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Aristoteles' Poetik

Chapter 9: IV
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About This Book

Credits: Alexander Bauer, Jana Srna and the Online Distributed Proofreading Team at https: //www. pgdp. net (This book was produced from scanned images of public domain material from the Google Books project. ) Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1897 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert. Verschiedene Schreibweisen wurden nicht vereinheitlicht, sofern die jeweiligen Formen im Text wiederholt vorkommen.

IV

Die ästhetische Schwäche der Katharsistheorie liegt darin, daß sie die Gemütsbewegung, welche in Mitleid und Furcht besteht, nur als Mittel ansieht, durch welche der Hang zu solcher Aufregung für einige Zeit beschwichtigt, oder der belästigende Überschuß an seelischer Energie zum Abströmen gebracht wird. Der Gedanke, daß in einer leidenschaftlichen Erhöhung des Bewußtseins an und für sich eine Seligkeit liegen könne, welche es völlig überflüssig macht, erst noch nach einem Zwecke zu suchen, der die Herbeiführung dieses erhöhten Zustandes rechtfertigen soll, ist bei Aristoteles nirgends zu finden, wenn man nicht in der gelegentlichen Betonung des hedonischen Elementes in der tragischen Wirkung seinen Keim erblicken will. Im Gegentheile, es liegt mehr im Sinne der Poetik, die Affecterregung als ein Mittel zur zeitweiligen Beseitigung der Affecte aufzufassen, so daß das Ziel der Tragödie eher ein Zustand der Unempfänglichkeit für ihre Wirkung wäre, der aber bei der Schwäche der menschlichen Natur eben nur um den Preis zeitweiliger Erregung tragischer Wirkung verwirklicht werden kann. An sich wünschenswert ist nach dieser Auffassung nur die Seelenruhe, die nicht leicht gestört werden kann. Der Zweck der Begeisterung ist die Nüchternheit, der Zweck der Poesie die Prosa, so könnte man das Princip dieser Gesinnung formulieren. Der Gedanke, der jedem Künstler vorschwebt, in einer gewaltigen Steigerung des Bewußtseins, die sich leider nur für kurze Zeit festhalten läßt, die Krone des Lebens zu sehen, die keinem weiteren Ziele dient, tritt in der Poetik niemals klar hervor.

Hierin liegt das Unkünstlerische der Katharsislehre. Diese bringt die Wirkung der Tragödie unter die Kategorie eines Mittels zu einem Zwecke, der Beschwichtigung nämlich eben jener Affecte, welche die Tragödie aufregt. Der Künstler aber und künstlerisch Fühlende meint auch im tragischen Kunstgenusse eine Seligkeit zu erleben, deren Wert in ihr selbst vollinhaltlich beschlossen liegt und nicht in der Beziehung dieser Seligkeit zu einem ruhigen Gemütszustande, den sie herbeiführt, enthalten ist.

Ganz fremd ist Aristoteles dieser Gedanke insofern nicht, als ihm der lustvolle, der freudige Charakter der tragischen Wirkung selbstverständlich ist und diese daher unter die Bestimmungen fällt, durch welche Aristoteles in der Ethik die Lust und ihren Wert charakterisirt.

Aber unter allen Umständen muß ihm diese Lust im erleichternden Sich-Entladen von Mitleid und Furcht als pathologisch verursacht gelten, so daß der innerlich vollendete Mensch derselben unbedürftig und unfähig wäre. Die reine, tiefe Freude an der Schönheit einer grandiosen Tragödie unter diesen Gesichtspunkt zu bringen, widerstrebt uns, und hier nimmt ein gewisser dumpfer Widerstand gegen die Triftigkeit der Katharsistheorie seinen Ursprung.

Diese Unzulänglichkeit, aus dem Zwecke, Mitleid und Furcht zu erregen, alle ästhetischen Postulate abzuleiten, die wir der Tragödie gegenüber erheben, kommt in der Poetik des Aristoteles von selbst zum Vorschein. Er mag sein Princip für ein durchgreifendes gehalten haben, in Wahrheit aber folgerte er aus demselben nur die Qualitäten, durch welche eine dramatische Dichtung zur Tragödie wird, keineswegs alle jene, welche ihren sonstigen geistigen Werth bedingen und bestimmen, ihr Vermögen, dem Menschen höhere, reichere und feinere Freuden zu gewähren, als den pathologischen oder pathogenen karthartischen Genuß. Die berühmte Stelle über EURIPIDES, ganz abgesehen davon, daß sie sich auch nur auf das Verfahren des EURIPIDES beziehen läßt, seiner Fabel einen einfachen und zwar einen unglücklichen Ausgang zu geben, was oft nicht genug beachtet wird, beweist, daß ihm die Vereinbarkeit starker tragischer Wirksamkeit mit dem Mangel höheren Werthes als möglich galt. Auch fordert Aristoteles vieles von einer guten Tragödie, was sich nur höchst gezwungen und oft nur scheinbar aus ihrem Katharsiszwecke ableiten läßt. Der Vorrang z. B., welchen er der Poesie vor der Geschichte zuerkennt, welche, weil sie das Allgemeine, das Typische vorführt, nicht das zufällig wirklich Geschehene, philosophischer ist, als die Geschichte, muß doch als eine geistige Freude im Genuß des poetischen Kunstwerkes zum Vorschein kommen. Nun läßt sich zwar behaupten, daß die kathartische Wirkung die Qualität des Typischen insofern erheische, als Held und Fabel einer Tragödie typisch sein müssen, damit sämtliche Zuschauer dadurch zu der Furcht angeregt werden, daß derlei auch ihnen zustoßen könne. Aber die geistreiche philosophische Freude am Typischen, auf welche Aristoteles anspielt, ist ein selbständiger geistiger Genuß, nicht nur die an sich gleichgiltige Vorbedingung der Furcht, deren Wert nur im Anregen der Furcht liegt. Diese philosophische Erkenntnisfreude, die gar nichts Pathologisches an sich hat, fällt, wenn man die Katharsistheorie zu Grunde legt, nur als zufälliger Nebengewinn für den höheren Zuschauer ab. Weil aber eine gewisse rohe Allgemeingiltigkeit der tragischen Fabel durch den kathartischen Zweck gefordert wird, wähnte Aristoteles den feineren, philosophischen Reiz des Typischen durch jenen Zweck erschöpfend motivirt. Wenn eine Tragödie nichts ist, als in hohem Grade kathartisch, kann sie, wie Aristoteles wohl weiß, ein geringwertiges poetisches Machwerk sein. Denn dem kathartischen Zweck genügen die Rudimente jener geistigen Qualitäten, die ein hoher Dichtergeist zu feineren Reizen entwickeln kann, deren Wirkung mit der Katharsis nichts mehr zu thun hat. Ohne Zweifel führt die übertreibende Betonung des Kathartischen zur Begünstigung der Rühr- und Schauertragödie.

In der Politik unterscheidet Aristoteles die kathartische Musik von der charakterbildenden und Erholung gewährenden. Er verlangt sogar, daß kathartische Musik auch für die entarteten Seelen des unfreien und ungebildeten Volkes gemacht werde. Ich neige zu der Meinung, daß Aristoteles der Tragödie, welche sich an Menschen wendet, die an den unvornehmen Affecten „Mitleid“ und „Furcht“ leiden, diesen niedrigen Rang, welcher dem der kathartischen Musik entspricht, anzuweisen gestimmt war. Die Stelle der Politik legt ja die Annahme nahe, daß hauptsächlich der gemeine Teil des Publikums kathartischer Musik bedürftig sei.

Warum, so fragt man sich, unterschied nun Aristoteles neben dem kathartischen Drama, der Tragödie, nicht auch ein nicht kathartisches ethisches und praktisch anregendes Drama für gebildete Zuschauer? Wohl deshalb, weil der „tragische“, d. i. kathartische Charakter auf der attischen Bühne unerläßlich war und sich daher das Drama, in welchem die kathartischen Qualitäten neben den höheren, rein ästhetischen, verschwanden, nicht zur gesonderten dramatischen Gattung entwickeln, sondern nur im Rahmen des dem Dionysos geheiligten kathartischen Dramas solche Qualitäten desselben sich ausbilden konnten, die nicht mehr direct und brutal auf Mitleid- und Furchterweckung abzielen. Cap. 18 und 24 der Poetik beweisen, daß Aristoteles neben der pathetischen die „ethische“ Tragödie als Unterart anerkannte, ohne daß dies jedoch im Verlauf der Abhandlung jemals bedeutungsvoll würde.