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Aristoteles' Poetik

Chapter 6: I
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About This Book

Credits: Alexander Bauer, Jana Srna and the Online Distributed Proofreading Team at https: //www. pgdp. net (This book was produced from scanned images of public domain material from the Google Books project. ) Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1897 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert. Verschiedene Schreibweisen wurden nicht vereinheitlicht, sofern die jeweiligen Formen im Text wiederholt vorkommen.

I

Vor allem gilt es eine Unklarheit, einen verworrenen Doppelsinn auflösen, der ein deutliches Verständnis des seelischen Vorganges „Katharsis“ unmöglich macht. Man kann das Kathartische sehen in der Befriedigung eines menschlichen Bedürfnisses nach Affecten. Die Ursache eines solchen Affecthungers wäre keine seelische, sondern rein leiblich. Das ruhende Gehirn erzeugt einen Überschuß an seelischer Energie, der abströmen muß. Dieses Abströmen kann in verschiedenen Formen erfolgen, durch körperliche Anstrengung und Bewegung, durch geistige Arbeit, durch Leidenschaften und Affecte. In diesem Zustand befindet sich sehr oft der gesunde, junge Mensch. Er erklettert Berge, er stürzt sich in Leidenschaften, fühlt sich durch sie himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt, zerarbeitet sein Gehirn an philosophischen Problemen. Was ihn dazu treibt, ist der Überschuß an nervöser, seelischer und geistiger Energie, der ihm keine Ruhe läßt. Solche junge Menschen haben einen wahren Lebenshunger, selbst Schmerzen sind ihnen willkommen, weil sie in ihnen ihre Überfülle fühlen und auslassen können, daher in den Schmerzen sorgenfreier, begabter Jünglinge so viel Unwahres und Gespieltes ist. Gewollter Schmerz ist unwahrer Schmerz, ist Gefühlsschwelgerei. Für diesen Kraftüberschuß liegt die Katharsis in heftigen Gemütsbewegungen. Der Heißhunger nach starken Lebensgefühlen ist so wenig wählerisch als ein anderer Heißhunger. Er findet in jeder Erregung seine Befriedigung, auch wenn diese Erregung ein Begehren ist, das selbst wieder Stillung fordert. Jungen Menschen liegt mehr an der Begierde, als am Genuß, die Leidenschaft ist das Element, in dem ihnen wohl ist, und Gegenstand und Ziel der Leidenschaft kann daneben beinahe gleichgiltig werden. „Wenn’s dir in Kopf und Busen schwirrt, was willst du Bess’res haben?“, sang GOETHE. In diesem Sinne genießt denn die Jugend auch die Dichtung. Vor allem muß sie ihr starke Emotionen geben. Im modernen deutschen Naturalismus, wie einst in der Sturm- und Drangbewegung, ist dieses Jugendmerkmal unverkennbar. Um jeden Preis Emotionen, je heftiger, desto lieber, „je weher, desto bester“, wie MÖRIKE’s Mägdlein sagt, dem der Geliebte beim Küssen die Lippe beißt.

Das ist eine Art Katharsis. Sie wird in ihrem inneren Wesen am klarsten durch den Hinweis auf Affecte, welche an ein bestimmtes körperliches Organ geknüpft sind. Der kraftstrotzende Sexualapparat fordert und erzeugt die Gefühle, durch welche er in Function tritt. Nun hat zwar der Mensch keine sichtbaren, am oder im Körper als Einheit nachweisbaren, Organe für all die Freuden, Schmerzen, Leidenschaften, aus welchen wesentlich das Leben besteht, aber er tritt doch gerüstet für das Leben in die Welt, für Furcht, Haß, Stolz, Ehrgeiz, Liebe, Rachsucht u. s. w. mit Gehirndispositionen ausgestattet, welche, wenn ein gewisser Reifegrad erreicht ist, gerade so ihre eigentümlichen Bethätigungen fordern, wie der sexuale Apparat die Sexualgefühle.

Daher lechzt der jugendliche Mensch nach allen möglichen Affecten, giebt sich ihnen hin, sobald sich ihm nur ein Vorwand bietet, sie zu empfinden; Studentenmensuren, Liebesschwärmerei, Jugendtragödien, Vereinswesen, Alpensport u. s. w. sind die Erscheinungsform davon, überhaupt das ganze Spiel des Lebens, welches dem Ernst und der Realität desselben vorherläuft. Es läßt sich denken, daß im antiken Athen unter den Vornehmen dieser Zustand sehr verbreitet war und sich tiefer ins Leben hinein erhielt, als bei uns, weil die Sklaverei für die herrschende Minderheit eine große Freiheit ermöglichte, in der unermeßliche Kräfte müßig waren und nicht, wie bei uns, im Schleppen der Lebenslasten, in der Arbeit, sich aufbrauchten. Die ganze Geschichte Athens, die leidenschaftliche Zerrissenheit der Demokratie, die dialektische Aufgeregtheit des debattirenden Volkes, die jähe Selbstzerstörung durch abenteuerndes Überspannen der Kräfte über die materielle Macht hinaus, bezeugt, daß in dem athenischen Gemeinwesen ein gewaltiger Überschuß an geistiger Kraft unablässig und fieberhaft sich mannigfaltig zu äußern suchte. THUKYDIDES sah tief in diese athenische Tragödie der Überkraft hinein. Ein guter Beobachter mußte diesen Entladungsdrang in jeder großen Erscheinung des athenischen Volkslebens sehen, auch in der leidenschaftlichen Lust an tragischen Spielen. So war dem Aristoteles die Katharsistheorie, in diesem Sinne verstanden, nahe gelegt.

Aber es giebt außer dieser „Katharsis“ des allgemeinen seelischen Kraftüberschusses an Affecten, diesem Lebenshunger, der sich wenigstens durch Mitempfinden abzufinden sucht, noch eine andere Art von Katharsis. Bei dieser ist nicht der Affect selbst die Entladung der Kraftfülle, sondern sie besteht in der Entladung des Affectes durch die ihm entsprechenden Äußerungen, durch Wort, That, Thränen, Geberde u. s. w.

Der typische Träger dieses kathartischen Vorganges ist nicht der lebensdurstige, affecthungrige Jüngling, sondern der Mann, der alternde Mensch, der nicht nach Affecten, sondern ernstlich nach realer Befriedigung der verschiedenen Begierden strebt, die das Leben in ihm entwickelt hat, der namentlich schmerzliche Gemütsbewegungen abzuwehren trachtet und doch nicht verhindern kann, daß sie ihn heimsuchen, teils wirklich motivirt, teils der Phantasie entstammend, welche den Erfahrenen durch die Gespenster allerlei trauriger Möglichkeiten beunruhigt.

Jeder ältere Mensch trägt eine Masse von fix gewordenen Affecten in sich, die das Leben in ihm geprägt hat, in dieser Münze besitzt er den Schatz von seelischer Energie, der noch vag, ins Unbestimmte gerichtet im Jüngling gährt. Diese verlangen periodisch die ihnen gemässe Entladung. Namentlich die Sorgen, die Befürchtungen vor Lebensübeln. Ferner die nie verwundenen Schmerzen, die gewisse Erlebnisse in der Seele so fixirt haben, wie Erfahrung und Nachdenken gewisse Begriffe im Geist. So schleppt jeder typische Lebensschmerzen mit sich herum, stumm, wie einen Teil seiner selbst. Wenn ein solcher Mensch einer Tragödie zusieht, deren Held ihm ähnlich ist, deren Fabel den Schicksalen verwandt ist, welche seinem Herzen jene empfindlichen Stellen eingedrückt haben, so erlebt er eine Entladung jener alten ungelösten Affectspannungen, die in ihm habituell und unbewußt geworden sind. Da er nicht an die concreten eigenen schmerzlichen Schicksale denkt, so hält er die Rührung, die ihn ergreift, die Teilnahme, mit welchen er die Klagereden des Helden als ihm aus der Seele gesprochen leise mitredet, die Thränen, die ihm kommen, für Äußerungen seines Mitleids mit dem Helden, während es ihm in Wahrheit, ohne daß er es ahnt, so ergeht, wie jenen Mägden des Achilleus, welche, anscheinend den toten Patroklos beweinend, ihr eigenes Unglück beklagen. Die Lust im tragischen Mitleid halte ich für dadurch bedingt, daß eine persönliche concrete Affectspannung sich entladet ohne Erinnerung an ihre reale Ursache und im Wahn, die Entladung sei nicht Entladung eines Leides, sondern eines Mitleidens.

Wie sich diese Katharsis von der ersten unterscheidet, ist einleuchtend. Sie ist pathologischer Natur, ist Entladung einer alten Affectspannung im Gemüte.

Daß Aristoteles auch diese Katharsis im Sinne gehabt hat, ist zweifellos. Zählt er doch in der Rhetorik (II, 8) die dem Mitleid ausgesetzten Menschen auf, also offenbar jene, welche der kathartischen Cur durch Tragödie bedürftig sind, und unter diesen sind die Menschen besonders erwähnt, welche die Spuren erlittenen Unglücks im Gemüte mit sich herumtragen.

Er nennt die Schwachen und Feigherzigen, diejenigen, die selbst schon Unglück erlitten haben, jene, die Eltern, Gattinnen und Kinder besitzen, welche dem Unglück unterworfen sind, die sich in keiner den Mut erhöhenden Gemütsstimmung befinden, diejenigen, welche andere Menschen für gut und daher deren Unglück für unverdient halten, als die zum Mitleid Geneigten. Diese Schaar von seelisch Bedrückten, Bekümmerten und Beladenen wird es denn auch sein, für welche der heisse Gesundbrunnen der Tragödie sprudelt. Das sind die eleḗmones und phobētikoí, von welchen das achte Buch der Politik redet. Die Mitleidsdisposition liegt zum großen Teil, wie man sieht, in einem Bangen vor möglichem Übel.

Dem gegenüber wird es deutlich, wie Aristoteles sich die Katharsis dachte. Durch die Tragödie wird all dieser schleichenden Sorghaftigkeit, mit denen sich die Menschen herumtragen und die ihnen das Lebensgefühl verleidet, ein Anlaß zum Ausbruch gegeben. Es kommt einerseits zum kräftigen Empfinden und anderseits zum lebhaften affectvollen sich vom Herzen Sprechen der Empfindungen. Namentlich im Letzteren liegt das Kathartische. Der Dichter, der seinen Helden in machtvoller Weise sagen läßt, was er leide, spricht damit auch dem Hörer befreiend aus der Seele. Man braucht sich nicht selbst Luft zu machen, wenn man sich heftig aufgeregt fühlt; wenn es ein Anderer für uns tüchtig thut, giebt das auch Erleichterung.