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Anspruchslose Geschichten

Chapter 11: HERBSTBLÄTTER.
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About This Book

A collection of short stories that portray everyday people and small societies through vignettes of courtship, misunderstandings, and domestic life. Episodes range from comic and ironic sketches of social ambition and romantic awkwardness to more reflective pieces on aging, loss, and the passing seasons. Narratives often focus on modest protagonists whose inner feelings contrast with local conventions, while a clear eye for manners, regional settings, and delicate emotional shifts ties the pieces together. The tone moves between gentle humor and quiet melancholy.

»Helene, darf ich dich um eine Erklärung bitten!« sprach sie streng.

»Liebe Mama, für eine Frau von deinem feinen Verständniss bedarf es deren wohl kaum: Karl ist eifersüchtig und das – wie lächerlich! – auf meinen alten ehrlichen Klavierlehrer.«

Die Strenge der Mutter kehrte sich gegen mich.

»Karl, das ist beleidigend, der Mann hat Frau und Kind.«

»Und widmet meiner Braut seine ›Brennende Liebe‹.«

»Es sollte zuerst ein Marsch ›Vergissmeinnicht‹ sein, aber Karoline Holzwart capricirte sich auf ihn,« erläuterte meine Braut gleichmüthig, »und die Chrysanthemumpolka war mir zu fade. Herr Nothnagel arbeitet nämlich den Erfurter Blumenkatalog durch; die Titel für seine Kompositionen bereiteten ihm früher grosse Schwierigkeiten. Da verfiel ich auf diesen Ausweg, und zum Dank dafür widmete er mir eine schöne rothe Sorte Pelargonien; ich kann nichts dafür, dass die Gärtner sie ›Brennende Liebe‹ getauft haben.«

»Helene,« schrie ich und eilte glückselig auf meine Peinigerin zu. Ein Geräusch wie der Flügelschlag mächtiger Albatrosse machte uns stutzig. Aber es waren nur die Mamas, die – ihrer Meinung nach: geräuschlos – aus dem Zimmer huschten.

EIN UNGLÜCKSMENSCH.

Klaus Henning hatte die bestimmte Vorahnung, dass ein Unglück passiren würde; und er hatte sie nicht zum ersten Male. Er unterschied sich ausserdem von anderen, mit einer weissagenden Stimme in der Brust begnadeten Sterblichen dadurch, dass seine Ahnungen immer eintrafen. Das eine Mal, als er eine Prophetenstimme in seinem Inneren vernahm, ging er durch die Friedrichstrasse, stolperte gegen ein Schaufenster und musste, mit zerschnittenem Gesichte und verletzten Händen, Schadenersatz leisten. Das andere Mal wollte er mit einem allerliebsten Fräulein auf der Rousseauinsel Schlittschuh laufen und riss sie mit sich zu Boden. Bei dieser Gelegenheit fuhr ihm ein fremder Schlittschuh über die Finger, sie für mehrere Monate gebrauchsunfähig machend. Und da das neue Kleid seiner Dame etliche klaffende Risse bekam (was sie schwerer zu treffen schien, als seine Verwundung, die ihn anfänglich vier Finger zu kosten drohte), so wurde sie von diesem Zeitpunkte ab seine Todfeindin. Kurz, es war sehr leicht, seine abergläubische Angst zu verspotten, aber so oft sich das bewusste dunkle Gefühl in seinem Inneren regte (und das geschah fast jedesmal, bevor er sich unter die Menschen mischte), gab es Schaden für die Zeitgenossen und Spott für ihn.

Seine Hauswirthin sah ihn denn auch nur ungern den Reisekoffer packen.

»Wollen Sie wirklich fort, Herr Henning?« seufzte sie, »denken Sie an mich, Sie kommen nicht mit heiler Haut nach Hause.«

Er wusste, dass sie Recht habe, aber die Hitze war unerträglich, er schmachtete nach einem Wellenbade, und da ihm die Geschäftsstille Ferien vergönnte, wollte er einen kurzen Aufenthalt an der See nehmen. Jeder minder Erfahrene hätte sich eingebildet, die schwarzen Ahnungen seien erfüllt, als sein neuer Reiseanzug, gleich nachdem er das Haus verlassen, von oben bis unten mit Oelfarbe bespritzt wurde, die ein nachlässiger Anstreicher von seiner Leiter herabträufeln liess, oder als ihm der Eisenbahnzug davonfuhr und er nun mehrere Stunden zu warten hatte. Er aber kannte den Kobold besser, der sein Spiel mit ihm trieb, als dass er gehofft hätte, mit solchen Kleinigkeiten loszukommen. Auch als er unmittelbar nach der Abfahrt mächtige Rauchsäulen aus der Richtung, wo sein Farbenmagazin lag, aufsteigen sah, erfüllte ihn noch immer nicht die beruhigende Ueberzeugung, seinen Zoll entrichtet zu haben, denn bei näherer Ueberlegung erschien es ihm äusserst unwahrscheinlich, dass sein Geschäft abbrannte, während er nicht dabei war, um sich schwere Verletzungen zu holen. Aeusserst unwahrscheinlich, eigentlich nach seinen bisherigen Erfahrungen vollkommen undenkbar. Vom Augenblicke an, wo er die Thüre seines Waarenlagers hinter sich zuschloss, konnte die Versicherungsgesellschaft ruhig schlafen.

Er wollte sich in Sassnitz nicht unter die Badegäste mischen, konnte er doch sicher darauf rechnen, das erste Glas Rothwein, das er zum Munde zu führen gedachte, über das Kleid seiner Nachbarin, oder wenigstens über das Tischtuch auszugiessen, jeden Stuhl mit nervenerschütterndem Gepolter umzuwerfen, seinen Hut vor aller Augen in's Wasser fliegen zu sehen und was solcher kleiner Zwischenfälle mehr sind, die an und für sich sehr geringfügig erscheinen, ihn aber zum Gegenstande des allgemeinen Gelächters machen mussten.

Im vergangenen Spätherbste hatte er einige Tage in einem Gasthause ausserhalb des Curorts verlebt, dessen Wirthin im Sommer eine kleine Colonie von Städtern beherbergte. Damals waren die letzten Fremden, erschreckt durch ein paar rauhe stürmische Tage, geflohen, und so verknüpfte sich ihm mit dem Aufenthalte in dem bescheidenen Häuschen am Strande die Vorstellung von erquickender Ruhe und Geräuschlosigkeit. Auch schien der Kobold, der ihn verfolgte, an der Grenze von Fleming's Herrschaftsbezirk die Waffen zu strecken. Klaus ging mit den Haussöhnen fischen und brachte Beute heim, was ihm nie vorher widerfahren, er kreuzte in einer Nussschale von Segelboot die Küste entlang und sah es nicht einmal den Kiel nach oben wenden, er ruderte stundenlang in einem Nachen und brach kein Ruder. Nach diesem stillen Hafen der Glückseligkeit richtete er nun seine Schritte. Ach, das war nicht mehr das erträumte Paradies!

Auf dem Vorplatze, der, mit spärlichem Grün bedeckt, sich vor dem Hause hinzog, spielte eine Gesellschaft junger Leute Croquet, vom Wasser her erschallten laute Kinderstimmen, auf der Holzbank im Schatten des Hauses sassen behäbige Matronen. Henning hatte die Absicht, bei diesem Anblicke umzukehren und sich ungesehen davonzuschleichen, aber die Wirthin kam mit ausgestreckten Händen auf ihn zu und rief:

»Das Haus ist zwar gesteckt voll, aber für Sie schaffen wir doch noch Raum.«

Er wollte murmeln, dass er nur einen Tag bleiben und dann seinen Stab weiter zu setzen gedenke; da fiel sein Blick auf ein junges Mädchen, die soeben ihren Ball mit dem Hammer so unglücklich getroffen, dass er, statt durch den Draht, gegen seine Füsse fuhr. Purpurroth kam sie auf ihn zu und bat um Entschuldigung. Sie hatte ein Gesicht, wie es die Natur nur in besonders guter Laune zu bilden pflegt, die zartesten Farben, die treuherzigsten blauen Augen und das Haar, das sie, wohl nach einem Wellenbade, gelöst trug, von glänzendem Blond. Und dann behielt er seine Bemerkungen für sich, liess Frau Fleming für sein Obdach sorgen und schwang den Hammer, ohne zu besorgen, dass seine Bälle einem Mitmenschen das Lebenslicht ausblasen würden. Auch bei Tische vergass er alle seine Ahnungen, er zitterte nicht vor dem Bratensafte, er reichte Fräulein Mathilde eine Tasse Thee, ohne sie zu verbrühen, kurz, er benahm sich, als wäre er nie ein Unglücksmensch gewesen.

Freilich fing sein Elend noch am selben Abend wieder an. Die Hausfrau erzählte, um ihren Liebling vom vorigen Jahre her in das günstigste Licht zu setzen, dass er das Segelboot wie ein alter Matrose zu handhaben verstehe. Die Damen versicherten, nichts gewähre ihnen ein solches Vergnügen wie eine Bootfahrt, die Herren kündigten ihm ihre Begleitung für den nächsten Tag an, Mathilde, die ihn jeden Augenblick mehr entzückte, sagte nichts, aber sie richtete ihre schönen blauen Augen bittend auf ihn. Ihm brach der Angstschweiss aus allen Poren; war er ausersehen, der Mörder all' dieser braven Leute zu werden? Klaus war kein Salonmatrose, er hatte seine Knabenjahre in der Nähe von Bremerhaven verlebt und ein Boot zu regieren beinahe so früh wie das Abc erlernt. Auch ist das Segeln Alles eher denn eine Kunst – wenn das Fahrzeug etwas taugt, aber der Flemingsche Krondiamant besass etliche Flecken. Und was hilft alle Geschicklichkeit gegen die Tücke eines Koboldes! Der junge Mann ging nicht mit der Begeisterung, welche die Gesellschaft erwartet haben mochte, auf die vorgeschlagene Segelpartie ein. Vergeblich nannte man ihn von da an nicht anders als »Capitän«; er bestand darauf, dass, wer nicht schwimmen könne, auf dem Festlande bleiben müsse. Die Aengstlichen sahen hierin einen Beweis, dass er sich nicht sicher fühle und standen sogleich ab. Mathilde bekannte seufzend, sie könne seine Bedingung nicht erfüllen und müsse daher verzichten. Es wäre ihm das auserlesenste Vergnügen gewesen, sie über die Wellen zu fahren, aber er unterdrückte seinen Wunsch, indem er sich vorsagte, es sei gleichbedeutend mit kaltüberlegtem Morde, sie zu einer Wasserfahrt mit einem Unglücksmenschen zu bewegen.

Nur zwei Herren waren verwegen genug, sich seiner Führung anzuvertrauen. Es stellte ohne Zweifel eine Probefahrt vor. Klaus bestand sein Examen glänzend. Er fing zu hoffen an, der Tückebold habe auch diesmal vor Frau Fleming's Königreich Halt gemacht. Sein Selbstvertrauen wuchs; denn als man landete, waren seine zwei Prüfungscommissäre des Lobes voll für seine nautischen Künste. Da lud er Mathilde zu einer Segelfahrt für den nächsten Morgen ein. Ein ältlicher, gutmüthiger Herr, der erst vor einigen Stunden angekommen war, stand neben ihr; Mathilde machte ihn, ihren Papa, mit dem jungen Manne bekannt, und nun verlebte dieser mit den zwei liebenswürdigen Menschen einen Abend, der ihm unvergesslich bleiben wird. Am nächsten Tage vertrauten sich ausser Vater und Tochter noch einige der Sommergäste seiner Führung an. Auch diesmal verlief die Expedition prächtig. Auf dem Lande war es erstickend heiss gewesen, nun wehte es die Gesellschaft kühl und belebend an, und eine leichte Brise trug das Boot wie auf Schwingen über das Wasser. Alle versicherten, nie angenehmere Stunden verlebt zu haben, und, was ihm werthvoller erschien, Mathilde drückte ihm dankbar, mit vor Vergnügen leuchtenden Augen, die Hand. Da versuchte er die Götter und versprach ihr eine Wiederholung.

Es war ein glorreicher, glückverheissender Tag. Da man in Frau Fleming's Herrschergebiet eine einschnürende Etikette nicht kannte, ging das Pärlein allein an's Ufer. So gut wie Klaus es sich vorgestellt, sollte es ihm freilich nicht werden. Die Insassen des Hauses hielten zwar ihr Nachmittagsschläfchen, aber die liebenswürdigen Commissäre, die diesmal vermuthlich seine Geduld wie zuvor seine seemännischen Fähigkeiten prüfen wollten, kamen eilfertig herbei, um ihren Antheil am Vergnügen zu beanspruchen. Da sie ihn sozusagen entdeckt hatten, bewahrten sie ihm ein gewisses gönnerhaftes Wohlwollen, das er jedoch in jenem Augenblicke nicht voll zu schätzen verstand. Allein sie störten nicht, sie tauschten ihre Bemerkungen, machten sich beim Steuer unnütz oder starrten in's Wasser. Klaus konnte ungehindert mit seiner Herzensdame flüstern. Vielleicht hatte er sich zu tief in die blauen Augen versenkt, vielleicht hatten ihn die zwei Probefahrten übersicher gemacht, am wahrscheinlichsten jedoch ist, dass sein Kobold dessen überdrüssig war, unbeschäftigt im Winkel zu stehen, und dass er im Augenblicke, wo er den Unglücksmenschen am härtesten treffen konnte, hervorsprang.

Das Boot war nicht so leicht zu regieren, wie sonst, die Brise wehte scharf, mehr als einmal schlug das Wasser, Alle durchnässend, hinein. Und Klaus war zerstreut, er hatte Mathilde in ihren Gummimantel gewickelt, und als sie ihm zum Danke die Hand reichte, sie länger als vernünftig in der seinen behalten. Er hielt sie noch, als der Boden unter ihnen wich, die kalte, salzige Flut auf sie einströmte und das Bootkiel oben vor ihnen trieb. Ein plötzlicher Windstoss musste es getroffen und zum Kentern gebracht haben. Sie sanken, doch verliess den Unglücksmenschen die Besinnung nicht, er legte den linken Arm um Mathilde und brachte sie nach oben.

Sie war die Selbstbeherrschung in Person; sie klammerte sich nicht an ihn, seine Bewegungen hemmend, und so gelang es ihm nach einiger Anstrengung, den Kiel seines Bootes zu erreichen und einen Stützpunkt für sich und seinen schönen Schützling zu gewinnen. Die beiden Genossen sah er rüstig und unversehrt zur Küste schwimmen. Sie war nicht fern, aber bei der starken Strömung zum Meere wäre jeder Versuch, sie mit Mathilde im Arme zu erreichen, aussichtslos gewesen. Zahlreiche Boote kreuzten das Wasser, entweder nahm eines derselben sie auf, oder die beiden Geretteten lösten am Strande, der förmlich auf Rufweite vor ihnen lag, ein Ruderboot und kamen den Genossen zu Hilfe. Wenn Klaus nur bis dahin aushalten konnte, wenn nur sein Arm, der steif wie der eines Todten wurde, das junge Mädchen über dem Wasser erhielt! Blass und mit geschlossenen Augen lag sie an seiner Brust. Eine förmlich wahnsinnige Reue ergriff ihn. Wusste er nicht voraus, das Alles, was er anfasste, zu Schaden kam? Wie hatte er so verwegen, nein so verrucht sein können, dieses holde Geschöpf, das einzige Kind und das einzige Glück ihres Vaters mit sich in's Unglück zu reissen? Sein Selbstvorwurf machte sich in der wildesten Weise Luft.

So vergingen endlose Minuten. Das Boot trieb in's Meer hinaus, und in muthloser Verzweiflung gab Klaus seinen Schützling und sich verloren. Da hörte er lauten, ermunternden Zuruf, warme Hände streckten sich nach ihm und Mathilden aus, und im nächsten Augenblicke lagen die wasserdichten Planken einer Barke, die eine Gesellschaft Badegäste von der Stubbenkammer nach Sassnitz heimführte, zwischen ihnen und den heimtückischen Wellen. Das junge Mädchen war ohnmächtig geworden. Als sie, von den Damen, die im Boote waren, umringt, die Augen aufschlug, suchte sie ihren Begleiter mit den Augen; er las Zutrauen, ja Dankbarkeit – Dankbarkeit für ihn, der sie beinahe getödtet hätte! – in ihnen und konnte den Blick nicht ertragen.

Sie fanden Frau Fleming's Königreich in vollem Aufruhre. Die beiden Commissäre waren vor einer Weile angekommen, und wenn sie zu Mathildens Rettung keinen Finger gerührt, so zeigten sie sich jetzt dafür eifrig beflissen, ihren Vater in die peinigendste Unruhe zu stürzen. Als sie nun in Hüllen, die ihr die Damen in der Barke aufgedrängt hatten, den Strand betrat, richtete sich, wie begreiflich, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sie. Ihr Papa drückte sie stürmisch an sich, dann wollte jede der Hausgenossinnen sie mit einem Kusse begrüssen, zuletzt drängten sich händeschüttelnd die Herren heran, Niemand eifriger als die zwei Commissäre.

Klaus schlich sich unbeobachtet in sein Zimmer. Die Anderen hatten wohl geahnt, das er ein Unglücksmensch sei, denn sie hatten sich – so schien es ihm – ängstlich von ihm fern gehalten. Er wechselte seine nassen Kleider, packte das Köfferchen, und nachdem er die Adresse auf dasselbe befestigt und den Betrag, den er Frau Fleming schuldete, auf den Tisch gelegt, drückte er sich, sachte wie ein Spitzbube, aus dem Hause und fuhr in die Glühhitze zurück.

Seine Hauswirthin war sehr erstaunt, ihn ohne äussere Verletzung wiederzusehen. Wie tief es diesmal nach innen ging, ahnte sie nicht. Ein trübseliger Geselle ging er seinem Tagewerke nach, Abends sass er missmuthig unter den paar verstäubten, kläglichen Büschen des Hausgärtchens, ein Buch in der Hand, in dem er nicht las. Da schlug einmal ein Gruss an sein Ohr. Vor ihm stand ein ältlicher, behäbiger Herr mit gutmüthigem Gesicht. Klaus springt, wie von einer Feder emporgeschnellt, von der Bank auf, es war Mathildens Vater.

»Ausreisser!« ruft dieser ihm zu, »es soll Ihnen nicht gelingen, sich meinem Danke zu entziehen. Wenn Sie auch heimlich wie ein flüchtiges Reh entwischten, Ihr Reisekoffer verrieth mir, wo ich den Lebensretter meiner Tochter zu suchen habe.« Ihren Lebensretter! Dabei drückt er dem Sprachlosen die Hand, und seine ehrliche Stimme zittert in unterdrückter Bewegung. »Was wäre aus ihr, was wäre aus mir geworden, wenn Sie auch so selbstsüchtig wie die beiden Anderen, nur auf Rettung des eigenen Lebens bedacht, ans Land geschwommen wären? Ohne Sie wäre ich heute ein einsamer, gebrochener Mann! Es giebt noch Helden im bürgerlichen Leben!«

Klaus suchte abzuwehren. Er sprach von dem Unrecht, das er begangen, er, ein Unglücksmensch, als er Mathilden zur Segelfahrt einlud. Aber es kam nicht viel Zusammenhängendes über seine Lippen. Für etwas gepriesen zu werden, für das er den härtesten Tadel zu verdienen geglaubt, von Mathildens Vater in die Wolken emporgehoben, ein Held genannt zu werden, das betäubte ihn, als hätte er jungen Wein getrunken.

»Ich weiss, dass nur Ihr Zartgefühl Sie veranlasste, sich unserem Danke zu entziehen,« fuhr Herr Hilgendorf fort, »allein ganz recht war es nicht: Mathilde ist untröstlich, weil Sie verschwanden, ohne zu hören, wie tief sie sich Ihnen für Ihre Aufopferung verpflichtet fühlt. Und ich glaube beinahe, dass ich sie nicht eher zufrieden sehen werde, als bis ich ihren Lebensretter mit Güte oder Gewalt in mein Haus geführt, damit sie den versäumten Dank nachhole.« Aber es bedurfte keiner Gewalt. Klaus ging gutwillig mit Herrn Hilgendorf. Mathilde kam ihm mit strahlenden Augen entgegen. Es war spät Abend, als er, ein seliger Mensch, das gastliche Haus verliess, nicht ohne versprochen zu haben, bald, sehr bald, schon am nächsten Tage wiederzukommen. Und zuletzt glaubte er gar nicht mehr daran, dass er ein Unglücksmensch sei; nein, er hielt sich für ein richtiges Sonntagskind, denn in der Ecke hinter dem Flügel hat ihm Mathilde gestern auf seine Frage geantwortet, dass sie keinem Menschen auf der Welt so gut sei, wie ihm.

UNKRAUT AM WEGE.

Das Dorf lag in vollster Sonnengluth da. Bäume und Büsche am Wegrande liessen ihre welken, bestaubten Blätter hängen, die Hunde lagen vor den Häusern, die lechzenden Zungen hervorgestreckt, keuchend, aber zu träge, einen schattigen Winkel aufzusuchen; langsam, wie weltmüde Philosophen, zogen Enten und Gänse ihre Kreise auf dem grünlichen Tümpel. Sonst keine Spur von Leben auf der Dorfstrasse. Die Kinder schwitzten noch in der Schule, die Erwachsenen waren beim Heumachen. Nur ein halbwüchsiges Ding mit zerzausten Haaren, einem braungebrannten schmutzigen Gesicht, in welchem ein paar wilde schwarze Augen flackerten, einem Zigeunermädchen ähnlicher als dem Sprössling des ehrbaren Kreuzwirthes, schlich sich geräuschlos wie ein Marder rückwärts längs der Gärten hin, in welchen die Kirschbäume gerade voll saftiger Früchte standen. Manche waren so unvorsichtig, ihre Aeste über die Zäune oder sehr nahe an denselben hängen zu lassen. Auf die schwang sie sich mit der Flinkheit einer Katze und hielt ihren Schmaus, schonungslos ganze Zweige knickend, aus den schönsten Zwillingskirschen Ohrgehänge bildend, bis sie noch schönere erspähte und den bisherigen Schmuck in den Magen wandern liess. Sehr unparteiisch verfuhr sie bei ihren Beutezügen. Sie brandschatzte ebenso des Pfarrers Stolz, die seltenen spanischen Weichseln, wie des Schullehrers Amarellen, des Küsters schwarze und ihres Vaters, zum Verkaufe bestimmten, weissrothe Herzkirschen. Zuweilen schlug ein Hund an, dann machte sie sich schnell aus dem Staube, und da aus den alten Zäunen mancher Brettnagel hervorstand, wurden in ihren noch guten Rock zahlreiche Kreuz- und Querrisse gezogen. Dies verursachte ihr keinen Kummer. Die Stiefmutter daheim führte eine flinke rastlose Nadel, und nachdem Cenz etliche fruchtlose Rebellionsversuche der guten Frau niedergeschlagen, war es ihr vollständig gelungen, dieselbe nicht nur für die Gastwirthschaft, den Haushalt und ihre eigenen, noch sehr kleinen Kinder, sondern auch für die Drohne arbeiten zu lassen, die sie als etwas fragwürdiges Glücks- und Friedenspfand mit erheirathet hatte.

Im Hofe des Kreuzwirthshauses, unter einem schattigen Nussbaume, sass der Herr Pfarrer vor einem Krüglein Bier. Die rundliche, gutmüthig aussehende Wirthin stand neben ihm.

»Man hat halt sei' Kreuz mit denen Kindern«, beantwortete sie soeben eine Frage des alten Herrn, »besunders wann's net einmal die eig'nen san.«

»Die Crescenz hat doch sonst so gute Anlagen«, meinte kopfschüttelnd der Geistliche, »der Schullehrer war immer des Lobes voll über ihren Lerneifer; freilich sonst steckt sie voll Teufeleien, und jetzt verwildert sie mit jedem Tage mehr. Ich fürchte, Ihr werdet nicht viel Freude an ihr erleben.«

»Es is halt an recht's Unkräutl am Weg, Hochwürden«, seufzte die Wirthin, »nixnutz und schnappig (schnippisch); thun will's gar nix und is doch schon sei vierzehn Jahr alt. Auf d' Kleinen könnt's doch schon a bisl schauen, wenn i in der Kuchl z'schaffen hab. Aber na, alle Arbeit bleibt mir, und sie stravanzt den ganzen Tag im Dorf herum, zerrissen und schlampet, dass i mi schamen muss.«

»Ihr habt die Ruthe zu sehr gespart, gute Frau.«

Die Wirthin setzte sich ihm gegenüber auf die Bank.

»Wahr ist's, Hochwürden, aber mei Schuld ist's net. Damals wie mi' der Kreuzwirth in's Haus bracht hat als seine Zweite, da hab' i anfangen woll'n, s' Madel zu zieh'n, und da hat sie si gegen mi g'stellt wie a wilde Katz', hat gekratzt und gebissen, und i hab halt zugehauen, kommt mei Mann derzu, krebsroth in' Gesicht, »Du«, schreit er mi an, »Hand von der Butten, i will ka solche Stiefmutter- und Stiefkindg'schichten im Haus hab'n, du lasst's in Ruh, und sie lasst di in Ruh; und dass i kane Hetzerei hinüber und herüber hör'!« Na, und da hab' i's dann aufwachsen lassen, wie an Unkräutl', dass es an Fried'n im Haus gibt, und so ist's denn a an Unkräutl worden.«

Cenz war es mittlerweile müde geworden, die Bäume zu plündern und schlenderte längs des kleinen Baches unter den Weiden hin, für die Augen eines gewöhnlichen Menschenkindes keine sonderlich fesselnde Erscheinung. Aber Künstler besitzen zuweilen einen ganz absonderlichen Geschmack. Zwei Maleraugen verfolgten ihre flinken Bewegungen schon seit einer guten Weile, ohne dass sie den jungen Menschen mit dem breitkrämpigen Hute beachtet hätte, der im Schatten der Weiden vor seiner Staffelei sass und den wundervollen Ausblick auf den Schneeberg, der sich ihm von dem Plätzchen unter den Weiden bot, auf der Leinwand festzuhalten suchte. Maler waren keine seltenen Gäste im Dorfe, das sie als erste Haltestelle vor ihrem Aufstieg in's Gebirge zu benutzen pflegten, und dessen urwüchsige Bewohner manches Skizzenbüchlein füllten. Und so sah Cenz auch viel mehr geschmeichelt als befremdet darein, als der junge Künstler, der sich auf der Suche nach so ziemlich Allem, was dieser Titel rechtfertigt, nach Erfolg, einem Namen und einem passenden Vorwurf für sein erstes Ausstellungsbild befand, sie plötzlich anrief.

»Heh, kleiner Wildling, bleib' in derselben Stellung, in der du dich befindest, ich möchte dich in mein Buch hineinzeichnen.«

Sie wurde feuerroth und murmelte etwas von ihrem Sonntagsstaat, und dass sie in einer Viertelstunde zurück sein könne. Aber davon wollte er nichts wissen. Er fand ihren Schmutz und die Risse im Röckchen malerisch.

»Saubere Dirndln kann ich genug haben,« sagte er, »ich brauche gerade so eine Staubdistel, wie du bist. Was hast du denn vorhin angestellt? Steine nach Sperlingen geworfen; ich habe es wohl gesehen; das ist ein hübscher Zeitvertreib für ein Mädchen.«

Sie machte ihr trotzigstes Gesicht, und das wollte er haben; so passte es für die Skizze des jungen Wildlings.

»Die Spatzen fressen die Kirschen auf«, vertheidigte sie sich, ohne ihr Gewissen darüber zu beschweren, dass eine sehr grosse Schaar diebischer Vögel keinen solchen Ausfall in der Kirschenernte verursacht hätte, wie sie selber.

»Du hast Dich wohl um Deine schönen Ohrgehänge gefürchtet, wie? Behalte sie nur an, die kommen auch in mein Buch«, sprach Fritz Teubner, eifrig zeichnend.

In Crescenz hatte sich bisher sehr wenig Mädcheneitelkeit und Zierlichkeit geregt. Jetzt aber standen die Risse in dem Kleide, die beschmutzten, zerkratzten Hände, die blaugefärbten Lippen als wahre Schrecken vor ihr. In die grosse Stadt und auf die Leinwand kommt doch Edelfräulein und Bauernmädchen gern in vortheilhaftester Gestalt, und wie sah sie aus! Sie war mit ihrem Vater einmal in Wien und in der Kunstausstellung gewesen, sie hatte Bilder gesehen, auch Bauernbilder, aber wie schmuck und ordentlich erschienen die! Cenz schwur allerhand theuere Eide, dass kein Malerauge sie jemals wieder in solch' einem Aufzuge erblicken solle. Am wenigsten das des jungen Künstlers, das es ihr angethan hat. Er spricht mit ihr so lustig und so freundlich, als kenne er sie schon seit Jahren.

»Wie alt bist du eigentlich, Cenz?« fragte er, denn ihren Namen hat sie ihm schon gesagt.

»Vierzehn Jahre.«

Er macht grosse Augen; sie ist klein und schwächlich für ihr Alter. Aber was ihn befremdet, ist doch nur, dass bei der ihm wohlbekannten Ausnutzung der Menschenkraft beim Landvolk, dieses halbwüchsige Ding so ohne jede Beschäftigung herumstreift. Er hält sie für ein verwahrlostes Kind aus armseligem Hause, das merkt Crescenz wohl, denn sie ist nicht dumm. Als er nun auf seine Frage erfährt, dass sie das älteste Kind des reichen, ansehnlichen Kreuzwirths ist, schüttelt er den Kopf. Das Mädchen fügt wie beiläufig hinzu, dass sie eine Stiefmutter habe, und dies scheint ihm Alles zu erklären. In dem jungen Unkraut aber steigt siedendheisse Reue auf. Sie weiss, dass die arme brave Frau nicht aufhört, die Hände zu rühren, damit die Erscheinung ihrer Stieftochter ihr keine Schande mache. Auch sehen die jüngeren Geschwister meist schmuck genug aus, da, wenn Crescenz's Beispiel verführend auf sie wirkt, der Mutter Hand flink genug ist, sie auf den Pfad der Tugend zurückzuführen. Nur die Stieftochter, des Vaters Liebling, geht bei allen Missethaten straflos aus. Fritz ist fertig und lässt sie die Skizze sehen. Sie schreit auf. So also stellt sie sich den Mitlebenden – und auch dem jungen, hübschen Künstler – dar. Man könnte sie für eine Landstreicherin halten. Schier möchte sie weinen, aber sie schluckt die Thränen tapfer hinunter.

»Bleibst, bleiben S' noch länger im Dorf?«

Fritz schüttelt den Kopf.

»Morgen geht's weiter ins Steirische hinein; warum fragst du?«

Wieder kommt etwas Undeutliches von einem Sonntagsgewand über Cenz's Lippen.

Der Maler lacht:

»Kann sein, dass ich beim Abstieg noch einmal hier vorspreche, kann sein, erst auf's Jahr. Dann male ich dich in grossem Staat. Ich habe eine Ahnung, Cenz, dass du mir Glück bringen wirst.«

Er sah sich nicht getäuscht. »Unkraut am Wege,« das Bild der kleinen Landstreicherin, das er in Oel ausgeführt, wurde in die Ausstellung aufgenommen und trug ihm Lob, Geld und Aufträge ein. Cenz wartete derweil daheim, dass er wiederkommen und sein Versprechen erfüllen werde. Es war ihr eigentlich weniger um das Bild, als um eine Ehrenerklärung in seinen Augen zu thun. Da sie nicht wissen konnte, wann er sie überraschen werde, trug sie sich der Vorsicht halber so nett und sauber als möglich. Keine Streifzüge über Zäune nach verbotenem Obst, kein Herumklettern und Herumstreifen in der Sonnengluth mehr. Sie hatte ihm gesagt, dass sie dem Kreuzwirth gehöre, im Kreuzwirthshaus wird er sie suchen und finden. So hat es sich von selbst gemacht, dass sie sich mehr in der Nähe des Hauses hält und anfängt, ihrer Mutter in der Wirthschaft an die Hand zu gehen. Die schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als Cenz nach dem Abschied vom Maler heimkam, aber sie hat seitdem keine Veranlassung zu einer Wiederholung dieser Geberde des Entsetzens gefunden, es wäre denn, sie thäte es, um ihr Erstaunen über die Veränderung in dem Wesen ihres Stiefkinds auszudrücken. Der Sommer geht vorüber, aber Fritz Teubner nahm längst den Abstieg auf einer anderen Seite und sitzt in Wien eifrig über seinem Ausstellungsbild. Zuweilen erwachen in Cenz die Regungen der alten Ungeberdigkeit, aber nach etlichen leisen Ausbrüchen kämpft sie dieselben nieder. Der Winter ist lang und das Stillsitzen eine harte Aufgabe für Cenz, aber sie hilft der Mutter beim Nähen und Flicken, und Sonntags bedient sie flink die durstigen Bauern und die paar versprengten Städter, die selbst in Schnee und Frost der Leidenschaft, Berge zu besteigen, fröhnen. Endlich kommt der Sommer, und Cenz blickt voll Zuversicht vorwärts. Sie hat, wie manche lang im Wachsthum zurückgebliebene Pflanze, plötzlich in die Höhe zu schiessen angefangen, sie wird gross und hübsch, und alle die alten Kleider mit den unverwischbaren Spuren ihrer Kletterkünste müssen für die kleinen Schwestern übernäht werden. Sie selber geht in schmucken neuen Gewändern, und wäre nicht der eine und der andere der Gäste in der Ausstellung gewesen und hätte sie im goldenen Rahmen sammt der Aufschrift gesehen, ihr alter Spottnamen wäre ganz und gar in Vergessenheit gerathen. Aber wehe dem, der ihn in ihrer Hörweite brauchte, das Zünglein hatte keine Veränderung durchgemacht.

Auch dieser Sommer verging und noch ein Winter, ohne dass Fritz Teubner sein Wort wahr gemacht. Cenz war ein erwachsenes Mädchen geworden, und die jungen Burschen fingen an, sie mit sehr freundlichen Augen anzusehen. Ihr schnippisches Wesen und ihr hübsches Gesicht schien es besonders dem reichen Erben des Thalhofbauern angethan zu haben, er sass so oft und so lange als möglich im Kreuzwirthshaus, spielte mit Cenz' Vater Karten und machte sich der Wirthin angenehm; bei dem jungen Mädchen selbst machte er jedoch keine Fortschritte. Wieder waren die Kirschen reif geworden, und Cenz trug einen Korb voll aus dem Garten in's Haus, da sah sie unter dem Nussbaum einen jungen Menschen mit einem breitrandigen Hute sitzen und musste den Korb hinstellen, sonst wäre er ihren Händen entfallen.

»Grüss Gott, Herr Teubner,« sprach sie, jedoch mit ganz ruhiger Stimme. Er sah auf, zweifelnd, staunend, wie Einer, der seinen Augen misstraut.

»Ja, bist du das wirklich? Die kleine schwarze Cenz? Aber das ist unmöglich!«

»Ja, aus Kindern werden Leut',« lachte sie.

»Die Augen und die blitzenden Zähne sind es noch, aber sonst muss dich eine gute Fee umgetauscht haben.«

»War ich denn gar so an Schrecken?« fragte sie mit dörflicher Coquetterie.

»Für mich nicht, im Gegentheil, aber für die Sperlinge, die Obstbäume und für deine Mutter musst du so etwas gewesen sein. Für mich warst du alles Gute in Person; dass ich dir begegnet bin, muss ich ein wahres Glück nennen.«

Sie wurde hochroth. Zum Glück rief die Mutter aus dem Hause:

»Cenz, Cenz, wo steckt denn das Madel?«

Sie lief hinein. Im Verschlag neben der Mutter sass der Thalhofer Franz.

»Cenz, siehst du aber bildsauber aus,« sprach er.

»Das geht dich gar nix an«, sagte sie, füllte einen Krug mit Bier und eilte, ohne von ihrem Verehrer weiter Notiz zu nehmen, in den Hof hinaus.

»So; und wie ist's Ihnen denn alleweil ergangen, Herr Teubner?« fragte sie und setzte sich auf die Bank ihm gegenüber. Er konnte sich von seinem Erstaunen kaum erholen. So ruhig waren ihre Bewegungen geworden, so ohne jede bäurische Ungelenkigkeit, und doch wieder völlig des ehemaligen dreisten Wesens ermangelnd.

»Gut, sehr gut sogar«, sagte er, »ich erzählte dir schon, dass du mir Glück gebracht hast. Seit ich dein Bild gemalt, habe ich alle Hände voll zu thun gehabt.«

»Sie haben g'wiss viel schöne Damen g'malen?« fragte sie mit einer Regung der Eifersucht.

»Du meinst ja wohl Damen im Sonntagsputz?« versetzte er, sich der eiteln Regung der Kleinen erinnernd. »Da fällt mir ein, wann willst du mir denn in deinem besten Staat sitzen?«

»Auf der Stell', i kleid' mi nur um«, sprach sie und verschwand im Hause, klugerweise aber, ohne das Gastzimmer zu betreten; aus dem Flur führte die Treppe in ihr Zimmerchen. Die Fragen des Thalhofers wären unbequem gewesen. Nach einer Weile kam sie wieder, mit einer Näherei in der Hand.

»Blitz, siehst Du sauber aus!« rief Teubner, die Künstleraugen voll ehrlicher Bewunderung auf ihr verweilen lassend. »Ich bin sicher, die »Haiderose« wird ebenso viel Erfolg haben, wie – wie dein früheres Conterfei. Vielleicht verhilft sie mir zu all' den übrigen guten Dingen, die ich mir noch für's Leben wünsche. Dem »Unkraut am Wege« verdanke ich ein schönes Atelier, freundliche Kritiken und dass ich mit etlichen Münzen in der Tasche klimpern kann. Und wenn das Glück mir wohl will, dann«, er brach ab und blickte auf einen einfachen Ring an seinem Finger. »Was hast Du?« fragte er auf einmal aufsehend.

»I' hab mi g'stochen«, sagte sie mit völlig veränderter Stimme, die Nadel war ihr bei einer heftigen Bewegung in den Finger gefahren, ein Blutstropfen fiel herunter, sie seufzte tief auf. Fritz Teubner schüttelte den Kopf über das wehleidige Bauernmädchen, das ganz verstört über einen Nadelstich erschien. Da war die kleine zarte Nachbarin, deren Ring er am Finger trug, standhafter. Tagaus, tagein handhabt sie die Nadel bis zu einem gewissen glücklichen Tage, den Cenz's Bild näher rücken soll. Eifrig führt der Maler den Stift.

Der Thalhofer Franz tritt zu der Gruppe im Hofe.

»Madel, was hast?« fragt er erschrocken, »Du wirst doch net krank wer'n. Lass Dir rathen und geh in's Haus. Bei derer Hitz'n ist's net gut draussen sein.«

Merkwürdig wohl thut ihr seine Sorge, und dankbar sieht sie den ehrlichen hübschen Jungen an.

»Mir is nix«, sagte sie, »aber i denk', i lass, wenn's Ihnen recht is, das Sitzen auf ein ander Mal.« Fritz ist's zufrieden. Er hat denn auch im Lauf der Tage, während er im Dorfwirthshaus sein Quartier aufgeschlagen, das Bild vollendet. Mit Crescenz schloss er gute Freundschaft; sie hat die ganz ausführliche Geschichte von der kleinen hübschen Nachbarin, von dem Ring und wie und wann er ihn bekommen, aus seinem Munde gehört. Wie tief sie diese Geschichte ergriff, hat er nicht erfahren. Das Unkraut war übrigens ein tapferes Mädchen geworden und wusste seine aussichtslose und ein wenig lächerliche Neigung zu bekämpfen. Als ein Jahr nachher Fritz Teubner mit seiner jungen Frau in das Dorf zur Sommerfrische kam, ging es gerade hoch her im Kreuzwirthshaus. Das hübscheste Mädchen im Orte, Crescenz Hellgruber, feierte ihren Verspruch mit dem jungen Thalhofer. »Man soll si nix verreden«, sagte die Wirthin zum Pfarrer, »jetzt hab' i an dem Unkräutl doch mei Freud erlebt. So brav ist's worden, dass i mir wünsch, meine Madeln sollen ihr nachgerathen.«

HERBSTBLÄTTER.

Ich kann ihn nun selber tragen! bemühen Sie sich nicht weiter! Die alte Frau nahm dem Mädchen den kleinen, mit Koth und Blut beschmutzten Knaben ab und sich mit kurzem Kopfnicken, ja ohne ein Wort des Dankes verabschiedend, ging sie in ihr Haus hinein. Verblüfft blieb die Nachbarin, ein junges, nettgekleidetes Mädchen, mit einem zarten schüchternen Gesicht vor der Thüre stehen. Warum wurde sie so ohne alle Förmlichkeit entlassen? Das alte, zahnlose Mütterchen hatte es geduldet, dass sie ihr den schweren Jungen die ganze, ziemlich lange Strecke von der Pferdebahn bis zum Hause mehr trug als führte. Freilich hätte sie den Liebesdienst auch nicht abzulehnen vermocht, selbst wenn sie Lust dazu gehabt hätte. Der Schrecken war ihr in die alten Glieder gefahren, als das wilde Kerlchen, noch bevor sie das Zeichen zum Halten gegeben, vom Wagen sprang, hinfiel und sich das Gesicht aufschlug. Und als das junge Mädchen, das an derselben Strassenecke abstieg, den kleinen Unband, ohne ein Wort zu sprechen, auf den Arm nahm, war sie ihr wortlos gefolgt; aber die Blicke, die sie auf die junge Helferin heftete, zeugten von Allem eher als von Erkenntlichkeit und Wohlwollen, und der Abschied war entschieden unhöflich. Merkwürdigerweise hatte sich das Büblein ohne Widerrede von der Fremden tragen lassen, während es sich oft aus den Armen der alten Frau sträubend loswand, was das Mädchen vom Fenster aus beobachtet. So war es vermuthlich grossmütterliche Eifersucht, was die Greisin so ablehnend erscheinen liess. Eine andere Erklärung konnte Johanna Stirner dem sonderbaren Benehmen nicht geben.

Frau und Kind waren ihr nicht ganz fremd, obschon sie ihre Namen nicht wusste. Seit etwa vier Wochen hatte sie das einfenstrige Gassenzimmerchen dem Hause der Alten gegenüber gemiethet. Sie war eine Kleidermacherin, eine Waise, die sich seit dem Tode ihrer Eltern tapfer und ehrlich durch's Leben schlug. Erst hatte sie Stunden gegeben, aber das Schneidern wurde besser bezahlt. Ihre Arbeit ernährte sie und gestattete ihr den Genuss eines der feineren Vergnügen, an die sie in ihrem wohlhabenden Elternhaus gewöhnt gewesen, den Besuch eines Theaters oder Conzerts oder den eines befreundeten Hauses, das sich nicht von ihr zurückgezogen, als sie den Kampf um's Dasein selbständig aufnehmen musste. Ihre Beschäftigung zwang sie, nahe dem Fenster zu sitzen, und während die flinken Hände in das feine Zeug stachen, hatte ihr Geist Zeit zum Beobachten und Nachdenken.

Unwillkürlich formte sie sich die Lebensgeschichte zu den Gesichtern, die sie in den Fenstern oder auf der Strasse sah. Das alte Paar ihr gegenüber, das die wärmende Herbstsonne suchte und in ihrem Schein an je einem Fenster im ersten Stockwerk sass, musste schwere Verluste erlitten haben. Sicher war es das verbitternde Unglück, das ihnen die herben Linien in die Gesichter gezogen, wahrscheinlich der Verlust ihrer Lieben. Das junge Mädchen glaubte zuerst, sie ständen ganz allein, aber bald sah sie einen wilden kleinen Jungen, der nicht mehr als vier Jahre zählen mochte, in der Stube herumstürmen und das Oberste zu unterst kehren. Die Alten liessen ihm wohl zu viel eigenen Willen, denn es kam vor, dass sich der Wildfang auf das Fenstersims setzte und die kleinen Beinchen in die Strasse hinabbaumeln lies. Das sah lebensgefährlich aus, aber wenn es ihm die Grosseltern wehrten, so bemerkte man keine Wirkung davon. Sie sprachen auf ihn ein, und er blieb unbekümmert auf seiner Warte, bis ihm ein anderer Einfall durch das Gehirn schoss, er in die Stube zurückkletterte, um nach ein paar Minuten auf der Strasse unter den wilden, zerlumpten Rangen aufzutauchen. Sie waren älter als er, aber das hinderte ihn nicht, wie ein kleiner trotziger Kampfhahn auf sie einzudringen. Putzig genug sah er aus, wenn er mit seinen Fäusten auf die grossen Bengel loshämmerte, unbekümmert darum, wohin sie ihrerseits mit ihren Armen trafen. Wenn er hinab kam, war er sauber und trug gute Kleider, aber eine halbe Stunde unter seinen Widersachern sah ihn voll Staub und Schmutz und den Anzug in Fetzen.

Fräulein Johanna konnte sich nicht enthalten, dem prächtigen dunkeläugigen Burschen die zerzausten Locken zu streicheln, oder ihm einen Apfel, ein Stückchen Backwerk zuzustecken, wenn sie an ihm vorbeikam. Das arme Mädchen ahnte wenig, welchen Missdeutungen sie sich durch ihre harmlose Freundlichkeit aussetzte.

»Wieder Eine!« sagte die zahnlose Alte und winkte bedeutungsvoll zu ihrem würdigen Gemahl hinüber.

»Sie speculirt,« pflichtete er bei, »dem Kind schmeichelt sie und meint jemand Andern. Nun, wir sind auch noch da!«

Da Johanna Abends vom Fenster abrückte und zufällig die ersten Sonntage bei ihren Freundinnen eingeladen war, wusste sie gar nicht, dass die interessante Familie über der Strasse noch ein Mitglied zähle; um wie viel weniger konnte ihr einfallen, dass man ihr niedrige, eigennützige Pläne auf dasselbe beimesse. Sie wohnte schon eine geraume Zeit in ihrem Stübchen, bis sie einmal zufällig Abends an das Fenster trat und drüben einen noch jungen Mann mit einem sehr ernsthaften Gesicht bemerkte. Die leidenschaftliche Innigkeit, mit der er das Kind liebkoste, fiel ihr auf. Dann unterhielt sie der Kampf, der in der Regel mit aufgeweckten und nicht sonderlich lenksamen Kindern ausgefochten werden muss, der Kampf um das Zubettgehen. Das Kerlchen lief lachend und schreiend vor der Grossmutter davon, diese mochte bitten und drohen, das sah man an ihren Mienen, aber ohne einen Eindruck zu erzielen. Zuletzt machte der junge Mann der Komödie ein Ende, indem er das Kind in den Arm nahm und aus der Stube trug. Ohne sich zu sträuben, liess es der kleine Junge geschehen, ja er drückte vergnügt lachend sein Gesicht an das bärtige; – das war offenbar sein Papa, der Knabe nicht, wie sie vermuthet, doppelt verwaist. Dann hat sie auch den jungen Mann hie und da beobachtet; wenn er das Kind nicht bei sich hatte, wurde sein Gesicht trostlos, abgespannt, das eines Menschen, dem das Leben nicht leicht fällt. Dem war gewiss mit seiner Frau das beste Theil gestorben, und das Beisammensein mit den alten Leuten, die seine Eltern nicht sind, darauf möchte das Mädchen wetten, bietet ihm vermuthlich keinen vollwichtigen Ersatz für das, was er verloren. Allabendlich setzt er sich mit ihnen zum Kartenspiel nieder, aber aus der Entfernung kann sie sehen, dass diese Art Zeitvertreib von ihm als eine einmal übernommene und ohne Widerstand ausgeführte Pflicht statt als Vergnügen betrachtet wird. Bleierne Langweile, unzerstörbare Gleichgültigkeit haftet bei Gewinn wie Verlust in seinen Zügen, während es in den alten Gesichtern gierig oder enttäuscht aufzuckt und der volle Spieleifer aus ihren hastigen Bewegungen spricht. – Wenn sich das Paar endlich zu Ruhe begeben, dann wandert der Mann noch lange rastlos in dem Wohnzimmer herum; Johanna stellt sich vor, dass es einst das Glück seiner jungen Ehe umschlossen, und nun von all den Geistern todter Freuden für ihn bevölkert ist. Eine spuckhafte Gesellschaft! Kein Wunder, dass sich seine Stirn furcht und das Gesicht den Ausdruck müder Resignation trägt. Der Mann dauert sie; und sie weiss nicht einmal, wie sehr er zu bedauern ist.

Seit drei Jahren steht das alte Paar zwischen ihm und jeder erwachenden Regung von Lebenslust. Ihnen ist mit ihrem einzigen Kind Alles gestorben; sie könnten es nicht begreifen, wenn es bei dem jungen Mann anders wäre. Ein eifersüchtiger Liebhaber könnte nicht ängstlicher seine Herzensdame bewachen, als die beiden Greise ihren Schwiegersohn. Es ist eine böse Welt, voller Fallstricke. Ihr Alter und ihr Missgeschick hat sie argwöhnisch gemacht. Am Ende ist es doch nur Liebe, wenn auch eine verzerrte, missartete, die ihr sonst unverantwortliches Beginnen diktirt; sie können sich nicht darein finden, eine Andere die Stelle einnehmen zu sehen, die ihr einziges Kind ausgefüllt. Und sie zittern für Ivo, ihr Enkelkind, dem eine Fremde nicht die Zärtlichkeit entgegen trüge, die er bei ihnen findet. Wo könnte der kleine Schelm, der kaum ein Jahr zählte, als ihm die Mutter starb, besser aufgehoben sein, als bei den Grosseltern? Die alte Frau hat manche Nacht bei dem Kleinen durchwachen müssen, die Last und Plage, die solch ein junges Menschenkind verursacht, war für ihre Jahre nichts Geringes. Ivo's Vater wäre ein verhärteter Bösewicht, wenn er der grossen Opfer nicht dankbar gedächte und die kleinen Schrullen übersähe. Dass sie in jeder Frauengestalt, die in seinem Gesichtskreis auftauchte, eine gewissenlose Glücksjägerin witterten, dass sie und ihr Mann nicht müde werden konnten, ihn zu warnen und über die unlauteren Beweggründe für jedes freundliche Wort, an ihn gerichtet, für jede Liebkosung, die der schöne kleine Bursche empfing, aufzuklären, erschien ihm allerdings nicht gerade als ein Beweis von liebenswürdiger Gemüthsart, auch trug es nicht dazu bei, ihm das Zusammenleben mit ihnen besonders erfreulich zu gestalten. Aber um ihn handelte es sich nicht, ihn hielt sein Beruf den ganzen Tag vom Hause fern; wenn er sein Kind treu behütet wusste, so hatte er wohl alles erreicht, was ihm sein armes, verstörtes Leben noch zu bieten vermochte. Diese nimmermüde Sorgfalt, die keine andere Hand dem Knaben widmen würde, war ein Dogma. In der Obhut seiner Grosseltern konnte ihm nichts geschehen, es war unmöglich bei ihrer unausgesetzten Wachsamkeit! Und nun hatte sich der Junge blutig geschlagen, als er mit der Grossmama aus dem Park heimfuhr, und um ihr keinen Tropfen in diesem bittern Kelch zu ersparen, musste eine Fremde ihm zu Hilfe eilen, nein, keine Fremde, eine Harpye, die schon seit Wochen darauf lauerte, über den gedeckten Tisch herzufallen, die vermuthlich das einfenstrige Zimmer nur um ihrer versteckten Pläne willen gemiethet und mit geübter Hand Zug um Zug auf ihrem Schachbrett gethan. Schon sah die Alte ihren leichtgetäuschten Schwiegersohn in den Banden einer berechnenden Frau, Ivo bei Seite geschoben und rauh angefahren, da griff sie denn nach dem ersten Ausweg, der sich ihr offenbarte, sie hiess den Jungen über den Vorfall schweigen. Papa würde sehr böse werden, wenn er erführe, dass Ivo vom Wagen abgesprungen, bevor dieser hielt, schärfte sie ihm ein und blickte höhnisch zu der Nachbarin hinüber, die nun wieder emsig arbeitend beim Fenster sass, um sich durch ihren Fleiss »ein gutes Bild einzulegen.« Für diesmal war ihr das Spiel verdorben. Die Alte hätte kein schlechteres Mittel ergreifen können; und wäre nicht schon eine so lange Zeit verstrichen, seit sie ihr eigenes Kind erzog, sie wäre sicher nicht darauf verfallen. Ivo war, wie die meisten lebhaften, aufgeweckten Kinder kein Grübler; er hätte bis zum Abend den Hautriss sammt dem Pflaster darüber, das zarte Mädchengesicht, das sich über ihn gebeugt, das mitleidige »Hast Du Schmerzen, Du armer Schelm?« vollkommen vergessen, wenn das Verbot nicht gewesen wäre. Das erhielt den ganzen Vorfall frisch in seinem Gedächtniss, und verlieh ihm eine tiefe Bedeutung. Und als Papa am Abend gleich beim Kommen, das Pflaster auf der Stirn bemerkend, auf seine Frage von Grossmama die Antwort erhielt, Ivo habe sich an der Tischkante gestossen, wurden die Augen des Kindes sehr gross. Grossmama hatte gelogen, ein guter Theil ihrer Autorität war für immer dahin. Hartnäckiger als sonst wehrte sich der Kleine gegen sie, als sie ihn zu Bett bringen wollte. Aber hartnäckiger als sonst, bestand sie heute auf ihrem Willen; es war nicht rathsam, Vater und Kind an diesem Abend sich selber zu überlassen. Aber als sie Ivo trotz seines Sträubens ergriff, schrie er: »Lass mich, oder ich sage dem Papa, dass ich vom Wagen gefallen bin!«

Ihr fielen die Hände vor Schreck in den Schooss, und ohne Widerstand duldete sie es, dass der Teufelsjunge sich von Papa emporheben und aus dem Zimmer tragen liess. Erst nach einer Weile folgte sie ihnen, um ihrem Schwiegersohn beim Auskleiden des kleinen Prinzen zu helfen, aber der lag schon im Bett, mit beiden Händchen um den Hals des Vaters, der seinen Kopf auf das Kissen neben den des Kindes gelegt; es war wie gewöhnlich; kein Anzeichen, dass der Range geplaudert und alle Mühe umsonst gewesen. Beruhigt zog sie sich zurück. Sie ahnte nicht, was ihr der nächste Morgen bringen würde.

Es war ein Sonntag, ein schöner, milder Frühlingstag. Grossmama sah kein Arges darin, dass ihr Schwiegersohn bat, dem Kinde sein bestes Kleid anzulegen. Vermuthlich führte er ihn, wie er es fast jeden Sonntag that, in den Park spazieren. – Als der junge Mann und das Kind der Thüre zuschritten, wandte sich der Erstere nochmals um: »Ich hoffe, Grossmama, wir werden zur rechten Zeit zurück sein, doch sollten wir uns, wider Erwarten, verspäten, dann nehmt das Essen ohne uns ein. Ich beabsichtige, mit Ivo einen Besuch zu machen.«

Einen Besuch? Seit dem Tode, nein schon seit der Erkrankung seiner Frau hatte er nicht daran gedacht, ein fremdes Haus zu betreten, fing er auf einmal an, der Aussenwelt Interesse abzugewinnen? Der Alten erschien dies wie eine Beeinträchtigung ihrer todten Tochter.

»Wohin willst Du mit Ivo gehen?« fragte sie und wischte dem Kinde über das ohnehin blanke Gesichtchen; sie hatte kein Recht zu der Frage, aber ihre Wissbegier trug manchmal den Sieg über ihre Klugheit davon.

»Selbstverständlich zu dem jungen Mädchen, das meinem Kinde Beistand geleistet. Es war nicht recht, Grossmama, dass Du mir den Vorfall verheimlicht. Die junge Dame müsste uns für Leute ohne Lebensart und Erziehung halten, wenn wir ihr nicht einmal unseren Dank dafür aussprächen, dass sie den schweren Jungen bis zum Hause trug.«

Nun lag ihm schon an der Meinung einer wildfremden Näherin. Grossmama war wüthend.

»Ich hatte es vergessen,« sagte sie, mühselig eine gleichgültige Miene behauptend, »gedankt habe ich ihr für die kleine Mühe übrigens schon gestern. Sie wird wohl wissen, weshalb sie sich sie nahm. Wäre mein armes Kind noch am Leben, dann hätte die drüben gewiss keine Hand nach Ivo ausgestreckt.«

»Ja,« schnarrte Grosspapa von seinem Sitz am Fenster dazwischen, »sich selbst sein Brod verdienen, das ist ein unangenehmes Geschäft für eine junge Dame, viel besser, man setzt sich in ein wohleingerichtetes Haus hinein, selbst wenn man so ein lästiges Anhängsel,« er wies auf Ivo, »mit in Kauf nehmen muss.«

»Da stösst man dann in alle Ecken«, wehklagte seine Gemahlin, »ich habe es nicht einmal, nein Dutzendmal mit angesehen. Wenn ein Kind den Vater verliert, so ist es traurig, aber mit der Mutter büsst es alles, alles ein.« Beschwörend streckte sie die Hände nach ihrem wie auf Kohlen stehenden Schwiegersohn aus.

»Franz, wenn Du dem Knaben eine Stiefmutter giebst, sieh' nicht auf Jugend und Schönheit, sieh' nur, ob sie ein Herz zu dem Kind fassen kann!«

»Ich weiss nicht, was Dir einfällt, Grossmama,« sagte der junge Mann unwirsch, »ich denke nicht daran, mich wieder zu verheirathen. Mein Sohn ist bei Euch gut aufgehoben, und ich kann doch nie wieder so glücklich werden, wie ich es mit Marie gewesen.«

Das war eine Beruhigung für die Alten, aber Franz ging ärgerlich, aus seiner gewöhnlichen Gelassenheit aufgerüttelt, davon. Die Beschwörungen und Prophezeihungen wickelten ihn in einen grauen dicken Nebel ein, durch welchen er die Welt in ziemlich trübseligem Licht erblickte. Zuletzt that es ihm leid, dass er so bestimmt seine Absicht angekündigt, der Nachbarin in Person zu danken. Was sollte ihm der Verkehr mit einer Fremden? Er war durch sein Unglück an Einsamkeit gewöhnt, fühlte sich am wohlsten allein oder in der Gesellschaft seines Kindes. Die Alten hatten nicht Unrecht, er that am besten, wenn er sein leckes Lebensschifflein abseits von den anderen Seefahrern lenkte, die unter vollem Segel hinglitten und vom Leben noch Glück und erfüllte Verheissungen erwarteten. Vielleicht hatten sie auch recht mit ihren Warnungen; sie kennen die Nachbarin seit längerer Zeit, haben sie beobachtet, während er sie noch kaum bemerkte.

Ivo hat heute nicht viel Vergnügen von seinem vor sich hingrübelnden Papa. Aber er verlangt von dem traurigen Mann nicht, dass er sich so unausgesetzt mit ihm beschäftige, wie es die Grosseltern thun, die ihn mit ihren Lehren und ihrer Beaufsichtigung gar oft langweilen. Er ist schon zufrieden, wenn er mit seinem Papa sein, neben ihm hergehen kann, vergebens bemüht, seine Schritte den weitausgreifenden anzupassen. Im Park setzt sich Franz auf eine Bank, der Kleine befriedigt an seine Seite. Nach einer Weile wird er des Stillsitzens überdrüssig und beginnt, die schönen gelbfarbigen und purpurrothen Blätter aufzulesen, die der Herbst auf den Rasen verstreut. Ein ganz unterhaltendes Geschäft, und wenn man die minder schönen immer wieder gegen besser gefärbte vertauschte, mag es auch für eine geraume Zeit vorhalten.

Der Vater trifft Anstalten, sich von seinem Sitz zu erheben und blickt nach dem Knaben aus. Beide Hände voll mit seiner prächtigen Beute eilt er auf ihn zu. Franz ist soeben zu dem Entschluss gekommen, es sei am besten, nach Hause zu gehen und der Fremden einige Zeilen des Dankes zu schreiben, denn er ist des Verkehrs mit Frauen vollkommen entwöhnt, und die Worte der Alten haben, ohne dass er es sich gestehen mag, ihren Einfluss auf ihn nicht verfehlt. Da sagt Ivo:

»Die rothen und gelben Blumen bringe ich alle dem schönen, grossen Mädchen, das mich nach Hause getragen hat. Die wird sich freuen!«

Es war feuchtkalt in den Zimmern. Die Sonne schien plötzlich ihre ganze Macht eingebüsst zu haben. Grossmama sass, in einen dicken Shawl gewickelt, am Fenster und blickte ingrimmig zu der Nachbarin hinüber. Was sie sah, war aber auch wirklich geeignet, ihrem Verdacht Nahrung zu geben, und ihr am Nebenfenster gleich einer grossen grauen Spinne lauernder Gemahl, ein heimtückischer Greis, der sich freute, für seine geringe Meinung von der Menschheit im Allgemeinen an besondern Fällen eine Bekräftigung zu finden, verstand es trefflich, durch gelegentliche boshafte Bemerkungen, wie »wenn sie das Kind mit ihrer Zärtlichkeit nur nicht erdrückt!« oder »Franz scheint sich gar nicht von drüben trennen zu können,« das Feuer zu schüren. Franz war ein ungelenker, steifer Geselle, seit er sich in seinem Umgang auf die zwei alten Leute beschränkte. Er hatte sich auf den Sessel gesetzt, den ihm die Nachbarin angeboten, und nachdem er, unbeholfen genug, seinen Dank für die geleistete Hülfe ausgesprochen, versank er in ein bedrückendes Stillschweigen. Das junge Mädchen war zu schüchtern, um es zu unterbrechen. Im Hause ihrer Eltern, mit dem Rückhalt, den ihr deren gesicherte Lebensstellung gewährt, war sie heiter, lebhaft und gewandt gewesen; seit sie sich allein durch's Leben schlagen und und von hochmüthigen Kunden manche Demüthigung hinnehmen musste, war sie gedrückt, zurückhaltend, und nur wenn sie freundlichem Entgegenkommen begegnete, schaute sie auf, und ihre ehemalige liebenswürdige Gesprächigkeit trat zu Tage. Beide hatten im ersten Augenblick nicht den günstigsten Eindruck von einander empfangen; Johanna hielt ihren Gast für hochmüthig, – (das arme Kind war seit den trüben Erfahrungen, die sie gemacht, nur zu geneigt, diese Eigenschaft bei ihren lieben Nächsten vorauszusetzen) – er dachte, sie wäre eine hübsche geist- und leblose Kaminfigur und blickte sehnsüchtig nach der Thür, im Stillen die Augenblicke zählend, bis er sich ohne Verstoss gegen die Schicklichkeit wieder empfehlen konnte. Nur Ivo fühlte sich wie zu Hause. Ihn würde der Glanz und die Hoheit eines Königshofes vermuthlich auch nicht im Geringsten eingeschüchtert haben. Uebrigens kam er nicht mit leeren Händen, das musste ihm jedenfalls einen freundlichen Empfang sichern.

»Da«, sagte er mit grosser Wichtigkeit, die gelben und rothen Blätter, die er auf dem Wege durch krampfhaftes Festhalten um ihre natürliche Form gebracht, Johannaen darreichend, »das alles gehört Dir. Freust Du Dich?«

Es war wie eine Erlösung, die frische, helle, sorglose Kinderstimme in das drückende Schweigen hineinklingen zu hören. Kein Wunder, dass Johanna den kleinen Jungen umfasste, herzlich abküsste und auf den Schooss nahm. Weggewischt war alle Verlegenheit und Zurückhaltung, das junge bildschöne Kind, das sich so eng an sie schmiegte, dessen warmen Athem sie an ihrer Wange spürte, wusste nichts von Ueberhebung, wollte nicht verletzen. Mochte der steife Patron auf dem Sessel drüben mit sich zurechtkommen, wie er wollte, sie hatte ihren Zeitvertreib. Und nun kam sie ins Plaudern. Jedes Wort verrieth das Mädchen von Bildung und Verstand, das sich in gemüthvoller Herzlichkeit zu dem Fassungsvermögen des kleinen Burschen herablässt. Ihr silbernes Fingerhütchen, das sie selbst heute nicht abgelegt, da sie trotz des Sonntags ein Kleid anzufertigen hatte, wurde nun ein undurchdringlicher Panzer, die spitzen Nadeln, Lanzen und Spiesse, jeder Finger ein wackerer Ritter. Welch ein Turnier entwickelte sich zu Gunsten Ivo's, der vor Spannung und Entzücken den Athem anhielt. Mit grossen Augen sah Franz die Umwandlung, die mit dem Mädchen vorgegangen, seit sie das Kind auf dem Schooss hielt. Von dem kleinen Medium konnte er ja auch Nutzen ziehen. Und nun entwickelte sich das anmuthige Spiel, das die Grossmama und ihren würdigen Gemahl mit so berechtigtem Unmuth erfüllte. Sobald Ivo von Johanna's Schooss herabgeklettert und irgend eine fabelhafte Herrlichkeit auf dem Kamin des Parlors, der Johanna's Hauswirthen gehörte, zu bewundern, hielt sein Papa ihn an und begann ihm die Haare zurecht zu streichen, einmal in die Stirn und dann zur Abwechslung aus der Stirn. Dabei sprach er durch ihn zu der Nachbarin.

»Du darfst das Fräulein nicht so belästigen, Ivo.« Natürlich versicherte sie, er mache ihr keine Mühe. Dann erklärte ihm sein Papa auf das Nachdrücklichste, sie sei zu gütig gegen ihn, und er verdiene so viel Nachsicht und Freundlichkeit nicht. Darauf zog sie ihn wieder zu sich, um den eiteln kleinen Burschen, der vor Freude hochroth im Gesicht wurde, ein dunkelblaues Band, das ihr von der Näherei übrig geblieben, als Cravatte um den Hals zu knüpfen. Das erinnerte ihn an die Zeit, da Ivo's Mutter kein grösseres Vergnügen gekannt, als das winzige Kind mit Schleifen und Bändern herauszuputzen. Das eine seiner Händchen haltend, sprach er von jenen schönen Tagen, sie fasste das andere und war ganz Mitleid für das Kind. Ivo hielt prachtvoll still in seiner Blitzableiterrolle, die den Beiden über ihre Verlegenheit hinweghalf. Er liess sich von Johanna die Bilder in der »Gartenlaube« erklären und zeigte dann jedes dem Vater hinüber, eine sehr drollige Erläuterung in seiner Manier dazugebend. Und unvermerkt verstrich die Zeit. Hüben und drüben gab es mit jedem Viertelstündchen mürrischere Gesichter. Ivo's Grosseltern warteten, trotzdem ihre Essensstunde bereits vorüber war, mit der Sonntagstafel; dasselbe thaten Johanna's Hauswirthe. Aber beide erschöpften sich dabei nicht gerade in Segenswünschen für die Schuldtragenden.

Endlich als die Hausfrau ihr ältestes Töchterchen mit der Botschaft hereinschickte, die Familie könne nicht länger warten, erhob sich Franz, erstaunt und erschrocken über die ungebührliche Länge seines ersten Besuchs; aber das junge Mädchen war nun in die Freuden und Leiden seines Lebens eingeweiht, sie wusste von seinem kurzen Glück und der langen trostlosen Zeit, die demselben gefolgt. Auch sie hatte mit ihren Mittheilungen nicht gegeizt. Beiden war es ein seltener Genuss, einmal zu einem wirklich theilnehmenden Ohr von dem eigenen Schicksal zu sprechen, und er kannte nun ihr Elternhaus, ihre friedliche sorglose Kindheit und die harten Schläge, die sie betroffen, als wäre er ein alter Freund. Sprechen wir nicht von der Sonntagstafel. Hüben wie drüben hätte sie den Beiden eigentlich durch die missmuthigen Gesichter am Tisch vergällt werden müssen, aber sie bemerkten nichts davon. Beide waren in Gedanken noch immer bei dem angenehmen Stündchen, Beiden schien's, als sei ihnen etwas von ihrem alten Leben zurückgekehrt. Ivo vollends war unausstehlich. Wäre dies dem verwöhnten Enkelchen gegenüber nicht gar so unmöglich gewesen, die Grosseltern hätten ihm vermuthlich mehr als einmal barsch Schweigen geboten. Er wurde nicht müde, von der Tante zu sprechen; alles, was er drüben gesehen, war viel schöner als daheim, Grossmutter besass nur einen gewöhnlichen Fingerhut und nichts anderes, ihr Kuchen hielt keinen Vergleich mit dem aus, den ihm Johanna gegeben, und eine solche Cravatte wie die, welche sie ihm umgebunden, fand sich im ganzen Hause nicht vor.

Auch fiel seine Begeisterung nicht so schnell in todte Asche zusammen, wie es sonst bei Kindern der Fall ist. Sobald ihn die Grossmama des Morgens angekleidet, wand er sich geschmeidig wie ein Aal aus ihren Händen, polterte die Treppe hinab und winkte ihr nach einigen Augenblicken, ahnungslos über ihren Verdruss vom Fenster gegenüber lachend zu. Selbst die betrübende Thatsache, dass er bei der neuen Tante artiger sein musste, als daheim, dass die enge Stube mit dem angehäuften Nähgeräth seinem Umhertollen nur ein sehr begrenztes Gebiet gestattete, dass er die Nähereien nicht verwirren und mit der Scheere dem Aufputz und den Stoffen nicht nahe kommen durfte, wirkte nicht abkühlend auf seinen Enthusiasmus. Der rauhe Wind mochte ihm den Aufenthalt auf der Strasse verleiden, und ehe er sich bei den Grosseltern langweilte, die in der That in ihrer mürrischen Verbitterung nichts mit dem quecksilbernen Jungen anzufangen wussten, trug er, mit so viel Geduld, als er aufzutreiben vermochte, die ungewohnten Zügel. Es wurde ihm nicht allzu schwer gemacht. Während Johanna flink die Finger rührte, bevölkerte sie für ihn das enge Stübchen mit all den trauten Gestalten des deutschen Märchen- und Sagenschatzes; er lauschte ihr in athemloser Spannung und verfiel nur selten auf eine seiner kleinen Teufeleien. War es jedoch einmal der Fall und sprach ihm Johanna ernst und eindringlich in's Gewissen, dann senkte er bussfertig den Lockenkopf und versprach volle Besserung. Selbst daheim hätten die Grosseltern eine gewisse Milderung seiner wilden Sitten bemerken müssen, wenn sie dazu geneigt gewesen wären. Aber wenn Johanna sich mit dem Kinde Mühe nahm, so legte sie nur Fallstricke, um dessen verblendeten Vater zu fangen. Grossmama nahm sich kein Blättchen vor den Mund, sie hielt mit ihrer Meinung über die Sirene nicht zurück; freilich erzielte sie mit ihren Anklagen ein gar sonderbares Resultat. Immer häufiger richteten sich Franzens Blicke auf das Fenster gegenüber, immer heller wurde seine Miene, immer mehr verschwand der Trübsinn aus seinem Blick. Sonst hatte ihm nichts solchen Verdruss erregt, als wenn er Abends beim Nachhausekommen den Knaben nicht vorfand; jetzt schien es ihm ein besonderes Vergnügen zu machen, ihn von drüben abzuholen und dabei eine Viertelstunde mit der Nachbarin zu verplaudern. Grossmama ging den ganzen Tag wie ein drohendes Gewitter herum, und ihr Gemahl glich mehr als je einer grossen grauen Spinne, die auf eine unschuldige Fliege lauert. Zuletzt lief sie ihnen ahnungslos in's Garn. Ivo hatte sich erkältet und musste das Bett hüten. Mit der Hartnäckigkeit eines kranken Kindes verlangte er seine Tante Johanna. Grossmama schleppte ihm Spielzeug und Näschereien in's Bett, aber nichts vermochte seine Gedanken abzulenken. Papa war früher als sonst aus seinem Geschäft gekommen und hörte noch vor der Zimmerthür das Kind nach der Tante verlangen.

»Warum habt Ihr sie nicht gebeten, herüberzukommen?« fragte er arglos, »Fräulein Stirner ist die Gefälligkeit selbst und Ivo ihr besonderer Liebling. Sie wäre ohne Bedenken an sein Bettchen geeilt.«

»Das glaube ich,« versetzte Grosspapa, »an Bedenken scheint die junge Dame überhaupt nicht zu kränken.«

Und »Ivo ihr Liebling,« rief höhnisch seine bessere Hälfte, »solche berechnende Geschöpfe haben für Niemand eine Neigung als für sich selbst.«

Dem jungen Mann schwoll die Zornader auf der Stirn, aber er hielt an sich.

»Möchtet Ihr nicht, wenn schon nicht aus Rücksicht für mich, so doch Euer graues Haar bedenkend, etwas weniger gehässig von einem Wesen sprechen, das unserem Kinde bisher nichts als die selbstloseste Freundlichkeit erwiesen? Nein, spottet nicht,« – kam er, als sie sprechen wollten, ihnen zuvor, »Ihr werdet mich sonst dadurch zu einen Schritt veranlassen, vor dem Ihr mich bewahren wollt!«

So hatte er noch nie gesprochen. Wenn sie ihn auch verdächtigten, er habe ihre todte Marie bereits vergessen, so hatte er bisher doch jeden Gedanken, ihr eine Nachfolgerin zu geben, kurz von der Hand gewiesen, bestürzt zogen sich die Verschworenen in die Wohnstube zurück, den Vater bei dem Kinde lassend. Er hätte, wenn er horchen gewollt, sie murren und grollen und Pläne schmieden hören können, aber jedenfalls flösste ihm Ivo's Geplauder, in welchem das junge, blasse Mädchen von drüben beständig wiederkehrte, theils wegen des Gegenstandes, theils wegen des Sprechers mehr Interesse ein. Am nächsten Morgen hielt er das widerspenstige Kind durch das Versprechen, heute werde die Tante gewiss kommen und sich freuen, ihn so folgsam zu sehen, im Bettchen fest. Bevor er das Haus verliess, theilte er den Alten mit, er wolle die Nachbarin herüberbitten. »Ich brauche Euch wohl nicht zu erinnern, dass ich meines Sohnes beste Freundin in meinem Hause mit aller Rücksicht behandelt sehen will,« sagte er beim Abschied. Die Grossmama nickte mit dem Kopf, aber nicht wie zur Bestätigung seiner Rede, sondern zu einer, die sie sich selber hielt. In gemeinverständliches Deutsch übersetzt, mochte es bedeuten: »O warte nur, Du sollst sehen, wie ich mich vor Deinen lächerlichen Drohungen fürchte!« Und Grosspapa goss nach seiner lieblichen Gewohnheit Oel in's Feuer. »Geh doch in die Küche, Kuchen backen für den seltenen Gast! Und vergiss die guten Tassen nicht, die Marie zur Hochzeit bekam. Unsere glatten, weissen sind nicht vornehm genug für die Nähmamsell!«

Sie sahen noch, wie Franz über die Strasse ging, drüben die Klingel zog und in das Haus trat. Grossmama hatte Furcht, er werde das Geschäft versäumen, aber so verhängnissvoll war der Einfluss von »der drüben« doch noch nicht geworden; nach ein paar Minuten trat er wieder auf die Strasse hinaus, allerdings mehr aus dem Grunde, weil er das junge Mädchen vor ganzen Bergen von Arbeit überrascht, als weil ihn sein geschäftliches Gewissen aus ihrer Nähe vertrieben. Sie wollte die erste freie Minute benutzen, um nach dem kranken Ivo zu sehen. Sie hatte so besorgt nach ihm gefragt und wirklich erleichtert aufgeathmet, als sie erfuhr, seine Krankheit sei unbedenklich; ob wohl Grossmama auch darin Zeichen von Berechnung zu entdecken vermöchte, fragte sich der junge Mann lächelnd.

Mit einem Freudengeschrei, das ihm gleich darauf einen tüchtigen Hustenanfall zuzog, begrüsste der Knabe seinen Gast. Bei seinem Entzücken übersah sie zuerst den kühlen Empfang, den ihr die beiden Alten zukommen liessen. Auch als sie sich über das geringe Vergnügen, das ihr Kommen in ihnen erregte, nicht länger täuschen konnte, war sie billig genug, einzusehen, dass Ivo, der um ihretwillen die Grosseltern in der letzten Zeit ziemlich vernachlässigt, ein wenig Eifersucht begreiflich machte. Unbehaglich wurde ihr nur zu Muthe, als wirklich die bemalten Tassen zum Vorschein kamen und die beiden Alten sich mit säuerlichen Gesichtern zu dem an Ivo's Bett gerückten Tisch niedersetzten. O, es entstanden keine solchen Pausen, wie bei dem ersten Besuch, den Franz ihr gemacht! Grossmama sprach unaufhörlich auf den Gast ein, und wenn sie, um Athem zu schöpfen, innehielt, dann fiel der alte Mann mit seiner krächzenden Stimme ein und machte irgend eine Bemerkung, die sich wie mit Widerhaken in Johannas Seele verfing. Ein ausgezeichnetes, ein exemplarisches Paar! Wovon konnte sie die Fremde unterhalten, wenn nicht von ihrer todten Tochter, die solch ein Musterbild aller Tugenden gewesen: »ganz anders als die Mädchen, die man jetzt sieht, und die nur für den Putz und das Geldhinauswerfen geschaffen sind«, schnarrte der Alte mit einem Blick auf Johannas neumodischen, in Feierabendstunden mühselig zusammengeschneiderten Anzug dazwischen, dann wieder Grossmama: »Was war Marie für eine Hausfrau, wie behaglich, wie angenehm wusste sie es ihrem Manne zu machen, und wie hingen die Beiden auch aneinander!« So ging es in einem Zug fort. Die Geschichte von Franzens Glück, die sie einmal aus seinem Mund vernommen, musste sie nun noch einmal hören, aber von den Lippen der Alten klang sie schier wie ein Vorwurf gegen ihn. Wie durfte er sich unterfangen, noch einmal lachen und fröhlich sein zu wollen. Grossmama erliess ihr nichts; sie musste auch die ganze Krankheit und das Ende Maries mitmachen, Franzens Verzweiflung und das Versprechen, das er, wenn auch nicht gerade in Worten, geleistet, ihr nie eine Nachfolgerin zu geben. Warum erzählte sie ihr dies, warum warf der tückische Greis höhnisch darein: »Und an dieser Thatsache werden alle mannstollen Glücksjägerinnen nichts ändern!« Ihr zog sich das Herz zusammen. Ein ungeheures Mitleid mit Franz, dessen Hausgenossen, dessen einziger Verkehr mit der Welt sie waren, überkam sie. Die beiden Alten erinnerten sie, wenn sie sich so gegenübersassen mit den nickenden boshaften Köpfen, an zwei chinesische Götzen. Sie wäre um Ivo's Willen noch gern geblieben, aber das Pärchen ward ihr unheimlich, und sie erhob sich. Doch so leichten Kaufes liessen die Alten sie nicht los. Sie musste sich noch all die Opfer erzählen lassen, die sie für den Enkel gebracht, sie musste sich noch in kaum nichtzuverstehender Weise andeuten lassen, dass man die Motive ihrer Freundlichkeit gegen das Kind, und warum sie es den Grosseltern so häufig entziehe, ganz wohl verstehe. Kein Wort wurde gesagt, dass sie als offenkundige Beschuldigung oder Unhöflichkeit deuten konnte. Nun ja, solch ein Kind lernt bei jungen Leuten leicht die alten vergessen: oder mit der biedersten Miene von der Welt »der kleine Ivo muss es entgelten, dass sein Papa eine gute Partie ist, was schleppt er nicht an Bändern und Süssigkeiten in's Haus!«

Johanna hatte ihm wiederholt erlaubt, sich die glänzenden Flitter, die ihm gefielen und die keinen Werth mehr hatten, nach Hause zu nehmen, auch einen und den andern Leckerbissen liess sie dem kleinen Naschmäulchen zukommen. Kaum konnte sie ihre Thränen zurückhalten, aber als sie auf ihre Stube gelangte, weinte sie lange und schmerzlich. Die Alten hatten in einer Hinsicht Recht; Franz war ihr nicht gleichgültig geblieben; wie wäre dies auch möglich gewesen, da er der Erste war, der dem alleinstehenden, verlassenen Mädchen mit menschlichem Antheil entgegen gekommen! Auch das Kind hatte sich ihr in's Herz gestohlen. Kaum wusste sie, ob sie den Vater um des Kindes willen, oder das Kind wegen seines Vaters liebe. Aber eigennützige Berechnung, ja selbst der Gedanke, er könne sie einmal als seine Frau, als Mutter seines Kindes in das verwaiste Haus führen, waren ihr fremd geblieben. Was half ihr aber ihr reines Bewusstsein, wenn die bösen Alten, ja wenn vielleicht er selbst sie für eine selbstsüchtige Männerjägerin hielten. Sie hatte ihre Thränen kaum getrocknet, als ihre vierschrötige Hauswirthin an die Thüre klopfte, um sich über die Unordnung zu beklagen, welche die herumfliegenden Fädchen und Läppchen von Johannas Schneiderei im Hause verursachten. Sie kam ihr eben recht. Fort aus der Strasse, fort aus dem Hause, wo sie eine solche Verdächtigung, so bitteres Leid erfahren! Das war das Einzige, was ihr nach den Hornissenstichen des würdigen Paares übrig blieb. Sie kündigte.

Kaum hatte die Hauswirthin das Zimmer verlassen, fing sie ihre Sachen zu packen an. Mit höhnischem Winken und Deuten sahen sie die Alten drüben bei dem Geschäft; aber es wurde ihnen etwas weniger behaglich zu Muthe, als Franz, auch heute früher als gewöhnlich heimkehrend, gleichfalls den offenen Koffer und das geschäftig hin- und hereilende Mädchen sah. Ivo hatte sich beklagt, die Tante sei so schnell fortgegangen, er habe ihr nicht einmal einen Kuss geben können. Und Franz wusste, dass die Alten irgend eine Miene gegraben. Er nahm seinen Hut und eilte, ohne ein Wort zu sprechen, hinüber. Johanna hatte die Herbstblätter, die sie mit Wachs überzogen, und in eine Vase gestellt, von dem Kaminsims herabgenommen. Sie wollte sie wegwerfen; aber das Kind hatte ihr eine Freude machen wollen; es konnte nichts dafür, dass sie ihr vergiftet worden war. Sie wollte sie in den Koffer legen zum Andenken, dass sie glücklich gewesen und zwei Menschen von Herzen lieb gehabt. Da hörte sie Tritte auf der Treppe, die ihr das Blut in's Gesicht jagten, ein Pochen an der Thür, das ihr »Herein« zittern, kaum vernehmlich klingen liess. Franz trat ein. Mit einem Blick hatte er die Sachlage erfasst.