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Aristoteles' Poetik

Chapter 10: V
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Credits: Alexander Bauer, Jana Srna and the Online Distributed Proofreading Team at https: //www. pgdp. net (This book was produced from scanned images of public domain material from the Google Books project. ) Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1897 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert. Verschiedene Schreibweisen wurden nicht vereinheitlicht, sofern die jeweiligen Formen im Text wiederholt vorkommen.

V

Aristoteles hat als Wirkung der Tragödie nicht bezeichnet die Erregung von Mitleid und Furcht, sondern die Katharsis dieser Affecte.

Die Frage ist, ob Katharsis nur eine wohlthätige Nachwirkung davon ist, daß die genannten Affecte einmal kräftig empfunden wurden, oder ob Katharsis eine unter der unmittelbaren Einwirkung der Tragödie, im Theater, vom Zuschauer erlebte Empfindung ist, ein zu jenen Affecten Hinzutretendes und sie Abschließendes.

Sehr viele Ästhetiker fassen die Sache so auf, daß die Katharsis eine innere Umwandlung, eine „Läuterung“ der Affecte selbst wäre, durch welche diese ihren beängstigenden, schmerzlichen Charakter einbüßen und zu erhebenden, begeisterten Gefühlen werden, welche im Gemüte uns der Dichter entläßt. Es ist bei der Kürze und Dunkelheit der Stelle in Aristoteles nicht zu verwundern, wenn jeder in ihr die Formulirung der ästhetischen, deutlicheren oder dunkleren Anforderungen an die Tragödie zu erkennen glaubte, welche er selbst an die Tragödie stellte. Dies tritt in GOETHE’s Definition der Katharsis hervor, wo es von der Handlung der Tragödie heißt, daß sie „nach einem Verlauf von Mitleid und Furcht mit Ausgleichung solcher Leidenschaften ihr Geschäft abschließt“. GOETHE suchte den kathartischen Proceß aus der Seele des Zuschauers möglichst in die dramatische Handlung zu drängen, wiewohl nicht so sehr, als BERNAYS ihm dies vorwirft. Ihm schwebte der Gedanke vor, daß für eine Tragödie die tumultuarische Aufregung des Mitleid- und Furchtaffectes ebensowenig genüge, als eine regellose verworrene Folge von Accorden Musik sei. Der Tragiker soll nicht nur Affecte aufregen und dann den Aufgeregten sich selbst überlassen, sondern er muß auf dem Gemüte des Zuschauers so spielen, daß die kunstreich auf- und abwogende, sich steigernde, gipfelnde und überschlagende Affectfolge schließlich nicht einfach unmotivirt abbreche, weil zufällig die Handlung des Dramas zu Ende ist, sondern einen natürlichen, sich dem Zuschauer mit Notwendigkeit aufdrängenden Abschluß finde, analog einem Musikstück. Daß es sich hier um ein ästhetisch Notwendiges handelt, wird uns sofort klar, wenn ein Tragiker gegen dieses Gebot gröblich verstößt, wenn er uns mit einer ungelösten Gefühlsdissonanz im Gemüte, oder überhaupt mit einem Gefühl, das nicht den mit Notwendigkeit abschließenden Schlußpunctcharakter hat, aus dem Theater schickt. Wir sagen in solchen Fällen, das Stück habe keinen rechten, habe einen unbefriedigenden Schluß. Diese Unbefriedigung wird nicht behoben durch die Erwägung, daß die Handlung äußerlich abgeschlossen ist, also nichts mehr kommen kann. Häufig ist die Handlung, rein pragmatisch genommen, völlig beendigt, ohne daß ein befreiendes Gefühl, daß es aus ist, sich einstellt, weil eben die durch die Handlung aufgeregte Gefühlsfolge nicht in der nach dem Contrapunct des Herzens notwendigen Weise abgeschlossen ist. Diesen Fehler haben z. B. HEBBEL’s „Agnes Bernauer“, KLEIST’s „Schroffensteiner“; auch IBSEN’s „Nora“ giebt kein volles Schlußgefühl. Hierin liegt die ungeheuere Schwierigkeit des Schließens begründet, die jeder Dramatiker kennt. GOETHE’s Auslegung der Katharsisformel bezieht sich auf diese Forderung nach richtigem Abschluß der Gefühlsreihe.

Aristoteles selbst hat wohl an derlei nicht gedacht. Ihm war die kräftige Erregung der beiden tragischen Affecte die Hauptsache, und die Katharsis wurde dem Zuschauer einfach dadurch zu teil, daß er die Affecte kräftig empfand. Vergebens wird man in der ganzen Poetik nach einem ästhetischen Postulat suchen, welches er auf die Katharsis gegründet hätte. Nirgends sagte er: wenn die Handlung oder der Held einer Tragödie so oder so beschaffen ist, so wird die Tragödie zwar Mitleid und Furcht erregen, aber nicht Katharsis von diesen Affecten bewirken. Beweis genug, daß er in der Katharsis nicht eine Wirkung der Tragödie sah, aus welcher geschlossen werden kann, wie sie beschaffen sein müsse, um dieselbe erzielen zu können, sondern nur eine politische Rechtfertigung ihrer Duldung durch den Staat. Das Einzige, was aus der Katharsis für ihn folgt, ist der hedonische Charakter, den er für die tragischen Affecte forderte. In der Politik bezeichnet er die Katharsis als eine mit Lust erfolgende Erleichterung. Dem entsprechend dringt Aristoteles in der Poetik darauf, daß vermieden werde, Mitleid und Furcht zu peinvollen Gefühlen ausarten zu lassen, welche die Lust ausschließen würden. Sonst, von der Lust abgesehen, ist ihm Katharsis nichts als eine wohlthätige Nachwirkung der Affecte, nach deren Empfinden der Mensch ein Bedürfnis hat.

Ohne Zweifel ist die dichterische Praxis der griechischen Tragiker, namentlich des SOPHOKLES, in dieser Hinsicht weit feinfühliger, als die Theorie des Aristoteles. Welches gute Gehör des Herzens, welch’ erlesenen, zarten Tact bethätigt SOPHOKLES in der Kunst, die im Zuschauer aufgerührte Reihe mächtiger Gemütsbewegungen zu einem Abschlußgefühl zu führen, in welchem die völlige Erledigung, die Stillung des Gemütsprocesses, welchem der Dichter sein Publicum unterwarf, mit Befriedigung aufathmend empfunden wird. In dieser Leistung des Abschließens, darin hat GOETHE sicherlich recht, liegt der Vorzug der künstlerisch planmäßigen Affecterregung vor jener durch die rohe Wirklichkeit, welche den Affect in uns nur aufreizt, ohne uns denselben zu Ende empfinden zu lassen. Die sich von ungefähr einstellenden Anfälle von Verzückung, an welchen die Enthusiasmuskranken leiden, von denen die Politik spricht, schaffen diesen keine Erleichterung, im Gegentheil, sie machen sie noch geneigter zu solchen Anfällen. Doch die durch die Olymposweisen verursachte Verzückung bringt das seelische Etwas, das im natürlichen Anfall vergebens nach Durchbruch ringt, zu völliger Entladung und befreit daher den Kranken für einige Zeit von seinen Anfällen.

Um den Abschluß für das Gemüt zu erzielen, scheute SOPHOKLES selbst, wie im Aias, ein Nachspiel nicht, das gar keinen Zweck hat, als das erschütterte Gemüt des Zuschauers wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Von diesen Feinheiten weiß die Theorie des Aristoteles nichts, wenigstens nichts in den Theilen der Poetik, die auf uns gekommen sind. Seine Theorie scheint am meisten der tragischen Poesie des EURIPIDES zu entsprechen, der es mehr auf heftige Erregung, als auf kunstreiche Lösung der Affecte abgesehen hat.