Im Gemüsegarten fand ich dann Mamsell Martin, Raupen vom Kohl suchend. Sie stellte diese Beschäftigung natürlich sofort ein, um sich einer ganz ähnlichen an mir zu widmen:
„Oh monsieur, wenn ich es nicht tagtäglich mir vorsagte, daß auch ihr Männer durch die sehr böse Welt kommen müßt, und daß ihr es dann und wann a peu près drin ebenso schlimm habt als wir anderen armen Frauen, so wäre es wohl manchmal nicht auszuhalten mit euch. Sind Sie nur deshalb nach diesem Steinhof gekommen, um meinem armen Kinde das Herz noch schwerer zu machen, monsieur Frédéric?“
„O, bestes Fräulein —“
„Ich bin keines Menschen bestes Fräulein! Wir leben hier nicht auf diesem Steinhofe aux bains. Wir sind hier nicht in Baden-Baden, Homburg oder Aix-la-Chapelle! Wir wohnen hier nicht, um uns zu erholen de nos études, und um hineinzuschlafen in den Tag und um Ökonomie zu treiben mit dem Cousin Just. Wir sind hier in großer Angst des Lebens, mein armes Kind mit mir, wie auf einem Steinfelsen im Meer, und um uns her ist nur, wie Mr. Victor Hugo sagt in den Orientales: das Meer und stets das Meer, die Welle, stets die Welle! Und wo Länderei — nein, Land ist, da sind für uns nur Ruinen, und es kann kein Mensch und auch nicht Mademoiselle Julie verlangen, daß ich soll haben ein Interesse für die Ökonomie auf diesem Steinhof. Eh!“
Sie hatte sich nochmal gebückt und aus einem ganzen Nest ein fett, grün, sich ringelnd Geziefer von einem westfälischen Kohlblatt abgenommen.
„V’là une du paquet!“ rief sie mit ihrem unnachahmlichsten Nanziger Klosterakzent; nämlich wenn die jungen Schulschwestern sich vollkommen unter sich allein wußten. Mit spitzigen, dürren Fingern hielt sie das unselige Insekt, und wenn sie einen Basilisken gefangen hätte, so hätte sie mir denselbigen nicht mit stärkerem Grimm, Ekel und Widerwillen, aber auch nicht mit größerer Energie unter die Nase halten können.
„Nur der ganz gewöhnliche, sehr gemeine Kohlweißling Pieris brassicae, Mademoiselle.“
„Ja, monsieur, nichts weiter als das!“
Das Gewürm flog zu Boden, und wurde, fast ehe es daselbst anlangte, vermittelst der Schuhsohle aus der Reihe der Lebendigen weggewischt. Die soeur ignorantine trat mit böse aufgerafften Röcken über die nächsten Kohlköpfe hinweg und hinein in den Gartenweg. Wie eben die Raupe hielt sie jetzt mich, doch glücklicherweise nur am Arm.
„Da war auch die Altesse, — die Durchlaucht, — o diese Durchlaucht, die auch unser Cousin war und uns besuchte und sehr gut zu uns sprach und auch mit für uns sorgen wollte, und — sous cape — unser armes, liebes Kind mit in sein armes, kleines, kleines Grab brachte, welches sehr leicht war und sehr wenig kostete, weil schon der gute Vetter Just, monsieur Just Everstein, das kleine Kind in seinen kleinen Sarg gelegt hatte. Was hat monsieur le prince weiter von sich hören lassen? Nichts hat er von sich hören lassen. Was hat er für uns getan? Nichts hat er für uns getan!“
„Was sollte er auch für uns tun?“ fragte eine ruhig traurige Stimme hinter uns. Irene hatte sich uns unbemerkt genähert; es kam nichts weiter von dem, was Mademoiselle Martin auf der guten, gequälten Seele hatte, zum Vorschein, sie ließ auch meinen Arm frei und seufzte nur noch:
„Oh, mon dieu! Nun hab’ ich mir wieder einmal die Zunge angebrannt!“
Aber Irene hielt nur meine Hand fest; sie stand mit gesenktem Haupt, ohne weiter etwas zu bemerken. Sie hatte keine Heimat, aber sie wußte, wo sie zu Hause war; und (der Vetter Just hatte vollständig recht!) das einfachste war, daß sie hinging, wohin sie gehörte oder — geführt wurde. Sonderbar ist es und bleibt es, daß wir Menschen immer nur im höchsten Notfall auf unser Schicksal zurückgreifen, d. h. davon reden. Wir schämen uns unseres Schicksals, und in das große Geheimnis hinein hängen alle Wurzeln unseres Daseins.
Fünfzehntes Kapitel.
Ich sitze da am Fenster in meiner Stube in der großen Stadt Berlin. Über meine Gasse hinweg habe ich die Aussicht in eine andere. Hunderten, ja Tausenden von Menschen, welche die letztere passieren, kann ich ins Gesicht sehen, wenn ihr Weg so führt, und wenn es mir Vergnügen macht. Ein Vergnügen macht es mir jedoch selten. Aber eine gewisse Regelmäßigkeit des Verkehrs macht sich auch hier geltend. Es kommt immer zur gegebenen Stunde alles wieder, wie es von seinem Geschick geleitet wird, einerlei ob es sich der Abhängigkeit von demselben schämt oder nicht. So sind mir denn allgemach viele Gestalten und Gesichter vertraut und sozusagen zu unbekannten guten Bekannten geworden; aber nur ein einziges immer heiteres, lachendes, glückliches Gesicht kenne ich darunter, und das ist das eines blinden Knaben, der am Arme seiner Mutter täglich gegen zehn Uhr morgens die Straße hinunterkommt oder geführt wird, um bei einem Musiklehrer in meiner Nachbarschaft eine Unterrichtsstunde im Geigenspiel zu nehmen. An diesen Knaben mußte ich an diesem sehr unruhevollen Tage auf dem Steinhofe fortwährend denken, und ich sprach auch zu Irene von ihm im Schatten der Obstbäume des Grasgartens.
„Das Kind ist allmählich ein alter Bekannter von mir geworden. Ich sehe es wachsen und allgemach zum Mann werden. Es wächst jedes Jahr einmal aus seinem Rock und seinen Hosen heraus, aber es schämt sich keines Zustandes. Es läßt sich wachsen.“
„Und bleibt auch als Mann und Greis ein blindes Kind. Das einzige glückliche Gesicht unter Hunderttausenden! Armer Freund, weshalb redest du mir davon? Zum guten Exempel ist solche Heiterkeit doch wohl nicht in die Welt gesetzt! willst du mir gar zu allen anderen übeln Eigenschaften auch noch den Neid rege machen? Worüber lachst du nun?“
„Nie über dich, arme Freundin; höchstens über dich und meinen braven tapferen Freund und Gespensterseher, den Herrn Ingenieur Sixtus auf Schloß Werden. Übrigens kommt ihr beiden Helden schon einmal vor, und zwar in der Geschichte vom hörnernen Siegfried in den deutschen Volksbüchern. Man kennt auch eure Namen und gibt sie seit tausend Jahren von Jahrmarkt zu Jahrmarkt weiter. Jorcus und Zivilles heißt ihr da. Mich nennt man einen Gelehrten, und hier nehme ich den Titel an, denn dies ist etwas, was ich in der Tat allgemach aus den Quellen studiert haben muß, und (es ist keine Tautologie, liebe Irene!) was ich wirklich weiß. Willst du wissen, wie der Vetter Just, der kein Gelehrter, aber dafür ein weiser Mann ist, sich ausdrückt?“
„Was sagt der?“
„Hasen sind sie alle beide; aber der feigste von beiden ist doch unser guter Freund Ewald Sixtus — auf Schloß Werden.“
„Das ist nicht wahr!“ rief die Frau Irene, und aus ihren Augen funkelten alle die alten Blitze, die uns in den Mauern und Gärten zu Werden so oft heimgeleuchtet hatten, wenn wir zwei Jungen es den beiden Mädchen wieder einmal zu toll gemacht hatten. Da sprangen die Neigung, die Liebe, ja die Zärtlichkeit wie gewappnet hervor, und zornig flüsterte Irene Everstein: „Es weiß kein anderer als ich, wie stark Ewald Sixtus ist, und welch eine Tapferkeit dazu gehört und welch ein Edelmut, daß er nicht kommt und sein Recht verlangt und sagt: du mußt, armes Weib! Du bist in meiner Schuld, Irene, und du gehörst mir, wie — Schloß Werden mir gehört. — Ich habe dir das aber schon gestern auf dem Stein am Wege gesagt, und du — du handelst wahrlich nicht edelmütig an mir, Fritz Langreuter!“
Die Frau weinte und ließ mich stehen. Als sie rasch von mir fortlief, war auch das ganz wie in unserer Kinderzeit, als unsere Nester noch im Grün, im Sonnenschein und Himmelsblau hingen; aber damals weinte sie nie, sie drohte lieber über die Schulter zurück, und es war immer Ewald Sixtus, dem die erhobene Kinderfaust galt. Ich aber wußte jetzt, daß es nicht nur das beste war, daß sie zu dem Freunde ging, sondern daß sie sich schon auf dem Wege zu ihm befand. Aber es war mir dazu auch von neuem bestätigt worden, daß der irländische Ingenieur nicht nur ein sehr tapferer und starker Mann, sondern auch ein sehr schlauer Mensch war, und alles dies in der rechten Weise, nämlich ohne daß er selber von seinen Vorzügen im gegebenen Moment irgendwie genau Rechenschaft ablegen konnte. Er war klug, ohne es zu wissen, und so ging er um Schloß Werden herum; er war fest überzeugt, sich zu fürchten, und auf dem Steinhofe wurde man sofort sehr böse und fing an zu weinen, wenn irgend jemand nur im mindesten an seine Herzhaftigkeit rührte und den leisesten Zweifel darob kundgab.
Lose hängen alle Kränze und Gewinnste in dieser Welt über den Häuptern der Menschen; auf wohlbedächtig gezimmerten Leitern aber steigt man nicht zu ihnen empor, und die, welche die schönsten Kränze tragen, rühmen nie ihre eigene Kunstfertigkeit und Ausdauer deswegen. Im Gewinn erkennen sie erst recht, welcher linde Hauch, welche aura coelestis ihnen das Glück oder die Erfüllung ihres Wunsches oder das große wirkliche Kunstwerk zuwarf.
Etwas spät fielen die goldenen Äpfel in diesem Falle, aber sie fielen doch noch; und abermals erwies es sich, daß wir in einer Welt unser Dasein führen, in der es ebensowohl der Hauch des Todes wie des Lebens sein kann, der die Zweige bewegt und schüttelt.
Erst am Mittage, nachdem der Vetter seine Steinfuhre am Tillenbrink wieder aufgerichtet und im Lämmerkampe unter seinem Arbeitsvolk Ordnung gestiftet hatte, bekam ich Irene von neuem zu Gesichte. Dies wird noch einmal ein Kapitel der Wiederholung; ich aber kann wahrhaftig auch diesmal nichts dafür.
Wieder die alte gute Bauernstube des Steinhofes! wieder der lange nahrhafte Tisch von dem einen Ende derselben bis zum anderen; und wir allesamt daran vor den Tellern und Schüsseln: der Meister, die Knechte, die Mägde und die Gäste!
Und wieder wurde der Vetter herausgerufen, ging mit dem guten behaglichen Lächeln auf dem schweißglänzenden Gesicht und kam nach einer ziemlichen Weile sehr erregt wieder herein. Still setzte er sich von neuem hin, nahm auch den Löffel wieder zur Hand, aber legte ihn doch abermals nieder.
Da jedermann ihn darauf ansah, sagte er zu den Leuten:
„Eßt weiter, Kinder!“
„Was ist das denn, Just?“ fragte Jungfer Jule Grote angsthaft. „Es war ein Bote von drüben. Um Gott und Jesu willen: es geht doch wohl nicht wiederum den Steinhof an?“
„Nachher, liebe Alte!… Den Steinhof geht es freilich wohl an; aber es läßt ihn diesmal doch aufrecht stehen.“
Da dem Vetter Just der Hunger gänzlich vergangen zu sein schien, so verging er auch seinen Gästen so ziemlich. Doch erst, nachdem das Hofgesinde in Ruhe abgegessen und die Stube verlassen hatte, teilte uns Just Everstein mit, was ihm und uns das Schicksal durch den eiligen Boten von „drüben“ hatte wissen lassen.
„Hattest recht, Jule; es war ein Bote aus Werden, und er hatte es sehr eilig. Die Leute ging es aber nichts an, sondern nur mich und — euch. Sie haben heute noch einen heißen Arbeitstag vor sich, und so schickte es sich nicht, sogleich damit herauszufahren. Für mich — für uns ist es wieder einmal ein schwerer Tag geworden. O, es ist schade, schade! ich hatte noch für so lange, lange auf ihn mitgerechnet zu meinem — zu unserem Glück!“
Bleich und bebend hatte Irene sich erhoben.
„Welch Unglück ist wieder geschehen?… Ewald! Ewald!“ rief sie; und der Vetter nahm sanft ihre Hand von seiner Schulter.
„Nein, Liebe!… es denkt jeder nur immer an das Seinige!… Ewald und Eva haben geschickt; — es ist nur der alte Herr, der Abschied nehmen will. Ach, ich denke auch nur an mich! es ist schade, schade; — zu seinem und Evas und zu meinem Glück und Behagen hatte ich noch so lange, lange auf ihn mitgezählt! Da ist der Zettel, welchen der Bote gebracht hat.“
Das von Ewald flüchtig gekritzelte, von dem Vetter im ersten Schreck und der zusammengehaltenen Aufregung arg zusammengeknitterte Blatt ging von Hand zu Hand. Es lautete:
„Den Vater hat heute morgen, während er seine Holzfäller beaufsichtigte, ein Unfall betroffen. Ein Ast eines stürzenden Baumes hat ihn im Rücken beschädigt und von den Hüften abwärts gelähmt. Er ist bei voller Besinnung und nur zornig auf sich selber. Von mir kann leider nicht die Rede sein. Der Alte sagt nur: ‚Daß ich so dumm auch gerade während Deines Besuchs sein mußte, das ärgert mich noch am meisten!‘ — Jetzt erst weiß ich es, wie fremd ich zu Hause geworden bin. Eva hat Dich nötig, Just; also komm zu ihr. Dem alten Herrn wirst du gleichfalls zum besten Trost gereichen.“
Irene hielt jetzt den zerknitterten Zettel; Jule Grote wiegte den Oberkörper hin und her und stöhnte: „O Je! o du mein Je; nun geht auch der weg!“ Mademoiselle sah, über den Tisch vorgebeugt, mit angehaltenem Atem auf ihre Herrin, Schülerin und Schutzbefohlene; der Vetter blickte zu mir herüber, seufzte nochmals tief und schwer, strich sich mit der Hand über Stirn und Augen und fragte:
„Was ist deine Meinung, Fritz? So rasch als möglich müssen wir hinüber; aber du weißt, die Pferde sind augenblicklich alle vom Hofe. Das eine Paar wird erst gegen Abend heimkommen, das andere kann ich zwar vom Tillenbrink holen lassen, aber es gehen doch gut anderthalb Stunden drüber hin. Mein Rat ist, wir gehen nach Bodenwerder und nehmen dort eine Extrapost.“
„Fremd zu Hause!“ murmelte Irene, aus ihrer Betäubung erwachend. „Wir wollen gleich gehen und den alten Weg nehmen — wie damals, als mein Vater gestorben war.“
Wie in diesem Worte so vieles zu einem Abschluß kam, entging uns in diesem Augenblick vollständig. Wir haben aber alle nachher daran gedacht.
„Ja,“ sagte der Vetter Just, „das ist immer noch der Richteweg nach Werden. Der Vater Klaus würde sich auch nicht wundern, wenn du ihm noch einmal in seinen Kahn stiegest.“
„Finden wir denn den noch?“ rief ich.
„Es zog ein schlimmes Gewitter damals über den Steinhof, als ihr ihn zuletzt über den Fluß anriefet,“ sagte der Vetter. „Ihr bekamet nur die letzten Tropfen auf dem Wege nach Schloß Werden. Es ist wunderlich; aber auch das kann heute wieder gerade so geschehen. Nun, der alte Charon wird uns wohl sicher übers Wasser schaffen. Es hat sich vieles hier bei uns verändert, Doktor; aber diesen Schiffer findest du auch heute noch an seiner Stelle.“
Eine halbe Stunde später befanden wir uns bereits auf dem Richtewege nach Werden, Irene, der Vetter Just Everstein und ich; — ganz wie damals klares, tiefblaues Himmelsgewölbe über uns, doch weißes Sommergewittergewölk hinter uns im Westen. Nun war es, wie der Vetter am Morgen es als das Beste und Wünschenswerteste und dazu als das Einfachste hingestellt hatte, nämlich, daß sie zu ihm gehe. Und einfach und ganz selbstverständlich erschien es auch jedem; es verlor niemand noch ein Wort darüber. Der Tod ist ein mächtiger Rufer und ebnet Wege und macht Pfade glatt, die eben noch durch berghohe Trümmer der Vergangenheit und unüberwindlich heil Gemäuer der gegenwärtigen Stunde versperrt schienen. Aber so hatte der Vetter Just sich den Weg der Frau Irene zu dem Freunde doch wohl nicht vorgestellt, als er sein ruhiges Wort aussprach!
Rasch und schweigend gingen wir drei unter dem heißen Tage; der erste Schatten auf dem Wege wartete erst jenseits des Flusses in den Wäldern der Heimat, und der Tod hielt dazu seine schwarzen Flügel über alle sonnigen Hügel, Täler und Halden ausgebreitet. Wie damals sahen wir uns nicht einmal nach dem Dunkel um, das in unserem Rücken emporstieg; — noch einmal ein Gewitter auf diesem Pfade! Wo aber führen die Wege der Menschen auf dieser Erde, wo das dumpfe Grollen und Murren von fern her nicht ins Ohr klingt und uns nicht zwingt, rückwärts, zur Seite oder nach dem Ziel vor uns hinzuhorchen?…
„Hol über!“
An dieser Stelle noch alles so wie sonst! Dieselben Wasser, dasselbe Ufergebüsch, dieselben heißen, knirschenden Kiesel unter den Füßen. Und drüben aus dem Buschwerk das leichte Rauchwölkchen aus der Hütte des alten Freundes, und sein Kahn an dem nämlichen Weidenstrunk. Und nur die Wellen rauschten, sonst kein Ton, kein Laut rings umher. Wir hatten unseren Ruf mehrmals zu wiederholen.
„Ein wenig taub ist der Alte allmählich wohl geworden,“ meinte der Vetter, „aber seine Augen sind für seine Jahre noch merkwürdig scharf. Er ist sicherlich nahe an die Achtzig. Guck, Irenes Tuch bringt ihn uns her.“
Wir sahen den Vater Klaus in der Tat jetzt drüben den Uferhang herabkommen. Einen Augenblick stand er zweifelnd und sah zu uns herüber.
„Hol über!“
Wir sahen ihn seinen Nachen ablösen —
„Achtzig Jahre!“
„Und er zwingt die Strömung immer noch,“ sagte der Vetter. „Manch ein starker, jüngerer Mann würde bei dieser Arbeit bald müde werden.“
Da war der Kahn und schob sich scharrend mit dem Vorderteil auf den Kies, und —
„Wat kümmt mi denn da?“ fragte der Vater Klaus, und auch an dem Wort und heiseren Laut hatte sich im Laufe der Jahre gar nichts verändert. „I, da seh’ einer, der ganze Steinhof! Ach ja, ich weiß ja schon! Ach ja, der Herr Förster. Der Bote heute morgen hatte es wieder mal recht eilig — es tut mir recht leid um den Herrn Oberförster. Ja, ja, da hilft es weiter nichts: steigt ein, gnädige Herrschaft, Frau Gräfin, und der Herr Vetter auch. Ja, aber, aber, wie ist mir denn? den anderen Herrn da sollte ich doch auch schon kennen?“
„Ein alter und hoffentlich auch heute noch guter Bekannter, Vater,“ rief ich, beide harte Hände des greisen Fährmanns ergreifend. „Fritz Langreuter!“
„Richtig!“ rief der Alte. „I, das wußte ich doch auch wohl! Dazu habe ich Sie doch wohl oft genug mit dem anderen kleinen Fräulein über die Weser befördert. I, sehen Sie mal! und nun müssen Sie, mit Erlaubnis, gerade heute zu dieser traurigen Gelegenheit zum ersten Mal wieder in mein Schiff kommen! Ja, wo haben Sie denn die ganzen lieben, langen Jahre gesteckt, wenn ich so frei sein darf?! Daß Sie ein grausamer Gelehrter bei der Weile geworden sind, das habe ich wohl gehört, und ansehen tue ich es Ihnen jetzo auch. Na, das freut mich aber bei allem Leidwesen. Ja, dann steigen Sie auch mal wieder ein, Herr — Fritze, mit Erlaubnis zu sagen. Es wundert Sie wohl ein bißchen, daß Sie mich und die Weser immer noch zwischen Werden und dem Steinhofe an Ort und Stelle finden? Ja, so hat jedes seinen Lauf und sein Bestehen!“
Nun schwammen wir wieder auf dem Wasser, und ich ließ noch einmal die warme Sommerflut des Stromes über die Hand fließen. Und ganz wie damals flüsterte mir der alte Schiffs- und Fischersmann zu:
„Ja, ja, ich weiß es wohl, daß es in Werden nicht gut steht, Herr Langreuter. Aber der Herr Förster hat ja, Gott sei Dank, ein reinlich Blut und gut Gewissen, und wenn er, gegen mich gehalten, auch noch ein ziemlich junger Mensche ist, so ist er doch auch ziemlich bei Jahren, und da ist es immer das beste für die Angehörigen, Vernunft anzunehmen und sich und dem anderen den Abschied nicht schwerer zu machen, als notwendig ist. Wisset ihr, Herr Vetter Everstein und die gnädige junge Frau dazu, wüßte ich nur ganz gewiß, daß mir während meiner Abwesenheit allhier an dieser Stelle kein Schaden und Spitzbubenstreich passierte, so ginge ich wahrhaftig gern mit euch, um mir für demnächst ein gutes Exempel an dem Förster zu nehmen.“
„Da kommt nur dreist mit, Vater Klaus,“ meinte Just, „ich stehe für allen Schaden. Wer weiß, welch ein gut Beispiel Ihr uns auf dem Stuhl am Bette geben könnt.“
Aber der Greis schüttelte den Kopf:
„Es geht nicht, und es schickt sich nicht. Seit ich denken kann, ist dies mein Ort, wo ich die Weser, die Schiffe, die Jahreszeit, die Menschen und das Gewölke passieren und bleiben sehe. Es ist nur eine Kabache da im Röhricht, aber doch mein altes festes Nest, und jeder Schritt davon weg ist mir aus der Gewohnheit. Ein alter Kerl bin ich hier geworden, aber als ein ganz anderer Kerl käme ich heute nacht von Werden nach Hause; aber — holla — seht einmal das Gewölk! Das kommt diesmal doch schneller herauf, als ich gedacht habe! Und hör’ einer! da probiert der Herr Kantor auch schon seine große Orgel. Na, na, nun rate ich lieber den Herrschaften, daß sie wieder mal ein Stündchen bei mir unterkriechen und das Schlimmste vorüberlassen.“
Es hatte keiner von uns anderen sich umgesehen, doch jetzt taten wir’s, wie angerufen von dem ersten dumpfen Donnerton von Westen her. Was wir für ein langsam zögernd Schleichen genommen hatten, das war raschester, rasendster Flug gewesen. Das Gewitter war da wie das Schicksal, welches uns auf diesen Weg geführt hatte, und wir standen unter dem Druck des einen nicht anders als unter dem des anderen.
„Ihr Mannesvolk kommt mit der Frau nicht weit in den Wald hinein, und dann müßt ihr doch unter der ersten dicken Eiche zu Schauer gehen,“ rief der Vater Klaus. „Die gnädigste Gräfin oder Frau Baronin muß es mir nicht übel nehmen, sie ist mir, je länger ich sie ansehe, immer noch wie das Kind und junge Fräulein Komtesse von Schloß Werden, und das alte Kesselchen singt noch auf dem alten Herde, Fräulein Gräfin, und ein frisch Paket Zichorien hab’ ich auch von Bodenwerder. Sie haben doch sonst schon vorlieb bei mir genommen, — ach ja, ein bißchen mehr Kinder waren wir dazumalen wohl noch, und die beiden jungen Leute aus dem Försterhause waren dann auch immer dabei. Ich habe es wohl gehört, daß sie alle währenddem mancherlei erlebt haben in der Welt, aber denken kann ich mir’s eigentlich nicht; denn ich selber habe ja nichts erlebt, von welchem ich viel wüßte; außer daß ich ein bißchen älter geworden bin. Der Regen ist schon da; — nun kommen Sie nur noch mal herein zum Vater Klaus — lange anhalten wird’s ja wohl nicht.“
„Ich ginge am liebsten weiter,“ sagte Irene. „Ich möchte so schnell als möglich zu Eva.“
Das ging nun wohl nicht an. Das Unwetter war da, und schon fegte der Regen in Stößen vom jenseitigen Ufer her über den Fluß. Alle lichten Farben wurden zu einem trüben Grau ausgewischt, das Ufergebüsch und Schilf wie von tausend ärgerlichen Fäusten geschüttelt und nach Osten hin zu Boden gedrückt. Auf das Dach der Fischerhütte rauschte und rasselte es nieder, und wir saßen an dem Tage eine gute Stunde an dem Feuerherde des Vaters Klaus, horchten auf den Donner über unseren Köpfen, „warteten das Gewitter ab“ und ließen unserem grauen Fährmann und Gastfreund das Wort. Wie er es führte, hätte wohl keiner von uns etwas Besseres, Unterhaltenderes und Zweckdienlicheres zutage fördern können.
„Ich weiß eigentlich gar nicht, wie ich Sie jetzt nennen muß,“ wendete er sich an unsere Begleiterin. „Am liebsten hieße ich Sie wie sonst: liebes Fräulein Gräfin oder Komtesse; aber das ist es ja wohl nicht mehr?“
„Liebe Frau Irene, Vater Klaus!“ und ganz leise fügte sie hinzu: „Arme Irene! — Ich habe von dem mancherlei, was ich in der Welt erlebte, nichts weiter nach Hause — nach dem Steinhofe gebracht als meinen spottenden Taufnamen. Wer es noch gut mit mir meint, der nennt mich bloß bei diesem. Ich bin eine arme Frau Irene geworden, Vater Klaus!“
Der Alte schüttelte das Haupt:
„Hm, hm, es ist doch sonderbar! Da wo Sie jetzo sitzen, Fräulein Gräfin, da saß gestern gegen Abend mein bester Freund, seit ich denken kann, auch mal wieder! Nämlich der ganze Nichtsnutz von dem Försterhofe in Werden; und ich dachte wirklich zuerst, er sei meinetwegen da; aber er nahm gar kein Blatt vor den Mund, sondern wollte einfach nur von hier aus über die Weser gucken, und als ich ihn dann fragte, wie ich ihn jetzo betitulieren müßte, meinte er gerade so, sein Taufname wäre ihm das Liebste, und weiter hätte er für die hiesige Gegend hoffentlich auch nichts mit aus der Fremde gebracht. Und als ich darauf nicht einging, sondern ihn darauf anredete, daß er ja kurioserweise Schloß Werden käuflich an sich gebracht habe, wurde er auf einmal aus aller Wehmut heraus ganz der Alte und sagte: Klaus, Vater Klaus, zwei Esel haben eigentlich nicht Platz hier im Fischkasten! — Na, das freute mich denn recht, obgleich er eigentlich gleich wieder in seine Trübseligkeit hineinfiel; aber auf dem richtigen Fuß waren wir wieder, und ich habe ihn kurzweg wieder bei seinem Taufnamen geheißen, und dann haben wir, weil eben nicht so ’n Unwetter wie jetzo war, unter unserem alten Strunk gesessen und zusammen über mein Wasser geguckt und wirklich recht vielerlei von — der lieben Frau Irene zusammen gesprochen.“
„Wann war denn dies wohl, Meister Klaus?“ fragte ich mit einem verstohlenen Blick auf die von uns weg in die Tür tretende und die Hand in den jetzt schon leiser rauschenden Regen streckende Frau.
„Nun, ich meine so zwischen sechs und sieben Uhr. Herr Ewald wird wohl erst ziemlich spät in der Nacht nach Hause gekommen sein. Er hatte vor, auf dem Heimwege noch mehr als einen Umweg zu machen. Es sind da eine Menge Örter, die ich noch einmal wiedersehen muß, ehe ich mich wieder auf die Wanderschaft mache, Vater Klaus! sagte er. — Ja, er sprach ein Langes und Breites darüber, wie schlecht es ihm zu Hause gefiele. Und ich denke doch, mein lieber Gott, daß es doch nicht jedermann alle Tage passiert, daß er mit soviel Glück in der Tasche aus der Fremde in das alte Nest fällt wie der. Aber ein aparter Mensch war der immer und schon von Jungensbeinen an. Den Herrn Ewald Sixtus meine ich. Uh, wer so manche Nacht wie der hier bei mir in der Köte gelegen hat und in das Feuer da von all seinen unsinnigen Gedanken und kuriosen Hirngespinsten hineingesprochen hat, den soll der Vater Klaus doch wohl kennen, wenn er als ausgewachsener Mann ebenso wieder daliegt und mit den Funken und Flammen auf meinem Herde mehr spricht als mit mir altem dummen Kerl. Nicht wahr, Herr Vetter Just?“
„Das meine ich auch, alter Freund!“ rief der Vetter mit außergewöhnlicher Energie. „Nun, wie sieht es draußen aus — liebe Frau Irene? Gestern abend, als du mit dem Berliner Doktor da durch die Felder zogest, seid ihr ja wohl auch ziemlich bis hier in die Gegend gekommen? Erzähltest du mir nicht davon, Fritz, als wir heute morgen deinen Schreibebrief nach Werden beredeten? Und von allerhand unsinnigen Gedanken und kuriosen Hirngespinsten hast du mir auch geschwatzt. Und da war doch bloß die Weser zwischen euch und dem alten guten Freunde, dem Vater Klaus. Wenn ich je in der Welt einem so guten Freunde wieder so nahe gekommen bin, dann habe ich ihm immer auch einen Besuch abgestattet!“ …
Die Frau Irene stand noch immer, den Ellenbogen an den Türpfosten der Hütte lehnend. Über den Herd des Vater Klaus sich beugend, flüsterte mir der Vetter Just zu:
„Tausend Schritte weiter und — Hol über!… Deinen Brief behalte ich zum Andenken an diese Tage!“ — — Laut, fast fröhlich rief er dann:
„Du hast noch nicht geantwortet, Irene. Was macht das Wetter auf Erden, und wie guckt der Himmel drein? Ich meine, der Regen läßt doch immer merklicher nach.“
Die Frau wendete sich, und ein Fremder hätte ihr nicht angemerkt, wie schwer jedes Wort, das in dieser Fischerhütte gesprochen worden war, auf ihrer Seele wog, und daß ihr mit Ausnahme dessen, was der Vetter Just leise mir ins Ohr gerufen hatte, keines entgangen war.
„Der Vater Klaus ist ein guter Wetterprophet und hat sich auch diesmal wieder so bewährt,“ sagte sie. „Es war ein rascher Übergang. Vom Steinhof her scheint wirklich schon die Sonne in die Tropfen, und es ist alles gegen Schloß Werden gezogen.“
„Und auch dort wird’s ein Übergang sein,“ meinte der Greis. „Die Berge da machen keine Wetterscheide aus. Was über die Weser ’rüber ist, hat freie Bahn vor sich und mag gehen oder sich verlaufen, wie und wo es will. Da ist weiter kein Aufenthalt mehr. Geschickt wird ja jedes Gewölke, aber dorthinzu ist das denn doch wieder, als ob alles Wetter frei seinem Schicksal überlassen worden wäre, und so weiß nie einer genau, was er davon halten und sagen soll. Es ist eben alles Witterung.“
„Und wir haben unser Teil davon auf uns zu nehmen,“ sagte Irene, dem Fischer die Hand reichend. „So nehmt denn auch heute unseren schönsten Dank für freundlichen Schutz, gute Bewirtung und jedes gute Wort, was Ihr uns gesagt habt, Vater Klaus. Fast ist es doch, als hätten wir ganz vergessen, was uns eigentlich auf diesen Weg getrieben hat. Nun wollen wir aber nur noch an dieses denken und rasch weiter; nicht wahr, meine Herren?! Ich muß zu meiner armen Eva, und es soll mich keine Erdenwitterung mehr aufhalten. Ade, Vater Klaus. Wenn ich zurückkomme, gehe ich nicht über Bodenwerder — Ihr nehmt mich wieder auf in Euren Kahn.“
„Allein oder in Gesellschaft — wie es sich schickt,“ brummte der greise treue Schiffsmann, die kleine zarte Hand zwischen seinen uralten, knochigen Tatzen haltend. „Herrschaften, findet ihr den Förster noch, so grüßt ihn von mir; — auf einen Hasen legt da dem lieben Gott sein Jägersmann nicht an; also sprecht’s ihm nur dreiste heraus, daß ich fest auf ihn rechne, was das Quartiermachen anbetrifft. Finden Sie ihn nicht mehr, Herr Vetter Just, und Sie, Berliner, na so brauchen Sie auch nichts an ihn bestellen, sondern nur gut mit den zwei jungen Leuten umzugehen. Ich finde meinen Weg schon. Adjes alle! Es ist mir, abgesehen von dem schlimmen Malheur, eine große Freude gewesen.“
Wir traten heraus aus der Hütte in das letzte, jetzt auch schon auf diesem Ufer der Weser von der Sonne durchflimmerte Gesprühe des Sommergewitters und atmeten aus tiefster Brust wohlig auf; ich aber vernahm noch, wie der Meister Klaus, den sehr schlimmen Tabak in seiner kurzen Holzpfeife niederdrückend, brummte:
„Jawohl, am Ende läßt sich doch niemand recht Zeit, als solch ein alter Fischersmann, der da weiß, daß die Fische nicht zu jeder Stunde beißen, und der mit den Reusen umzugehen weiß, und weiß, daß alles erst zu seiner Zeit kommt; aber dann auch ganz richtig und auf den Punkt. Ja, ja, lauft nur zu; — ich hab’ euch ja schon gefahren, als ihr noch in euren Kinderschuhen liefet.“
Ich winkte ihm darob noch einmal lächelnd zu:
„Und es ist Eure feste Meinung, daß wir noch immer darin laufen, Vater Klaus?“
„Das werde ich mir doch wohl nicht herausnehmen,“ rief der Alte grinsend mir nach. „Aber eine hübsche Luft wird es immer nach solch einem Gewitter, Herr Langreuter; und die paar Tropfen, die Sie jetzo unterwegs noch auf den Pelz kriegen, die können Sie sich darum schon gefallen lassen; und, lieber Herr Fritz, bei Gelegenheit fragen Sie nur ganz dreist den Herrn Ewald danach, was gestern meine Meinung gewesen ist.“
Nun glänzte und rauschte auf Stunden Weges um uns und über uns der erfrischte Hochwald. Die großen gelben und schwarzen Schnecken krochen auf allen Pfaden; Menschen begegneten uns nicht. Wir gingen stumm zu, und nur wenn wir an einer außergewöhnlich schlüpfrigen und steilen Stelle unserer Begleiterin die Hand boten, sprach sie ein leises Dankeswort. Und wieder einmal lag, als wir endlich aus dem Walde hervortraten, Schloß Werden zu unserer Rechten im Sonnenuntergangsglanze da, und das scheidende Licht blitzte rot aus den hohen Fenstern des Oberstockes uns entgegen. Ich sah mit einigem Bangen auf die bleiche Frau mir zur Seite und fing einen ganz ähnlichen Blick des Vetters Just auf. Doch Irene Everstein sah nur einmal ganz fest und kurz nach den Giebeln des väterlichen Hauses und schritt dann gesenkten Hauptes rascher zu auf dem Wege gegen das Dorf. An dem ersten Hofe schon erfuhren wir von einem Kinde, daß der Herr Oberförster tot sei; und ein junges Mädchen, das am Gartentor strickte, bestätigte die Nachricht und fügte hinzu: „Gerade, als das Unwetter anging.“
Wir gingen nun durchs Dorf. Alle Leute vor den Türen grüßten uns herzlich, aber still. Auf Irene sahen sie scheu und steckten nachher die Köpfe zusammen und flüsterten miteinander. An den Vetter Just trat hier und da einer heran und gab ihm die Hand: „Also Sie haben es auch schon vernommen?“ — Jeder aber sprach viel leiser, als es sonst dort die Gewohnheit des Ortes ist.
„Und der junge Herr Sixtus? und Fräulein Eva, Gevatter Reitemeyer?“
„Die sitzen ganz still auf der Bank vor der Försterei. Sie haben sich ja wohl gottlob ganz gut in das Geschick gefunden. Sein Alter hatte der alte Herr, vor Krankheit hat er immer sein Grauen gehabt und seinen Spaß darüber gemacht. Hier im Dorfe bei uns ist niemand, der ihm nicht das Beste wünscht, und solange man denken kann, kann man Werden nicht ohne ihn sich denken. Auf dem Wege zu seinem Unfall ist er mir heute morgen noch begegnet. Das mußte ja wohl so sein sollen, denn er hatte es kurios eilig und war doch sonst ein recht ruhiger, langsamer und sedater Herr. Gehen Sie nur ruhig hin! Das Unwetter hat Sie wohl ein bißchen unterwegs aufgehalten? Es ist aber wirklich recht angenehm danach geworden. Sie haben Ihr Heu wohl auch schon trocken herein auf dem Steinhofe, Herr Just?“
Wir blieben dieser Unterhaltung wegen nicht stehen, und so kamen wir zu dem Försterhause und fanden, wie die Leute es uns berichtet hatten, Bruder und Schwester auf der Bank vor der Haustür im dämmerigen Ulmenschatten beieinander sitzend. Hinter ihnen standen die Stubenfenster wie immer weit offen und ließen den Regenduft und die Frische des nahenden Abends frei ein; der alte Herr aber saß nicht mehr am Fenster, sondern lag ausgestreckt, „ruhig und sedate“ auf seinem Lager. Auch alle Türen standen in gewohnter Weise geöffnet; die Hunde des alten Herrn lagen zu den Füßen des Geschwisterpaares, und nur von Zeit zu Zeit stand einer von ihnen auf, ging hinein und legte den Kopf auf das so schnell dort bereitete Bett und kam wieder heraus und legte den Kopf auf Evas Knie und sah wie fragend sie an.
Das schreibe ich aber hier, weil es den ganzen Abend so blieb, nachdem wir uns zu den Geschwistern gesetzt hatten.
Als wir in das Hoftor traten, schlug einer der Hunde leise an. Ewald und Eva standen auf, und der Ingenieur aus Irland legte die Hand auf die Fensterbrüstung hinter sich, wie um sich zu halten. Doch Irene verließ den Arm des Vetters Just, ging rasch hin und hielt die Jugendfreundin im Arm und küßte sie und sagte:
„Da bin ich… Nun sei nur still… Du sollst mir alles erzählen!“
Eva Sixtus weinte heftig, und Ewald gab uns Männern stumm die Hand.
„Er sieht aus, als ob er schliefe!… O, er sieht zu gut und schön aus für den Tod!“ schluchzte Eva; und dann gingen wir alle, von den Hunden begleitet, in die Stube, und er sah freilich schön und gut aus in seinem weißen Haar, und gottlob nicht anders, als ob er schliefe!…
„O Just, o lieber Just!“ schluchzte Eva Sixtus, und nun war sie mit ihm und war bei ihm gut aufgehoben in diesen tränenreichen Stunden und Tagen. Sie konnte auch das Haus verlassen, in welchem sie geboren worden war.
Sechzehntes Kapitel.
Und Ewald und Irene? Was sagten und taten die denn? Das ward nun eine Nacht, in der viele Geister umgingen in Werden — Schloß und Dorf; doch über miracula et portenta, von großen Wundern und „Wunderzeychen“ am Himmel und auf Erden und auch in den Herzen der Menschen habe ich nicht das geringste zu berichten.
Jene beiden Leute begrüßten sich zuerst, wie es sich nach der langen Trennung und bei der ersten Gelegenheit schickte, ernst und freundlich. Zu dem, was die Welt eine Auseinandersetzung nennt, kam es fürs erste noch nicht, denn teilnehmende Nachbarn sprachen immer noch ab und zu vor, und auch der jetzige Pastor des Ortes kam noch einmal und saß eine geraume Weile. Er beging vielleicht die einzige Indiskretion an diesem Abend, indem er den irischen Ingenieur recht lobte und seine Heimkehr „so gerade zur rechten Zeit leider!“ mit allen ihren Umständen als etwas sehr Löbliches und Verdienstliches pries, und sich dabei stets mit seiner Rede an die Frau Irene wendete.
Doch lauter als der beste Redner in der Welt gab der stille alte Herr hinter uns in der Stube mit den offenen Fenstern sein stummes Wort darein und half uns auch hierüber hinweg.
Auf den Spielplätzen des Dorfes verklang allgemach der Lärm der Dorfkinder. Es wurde Nacht, und auch der gutmütige, wohlmeinende geistliche Herr ging nach Hause, höflich von dem Vetter Just bis zum Hoftor begleitet.
„Wir haben uns lange nicht gesehen, liebe Irene,“ sagte jetzt der Irländer leise; doch die Frau antwortete mit merkwürdig fester und klarer Stimme:
„Ja, lieber Ewald; es ist sehr lange her, und nun führt uns eine so traurige Gelegenheit wieder zusammen! Dir ist es aber gottlob gut ergangen auf deinem Lebenswege, du hast vieles ausgerichtet; ich habe den Vetter Just und hier den Doktor Fritz gern davon erzählen hören —“
Hier räusperte sich der Vetter Just ziemlich vernehmlich und brummte:
„Hm, hm, hm.“
„Mein Bruder —“ wollte Eva einfallen, doch ich faßte rasch nach ihrer Hand, und die Frau Irene fuhr fort, und der energische Wille, sich nichts vergeben zu haben, kämpfte bedenklich mit noch unterdrückten Tränen:
„Du hattest es aber auch viel leichter in der Welt als ich.“
„Ja, liebe Irene!“ sagte der Freund. „Ich weiß das nur zu genau. Ja, ich habe es leicht gehabt und viel Glück!“ — Seine Stimme aber wurde rauh und hart, als er hinzufügte: „Ich habe jahrelang keine Zeit gehabt, an meines Vaters Haus zu denken, um dir das deinige wiederzugewinnen!“
„Aus Zorn und Mitleid, Ewald Sixtus!… O Eva, Eva, liebe, liebe Schwester, behalte mich bei dir unter deines Vaters Dache diese Nacht!… Nein, nein!… Just, o lieber Just, wie bin ich nur hierher gekommen? wo soll ich bleiben?“
Zum ersten Mal in dieser treuen, wahren Lebensgeschichte klang die Stimme des Vetters ärgerlich, ja fast böse, als er sich erhob und sagte:
„Bei mir — Just Everstein! Eine Nacht geht bald vorüber. Auf Schloß Werden, Gräfin Irene Everstein! Ich schaffe dir in dem alten Spuknest als alter amerikanischer Hinterwäldler und Baumfäller ein Strohlager und ein Bund Heu unter den wilden Kopf. Kommt herein zu dem Vater; Eva hat zwei Lichter neben sein Bett gestellt, wir wollen dabei den Kauf richtig machen, Ewald! Ich, Just Everstein vom Steinhofe, bin hiermit Eigentümer und Herr von Schloß Werden!“ …
Es ist nicht die Kraft, es ist die Angst des gefangenen Edelfalken, die das Schreckliche ist und das Publikum vor den Gittern des Käfichts am meisten interessiert; ich aber verspüre an dieser Stelle am allerwenigsten das Bedürfnis, die Frau Baronin Rehlen interessant zu machen durch ihr Flattern und Flügelschlagen. Habe auch kein Recht dazu.
Wir gingen wohl zu dem toten Vater hinein, aber nicht um einen Handelskontrakt neben den zwei Lichtern, die sein stilles, friedliches, freundliches Greisengesicht beleuchteten, abzuschließen. Irene stand an Ewalds Schulter gelehnt, von seinem Arm umschlungen, und weinte leise und flüsterte:
„Kannst du mich denn noch lieb haben?“
Er war unverbesserlich, der brave Freund Ewald Sixtus! er hätte wirklich schon von Geburt aus als Irländer in diese nüchtern-tragische Welt hineingesetzt werden sollen.
Dem Weinen war er gleichfalls näher als dem Lachen, und seine Stimme zitterte gleichfalls, als er an dem Sterbelager seines Vaters seine Liebe fester an sein Herz zog; aber doch mußte es heraus und kam ganz in der alten Dummen-Jungen-Weise:
„Ich kriege dich ja nur in den Handel, altes Mädchen! Aber — bei den ewigen Göttern, die mir wahrhaftig den Weg bis zu dir schwer genug gemacht haben — den Vetter Just halte ich bei seinem Worte! Wir beide, mein Herz, mein liebes, liebes Herz, wir sehen uns nicht mehr um nach Schloß Werden; aber der Vetter da, — der Vetter Just Everstein, der war von Gottes Gnaden allewege der Gescheiteste von uns und hat mit unserer Schwester da allein die Gabe, alles ruhig abzumachen. Du und ich, mein Herz, wir haben nur einmal den Versuch gemacht. Die beiden müssen für uns mit wissen, was mit Schloß Werden anzufangen ist!“
Von Schloß Werden wurde nun nicht mehr gesprochen bis zum anderen Morgen, und dann zwischen dem Vetter Just und mir. Wir verbrachten alle diese Nacht unter dem nämlichen Dache; doch wohl keiner von uns in einem sehr festen Schlaf. Auch ich nicht, der ich in jedem Augenblick vorgeben konnte daß wichtigste, unaufschiebbare Geschäfte mich augenblicklich nach Berlin zurückriefen und meine Gegenwart bei dem Begräbnis — bei dem Schmerz und dem Trost der alten Heimat unmöglich machten.
Zwei Stunden nach Sonnenaufgang schon trieb es mich heraus. Wahrscheinlich weil irgend etwas — was, kann ich nicht sagen — meinte: So mag er doch wenigstens den Historiographen festhalten! — Im Unterstock des Hauses traf ich nur die bleiche, traurige Eva an der Tür der Wohnstube. Sie hatte jetzt ein weißes Laken über den toten Vater gelegt, und ich erhob das Tuch nicht mehr. Ich wollte mir die Erinnerung an das schöne, ruhige Greisengesicht von gestern abend unversehrt erhalten, und ich wußte es, wie der alte Maulwurf, das Leben, in dem an der Arbeit bleibt, was der Mensch einen Leichnam nennt.
Als ich mich nach den anderen erkundigte, erfuhr ich, daß Ewald zum Meister Dröge, dem Dorftischler, gegangen sei, und daß Irene ihn begleitet habe.
„Und Vetter Just?“
„Just wirst du wohl im Garten finden. Ich habe den Kaffeetisch dort hergerichtet. O Gott, es ist ein so schöner Morgen — o Fritz, ich kann es mir noch immer nicht denken!… Er war so vergnügt und gut, als er gestern in diese nämliche Morgensonne hinein wegging! Er holte sich noch bei mir in der Küche Feuer für seine liebe alte Pfeife, und ich sah ihm nicht einmal nach und gab ihm das Geleit wie sonst bis ans Hoftor, und nun muß ich ihn in alle Ewigkeit mit seinem weißen Haar und seinem guten freundlichen Gesicht bei mir am Herde stehen sehen!… Ein paar Stunden später, in denen ich nicht einmal an ihn dachte, brachten sie ihn zurück!“ …
Ich fand den Vetter Just nicht an dem Kaffeetische im Garten, und ich hielt es auch nicht lange allein daran aus, in dem schönen Licht und Schatten, unter den Sommerblumen ringsum, dem Bienensummen, Käfer- und Schmetterlingsflug.
„Der Herr Vetter Just spaziert auf der Chaussee,“ sagte ein Dorfkind, das in die kleine Pforte in der grünen Hecke guckte; und auch ich trat aus diesem Gartentürchen auf die Landstraße.
„Er ist nach dem Schlosse zu,“ meinte die kleine barfüßige, flachshaarige Ostfalin, und ich kannte den Weg, der auch von hier aus quer über die Landstraße nach Schloß Werden führte, und so ging ich dem Vetter Just Everstein nach, — wohl tief in Gedanken wie er, und in ähnlichen, wenn auch nicht ganz in den gleichen.
In dem letzten Hause des Dorfes nach dieser Seite hin, wohnte der Meister Dröge, der Tischler. Die helle, staubige Landstraße führte an seinem Eigentum und dem Wiesenfleck, auf dem er seinen Vorrat von glatten Brettern und Balken aufgeschichtet hatte, vorüber und ließ es zur Linken. Rechts aber führte ohne Steg durch den mit Gras, Sternblumen und Kletten, Brennesseln und Thymian ausgefüllten Chausseegraben der Schlupfweg durch jetzt noch im Tau funkelndes, wirres Gestrüpp und Gebüsch, untermischt mit einzelnen höheren Bäumen, nach dem verwünschten Schloß, dem alten, teuren Nest, in dem auch ich flügge geworden war.
In seiner Werkstatt war der Meister Tischler an der Arbeit; ich hörte seinen Hammer laut und deutlich genug. Eines seiner Kinder war’s gewesen, das mir den Weg angedeutet hatte, auf dem ich den Vetter Just finden konnte.
Aber ich zögerte, ehe ich ihm folgte. Auf dem sonnigen Wiesenflecke, auf einer Lage jener glatten, weißen Tannenbretter, von denen der Meister Schreiner eines oder zwei zu seiner Arbeit die halbe Nacht hindurch verwendet hatte und an denen jetzt sein Hammer zur Vollendung des Werkes klang, saßen Ewald und Irene, dem Dorfe Werden und mir den Rücken zuwendend.
Sie saßen Hand in Hand, doch nicht dicht beisammen. Tief niedergebeugt, das Haupt in der Hand, saß der Freund; und ob sie auch miteinander gesprochen hatten, jetzt redeten sie nicht miteinander. Sie saßen still und horchten auf den Hammer, der die Nägel scharf und hell und doch auch wieder melodisch in das weiche Holz trieb. Kein Glockengeläut konnte feierlicher in einen Brautmorgen hineinklingen, und ich wagte es wahrlich nicht, diese zwei Verlobten anzureden. — — —
Der Pfad durch das taufunkelnde Gebüsch nahm mich auf und hinter mir verhallte dieser ernste, bedeutungsvolle Hammerschlag. Durch hohes, gelbes Kornfeld zog sich der enge Weg, die Lerchen hingen unsichtbar — fröhlich darüber; und — seltsam! gerade in diesem Augenblick drängten sich die Bilder und Gewohnheiten meines so lange gewohnten Daseins — die bekannte Umgebung meines ruhigen Einsiedlerlebens durch mein Gedächtnis. Meine vier Wände in Berlin, die Bücher an den Wänden und der Blick durchs Fenster in die bunte lärmende Gasse. — Du träumst, Friedrich Langreuter? Was aber ist nun ein Traum?… Besinne dich! — —
„Wo bist du eigentlich, Fritz?“ fragte der Vetter Just. „Du stiegest über den Hof weg wie ein Nachtwandler. Wie siehst du denn aus, Doktor? Wie stolperst du her?… Freilich, Steine des Anstoßes liegen hier genug im Wege!“
Da stand ich wieder in dem verwahrlosten Schloßhofe von Werden, und der Vetter nickte mir von der mehrfach beschriebenen Steintreppe und Rampe zu.
„Es ist mir übrigens lieb, daß du kommst,“ brummte er. „Komm nur dreist herauf, ich werde dich nicht mehr auslachen, wenn du behauptest, daß es hier umgehe. Jedenfalls gehe ich nun seit einer Viertelstunde um dies alte Gemäuer herum, und immer ist’s mir, als schleiche etwas hinter mir drein oder sehe gar aus dem Fenster auf mich herunter. Die Sache ist mir nun doch außer allem Spaß!… Der Vetter Just Everstein vom Steinhofe Herr von Schloß Werden!… Den Irländer kenne ich. Der Strick hält mich am Wort, wenn ich es selber nicht zurücknehme. Und er hat auch recht! Was will er mit seinem Weibe hier?… In die Försterei setzt die Regierung einen neuen Mann in Grün; — alles für uns ausgeflogene Nester!… Mein Weib nehme ich mit nach dem Steinhofe; das wäre mir wirklich eine Burgfrau hier, die Bäuerin vom Steinhofe, mit Jule Grote als Stewardess!… Sahst du auch die beiden — ich meine Ewald und Irene — auf der Wiese des Meisters Dröge? Das ist mir nun ganz klar und deutlich, als flösse schon das Weltmeer zwischen ihnen und Schloß Werden. Es weiß keiner etwas anzufangen mit Schloß Werden und — ich auch nicht! Doktor, was meinst du, wenn du es von mir in Pacht nähmest?“
Ich glaube fest, daß ich damals den Vetter ziemlich starr und mit etwas weitgeöffnetem Munde angesehen habe; es war aber nur eine Schulmeister-Reminiszenz aus Neu-Minden von ihm, wie sich gleich auswies.
„Ländereien nicht vorhanden,“ sagte er, „aber genügend Gartenland zu Spielplätzen und Turnanstalten und was sonst dazu gehört. Ausgezeichnetes Trinkwasser — gesunde Lage, frische Luft. Wald ringsum. Fritz, so ’ne Erziehungsanstalt für unverbesserliche Jungen aus den besten Familien!… Mit der Miete würde ich dich nicht drängen, zum Inventar würde ich zuschießen; wir behielten dich hier in der Nähe, gut zahlende junge Engländer schickte Ewald, deine Berliner brächtest du dir selber mit. Gekommen ist mir diese Idee freilich eben erst, seit du hier bei mir stehst: aber — überlege dir mal die Sache!“
Von diesem Vorschlage hatte ich mir wahrlich nichts träumen lassen, als ich mich eben auf dem Wege nach der alten Jugendheimat aus den bewegten, wunderlichen, traurigen und doch so von der Sonne überglänzten und vom Grün umrauschten gegenwärtigen Tagen plötzlich und ohne daß ich es wußte, wie es zuging, in mein einsames großstädtisches Gelehrtendasein zurückverloren hatte. Es war seltsam, aber wegleugnen ließ es sich nicht; ein gewisses leises, unbestimmtes Heimwehgefühl hatte sich bemerkbar gemacht: Wohin gehst du, Friedrich Langreuter, wenn sich nun in der allernächsten Zeit dieser Kreis, der sich hier so schicksalsvoll geschlossen hatte, wieder auflöst? Sie sind nun am Ende doch alle geborgen. Aber du, Fritz Langreuter, wenn du nun morgen mitgegangen bist zu der letzten friedlichen Ruhestätte des guten, alten, treuen Freundes? Wohin gehst du, wenn ihr morgen vom Kirchhofe zurückgekommen seid und für die übrigen das Lebensrad mit erneutem Schwunge sich wieder aufwärts drehen wird? Was bleibt dir in den Händen als Gewinn von dieser melancholisch-süßen Reise nach Schloß und Dorf Werden — der Fahrt in die Jugend zurück?
Fast drollig klang nun in alle diese Fragen an das eigene Geschick der treffliche Rat des Freundes, aus Schloß Werden ein Erziehungsinstitut zu machen, hinein. Ich mußte auch lachen, aber heiter kam das gerade nicht heraus; und dabei stand der Vetter Just mit seinem heitersten Lächeln auf dem ehrlichen, breiten Gesicht weitbeinig, die Hände auf dem Rücken, vor mir:
„Na?! Was sagst du zu meinem Vorschlag?“
„Daß dies ganz der richtige Just Everstein ist. Neu-Minden, wie es leibt und lebt. Ja, wenn nur ein jeder am Wege gesessen hätte wie dieser Mensch hier, und Weisheit aus dem Wind und den Wolken wie aus dem alten Broeder gezogen hätte! Ich danke dir herzlich, Vetter Just; aber — für mich wäre das wirklich das letzte.“
„Dann ist mir Schloß Werden nur auf den Abbruch hin auf den Hals geladen worden,“ seufzte Just Everstein vom Steinhofe und legte die Hand auf eines der Bretter, mit denen die hohen Fenster des Unterstocks des Gebäudes teilweise vernagelt waren. „Es wird wieder mal allerlei von einer festen Brücke bei Bodenwerder geschwatzt und geschrieben. Da könnte ich vielleicht einen Teil der Steine los werden. Schade, daß unser Landsmann, der Freiherr von Münchhausen, sein Wort bei den maßgebenden Behörden nicht mehr dazu geben kann! Über das Gartenland wollte ich mich schon mit den Bauern von Werden verständigen, Gewissensbisse mache ich mir nicht darüber, wenn du auch nicht gerade jetzt mit Irene Everstein darüber zu sprechen brauchst. — Everstein? Everstein? Was würde der Herr Graf dazu sagen? und was mein seliger Vater — von meinem Großvater gar nicht zu reden?!“
„Es geht alles in der Welt mit rechten Dingen zu, Vetter Just,“ erwiderte ich. „Freilich die große, trostvolle Wahrheit, daß hinter jedem Ding als solches eben die Welt als solche steht, wird einem meistens nur bei einer solchen Gelegenheit wie diese klar. Das ist ein Gedanke: aus Schloß Werden eine Brücke zu bauen! Ein trefflicher Gedanke, der einen selbst in der Vorstellung schon mit Kindern und Kindeskindern sicher und fest in die Zukunft hineinführt!“
„Ein kurioses Ende vom Liede, würden die Werdenschen Bauern sagen,“ brummte der Vetter kopfschüttelnd.
„Aber die Quadern würden sie dir doch herzlich gern abfahren zu dem Werk.“
„Das würden sie! Und das Fell würden sie mir dabei über die Ohren ziehen, wie es kein Everstein auf seinem alten Raubnest dort weiter ins Land hinein seinerzeit besser verstand. Ja, auch das Lied hat kein Ende! Na ja, und wenn ein Stern zerspringt, so werden die Planetoiden daraus; — verwerten kann ich das Material schon. Der Herr Graf! der Herr Graf! was würde der Herr Graf dazu sagen, wenn er den Bauer vom Steinhofe sagen hörte: Das hat ja aber Zeit, ich aber habe heute keine mehr, mich um das alte leere Nest zu kümmern! —?— Über Jahr und Tag kannst du mir immer noch deinen guten Rat schriftlich geben, Fritz; oder du bringst mir ihn mündlich, oder ich hole mir ihn und zeige meiner Eva dabei zu gleicher Zeit die Stadt Berlin. — Dann werden Ewald und Irene jenseits des Kanals sitzen, und wir können doch noch ein wenig unbefangener über Schloß Werden und sein letztes Schicksal zu Rate sitzen. Jetzt habe ich schon allzu lange um das öde Gemäuer mein armes, betrübtes Mädchen bei dem toten Vater allein gelassen. Komm nach Hause, Doktor!“
Wir gingen, und — nun sind wir im letzten Akt, und da ich noch ganz und gar zur alten Komödie gehöre, so hätte ich nunmehr das vollkommenste Recht, meinen Oberrock aufzuknöpfen, meinen Stern und — mich als Serenissimus zu zeigen. Als der Serenste, der Heiterste?… Wenn ich sagen wollte, als derjenige, welchem doch von allen das bequemlichste Los zuteil geworden sei, so würde ich damit wohl das richtigere treffen. Ich habe Zeit, wie ich es hier tue, den Geschichtsschreiber von Dorf und Schloß Werden, den Biographen des Steinhofes zu spielen. Habe ich meine Sache erträglich gemacht, so ist’s gut; ist das Ding unter aller Kritik ausgefallen, so habe ich im Grunde ja doch nur für den alten Vetter Just Everstein vom Steinhofe geschrieben, und der wird gottlob nur lächelnd sagen:
„Ja, unser Berliner Doktor! Lesen mußt du’s, Evchen; mir ist mehr als einmal die Pfeife drüber ausgegangen, und auf dein Gesicht dazu bin ich auch nicht wenig gespannt. Mittelalterliche Geschichtsquellen hat der alte Junge auch in unserem Falle gut studiert — na, laß ihn; während der Universitätsferien rückt er wieder ein auf dem Hofe, und dann hoffe ich mündlich von ihm zu erfahren, ob er mir in seiner Chronik mehr Schmeicheleien oder mehr Grobheiten gesagt haben will. Nach England muß jedenfalls eine Kopie hinüber; denn das sehe ich doch gar nicht ein, weshalb Ewald und Irene nicht gerade so gut wie wir über diesen wunderbaren Historien den Kopf zwischen beide Hände nehmen sollen! Es ist wirklich die Möglichkeit, was ein Mensch in der Einbildung des anderen an Glück und Geschick und dem Gegenteil davon befahren kann! Ja, ja, mein Herz, von Rechts wegen müßten wir nun, ich und du und Freund Ewald und Frau Irene, uns hinsetzen und zu Papiere bringen, wie wir dies alles angesehen haben, als wir es erlebten. Sollen wir, Herz?“
„Mir bleib damit vom Leibe,“ wird dann Frau Eva Everstein sagen. „Irene wird auch keine Zeit dazu haben. Die ist froh, wenn sie meines Bruders Korrespondenz besorgt hat. Also fällt es einzig und allein auf dich, Just, wenn wirklich in dem dicken Bündel Schriften (und was für eine Hand schreibt das Menschenkind dazu!) was drin steht, was von einem von uns beantwortet werden muß.“
„Ja, wenn man nur nicht zu behaglich in dem alten Neste säße, und wenn einem nur der Tag Ruhe ließe!“ wird der Vetter Just die Unterredung mit seinem Weibe über das Manuskriptum des „Doktors in Berlin“ fürs erste zu einem behaglichen Ende bringen. — — —
Nun wird es natürlich wieder Leute geben, die nie zufrieden sind, wo es sich um den Schluß einer Geschichte, die man ihnen erzählt, handelt; die alles immer noch genauer und ausführlicher zu wissen wünschen, als der Erzähler es vortragen kann oder — will. Wo es sich um eine Hochzeit handelt, wollen sie die Zahl der Musikanten kennen, wo eine Taufe das Ende ist, soll ihnen nicht ein einziger Gevatter unterschlagen werden, und im vorliegenden Falle (o, ich kenne sie!) möchten sie mit „zur Leiche“ gehen, das heißt den guten alten Vater Sixtus mit begraben, und dann ganz genau in Erfahrung bringen, ob Schloß Werden wirklich ebenso vom Erdboden verschwunden sei wie die Nester, die wir aus dem Schlosse einst in die Luft und das grüne Gezweig hingen, oder was eigentlich zu allerletzt der Vetter Just Everstein damit angefangen habe. Ich für mein Teil hätte nun wohl noch mancherlei von Ewald und Irene zu berichten; aber sonderbarerweise würde ich dafür die wenigsten aufmerksamen Ohren finden, denn „Das kann sich ja ein jeder leicht denken“.
Und so sage ich nur, daß Irene mir die Instandhaltung eines Kindergrabes auf einem Berliner Kirchhofe anvertraut hat, und daß es mir, unberufen, sonst nach Wunsch geht. Was das übrige anbelangt, z. B. auch Jule Grote und Mademoiselle Martin (Schloß Werden nie zu vergessen!), so weiß nur der Vetter Just Everstein das Allergenaueste. Wer also noch eine Frage auf dem Herzen hat, der wende sich an ihn. Von Bodenwerder, wo der Freiherr von Münchhausen geboren wurde, führt der Feldweg nach dem Steinhofe an jenem Steine vorbei, auf welchem er — der Vetter Just — den Kopf in den Händen und die Arme auf die Kniee stützend und so in das Blaue hineinstarrend — einst saß und wartete auf menschliche Schicksale.