Lektion 5.
Der Eisvogel.
Still! Macht kein Geräusch! Da sitzt ein Eisvogel auf dem Zweige eines Weidenbaumes, der über den Fluß hinüberhängt. Wenn wir ihn erschrecken, wird er fortfliegen, und wir werden ihn nicht wiedersehen.
Wie hübsch er sich aus dem Hintergrunde der grauen Blätter abhebt. Mit seinem langen Schnabel und stumpfen Schwanz ist er nicht viel größer als ein Sperling; er scheint alle Farben des Regenbogens an sich zu tragen.
Er hat einen blauen Streifen auf dem Rücken, Kopf und Flügel sind meergrün, mit blauen Flecken auf den Spitzen der Federn. Der Schnabel ist schwarz, Hals und Kehle sind weiß. Am Auge hat er einen von weichen weißen Federn umgebenen roten Streifen, und die Brust ist rostrot. Selbst die Füße sind rot und sehen auf dem dunklen Zweige ganz bunt aus.
Er sieht in die ruhige, tiefe Stelle des Flußes unter der Weide hinunter und beobachtet die dort schwimmenden Fische. Da! jetzt schießt er hinab! Nun ist er wieder oben und trägt etwas im Schnabel. Es ist ein kleiner Weißfisch. Er schlägt ihn mit dem Kopfe gegen den Zweig und schlingt ihn hinunter, mit dem Kopfe voran.
Er fängt mehrere Fische in derselben Weise. Während er den letzten frißt, kommt ein anderer Eisvogel und setzt sich neben ihn. Es ist sein Weibchen, das in einiger Entfernung gefischt hat. Es ist nicht ganz so bunt wie das Männchen und hat einen kleinen roten Fleck unter der Kehle.
Nun fliegen sie fort und stoßen im Fluge einen scharfen Schrei aus, der wie „Tit-tit-tit“ klingt. Sie leben in den Büschen und Bäumen am Flußufer. Denn man muß nicht denken, daß Vögel immer in Nestern wohnen. Das Nest ist nur eine Wiege für ihre Eier und die Kleinen. Sobald sie fliegen können, verlassen es die jungen Vögel mit den Alten und wohnen in keinem Neste mehr, bis sie eins für ihre eigenen Eier bauen.
Da man das Nest eines Eisvogels nicht leicht findet, so will ich euch etwas davon erzählen. Wenn das Weibchen Eier legen will, höhlen die Eisvögel eine Röhre mit einem Kessel am Ende in dem steilen Ufer aus und schießen, wenn das Nest fertig ist, so schnell hinein, daß man nicht sehen kann, wo sie geblieben sind.
Aber wenn man wüßte, wo es wäre und es von oben her aufgraben könnte, so würde man einen behaglichen Raum finden, ungefähr einen halben Fuß im Quadrat. Den Boden desselben haben die alten Eisvögel mit Fischgräten ausgepolstert. Sie bilden einen hübschen durchbrochenen Fußboden, durch den das Wasser ablaufen kann.
Auf dem Boden liegen einige glänzend weiße Eier. Gewöhnlich legt das Weibchen sieben. Und bald sind sieben kleine Eisvögel in dem Neste, von denen jeder die hübschen Farben hat, von denen ich euch erzählt habe. Der einzige Unterschied zwischen ihnen und den alten Vögeln ist der, daß ihre Schnäbel kürzer sind.
Wenn es schwer ist, das Nest eines Eisvogels zu finden, so wird man doch häufiger junge Vögel auf dem Flusse sehen. Ich ging einmal mit einem Freunde zum Angeln, und während seine Angelrute über dem Wasser hing, flogen plötzlich zwei junge Eisvögel auf und setzten sich darauf. Sie ruhten einen Augenblick und flogen dann weiter. Dasselbe Schauspiel wiederholte sich noch einmal. Es waren augenscheinlich junge Vögel, die gerade aus dem Neste kamen und noch nicht weit fliegen konnten.
Die Eisvögel sind die buntesten Vögel, die man auf dem Flusse sehen kann. Sie sehen so hübsch aus, wenn sie zwischen den grünen Blättern über dem Wasser hin und her fliegen, daß man sie immer gern wieder sieht, wenn man sie einmal beobachtet hat.