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An geöffneter Tür

Chapter 5: Der leuchtende Tag
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About This Book

A young woman recovering in a sanatorium recounts the shock and relief when a physician declares her fit for discharge, and she navigates a surge of conflicting emotions shaped by long illness and fear of relapse. Medical explanations and cautions prompt uneasy hope while memories of past treatments and skeptical expectations persist. Preparing to return home involves awkward correspondence with family, tentative plans for staged convalescence, and reflections on regained freedom alongside vulnerability. The narrative moves between intimate interior recollection and practical arrangements, tracing a fragile balance of joy, doubt, and the careful measures required to reenter ordinary life.

Da rief das Fräulein von Terkuhn ganz laut und triumphierend: »Wie mich das freut! Wie mich das freut!«

»Warum nur?«

Er erhielt keine Antwort. Und nun schoß es ihm durch den Kopf: »Sie braucht einen Güterdirektor und will mich engagieren – und hochmütig wie sie ist, freut sie sich, daß ich von Adel bin – aber daraus wird nichts« – und mit einem lächelnden Blick sah er endlich wieder zu Lena herüber.

Da aber lehnte Fräulein von Terkuhn sich fest an seinen Stuhl, ihre Schulter streifte ihn, und ihre Augen blickten in die seinen so herausfordernd, so heiß und weich zugleich, daß er mit einemmal wußte, was sie von ihm erwartete. Er gefiel ihr als Mann, er dieser unnahbar Stolzen, vor deren Falkenauge sonst keiner Gnade fand – er, der kleine Sommerleutnant dieser wunderschönen Herrin – seine Jugend – seine Person rissen dieses Weib zu ihm. – Das Weib. – Nur das Weib.

Wie ein heißer Traum sank es über ihn, und von nun an sah er alles um sich her durch einen rotgoldenen Schleier. Die arme Lena stand dahinter wie eine liebe, aber halb vergessene Bekannte aus fernen Zeiten, zu der man im Vorübergehen freundlich hinüberwinkt ...

Als endlich die Tafel aufgehoben wurde, trat sie zu ihm und sagte, daß sie ihn nach dem Kaffee zu einem Spaziergang erwarte.

Er sah sie verträumt und lächelnd an und nickte ein »Ja«, aber dann stand er schon wieder neben Fräulein von Terkuhn und fand es ganz selbstverständlich, daß sie den Arm in den seinen legte.

»Sorgen Sie für Kaffee und Likör, Fräulein Aussig« sagte sie über die Schulter weg, »und leisten Sie den Herren, so lange es gewünscht wird, Gesellschaft. Sehen Sie auch nach meinem Vater. Ich gehe mit dem Herrn von Wachowski nach den neuen Obstpflanzungen.«

Den Herren kurz und mit lässiger Handbewegung zuwinkend, stieg sie die breite Treppe zum Garten hinab, – Hans von Wachowski schweigend und glühend neben ihr. Der rote Kopf überragte seinen dunkeln um ein Weniges, und wie der leichte Gang ihres Begleiters sich dem wiegenden, schleppenden unterordnete, den sie sich für ihre Person zurechtgestimmt hatte, schien er der Unsichere, während sie den Schritt angab.

»Jungfräuliche Königin,« entfuhr es dem Hauptmann, der den so ohne Umstände sich Absondernden verblüfft nachblickte.

»Ich möchte sagen: der Teufel mit der armen Seele« erwiderte der Doktor achselzuckend und sah sich nach Fräulein Lena um.

Die unterdrückte mit der Selbstzucht, die ihre Stellung sie gelehrt hatte, die Tränen, die aus bangem Herzen aufquellen wollten. Sie bot den Gästen den Kaffee an, überredete Herrn von Terkuhn sein Zimmer aufzusuchen, und verabschiedete sich dann, dem Wunsch ihrer Herrin entgegen, von den Beiden, die voll mitleidiger Rücksichtnahme keinen Widerspruch wagten. – – Das Fräulein von Terkuhn und ihr Begleiter gingen inzwischen durch den alten Lindengang, und ihre Füße wühlten in gelben, raschelnden Blättern.

Es war ein goldner Septembertag, die Laubbäume standen in ihren herbstlichen Prunkkleidern bunt und leuchtend umher, und die mächtigen Weymouthskiefern zeichneten ihr tiefdunkles Grün doppelt düster dagegen. Der Himmel spannte sich so hoch und klarblau wie im Süden, aber die Sonne mit all ihrem Goldgefunkel wärmte nicht mehr. Große Blumenbüsche sahen hinter Hecken und Sträuchern hervor – gelbe Sonnenblumen, rote Malven, alles leuchtend, aber ohne den süßen Sommerduft. Dafür atmete der Herbst kräftig und herb durch Baum und Strauch über die glattgemähten Wiesen und von den jungen Schonungen her, die sich jenseits des alten Staketenzauns aufreckten. Es war so still, daß das liebliche Zirpen des Zaunkönigs schon wie ein helles Stimmchen aus dieser Stille aufsprang – und das Schweigen der beiden Menschen darin war eine Selbstverständlichkeit.

Übrigens gingen beide so tief in Gedanken, daß es ihnen gar nicht auffiel.

Adalisa von Terkuhn fühlte eine trunkene Freude. Eine Art von Jägerinstinkt sagte ihr, daß sie eine gute Wahl träfe, wenn sie diesen Mann an sich zog. Es war nicht Zärtlichkeit, die sie empfand, wenn sie seine sanften, dunkelbewimperten Augen an sich hängen sah, auch nicht eine der Aufwallungen, die sie als »Niedrigkeiten« in sich hier und da zu bekämpfen hatte, – es war mehr eine aufquellende Dankbarkeit, weil sie sich ihrem Ziel endlich nahe fühlte. Und dann tauchte auch noch etwas anderes dahinter auf, etwas Schlimmes, was doch zu den seltenen Freuden gehörte, die das Leben ihrem Wesen bot – das Bewußtsein, einem anderen Menschen wehe zu tun, darben zu machen, während sie genoß. Ohne daß sie das alles in Worte faßte, kochte es in ihrem Hirn durcheinander – praktische Fragen quirlten mit auf – Bedenken, ob dieser junge Mann Kenntnisse und Überblick genug für eine so große Herrschaft besitzen werde, – denn der Oberinspektor mußte natürlich fort – der rote Kopf des Fahnenjunkers tauchte dazwischen auf – auch eine flüchtige Vorstellung von rothaarigen Buben, die auf wilden, kleinen Pferden über die Felder jagten. In all dieses phantasierende Denken und Bedenken hinein rief eine Stimme immer ganz laut: »Greif zu, greif zu.« ...

Durch die Obstkulturen waren sie nun schon gegangen und kamen an den weißgestrichenen, stachelbewehrten Zaun, der den Obstgarten von einem Wiesengelände schied. Da blieb sie stehen und legte den Arm um einen glatten Stamm. Ihre Augen suchten mit forderndem Blicke die seinen. Er strich mit der feinen, braunen Hand darüber, als ob er den Schlaf daraus wegwischten wollte und betrachtete aufmerksam den Baum.

»Es ist eine Grumbkow mit einer Muntos okuliert,« sagte er verwirrt ... »merkwürdig, daß das Experiment gelungen ist.« ...

Sie sah ihn unverwandt und lächelnd an.

»Wir wollen über die Wiese in den Eichenkamp,« sagte sie dann mit emporgehobener weisender Hand. Und dort gingen sie auf schmalem Pfad dicht nebeneinander zu den Eichen, unter denen auf einer kleinen Bodenerhöhung jene sagengeweihte mit ihrem mächtigen, knorrigen Stamm und dem harten, kleinblätterigen Geäste stand.

»Sie wissen doch von dem heiligen Hain Romove und seiner Eiche?« fragte sie.

Er schüttelte den Kopf, sagte dann doch »ja, ja« und sah ganz abwesend um sich.

»So eine ist dies auch,« sagte das Fräulein von Terkuhn und lehnte sich an den Stamm.

Und plötzlich faßte sie den Träumenden an beiden Schultern und drehte ihn sich zu.

»Was denken Sie von alledem, junger Wachowski?« flüsterte sie.

Er stand blaß und mit wildschlagendem Pulse da. »Ich wag' es kaum – ich wag' es kaum« ... und doch wagte es sein verlangender Mund, den ihren zu suchen. Aber da traf ihn das helle Funkeln der Raubtieraugen, und es war, als ob die beiden Hände auf seinen Schultern ihn mit schwerem Gewicht zu Boden drückten. Er fiel vor ihr nieder, seine gleitenden Arme umfaßten sie, und er preßte den Kopf in ihren Schoß ...

Nach einem Augenblick, in Flammen verlebt, machte sie sich los und kniete neben ihm nieder.

Ihr Kopf mit den leuchtenden Haaren lag nun an der alten Terkuhneiche, und die breiten Lider deckten die gefährlichen Augen. Da war sie ein Weib wie andere, und der junge, heiß Betörte fühlte mit einer Wonne ohnegleichen, wie Scheu und Traumbefangenheit von ihm abfielen und daß er als Mann und Herrscher dieses königliche Geschöpf in seine Arme zwingen konnte.

Er tat es, ohne daß sie ihm wehrte, und küßte sie stürmend und fordernd ...

– – In die außerweltliche Stille dieser Augenblicke tönte scharf und mahnend die Vesperglocke vom Hof her.

»Steh auf,« sagte da Adalisa von Terkuhn. »Weißt du, daß du jetzt ein Terkuhn werden wirst, – einer von uns – ein Terkuhn?« ...

Er folgte ihr benommen und mit schwerem Kopf. »Ich kann das alles noch gar nicht glauben,« sagte er und fuhr in ihr schweres, an der rechten Seite halb gelöstes Haar, wie um sich zu überzeugen, daß er nicht träume.

Sie schüttelte seine Hand ab, nahm sie aber wieder und hielt sie fest während des ganzen Weges.

Er stammelte hier und da ein zärtliches Wort, aber er konnte das rechte, das er suchte nicht finden. Sie achtete auch nicht darauf, aber von Zeit zu Zeit blieb sie stehen und sah ihn mit großen, forschenden Blicken an. So gingen sie zuletzt ganz schweigend denselben Weg zurück, den sie gekommen waren.

Als sie den langen Lindengang mit den raschelnden Blättern wieder betraten, sahen sie am Ende auf der Terrasse die Uniformen der beiden Herren und das helle Kleid Fräulein Lenas.

Hans Wachowski zuckte zusammen und wollte unwillkürlich seine Hand lösen, aber Adalisa von Terkuhn hielt sie fest.

Sie kamen näher und näher. Nun hatte man sie bemerkt.

»Ich glaube, Sie müssen Ihr Haar in Ordnung bringen,« sagte er, nach der herabhängenden Strähne blickend, in der sich ein paar rote Herbstblättchen verfangen hatten.

Sie lächelte hochmütig und ließ seine Hand endlich los.

»Ich zeige mich jedermann, wie ich bin – du mußt's auch lernen,« sagte sie.

Und dann zog sie ihn zu der kleinen Gruppe, die ihnen in schweigendem Staunen entgegensah.

Nicht sie, aber die beiden Männer, von Wachowski mechanisch nach der Vorschrift begrüßt, sahen verlegen zur Seite. Fräulein Lena trat sehr ernst und blaß zu ihr und dem Vetter.

Das Fräulein von Terkuhn nahm keine Notiz davon. »Haben Sie sich Garten und Hof angesehen, meine Herren?« fragte sie ein wenig von oben herab: »Ich kann mich Ihnen leider heute nicht widmen. Ich bitte, Leutnant von Wachowski ...«

Der blickte wie gebannt nach der Jugendfreundin.

»Gnädiges Fräulein, ich habe mit meinem Vetter noch zu sprechen, und bitte, ihn mir für eine halbe Stunde zu überlassen ... Hans!« wandte sich Fräulein Lena mit dringendem Ton an ihn.

»Später, Fräulein, später,« lächelte Adalisa von Terkuhn, das ganze Gesicht in Schadenfreude getaucht. »Auf Wiedersehn!«

Und sie deutete Hans von Wachowski den Weg, den er zu nehmen hatte, und ging hinter ihm langsam und großartig in ihrem zerdrückten Kleid und dem hängenden Haar an den drei stumm Dastehenden vorbei. Durch den Festsaal und über den Korridor zu einer niedrigen, breiten Tür, hinter der laute Scheltworte hallten.

»Wohin führen Sie mich? – Und meine Cousine Lena muß ich in der Tat dringend sprechen,« sagte Wachowski endlich beklommen.

»Zu meinem Vater. Es ist eine leere Form, aber sie muß gewahrt werden.«

Sie klopfte. Der alte Diener öffnete, von einem Donnerwetter aus dem Rollstuhl begleitet, und verschwand auf einen Wink seiner Herrin.

Die Luft war von Tabaksqualm so dick, daß man das Schimpfen hörte, dessen Urheber aber nicht sah. Hans von Wachowski konnte in dem beizenden Rauch die Augen kaum offen behalten. Seine Führerin schien daran gewöhnt. Sie zog ihn zu dem Fensterplatz, an dem der alte Herr seine Kutscherpfeife rauchte.

»Vater, ich habe mich mit dem Herrn von Wachowski verlobt. Ich bringe dir deinen Schwiegersohn, den zukünftigen Herrn von Terkuhn-Terkitten.«

Der Alte stieß ein grelles, dröhnendes Lachen aus.

»So ... so ... so ... Also gelungen ... also endlich. Na mir soll's recht sein. Ich liebe zwar die edlen Pollen nicht –«

»Bitte, ich mache dir die Mitteilung, Vater – eine Kritik wird nicht verlangt.«

»Also meine untertänigste Gratulation zum Prinz-Gemahl. Seid fruchtbar und mehret euch, meine Kinder, – aber bringt mir keine Pollacken in die Familie – wie gesagt die edlen Pollen ...«

»Wir werden von der bevorstehenden Heirat noch heute Mitteilung machen ...«

»Nee, das werden wir nich,« grinste der Alte. »Das schickt sich nich – meine vieledle Tochter. Wir sind die Terkuhns auf Terkitten, und wir greifen uns keinen Sommerleutnant zwischen Diner und Tee – oder vielmehr, wir tun's schon – aber wir zeigen's nicht – verstanden?«

Hans von Wachowski fuhr nun endlich aus seiner Benommenheit auf. »Fräulein von Terkuhn, ich bin in einer unwürdigen Situation. Ich liebe Sie heiß, aber von allem, was Sie sagen, von Heirat und Verlobung ist doch kein Wort zwischen uns gefallen. Ich würde ja gar nicht wagen – wie sollte ich? – ich denke nicht ...«

»Das Jungchen will nicht,« höhnte der Alte. »Nutzt Ihnen nichts, mein Sohnchen, wenn die Adalisa einmal zugreift, hält sie fest, da hilft kein Wehren. Was wollen Sie auch? Erbarmen! Terkitten ist ein schönes Stück Erde, und die Freier haben sich Dackelbeine danach gelaufen.«

»Ich muß bitten, mich zu entlassen,« sagte Hans Wachowski, zitternd vor Scham und Ingrimm. »Ich habe keine Veranlassung zu dieser peinlichen Szene gegeben. Ich kann nicht fassen, daß mir derartiges begegnen soll.«

Da langte, von blauem Rauch umflossen, die große, weiße Hand Adalisa Terkuhns zu ihm herüber. Die eben noch scharfe Stimme sänftigte sich zu einem Anflug von Zärtlichkeit.

»Was haben wir zwei mit Brutalitäten zu schaffen, die uns beschimpfen sollen? Ich hab' dich als den besten, den lange Gesuchten, erkannt, gleich, als du in den Saal tratst. Und an unserer Eiche haben wir uns verstanden ... Daß ich dich nicht aus Leichtsinn oder zum Zeitvertreib küßte – das wußtest du doch.«

Er schwieg.

Da neigte sich das zarte Gesicht mit dem leuchtenden Rothaar darüber zu ihm. Ernst und feierlich küßte sie ihn auf den Mund und sagte:

»Hans Terkuhn, du sollst gesegnet sein und Segen bringen.«

Er fühlte die weichen Arme um sich, und die heiße Seligkeit von vorhin stieg wieder in ihm hoch. Aber das Wort, das sich ihm entringen wollte, blieb ungesprochen – und was er mit Mühe unterdrückte, war – ach wie er sich schämte! – ein bitterliches Schluchzen, wie manchmal in längst vergangenen Schülerzeiten, wenn er im Ringkampf besiegt worden war und Haltung hatte bewahren müssen.

»Donnerwetter!« sagte der Alte, »also es wird Ernst. Da will ich also meinen Rat wiederholen, mit der Veröffentlichung bis nach dem Manöver zu warten. Gründe sind klar.«

»Ja!« sagte Adalisa nach kurzem Bedenken. »In allseitigem Interesse ist es vielleicht richtiger. Obgleich die Herren natürlich gemerkt haben, was vorgegangen ist.«

»Und Lena?« brach nun Hans Wachowski los. »Was soll die denken? Ich weiß nicht, wie ich der unter die Augen treten soll. Wir sind doch so gut wie ...«

»Still!« unterbrach Adalisa gebieterisch. »Das werden wir in Ruhe besprechen und drüben bei mir. Guten Abend, Vater« ...

»Sie scheinen ein anständiger Junge zu sein« – knurrte der alte Terkuhn, Wachowskis Hand pressend und ihn einen Augenblick zurückhaltend. »Wie wär's, wenn Sie ausrissen? – Ne – ne – ich meine man so – ich bin grundsätzlich gegen die Ehe – gegen die Ehe.«

Die Tür schloß sich, und Hans Wachowski sah wirr und mit innerlichem Zittern den nächsten Augenblicken entgegen. Wie ein Zuschauer und mit gebundenen Händen stand er jetzt in demselben Gartensaal, in dem vor wenigen Stunden dieses rothaarige Schicksal in sein friedliches Leben gebrochen war – und wußte nicht aus noch ein.

»Du mußt dich nicht fürchten, mein Freund,« sagte Adalisa von Terkuhn, »weil das alles so schnell kommt. Ich kann keine schönen Worte finden, aber ich möchte es dir gern erklären. Ich sehe doch, es ist immer nur der eine Augenblick der Entscheidung, der wichtig ist. Alles vorher – die Vorbereitungen – sieh mal, das hält doch alles auf, und ist eigentlich überflüssig, nicht? Komm, wir wollen uns hier zu meinen toten Vorfahren setzen, das sind die wahren Verwandten, bald auch die deinen, da wollen wir ordentlich besprechen, wie wir alles einrichten müssen.«

Und sie erzählte, – und der übermäßige Eifer, mit dem sie sprach, belebte wie ein feuriger Strom die stockenden und ungewandten Worte, – daß nach dem unheilbaren Erkranken ihres Vaters, als sie notgedrungen die Generalvollmacht für die Verwaltung hatte bekommen müssen, der Rechtsanwalt des Hauses das vielbesprochene Immediatgesuch an den Kaiser aufgesetzt hatte, nach dem der Mann, den sie heiratete, den Namen Terkuhn führen und das stolze Geschlecht vertreten sollte. Es war zustimmend beantwortet worden. Sie sprach dann von geschäftlichen Dingen, von der Lebensarbeit, die in ihrer Hand nun vor ihm lag, von dem erhöhten Ansehen, das sie Beide dem alten Namen schaffen würden, von dem Glück, diesem und diesem, – sie deutete auf die rothaarigen Zuschauer an der Wand – zu beweisen, daß die Gegenwart doch auch wieder etwas wert sei, nachdem manch ein Terkuhn um die Ecke gegangen wäre.

Sie sprach und sprach, und ihre leise, harte Stimme rüttelte an dem jungen Zuhörer, der in bebender Haltlosigkeit dasaß.

»Nun sprich du, sag mir etwas Gutes, sag, wie du dich freust,« schloß endlich das Fräulein von Terkuhn, und sah ihn mit einem ermunternden Blicke an.

Er wollte auch etwas Kluges und Warmes sagen, aber es fiel ihm nichts ein. So sah er bange vor sich hin und versuchte dann nach ihrer Hand zu fassen.

Sie gab sie ihm mit kräftigem Druck. »Also gute Gemeinschaft, Hans von Wachowski.«

Da stammelte er endlich: »Ach von dem allen versteh ich nichts.« Und dann brachen die angesammelten Worte sich Bahn, und er fuhr hastig fort: »Es ist mir über den Kopf gekommen, ich weiß nicht, wie. Ich habe nicht einmal geahnt, daß ich mich getrauen könnte, eine Frau wie Sie nur leise zu berühren, und nun ...«

»Du mußt »du« sagen.« –

»Du, also du,« rief er nun aufspringend. »Dann laß uns nicht von allem sprechen, was noch in weiter Ferne liegt, laß mich in deinem schönen Haar wühlen, laß mich mich satt küssen, damit ich etwas Wirkliches habe. Ich bin ja wild vor Verlangen nach dir, du Schöne, du – du – du –!! Dein Sklave will ich ...«

»Sklave – – Sklave,« wiederholte sie mit ihrem geheimnisvollen Lächeln und legte seine beiden heißen Hände an ihre Schläfen. »Also unbedingte Ergebenheit – ja, die erwarte ich.«

Ihn an den Handgelenken haltend, fühlte sie das Schlagen seiner Pulse, und seine Jugend zitterte in ihr nach. Aber alles, was sie empfand, steigerte sich zu einer heißen Gier, die Beute nun auch so in Sicherheit zu bringen, daß nichts sie ihr mehr streitig machen konnte, und in diesem Gedanken ließ sie die zuckenden Hände fallen und sagte in ihrem harten Alltagston:

»Wir wollen zunächst also Fräulein Aussig rufen und ihr mitteilen, was wir beschlossen haben. Natürlich darf sie aber dem anderen Personal nichts sagen.«

Das war nicht klug. Die Gluten erloschen bei dem kühlen Wort. Die eben niedergerissenen Schranken richteten sich wieder auf, und hüben und drüben standen nicht mehr der Liebe heischende Mann und das sich neigende Weib, sondern die Gutsherrin und der an Gehorsam gewöhnte Inspektor, in dem sich jetzt ein entschiedener Widerspruch regte.

»Ich muß meine Cousine allein sprechen!« sagte er. »Es geht auch nicht, daß sie zum Personal gerechnet werden soll, – nein, das geht ja alles nicht!« rief er laut, »Fräulein von Terkuhn, das geht ja alles nicht.«

Ein heißer Wutschauer, mit brennender Scham gemischt, überflog Adalisa von Terkuhn, aber noch hielt sie an sich. Der Jägerinstinkt gebot: »Selbstbeherrschung und Ruhe.«

»Du hast mich wohl nicht ganz verstanden,« sagte sie leise. »Ich will doch gerade deine Cousine als Verwandte begrüßen. Ich rufe sie jetzt.«

»Nein, nein,« bat Hans voll Pein und Ratlosigkeit. »Ich will das nicht.«

Aber da war es schon zu spät. Auf das zweimalige Glockenzeichen trat nach leisem Klopfen Lena Aussig in den Saal.

Wie blaß und ernst sie in dem dämmerigen Herbstabendlicht dastand! Kein Wort auf den weißen Lippen, die Augen gesenkt – denn wie sollten sie das Bild ertragen, das sich ihnen bot!

In einem der großen Fensterbogen standen die beiden eng aneinander geschmiegten Gestalten. Das Fräulein von Terkuhn hatte den Kopf an die Schulter von Hans Wachowski gelehnt.

Blutrote Weinranken schwankten hinter ihnen, und der rötliche Dunst der vergehenden Herbstsonne war um sie wie ein Schimmer, der aus ihnen selbst herausstrahlte. Zwei Glückliche, von roter Lebensglut umflossen. Das wollte die arme Lena länger nicht sehen, und darum ging sie zur Tür zurück.

»Fräulein Lena, Sie sollen uns gratulieren. Ihr Vetter, Hans Wachowski, und ich haben uns eben verlobt,« sagte das Fräulein von Terkuhn und trat mit dem Mann an der Hand aus dem roten Licht.

Nun fand Lena Aussig ihre Haltung wieder. »Ach nein,« sagte sie. »Den Glückwunsch wird mir Hans wohl ersparen. Er kann ihn auch nicht erwartet haben. Guten Abend, gnädiges Fräulein ...«

Da riß Hans Wachowski sich von den Fingern los, die ihn umklammert hielten und trat dicht zu dem jungen Mädchen hin. Ihm war in diesem Augenblick, als müßte sie ihm zusprechen, ihn trösten, als wäre er ganz allein mit ihr, und könnte ihr klagen und mit ihr beraten.

»Lena, Lena,« sagte er. »Ich hätte dich vorher sprechen müssen, vergib. Ich bin ja selbst ganz wirr, sie hat mir alles über den Kopf weggenommen.«

Das Fräulein von Terkuhn richtete sich kampfbereit auf. Ihre Augen begannen zu funkeln.

»Schweig,« rief sie heiser.

Aber in seiner großen Erregung sah und hörte Hans von Wachowski sie nicht.

»Lena, Lena,« sagte er mit einer Zärtlichkeit in der Stimme, von der Fräulein von Terkuhn trotz des heißen Küssens nichts vernommen hatte, »sieh mich nicht so an; es wird alles wieder gut.«

Nun geriet auch Lena außer sich.

»Was soll gut werden, nachdem du dich von dem Fräulein da hast fangen lassen, wie?«

»Sie Unverschämte,« zischte das Fräulein von Terkuhn und sprang, von den fliegenden Haaren umflattert, auf das hochaufgerichtete Mädchen zu. In diesem Augenblick trafen sich ihre gelben, funkelnden Augen mit denen des Junkers an der Wand, der seine kurbrandenburgische Fahne in steifer Hand vorstreckte und starr und feierlich wie immer zusah, was die Terkuhns von heute taten und trieben. Aus dem dunkeln Zugehörigkeitsgefühl zu diesem toten Bundesgenossen schäumte eine rasende, besinnungslose Wut in Adalisa von Terkuhn auf. – Beutegier, Berechnung, Sinnesrausch – alles ertrank darin. Wie mit tausend Händen aller vergangenen Terkuhns regte es sich in ihr, um die Plebejer da niederzureißen und zu vernichten. Rote Ströme rauschten, wie aus Blut und Glut gemischt, und das Weib, das daraus auftauchte, Spitzenfetzen in den ausgespreizten Armen, die Raubtieraugen in übermenschlichem Glanz sprühend, fremde, unverständliche Töne schreiend, war in seiner furchtbaren Schönheit etwas so entsetzliches, daß die beiden vor ihr in Grauen und Furcht erstarrten.

Mechanisch trat Hans Wachowski vor seine Cousine, um sie vor dem zu schützen, was kommen konnte, aber das Fräulein von Terkuhn rührte sich nicht, nur ein fauchendes Hohnlachen löste den furchtbaren Krampf in ihr und zwischen zusammenschlagenden Zähnen stieß sie ein »Hinaus« hervor.

»Geh,« sagte auch Hans Wachowski und schob die zitternde Lena durch die Tür nach dem Korridor.

Er hatte sich auf sich selbst besonnen. Die fremde schöne Bestie, die da noch zuckend und keuchend an ihrem Platz stand, hatte keine Gewalt mehr über ihn. Zwar, der innerste kleine, feige Mensch in ihm zitterte, aber er mußte tapfer sein und dann kam die Manneszucht ihm zu Hilfe. Er durfte sich von diesem Weib nicht hinausweisen lassen.

Und so trat er dicht an sie heran.

»Verzeihung, gnädiges Fräulein« sagte er leise und heiser, »ich bitte um die Erlaubnis, mich zu verabschieden.«

Es klang ihm selbst dünn und ärmlich, was er da sagte, – so als ob er gegen einen tosenden Wasserfall spräche. – Das verächtliche Lachen, das wie mit Peitschenhieben über ihn herfiel, befreite dann die unterdrückte Empörung in ihm. »Sie ..., was denken Sie sich eigentlich? ..., Sie ...«

Er kam zu keinem weiteren Wort. Das Weib sah mit wilden Augen und fletschenden Zähnen um sich und duckte sich wie zu einem Sprunge.

Unwillkürlich hielt er die Hand schützend vor sich. Da riß sie sie hinunter und mit einem rauhen, stöhnenden Schrei schlug sie die spitzen Zähne in das Handgelenk.

Und dann eine Sekunde tiefes Schweigen. Blaß und schlotternd richtete sie sich auf und sah wie ein klagendes Tier nach dem Fahnenjunker an der Wand.

Der andere war nicht mehr da für sie. Sie bemerkte es nicht, daß er in dumpfem Erstaunen die hervorquellenden Blutstropfen betrachtete, noch einen scheuen Blick voller Grauen und Widerwillen auf sie warf und dann hinausging.

Vor der Tür stand der alte Diener. Mit gesenktem Kopf auf den Zehenspitzen ging er führend vor dem Leutnant her und geleitete ihn zu der Zimmertür des Hauptmanns.

»Der Herr Hauptmann wünschen den Herrn Leutnant dringend zu sprechen.«


Um 6½ Uhr war zum Aufbruch geblasen. Man hatte von den Herrschaften nichts mehr gesehen und schon gestern Abend sich in formellster Weise von dem alten Herrn verabschiedet – mit Ausnahme des Leutnants von Wachowski, der wegen starken Kopfwehs sein Zimmer nicht verlassen hatte. Die Damen waren nicht mehr zum Vorschein gekommen. Fräulein Aussig war sogar plötzlich in das nahe Städtchen gefahren und hatte ihren Vetter durch einen Brief über diese schnelle Abreise verständigt.

Jetzt ritt man zu dreien, wie gestern morgen, aber in entgegengesetzter Richtung davon. Leute und Pferde waren über die Chaussee gegangen, die drei Herren nahmen den kürzeren Waldweg durch den Eichenkamp.

Wieder wie gestern, der Doktor mit Fips, dem Terrier, voran, die beiden anderen schweigend hinterher.

Über Nacht hatte es einen Sturm gegeben. Die bunten und gelben Blätter lagen über abgeschlagenen, dürren Ästen in Haufen auf dem Wege und raschelten. Die Sonne war noch nicht durch, und der graue, tropfende Herbstnebel verschleierte die Ferne und zog in Ballen und Streifen über die rostroten Gebüsche und die kahlen Stämme. Hier und da hob er sich, und dann sah man in einem Ausschnitt über Wiesen und Lichtungen weit in den Wald hinein.

So geschah es jetzt eben. Und da stand mitten auf einem kahlen, nur von kleinem Eichengestrüpp überwucherten Platz eine uralte Eiche mit weit ausgreifendem, verknorrtem Geäst. Unten an dem mächtigen Stamme bewegte sich etwas Graugrünes. Der Weg nahm die Richtung auf den Baum zu und führte in etwa 20 Schritte Entfernung daran vorbei.

Der Leutnant sah auf und fuhr zusammen.

Auch der Doktor hielt und wartete.

»Vorsicht!« sagte er, »ich schlage vor, wir nehmen den Leutnant in die Mitte und reiten da Schritt vorüber. Ich kann an der Spitze bleiben.«

Der Hauptmann hatte sich auch orientiert.

»Nein, Sie mit Fips dürfen nicht voran. Ich nehme die Tête.«

Und so geschah es. Ohne weitere Worte über die Gründe dieser Vorsicht, in gespannter Aufmerksamkeit, mit weit geöffneten Augen zogen die Reiter hintereinander langsam und lautlos den Weg hinunter, auf dem noch die Schatten der Wünsche von gestern kauerten.

Einen Augenblick hob sich an dem zerklüfteten Stamm ein leuchtend roter Fleck aus den grauen Nebelschleiern. Aber gerade als die drei an der Wegbiegung anlangten, von der aus man den ganzen Platz hätte übersehen können, jagte ein leiser Wind flatternde Nebelwolken aus dem Linksgebüsch auf und verhüllte die alte Terkuhneiche und was darunter stand.

Es war nun nichts mehr zu sehen als ein paar kahle Arme des mächtigen Baumes, und nichts zu hören, als der krächzende Schrei von streifenden Krähen ...

Von dem Fräulein von Terkuhn war nichts mehr zu spüren ...

Nach zehn Jahren

Wie ein Fremder in eine fremde Stadt zog Doktor Wilhelm Born an einem kühlen Septembernachmittag in Eyslau, seinem Geburtsnest, wieder ein.

Niemand erwartete ihn. Die wenigen Personen auf dem Bahnsteig sahen ihm nach wie einem Unbekannten, der weiter nichts Auffälliges oder Interessantes an sich hat, und auch er streifte sie mit den gleichgültig übersehenden Blicken des Wandernden, der nur körperlich und ohne inneres Aufmerken um sich schaut.

Dem kleinen, zerlumpten Jungen, dem er seinen vielgebrauchten Handkoffer auflud, gab er an:

»Nach dem Grünen Kranz zur alten Frau Born.«

»Is kein Wirtshaus mehr,« sagte der Bursche.

»Weiß ich, vorwärts,« lautete der kurze Bescheid. Der Junge sah ihn groß an und setzte sich in Trab. Er selbst ging langsam hinterher. Durch die Bahnhofstraße mit ihrer kümmerlichen Kastanienallee, deren Bäume halb entblättert und zerzaust in dem kalten Winde schwankten. Durch die enge Badergasse, in der ein hoher Getreidespeicher mitten unter kleinen Armeleutshäuschen aufragte. Dann kam der Markt, ausgestorben und kahl, ein Tanzplatz für zusammengewirbelte Herbstblätter, und nun rechts hinauf die Grüne Straße, aus der schon Dämmerungsschatten stiegen.

Die Häuser, dürftig und grau, standen ziemlich dicht einander gegenüber. Sie waren alle gleichmäßig aufgebaut und getüncht und alle gleichmäßig kahl. Das vierte hatte neben dem Hauseingang einen großen Torweg, der mit einer schiefen, fahlroten Holztür verschlossen war.

Da blickte Doktor Born auf, lohnte seinen Kofferträger ab und ging durch die Einfahrt auf den Hof. Hier, am Fenster der großen Stube, die den Anbau ausfüllte, saß in einem braunen Großvaterstuhl die alte Frau Born. Sie hatte die Brille auf der Nase und das Strickzeug in den verkrümmten Gichthänden. Ein Ausdruck von Zufriedenheit lag auf dem alten Gesicht ... Nun hob sie es langsam und gewahrte den Draußenstehenden. Verwundern, Erschrecken, Erkennen flogen darüber hin, und zuletzt, wie ein aufflackerndes Licht, ein frohes Lächeln.

Da ließ Doktor Born den Koffer fallen und lief in die dämmerige Stube hinein. Er nahm die alte Frau an seine Brust und drückte sie fest an sich.

»Gott sei Dank, daß du noch da bist, Mutter!«

»Du – du –« sagte sie, sich freimachend. »Beinahe hätt' ich dich nicht erkannt ... Herrgott, ich dacht' ja, der Vater stand draußen ... Und schon graue Haare? ... Und nun wirst du hier zu Hause doktern? Jung', Jung' ... zehn Jahre! ... Wir dachten, du wolltst erst am Freitag kommen. Zu tun wirst du schon haben. Der alte Sanitätsrat hatte ja die meisten ... Zu dem Doktor Heymann gehn sie ja nicht. Bloß die paar Kathol'schen und die Juden ... Konnt' das nicht der Vater erlebt haben? ... Der Wilhelm! Und hier bei uns Doktor!« So und mehr schwatzte das alte Weibchen und lief dabei in der Stube herum und rückte hier an den birkenen Stühlen und glättete dort das gehäkelte Deckchen auf der Kommode und blieb zuletzt vor dem Sohn stehen, der sich in den Großvaterstuhl gedrückt hatte.

»Ja, Mutter, da wären wir also zu Hause ... Gut gegangen ist mir's gerade nicht. Geschuftet hab' ich mir das Fleisch von den Knochen.« Er streckte einen vermagerten Arm vor. »Jünger bin ich auch nicht geworden, und herausgekommen ist gar nichts dabei.«

»Na, jetzt bist du doch in schönem Amt und Brot,« sagte die Mutter. »Und hier legen sie ja alle was zurück. Essen mußt du bei uns, wenn du vorlieb nimmst, Wilhelm ... Wohnen? Das wird hernach ja wohl nicht gehn.«

»Nein, das ist schon alles abgemacht, Mutter. Als mir der Sanitätsrat schrieb, daß er fortgehen wolle, und mir seine Praxis anbot, hat er mir auch vorgeschlagen, seine Wohnung zum Teil zu übernehmen. Das ist bequem und gut so ...«

»Also da ... am Markt? Beim Kürschner Bartke? ... ja, ja ...«

Die blöden alten Augen wurden vor Stolz naß. Sie trocknete sie mit dem Handrücken ... »Ja, ich dacht', du wollt'st schreiben, wenn du kommst ... Aber deine Stube haben wir schon zurecht ... Betten bezogen und alles. Die Käthe sagte gleich: »Der kommt ungemeldet.«

Der Doktor stand auf und ging eine Weile schweigend im Zimmer umher. »Noch der alte Flickenteppich,« sagte er dann. »An dem hab' ich nähen geholfen ... Ja, die Käthe ist nun also ganz bei dir, schreibst du? ...«

Die Mutter nickte: »Ja, gottlob ... Es bringt sich doch alles ein ... Was hat der Vater damals geredet und geredet ... weißt du noch? Wie der Kantor Müller starb, und die Marjell, die Käthe, mitten im Lehrerinlernen, und nichts mehr da, daß sie's zu Ende bringen konnt' ... Na, und da sagt' ich zu Vater ... Nein, Born, sagt' ich, das Kind übernehm' ich, und wenn ich's mir am Mund absparen sollte ... Und ist es nun nicht gut für mich, daß ich sie auf meine alten Tage hab'? ... Ich brauch' mich nun nicht mehr viel zu rühren ... das heißt, ihr ist es auch wohl ... Sie hat sich mit ihrem kranken Herz schändlich abrackern müssen, wie sie noch Gouvernante war ... Gottchen, die weiß ja noch nichts! Herrje, ich hol' sie schon.«

Der Doktor strich in Gedanken seinen Bart.

»Wo ist sie denn?«

»In der alten Kontorstube ... Da wohnt sie jetzt wieder ... Ich geh' schon ...«

»Laß, Mutter, ich werde selbst ...«

Die Mutter nickte zufrieden.

»Ja, ja ... Ich mach' derweil die Lampe zurecht, daß ich dich doch ganz zu sehn krieg', du ...«

Draußen auf dem dunkeln Hausflur blieb Wilhelm Born einen Augenblick stehen. Dann schüttelte er sich und machte schnell, ohne anzuklopfen, die Tür rechts auf.

In dem einfenstrigen Zimmerchen war noch bleichgraues Taglicht. Neben der andern Tür, die auf die Einfahrt hinausführte, vor der alten Kommode, kniete eine dunkelgekleidete Frau.

Bei dem Geräusch des Eintretenden wandte sie sich um und sprang auf. Ein jähes Zucken lief über ihr Gesicht. In den Augen, die unter vorstehenden Stirnbogen und dichten schwarzen Brauen versteckt lagen, brannte eine hohe Erregung auf.

Sie streckte die Hände aus und ließ sie wieder sinken ...

»Wilhelm ...«

»Sieh mal, du erkennst mich also gleich?« sagte er mit nicht ganz freiem Ton. »Und ich hätte an dir ruhig vorbeigehn können ... Du mußt damals doch noch ein Kind gewesen sein ... Jetzt bist du so groß wie ich ...«

Sie richtete sich höher auf und sagte nichts. Die Hände auf dem Rücken sah sie ihn voll an.

Unter seinen matt neugierigen Blicken verfinsterte sich ihr blasses, großzügiges Gesicht. Die Augen funkelten, der üppige Mund zog sich zusammen, und der Atem drängte sich gepreßt über die Lippen.

Auch sein Ausdruck veränderte sich. Statt des verlegen freundlichen Lächelns, das durch tiefe Kummerfalten melancholisch eingeschränkt war, überzog zuletzt eine gemachte verletzende Gleichgültigkeit sein hageres Gesicht, und seine scharfen, kleinen Augen hefteten sich fest an die ihren.

So standen sie sekundenlang ohne ein Wort.

Dann trat der Doktor einen Schritt näher.

»Sag mal, Käthe, was soll das eigentlich heißen? Wir starren uns an wie ein paar Feinde, und waren doch gute Kameraden ... Ich komme ganz friedlich ...«

»Nach zehn Jahren,« stieß sie höhnisch hervor. »Und was für Jahren!«

»Ja,« sagte er, »Käthe, das ist nun mal nicht anders im Leben. Wir haben eine schöne Zeit zusammen verlebt – der Sommer war schön, wir beide jung, und gaben uns gegenseitig, was wir hatten.«

»Du hast mein Leben schimpfiert – ich war siebzehn ...«

Wilhelm Born zuckte die Achseln.

»Und ich vierundzwanzig ... Mein Gott, Käthe, was soll es dir geschadet haben, daß wir toll und voll glücklich waren? ...«

»Gebrandmarkt hat es mich ... körperlich, seelisch verelendet ... Ein Wort von dir, ein gutes Wort in der ersten gräßlichen Zeit, und alles wäre anders gewesen ... Aber so ... Als ich nach den Sommerferien damals wieder in die Selekta kam, elend zum Sterben – und wartete und wartete ...«

»Herrgott, Käthe, das ist eine Ewigkeit her. Und du hast doch das wirkliche Leben kennen gelernt und solltest dich jetzt nicht mit kindischen Sentimentalitäten abgeben ... Außerdem hat's nie einer geahnt ...«

»Nein, ich habe mich immer nur vor mir allein zu schämen gehabt, daß ich dem ersten, der kam, alles hingeworfen habe, Jugend und Gesundheit und alles ... Einem, der es hinterher nicht einmal der Mühe für wert hielt, zu fragen ... nachzusehen ... o pfui, pfui ... das war roh ... das war schlecht ... das soll dir auf der Seele brennen ... das soll ...«

»Sei still!« befahl er. »Was verlangtest du denn eigentlich? ... Hast wohl gar, trotz der Abrede, noch an Heiraten gedacht? ... Nein, mein Kind, dazu langte es nicht ... Nicht die Kraft und nicht die Neigung ... Auf mich wartete nach ein paar Feierstunden die schwere Arbeit ...«

»Ich hasse dich, ich verabscheue dich,« sagte sie tonlos.

»So?! Weshalb kamst du denn gerade zu meiner Mutter? ... Die Welt ist doch groß genug. Und du bist jung und konntest dich auch anderswo nützlich machen. Nützlicher als hier ...«

»Wilhelm,« schrie sie und fuhr sich mit beiden Händen durch die schwarzen Haare, »wo sollte ich denn hin? Ich habe niemand, und ich bin krank ... Acht Jahre von Haus zu Haus gegangen, und immer mehr arbeiten müssen, als ich konnte ... Meine letzte Stelle wurde mir gekündigt. Da trieb mich die Not her, Wilhelm. Not und Krankheit ... Und wer konnte denn ahnen, daß du auf immer herkommen wolltest?«

»Ja, das konnte keiner ahnen,« sagte er und setzte sich auf den Stuhl am Fenster. »Wenn mir einer vor zehn Jahren gesagt hätte, daß ich in diesem verwünschten Nest einmal die Praxis vom alten Burkhard übernehmen würde, dem hätte ich ins Gesicht gelacht ... Und nun sitzt man doch da ...«

Er zog eines der fahlen Schnurrbartenden durch die Lippen und brütete vor sich hin.

»Warum denn? Warum bist du nicht in Wien geblieben?« fragte Käthe mit demselben Widerwillen im Ton.

»Ach ... warum soll ich's übrigens auch nicht aussprechen ... Es ist mir schlecht gegangen, Käthe ... Ich habe mich – nun, sagen wir unter uns – etwas blamiert.«

Er lachte voll Bitterkeit.

Käthe kam einen Schritt näher und sah ihn musternd an.

»Ja, man merkt's ... Du hast viel durchgemacht?« sagte sie hart, aber doch voll auffordernder Teilnahme. »Du bist wohl irgendwie ins Unglück geraten, wie es ja euch Ärzten durch einen Zufall passieren kann? Wohl gar mit dem Staatsanwalt?«

Er stand auf.

»Unsinn ... Es ist eine elende Sache, an der man erstickt ...«

»So sag's doch.«

»Warum nicht? – ja doch,« sagte er gleichgültig. »Es tut sogar gut, einmal so etwas hinauszuschreien, zur Abwechslung einmal nicht bloß gegen den Wind. Außerdem wußtest du auch schon vor Jahren, aus meiner letzten Studentenzeit, daß ich hinter einer neuen Entdeckung herjagte – Adernerkrankungen ... weißt du noch?«

Ihr Gesicht verzog sich in Bitterkeit.

»Höhne nur, höhne! Das schadet nichts. Wenn man Tag für Tag und Nacht für Nacht auf sich selber herumhaut, müssen ein paar Nadelstiche von einer boshaften Frau ja eine wahre Erleichterung sein.«

Nun sah sie ihn wirklich böse an.

Er aber warf die Lippen geringschätzig auf.

»Ja, vor fünf Jahren war meine große Idee in der Theorie da ... Eine neue Kontraktionsmethode, teils durch chemische ... doch – das ist ja gleichgültig – etwas Neues, Großes war es ... Ein weites Feld abgerungen, vielen Verlorenen eine Hilfe – und für einen selbst der Gipfel ... Ich brauchte Experimente – das Glück verschaffte mir die Gelegenheit. Ich kam in die Abteilung für innere Krankheiten zu Frotha, unbesoldet ... Die Privatpraxis, die sich zugefunden hatte, gab ich auf ... Ich habe unter Schwierigkeiten ... ach, das läßt sich ja gar nicht erzählen – so kaltblütig ... Aber die Entbehrungen, diese Intrigen, Verantwortung, Verschleierung bei den Experimenten ...«

»Auf so ein paar Menschenleben kam es dir dabei natürlich nicht an?« fragte sie höhnisch.

»Nicht im geringsten,« gab er ebenso zurück. »Nein, nein« – er richtete sich auf – »in ehrlichem Ernst gesprochen – es kam mir nicht darauf an ... Ich habe die Sterbegeschichten von fünf Menschen – wertloses und verlorenes Menschenmaterial übrigens – ja, die hab ich verwertet ... Unter Blutschwitzen hab' ich also mein Buch geschrieben ... der letzte Strich fertig – alles zum Druck fertig – auch der Verleger da – und ich betrunken vor Freude – da ...«

Er ballte die Fäuste gegen die Schläfen ...

»Was – was?«

»Da kommt dieser verfluchte Italiener, der Kamazotti, Und bringt seine Abhandlung über meine Materie. Schon fertig – Und meine sollte erst gedruckt werden ... Aber nun das Schlimmste ... Ich lese – und lese – mit einem Teil meiner Experimente das Gegenteil meiner Aufstellungen bewiesen – und – der Hund hat recht ... Der Hund hat recht ...«

Er schlug mit der umgekehrten Hand auf das Fensterbrett und sah abwesend vor sich hin.

Käthe warf den Kopf zurück.

»Wenn dein Buch noch nicht gedruckt war, ahnt ja niemand ...«

»Schöner Trost ... Und meine verlorene Arbeit? Meine Hoffnungen? Mein verlorenes Selbstvertrauen? ... Meinst du, wenn ich davon noch einen Funken übrig hätte, säße ich hier auf dem Sande?«

Käthe trat dicht vor ihn hin.

»Und meine verlorene Jugend? und meine Gesundheit? Mein verlorenes Selbstgefühl? – Siehst du!«

Er schob sie von sich.

»Ja, so,« sagte er. »Ich vergesse ja, wem ich von meinem Unglück erzähle ... Du bist ja selbst so voll von deinem eigenen eingebildeten, und ich sehe ... ja, wahrhaftig ... das ist ja Schadenfreude ... Pfui, Käthe – laß mich hinaus ... Und ein für allemal ... wir sehen uns ja ab und zu – wenn du hierbleibst – bilde dir nicht ein, daß wir noch einmal von intimeren Dingen reden werden. Und mäßige deine Blicke – deinen Ton – sonst –«

»Sonst?« fragte sie.

»Ach nichts –« sagte er widerwillig. »Mir ist ja alles egal. Ich habe den Kopf voll von anderen Sachen ... Also tu und mach, was du willst – aber mich laß in Frieden mit Vorwürfen und Erinnerungen und solchen Geschichten.«

Sie biß die Zähne zusammen und schlug die Augen nieder.

Er sah noch einmal nach ihr. Sie stand in dem Fensterrahmen. Ihre hohe Gestalt in dem schwarzen Kleide schien das kümmerliche Dämmerlicht, das vorher noch die Stube gefüllt hatte, aufgeschluckt zu haben. Es war fast dunkel.

Einen Augenblick blieb der Doktor noch stehen. Als sie kein Wort sagte, ging er hinaus.

In der Wohnstube jenseits des Korridors brannte die Lampe. Die Mutter hantierte in der Küche nebenan.

»Ich geh' noch fort,« rief er ihr zu, »und mach dir keine Umstände mit mir, Mutterchen. Verwöhnt bin ich nicht ...«

Die alte Frau kam doch angelaufen. Sie hatte die Küchenlampe in der Hand, hob sie hoch und besah ihn.

»Und das is mein Kind ... mein Jung' ...«

»Ja, das ist dein Jung'. Und nun setz mal die Küchenlampe hin und nimm seinen alten, häßlichen Kopf in deine Hände und wünsch ... Ach – das ist ja alles gräßlicher, sentimentaler Unsinn ... Guten Abend! Und wenn ich wiederkomme, Mutter, laß mich still in dem alten Großvaterstuhl sitzen ... Und allein wollen wir zwei den ersten Abend sein, ohne Fremde, ja?«

Damit lief er hinaus.

Und lief durch das Städtchen. Vorbei an der verwitterten Mauer des Amtshofes, die ehemals den Zuggraben der alten Ritterburg eingefaßt hatte, den Landweg zur Oberförsterei hinunter und dann entlang an den weiten Mooren, aus denen raschelnde Schilfbüschel aufstiegen, über die verspätete Wasservögel geräuschlos strichen, deren jenseitige Ufer schwarzes Kieferngestrüpp, zwerghaft und häßlich in den Umrissen, abgrenzte.

Trostlos, einsam, reizlos ... Ein dunkles Bild, von laufenden Abendschatten überhuscht, mit gelben, verblassenden Lichtern am Horizont spärlich gefleckt, eine Welt verkörpernd, aus der Freude, Hoffnung und Vorwärtsstreben gewichen sind.

Dieses Bild begleitete den Doktor Born, der frierend den Fußweg am Ufer entlang ging, der scheuen, widerwilligen Blicks aufsog, was sich um ihn ausbreitete und der zuletzt auf dem Rückwege, als es immer dunkler und stiller wurde, die Fäuste ballte und abgebrochene Worte vor sich hin sprach. Als er wieder in die Stadt einbog, waren schon die Laternen angesteckt. Sie brannten trübe und in langen Abständen, und alles sah weiter und größer aus in diesem ungewissen Licht.

Auch sein Elternhaus. Die Fenster darin waren dunkel, nur aus dem der alten Kontorstube fiel ein gelbes Lichtherz durch den Ausschnitt der Holzläden auf die Straße.

In Gedanken starrte er darauf hin, dann ging er zum Torweg und machte die Tür auf.

Die Einfahrt war ganz dunkel. Auch die Hoftür schien geschlossen, nur ein paar trübgraue Streifen fielen als einzige Lichter durch ihre Ritzen in den Raum.

Doktor Born tastete die Wand entlang.

Da drängte sich etwas an ihn. Er fuhr zurück. Da schlangen sich ein paar Arme um ihn, fest und weich.

»Wer? ... Käthe?« ...

»Wilhelm, ja, ich bin es ... Wilhelm, ich sah dir vorhin nach, als du über die Straße gingst. So elend – so elend ... Ach ... Wilhelm – da hab' ich auf dich gewartet ... Du kamst ja immer durch die Einfahrt ...«

»Was willst du?« ...

Die Arme schlangen sich fester um ihn.

»Armer Wilhelm ... armer Wilhelm ...«

Sein Gesicht wurde von ihren Tränen naß.

»Laß mich doch, Käthe,« sagte er in schwacher Abwehr.

»Nein, Wilhelm – nein ... Hier, im Dunkeln muß ich's dir sagen ... Ich habe dich ja lieb wie damals – nein, tausendmal mehr ... Ich hab' ja all diese zehn Jahre nur an dich gedacht ... Tag und Nacht ... Und immer gewartet ... Und vorhin, in die Arme wollt' ich dir fliegen ... aber du ... Und jetzt seh' ich, wie du dich grämst ... Da drängt sich etwas aus mir heraus ... Und für mich will ich nichts – gar nichts ... nein ... nein ... Aber das Herz möcht' ich mir ausreißen und dir hinhalten ... nur daß du wieder lachst und arbeitest.«

Er schüttelte sie von sich.

»Laß mich, Käthe ...«

Sie hielt ihn fest.

»Laß mich ... wir haben zusammen nichts mehr ... Was fehlt dir? – So laß mich doch ...«

»Nein ... Nein.« Sie zog ihn mit sich.

»Sieh diese Tür ... vor zehn Jahren hast du den Pfahl da« – sie bückte sich und zog einen anscheinend fest eingerammten Pfahl aus dem Boden vor der Tür, an der sie standen – »den hast du damals losgemacht, damit du unbemerkt zu mir herein konntest ... Weißt du nicht mehr?«

»Ich weiß schon,« sagte er fröstelnd.

Sie stieß die Tür auf. Die führte in die Kontorstube, ihre Stube.

Beide standen nun im hellen Lampenlicht.

Sie ein glühendes, schönes Weib, sehnsüchtige Liebe, heißes Mitleid in den Augen – er ein grämlicher, alternder, verbitterter Mann, lichtscheu nach der dunkelsten Ecke der Einfahrt blickend, als ob er sich vor dem Überschwall an Licht und Liebe dorthin verkriechen wollte.

Aber schon hatte sie ihn in das Zimmer gezogen, aus dem er vor ein paar Stunden zornig und widerwillig hinausgegangen war.

»Was bedeutet das alles? ... Was soll ich hier?« fuhr er sie an.

»Du sollst an die Sommernächte denken,« sagte sie leise und demütig, »in denen wir da auf dem Bettrand saßen, Hand in Hand ... oder dein Kopf an meiner Brust ... Und an die schöne, gute Welt von damals sollst du denken – und dann ...« sie breitete die Arme aus – »dann sollst du wiederkommen und hier – hier weinen – weil alles so anders ist, als man's sich gedacht hat – und dann ...«

»Liebes Kind,« sagte er und sah nach der Tür, »quäl dich nicht und quäl mich nicht ... Was du da sagst – –«

»Hör nicht auf das, was ich sage,« unterbrach sie ihn hastig. »Ich hab' ja solche Herzensangst, daß ich nicht das Richtige finde – denn wenn ich das fände, dann mußt du ja kommen und bleiben ... Es ist ja menschenunmöglich ... Sieh, ich will ja nur dasein, wenn du keine bessere hast. Ich bin bloß für dich da ... Leib ... Seele ... jeder Gedanke ... all die zehn Jahre ... Und jetzt, wo ich dich wieder hier hab' ... Komm, komm ... Geh nicht weg ohne ein gutes Wort ... Du nimmst mein Leben mit, wenn du gehst – mit so kalten Augen – vielleicht böse wegen vorhin ... Ach nein ... das war ja ...«

Glühend, schwer atmend, mit angstvoll bettelnden Augen sah sie ihm ins Gesicht.

Aber er streckte abwehrend die Hände aus.

»Du bist sehr aufgeregt, Käthe,« sagte er mit erzwungener Ruhe. »Du mußt dich zusammennehmen. Ich kann da nicht mit, und ich will auch nicht ...«

»Du willst auch nicht ...« sagte sie nach.

Und die Glut aus ihrem Gesicht wich, die Spannung der Glieder ließ nach, und eine plötzliche Erschöpfung machte sie schlaff und weich.

Sie schleppte sich die zwei Schritte zum Bettrand, setzte sich darauf und sah mit verblaßten Augen zu ihm auf.

»Geh nun,« sagte sie matt.

Er reichte seine Hand herüber. Sie nahm sie nicht.

»Nein, Käthe – ein für allemal – mir ist die Lust an Aufregungen solcher Art längst vergangen, wie die Lust zur Liebe überhaupt ... Ich kann dich nicht brauchen – ich kann keine brauchen. Willst du das nicht begreifen, dann können wir eben nicht zusammen hier hausen – und es ist besser –«

»Ich gehe,« sagte sie tonlos.

»Versuch's mit dem Bleiben, Käthe ... Du überwindest es schon ... Es ist ja auch alles nicht wahr ... Einbildung ... Vorhin warst du ganz vernünftig. Quäl uns nun nicht mehr.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Gute Nacht, Käthe ... Komm nicht mehr herüber ... Wir sind beide wohl müde ... Gute Nacht!« ...

»Du sagst das so weich und gut ... Noch einmal ...« Sie machte die Augen zu.

»Gute Nacht,« sagte er und ging.

Eine Stunde wohl nach dem einfachen Abendbrot saß er erschöpft bei der Mutter, die ihm tausenderlei erzählte, was in der langen Zeit im Ort vorgegangen war. Dann suchte er seine alte Studentenstube im Giebel auf und streckte sich in den dicken, lavendelduftenden Federbetten.

Einmal, schon halb im Schlaf, sprang er auf. Er hatte vergessen, die Tür zuzuschließen.


Am nächsten Morgen weckte ihn lautes Klopfen.

»Wilhelm! Wilhelm!«

Es war die Mutter.

»Komm doch schnell, die Käthe macht gar nicht auf. Am End' ist ihr was passiert. Ich hab' schon solche Angst ...«

In wenigen Augenblicken war er fertig und stand mit der Mutter an Käthens Stubentür.

Alles Rütteln vergeblich.

»Hol' ein Hackmesser ... oder Beil.«

Die Alte lief in die Küche.

Er rüttelte noch einmal, da gab das Schloß nach, die Tür wich.

Hoch oben, der Tür gegenüber, die zur Einfahrt führte, baumelte ein Strick, ein umgefallener Stuhl lag davor.

Er sprang vorwärts.

An dem rechten Türpfosten zusammengesunken, augenscheinlich vom Stuhl herabgestürzt, ehe sie ihren Vorsatz ausführen konnte, so fand er Käthe. Sie war nur mit ihrem langen Nachthemde bekleidet, der Kopf hing über die Brust, und die langen schwarzen Zöpfe fielen auf den Boden.

Er riß hastig den Strick herab, dann hob er sie auf und schleppte sie in das Bett, das noch die Eindrücke ihres Körpers zeigte.

»Starken Kaffee ... Äther,« rief er angstvoll der Mutter zu, die eintrat und aufschreiend davonlief.

Und dann, allein mit ihr, stieß er die Läden auf und begann zu arbeiten ... unaufhörlich ... die üblichen Bewegungen mit ihren Armen, die sich gestern noch so fest um seinen Hals geschlungen hatten und nun schon kalt waren.

Vergebens ... Das Herz schlug längst nicht mehr. Der Tod hatte schon hinter ihr gestanden, als sie ihn rief ...

Schwindlig richtete Wilhelm Born sich endlich auf. Eine kümmerliche, gelbe Herbstsonnenwelle schlug eben ins Zimmer.

Da sah er, wie die offenen, gebrochenen Augen klagend aufstarrten, wie die Brauen schmerzvoll zusammengezogen waren und wie ein krampfiger Leidenszug den erblaßten Mund umschloß.

Der Schweiß trat ihm auf die Stirn. Er griff nach der Decke.

Aber wie seine Blicke noch einmal diesen blühenden Menschenleib umspannten, der nur für ihn auf der Welt gewesen war – »Leib – Seele – jeder Gedanke« – da zwang es ihn plötzlich zu Boden.

Er legte den Kopf auf die erkaltete Brust. Erlösende Schauer leidenschaftlicher Sehnsucht überrieselten ihn ...

»Käthe – wach auf – Käthe ... Käthe!«

Der leuchtende Tag

Herr und Frau Doktor Lohrer bildeten in dem locker zusammengefügten Teil der Berliner Gesellschaft, der aus einem fließenden Durcheinander von öffentlichen vornehmen Festen und Wohltätigkeitsvorstellungen besteht – mit ein wenig militärischem Einschlag und, wenn das Glück günstig ist, auch einmal unter hoher offizieller Protektion –, etwas wie einen festen Punkt.

Das elegante Paar mit seiner unbeirrten Sicherheit des Auftretens, vor allem mit der überzarten, fremdartig dunklen Schönheit der Frau, gab jeder geselligen Zusammenkunft Schmuck und Stil.

Die jungen, noch ungewandten Frauen und Jungfräulein studierten sogar Haltung und Toilette an Frau Erika Lohrer. Sie achteten darauf, wen sie begrüßte und mit welcher Abtönung sie das tat. Es war immer das Vorgeschriebene und der augenblicklichen Lage genau Angemessene – und das, was daran fehlte, das Persönliche oder gar Herzliche, konnte ja immer und nach Temperament oder Liebenswürdigkeit hinzugefügt werden.

Denn daß man etwas wie einen eigenen Ton in dem tadellosen und anmutigen Gebaren der schönen Frau vermißte, war nicht zu leugnen.

Niemand konnte sie sich mit verschwiegen oder heiß strömenden Tränen oder mit lautem, glücklichem Lachen vorstellen. Sie lächelte wohl, und bei gebotener Gelegenheit sah man es auch in ihren schönen, braunen Augen feucht aufschimmern, aber der Mangel an innerer Beteiligung fiel selbst in einer Gesellschaft auf, deren betontes Ziel es ist, sich in schönem Gleichmaß an der Oberfläche zu halten, Tiefen im eigenen Leben nicht ahnen zu lassen und in dem anderer nicht zu bemerken.

Dabei wußte man durch Verbindungen mit der thüringischen Fabrikstadt, in der die großen Farbwerke der Familie Lohrer lagen und die auch bis vor kurzer Zeit ihr Wohnort gewesen war, daß diese Frau, die in schönen Kleidern durch alle Fährlichkeiten des Lebens zu steuern, Gefühlen und Irrungen still und freundlich auszuweichen schien, durchaus nicht ohne Schicksalsschläge ihren äußerlich so glatten Weg hatte gehen dürfen.

Frau Erika stammte aus einer ostpreußischen Mittelstadt, in der ihr Vater, ein bekannter und sehr beschäftigter Rechtsanwalt, ein für die dortigen Verhältnisse herausfordernd großes Leben geführt hatte. Von der jungen, zu holdseliger Schönheit erblühten Tochter wußte man zu erzählen, daß sie eine voreilige Verlobung mit einem Ulanenoffizier eingegangen war, bei der es aus Vermögensrücksichten zu keiner Heirat habe kommen können. Die Eltern hatten sie, damit sie dieses Erlebnis leichter verwinden lerne, zu den reichen Verwandten Lohrer nach Thüringen geschickt. Während sie dort war, nahm die falsche Herrlichkeit des Vaterhauses ein Ende mit Schrecken.

Justizrat Lollin und seine Gattin waren eines schönen Tages tot, an Kohlendunst erstickt, in ihren Betten gefunden worden. Niemand hatte an einen unglücklichen Zufall geglaubt, berechtigte Gerüchte über die Notwendigkeit, sich durch den Tod vor Not und Schande zu retten, waren aufgetaucht, aber auch sofort wieder verstummt. Denn der junge Doktor Lohrer war erschienen, hatte die Sichtung des Nachlasses in die Hand genommen und alles so geordnet, daß niemand im geringsten geschädigt worden war.

Die junge Erika hatte Eltern und Heimat nie wiedergesehen. Sie war im Lohrerschen Hause geblieben und nicht lange nach dem schrecklichen Ereignis die vielbeneidete Frau des Doktor Lovis Lohrer geworden.

Ein furchtbarer Schlag hatte sie einige Jahre später allerdings auch noch getroffen. Ihr einziges Kind, ein schöner blondlockiger Junge, natürlich Abgott der Eltern, war bei einer Autofahrt mit der Bonne zusammen verunglückt.

Man hörte, daß Doktor Lohrer verhältnismäßig schwerer daran getragen habe als Frau Erika, bei deren zarter Gesundheit auf keinen Ersatz des Verlorenen zu rechnen war. Schließlich aber – überwunden hatten es nun wohl beide in ihrem ruhelosen Berliner Leben. Was Frau Erika vielleicht als sichtbare Spur des Erlebten zurückbehalten hatte, eine weiße Strähne, die seltsam in das schwarze Haar hineingewachsen war, diente noch dazu, den Reiz ihrer Erscheinung zu erhöhen.

Ihr Gatte, der in Fragen der Ästhetik auch bei Übelwollenden als Autorität galt, liebte und bewunderte diese Locke sehr und überwachte selbst die Unordnung der Frisur, wenn er mit seiner Frau »Staat machen« wollte, wie er lachend oder vielmehr lächelnd erzählte.

Laut war nämlich auch Doktor Lohrer selten oder nie in seinen Meinungs- und Gefühlsäußerungen. Aber bei ihm fühlte man zuweilen den Zwang, den er sich antat, um so unpersönlich und korrekt zu erscheinen, und wer ernsthaft mit ihm zu tun hatte, wußte, daß diese übergroße, schmale, etwas schlappe Gestalt sich plötzlich, wie von Federn gestrafft, aufrichten und daß der gleichmütig verbindliche Ausdruck des glattrasierten Fuchsgesichts sich je nach Veranlassung in einen beängstigend energischen oder abschreckend zynischen verwandeln konnte.

Im allgemeinen stand er der Welt, in die er sich verpflanzt hatte, näher als seine Frau, vielleicht gerade durch die hervorbrechenden kleinen Schwächen, die man ihm nachweisen konnte, wenn man wollte. Einen hervorragenden, wenn auch versteckten Platz darunter nahm die für das ewig Weibliche ein. Man verargte sie ihm nicht, da er in der Öffentlichkeit stets unzertrennlich von seiner schönen Frau erschien und sie vor aller Augen mit zartester Aufmerksamkeit umgab.

In Herrengesellschaft und zu vorgerückter Stunde war er ein guter Kumpan, der mit erfrischendem Gelächter über salonunfähige Witze quittierte und gelegentlich selbst welche zum besten gab, die vielleicht an Pikanterie die vorhererzählten noch übertrumpften.

Dann konnte er auch aufrichtig und harmlos von seinem zweiten Heim in der Eichstädter Straße sprechen, das er sein »hemdärmeliges« zu nennen pflegte, und von der »Kleinen«, die dort das Herdfeuer hütete.

Hier gab er auch zuweilen ein paar befreundeten Junggesellen hübsche Abende in vorgeschrittenem Kabarettstil. Das geschah aber sehr diskret und in einem engen Kreise zuverlässiger Gesinnungsgenossen, und wohl nie, ohne daß Herr Doktor Lohrer in leuchtender Vaterfreude einen süßen, blondhaarigen Buben präsentierte, »zu dem die Mutter nun doch einmal gehörte« ... »Und was wollen Sie, ich bin nun einmal ein Kindernarr, und leider ... leider ...«

Er zuckte dann bekümmert die Achseln, und man begriff die kleine »Unregelmäßigkeit«, wo man von ihr erfuhr. Sie war schließlich zu entschuldigen und vielleicht auch nur eine Art Ausruhen von all der tadellosen, wohltemperierten Vornehmheit und Stille des eigentlichen Hauswesens und dessen Herrscherin.

Frau Erika hatte natürlich keine Ahnung von dieser Abweichung ihres Gatten über den geraden Weg der ehelichen Treue hinaus, – wenn auch der Verkehr zwischen der Eichstädter und der Bendlerstraße telephonisch ein ziemlich reger war.

In der Abwesenheit des Hausherrn besorgte ihn die treue Lina, die Jungfer der Frau Erika, – eine Person, auf die man sich in jeder Hinsicht unbedingt verlassen konnte, wie Frau Lohrer gleichgültig und gläubig annahm und wie Herr Doktor Lohrer ausgiebig erprobt hatte.

... Es war ein Novembervormittag und ein launenhaft aufspringender Wind peitschte große Regentropfen auf das Glasdach des Ganges, der in der Lohrerschen Wohnung die hinteren mit den vorderen Räumen verband. Dieser Gang enthielt auch die Telephonzelle, aus der eben die treue Lina auf die Diele hinaustrat, auf der sie den Schritt des heimkehrenden Herrn gehört hatte.

»Ob Herr Doktor um 7 Uhr in der Eichstädter Straße erwartet werden dürfte?« fragte sie mit dem vorschriftsmäßig bewegungslosen Gesicht, dem nur ein kleiner, schräg glitzernder Seitenblick die Andeutung vertraulichen Einverständnisses gab.

»Wollen sehen – glaube kaum, Lina.«

Sie nahm ihm den nassen Überrock ab. –

»Grauenhaftes Wetter ... Nichts passiert?« ...

»Gnädige Frau hat Besuch.«

»Besuch? ... Jetzt? ... Die gnädige Frau empfängt doch nur Dienstags ... Und mit ihrer Erkältung! ... Wer ist's denn?« ...

»Eine ... Dame ... Sie trägt Reform ... Das ... das ist ihr Regenschirm.«

Sie wies auf einen nassen, nichts weniger als eleganten Schirm, der in der Garderobe stand.

»Teufel auch ... also eine Bettelei ... Aber Lina! Besser aufpassen! Die gnädige Frau ist viel zu unwohl, um sich Strapazen mit Fremden auszusetzen. Das wissen Sie doch ...«

Die treue Lina schüttelte den Kopf.

»Gnädige Frau machte eben die Salontür auf, als ich öffnete, und nahm das Fräulein selbst in Empfang. Es scheint gar keine Fremde. Ich hatte im Nebenzimmer das Fenster zu schließen ... die Damen sprachen sehr laut von Ostpreußen, und die gnädige Frau war auch sehr lebhaft ...«

Herr Doktor Lohrer sah nachdenklich vor sich hin und ging dann achselzuckend fort sich umzukleiden, während die treue Tina im Nebenzimmer noch ein Fenster schloß.

In dem kleinen, grünen Salon, einem von berühmter Künstlerhand auf die Erscheinung der Hausfrau gestimmten Raum, saßen in wahrer Treibhaustemperatur und in einer von einer Fülle mattfarbiger Chrysanthemen überhangenen Ecke – Frau Erika blaß, fröstelnd und hustend, mit ihrem Besuch, einem frischen, blondhaarigen Mädel in braungrauem Hängekleid.

Frau Erika hörte meist zu, sprach aber, wenn sie etwas sagte, mit mehr innerem Anteil, als es sonst in ihrer Art lag.

Kein Wunder ... Das Mädchen war die jüngste Tochter eines Hauses, in dem vor Jahren, als die Eltern noch lebten, die junge Erika in Jugendfrohsinn und Glückstraum unvergeßliche Tage verlebt hatte.

Jene Beziehungen waren längst abgebrochen. Die befreundete Familie auseinandergestoben, und die damals sechsjährige Kleine lebte allein hier in Berlin und studierte Musik.

Die bittere Not einer erkrankten Studiengenossin hatte sie nach langem Überlegen veranlaßt, das Lohrersche Haus aufzusuchen und die Hilfe der Frau zu erbitten, deren Name unter keiner der glänzenden Wohltätigkeitsveranstaltungen fehlte.

Die Angelegenheit war, nachdem Frau Erika sich von dem ersten Staunen erholt hatte, rasch erledigt. Der lungenkranken Patientin sollte geholfen werden. Nun waren in raschem Gespräch, dessen Kosten Fräulein Marta trug, vergessene Namen, verschwundene Gestalten, an deren Wiederkehr sie nie gedacht hatte, in Frau Erikas Erinnerung aufgetaucht, und ein Schimmer der untergegangenen Jugendsonne begann hier und da aufzuglänzen.

Sie vergaß darüber die quälende Influenza, die sich steigernden Schmerzen beim Atmen und hörte mit träumerischem Interesse zu.

»Ja und wissen Sie, gnädige Frau,« sagte das junge Mädchen mit ihrem stark ostpreußischen Tonfall, »was ich auch nie vergessen habe? ... Wie Sie damals, vor unserem Ball in die Kinderstube kamen ... noch nicht angezogen, in einem weißen Spitzenunterrock und langem Frisiermantel ... Ganz toll lustig waren Sie und sangen: »Da kam aus dem Wasser ein großes Krokodil ...« Und wie es weiterging: »Galopp, Menuett und Walzer, wer weiß, wie das geschah!« ... Da nahmen Sie mich auf den Arm, und wirbelten mich durch die ganze Stube ... und da bekamen Sie so das Lachen, daß wir beide hinfielen und gar nicht mehr aufstehen konnten!« ...

»Ich? ...« sagte Frau Erika verwundert ... »das war wirklich ... ich? ...«

»Na ja, freilich!« lachte Fräulein Marta, »der feine Schlußrefrain ist mir ja dann auch Leitmotiv geworden: »Gelobet seist du allezeit, Frau Musika! ...«

»Ja richtig ... Sind Sie denn schon weit? ... und wo studieren Sie eigentlich?« ...

Da erzählte Fräulein Marta, und ihr glühendes Gesicht fing an zu strahlen.

Sie liebte ihre Kunst und ihre Arbeit ... Ach, wie heiß sie sie liebte! ... »In all dem knappen Leben ... ostpreußische Gutsbesitzer ... Sie wissen ja ... und wir waren sechs Geschwister ... aber man freute sich doch auf jeden neuen Tag ... Wenn man mal ein Mittagessen überschlug, hatte man eine Mark für ein Busoni- oder d'Albertkonzert und konnte sich dann gar träumen, daß man an ihrer Stelle steht ... Überhaupt, wie war das wundervoll! ... Von einem Traum immer in den anderen geworfen ...«