III
Zur kathartischen Wirkung eines Gedichtes ist erforderlich, daß es das Seelenleben schwelle und steigere, das Gehirn in rege Associationsarbeit stürze. Nur eine plötzliche Springflut des Geistes vermag all die eingealterte Trübsal zum Ausbrechen zu treiben, mit der wir uns herumschleppen. Einen je größeren Teil des Gehirns die Poesie gleichzeitig in lebhafte Thätigkeit versetzt, je mehr Hirnzellen sozusagen, die sonst nichts von einander wußten, sie durch kühne, nie zuvor erlebte Gedankenblitze der Ideenassociation in Verbindung setzt, je mehr sie den Menschen nötigt, einmal mit dem gesamten Gehirn seelisch zu functioniren, desto kathartischer ist sie. Die allgemeine Erregung ist Bedingung der besonderen Entladung. Der Dichter muß den Menschen zwingen, mit seinem Denken einmal aus den gewohnten Geleisen herauszugehen, er muß das Bewußtsein ausweiten und es mit einer Masse sich drängender Vorstellungen füllen, jede einzelne zu einer Intensität und Lebendigkeit bringen, deren der Mensch für sich allein unfähig wäre. Dadurch wird dieser für kurze Zeit jener Energie der Gehirnthätigkeit teilhaftig, mit welcher der Dichter begnadet ist, und alles wird zum Schmelzen und Abströmen gebracht, was in ihm der mangelnden Gehirnenergie halber stockte und ihm das Lebensgefühl ankränkelte. Die Erscheinungsform dieser kathartischen Kraft der Poesie ist der Schwung des Gedankens, die sinnliche Energie der Sprache, die Bilderpracht der Metaphern, die nicht nur den Gedanken selbst, sondern um ihn her auch die geschlossenen und halb geöffneten Knospen von Gedanken im Bewußtsein aufdämmern machen, das stürmische Pathos. Davon hat Aristoteles keine Ahnung, er bringt das Kathartische der Tragödie in keine Beziehung zu ihren poetischen Qualitäten.
Die kathartische, d. h. die pathologische Wirkung der Tragödie, durch welche die angeschoppten Affecte aus der Seele fortgespült werden, verschwindet in ihrer Gesamtwirkung, welche sich als eine Steigerung, Concentrierung des seelischen Lebens darstellt und als solche unmittelbar als Seligkeit genossen wird. Die kathartische Wirkung ist nur eine Nebenerscheinung der Gesamtwirkung. Wie überhaupt die Kunst immer an die praktischen Einrichtungen und Gegenstände der menschlichen Societät anknüpft, z. B. an Gegenstände und Gebräuche des religiösen Cultus, so wurden auch die kathartischen Feste des Volkes, welche die Gemüter purgirten, von den Dichtern benützt, um darauf ihre Schöpfungen zu pfropfen. Wegen des kathartischen Elementes blieben die dichterischen Spiele dem Volke Bedürfnis, doch irrig ist es, in der kathartischen Wirkung das Wesen derselben zu sehen. Man entschließe sich endlich, die moderne pathologische Auffassungs- und Genußweise der Kunst auf ihr Gebiet einzuschränken: mittelst des Pathologischen hat die Kunst noch Beziehung zur unkünstlerischen Masse, nicht zu den höheren Menschen. Wenn ich eine prächtige Eiche betrachte und den Anblick dieses herrlichen Stückes Leben genieße, so ist darin nichts Pathologisches; die Eiche ist schön, ihr Anblick ist Freude, nichts weiter, von einer kathartischen Lust keine Spur. Ganz so fühle ich gegenüber dem rasenden Lear. Dieser entzückt mich wie das Gewitter, das seinen Flüchen secundirt; ein gänzlich unpathologisches Wohlgefallen ist die in mir vorherrschende Empfindung. Diese ästhetische Freude liegt jenseits des pathologischen Genußes; vielleicht sind pathologische Erfahrungen die Vorbedingung, um Lear zu begreifen, aber die Freude am Lear hat nichts mit Pathologie zu schaffen.
Steigerung und Erweiterung des Bewußtseins ist an sich Seligkeit und nur nebenbei gesund, um unverarbeitete Rückstände aus der Seele abzutreiben. Das Glück der Genialität liegt darin, welches durch Vermittlung der Kunst auch Menschen zugeführt wird, die es ohne fremde Hilfe nicht aus sich hervorbringen können. Was liegt dem Dichter in den Stunden seiner Genialität an seinen sogenannten Schicksalen? Das wahre Leben führt er in seinem Schaffen, die Wirklichkeit ist ihm nur der Wald, aus dem er das Reisig holt, um sein Geistesfeuer zu schüren.