II
Die kathartische Behandlung der Hysterie, welche die Ärzte Dr. JOSEF BREUER und Dr. SIGMUND FREUD beschrieben haben[20], ist sehr geeignet, die kathartische Wirkung der Tragödie verständlich zu machen.
Diese Cur beruht auf dem Gedanken, dass ein Affect, der „unterdrückt,“ d. h. nicht durch Wort, That, Thränenerguss u. dergl. abreagirt wurde, sich in jene nervösen Symptome umwandle, welche das Krankheitsbild des Hysteriefalles ausmachen. Diese hysterischen Symptome sind als anomaler Ausdruck einer Gemütsbewegung zu betrachten, welcher die normale Entladung versagt blieb. Gelingt es dem Arzt, den affecterregenden Anlass zu entdecken, welcher das hysterische Symptom zuerst verursacht hat, und den Patienten zu lebhafter nachträglicher Reaction auf das Trauma zu bringen, welches die Psyche damals erlitten hat, so verschwindet das entsprechende hysterische Symptom spurlos.
In diesen pathologischen Fällen erhält sich das Quantum seelischer Energie, welches ursprünglich im Affect vorhanden war und nicht abströmen durfte, in der auffälligen und krankhaften Form eines hysterischen Symptoms, dessen Zusammenhang mit dem seelischen Anlass dem Selbstbewusstsein des Kranken keineswegs durchsichtig ist und nur durch die Heilung nachgewiesen wird. Diese pathologischen Fälle lehren uns Vorgänge im gesunden Menschen begreifen.
Krankhaft ist daran die Umwandlung des nicht abreagirten Affectes in ein hysterisches Symptom, nicht das Unterbleiben des Abreagirens. Abreagirt werden im allgemeinen nur ausnahmsweise heftigere Affecte, welche die habituelle Selbstbeherrschung, durch welche die Menschen sich im Zaum halten, durchbrechen. In dieser Hinsicht bestehen Unterschiede des individuellen Temperaments. Viele reagiren leicht, lebhaft und häufig, andere verbeißen alles, ja manchen (ein Teil der „Bildung“ besteht hierin) wird es zur zweiten Natur, die Affecterregung gar nicht mehr in die peripheren Nervenbahnen abströmen zu lassen. Die nicht abreagirten Affecte, auch wenn sie sich nicht in pathologische Symptome verwandeln, verbleiben irgendwie als eine Art ungelöster Spannung in der Seele, und ihr Dasein verrät sich in der Färbung des Lebensgefühles, welches der vorherrschenden Stimmung zu Grunde liegt, in der Geneigtheit zu Ausbrüchen von Affecten von jener Art, welcher die ungelöst in der Seele verharrenden angehören. Wir nennen das Reizbarkeit. Poeten, Schauspieler verwenden diese aufgesparten Affecte für ihre Leistungen, die ihnen nur durch dieselben ermöglicht werden. Für andere wird die Summe ungelöster Spannungen, die sie mit sich herumtragen, zur Beschwerde, die sie beklommen macht. Erleichterung, Katharsis, finden sie, wenn sie sich gelegentlich eines neuen Affectanlasses Luft machen und sich die alten Affectspannungen in Einem vom Herzen reden und rasen.
Je nach Empfänglichkeit und Lebenslage werden sich in dem einzelnen Menschen mehr Affecte von einerlei Art unentladen aufstauen. Dies bestimmt die Richtung der ihm eigenthümlichen Reizbarkeit.
Man wird beobachten, daß Frauen, die viel wirkliche oder vermeintliche Kränkungen von ihren Männern niederschlucken mussten, wenn sie von einem ähnlichen Frauenschicksal hören, zu lebhafter Teilnahme, zu Thränen des Mitgefühles mit grösster Leichtigkeit bewogen werden. So sind Mütter, infolge der langen Serie gleichförmiger Sorgenaffecte um ihre Kinder, für ähnliche Eindrücke abnorm empfänglich. Andere, Männer z. B., sind überfüllt mit Erwerbssorgen, Reminiscenzen von Kränkungen ihres Selbst- und Rechtsgefühles u. s. w., und daher zu den entsprechenden Affecten disponirt.
Im Ganzen ist das Muster, nach welchem der Weltlauf gewebt ist, so gleichförmig, daß in jedem Menschengemüt so ziemlich alle wesentlichen Affectspannungen vollzählig beisammen sind, wenn auch verschieden accentuirt. Die Katharsis ist nun eine Erleichterung dieses Zustandes.
Der Tragiker stellt eine Begebenheit vor die Phantasie der Zuschauer, welche im Ganzen und Einzelnen solcher Art ist, dass die Zuschauer, indem sie den Schicksalen der Bühnenpersonen Teilnahme schenken, eine grosse Masse der in ihnen aufgehäuften Affectspannungen mitentladen, wie jene Mägde des Achilleus beim Tode des Patroklos.
Was sich entladet, ist persönliches Leid, wirklich erlittenes oder von der Phantasie selbstquälerisch vorgespiegeltes.
Hier liegt der grosse Irrtum des Aristoteles. Er meinte: was sich entladet, ist Mitleid und Furcht.
Bezüglich der Furcht bleibe die Sache in Schwebe. Unrecht aber hat er mit dem Mitleid. Der Mensch hat ein Bedürfnis, die leidvollen Affectspannungen, die in ihm selbst vorhanden sind, zu entladen, und dies erfolgt auf Anlass der durch einen gespielten Vorgang angeregten Vibration von Mitleid. Aber er hat kein Bedürfnis, zu bemitleiden. Für oberflächliche Analyse aber hat es den Anschein, als ob die Gefühlswirkung der Tragödie durch und durch Mitleid wäre, während sich Leid in der Form von Mitleid, gelegentlich einer minimalen Mitleidsanwandlung entladet. Katharsis findet also nur statt bezüglich des Leidens, nicht des Mitleidens. Das Mitleid ist der zündende Funke, nicht die Mine, die losgeht.
Dass aber Leid in der Form von Mitleid sich entlade, ist der tragischen Wirkung wesentlich.
In der Rhetorik (II, 8) sagt Aristoteles mit großer Feinheit, daß wir nur uns ferner Stehende bemitleiden. Nächste Freunde und Angehörige erregen durch ihr Unglück in uns nicht Mitleid, sondern ein dem Leiden, das sie trifft, congruentes Gefühl. Dieses aber schließt durch seine Schmerzlichkeit die Lust aus, die zur Katharsis gehört. Feine Beobachter werden wissen, daß, wenn ein Unglück uns trifft, die Tröstung damit beginnt, daß sich dem Schmerz ein Element wehmütig süßen Selbstbedauerns beimengt. Darum können sich wehevolle Affectspannungen nur in der Form von Mitleid lustvoll entladen, und wenn eine Tragödie uns an concrete schmerzliche Ereignisse erinnert, weckt sie Leid in uns auf und löscht die Freude aus.
Diese Betrachtungen erledigen jenen Einwand, daß doch auch andere Affecte als Mitleid und Furcht durch die Tragödie Katharsis finden.
Das Mitleid ist die Gemütsbewegung, durch welche die Seele mit den mannigfaltigsten Leidenschaften, die Schmerzen bringen, in Fühlung tritt. Mit dem Ehrgeiz, mit der Muttersorge, mit dem verletzten Rechts- und Ehrgefühl. All diese Schmerzen, deren Reminiscenzen wir in uns tragen, finden durch Vermittlung des Mitleidens ihre Entladung. Diese Einsicht hat Aristoteles dadurch verdeckt, daß er für das sich Entladende das Mitleid hielt, während dieses nur Anreiz und Form der Katharsis mannigfaltiger Affecte ist.