Dreizehnter Brief.
Gesundheits-Gefühl inmitten der strengsten Winter-Monate. — Unannehmlichkeit, welche die glänzende Weiße des Schnees verursacht. — Schlittenfahrt. — Indianische Orthographie. — Besuch in einem Indianer-Lager. — Ein indianischer Krüpel. — Canadische Ornithologie.
See-Haus, März 14, 1834.
Ich erhielt Ihren letzten liebevollen und höchst interessanten Brief erst diesen Abend. In Folge eines Fehlers in der Aufschrift hatte er die Runde in zwei Gemeinde-Bezirken gemacht, ehe er in Peterborough anlangte; und ob er gleich fast eben so viele Aufschriften hatte als ein Matrosen-Messer neue Klingen und Hefte, so kam er doch zuletzt in meine Hände und war mir, trotz seinem etwas beschmutzten und abgenutzten Reise-Gewande, nicht minder willkommen und schätzbar.
Ich freute mich, von Ihrer wiederkehrenden Gesundheit und frohen Laune zu hören; — mögen sie von langem Bestand sein. Ihre Klagen über mein Exil, wie Sie meinen Aufenthalt in diesem Lande nennen, gingen mir sehr zu Herzen. Lassen Sie meine Versicherung, daß ich mich gegenwärtig eben so glücklich fühle, als zur Zeit, wo ich meine Heimath verließ, sich zum Trost wegen meiner Entfernung von Ihnen dienen. Ist auch meine Lage verändert, so ist es doch nicht mein Herz. Mein Geist ist so lebhaft und heiter wie je zuvor, und zu Zeiten fühle ich eine Aufgewecktheit und Frische in mir, die jeder Sorge Trotz bietet.
Sie fürchten, daß mich die Strenge des canadischen Winters aufreiben werde. Ich erfreute mich nie einer bessern Gesundheit, als seitdem er seinen Anfang genommen. Das Blut wird von der Frische und Reinheit der Luft dergestalt durchströmt und gekräftigt, daß man sich ganz heiter und wohl fühlt. Selbst der Schnee erscheint weißer und schöner als in unserm feuchten neblichen Klima. An sehr kalten hellen Wintertagen sieht man hier oft die Luft mit kleinen gefrornen Wasser-Theilchen gefüllt, die völlig trocken sind, und das Gesicht ganz leicht wie Nadelspitzen berühren, während der Himmel blau und heiter ist. Es herrscht zwischen dem ersten Schnee-Fall und dem in der Mitte des Winters ein merklicher Unterschied. Der erste zeichnet sich durch große weiche Flocken aus und liegt selten lange, ohne zu thauen, aber die Flocken des zweiten, nachdem regelmäßig anhaltende Kälte eingetreten ist, sind kleiner, trockner und von den schönsten Formen, bisweilen spitzig wie Strahlenbüschel, oder sonst auf die merkwürdigste Weise gefiedert.
Meinen Augen ist die blendende Weiße und das Funkeln des Schnees an heitern sonnigen Tagen sehr zuwider und macht mein Gesicht, wenn es derselben ausgesetzt gewesen, auf mehre Stunden äußerst schwach, so daß ich die mich umgebenden Gegenstände nicht deutlich unterscheiden kann. Ich möchte jedem rathen, der hierher kommt, sich mit grünen oder blauen Brillen-Gläsern[40] zu versehen, und den Damen, ja grüne Crep-Schleier mit zu bringen. Große grüne Brillen, wie sie der arme Moses kaufte, würde in Canada als kein so schlechtes Geschäft gegolten haben[41].
Vor einigen Tagen kehrte ich von einem Besuche
bei einer kranken Freundin zurück und weidete mich auf meinem Wege an den Wirkungen des Frostes. Erdboden, Bäume, jedes Reis, jedes dürre Blatt, jeder Stein, worauf mein Auge stieß, blitzten gleichsam von Diamanten, als wären sie von einem Zauberstab berührt worden; Gegenstände, vorher roh und jeder Schönheit ledig, hatten plötzlich einen unbeschreiblich blendenden Glanz angenommen. Man glaubte sich fast in Sindbad's Diamanten-Thal versetzt[42]. Ueberdies war die Luft keineswegs unangenehm oder unerträglich kalt.
Ich habe an windigen Tagen in England weit mehr Kälte empfunden als in Canada, bei einem weit niedrigeren Temperatur-Grade. Es herrscht hier in kalten Nächten eine fast entzückende Stille in der Luft, welche die Unannehmlichkeit der Kälte-Empfindung verringert.
Allerdings treten im Verlauf des Winters einige sehr kalte Tage ein, allein diese niedrige Temperatur hält selten länger als dreimal vierundzwanzig Stunden an. Der kälteste Theil des Tages ist von ein oder zwei Uhr vor Sonnen Aufgang bis ungefähr um neun Uhr Morgens; bis dahin haben unser prasselndes Holzfeuer (log-fire) oder unsre eisernen Oefen das Haus durchwärmt, so daß man sich um die drausen herrschende Kälte gar nicht bekümmert. Im Freien fühlt man sich bei gehöriger Bewegung und hinreichender Bekleidung weit weniger unbehaglich, als man glauben sollte. Ohren und Nase sind der Kälte am meisten ausgesetzt.
Leute, die von einer langen Reise kommen, bilden bisweilen eine seltsame Erscheinung, die einem, wären sie nicht zu bemitleiden, ein Lächeln entlocken würde.
Haare, Schnurrbart, Augenwimpern, Bart, alles ist mit Reif überzogen. Ich habe junge Damen in Abend-Gesellschaften gehen sehen, mit Locken, so dunkel wie die Ihrigen, die aber bald durch den kalten Luft-Hauch in Silberweiß verwandelt wurden, so daß man fast auf die Idee gerieth, die schönen Mädchen wären in ihre alten Großmütter metamorphosirt worden, glücklicher Weise für Jugend und Schönheit sind dergleichen Verwandlungen nur vorübergehend.
In den Städten und volkreichen Theilen der Provinz begrüßt man die Annäherung des Winters, anstatt sie zu fürchten, mit wahrer Freude. Reisen sind dann ungehindert und angenehm; selbst unsre elenden Buschstraßen gewinnen im eigentlichen Sinne des Wortes an Werth; und sollte man auch während einer Lustfahrt ein- oder zweimal umgeworfen werden, so sind doch dergleichen Zufälle von keiner großen Gefahr begleitet, auch erweckt ein Burzelbaum in den Schnee vielmehr Gelächter als Mitleiden; daher ist es bei dergleichen Gelegenheiten das Beste, das bischen Schnee, was man etwa aufgeladen, mit gutem Anstand abzuschütteln und in die Lust und Späße der Gesellschaft einzugehen.
Das Reisen auf dem Schlitten ist in der That höchst angenehm; je mehr Schnee, desto besser die Schlitten-Zeit; und je härter er wird, desto leichter ist die Bewegung des Fuhrwerks. Die Pferde sind sämmtlich mit Glocken-Geläute und Schellen sowohl um den Hals als auf dem Rücken geschmückt, und das lustige Geklingel ist keineswegs unangenehm.
Sobald eine hinreichende Menge Schnee gefallen ist, wird alles Fuhrwerk von der Staats-Karosse bis zur Radeberge auf eisenbeschlagne Kufen — den Schlittschuh-Eisen nicht unähnlich — gesetzt. Die gewöhnlichen Reise-Equipagen sind der Doppel-Schlitten, (double sligh) der leichte Wagen und der Cutter; die beiden ersten werden von zwei Pferden, neben einander gezogen, der letztre dagegen, bei weitem das eleganteste Fuhrwerk dieser Art, ist blos für ein Pferd bestimmt und entspricht mehr dem Gig oder der Chaise.
In Büffel-Häute gehüllt, fühlt man keine Unannehmlichkeit von der Kälte, ausgenommen im Gesicht, das man durch einen warmen Biber, einen Hut oder eine Mütze schützen muß; Mützen werden hier selten oder niemals getragen, und zwar aus dem lächerlichen Grunde, weil es nicht Mode ist.
Das rothe, graue und schwarze Eichhörnchen ist in unsern Wäldern häufig. Die Moschus-Ratze bewohnt kleine Häuser, die sie in den binsenreichen Theilen der Seen erbaut. Diese Wohnungen bestehen aus Riethgras und Binsen-Wurzeln, Stöcken und andern ähnlichen Materialien und sind mit Schlamm ausgekleidet, ein dichtes, die Wasserfläche einen Fuß und mehr überragendes Schilfdach schützt das Gebäude von oben; es ist von runder domartiger Gestalt und vom Ufer aus in einiger Entfernung sichtbar. Die Indianer stellen Fallen, um die Thierchen in ihrer Wohnung zu fangen, und verkaufen ihre Felle, welche gegen den Winter sehr dicht und glänzend sind. Der Biber, der Bär, der schwarze Luchs und Füchse werden ebenfalls getödtet und von den Jägern an die Vorratshändler gegen Waaren oder Geld verkauft.
Die Indianer richten die Rehhäute zur Verfertigung von Mocassins zu, die von den Ansiedlern in diesen Theilen sehr gesucht werden; sie sind in Schnee-Wetter sehr behaglich und halten die Füße sehr warm, indeß umwickelt man den Fuß, ehe man sie anlegt, mit einigen Tüchern. Ich trug den ganzen letzten Winter hindurch ein schönes Paar dergleichen Stiefel; sie waren mit Stachelschwein-Spuhlen genäht und mit scharlachnen Binde-Bändern versehn; eine alte Squaw, die Frau des Jägers Peter, sie kennen ihn bereits aus einem früheren Briefe, war die Meisterin, welche sie verfertigt. Bei dieser Gelegenheit erhielt ich ein Pröbchen indianischer Orthographie, das die Mocassins begleitete und mir nicht wenig Spaß machte; ich will Ihnen die paar Zeilen, einem Notchen (Rechnung) nicht unähnlich, hier mittheilen.
Sir
Pleas if you would give something; you must git in ordir in store is woyth (worth) them mocsin porcupine quill on et. One dollars foure yard.
Dieses seltsame Billet war das Machwerk von Peter's ältestem Sohne und sollte mich dahin bedeuten, daß, wofern ich Lust hätte, die Mocassins zu kaufen, der Preis dafür ein Dollar oder eine Anweisung an ein Vorrathshaus auf vier Ellen Cattun sei, denn so verdollmetschte mir die Squaw seinen Inhalt. Die Anweisung auf vier Ellen gedruckten Cattun wurde an Mrs. Peter überliefert, die sie sorgfältig mit Nadeln in die Falten ihres Busentuches befestigte; und wohlzufrieden mit der Zahlung ging sie von dannen.
Dies erinnert mich an einen Besuch, den wir letzte Woche den Indianern abstatteten. Da ich einiges Verlangen in mir fühlte, das seltsame Völkchen in seinem Winter-Lager zu sehen, so äußerte ich meinen Wunsch gegen S—, der bei dem alten Jäger und seiner Familie in großer Gunst steht; als einen Beweis von Auszeichnung haben sie ihm den Titel Chippewa, den Namen ihres Stammes, gegeben. Die Gelegenheit, im Indianer-Wigwam die Honeurs zu machen, kam ihm ganz erwünscht, und es wurde beschlossen, daß er bei uns mit einigen seiner Schwäger und Schwägerinnen, die zufällig auf Besuch bei ihm waren, Thee trinken sollte, und daß wir dann in Gesellschaft einen Ausflug nach dem Lager im Walde machen wollten.
Eine lustige Gesellschaft brachen wir an besagtem Abende bei dem prächtigsten Sternenlicht nach dem verabredeten Orte auf; der Schnee funkelte mit tausend Diamanten auf seiner gefrornen Oberfläche, über die wir mit dem leichtesten Herzen, so leicht wie es nur in dieser sorgenvollen Welt sein kann, wegsetzten. Und gewiß hatte ich nie einen lieblicheren Anblick, als die Wälder darboten; es war am vorhergehenden Tage viel Schnee gefallen, und in Folge der völligen Windstille war auch nicht die kleinste Menge von den Bäumen abgeschüttelt worden. Die stets grünen Nadelhölzer bogen sich unter ihrer glänzenden Last, jeder Zweig, jedes Blatt, jeder Zapfen war bedeckt, und einige dünne Bäumchen lagen, vom Schnee niedergedrückt, fast auf der Erde und bildeten die niedlichsten seltsamsten Lauben und Arkaden über unserm Pfade. Sah man nach den Wipfeln der Bäume empor, so schien der dunkelblaue Himmel von einem silbernen Schleier bedeckt zu sein, durch welchen die hellleuchtenden Sterne mit keuschem Glanze herabblickten.
Ich war stets eine Liebhaberin von Schnee-Landschaften, aber weder in diesem Lande noch in der Heimath sah ich je etwas so über alle Vorstellungen Liebliches, als wie mir der Wald in dieser Nacht erschien.
Wir verließen die breite Straße und schlugen einen Nebenweg ein, den die Indianer fest getreten hatten, und bald bemerkten wir den Wigwam an dem röthlichen Rauche, der aus dem offnen, korbgeflechtartigen Dache der kleinen Hütte hervor qualmte. Letztere besteht zunächst aus leichten Stangen, die, in einem Kreise in die Erde befestigt, einen runden Raum von zehn bis zwölf Fuß Durchmesser einschließen. Zwischen diese Stangen sind lange Birken-Rinden-Schichten gezogen oder geflochten, und zwar sowohl innerlich als äußerlich; nach oben, wo die Stangen gegen einander geneigt sind ist eine Oeffnung gelassen, zum Entweichen des Rauches; die Außenwände waren auch mit Schnee belegt oder umdämmt, so daß von unten gar keine Luft eindringen konnte.
Einige von unsrer Gesellschaft, die jünger und leichtfüßiger waren, als wir gesetzten verheiratheten Leute, liefen voraus, so daß wir, als das Tuch, welches als Thüre diente, weggenommen wurde, eine buntscheckige Gesellschaft von dunkelfarbigen Häuten und blassen (weißen) Gesichtern aus den weichen Tüchern und Fellen gelagert fanden, die rings an den Wänden in dem Wigwam ausgebreitet waren.
Die dunkelbraune Hautfarbe, das buschige schwarze Haar und das eigenthümliche Costüm bildeten einen auffallenden Contrast mit den weißen Europäern, die unter die Indianer gemischt dasaßen, der seltsame Anblick wurde noch durch das flackernde, in der Mitte lodernde Holzfeuer erhöht, welches die Gruppe mit seinem röthlichen Schimmer bestrahlte. Die Jagdhunde lagen in träger Behaglichkeit dicht neben dem Holzstoß, während drei oder vier dunkelfarbige kleine Wilde mit einander spielten oder ihrer Erzürnung über die beständigen Neckereien und Affenstreiche des bucklichen Maquin, mit welchem ich Sie bereits bekannt gemacht habe, durch lautes Schreien Luft machten; denn dieser indianische Spiegelberg schien sein größtes Vergnügen im Necken und Quälen der kleinen Papousen zu finden, wobei er von Zeit zu Zeit voll schadenfroher Laune nach den Gästen schielte, und gleich darauf wieder, wenn er die Blicke seines Vaters oder der Squaws auf sich gerichtet glaubte, die ernsteste Miene von der Welt annahm.
Ein leichtes Geräusch unter den Anwesenden bezeichnete unsre Ankunft, als wir eins nach dem andern durch die Thür in die Hütte traten. Unsre Freunde empfingen uns mit fröhlichem Lachen, welches mehr als einer der männlichen Indianer nachhallte, während die Squaws ein eigenthümliches Kichern vernehmen ließen.
Chippewa (S—,) erhielt einen Ehrenplatz neben dem Jäger Peter; und Squaw Peter (Peter's Frau) räumte mir mit großer Zuvorkommenheit und freundlichem Gesicht einen Platz auf ihrem Betttuch ein, zu welchem Behuf zwei Papousen und ein Jagdhund schreiend und wehkagend in die Nachbarschaft ihres Quälgeistes Maquin verwiesen wurden.
Die reizendsten Personen in dem Wigwam waren zwei Indianer-Mädchen, eine von ungefähr achtzehn Jahren, — Johanna, des Jägers älteste Tochter, und ihre Cousine Margaret. Die Schönheit der erstern überraschte mich nicht wenig, ihre Züge waren im buchstäblichen Sinne des Worts fein, und trotz ihrer Zigeuner-Schwärze fand ich doch das Purpurroth ihrer Wangen und Lippen, wo nicht schön, — wenigstens angenehm und sehr anziehend. Ihr Haar war pechschwarz, weich und glänzend, und dabei sauber über die Stirn gefaltet und nicht in zottigen Massen unordentlich und wild herabhängend, wie gewöhnlich bei den Squaws. Johanna war sich ihrer überlegnen Reize augenscheinlich bewußt, sie konnte als eine indianische Schönheit gelten, auch legte sie ihre Eitelkeit durch die vorzügliche Sorgfalt an den Tag, womit sie ihren schwarzen Tuch-Mantel angeordnet hatte, er war oben mit einem zierlich über die eine Schulter geschlagnen scharlachnen Stück Zeuge besetzt und auf der linken Seite durch ein vergoldetes Schlößchen befestigt. Margaret war jünger und kleiner von Statur, und wiewohl man sie lebhaft und recht hübsch nennen konnte, so fehlte ihr doch die ruhige Würde ihrer Cousine, sie hatte in Gesicht und Figur mehr von der Squaw. Die beiden Mädchen nahmen eine Bettdecke für sich ein und waren mit Verfertigung einiger höchst eleganten Futterale aus Rehleder beschäftigt, die sie mit gefärbten Perlen und Spuhlen überzogen; Perlen und Spuhlen lagen in einer kleinen zinnernen Torten-Pfanne auf ihren Knien; meine alte Squaw dagegen hielt ihre Stachelschwein-Spuhlen im Munde und die feinen getrockneten Sehnen, ebenfalls von Rehen, deren sie sich anstatt Zwirns zu dieser Art Arbeit bediente, hatte sie im Busen.
Als ich den Wunsch äußerte, einige von den Stachelschwein-Spuhlen zu besitzen, gab sie mir einige von verschiedner Farbe, womit sie ein paar Mocassins durchwirkte, bemerkte aber dabei, daß es ihr an Perlen zu den Mocassin's fehle, und ich verstand recht wohl, daß sie dergleichen für die Spuhlen von mir zu erhalten wünsche. Indianer verschenken nie etwas, seitdem sie mit den Weißen zu verkehren gelernt haben.
Meine Lobsprüche, die ich Johanna's Schönheit zollte, entzückten die gute Matrone. Sie erzählte mir, daß das hübsche Mädchen bald mit einem jungen Indianer verheirathet werden würde, der an ihrer Seite saß, in allem Stolze, welchen ein neuer Mantel, eine rothe Schärpe, gestickte Pulver-Tasche und ein großes vergoldetes Schloß an dem Kragen seines Mantels, der so warm und so weiß erschien, wie ein frischgewaschnes Schaffell, verleihen konnten. Die alte Squaw that sich auf das junge Pärchen offenbar nicht wenig zu Gute; sie blickte oft danach und wiederholte fast stets die Worte: »Johanna's Gatte — mit der Zeit heirathen. —«
Wir hatten den Indianern oft mit Vergnügen gelauscht, wenn sie Sonntags Abends ihre frommen Lieder sangen; daher ich sie jetzt bat, uns einige zum Besten zu geben; der alte Jäger nickte mir seine Einwilligung zu und erließ mit dem Ernst und Phlegma eines Holländers, ohne seine Pfeife aus dem Munde zu nehmen, seine Befehle, welchen von den jüngern Gliedern der Gesellschaft augenblicklich Folge geleistet wurde, und bald füllte ein Chor reicher wohltönender Stimmen die kleine Hütte mit einer Melodie, welche uns bis ins Herz drang.
Das Lied ertönte in der Sprache der Indianer, welche vorzüglich wohlklingend und weich in ihren Cadencen ist und sehr vocalreich zu sein scheint. Ich konnte der bescheidnen Miene der Mädchen meinen Beifall nicht versagen; sie schienen gleichsam ängstlich, Beobachtung zu vermeiden, die sie, wie sie recht gut empfanden, durch ihre lieblichen Stimmen auf sich ziehen mußten, sie suchten ihr Gesicht den Blicken der Fremden zu entziehen, indem sie einander ansahen und den Kopf auf ihre Arbeit niedersenkten, die sie noch immer in den Händen hielten. Ihre Haltung, welche die der orientalischen Nationen ist; ihre Kleidung, ihr schwarzes Haar, ihre dunkeln Augen, ihr olivenfarbner Teint, das erhöhte Roth ihrer Wangen und der bescheidne Ausdruck ihres Gesichts würden ein Studium für den Maler gebildet haben. Ich wünschte, Sie hätten der Scene beiwohnen können; Sie würden dieselbe nicht leicht vergessen haben. Sehr gefiel mir auch die tiefe Ehrfurcht in den Gesichtszügen der ältern Glieder der Indianer-Familie, während sie ihren Kindern lauschten, welche ihre Stimmen zur Verherrlichung Gottes und des Erlösers, die sie zu fürchten und lieben gelernt hatten, ertönen ließen.
Die Indianer scheinen sehr zärtliche Eltern zu sein; es ist erfreulich, die liebevolle Weise zu sehen, wie sie die kleinen Kinder behandeln, ihre Blicke strömen, wenn sie dieselben liebkosen, von Zärtlichkeit und Freude. Während des Gesanges kroch jede Papouse zu den Füßen ihrer Aeltern, und diejenigen, welche noch zu jung waren, um ihre Stimmen mit dem kleinen Chor vereinigen zu können, verharrten von Anfang bis zu Ende in der tiefsten Stille. Ein kleines Mädchen, eine dicke braune Trutschel von drei Jahren, schlug den Tact auf ihres Vaters Knien, und mengte von Zeit zu Zeit ihre kindliche Stimme ein; jedenfalls besaß sie ein gutes Ohr und natürliche Anlage zur Musik.
Ich konnte nicht begreifen, wo die Indianer ihre Vorräthe, Kleider und andre bewegliche Artikel aufbewahrten, da der Wigwam so klein war, daß außer für ihre Person und ihre Hunde, kein Platz vorhanden zu sein schien. Ihr Erfindungsgeist hatte ihnen indeß für den Mangel an Raum Ersatz geleistet, und ich entdeckte bald eine Einrichtung, die dem Zweck von Verschlüssen, Säcken, Schachteln u. s. w. vollkommen entsprach, nämlich die innern Birkenrinden-Schichten waren so zwischen die Stangen, (welche das Gerippe der Hütte bedeckten) gezogen, daß sie rings herum Taschen bildeten; in diesen Taschen staken die Habe und Nahrungs-Vorräthe der Bewohner: eine Abtheilung enthielt gedörrtes Rehfleisch, eine andre gedörrte Fische, eine dritte einige flache Kuchen, welche sie, wie mir gesagt worden ist, auf eine ihnen eigenthümliche Weise mittelst heißer Asche, darüber und darunter, backen, die aber eben deshalb meines Bedünkens dem Gaumen nicht sonderlich zusagen können; ihre Kleider, das Material zu ihren verschiednerlei Arbeiten, als Perlen, Spuhlen, Tuchfleckchen, Seide und tausend andre Kleinigkeiten nahmen die übrigen derartigen Behälter ein.
Trotz der ziemlich weiten Oeffnung nach oben war das Innere des Wigwams doch so heiß, daß ich kaum athmen konnte, und während meines Aufenthalts darin alle Tücher ablegen mußte. Ehe wir unsern Heimweg antraten, bestand der Jäger darauf, uns ein Spiel zu zeigen, welches einige Aehnlichkeit mit unserm Bilboket (cup and ball) hat, aber complicirter ist, und mehr Behändigkeit erfordert; den Indianern machte unser Mangel an Geschicklichkeit offenbar nicht wenig Spaß. Außerdem zeigten sie uns ein andres Spiel, (nine-pins) dem Kegelspiel einigermaßen verwandt, nur daß die Anzahl der in die Erde befestigten Stöcke größer war. Ich konnte unmöglich länger bleiben, um die kleine Reihe Stöcke umwerfen zu sehen, da die Hitze des Wigwams mich fast erstickte, und fühlte mich ordentlich glücklich, als ich wieder frische Luft einathmen konnte.
In einem andern Klima würde man sich schwerlich einem so plötzlichen und auffallenden Temperatur-Wechsel ohne eine starke Erkältung aussetzen können, allein glücklicher Weise ist jenes fatale Uebel, catchée le cold (Schnupfen), wie es die Franzosen nennen, in Canada nicht so vorherrschend als in der Heimath.
Vor etwa zwanzig Jahren, als sich die brittischen Ansiedler, in Folge der Erinnerung an die während des Freiheitskrieges ausgeübten Grausamkeiten, eines Gefühls von Furcht vor den Indianern noch nicht ganz erwehren konnten, wurde eine arme Frau, die Wittwe eines Emigranten, welche auf einer Meierei in einem der dünn bevölkerten Gemeinde-Bezirke, jenseits des Ontario, wohnte, durch das plötzliche Erscheinen eines Indianers im Innern ihrer Blockhütte erschreckt. Er hatte sich so still hineingeschlichen, daß er nicht eher bemerkt wurde, als bis er sich vor das prasselnde Feuer, der überraschten Wittwe und ihren Kleinen gerade gegenüber, gestellt hatte; natürlicher Weise zitterten die armen Kinder und zogen sich mit schlecht verheelter Furcht in den äußersten Winkel der Stube zurück.
Ohne auf die Störung, welche sein Erscheinen verursachte, Rücksicht zu nehmen, fing der Indianer an, sich seiner Jagdkleider zu entledigen; hierauf band er seine nassen Mocassins los, die er zum Trocknen am Feuer aufhing, und gab deutlich seine Absicht zu verstehen, daß er unter dem Dache der Wittwe übernachten wolle, indem es schon ziemlich dunkel sei, und der Schnee in schweren Schauern vom Himmel falle.
Kaum wagend, einen hörbaren Athemzug zu thun, bewachte die kleine Gruppe mit ängstlichen Blicken die Bewegungen ihres unwillkommnen Gastes. Denken Sie sich ihren Schreck, als sie ihn aus seinem Gürtel ein Jagdmesser hervorziehen und mit bedächtiger Miene dessen Schneide prüfen sahen. Nach diesem unterwarf er seine lange Flinte und sein Tomahawk einer ähnlichen Untersuchung.
Die Verzweiflung der von Furcht und Schrecken betäubten Mutter hatte jetzt ihre höchste Stufe erreicht. Sie sah schon in Gedanken die grauenvoll verstümmelten Leichname ihrer ermordeten Kinder an jenem Heerde, welcher so oft der Tummelplatz bei ihren unschuldigen Spielen gewesen war. Instinktmäßig faltete sie die zwei jüngsten bei einer vorwärts gerichteten Bewegung des Indianers an ihre Brust und wollte sich eben, als er mit den gefürchteten Waffen auf sie zuging, mit thränenden Augen zu seinen Füßen niederwerfen und um Barmherzigkeit für sich und ihre kleinen Lieblinge flehen. Wie groß aber war ihr Erstaunen und ihre Freude, als er mit sanfter friedfertiger Miene Flinte, Messer und Tomahawk neben ihr niederlegte und durch diese Handlung zeigte, daß er nichts Arges gegen sie im Schilde führe[43].
Die Begnadigung eines zum Tode verurtheilten Verbrechers im Augenblick vor seiner Hinrichtung konnte nicht willkommner sein, als das friedfertige Benehmen des Indianers gegen die arme Wittwe. Voll Eifer, zu gleicher Zeit ihr Zutrauen und ihre Dankbarkeit zu äußern, beeilte sie sich, dem nicht länger gefürchteten Gaste ein Mahl zu seiner Erfrischung zu bereiten, und von dem ältesten ihrer Kinder unterstützt, breitete sie ein frisches Betttuch über ihr eignes Lager, welches sie freudig dem Fremdlinge abtrat. Ein ausdrucksvolles »Hugh! hugh!« war die Erwiederung auf diesen Beweis von Gastfreundschaft; als er aber Besitz von diesem, für ihn üppigen Lager nahm, gerieth er in sichtbare Verlegenheit. Es war offenbar, daß der Indianer niemals ein europäisches Bett gesehen und noch weniger in einem geschlafen hatte. Nach genauer Untersuchung der Kissen und Bettdecken, welche einige Minuten dauerte, sprang er mit freudigem Lachen auf das weiche Lager, rollte sich wie ein Hund zusammen und war bald in tiefen Schlaf versunken.
In der Dämmerung des Morgens brach der Wilde wieder auf und nahm Abschied von der gastlichen Hütte. So oft er nachmals das Jagdrevier in der Nachbarschaft der Wittwe betrat, konnte diese mit Gewißheit auf einen Besuch von ihm rechnen. Die Kinder, welche sich nicht länger vor seinem geschwärzten Gesicht und seinen kriegerischen Waffen fürchteten, drängten sich dann um ihn her, setzten sich auf seine Knie, bewunderten seine mit Federn geschmückte Pulver-Tasche, und betasteten die schön gestickte Scheide, welche sein Jagdmesser enthielt, oder die sauber gewirkten Mocassins und Bein-Bekleidung, während er den kleinen Dingern den Kopf streichelte und seine Liebkosungen zwischen ihnen und seinen Jagdhunden theilte.
So lautet die Geschichte, welche mir ein junger Missionär erzählte. Ich habe dieselbe mitgetheilt, weil sie mir als Charakterschilderung eines Häuptlings dieses merkwürdigen Völkerstammes nicht uninteressant schien. Chiboya (so hieß der eben erwähnte Wilde) war einer der Chippewas vom Reis-See, deren Mehrzahl gegenwärtig zum Christenthum bekehrt ist und in der Gesittung und Ackerbaukunde beträchtliche Fortschritte macht. Jagd und Fischerei scheinen indeß ihre Lieblingsbeschäftigungen zu sein; diesen nachzuhängen, verlassen sie die bequemen Häuser der Indianer-Dörfer und kehren zu bestimmten Zeiten im Jahre nach ihren Jagdrevieren im Walde zurück. Irr' ich nicht, so ist man allgemein der Meinung, daß ihre Zahl abnimmt, und einige Stämme in Canada sind ziemlich, wo nicht ganz und gar, ausgetilgt[44]. Die Rasse verschwindet langsam von der Erde oder vermischt sich allmälig mit den Colonisten, und vielleicht dürften nach Verlauf einiger Jahrhunderte kaum noch ihre Namen bekannt sein, um von ihrer ehemaligen Existenz Zeugniß zu geben.
Wenn Sie das nächste Mal ein Kistchen oder Päckchen senden, so fügen Sie doch gefälligst einige gute Gesangbücher bei, denn ein solches Geschenk ist den bekehrten Indianern besonders willkommen. Ich lege das religiöse Lied bei, welches sie uns an jenem Abend in dem Wigwam sangen; es ist die indianische Uebersetzung und von dem ältesten Sohn des Jägers Peter geschrieben; er war sehr erfreut, als ich ihm sagte, daß ich es von ihm copirt zu erhalten wünschte, weil ich es über Meer in mein Vaterland zu senden gesonnen sei, um den Engländern zu zeigen, wie gut die Indianer schreiben können.
Der Krüpel Maquin hat mir ein Miniatur-Canoe von Birken-Rinde gemacht, welches ich ebenfalls als eine Merkwürdigkeit und ein kleines Andenken für Sie beifüge. Die rothen und schwarzen Kaninchen-Felle sind für Hannchen; die Feder-Fächer und Feder-Tapeten für Sarah. Sagen Sie letztrer, daß ich meiner nächsten Sendung einige Exemplare unsers schönen Roth-Vogels zum Ausstopfen für sie beifügen werde; es ist jedenfalls die virginische Nachtigall; er langt im Mai oder April an und verläßt uns spät im Sommer; er gleicht ganz genau einer ausgestopften virginischen Nachtigall, die ich in einer schönen Sammlung von amerikanischen Vögeln gesehen habe[45].
Der blaue Vogel ist nicht weniger hübsch und lieblich, und wandert ziemlich zu derselben Zeit; sein Gefieder ist himmelblau; allein ich habe noch nie einen außer im Fluge gesehn, daher ich ihn nicht beschreiben kann[46].
Die Kreuzschnäbel sind allerliebste Thierchen; Männchen und Weibchen sind in Farbe ganz verschieden von einander, ersteres zeigt ein angenehmes Gemisch von Scharlachroth und Orangengelb, welches, auf der Brust in Olivengrün und Braun verläuft; letzteres gleicht mehr unsrer Goldammer, nur daß seine Farben nicht so glänzend sind, und überdies ist es weit sanfter und sieht unschuldiger und harmloser aus; sie kommen im Winter eben so traulich und furchtlos, wie die Rothkehlchen in der Heimath, an unsre Fenster und Thüren.
Bei Annäherung der strengen Jahreszeit ziehen die meisten unsrer Vögel fort; selbst das hohltönende Gehämmer des rothköpfigen und des kleinen grau und weißgefleckten Baumhackers wird nicht mehr vernommen. Das scharfe Geschrei des Eichhörnchens ertönt seltner; und Stille, unheimliche und ununterbrochne Stille herrschen im Herzen des Winters.
Beinahe hätte ich meine kleinen Lieblinge vergessen, eine Meisen-Art, die uns nie ganz verläßt. An hellen warmen sonnigen Tagen sehen wir ganze Flüge dieser zarten Vögel sich auf den gefiederten Zweigen der Schierlings-Tannen oder strauchigen Fichten auf
den Ebnen oder im Walde schaukeln; und oft bin ich auf meinem Wege stehen geblieben, um ihren muntern Scherzen zuzuschauen und ihrem fröhlichen Gezwitscher zu lauschen. Ich bin nicht ganz gewiß, glaube aber, daß dies der nämliche kleine Vogel ist, welchen die Eingebornen Thit-a-be-bee nennen; sein Gesang, obwohl schwach, und ziemlich einförmig, ist nicht unangenehm; und wir schätzen ihn um so mehr, da er fast der einzige Vogel ist, der während des Winters singt.
Ich hatte viel von der Schnee-Ammer gehört, aber niemals eine gesehen, außer vor Kurzem, und dann nicht nahe genug, um ihre Form und Farbe genau zu unterscheiden. Es war ein ungewöhnlich heitrer Tag, der Himmel wolkenlos, und die Luft fast warm, als mich bei einem Blick nach den See die Erscheinung einer Fichte hart am Ufer überraschte; der Baum schien gleichsam mit silbernen Sternen bedeckt, die gegen den blauen Himmel glänzten. Dieses mir neue Schauspiel erfüllte mich mit so großer Freude, daß ich hinaus lief, um die Sache näher ins Auge zu fassen; aber wer schildert mein Erstaunen! als meine Sterne sämtlich nach einem andern Baume flogen, wo sie durch das beständige Flattern und Wedeln ihrer kleinen weißen Fittige gegen das Sonnenlicht jene schöne Wirkung hervorbrachten, die zuerst meine Aufmerksamkeit erregt hatte; bald waren sämmtliche Fichten von diesen lieblichen Geschöpfen gleichsam erleuchtet. Gegen Mittag zogen sie wieder fort und ich habe sie seitdem nur ein einziges Mal gesehn. Sie setzen sich nie auf die Erde oder einen niedrigen Baum oder Ast, daher ich sie nicht näher beobachten konnte.
Von unsern Singvögeln sind das Rothkehlchen, die Amsel und ein kleines niedliches Vögelchen, das unserm gemeinen Zaunkönig gleicht, diejenigen, womit ich am bekanntesten bin. Das canadische Rothkehlchen ist um Vieles größer als unser heimathliches Rothkehlchen, es ist ein zu grober und großer Vogel, um unserm kleinen Liebling, »dem Hausvogel mit dem rothen Brustlatz,« wie ihn Bischof Carey in einem an Elisabeth, Tochter Jakob's I., bei ihrer Hochzeit mit dem unglücklichen Pfalzgrafen Friedrich, gerichteten Sonnet nennt, zu gleichen.
Der Gesang des canadischen Rothkehlchens ist keineswegs zu verachten; seine Töne sind klar, angenehm und mannigfaltig; er besitzt denselben muntern lebhaften Charakter, wodurch sich der seines Namensverwandten auszeichnet; aber in ihren allgemeinen Gewohnheiten weichen beide Vögel sehr von einander ab. Das canadische Rothkehlchen zeigt sich weniger zutraulich gegen den Menschen, dagegen ist es mit seines Gleichen befreundeter; die Thierchen versammeln sich bald nach der Brüte-Zeit in ganzen Heerden und scheinen sehr gesellig und vertraulich unter einander; aber sie nähern sich selten oder niemals unsern Wohnungen. Die Brust des Vogels ist hellroth, der Kopf schwarz; der Rücken, so zu sagen, stahlblau oder schieferfarben; in Größe gleicht er einer Drossel.
Die Amsel ist vielleicht unser bester Sänger, wenigstens meinem Geschmack nach; ihr Gesang giebt dem unsrer englischen Amsel nichts nach, dabei ist der Vogel selbst weit schöner von Gefieder, welches glänzend, schillernd und grünlich schwarz ist. Der obere Flügeltheil der ausgewachsenen männlichen Amsel ist lebhaft orangefarben; bei den jüngern Vögeln und beim Weibchen, welches leicht gefleckt ist, bemerkt man nichts davon.
Gegen die Mitte des Sommers, wenn die Saaten zu reifen anfangen, versammeln sich diese Vögel in großen Heerden; ihre Plünderungen und Raubzüge scheinen von den ältesten Gliedern der Familie geleitet und beaufsichtigt zu werden. Wollen sie sich auf ein Hafer- oder Weizen-Feld niederlassen, so stellen sie zwei oder drei Schildwachen aus, die bei Annäherung von Gefahr Dseck-dseck-dseck schreien.
Diese Vorsicht scheint indeß überflüssig und unnöthig zu sein, denn sie sind so verwegen, daß sie sich nicht leicht verscheuchen lassen, und fliegen sie ja auf, so geschieht es blos, um in geringer Entfernung wieder in dasselbe Feld einzufallen, oder sie begeben sich auf die Bäume, wo ihre Vorposten Wache halten.
Sie lassen zu Zeiten einen eigenthümlichen kläglich tönenden Lockruf vernehmen, der genau dem plötzlichen Erklingen einer Harfen-Saite gleicht und eine oder zwei Secunden lang an das Ohr schlägt. Wahrscheinlich machen sie davon Gebrauch, ihre zerstreuten Kameraden herbei zu rufen, da ich ihn nie vernommen habe, wenn sie alle beisammen waren. Bisweilen saßen einige unweit unsrer Wohnung auf einem Baume am Rande des Sees und ließen mich ihren Lockruf vernehmen; ich habe sie Harfner (harpers) getauft. Ich werde Sie wohl mit meinen ornithologischen Skitzen ermüden, indeß muß ich noch zwei oder drei Vögel anführen.
Der weißköpfige Adler[47] fliegt oft über unsre Ansiedlung, er hat dunkles Gefieder, der Leib und Kopf ist schneeweiß. Den Hühnerhöfen fügt er bisweilen Schaden zu; diejenigen, welche uns zu Gesicht kamen, verschmähten indeß dergleichen geringes Wildbret und schwebten in majestätischem Fluge über den See weg.
Der Fisch-Falke streift gelegentlich über die vor unsern Blicken ausgebreitete Wasserfläche; Leute, welche dem weiter oben geschilderten Fischfang mit dem Speer nachhängen, betrachten ihn als einen Feind.
Außerdem haben wir die Nacht- oder Musquito-Eule, welche auf die in den hohen Regionen schwärmenden Insekten Jagd macht, während sie näher an der Erde von ganzen Schaaren großer Stechfliegen verfolgt wird; trotz ihrem Beistande setzt uns doch das abscheuliche Ungeziefer, ich meine die Musquitos und schwarzen Fliegen, unbarmherzig zu.
Der rothköpfige Specht[48] zeichnet sich durch sein prächtiges Gefieder aus, Kopf und Hals sind reich carmesinfarben; Rücken, Flügel und Brust theilen sich in Schneeweiß und Pechschwarz. Das unaufhörliche Hämmern der Baumhacker und das gellende unharmonische Geschrei des blauen Hehers[49] ertönen, sobald völliger Frühling eingetreten ist, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.
Ich fand in letztem Frühjahr eine kleine Baumhacker-Familie recht behaglich in einer alten Fichte eingenistet, und zwar zwischen der Rinde und dem Stamme, wo erstere sich losgetrennt und einen hohlen Raum gelassen hatte, in welchem die alten Vögel ein weiches aber loses und keine große Sorgfalt verrathendes Nest gebaut hatten; die niedlichen Geschöpfe schienen recht glücklich, sie steckten gelegentlich ihre possirlichen kahlen Köpfchen hervor, um die Aeltern zu begrüßen, welche die alten Bäume in der Nachbarschaft entrindeten und Futter für ihre kleine Familie sammelten, sie betrieben ihr Werk mit demselben Eifer, wie eben so viele fleißige Zimmerleute.
Ein höchst seltsames Nest erhielt ich von einem unsrer Holzfäller; es war über eine Zweig-Gabel gebaut und schien gleichsam mit grauem Zwirn oder dünnem Bindfaden an den Ast genäht zu sein. Es war blos auf den beiden Seiten, welche den Winkel bildeten, gesichert, aber so gut befestigt, daß es jedem mäßigen Gewicht oder Druck Widerstand geleistet haben dürfte; es bestand aus den Fasern der Bastbaum-Rinde, die sehr fadig ist und sich sehr dünn ausziehen läßt; mit einem Wort, es war ein seltsames Beispiel von dem Mutterwitz der kleinen Baukünstler. Ich konnte letztere nicht entdecken, allein wahrscheinlich mochte es ein Werk meines kleinen Lieblings, der oben erwähnten, bei uns überwinternden Meise (tit-mouse) sein.
Die nächste Abbildung stellt den Baltimore Feuervogel dar, der sein Nest gegen die Angriffe der schwarzen Schlange vertheidigt[50].
Das Nest des canadischen Rothkehlchens, welches ich zufällig entdeckte, als ich nach einem Hühner-Neste in einem Reisig-Haufen, am fernsten Ende unsrer Ansiedlung, suchte, ist dem unsers heimathlichen Rothkehlchens sehr ähnlich, jedoch größer, da der Vogel selbst größer ist, und auch in den Materialien etwas verschieden; die Eier, fünf an Zahl, waren dunkelblau.
Bevor ich meinen ornithologischen Bericht schließe, muß ich nochmals der kleinen Häuser erwähnen, welche die Amerikaner für die Schwalbe bauen; ich habe seitdem gefunden, daß sie hierzu einen sehr trifftigen Grund haben. Es scheint zwischen diesem nützlichen Vogel und dem Stößer-Geschlecht die eingewurzeltste Antipathie zu bestehen, und kein Habicht mag in seiner Nachbarschaft bleiben; die Schwalben verfolgen diesen Räuber meilenweit, und necken und quälen ihn dabei auf jede nur mögliche Weise, wie einen bösen Genius; es ist höchst merkwürdig, daß ein kleines Geschöpf, wie die Schwalbe, einen so vielen Vogel-Arten furchtbaren Feind dergestalt vertreibt. Ich würde nicht recht daran geglaubt haben, hätte ich mich nicht selbst von der Wahrheit der Sache überzeugt.
Ich sah an einem schönen heitern Sommertage aus dem Fenster einen großen Raubvogel langsamen Fluges längs dem See hinstreichen; der arme Kerl stieß schreiende Klaglaute aus; etwa zwei Schritt von ihm bemerkte ich einen kleinen Vogel, — in der Entfernung erschien er mir sehr klein, — der ihn hart verfolgte und ebenfalls schrie. Ich sah dem seltsamen Paare nach, bis es hinter dem Fichten-Walde meinen Augen entschwand; so oft ich mich an diese merkwürdige Erscheinung erinnerte, wurde meine Verwunderung von neuem rege; endlich erfuhr ich den Grund von einem sehr gebildeten Franzosen, welcher durch Canada reiste, die Sache erklärte und zugleich bemerkte, daß diese kleinen Vögel sehr geschätzt seien, und daß man sehr viel dafür bezahle, um sie in die verschiednen Theile der Provinz zu versenden. Sie verlassen, sobald sie einmal einheimisch geworden, niemals ihre alten Reviere, und die nämlichen Pärchen kehren Jahr für Jahr nach ihrer alten Wohnung zurück.
Der Umstand, daß diese Schwalben den Stößer aus ihrem Reviere vertreiben, verdient alle Aufmerksamkeit, da er hinlänglich verbürgt ist, und als ein neuer Beweis für den von Naturkundigen gerühmten vorzüglichen Instinkt derselben gelten kann.
Ich habe indeß so viele Seiten vollgeschrieben, daß ich fürchten muß, mein langer Brief werde Sie langweilen. Adieu.