint, gefallen, aber er hielt mich jedenfalls für einen größeren Kapitalisten, als ich bin; und daß ich auf dem Wege nach der Heimat war, um mir den Steinhof zurückzukaufen, hielt er für eine von meinen alten Dummheiten, und dabei kam auch sein altes lustiges Lachen (weißt du noch, Fritz?) zum erstenmal annähernd wieder zum Vorschein. Ich lachte aber nicht mehr mit wie vor Jahren auf dem Steinhofe, wenn ihr euren Spaß an mir hattet und ich das euch gern gönnte. Um Irene Everstein hatte er sich so wenig — wie du — nimm’s mir nicht übel, Doktor! bekümmert. Das hätte ich meinerseits ihm nun nicht allzu übel genommen, wenn es mir gleich etwas sonderbar nach ihrer so netten Jugendfreundschaft und Liebschaft erschien. Aber auch von seinem alten Vater und von seiner Schwester wußte er wenig. Sie schrieben an ihn wohl, er aber schrieb nur dann zurück, wenn er Zeit hatte, und die hatte er wenig. Ein bißchen Heimweh dann und wann in der Fremde schadet keinem Menschen. Man kann auch trotzdem Geld machen und ein tüchtiger Arbeits- und Geschäftsmann sein. Ich habe es furchtbar gehabt, das Heimweh nämlich, und für eine Million nicht wäre ich auf seinen, unseres Ewalds Vorschlag eingegangen und wäre noch ein halb Jahr lang bei ihm in England geblieben und hätte Bodenwerder Bodenwerder sein lassen. Übrigens läßt er dich doch grüßen, der alte Junge. Und als ich ihm sagte, daß ich dich jedenfalls aufzufinden suchen würde, fand er das uncommon obliging für dich.“

„Ich danke dir, und — ihm,“ sagte ich, ziemlich gedehnt das letzte Wort betonend. „Von dir, Vetter Just, war das freilich ungewöhnlich zuvorkommend und freundlich!“

„Ärgere dich nur nicht zu sehr, Fritzchen,“ lächelte gutmütig der gelehrte Bauer vom Steinhofe. „In früheren Zeiten ist lange genug ununterbrochen an mir die Reihe gewesen, mich über die Leute und Dinge zu verwundern. Jetzt bin ich gottlob wenigstens ein wenig dahintergekommen, daß man mit seinem Erstaunen haushalten muß, und daß es schade ist, es an das unrichtige Individuum oder den unrechten Gegenstand wegzuwerfen. Morgen früh aber gehen wir beide zu Irene Everstein oder Frau von Rehlen. Weißt du, ich nenne sie am liebsten immer noch bei ihrem Vaternamen, noch dazu da es auch der meinige ist. Wenn es dir paßt, so werde ich dich gegen elf Uhr abholen. Du kannst es mir aber aufrichtig sagen, wenn du andere wichtige Abhaltungen hast.“

Ich hatte dergleichen nicht.

Siebenzehntes Kapitel.

Wenn der Vetter Just sein Wort gegeben hatte, so konnte man sich darauf verlassen, daß er es pünktlich hielt. Dieses war selbst in seinen Traumjahren auf dem Steinhofe der Fall, und sein Aufenthalt in Amerika hatte nichts daran geändert. Fünf Minuten vor elf Uhr am folgenden Tage vernahm ich seinen langsamen, soliden Schritt auf der Treppe.

„So, da bin ich, und wir können gehen,“ sagte er. „Irene wird sich gewiß recht freuen; aber ein Vergnügungsweg ist es nicht, das versichere ich dich.“

Dieses brauchte er nun mir gerade nicht immer zu wiederholen, ich wußte es bereits. Die Zeiten, wo wir uns in dem Blättergrün und Sonnengold unserer Nußbaumnester an der Hecke von Schloß Werden schaukelten und uns daraus wild, frei und fröhlich in alle grenzenlose Jugendlust der Erde niedergleiten ließen — auf die „Vergnügungswege nach dem Steinhofe“, wie der Vetter sich ausdrückte, — die Zeiten waren nicht mehr vorhanden. Aber aus dem Sonnengold und Blättergrün stieg ich an diesem Morgen doch hernieder in den Straßenschmutz der Stadt Berlin. Wie du die Jugendfreundin auch finden magst, hiervon werdet ihr auch reden, Fritz Langreuter! sagte ich mir wehmütig-bänglich; und dazu war es schon sehr viel und ein großer Segen, am Arme des Vetters Just Everstein diese Straßen durchwandern zu dürfen, vorüber an den Anschlagssäulen mit den hundert bunten, zu den heutigen Lustbarkeiten einladenden Zetteln, ganz abgesehen von den anderen öffentlichen privaten oder amtlichen Ankündigungen und Aufforderungen.

„Guck, da steht die Gesellschaft und der Staatsanwalt wieder einmal einem durchgeschnittenen Halse gegenüber perplex! Diese dreihundert Taler, die dem Denunzianten des Täters angeboten werden, sind für mich das kurioseste Preisgeld, was der Menschheit, das heißt dir, mir und den übrigen, hingehalten werden kann,“ brummte der Vetter. „Was will es dagegen heißen, die beste Komödie zu schreiben oder das beste Bild zu malen und einen Preis dafür zu kriegen? Beiläufig, ich habe es damals in der Neuyorker Staatszeitung gelesen, daß du auch einen Preis für eine wissenschaftliche Abhandlung bekommen hast. Das muß dich doch sehr gefreut haben, Fritz; — als ich es las, war ich natürlich aus Rand und Band. Hast du noch ein Exemplar von der Abhandlung für mich und kann ich sie verstehen?“

„Makulatur, alter Freund!“ sagte ich, besaß jedoch in einem staubigen Winkel ein hübsch Bündel von mir und der Welt höchst überflüssigen Abdrücken. Wir gingen weiter und sprachen auf dem ferneren Wege wenig mehr miteinander und nichts von irgend welcher Bedeutung; aber unter der Tür des Hauses, in dem Irene von Everstein jetzt wohnte, hatten wir eine Begegnung, von der kurz erzählt werden muß und zwar mit einer kleinen Abschweifung.

Es ist eine der volksläufigen Vorstellungen, daß die höheren Klassen unserer heutigen Gesellschaft den ideelleren Bestrebungen des Menschen immer noch vollkommen fremd gegenüber ständen und teils mit Verachtung darauf herabsähen, teils drolligerweise Furcht davor hätten. Dem ist nach meiner Erfahrung nicht so, nicht einmal im großen ganzen. Daß man hier wie auch in anderen Kreisen ein tüchtig Quantum von Dilettantismus oder von beschäftigungsloser Neugier oder von leerem Vorwitz im Verkehr der Welt zu verdauen hat, ist freilich nicht zu leugnen; doch wo hat man das denn nicht?

Ich meinesteils habe mich in meinem engen Reiche nie über eine aristokratische Mißachtung zu beklagen gehabt, wohl aber ziemlich häufig über des edlen deutschen Philistertums verzogene Schnauze ein vergnügtes Lächeln mit einiger Mühe unterdrückt. Wir deutschen Gelehrten usw. haben wahrlich keinen Grund, das: Krieg den Palästen! durch unseren Tabaksdampf nachzubrummen. Wahrlich, wenn es uns Spaß macht, so dürfen wir unsere Fehdebriefe da dreist an ganz andere Türen als die unserer früheren Reichsunmittelbaren usw. anheften.

Einer von den letzteren und zwar ein sehr guter Bekannter aus den Hörsälen der Universität und von manchem „wissenschaftlichen Abend“ her war es, der uns über die Schwelle, die wir eben überschreiten wollten, entgegentrat.

„Sieh da, Doktor! Was für ein guter, närrischer oder gar böswilliger Geist führt denn Sie in dieses Haus, wenn ich fragen darf?“

„Ich komme jedenfalls unter dem Geleit eines guten, treumeinenden Führers, mon prince,“ erwiderte ich. „Ich wünsche eine Jugendbekanntschaft zu erneuern, Durchlaucht.“

Die Durchlaucht oder Erlaucht hatte den Vetter höflichst gegrüßt und dieser den Gruß ebenso zurückgegeben.

„Eine Jugendbekanntschaft? Darf ich fragen, mit wem, lieber Freund und gelehrter Gönner?“

Ich stellte zuerst die beiden Herren einander vor, und sie begrüßten sich noch einmal. Dann beantwortete ich die an mich gestellte Frage, indem ich Irenes jetzigen Namen nannte, aber auch ihren Mädchennamen hinzufügte. Der Fürst ** sah mich einen Augenblick betroffen an, dann ergriff er meine Hand und rief:

„Die?! Die Herren sind Bekannte — Freunde der armen Frau? Ach, es ist ja richtig, Doktor, Sie stammen mit ihr aus einer Gegend her. O, meine Herren, ich habe in Wien diese Ehestandstragödie mit durchgemacht und auch eine Rolle darin gespielt. Ich war ein Zeuge bei dem Duell, in dem endlich zu allgemeiner Befriedigung in unserem gesellschaftlichen Verkehr ein schwarzer Strich über den Namen Gaston von Rehlen gezogen wurde. Die Rehlen sind von fernher mit uns verwandt, und nach meinen schwachen Kräften habe ich das meinige getan, die unglückselige Frau da oben in ihrem trostlosen Leben aufrecht zu erhalten. Mein Vater ist ein Jugendfreund des alten Herrn auf Schloß Werden gewesen; — so laufen die Bezüge zwischen uns durcheinander. Ach, meine Herren, ich wollte, Sie wären etwas früher gekommen. Vielleicht hätten Sie einen frischen Hauch in die schwüle Stunde mitgebracht, in der ich eben dort oben auf Kohlen gesessen habe. Sie treffen übrigens auch den Arzt dort an. Das Kind ist seit der vergangenen Nacht wieder recht krank; der Medizinalrat macht mit der Uhr in der Hand am Bette der Kleinen das bekannte Gesicht und ist mir auch bis vor die Tür nachgegangen und hat mir als einem Familienfreunde seine Meinung nicht vorenthalten. Das kleine Mädchen liegt bereits im Sterben, und als wirklicher Familienfreund halte ich das bei dem geistigen und körperlichen Zustande des armen Geschöpfes für ein Glück!“

Der Vetter Just stieß einen Laut hervor, der ein Seufzer war, aber auch eine grimmige Verwünschung bedeuten konnte.

„Meine Herren,“ fuhr der Fürst fort, „ist es nicht recht bizarr, daß wir uns von all diesen Angelegenheiten hier so zwischen Tür und Angel unterhalten? Bester Doktor, demnächst muß ich mich unbedingt einmal wieder zu einer Tasse Tee bei Ihnen einladen, und dann müssen wir mehr über die Frau da oben reden. Sie interessiert uns alle in dem weitesten und in dem engsten Kreise; ich spreche aber hier nur von dem letzteren als dem meinigen.“

„Sie wissen, daß Sie mir immer willkommen sind, Durchlaucht,“ erwiderte ich.

„Also, Adieu, mein Bester, und auf Wiedersehen!“

Wir schüttelten uns noch einmal die Hände, während der Vetter Just bereits die Treppe hinaufstieg.

Das war im ersten Stockwerk eine breite, vornehme, mit Teppichen belegte Treppe, die zu einer auf dem Eckständer der Brüstung eine Glaskugel haltenden Bronzefigur emporführte. Aber die Teppiche waren auf dem nächsten Absatze verschwunden, und auch die Stufen waren steiler geworden. Der Kommissionsrat, der die Beletage des Hauses innehatte, wohnte bedeutend eleganter als die Freifrau Irene von Rehlen, die wir in dem glückseligen Nußbaum, auf den Wiesen, in den Parkalleen und in den Wäldern von Schloß Werden einst in ihrer fröhlichen Wildheit, blondlockig und blauäugig, als unseren besten Kameraden und nur, wenn sie uns zu sehr durch einen ganz unvermuteten Schabernack aus der Fassung gebracht hatte, als dies „Fräulein Gräfin“ oder (nach Ewalds Ausdruck) als „diese ganz abgefeimte Haupthexe, diese Irene“ gekannt hatten.

Ich stieg hastig dem Vetter nach, der vor der Glastür mit dem jetzigen Namen unserer Jugendfreundin einen Augenblick lang sich schwer auf das Geländer stützte und, unverständlich mit sich selber sprechend, sich mit dem Taschentuch über die Stirn fuhr.

„Das sollte nun wohl ein Trost sein, daß uns dieser Mann da eben an der Tür begegnete?!“ brummte er mir zu. „O, diese Hand würde ich darum hergeben, wenn ich dadurch jetzt meine Eva Sixtus hierherschaffen könnte, Fritz Langreuter!“

Weshalb gab mir nun dieser Name Eva Sixtus auch in dieser Stunde, in dieser Umgebung und unter diesen Umständen, von ihm ausgesprochen und gleichsam zur Hülfe herbeigerufen, in tiefster Seele einen Moment bittersten Unbehagens, — wie das Volk sagt: einen Stich durch das Herz?! Ich hatte wiederum keine Zeit, darüber nachzudenken; die Glastür war nicht verschlossen, und der Vetter hatte sich „besonnen“, wie er sagte, und „die nötige Selbstbeherrschung wiedergewonnen.“

Als wir auf den etwas dunkeln Vorplatz traten, öffnete sich gegenüber eine Tür, und der Doktor kam heraus, geleitet von Mademoiselle Martin, deren runzeliges Gesichtchen verkniffener denn je erschien.

Ah messieurs!

Ich kannte auch den Arzt persönlich und wußte, daß er als einer der besten Kinderärzte der Stadt galt. Er gab mir etwas verwundert die Hand; aber dem Vetter Just schüttelte er sie ganz vertraulich.

„Ich freue mich, daß ich Ihnen augenblicklich den Platz räume, Herr Everstein,“ sagte er leise. „Sprechen Sie in Ihrer gewohnten Weise zu der Gnädigen; es wird ihr wohl tun —“

„Und das Kind?“ flüsterte der Vetter; und der glückliche Kinderarzt, der sie zu Tausenden hatte sterben sehen, nickte unmerklich und schüttelte sodann sehr merklich den Kopf:

„Ich habe leider dem Fräulein hier die Wahrheit nicht verhehlen dürfen. Ich denke — so — gegen Abend!… Werde jedenfalls im Laufe des Nachmittags noch einmal vorsehen. Mein Fräulein, ich bitte Sie, ferner so ruhig zu bleiben wie bisher. Meine Herren, ich empfehle mich Ihnen.“

Er ging, und Mademoiselle, die so ruhig bleiben konnte, erfaßte mit zitterndster Erregung unsere Hände, und die Tränen brachen ihr unaufhaltsam hervor.

„O, es ist gut! — nur einen Moment, messieurs! ich bin auch gleich wieder still. Herr Fritz, madame wird sich sehr freuen — freuen. Ich habe ihr gleich erzählt von Ihnen, und daß ich Sie habe gesehen in der Straße. Herr Just, Sie verlassen uns nicht heute abend! Sie bleiben bei meinem Kind und bei unserem Kinde, wenn kommt die schlimme — terrible — Stunde. Wir brauchen einen guten Mann dann bei uns, Herr Vetter Everstein! Und nun warten Sie, daß ich es ankündige, daß Sie da sind.“

Sie führte uns in ein Nebengemach, und wir hatten nicht lange zu warten, bis man uns winkte. O über die goldengrünen Zweige, in denen wir uns wiegten, unsere Nester bauten und von der Welt träumten und auch als Kinder, nicht als ausgewachsene Leute und große Philosophen die Welt für ein Spiel nahmen, in welchem wir mitspielen durften!…

Am Sterbebette ihres Kindes! Sie saß in dem verdüsterten Raume und hatte den Arm auf das Gitter des kleinen Lagers gestützt, und sie stand auch nicht auf, als wir leise in die Tür traten, sondern reichte uns nur die Hand und hob ihre gleichfalls fieberhaft glänzenden Augen zu uns empor.

„O Just,“ sagte sie, und dann zu mir gewendet, mit einem ganz anderen Ausdruck: „Schau, auch du, Fritz! ich sollte dich eigentlich jetzt wohl Sie nennen, denn wir haben uns so lange nicht gesehen und haben soviel erlebt in der Zeit, daß wir uns nicht gesehen haben. Aber ich hätte dich doch gleich wiedererkannt, Fritz, und ich habe auch keine Zeit, jetzt über das Schickliche nachzudenken. Lassen wir es also beim Alten, wenn es dir recht ist, Fritz.“

Es war noch die alte Stimme und doch auch eine ganz andere. Mit eisernem Griff drückte mir die Stunde die Kehle zusammen.

„O liebe Irene —“

Der Vetter Just hatte sich über das kranke Kind gebeugt.

„Deine gute Mutter ist auch gestorben,“ sagte die Jugendfreundin. „Ich habe mich sehr betrübt, als du mir das schriebest. Sie hat auch viel erlebt. Weißt du wohl noch, wie ihr zuerst nach Schloß Werden kamt? Aber wir haben nachher doch noch eine glückliche Zeit für uns gehabt. Setze dich doch, Fritz — du mußt nicht gleich wieder fortgehen; — aus alter Freundschaft, lieber Fritz! Mein Vater ist gestorben, — mein — Mann ist tot — nun stirbt mein Kind, mein armes, kleines, krankes Mädchen! O Vetter Just, Vetter Just!“

Sie hatte sich mit einem Male rasch erhoben und dem Vetter laut weinend die Arme um den Hals gelegt. Sie schluchzte an seiner breiten, braven Schulter, als könne sie sich nimmer wieder beruhigen.

„Das ist gut; lassen Sie sie so!“ murmelte Mademoiselle Martin, ihr Taschentuch zwischen den Händen zerringend. Da fing das Kind leise an zu wimmern, und der Vetter, die Mutter aufrecht haltend, legte eine Hand auf die kleine Stirn auf dem weißen Kopfkissen.

„Vetter Ju! — weh, weh!“ winselte das Kind.

„Herz, mein Herz,“ rief Irene. „Wir sind ja alle bei dir! Mama ist da, und wir bleiben alle bei dir — o großer Gott!“

„So weh, weh!… auf Arm, Vetter Ju!“ klagte das Kind von neuem und bat mit herzzerreißenden Schmerzenslauten. Der Vetter Just warf einen fragenden Blick auf Mademoiselle Martin, und sie nickte. Da nahm der Bauer vom Steinhofe sanft die Kleine aus ihrem Bettchen und setzte sich und hielt sie auf einem Kissen und in ihren Decken in seinen guten Armen, und sie wurde allgemach wieder ruhig und schlummerte schmerzloser der letzten ernsten Stunde zu. O über den Sonnenschein und die goldengrünen Zweige, in denen wir uns wiegten, als wir Kinder waren!

Der Medizinalrat sah seinem Versprechen gemäß gegen Abend noch einmal vor. Er blieb sehr ernsthaft wieder mit seiner Uhr in der Hand eine Viertelstunde und sprach gemessen schickliche und beruhigende Worte zu der Mutter. Aber er war ein „glücklicher“ Arzt, ein vielbeschäftigter, und hatte keine Zeit, hier das Ende abzuwarten, denn er hatte noch an verschiedenen anderen Orten dieselben geziemlichen und beruhigenden Worte zu sprechen. Wir aber hatten Zeit dazu: der Vetter Just Everstein und — gottlob! — ich auch!

Achtzehntes Kapitel.

Ich habe es wohl vergessen, zu sagen, daß wir damals im März des laufenden Jahres waren. Der Tag war hell und trocken, wenn auch noch immer windig. Auf den verhängten Fenstern lag ein gut Teil des Tages hindurch die Vorfrühlingssonne, und in das Nebenzimmer schien sie voll hinein, bis sie hinter die gegenüberliegenden hohen Häuser hinabglitt.

Wir verlebten diesen Tag vom Mittag an in diesen zwei Zimmern, dem verdunkelten und dem hellen; der Vetter Just und ich. Mademoiselle Martin deckte uns sogar in dem hellen Raume ein Tischchen und legte vier Kuverts auf und stellte vier Stühle daran. Wir aßen daran zu Mittage, Mademoiselle, der Vetter und ich; und auch Irene setzte sich einmal zu uns. Da aber hatte der Vetter ihren Platz an dem kleinen Bette eingenommen. Wir gingen ruhelos ab und zu, aus der hellen Stube in die dunkle. Es wurde auch eine Zeitung gebracht, und Mademoiselle Martin reichte mir dieselbe. Ich nahm sie und habe sie bis in die Dämmerung hinein wohl hundertmal hingelegt und von neuem aufgenommen. Wer diese Weise, eine Zeitung, ein Buch oder sonst einen beliebigen Gegenstand in Angst, Herzensweh und — langer Weile, — ja, langer Weile, hin- und herzuwenden durch die kriechenden Stunden, nicht kennt, der preise das Geschick, das ihm solchen Zeitvertreib ersparte, und bitte, daß es ihn auch fernerhin davor bewahre, sich daran halten, im vollsten Sinne des Wortes sich daran halten zu müssen, bis das schlimme, öde, tödliche Warten sein Ende gefunden hat, einerlei welches.

So warteten wir an jenem Nachmittage.

Das kranke Kind wimmerte und schlief und wimmerte wieder und schlief wieder.

Die Mutter sang ihm mit leisester Stimme und kam zu uns und weinte und erzählte auch abgebrochen aus ihrem Leben und fragte nach dem meinigen. Wenn der Vetter Just irgend etwas sagte, so horchten wir alle mit momentan leichterem Atemholen; aber auch er schwieg oft viel zu lange und wußte nichts zu sagen. Mademoiselle ging ab und zu; — die war noch am besten dran, denn sie hatte den Haushalt für den kommenden Tag zu besorgen und von uns allen also das meiste um die Hand. Manchmal aber stand auch sie beschäftigungslos am Fenster, und ich bin fest überzeugt, dann haben sich Leute an den Fenstern drüben auf der anderen Seite der Gasse einander heiter auf sie aufmerksam gemacht:

„Guck nur die Alte! wie in einem Bilde!… Die möchte ich mir freilich nicht am frühen Morgen über den Weg laufen lassen!“

„Die könnte Geschichten aus ihrer Seele erzählen, gegen die wir beide, Fritz, alle unsere Erlebnisse still zusammenpacken könnten,“ flüsterte mir einmal der Vetter zu, mit dem Daumen über die Schulter auf die soeur ignorantine an dem Fenster hindeutend. „Was meinst du, wenn die am Jüngsten Gericht ihre auf Erden verschluckten Tränen auf einmal fließen läßt?!“

„Ja, Just,“ sagte ich, „aber es läuft alles in einen Strom. Ich kann es dir nicht sagen, was für einen Damm das letzte Tribunal dagegen aufbauen wird, um nicht mit Sessel, Bank und grünem Tisch weggeschwemmt zu werden.“

„Darf ich Ihnen noch eine Tasse Kaffee einschenken?“ fragte im Augenblick darauf Mademoiselle Martin. „Sie trinken ihn noch immer recht süß?“

Und ich sah in demselben Augenblick wieder vollständig genau die grünlackierte Zuckerdose von Schloß Werden vor mir und fühlte auf meinen Knöcheln den Schlag, mit welchem Mademoiselle meinen verstohlenen Griff in dieselbe zu verhindern gewohnt war, und hörte dazu das vorwurfsvolle Wort meiner Mutter: „Aber Fritz?!“ und dabei das mutwillig glückselige Kichern der Komtesse Irene, der währenddem der Griff unbeachtet gelungen war.

Die schwersten Tage, Stunden und Minuten erzeugen ihre geschwindesten, wunderlichsten und buntesten Phantasmagorien.

Wenn wir zusammen sprachen, so sprachen wir sehr häufig von Eva Sixtus. Das Wort des Vetters: „Ach, wenn wir sie doch hier hätten!“ kam zur vollsten Geltung. Jede heller auftauchende Erinnerung an sie, jedes Geschichtchen von ihr aus der Kinderzeit war uns wie ein Trunk aus einer kühlen klaren Quelle an einem schwülen Tage und unter schwerer Mühe. Wir konnten sie uns auch heute noch nicht anders vorstellen, als immer noch umgeben von dem alten Zauberreich der Erde, weiter lebend still und freundlich in dem süßen Licht, den Tönen und Düften des von uns verlorenen oder aufgegebenen Paradieses.

Der Vetter Just, der natürlich am genauesten über sie Bescheid wußte und sie vor vierzehn Tagen noch gesprochen hatte, sagte:

„Das ist auch so mit dem guten Mädchen, und sie verdient es wirklich. Schon die Art, anzusehen, wie sie mit ihrem alten Papa und seinen Hunden und seinem kuriosen Papstbuche umgeht, ist ein wahres Vergnügen. Beiläufig, wenn ich an das Papstbuch denke, so fällt mir dabei jetzt immer Freund Ewald in England ein. Seit ich den braven Jungen dort besucht habe, meine ich in plain terms, daß ein gut Stück mehr als genug aus dem Schmöker an ihm hängen geblieben ist. Das hat sich der Papst Sixtus der Fünfte wohl auch nicht träumen lassen, daß man einmal im Königreich Großbritannien und Irland Ingenieurkunst und dergleichen nach seinen Maximen treiben würde. Ich wollte nur, er schriebe häufiger an unser Evchen und den Alten — den Mr. Ewald und nicht Seine Heiligkeit meine ich selbstverständlich. — Ja, das liebe, alte Försterhaus von Werden! Daß die Regierung was daran gewendet habe, kann keiner behaupten; aber ungemütlicher ist es darum doch nicht geworden. Im Gegenteil, nur noch gemütlicher hat es sich zwischen seine Lindenbäume, Büsche und Gartenkultur eingenistet — ihr wißt, angenuselt nennen wir das bei uns zu Hause. Über Bodenwerder hinaus ist, während wir anderen sämtliche Münchhausens Abenteuer in der Welt erlebten, weder Eva noch der Förster gekommen. O Irene, wie werden sie demnächst einmal Ohren, Nase und Mund aufsperren, wenn wir ihnen unsere Allerweltshistorien heimbringen! Das steht fest, diesen Sommer treffen wir uns alle auf dem Steinhofe bei dem Vetter Just! Wozu bin ich denn der Vetter Just, wenn ich das nicht ganz genau wüßte, und dazu, daß es immer wieder Sommer wird, wenn es Winter gewesen ist?! Das steht fest wie der Magister matheseos, Fritz Langreuter: ja, ja, Miß Martin, man kann es zu einer ungeheuren Gelehrtheit und Weisheit in der Welt bringen, wenn man nur seinerzeit an nichts denkt und die Leute reden und lachen läßt. Ein Verdienst war das damals aber bei mir nicht, sondern nur Blödigkeit und Schüchternheit, und dazu Angst und Verwunderung, weil ich nur der dumme Junge auf dem Steinhofe war und die Welt und der Himmel umher so weit und voll und allmächtig; — liebe Irene, bleib sitzen, ich sehe schon nach dem Kinde!“

Sie wußte es, daß er ihren Platz an dem kleinen Schmerzenslager ebenso gut ausfüllte als sie selber; sie lief ihm doch vorauf in das verdunkelte Zimmer. Er ging aber dennoch mit ihr; und Mademoiselle Martin und ich blieben uns an dem Kaffeetische allein gegenüber.

„Haben Sie nicht vorhin gesagt, daß Sie an unserer Haustür mit Mr. le prince de ** zusammengetroffen seien, Mr. Fritz?“ fragte Mademoiselle.

Ich bestätigte das noch einmal.

„Sie wissen gar nichts von uns, Frédéric, und wenn Sie etwas sehr verwundert, so behalten Sie auch das für sich. Dies war immer Ihre manière so; schon als Sie noch so groß waren.“

Sie zeigte es durch eine Handbewegung, wie hoch ich war, als ich bereits alle meine Verwunderungen für mich selber behielt.

„Es tut mir leid, Mademoiselle Martin —“

„O, es tut Ihnen gar nichts leid, monsieur le docteur, denn sonst hätten Sie sich schon nach vielen Dingen erkundigt. Par exemple, wie kommen Sie nach Berlin, Mademoiselle?… Mais c’est navrant, — ces gémissements de la petite! bleiben Sie sitzen, Fritz, wir können doch nichts helfen dort, und der Vetter hilft der Komtesse. — Es ist der Fürst und seine Familie, die uns haben weggeholt von Wien und uns haben leben lassen hier. Das sind sehr gute Leute, und die Väter und Großväter haben sich auch schon geholfen gegenseitig depuis les siècles, und vorzüglich, als der Kaiser Napoleon war in Deutschland der Herr. Damals ist es monsieur le comte d’Everstein-Werden gewesen, der helfen konnte; aber das Glücksrad geht herum toujours, toujours, toujours! Und Seine Durchlaucht ist gekommen und hat gesagt: Sie können nicht bleiben in Wien, madame la baronne. Je suis garçon, sonst sollten Sie wohnen in meinem Hotel in Berlin; aber ich muß sein Ihr Vormund, das ist mir eine Pflicht. Sie sollen still leben in Berlin und die Vergangenheit vergessen, ich werde alles besorgen. — Bien, was wäre aus uns geworden ohne ihn? La grande mer hätte uns übergeschlungen. Voyez par exemple madame de ** und madame de ** und so viele andere arme Frauen dans la rafale de la vie! So haben wir gelebt hier durch seine Herzensgüte und auf seine Kosten, bis neulich gekommen ist monsieur Just, der Herr Vetter von dem Steinhofe — o, der Vetter Just, o, und es ist sehr gut, daß Sie an unserer Tür haben einander vorgestellt den Herrn Fürsten und den Herrn Vetter. Wir hatten noch keine Gelegenheit dazu gehabt, denn Seine Durchlaucht waren verreist bis gestern.“

In dem Nebengemache war das leise, klagende Gewimmer wieder still geworden, und der Vetter Just setzte sich wieder zu uns. Es war gegen sechs Uhr am Nachmittage und die Sonne eben dem Untergange nahe. Der Vetter seufzte schwer und gab wortlos der alten soeur ignorantine die Hand. Mademoiselle ließ die Schuhe von den Füßen fallen und ging auf den Strümpfen zu der Tür des Nebenzimmers, kam zurück und fragte:

„Schläft sie auch? Sie hat den Kopf mit auf das Kissen gelegt.“

„Weiß nicht,“ sagte der Vetter kaum hörbar. „Ich wollte es wohl, aber ich glaube es nicht. Sie horcht nur.“

Wir horchten alle; dann ging Mademoiselle mit ihren Pantoffeln in der Hand von neuem ihren Haushaltungsgeschäften nach, und in der immer mehr über uns hinsinkenden Dämmerung waren jetzt Just Everstein und ich wieder für eine Zeit allein einander gegenüber gelassen.

„Es kann noch Stunden dauern. Ich kenne das leider nur zu genau aus mancher Ansiedlerhütte drüben, jenseits des Atlantic. Wir hatten dort immer nur Calomel und wieder Calomel; aber es ist egal, denn es bleibt immer dasselbe, hier und im Hinterwalde. Die Mütter legen dann immer ihren Kopf mit auf das Kissen,“ sagte der gelehrte Bauer vom Steinhofe. „Sie machen auch die Augen zu, und wer sonst dabei sitzt, kann nichts tun, als stille sein. Wolltest du etwas sagen, Fritz?“

Ich hatte nur einen etwas tieferen Atemzug getan, und so fuhr gottlob der Vetter fort.

„Man sitzt da still, wenn das Kind sterben will und die Mutter weiter lebt, und hat doch Zeit, an allerlei anderes zu denken. Von den größten und wirklichsten Wundern spricht, schreibt und druckt kein Mensch und kein Evangelium! Dies ist nun so eine Stunde, in der man mancher Angelegenheit, welche man sonst nicht so leicht anrühren würde, freimütiger auf den Grund geht, weil alles rundum ernst genug dazu aussieht und selbst der Mißtrauischste nicht an pure Neugier oder albernen überflüssigen Vorwitz denkt. Fritz Langreuter, unsere Eva Sixtus hatte dich einmal sehr gern. Weshalb hast du das nicht merken wollen?“

Es schwamm mir vor den Augen, die heißesten Blutwellen drängten sich nach dem Herzen und Hirn, es hämmerte sinnbetäubend; der Boden schwankte unter mir.

„Mich?… Ich?!“ stammelte ich, und der Vetter Just ergriff meine Hand und hielt sie während des folgenden in der seinigen fest.

„Natürlich!“ murmelte er. „Er fragt! Er weiß gar nichts! O, wenn ich nur wüßte, wo ihr Menschenkinder in der besten Zeit eures Lebens eure Augen und Ohren hattet!… Dich hatte sie lieb!“ …

„Mich?“ wiederholte ich durch eine See von Wonne und — Angst, nach einem unbekannten, noch unsichtbaren Ufer mich durchringend.

„Wen denn anders?“ fragte der gelehrte Bauer vom Steinhofe, und ich fühlte, wie seine Hand dabei erzitterte; und meine Angst, die tödliche Angst in mir, hatte darin ihren Grund, daß ich wußte, was dieses Zittern bedeutete.

O Vetter Just! Vetter Just!

Als ob er mit einem anderen spräche, den Blick in die Weite gerichtet, fuhr Just Everstein fort:

„Da saß ich, der dumme, übergeschnappte Bauerjunge, um so manches Jahr älter als ihr, unter der Obhut und Vormundschaft von Jule Grote, zwischen meinen Düngerhaufen und Ackerfeldern, Wiese und Wald, und sah alles wie im Traume und doch ganz klar. Ich will nicht behaupten, daß ich der Gescheiteste von der Gesellschaft war, denn der ist und bleibt Freund Ewald, der ohne allen Traum und Duselei ebenfalls ganz klar sah und ganz genau wußte, wie er zu der Komtesse Irene stand und sie zu ihm. Er ist nicht ohne seine stichhaltenden Gründe in die Welt und nach Irland gegangen und schreibt wenig nach Hause. Wie Vieles möchten wir anders haben in der Welt, was doch nicht sein kann! Da sitzt sie; — horch, und ihr Kind ist wieder wach, und sie spricht zu ihm, zu ihrem sterbenden Kinde; und niemand darf sie fragen, ob es nicht doch möglich gewesen wäre, daß dies alles hätte anders sein können!… Von ihr und Ewald rede ich auch gar nicht; da wird noch lange Zeit hingehen, ehe die Menschen es für etwas Selbstverständliches halten werden, auf der Erde zu ihrem Behagen unter dem rechten Dache zu Schauer zu kriechen. Nach deinen Versäumnissen möchte ich dich fragen, Fritz! nimm es mir nicht übel; — es findet sich aber vielleicht keine bessere Stunde dazu in unserem Leben als diese gegenwärtige sehr melancholische und sehr — ich weiß nicht, wie ich mich darüber ausdrücken soll!“

Er sagte es wirklich, daß er nicht wisse, wie er sich über diese Stunde ausdrücken solle. Hätte er ein Wort dafür gefunden, so würde er freilich die deutsche Sprache für all ihre Zeit dadurch bereichert haben. Was mich anbetraf, so war es nicht nötig, daß er noch ein Wort fand oder erfand für sich. Ich wußte bis in die tiefste Tiefe seiner und meiner Seele hinein, was er mir deutlich zu machen gewünscht hatte.

Aber ich?!……

In diesem Augenblick rief Irene aus dem Nebenzimmer angstvoll und laut unsere Namen. Der Vetter Just und ich, kamen an diesem Abend nicht mehr dazu, unsere Privatangelegenheiten weiter zu erörtern. Gegen Mitternacht starb das Kind.