WeRead Powered by ReaderPub
Arabische Nächte cover

Arabische Nächte

Chapter 60: KUMMER
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

A curated collection of German versified renderings of classical Arabic lyric poetry, arranged in chronological groupings. The selections move from pre-Islamic to later medieval and mystical pieces and include love lyrics, wine songs, tribal praise, elegies, and devotional night poems. Imagery of desert landscapes, longing, hospitality, and nocturnal reverie recurs across concise, evocative stanzas, offering varied moods and formal experiments that juxtapose intimate emotion with communal and spiritual themes.

LEÏLA

KAÏS IBN IL MULLAUACH

Ich denke unaufhörlich Leïlas
Und der verrauschten Jahre. Liebe Freunde,
Warum beweint ihr meinen Jammer nicht?
Ich möchte Freunde haben, welche weinen,
Wenn ich in Tränen bin! Hat Gott die Macht,
Zwei Herzen zu vereinen, wenn die Hoffnung,
Sie zu vereinen, schon in Asche sank?
Von Allahs Fluch getroffen seien jene,
Die meinen, daß die Zeit mir Lindrung bringt!
Für ewig hängt mein Sinn an Leïla;
Ich sehe sie im Geist, wie sie des Abends
Die väterlichen Schafe heimwärts treibt.
Gott schenkte einem andern Leïla.
Mich machte er verrückt nach Leïla, –
Konnt er mir denn nichts Besseres verleihn?
Hat man mir nicht gesagt, daß sie im Sommer
Nach Tima käme? Hingeschwunden sind
Des Sommers Monde, – warum kam sie nicht?
Weh! meine Liebe ist gespannt gleich wie
Die Sehne eines Bogens. Eines Tages
Zerreißt die Sehne, maßlos überreizt.
O immer wieder, wenn der Morgenstern
Sich mit dem Frührot aus der Nacht erhebt,
Flammt meine Leidenschaft gewaltig auf.
Wenn ich mich rüste zum Gebet, so neige
Ich mich nach jener Richtung hin, wo du
Verweilst, o Strahlende. Die heiligen
Gesetze wollen, daß ich mich nach andrer
Richtung verneige; doch das tu ich nicht.
Ich liebe sehr den Namen Leïla,
Ich liebe alle Namen, die ihm gleichen,
Und wertlos scheint dies Leben mir, denn sie,
Die ich ersehne, ward des andern Weib.
Ich lebe, um an Leïla zu leiden,
Ich muß, wenn ich die Ebene durchreite,
Meines Kameles Sattel wohl beachten:
Er ist bestrebt, nach rechts hin sich zu neigen,
Wenn du dich rechts befindest. Und er hängt
Nach links hinüber, wenn du linkswärts weilst.
Wenn ich vom Schlaf gemieden werde, flehe
Ich Allah an, daß er mir Schlaf verleihe,
Damit dein Bild in meinem Traum ersteht.
Der Reiz, der von dir ausgeht, ist ein Zauber.
Obwohl es alte Zauberformeln gibt,
Die schützen gegen überirdische Kräfte, –
Nie würd ich wagen, nur den kleinsten Vers
Zu sprechen, um zu bannen deine Macht, –
Ich will dein Sklave sein bis in den Tod.
O Freunde, wenn ihr keine Mittel wißt,
Mich in Besitz von Leïla zu setzen,
So bitt ich euch: schafft meinen Sarg herbei,
Bereitet mir das Leichentuch und betet
Zu Allah, daß er gnädig sei dem Manne,
Des Herz gebrochen ward durch Leïla.

VERLASSEN

KUTHAIJIR

Du hast in deine Arme mich gelockt
Mit Worten, so beredt, daß scheue Gemsen
Aus Felsenhöhn herabgestiegen wären.
Dann, als du meiner Herr geworden warst,
Gingst du hinweg. Nun ist mein Herz voll Gram,
Und alle Lust schwand in die tiefste Nacht.

DIE UNERBITTLICHE

ABBAS IBN IL ACHNAF

Sie ließ mir sagen, daß sie krank sei. Ich
Ging dennoch zu ihr, und ich fand sie lächelnd
Und ganz gesund vor, – sie war niemals krank.
Doch krank, unheilbar krank, ist ihr Besucher.
Wenn alle Herzen hart wie ihres wären, –
Kein Vater wär besorgt mehr um sein Kind.
Sie schrieb, ich solle jetzt nicht zu ihr kommen,
Da ließ ich sie allein, daß sie erführe
Die Bitternis der Einsamkeit. Doch, ach,
Was kümmert sie's, wenn Menschen, die sich nach
Ihr sehnen, auf der Schwelle ihrer Wohnung
Daliegen, zu erfahren, wie's ihr geht?
Wenn dies ein Fehler ist, daß ich von neuem
Dich zu besuchen komme, – o so wisse,
Daß ich noch vieler Fehler fähig bin.
Bekannte haben, da ich deinen Namen
Aussprach, zu mir gesagt: Sie ist es, sie,
Die dich so traurig macht und derentwillen
Du Dinge treibst, die dir nicht ziemen. Ich
Hab alles abgeleugnet und gelacht,
Um meiner Freunde Argwohn zu zerstreun.
Die Frauen sind voll Neid auf deine Schönheit,
Die lieblichsten Gesichter stehen alle
Dem Reize deines Angesichtes nach.
Dein Leib ist wie ein schmächtiger Zweig, daran
Zwei blanke Äpfel des Granatbaums hangen,
Die engsten Gürtel sind für dich zu weit.
Wenn Dunkelheit des Abends niedersteigt,
Um mich zu quälen, wendet sich mein Herz
Zu dir, die mir des Schlafes Süße raubt.
Du bist die Quelle aller meiner Leiden
Von heut und ewig. Du hast meinen Augen
Schlaflosigkeit, die schreckliche, verliehn.
Wie lange werd ich weinen, während du
Nur immer lachst? Ich nahe dir in Demut,
Doch du entfernst dich, – denn du hassest mich.
Wie lange noch wird meine arme Seele
Verharren in dem Banne deines Zaubers?
Wie lange werd ich singen meine Qual?
Die Mißgeschicke kommen und entschwinden, –
Die Leidenschaft zu dir wächst immer tiefer
In mich hinein und wurzelt wie ein Baum.
Ich bin ein Jäger, der die herrlichste
Gazelle jagt: und die Gazelle tötet
Den Jäger durch die Holdheit ihres Seins.

DIE MACHT DER LIEBE

HARUN AL RASCHID

Drei holde Wesen lenken mich, nachdem sie
Die Zügel an sich rissen. Allen Raum
In meinem Herzen haben sie besetzt.
Ein ganzes Volk gehorcht mir. Wie ist's möglich,
Daß jene drei sich mir nicht beugen wollen
Und daß ich selber ihnen dienstbar bin?
Ich seh es ein: die Macht der Liebe ist
Gewaltiger als alle andre Herrschaft,
Selbst als die Macht auf einem Königsthron.

IHR GANG IST WOGEND

ABU NUWAS

Ihr Gang ist wogend, ihre Haare liegen
Wie Wellen um die Stirn. Mein Herz ist wüst, –
Es läßt nicht ab von der, die mich verachtet.
Sie schreibt mir Missetaten zu, die ich
Niemals beging; ihr Zorn flammt gegen mich,
Und, ach, mir täte ihre Gunst so not!
Gewährt sie mir ein Stelldichein, so wart ich
Umsonst auf sie. Nun nehme ich mir vor,
Das nächstemal ihr unwirsch zu begegnen.
Doch seh ich sie dann wieder, stolz und schön,
So flieht mein zorniger Vorsatz ganz dahin,
Im Anblick ihrer königlichen Haltung.
Ja, wogend ist ihr Gang. Kein andres Wesen
Hat diesen wogend-wundervollen Schritt
Wie sie, der all mein Träumen angehört.
Wer sie betrachtet, dessen Augen werden
Geblendet. Ihrem Angesichte ward
Der Strahlenglanz der Sonne nachgebildet.
Die reinste Schönheit geht verlockend aus
Von ihrem Angesicht. Der schönste Duft
Hat sein Arom von ihrer Haut geliehn.
Und wenn der frömmste Scheich an ihrer Seite
Verweilte, – alle Frömmigkeit bewahrte
Ihn vor Versuchung seines Herzens nicht.

DIE SPRÖDE

ABU NUWAS

Sie war so schön an jenem Abend und
So heitern Augs. In kühnem Spiele ließ
Ich ihren Mantel mählich niedergleiten,
Den strahlenden, – und auch ihr Rock sank hin.
Und da die Nacht nun ihre dichten Schatten
Gleich einem schweren Vorhang niederließ,
Begann ich keck zu werden. Aber sie
Entzog sich mir und sagte nur: „Auf morgen!“
Am andern Tag, zu festgesetzter Stunde,
Traf ich sie wieder und gemahnte sie
An ihr Versprechen. Sie erwiderte:
„Die dunkeln Worte, die bei Nacht man spricht,
Verlieren ihren Sinn am hellen Tag!“
Und lächelte und sagte: „Hab Geduld!“

LIEBE IM TRAUM

ABU NUWAS

Im Traume hab ich neulich es erlebt,
Daß unsre Schatten sich zusammenfanden
Und unsre Liebe ganz die alte war.
Warum, Geliebte, bleiben unsre Körper
Im Zorn getrennt, indessen unsre Schatten
So selig sind, wie wir schon längst nicht mehr?
Wär es nicht billig, daß im wahren Leben
Du auch so gütig mir entgegenkämest,
Wie du's im Leben meiner Träume tust?
O Qual! wir sind zwei Liebende, die nur
Sich lieben, wenn sie träumen; doch im Wachen
Sind sie voll grimmen Zornes zueinander.
Man soll sich hüten vor den Luftgebilden
Der Träume; doch mitunter, das ist wahr,
Sind sie auch weiser, als wir Menschen sind.

IM RAUSCH

ABU NUWAS

Sie schien mir sorgenvoll. Ich wollte sie
Umarmen, voller List. Da rannen Tränen
Aus ihren Augen, heiß, über die Rosen
Der jungen Wangen. Eine Schale hob ich
Ihr da entgegen, und sie trank sie leer,
Und in ihr Paradies nun stürmt ich ein ...
O furchtbar, wenn sie aus den tiefen Wogen
Des Rausches, der sie noch umfangen hält,
Erwachen wird! Der Gram wird sie verzehren,
Und in Verzweiflung und voll Haß wird sie
Mich niederstechen mit dem schärfsten Schwerte
Ihrer entsetzlichen Verlassenheit.

LIEBESTRUNKEN

MOSLIM IBN IL WALID IL ANSSARI

Schon Blicke können Liebe sein, gewiß.
Jedoch der Liebe wundervollstes Wesen
Verrät sich anders noch als nur in Blicken!
Mein Aug hat dich verfolgt, allüberall;
Da fühltest du, daß ich dich liebte, und
Du gabst auch deine Liebe selig her.
Und die Gedanken, die in unsern Seelen
Nunmehr erstehn, bereiten uns Verwirrung, –
Und wenn sich unsre Augen treffen, fühlen
Wir ein gefährlich Glühn in unsrer Brust.
Einst kannt ich nur die Trunkenheit, die uns
Der ausgepreßten Trauben Saft verleiht:
Heut hat das goldne Glänzen mich berauscht,
Das in den Augen meiner Liebsten sprüht,
Und meine Seele ist ihm ganz verfallen.
Ich war bei ihr! Und meine Blicke haben
Sie eingehüllt, ganz dicht, und holde Sünden
Beging sie durch die ganze Nacht hindurch,
Davon ich schweige. Und die ganze Nacht
Ließ ich die lieben Sünden mir gefallen, –
Nie hab ich Sünden so mit Lust verziehn!

LEIDENSCHAFT

MOSLIM IBN IL WALID IL ANSSARI

„Verbirg doch deine Leidenschaft,“ sagt man
Zu mir, „laß sie nicht alle Welt durchschaun!“
Wie aber könnt ich diesen Rat befolgen,
Da mich mein Blick verrät? Und warum sollt ich
Mich ungerecht gegen mein Herz verhalten,
Dem fremd ist alle Ungerechtigkeit?
Nein, ungerecht ist jene, die ich liebe.
Sie klagt, daß ich zuviel von meiner Liebe
Gesprochen habe, – aber das, was ich
Verschwiegen habe, ist ja noch viel mehr!
O wüßtet ihr, was ich an Leidenschaft
Verschwiegen habe, – Schrecken faßte euch!

TRÜBE GEDANKEN

MOSLIM IBN IL WALID IL ANSSARI

Geliebte, wenn ich dich verlieren sollte,
So werd ich fortziehn in die Einsamkeit,
Um völlig zu erlöschen. In die Erde
Werd ich ein Bild einzeichnen, das dir gleicht,
Und werde es mit meinen Tränen netzen
Und will es bitten, mich zu trösten in
Der Einsamkeit, in der du mich gelassen.
Ich habe dich geliebt, im Übermaß.
Wenn dieses Sünde ist, so bitt ich Gott:
Er soll mir meine Sünde nicht verzeihn.

TRÄNEN

UNBEKANNTER DICHTER

Wir lagen beieinander, und sie sah,
Wie Tränen, kleinen Perlen gleich, mir aus
Den Augen rannen, und sie sprach zu mir:
„Freund, ich verstehe, daß dir Tränen kommen,
Wenn wir uns fern sind. Aber sage mir,
Warum du jetzt weinst?“ Ich entgegnete:
„Wenn wir uns fern sind, wein ich vor Verlangen,
Bei dir zu sein; doch wenn ich bei dir bin,
So kommen Tränen mir bei dem Gedanken,
Daß wir uns trennen müssen.“ Mitleidvoll
Sah sie mich lange an und trocknete
Die Tränen mir mit liebevoller Hand.

DIE GEIZIGE

MUDRIK IL SCHAÏBANY

Die eiteln Worte und die trügerischen
Versprechungen, die mir die reizende
Gazelle mit den hübschen Augen macht,
Sind all mein Glück. Verlassen hab ich jene,
Die mir freigebig ihre Gunst erwiesen,
Und liebe diese, die mir nichts gewährt!
Die allzu aufmerksame Art der Frauen,
Die ich nicht liebe, ist mir widerwärtig;
Jedoch das ganz zurückgezogene Wesen
Der Schönen, der mein Herz gehört, bedeutet
Mir alle Lust und alle Seligkeit.
Tadelt die Spröde, die ich liebe, nicht
Ob ihrer Sparsamkeit in ihrer Gunst!
Ich mag es gern, wenn die Geliebte geizig
Auf solche Weise ist. Ein solcher Geiz
Erhöht die Schönheit noch der schönsten Frau.

UMARMUNG

IBN IL RUMI

Voll Leidenschaft umarm ich die Geliebte, –
Doch meine Seele bebt und ist bedrückt.
Ist es denn wirklich wahr, daß die Umarmung
Die Menschen näher zueinander führt?
Ich küsse ihren Mund, um meine Liebe
Zu sänftigen, – doch meine Liebe lodert
Nur immer mächtiger auf, – ich glaube wohl,
Daß sich mein Herz erst dann zufrieden gibt,
Wenn unsre beiden Seelen ganz und gar
Zusammenströmen, um sich nie zu trennen.

DIE SIEGERIN

IBN IL MOATTAS

Nicht mehr zu lieben, hatte ich beschlossen, –
Doch sie hat mich bezwungen. Ohne mir
Die Stunde ihrer Ankunft mitzuteilen,
Trat sie zu mir, gar strahlend ausgerüstet
Mit ihrer Schönheit ganzem Waffenschmuck.
Sie zu besitzen, das ist goldnes Leben,
Sie zu verlieren, das ist dunkler Tod.
Pfeil, Bogen und ein Schwert sieht man vereint
In ihrem Blick. Gleich einer Oriflamme
Glänzt ihres Leibes goldner Gürtel. Aber
In ihren Schenkeln schreitet kühn der Sieg,
Denn wer nur ihrer Schenkel Schreiten sieht,
Der ist dem Tod durch Liebe schon verfallen.
Ich hatte mich dem Herrn geweiht. Jedoch
Da sie dann zu mir kam, zerrannen meine
Gelübde in ein Nichts. Und meine Schwüre
Vergingen all in ihres Auges Schein.

NACHT UND MORGENRÖTE

SCHULE DES IBN IL MOATTAS

Am großen Himmel glänzen die Gestirne.
Ihr Funkeln gleicht dem Funkeln deiner Augen,
Wenn du, o meine ängstliche Geliebte,
Bei Nacht das Dunkel um dich her durchforschst,
In Bangnis, daß dich Böses treffen könnte.
Ganz unten an dem Rand der Finsternis
Streift goldig und verklärt die Morgenröte
Mit Lächeln durch die sterbensmüde Nacht.
Beim Anblick solches morgengoldnen Glanzes
Träum ich von deines Haares goldnem Schein.

VERPFÄNDET

KUSCHAGIN

Ich fühle, daß ein Groll in mir ersteht,
Wenn sie mit ihren Zähnen einem Kelch
Sich naht. Warum denn müssen edle Perlen
Sich stoßen an so schlechten Kelches Glas?
Ich fühle, daß ein Groll in mir ersteht,
Wenn sie vorübergeht an einer Fackel,
Die brennt. Warum erlischt die Fackel nicht
Vor solcher edeln Klarheit meines Sterns?
O meine Seele, manchmal fühl ich wohl,
Daß sich in mir ein Groll erhebt, der gegen
Mich selber wütet, und ich leide schwer
An jedem Blick, der meinem Mädchen gilt.
O könnte ich für immer alle Augen
Mit Dunkel schlagen! Wisset wohl: sie hat
Mir ihre Liebe ganz geweiht, und lächelnd
Nahm meinen Körper sie als Pfand dafür.
Mein Körper wandelt ohne Seele nun,
Denn meine Seele atmet jetzt in ihr,
Und ihrer Hände Spielzeug ist mein Herz ...

FRAGE UND ANTWORT

URAK IL HUTAÏL

Als sie gekommen war, sprach sie zu mir:
Nun hab ich deinen Wunsch erfüllt. Warum
Bebt nun dein Herz noch so, mein lieber Freund?
Ich gab zur Antwort: Deine Gegenwart
Ist meines Herzens langersehnte Wonne.
In seiner Wonne tanzt mein seliges Herz!

VERZEHRENDE LIEBE

UNBEKANNTER DICHTER

Die Liebe blüht empor aus einem schnellen
Empfinden, das die Seele neu belebt
Und das der Seele dann den Tod versetzt,
Wie einem schwachen Spielzeug, das zerbricht.
Die Liebe glüht aus einem scheuen Blick,
Aus einem Wort, aus einem Handdruck auf,
Und schon der erste Funken ist verzehrend
Wie ein gewaltiger Brand. Ja, wenn das Feuer
Einmal entzündet ist, so frißt es schnell
Den ganzen, hochgebauten Holzstoß auf.

WÜNSCHE

ABU FIRAS

Ich wünschte wohl, daß unsre Herzen immer
Nur füreinander schlagen, daß mein Herz
Mißgünstig schlage jeder andern Frau.
Ich wünschte wohl, daß du nur immer hold
Und zärtlich seist zu mir, dann mag das Leben
So wild und unwirsch drohen, wie es will.
Ich wünschte wohl, daß nur die hellste Wonne
An deinem Wege blühe, – an dem Wege
Der andern möge Jammer blühn und Gram.

AUFFORDERUNG

UNBEKANNTER DICHTER

Laß, Schöne, einen Wettstreit uns begehn!
Siegst du, so nimm mich hin. Trag ich den Sieg
Davon, – so nehm ich ganz dich in Besitz.
Siegst du, so nimm mich hin und mache mich
Zu einer silbernen Kette, die den Hals
Dir ziert, und schüttle mich auf deiner Brust!
Mach mich zu einem seidenen Gewande,
Das sich um deinen warmen Körper schmiegt!
Und mach ein goldnes Ohrgehäng aus mir,
Das deine wunderfeinen Ohren schmückt!

KUMMER

UNBEKANNTER DICHTER

Ach, eine Taube singt am frühen Morgen
Voll dunkler Schwermut in dem grünen Wald.
Sie denkt des Freundes, der verfloßnen Tage,
Und ihre kummervollen Lieder wecken
Den eignen Kummer mir in wunder Brust.
Oft brachte mich ihr Weinen um den Schlaf,
Mein Weinen auch hat sie nicht schlafen lassen;
Ich jammre, aber sie versteht es nicht,
Sie jammert, und auch ich versteh es nicht,
Unmöglich, daß wir uns begreiflich machen,
Nur daß sie leidet, – dieses fühle ich,
Nur daß ich leide, – ja, das fühlt sie wohl.

IM ZWEIFEL

UNBEKANNTER DICHTER

Womit vergleich ich deine Zähne, Liebste?
Mit einer schönen, schimmernden Perlenschnur
Oder mit Knospen weißer Hyazinthen?
Vielleicht mit Diamanten? Oder mit
Den Blüten eines Palmbaums, die soeben
Durch ihre feinen Schalen brechen wollen?
Vergleich ich sie mit kleinen Regentropfen,
Die an den Blumen zittern? Oder auch
Mit Hagelkörnern, welche durch ein Wunder
Bewahrt geblieben sind? Vergleich ich sie
Mit jenen kleinen Perlen, die im Weine
Zur Oberfläche treiben? Oder mit
Dem Tau, der silbern auf den Beeten blinkt?

FRAGE UND ANTWORT

UNBEKANNTER DICHTER

Meine Geliebte fragte mich: Woher
Kommt diese ungeheure Magerkeit
Und diese Mattigkeit, darin du hergehst?
Und ich entgegnete mit diesen Worten
Der Zärtlichkeit und Unterwürfigkeit:
Die Liebe, welche zu mir kam als Gast,
Hat mich so ganz verzaubert, daß ich ihr
Mein eigen Fleisch und Blut als Nahrung schenke, –
Nimmt es da wunder, daß ich elend bin?

AUF EINE ROSE

UNBEKANNTER DICHTER

Die rote Rose in der Hand der Schönen,
Der meine Liebe völlig angehört,
Ist wie die sanfte Glut auf ihren Wangen.
Der gelblich-blasse Blütenstaub, den man
Inmitten einer roten Rose sieht,
Ist wie die Blässe meines Angesichtes,
Wenn ich das Mädchen plötzlich vor mir seh.

AUF DER SCHWELLE

IBN IL KHAYAT IL DEMISCHKI

Eines Abends, als sich der Dichter Ibn il Khayat zu seiner Freundin begeben wollte, fiel er, ganz erregt durch den Gedanken, daß er sie wiedersehen sollte, ohnmächtig auf der Schwelle vor der Wohnung der Geliebten nieder. Diese hatte den Fall seines Körpers gehört, kam herbei, öffnete die Tür und neigte sich über den Ohnmächtigen, eine Fackel in der Hand. Ein Tropfen heißes Wachs fiel in das Angesicht des Dichters, und der dadurch verursachte Schmerz führte den Ohnmächtigen schnell in das Bewußtsein zurück. Ibn il Khayat erkannte die Freundin, die sich über ihn neigte, und begrüßte sie, ohne daß er sich die Zeit nahm aufzustehen, mit den folgenden Worten:
O du, beeile dich nicht allzusehr,
Das Feuer an das Antlitz deines Freundes
Zu bringen, – seine Tränen, die für dich,
Für dich nur fließen, würden deine Fackel
Gar schnell verlöschen, eh du dichs versiehst.
Entzünde lieber meinen Leib und alles,
Was an mir ist; nur nimm dich, bitte, bitte,
In acht, mit deinem grimmen Feuer an
Mein Herz zu rühren; dieses darfst du nimmer
Verbrennen, – denn du selbst wohnst ja darin!

GEHEIME LIEBE

IBN KALAKIS

Ganz heimlich wahr ich ihre Liebe,
Ich nenne ihren Namen nicht, –
Denn wenn mein Mund nur still frohlockte:
„Ich liebe!“ – jeder wüßte gleich,
Daß sie es ist, die Eine, Eine, –
Wen anders könnt ich lieben wohl als sie?

WOGEN

UNBEKANNTER DICHTER

Sieh an das Meer: ein wundervolles Schauspiel
Sind seine Wogen. Mächtig rollen sie
Zum Ufer her und fluten still zurück.
Mir scheint das Ufer wie ein stolzer König,
Des ungeheure Heere voller Ehrfurcht
Herbei sich wälzen, um des Herrschers Hände
Zu küssen und dann still zurückzuziehn.

AN EIN SCHWERT

ABU ABD IL RAHMAN ELAÏTAM ELKUFI

Dies Schwert von Amru hat den Ruf, das beste
Zu sein, das je in einer Scheide stak.
Es leuchtet bläulich. Schwarze Rinnen laufen
Über die Klinge, die zwei Schneiden zeigt:
Hier herrscht der Tod, der stolze, dunkle Tod.
Ein jäher Blitzstrahl hat den Brand entfacht,
Darin dies edle Schwert geschmiedet wurde;
Der Künstler, der es schuf, hat es in Gift
Von fürchterlicher Art getränkt. Wenn man
Es aus der Scheide zieht, so leuchtet es
Wie Sonnenglanz und blendet unser Aug.
Ob jener, der dem Feind ans Leben will,
Es in der Rechten oder Linken führt, –
Dies bleibt sich gleich: denn immer unentrinnbar
Sind seines Stahls vernichtende Gewalten.
Sein Glanz bewirkt, daß unsre Augenlider
Anheben zu erzittern, wie ein Vogel
Verängstet mit den Flügeln zittert. Lodernd,
Gleich einer wilden Fackel, ist sein Leuchten.
Mitunter will auch scheinen, daß es anhebt
Zu wogen wie das sonnbeglänzte Weltmeer,
Oder es schimmert plötzlich funkelnd auf,
Gleich einer Quelle silberklarem Wasser.
Am Tag der Schlacht, geschwungen von dem Arme
Eines ergrimmten Kriegers, richtest du,
O Schwert von Amru, die entsetzlichste
Vernichtung an. Treu dienstbar deinem Herrn,
Führst du ihn immer nur zu Sieg und Ruhm!

NAHMAS PORTRÄT

AUS TAUSEND UND EINE NACHT

Nahma geht wiegend wie ein schlanker Zweig,
Den am Myrobalanenbaum
Ein feiner Windhauch in Bewegung setzte.
Sie schreitet stolz dahin. Wie schön sie ist!
Welch Glanz und welche Feinheit ihrer Glieder!
Sie lacht, und ihre Zähne leuchten auf:
Gleich Sternen, die aus dunkler Nacht aufsprühn.
Sie breitet ihre Haare vors Gesicht:
Und Finsternis verhüllt die ganze Erde;
Sie deckt ihr Antlitz auf: und diese Welt,
So weit sie reicht, von Osten bis nach Westen,
Erstrahlt in einem wunderbaren Schein.
Man sagt wohl, daß sie einem Zweige gleicht,
Solch ein Vergleich ist aber matt und niedrig:
Denn selbst die Reize einer jugendlichen
Gazelle reichen nicht im mindesten
An ihrer Schönheit Zauberkraft heran.
Wenn man in ihre schwarzen Augen blickt,
So ist man schon verloren: erst wird man
Ihr Sklave, darauf wird man krank, dann sinnlos,
Dann kommt der Tod, und man entgeht ihm nicht.
Unwiderstehlich zieht's mich hin zu ihr,
Und diese Leidenschaft, ich weiß es, läßt mich
Noch tausend Unbesonnenheiten tun.
Doch darf man denn erstaunen, daß ein Mensch
Verrücktes tut, wenn ihm das brennende
Fieber der Liebe durch die Adern tobt?

AUF NAHMAS SCHÖNHEIT

AUS TAUSEND UND EINE NACHT

Wenn sie sich zeigt, ruft jeder: Ruhm sei Gott!
Preis ihm, der sie so wunderbar erschuf!
Sie ist die Königin der Frauen. Alle
Sind unterworfen ihrer Herrlichkeit.
Die Nässe ihres Mundes gleicht dem Honig,
Wie Perlen leuchten ihre Zähne auf.
Nichts reicht an ihres Leibes süßen Zauber,
Das Weltall wird durch ihren Gang verwirrt.
Die Schönheit selber schrieb auf ihre Wangen,
Die rosenzarten: Es ist ewig wahr,
Daß außer ihr es keinerlei Vollendung
Und keine Holdheit auf der Erde gibt!

BEI NAHMAS ABREISE

AUS TAUSEND UND EINE NACHT

O Nahma! Noch ein einziges Mal, bevor
Du abreist, laß den Anblick deiner Schönheit
Mich Armen kosten, daß ein wenig sich
Mein Herz beruhigt, welches sterben wird,
Wann du erst fern bist.
Falls es dir jedoch
Verdruß macht, meine Bitte zu gewähren,
So laß sie unerfüllt. Ich werde zwar
An meiner Traurigkeit den Tod erleiden,
Doch will ich lieber sterben, als den kleinsten
Verdruß bereiten dir, o Himmlische.

AUF EIN GRAB

AUS TAUSEND UND EINE NACHT

O Grab! O Grab! Sind nun in deiner finstern
Behausung all die Reize der Geliebten,
Die ich verlor, dahin? Das Angesicht,
Das noch vor kurzem so voll Frische war,
Ist es schon farblos jetzt und mißgestaltet?
O Grab, du bist doch das Gewölbe nicht
Des Himmels, und du bist doch auch kein Garten:
Wie kannst du bergen denn in deinem Schoße
Ein schlankes Zweiglein und den süßen Mond?

AN EINE SÄNGERIN

AUS TAUSEND UND EINE NACHT

Du wundervolle Frau schlägst die Gitarre
Mit deiner Finger zarten Spitzen, und
Die Seelen sind ergriffen bis ins Tiefste.
Du singst: und deine zauberhafte Stimme
Verleiht den Tauben ihr Gehör zurück.
Und selbst der Stumme ruft: O herrlich! herrlich!

DER STROM DER LIEBE

AUS TAUSEND UND EINE NACHT

Der Liebende, von seiner Leidenschaft
Bezwungen, eilt zu der Geliebten hin,
Und ihrer beiden Herzen werden eins.
Sie kommen an den Strom der Liebe, schöpfen
Mit frohen Händen, selig, unermüdlich, –
O, dieses Wasser dünkt sie wunderbar!
Und sie verweilen lange, helle Tränen
Der Freude netzen ihre jungen Wangen,
Und zur Geliebten spricht der Jüngling dies:
Wär ich der Herr der Zeit (da ich doch leider
Ihr Sklave bin), o glaube mir, Geliebte,
Es dürfte nicht ein Tag vorübergehn,
An dem ich nicht beglückt an deiner Seite
Aus diesem wunderbaren Strome tränke,
Bis süße Trunkenheit mich ganz bezwingt!