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Chapter 12: SCHWIEGERMÜTTERCHEN.
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About This Book

A collection of short stories that portray everyday people and small societies through vignettes of courtship, misunderstandings, and domestic life. Episodes range from comic and ironic sketches of social ambition and romantic awkwardness to more reflective pieces on aging, loss, and the passing seasons. Narratives often focus on modest protagonists whose inner feelings contrast with local conventions, while a clear eye for manners, regional settings, and delicate emotional shifts ties the pieces together. The tone moves between gentle humor and quiet melancholy.

»Ich habe von drüben recht gesehen,« sagte er traurig, »Sie wollen uns entfliehen, meinem armen Knaben und mir?« – Sie wollte etwas antworten, aber da hatte er schon ihre Hand gefasst, und der wortkarge Mensch wurde förmlich beredsam:

»Gehen Sie nicht von uns, Johanna! Sie haben mich wieder das Leben schätzen, meinen Knaben die vorsorglich lenkende Mutterhand kennen gelehrt. Bleiben Sie bei uns!«

Sie stand fassungslos.

»Ivo's Grosseltern haben mir die Deutung gegeben, wie die Welt von meinem harmlosen Verkehr mit Ihnen und Ihrem Kinde denkt,« sagte sie bitter. Sie wies auf die zusammengerollten Blätter. »Sehen Sie, so ist mein Inneres. Vor einer Stunde war noch alles frisch und grün, aber nun hat die Welt einen Herbstschleier angelegt, und ich fürchte, ich könnte nicht mehr unbefangen mit Ihnen sprechen, es ist zu Vieles in mir welk und dürr geworden.«

»Vergessen Sie, dass die alten Leute Sie beleidigt; sie sind grämlich, durch den Tod ihres einzigen Kindes verbittert. Aber sie werden meiner Frau die Achtung nicht versagen, und mit der Zeit, Johanna, gewinnst Du auch ihre Zuneigung. Ich war nicht besser als sie, da ich Dich kennen lernte, und bin durch Dich verwandelt worden. So wird es, so muss es ihnen auch ergehen.« Er fasste ihre Hand mit den Herbstblättern, die raschelnd, dürr zu Boden fielen, sie selber sank, erglühend wie eine Mairose, an seine Brust.

SCHWIEGERMÜTTERCHEN.

Mama Hellmer hatte nur eine Sorge in ihrem sonst recht angenehmen und behaglichen Leben (freilich eine Sorge, so gewaltig und alles verschlingend wie der Leviathan); sie fürchtete, ihr grosser gutmüthiger Junge mit dem Pudelkopf, ihr grösster Stolz und ihre einzige Freude, werde sich die Finger oder auch die ganze Hand verbrennen, wenn er an's Freien ging.

Zu ihrer Entschuldigung sei hier bemerkt, dass sie sehr unglücklich verheirathet gewesen war, dass ihr Mann, ein ganz auserlesener Taugenichts, ihr alles erdenkliche Herzeleid zugefügt hatte.

Das lag nun weit hinter ihr; sie hatte manches Jahr vom frühen Morgen bis in die dunkle Nacht hinein unermüdlich gearbeitet, genäht, gestrickt, in allen erdenklichen Künsten und Wissenschaften unterrichtet und sich mit ihrem Jungen tapfer durch's Leben geschlagen. Ja, durch eine Kette unendlicher Opfer hatte sie es sogar vermocht, ihm eine Erziehung geben zu können, wie sie selbst manchem Sohn aus wohlhabendem Hause versagt blieb. Nun hatte er ihr schon seit manchem Jahr alle Mühe und Plage abgenommen und sie in eine behagliche, sauber und zierlich wie ein Puppenheim ausgestattete Wohnung hineingesetzt. Was er ihr verdankte, wusste er genau; er wusste, dass er ohne ihre Entschlossenheit und Aufopferung vermuthlich ein zerlumpter, schmutziger kleiner Vagabund, ein ungebildeter, vielleicht verkommener Bursche geworden wäre, und ein innigeres Verhältniss als zwischen diesem Sohn und dieser Mutter konnte man sich kaum vorstellen. Den weiblichen Nachbarn – besonders den verheiratheten – traten Thränen der Rührung in die Augen, wenn sie jeden Nachmittag bei hübschem Wetter Mama Hellmer am Arme ihres stattlichen Sohnes spazieren gehen sahen. Die Bank, in welcher Eduard Hellmer eine Vertrauensstellung einnahm, schloss frühzeitig, aber er hätte vielleicht eher seine vortheilhafte Stelle aufgegeben, als Mama die ihr vom Arzte verordnete Bewegung in der frischen Luft allein machen lassen. In Papierdüten trug er ihr Blumen und Obst nach Hause, als wäre sie, wie die unverheiratheten Nachbarinnen, den Mund ein wenig verziehend, bemerkten, eine junge Dame, der er sein Herz zu Füssen gelegt. – Und wie sorgsam er den Shawl um ihre Schultern legte, wenn ein rauhes Lüftchen sie anblies, wie beflissen er den Kopf zu ihrem Munde hinabneigte, damit ihm im Strassenlärm kein Wörtchen, das sie sprach, verloren ging. Ja, Frau Hellmer war eine beneidenswerthe glückliche Mutter, trotz der grossen Sorge, die der Sohn ihr, freilich ohne es zu wissen und zu wollen, verursachte. Eduard besass zu seinen übrigen Tugenden leider auch noch ein leichtempfängliches Herz. Es klopfte hie und da ganz vernehmlich für irgend ein anmuthiges Mädchenbild, das ihm in seinem Gesangsverein oder in Mama's Bekanntenkreise begegnete, und er wäre vermuthlich blindlings in das Unglück seines ganzen Lebens hineingerannt, wenn Mama nicht die bestconstruirte Dampffeuerspritze in den Schatten zu stellen und die aufflackernde Gluth durch einen mit voller Kraft geschleuderten kalten Wasserstrahl zu dämpfen gewusst hätte.

Edith Bogart? O gewiss, sie ist ein schönes Mädchen; Mama könnte sich nicht beifallen lassen, dies zu bestreiten; sie ist witzig, lebhaft, mit nicht gewöhnlichem Geist begabt; Frau Hellmer kann es beurtheilen, denn sie war ja einmal des Kindes Lehrerin gewesen. Himmel! welch' ein jähzorniges, heimtückisches Temperament die Kleine besass! Erinnerte sich Eduard nicht mehr, wie Mama einmal ihr bestes Kleid von einer Scheere kreuz und quer zerschnitten heimgebracht hatte? Es war Edith's boshafter Racheakt für eine ihr ertheilte Strafe. »Und Du weisst, Eduard, was die Anschaffung eines neuen Kleides damals für mich bedeutete,« setzte Frau Hellmer hinzu. Natürlich wusste er es und küsste ihr gerührt die Hand. Lili Felder? Das Bild eines deutschen Gretchens? Ja gewiss, aber nur die schwache Copie eines solchen. Mit dem Wesen des ächten Gretchen könnte man es nicht recht in Einklang bringen, dass sie die schwache, kränkliche Mutter sich mit dem Haushalt, den jüngeren Kindern und Fräulein Lili's weit über ihre Verhältnisse glänzenden Putz abquälen liess und mit einem neuen Roman den Tag verbrachte. Die unverheiratheten Nachbarinnen fingen an, die Thränen der Rührung dem Sohne allein zu widmen, der in unverminderter Ehrerbietung die alte Frau am Arme führte, wiewohl sie – das lag ja klar zu Tage – ihm das Glück seines Lebens zerstörte. Alle Welt fing an, der besorgten Mutter masslose Herrschsucht unterzuschieben; sie wolle die erste Stelle im Hause um keinen Preis einer Anderen abtreten, sie wolle unumschränkt im Herzen des Sohnes herrschen. Vielleicht lauerten, ihr unbewusst, derartige Motive in ihrer Seele, aber ihr Hauptgrund war doch nur die geradezu abergläubische Besorgniss, ihr Eduard werde, ebenso wie sie einst, unglücklich in der Ehe sein. Der Spruch vom Hammer und Amboss schien ihr, Dank ihren trüben Erfahrungen, auf verheirathete Menschenpaare besonders zu passen. Dass Eduard zum Hammer nicht die mindeste Anlage besass, stand fest, folglich hiess es durch Anwendung von sehr viel kaltem Wasser ihn vor dem Ambossschicksal so lange als möglich zu bewahren. Die Feuerspritze arbeitete mit vollem Erfolge, so lange es sich bei Eduard nur um leicht vergängliche Eindrücke handelte, aber als sein Stündlein wirklich schlug, da machte Mama betrübende Erfahrungen. Das Schlimmste war, dass sie sich selber nicht von aller Schuld freisprechen konnte, denn sie hatte die allerliebste kleine Zündbüchse in die Nähe der Pulverkammer getragen. Als Hannchen Stubenhofer, mit deren Mutter sie in einer Provinzstadt zur Schule gegangen, in die Residenz kam, ohne vorerst zu wissen, wohin sie den kleinen Kopf sammt der dazu gehörigen reichen blonden Zopfkrone legen solle, lud Frau Hellmer sie zu sich ins Haus; und als nach einigen Wochen das flinke geschickte Ding Arbeit gefunden und seine eigene Wohnung aufnahm (an der Thüre die verlockende Tafel »Erster Klasse Toiletten« tragend), da bestand die alte Dame darauf, dass sie die Sonntage vom Morgen bis zum Abend bei ihren Landsleuten, mit welchen sie auch noch eine entfernte Verwandtschaft verband, zubringe.

Das Hannchen war ein sehr merkwürdiges Stück Menschheit; es ging nie, sondern tanzte, sprach nie einen Satz, ohne ihn mit einem sehr angenehm klingenden Gelächter einzuleiten und abzuschliessen. Mama Hellmer musste mehr als einmal den Kopf dabei schütteln. Wenn man es recht bedachte, hatte Fräulein Hannchen nicht viel mehr Ursache lustig zu sein, als sie selber einst gehabt. Auch sie stand in jungen Jahren schutzlos und auf sich selbst angewiesen da, nachdem sie Kindheit und erste Jugend in behaglichen Verhältnissen verbracht. Hannchen war eine elternlose Waise, schon dieses hätte sie nach Frau Hellmer's Ansicht bestimmen müssen, in Sack und Asche einherzugehen, sie musste sich allein durch's Leben schlagen, was sie wie einen ganz hübschen Zeitvertreib zu betrachten schien. Allerdings glückte ihr Alles, sie hatte die Finger einer Fee. Wenn Frau Hellmer sie ernsthaft an die Thatsache erinnerte, dass sie arm sei, warf sie den blonden Kopf zurück, lachte und meinte: »Was thut das? ich werde mir heute oder morgen ein Vermögen erwerben.« – Und Mama, die es nicht verstand, wie man widrige Verhältnisse mit so vergnügtem, sorglosem Gesicht bekämpfen könne, hiess sie im Stillen leichtsinnig und begann, sich ernstlichen Besorgnissen um ihre Zukunft hinzugeben. Sie glaubte es der entfernten Basenschaft schuldig zu sein, wenn sie die Augen über Hannchen »offen hielt«, was sie um so leichter thun konnte, als diese gerade über der Strasse bei einem kinderlosen Ehepaar ein Zimmer gemiethet hatte. Frau Hellmer kannte jede Kundin, die drüben aus- und einging, sie führte Buch über die Besuche, die Hannchen in ihrer freien Zeit erhielt und wusste genau anzugeben, wann und mit wem sie das Haus verlassen hatte. Aber zur Erwerbung so nützlicher Kenntnisse braucht man Zeit, viel Zeit, und Mama war genöthigt, ihren Eduard und seine etwaigen Herzensverstrickungen ausser Acht zu lassen. Und als ihr endlich die Augen aufgingen, da war es beinahe zu spät. Er fing bereits an, nachzusinnen, ob das Puppenheim für eine junge Frau geräumig genug sei; sein Gesicht war in eitel Glückseligkeit getaucht, wenn der Sonntag kam und Hannchen die Base besuchte; er schritt hinter ihr her, wenn sie in ihrer lebhaften Weise durch die ganze Wohnung lief, – einen ziemlich lächerlichen Eindruck gewährend, da er ebenso verliebt wie unbeholfen erschien –; wenn sie sang, dann horchte er begeistert und applaudirte, als gälte es der Patti, und wenn sie etwas Lustiges sagte, lachte er, bis sein Gesicht bläulich wurde. Und was das Schlimmste war, er schien vollständig mit Taubheit geschlagen, als Mama wie absichtslos bemerkte, es sei zu arg, dass Hannchen statt für ihre alten Tage, für Krankheit oder andere Unglücksfälle zu sparen, was sie verdiente, auf sich hing. Er nahm seinen Hut und ging zu Hannchen hinüber, als diese durch die plötzliche Unfreundlichkeit ihrer sonst so gütigen Freundin abgeschreckt, am nächsten Sonntag zu Hause blieb. Und von ihrer Sternwarte aus konnte Mama beobachten, wie die zwei drüben in vergnügtester Stimmung nebeneinandersassen, Mama und die ganze übrige Welt auch nicht mit der Spur einer Erinnerung bedenkend. Da galt es, rasch und entschieden einzugreifen. Nie vorher war Frau Hellmer so überzeugt von der Heilsamkeit der Abschreckungstheorie gewesen, wie diesmal. War nicht auch bei ihrem verstorbenen Gatten der Hauptfehler, aus dem alle übrigen riesengross herauswuchsen, ein gedankenloser Leichtsinn, eine Vergnügungssucht, die nach den Mitteln der Befriedigung nicht fragte, gewesen? Sollte ihr trübseliges Loos sich an dem Sohne wiederholen? Nicht, solange sie es abzuwenden vermochte. Glücklicherweise gab ihr das unbesonnene Hannchen selber die Mittel zur Vernichtung in die Hand. Mama hatte, trotzdem die frühere wohlwollende Gesinnung gegen das Mädchen ziemlich feindseligen Gefühlen Platz gemacht, ihren Beobachtungsposten nicht verlassen; freilich war ein kleiner Unterschied gegen ehemals zu bemerken. Bisher hatte sie Hannchen überwacht, jetzt – so ungern wir das Wort gebrauchen, es muss heraus, – jetzt belauerte sie dieselbe. Natürlich Alles in der besten Absicht, wie sie sich wiederholt versicherte, aus einem Pflichtgefühl, das selbst der Mutter der Gracchen Achtung abgenöthigt hätte. Bald hatte sie genug erspäht.

»Wer war der junge Mensch, mit dem Du vorgestern Abend ausgingst, und in dessen Gesellschaft Du erst nach Mitternacht, lachend und schwatzend, dass die ganze Strasse aus dem Schlaf auffuhr, heimkamst?« fragte sie, als Hannchen mit einem Gesicht, dessen sich alle drei Höllenrichter zusammen nicht zu schämen gehabt hatten. Das Mädchen machte heute wieder seinen Sonntagsbesuch bei der ersten Freundin, die sie in der Fremde gefunden, vermuthlich durch Eduards Versicherungen überzeugt, dass der eisige Empfang auf irgend welchem häuslichen Aerger beruht und durchaus nichts mit ihr zu schaffen gehabt hatte. Mamas kühle Begrüssung in ihrer eigenen Wärme übersehend, hatte sie mit dem Haussohn sogleich ein lustiges Scharmützel angefangen. Wie eine Bombe rollte die Frage dazwischen, und vor Schrecken – Mama erklärte ihrem Sohne nachher aus Schuldbewusstsein – wurde sie roth und verlegen.

»Haben wir Dich aufgeweckt, Tante?« sagte sie bedauernd, nachdem sie sich gefasst. Frau Hellmer hatte zu erwähnen vergessen, dass sie gar nicht geschlafen, sondern beobachtend am Fenster die Zeit verbracht hatte; und so war es begreiflich, dass Hannchen versicherte: »es thut mir aufrichtig leid; aber Karl Sohmer ist solch ein drolliger Kauz, dass man lachen muss, sobald er zu sprechen anfängt, und wenn die Todesstrafe darauf stünde.«

»Karl Sohmer? ich habe diesen Namen nie gehört.«

»Ich auch nicht, bis vor, lass sehen, vor sechs Tagen. Letzten Dienstag kam er meinem Hauswirth, dessen Neffe er ist, wie vom Himmel herabgeweht in's Haus; er lebt in Texas und hält sich nur zu Besuch hier auf.«

»Erlaube mir!« rief Frau Hellmer mit um so ausgesprochenerem Entsetzen, als sie bemerkte, das Gesicht ihres Sohnes habe sich bedenklich in die Länge gezogen, »nach so kurzer Bekanntschaft gehst Du mit diesem Texaner aus! Ich verstehe die heutige Jugend nicht.«

»Er lud mich in die Oper ein, und ich konnte wohl nicht nein sagen, es hätte meine Hauswirthe verletzt,« erklärte Hannchen ziemlich gedrückt, aber während des Sprechens lachte sie wieder und rief eifrig, »ich bin auch übrigens froh, dass ich die Einladung annahm, denn ich habe mich köstlich unterhalten und zehre an der Erinnerung, während ich über meiner Arbeit gebückt sitze.«

»Du hörst es,« sagte Mama's Miene ihrem Abgott, der sehr blass und sehr ärgerlich dasass. Er war verliebt genug und seines Erfolges bei Hannchen nicht sicher genug, um gewaltig eifersüchtig zu sein. Uebrigens hatte Mama noch lange nicht ihr ganzes Pulver verschossen.

»Der junge Mann scheint aus Deiner liebenswürdigen Bereitwilligkeit die Ueberzeugung geschöpft zu haben, dass seine Gesellschaft Dir sehr angenehm ist, was mich auch gar nicht Wunder nimmt. – So oft ich an's Fenster trete und zu Dir hinüberblicke, was ich aus Antheil an Dir häufig thue, sehe ich ihn in Deinem Arbeitszimmer, schwatzend wie eine Elster.«

»Er ist solch ein drolliger Kauz!« meinte lachend und erröthend das Hannchen, »er möchte mir weismachen, dass gerade so ein wichtiges Persönchen, wie ich, dem Staate Texas zu seiner Vollkommenheit fehle.«

»Der junge Mann ist sehr dreist,« brauste Eduard auf.

»O, wer denkt daran, Karl Sohmer ernst zu nehmen!« versetzte sie, »er ist ein sehr unterhaltender Gesellschafter, und ich freue mich auf den Ball morgen Abend, zu dem er mich geladen. Ich gehe mit der Hauswirthin.«

Sie kam nicht weiter. Das war Wasser auf Mama Hellmers Mühle; und die würdige Dame übertraf sich selber. Die Posaune des jüngsten Gerichtes kann unmöglich strafender und drohender klingen, als ihre Stimme, während sie über gedankenlose Coquetterie und Vergnügungssucht loszog, die ganze Existenzen zerpflückt, Menschen für ihre Lebensdauer elend macht. Hannchen, die vor der alten würdigen Frau einen ungeheuren Respekt hatte, war Anfangs zerknirscht wie eine wirkliche Sünderin; sie warf Eduard einen hilfesuchenden Blick zu, aber er hatte eine Bemerkung Mamas, sie würde nie einwilligen, mit dem Leichtsinn unter einem Dach zu wohnen, dahin aufgefasst, dass sie ihn vor die Wahl zwischen sich und dass Mädchen stelle, und so blieb er stumm, die Stirn gerunzelt, seinen Bart kauend, sitzen, und vermied es, die Missethäterin anzusehen. Zuletzt erwachte auch in ihr der Trotz: Sie habe Niemandem Rechenschaft abzulegen; sie werde ihr junges Leben geniessen und den Ball morgen Abend erst recht besuchen, erklärte sie. Als man sich an diesem Tage trennte, sah Mama erhitzt, aber sehr befriedigt, ihr Sohn gleichfalls erhitzt, aber sehr niedergeschlagen aus; was Hannchen betrifft, so hatte sie verweinte Augen, aber einen sehr entschiedenen Zug im Gesichte, der auch aus ihrer Erklärung sprach, dass sie das Haus nie wieder betreten werde. Am nächsten Abend sahen Mutter und Sohn sie mit dem Fremden zu Balle gehen, und Mama beglückwünschte sich zu ihrer Entschiedenheit. Dann aber verliess sie das Haus nicht mehr; aber als der Monat zu Ende ging, verschwand sie ganz und gar aus der Strasse. Durch Bekannte, für welche sie arbeitete, erfuhr Frau Hellmer, dass der junge Texaner allein abgereist sei und Hannchen eine Wohnung in einer entfernten Strasse gemiethet hatte. Es war klar, sie wollte ihnen nicht mehr begegnen. Mama athmete auf, sie hatte ihren kostbaren Sohn wieder zum ausschliesslichen Besitz. Aber es war nicht mehr der alte, leichtvergnügte Sohn; ein wortkarger, stiller Mann, dessen Züge sich täglicher fester ausprägten; ein Mann, der ass und trank und schlief und seinen Geschäften nachging, ohne an etwas Vergnügen zu finden, ging er neben ihr her. Er sah aus, als wäre ihm der Schmelz von den Flügeln gewischt worden. Er wusste, dass Mama dem Mädchen bitter Unrecht gethan; er wusste, dass er ohne sie nicht glücklich werden konnte. Aber war es möglich, sich mit einer solchen Mutter wegen seines eigenen Glücks zu entzweien? Alle Opfer, die sie für ihn gebracht, standen deutlich vor seinem Geist; und so liess er, ohne einen Versuch zur Versöhnung zu machen, Hannchen aus seinem Gesichtskreis verschwinden.

Mama war Anfangs zornig darüber, dass er den Verlust so schwer empfand. Sie, die sonst eifersüchtig jede Annäherung zwischen ihm und den jungen Damen der Nachbarschaft vereitelt, lud selber nun oft Gesellschaft zu sich. Aber so oft Eduard es vermochte, entzog er sich dem Vergnügen durch die Flucht, und liess er sich einmal durch Ueberredung ins Besuchszimmer locken, dann sass er stumm und unbehaglich da und schien aufzuathmen, wenn die Gäste sich entfernten. Frau Hellmer war sehr stolz gewesen, dass sie ihn wieder einmal vor dem Elend seines Lebens bewahrt, aber nachgerade fing sie an der Weisheit und dem Erfolg ihrer That zu zweifeln an. Was half es, wenn sie für die Möglichkeit seines Unglücks, das eine leichtsinnige, vergnügungstolle Frau auf ihn herabbeschworen hätte, die Gewissheit desselben eintauschte. Er klagte nie und machte ihr keine Vorwürfe, aber dass er unglücklich war, konnte ihr jeder Blick und sein blasses, ernstes Gesicht sagen. Und da fasste sie nach langem hartem Kampf einen heldenmüthigen Entschluss. Der nächste Tag sah sie neben Hannchen Stubenhofer in deren Zimmer sitzen, (auch nicht mehr das Hannchen von ehemals, denn es fing keinen Satz mit Lachen mehr an und endete ihn auch nicht damit). Im Ganzen sah sie wie das richtige Gegenstück zu Herrn Eduard Hellmer aus. Da wurde es Mama viel leichter, zu sagen, weshalb sie gekommen. Aber Hannchen schüttelte den Kopf:

»Ich habe auch meinen Stolz, wenn ich auch nur ein armes Mädchen bin. Ich bin in Ihrem Hause beleidigt worden, nun setze ich keinen Fuss mehr hinein.«

Mama war enttäuscht; sie hatte sich es schön ausgemalt, wie sie ihrem Sohn mittheilen wolle, es sei ein seltener Gast da; wie sie sodann die Thüre des Besuchszimmers öffnen, ihn allein eintreten lassen und erst nach einer gut gemessenen Viertelstunde mit zum Segnen erhobenen Händen nachfolgen werde. Hannchens Eigensinn verdarb den feinen Plan.

Da steckte sich Mama denn hinter eine ältliche Landsmännin und Busenfreundin, in deren Hause das Mädchen in der nächsten Zeit beschäftigt war. Hannchen nahm, um alter Freundschaft willen, eine Ausnahmsstellung in dem Hause ein; nach der Arbeit verbrachte sie gewöhnlich den Abend als gleichberechtigtes Glied im Kreise der Familie. Allerdings fiel es ihr auf, dass man nach dem Abendessen sich in die Stube begab, von der sonst der Spruch galt: »Ziehe deine Schuhe ab, denn die Stelle ist heilig.« Doch hatte sie kaum Zeit gefunden, sich zu verwundern, da klingelte es, und herein rauschte Mama Hellmer, gefolgt von ihrem, durch die feinsten diplomatischen Künste zum Mitkommen veranlassten Sohn. Frau Hellmer, die sehr anregend sprechen konnte, wenn sie sich die Mühe dazu nahm, fesselte nicht nur die Freundin, sondern auch noch deren Töchter und den Hausherrn. Hannchen hörte nicht zu, und Eduard wusste vermuthlich von früher her, um was es sich handelte. Er stand ziemlich linkisch vor dem jungen Mädchen, das bei seinem Erscheinen Miene gemacht, zu entweichen; doch las sie in seinen Augen eine so herzliche Bitte und hörte aus seinem Munde so viele gute, versöhnende Worte, dass sie den Fluchtplan aufgab. Den ganzen Abend sah man die zwei sehr eifrige Gespräche führen, doch vernahm Niemand etwas davon, denn sie klangen sehr leise und schienen nur für das nachbarliche Ohr berechnet.

Mama Hellmer hat vor Kurzem die Schlüssel, das Abzeichen ihrer absoluten Herrschermacht, sowie die Oberhoheit über die sehr unbotmässige Vasallin, welche die Kochtöpfe zu überwachen und den Besen zu schwingen hat, der jungen Herrin des Hauses abgetreten. Wollte ich behaupten, dass die unerfahrene Frau Hellmer das Regiment zur vollen Zufriedenheit der alten, weisen, unfehlbaren Frau Hellmer führt, so würde man mich beschuldigen, dass ich die Grenzen poetischer Freiheit übersteige und Unwahrscheinliches berichte. Aber Hannchen hat solch einen eingewurzelten Respekt vor Mama, fragt sie so häufig um Rath und, was mehr ist, befolgt denselben auch, dass Schwiegermütterchen, von dem die ganze Nachbarschaft vermuthete, es werde aus langer Herrschergewohnheit den Frieden des jungen Haushalts gefährden, ein viel angenehmeres, zufriedeneres und leichter zu behandelndes Schwiegermütterchen geworden ist, als man es sonst von ihren Schwestern behauptet.

DAS PFLEGETÖCHTERCHEN.

Die Leute haben nie begreifen können, was mich zu dem Alten hinzog, nachdem sie ihn Alle als unverbesserlich aufgegeben. Sie meinten, ich hätte mich noch entschiedener, als die ganze Welt von ihm lossagen sollen, denn sein Einfluss hatte es verschuldet, dass ich in meinen Jünglingsjahren auf Abwege gerieth, das heisst den bequemen Drehstuhl in meines Vaters Comptoir aufgab und Farben zu verschmieren anfing. Als ich mit Conrad Stürmer bekannt wurde, hatte er längst aufgehört, seine Kunst, in der er einst Bedeutendes geleistet, auszuüben; er bildete Schüler heran, oder wie die nachsichtigen Mitmenschen behaupteten, er lockte thörichte Jungen aus ihrer gesicherten Lebensbahn, unter der Vorspiegelung, Talent in ihnen entdeckt zu haben, um sie auszubeuten. Ich wusste, dass man ihm mit diesem Verdacht Unrecht that; er war ein Enthusiast, ungemein leicht begeistert und in jedem Pfennig-Kerzlein einen künftigen leuchtenden Stern sehend. Allerdings hat er ziemlich viel Unglück angestiftet, aber böse Absicht lag ihm fern. Ich hatte ihn liebgewonnen, und blieb ihm anhänglich, auch nachdem ich erkannt, dass er sich und mich getäuscht, als er in meinen dilettantischen Versuchen den künftigen Meister sah. Mit dieser Erkenntniss war für mich, der von einer ganzen Ahnen-Reihe ehrsamer Kaufleute eine gewisse nüchterne Besonnenheit geerbt (vielleicht war es gerade diese, die Stürmers entzückte Prophezeiungen kläglich vereitelt), der Weg klar vorgezeichnet, den ich einzuschlagen hatte. Die Motte wartete nicht, bis sie vollständig verbrannte; mit nur leicht angesengten Flügeln kehrte sie reuig zurück. Aber daheim schlachtete man kein gemästetes Kalb für den verlorenen Sohn; mein Vater grollte, weil ich dem Paradies des Drehstuhls eigenmächtig den Rücken gekehrt, und nachdem ich dieses unsühnbare Verbrechen begangen, nicht als gefeierter Künstler heimgekommen war; mein jüngerer Bruder, der mittlerweile meine Stelle eingenommen, konnte nicht einsehn, warum er mir dieselbe nun wieder einräumen sollte, die ganze ungeheure Edlinger'sche Basen- und Vetterschaft sah mich mit mitleidiger Geringschätzung an, als sei ich vor der Zeit zur Ruine geworden, und – was mir zumeist an's Herz griff – meine gute Mutter, deren Liebling ich war, litt darunter, mich von der stolzen, für mich erträumten Höhe so kläglich herabgestürzt zu sehen. Da fasste ich denn eines Tages einen kühnen Entschluss und, die Brücken hinter mir verbrennend, wanderte ich aus, nun erst recht ein verlorener Sohn, der nur dann auf Vergebung und freundliche Aufnahme im Vaterhause rechnen konnte, wenn er, ein Mann des Erfolges, zurückkehrte.

Ich hatte ungewöhnliches Glück gehabt; schon nach zwei Jahren konnte ich nach Hause schreiben, dass ich mein sicheres Auskommen gefunden, nach vier Jahren, dass ich mich selbständig gemacht, und wieder nach einiger Zeit, dass das Haus Edlinger in der neuen Welt Aussicht habe, auf eine gleiche Stufe mit dem in der alten zu gelangen. So verstrichen zwölf Jahre in harter aber erfolgreicher Arbeit. Ich durfte mir einen Feiertag und die Genugthuung vergönnen, als Sieger auf dem Schauplatz meiner Niederlage einzuziehen. Ich packte meinen Koffer und fuhr zu Besuch in die alte Heimath.

Mein Empfang im Vaterhause liess nichts zu wünschen übrig. Mein Mütterchen erschien förmlich verjüngt in ihrer Wiedersehensfreude, Papa nahm mich mit offenen Armen auf, einen dicken Strich durch meine alten Sünden ziehend; ja ich glaubte, er rechnete mir sie nun als Verdienst an, denn sie verschafften ihm die Genugthuung, sagen zu können »ein Edlinger dringt durch, auch wenn er ohne Beschützer und Mittel seine Laufbahn beginnt.« Hans, mein Bruder, fühlte Respekt vor dem »selfmade man«, Vettern und Basen waren stolz auf die überseeische Rarität. Und in meiner Glorie durfte ich es mir erlauben, nach meinem alten Freunde auszuspähen, ohne dass mein Beginnen mehr als ein Kopfschütteln der Verwunderung erregt hätte.

Es war ein trauriges Wiedersehn. Der alte Mann mit dem Kinderherzen war furchtbar gealtert. Ich hatte ihn nie in behaglichen Verhältnissen gekannt, jetzt aber schien er bettelarm; denn selbst die letzte spärliche Quelle seines Einkommens, die ihm von seinen langhaarigen Jüngern geflossen, war versiegt; Konrad Stürmer war krank und gebrochen, er vermochte keinem noch so eiteln jungen Burschen mehr das Vertrauen einzuflössen, dass er ihn zu einem Lenbach oder Defregger machen werde. Für die kleinen Unterstützungen, die ich ihm von New York aus zuzuwenden vermochte, dankte er weinend. Ich erschrak; früher hatte er dergleichen als selbstverständlich angesehen, als einen Zoll, den der Jünger seinem Meister zu entrichten hat. Ich fasste ihn schärfer in's Auge, und entdeckte nun erst, dass er ein schwer kranker Mann sei, vielleicht nur noch Wochen zu leben habe. Hart und trocken drang der Husten aus seiner eingefallenen Brust, scharfumgrenzte rothe Flecken standen auf den hageren Wangen. Er ahnte nichts davon; er theilte mir, nachdem die mich so befremdenden Ausdrücke seiner Erkenntlichkeit verklungen waren, mit, dass er nicht lange mein Schuldner bleiben, sondern demnächst »die Oberösterreichische Kirchweih«, die ich vor mehr als zwölf Jahren angefangen, zwischen all den andern Entwürfen in seinem Atelier gesehen, vollenden, mich bezahlen und mit Pepi nach dem Süden ziehen werde. Ich stutzte. Trotzdem wir vor Jahren täglich mit einander umgegangen, war ich nie in seiner Wohnung gewesen. Das Atelier lag entfernt von derselben; die guten Nebenmenschen behaupteten, er besitze eine brave, hartarbeitende Frau, die das Haus erhalte, während er sich in der Kneipe herumtreibe. Ich bemerkte nun auch einen schwarzen Flor um seinen zerdrückten Hut und drückte ihm mein Beileid aus. Die Thränen strömten ihm aus den Augen; er rief: »sie war eine brave, eine edle Frau; sie hätte ein besseres Loos verdient. Ihr ganzes Unglück war, dass sie ihr Herz an einen Unwürdigen, einen Elenden, einen Schurken gehängt.« Vergeblich suchte ich ihn zu beschwichtigen, die Reue über sein verfehltes Leben, das Leid, das er auf seine Gefährtin herabbeschworen, brachen mit elementarer Gewalt aus ihm hervor; erst ein erstickender Hustenanfall liess ihn verstummen. Aber die alte Zuversicht kehrte nicht zurück; »wenn ich das Bild nicht vollende, was wird aus Pepi werden!« stöhnte er. Nichts leichter zu beantworten, als dies. Der Bursche konnte mein Schüler werden, wie ich der seines Papas gewesen, nur hoffte ich etwas mehr Erfolg mit ihm zu erzielen, als dieser mit mir. Ich wollte ihn mit mir nach Amerika nehmen und in mein Geschäft eintreten lassen. Von ihm allein sollte es abhängen, ob er es vorwärts brächte. Konrad Stürmer war zu erschöpft, als dass ich ihm sogleich meine ausführlichen Pläne für seinen Sprössling hätte darlegen können. Ich verschob dies für eine spätere günstigere Gelegenheit, und erklärte ihm nur, dass ich mich Pepis mit Rath und That annehmen werde.

Er dankte mir nicht mit Worten, aber mit einem Druck der Hand. Mir schien's, als sei ein schweres Gewicht von seiner Brust gefallen; er vermochte nun sogar ein Glas guten Rheinweins, ehemals seine grösste Liebhaberei, – das bisher unberührt vor ihm gestanden, zu leeren. Wir hatten uns in unserer ehemaligen Künstlerkneipe zusammengefunden. Als er sich zum Abschied erhob, übermannte ihn die Schwäche von Neuem. Ich rief einen Wagen herbei und begleitete ihn zu seinem Hause in einer abgelegenen, ärmlichen Strasse. Dann half ich ihm die vielen Treppen erklimmen, klingelte – und machte, als geöffnet wurde, das erstaunteste Gesicht meines Lebens. Vor mir stand ein kleines, blasses Mädchen in Trauerkleidern. Pepi Stürmer hatte nach süddeutschem Sprachgebrauch ebensogut Josef wie Josefine heissen können. Es war das Letztere, und mein Lehrling, Gehilfe und künftiger Partner versank, noch bevor er entstanden war.

Wenige Wochen später wurde Carl Stürmer begraben, und ich trat die Vormundschaft über seine Waise an. Es bedurfte der ganzen Autorität des amerikanischen Edlinger, um ihn bei diesem Anlass nicht wieder als sentimentalen Narren in Misscredit zu bringen. Aber ich setzte meinen Willen durch; eine arme Tante von mir nahm das Mädchen gegen Vergütung bei sich auf, und ich reiste, vollständig beruhigt über ihr Wohlergehen, ab. Ich dachte in den nächsten Jahren nicht allzu oft an sie, pünktlich beantwortete ich ihre Briefe, und als ich wieder zum Besuch in meine Heimath kam, war es nicht, weil mich ein besonderes Verlangen nach meinem Pflegetöchterchen erfasst, sondern weil ich einen sehnlichen Wunsch meiner Mutter erfüllen wollte.

»Paul,« sagte meine Tante und schüttelte dazu das ehrwürdige Haupt mit dem hochragenden Kopfputz, um dessentwillen ich sie in ruchlosen Flegeljahren »das Trauerpferd« getauft, »Du wirst nicht alles so finden, wie Du es erwartet,« mit Nachdruck, – »wie Du das Recht gehabt, zu erwarten.«

Die Wahrheit zu gestehen, blieb ich vollkommen ungerührt von diesen Kassandratönen. Die verehrte Dame liebte eine gewisse graue Beleuchtung aller täglichen Vorkommnisse und ich hatte eine Ahnung, dass die tragischen Andeutungen mich auf das Hinscheiden ihres asthmatischen Mopses vorbereiten sollten, dem ich schon längst ein friedliches Ende nicht blos vergönnt, sondern von ganzem Herzen gewünscht hatte. So liess ich sie denn seufzen und den Kopf schütteln und bemerkte: »Wo bleibt denn Josefine?«

Das Seufzen verstärkte sich zu einem Stöhnen. »Ich habe sie unter einem Vorwand entfernt, um Dich, Unglücklichen, vorzubereiten; denn eben bei Pepi wirst Du nicht alles so finden«, und so weiter, wie bekannt.

»Nun, Kinder sind dazu da, um ihren würdigen Papas Enttäuschungen zu bereiten. Pflegekinder werden vermuthlich keine Ausnahme machen,« versetzte ich noch immer gelassen, »ist die Kleine nicht so hübsch geworden, wie sie vor vier Jahren versprochen?«

»Hübsch?« rief die Tante, »sie ist aussergewöhnlich, sie ist unerlaubt schön«, damit schob sie mir eine grosse Photographie hin, »urtheile selbst.«

Ja, da war es freilich mit dem Urtheilen vorbei.

»Aber liebe Tante,« sagte ich und starrte unverwandt auf das Bild, um in dem wundervollen Gesicht nach den Zügen des mageren verweinten Backfischs zu spähen, den ich vor vier Jahren in seinem dürftigen Trauerkleidchen aus dem Hause meines ehemaligen Lehrers in das meiner Tante geführt, »darin kann ich nun kein so ungeheures Unglück sehen.«

»Dieser Meinung sind auch andere,« erwiderte das alte Fräulein spitz, »darunter Alle, die in dieser Stadt Schnurrbärte tragen.«

»Hm,« murmelte ich betroffen und legte die Photographie aus der Hand, nicht ohne noch einen langen Blick auf sie zu heften – das Hexlein hatte es mir angethan – »ich dachte, Du habest mit ihr sehr zurückgezogen gelebt.«

»Das habe ich auch, das Kind ist ausser in meine Kaffeekränzchen – an welchen es merkwürdigerweise nicht einmal Geschmack fand – (ich stattete ihr im Stillen meinen Glückwunsch darüber ab) nicht in Gesellschaft gekommen.«

»Nun also,« sagte ich erleichtert, »da werden wohl die Schnurrbärte in gebührender Entfernung geblieben sein.«

»Du bestimmtest ja, dass lauter Fachlehrer Pepi's Unterricht vollenden sollten, – Du hattest Dir ja alle Gouvernantenweisheit verbeten,« sagte die Tante, die in ihrer Jugend Erzieherin gewesen sein muss, erbost, »nun, die Folgen konnte jeder vernünftige Mensch voraussehen.« Ich dankte mit einer Verbeugung für das in ihrer Rede verhüllte Compliment.

»Das Kind hat ohnehin das Menschenmögliche geleistet. Dem Zeichenlehrer und dem deutschen Professor versicherte sie, ohne Einwilligung ihres Vormunds und Wohlthäters werde sie sich nie vermählen.«

»Sehr vernünftig«, warf ich ein; meine gute Laune begann zurückzukehren.

»Aber, mein lieber Neffe, man darf nicht Unmögliches fordern. Wenn der interessanteste, junge Musiker der Stadt, für den alle Mädchen schwärmen, mir seine Liebe gewidmet hätte, ich weiss nicht, ob ich kalt geblieben wäre.«

Ich konnte ein stilles Bedauern nicht unterdrücken, dass er nicht sie auf die Probe gestellt.

In diesem Augenblick öffnete Pepi die Thür und kam mit glückseligem Gesicht auf mich zu. Plötzlich blieb sie, erröthend, in höchster Verwirrung stehen. Der Kleinen hatte ich vermuthlich als gesetzter, ältlicher Herr vorgeschwebt, das erwachsene Fräulein aber sah, dass ich mit meinen 37 Jahren mir es noch entschieden verbitten durfte, mit Methusalem in einem Athem genannt zu werden, und statt mir in die Arme zu fliegen, wie sie ohne Zweifel beabsichtigt, reichte sie mir nur die Hand zum Willkommen. Aber sie fasste sich bald, setzte sich neben mich auf das Sofa und plauderte.

Wovon wir sprachen? ich könnte kein Wort davon wiederholen. Ich weiss nur, dass der Nachmittag, der Abend wie im Fluge verstrichen, und dass wir beide, als die altmodische Stutzuhr zehn schlug, ganz erschrocken auffuhren. Meine gute Mutter zeigte ein wenig Unzufriedenheit, weil ich sie vernachlässigte. Aber leider gab ich ihr fortan noch manchen Anlass zur Beschwerde, denn sobald ich vom Hause abkommen konnte, eilte ich zu Pepi. Vergebens hielt ich mir die Thorheit vor, mein Herz an ein Mädchen zu hängen, das einen Andern liebte, meine Leidenschaft wuchs mit jedem Tage. Noch hatte ich den interessanten Musiker nicht gesehen. Die Tante theilte mir mit, er sei auf einer Concertreise begriffen. Nach seiner Rückkehr sollte ohne Zweifel die Verlobung gefeiert und der Herr Vormund und Pflegevater zu dem schönen Fest gebührenderweise eingeladen werden. Pepi erwähnte seiner nie, wiewohl sie mir sonst mit kindlicher Offenheit über Alles, was ihr Leben betraf, Aufschluss gab. Wie wünschte ich von ganzem Herzen, der junge Mann möge mir dergestalt missfallen, dass ich als gewissenhafter Vormund mein Veto gegen ihre Verbindung mit ihm einlegen müsste. Aber nein, als er sich mir endlich vorstellte, fand ich nichts besonders Tadelnswerthes an ihm. Vielleicht war der hübsche Junge ein wenig eitel, aber das war dem »interessanten Musiker, für den alle Mädchen schwärmten«, nicht allzu schwer anzurechnen, vielleicht zeigte er hie und da eine leise Anlage, das Leben leicht zu nehmen, die seine Gattin mit einer Wiederholung des Looses bedrohen mochte, wie es ihrer Mutter zu Theil geworden; aber seinem Charakter wurde das beste Zeugniss ausgestellt; auf Ahnungen und Besorgnisse hin, die vielleicht nur meinen eigensüchtigen Wünschen ihr Entstehen verdankten, konnte ich ihn nicht abweisen.

Ich wollte mein Opfer nicht halb bringen. Mit einer Miene, die, wie ich hoffte, Josephinen nicht allzudeutlich verrieth, was es mich kostete, sagte ich ihr, dass Fritz Hillmann bei mir um sie geworben habe. Sie wurde blass. »Wenn Sie es wünschen, Vormund, wenn Sie es für gut halten,« stammelte sie. Da konnte ich mich nicht zurückhalten.

»Ich es wünschen, ich, dem der einzige Preis, den ich vom Leben ersehnte, entrissen wird! Nein, Pepi, wenn ich meine Einwilligung zu Deiner Verbindung mit einem Andern gebe, so geschieht es unter hoffnungslosen Schmerzen, in dem Bewusstsein, dass ich damit das Siegel auf ein einsames, unerquickliches Leben drücke. Es ist eigensüchtig, dass ich es Dir sage, ich weiss es, ich hätte mein Opfer schweigend bringen sollen; aber, Pepi, ich bin kein Held, der seine Wunden stumm verbirgt.«

Ihr wunderschönes Gesicht leuchtete von Glück. Sie trat auf mich zu und sprach:

»Ich hatte mich selbst nicht gekannt; erst seit Du kamst, weiss ich, dass ich nur einen Mann lieben kann, Dich, Paul.«

Ich zog nicht allein über das Meer.


Novellen.

Gesammelte Schriften von Heinr. Seidel.
à Band M. 3.–– brosch., M. 4.–– geb. mit Goldschn.
Bd. I. Leberecht Hühnchen, Jorinde und andere Geschichten. 6. Tausend.
Bd. II. Vorstadtgeschichten. 6. Tausend.
Bd. III. Neues von Leberecht Hühnchen und anderen Sonderlingen. 5. Taus.
Bd. IV. Geschichten und Skizzen aus der Heimat. Der II. Aufl. 3. Tausend.
Bd. V. Die goldene Zeit. 3. Tausend.
Bd. VI. Ein Skizzenbuch. 3. Tausend.
Bd. VIII. Leberecht Hühnchen als Grossvater. 3. Tausend.
Bd. XI. Sonderbare Geschichten.  
———
Maximilian Schmidt Gesammelte Werke.
11 Bde. à Band M. 3.–– brosch., M. 3.50 geb.
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Am Küstensaum. Nov. v. Th. Justus. M. 5.––.
Aus vergangnen Tagen. Novellen von Th. Justus. M. 4.––.
Feldspath. Drei Erzählungen aus Hessen von E. Mentzel. M. 3.––.
Der heilige Amor. Nov. v. J. Proelss. M. 2.––.
Ut Sloss un Kathen. Erzähl. in niederd. Mundart von F. Stillfried. M. 3.––.
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Von H. Grasberger.
Aus der ewigen Stadt. Röm. Nov. M. 6.––.
Allerlei Deutsames. Bilder u. Gesch. M. 4.––.
Auf heimatlichem Boden. Erzähl. M. 6.––.
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Von R. Baumbach.
Es war einmal. 9. Tausend. M. 2.80.
Erzählungen u. Märchen. 8. Taus. M. 2.––.
Sommermärchen. 19. Tausend. M. 3.––.
———
Liebesmärchen von E. Ertl. M. 4.––.
 (mit 71 Photogravüren und 22 Heliotypien.)

Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Antiqua gesetzt.

Darstellung abweichender Schriftarten: gesperrt, Kursiv, fett.

Im Originalbuch tragen die Kapitel und das Inhaltsverzeichnis jeweils zu Beginn und Ende einfachen floralen Schmuck, auf den in dieser Transkription verzichtet wurde.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,

Seite 18:
im Original "Stadt mit etlichen Einwohnern und einem Gymnasium."
geändert in "Stadt mit etlichen Einwohnern und einem Gymnasium.«"

Seite 55:
im Original "salbungsvollen Ton, den er zuweilen annahm"
geändert in "salbungsvollen Ton, den er zuweilen annahm,"

Seite 60:
im Original "dich wie ein ein vom Dach fallender Sperling"
geändert in "dich wie ein vom Dach fallender Sperling"

Seite 60:
im Original "etwas mittelalterlich troubadourmässiges« dozierte"
geändert in "etwas mittelalterlich troubadourmässiges,« dozierte"

Seite 63:
im Original "bis unter die Haarwurzeln eröthen machte"
geändert in "bis unter die Haarwurzeln erröthen machte"

Seite 68:
im Original "vielversprechenden Sohn der Vatertadt"
geändert in "vielversprechenden Sohn der Vaterstadt"

Seite 80:
im Original "sich dunkle Röte über ihr Gesicht ergoss"
geändert in "sich dunkle Röthe über ihr Gesicht ergoss"

Seite 186:
im Original "»Ausreisser«! ruft dieser ihm zu"
geändert in "»Ausreisser!« ruft dieser ihm zu"

Seite 205:
im Original "des ehemaligen dreisten Wesens ermangelnd"
geändert in "des ehemaligen dreisten Wesens ermangelnd."

Seite 235:
im Original "ein Turnier entwickelte sich zu Gunsten Ivos"
geändert in "ein Turnier entwickelte sich zu Gunsten Ivo's"

Seite 238:
im Original "Beiden schiens, als sei ihnen etwas"
geändert in "Beiden schien's, als sei ihnen etwas"

Seite 286:
im Original "Mein Mütterchen erchien förmlich verjüngt"
geändert in "Mein Mütterchen erschien förmlich verjüngt"

Seite 288:
im Original "Er ahnte nichst davon"
geändert in "Er ahnte nichts davon"