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Auf Gottes Wegen

Chapter 11: 2
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About This Book

A young boy is confronted by a violent storm and a rising fear of apocalypse that catalyzes a lifetime of inward questioning. The narrative follows his development from schooldays through youth into manhood as public crises, religious sermons, and family pressures intersect with private anxieties and moral decisions. Vivid coastal landscapes and dramatic events alternate with intimate psychological observation, tracing how conviction, doubt, guilt, and social expectation shape character and choice. The work examines faith and conscience without prescribing answers, portraying a gradual, often conflicted search for spiritual and ethical direction.

2

Zweites Paar vor!

Im März des folgenden Jahres, just als Edvard Kallem vor seinem zweiten medizinischen Examen stand, kamen plötzlich Dinge, die ihn auf ganz andere Art in Anspruch nahmen.

Und das müssen wir jetzt berichten.

In der Zeit, als seine zusammenhangslosen naturgeschichtlichen Studien mehr und mehr sich um die Physiologie kristallisierten, war unter allen Physiologen der tüchtigste ein junger Student der exakten Wissenschaften, Tomas Rendalen. Er war etwas älter als Edvard Kallem, und weil es an und für sich merkwürdig war, daß ein Nicht-Mediziner in diesem Fach Hervorragendes leistete, fiel er allen auf, und somit auch Edvard Kallem, ohne daß dieser sich darum näher an ihn angeschlossen hätte. Rendalen gehörte auch keineswegs zu denen, die für den ersten besten zu haben sind.

Erst später, eigentlich erst jetzt, nach Neujahr, als sie mit demselben Dampfer aus den Weihnachtsferien nach Kristiania zurückfuhren, kam es zu einer Art Annäherung. Aber das erstemal, als Kallem Tomas Rendalen in seiner Wohnung aufsuchte, blieb er auch gleich die Nacht über. Und ein paar Abende darauf, als Rendalen ihn besuchte, wanderten sie zwischen ihren beiden Wohnungen, die übrigens ganz nah beieinanderlagen, auf und ab, bis morgens gegen drei oder vier. Ein so genialer Mensch war Edvard Kallem seiner Lebtag noch nicht unter die Finger gekommen; und Rendalen seinerseits kam eines Morgens, noch ehe Kallem nach der Klinik gegangen war, dahergestürzt, bloß um zu erklären, von all seinen Freunden und Bekannten sei Kallem ihm der liebste.

Rendalen war eine ursprünglichere, kraftvollere Natur als Kallem; er war eine Mischung von Zahm und Wild, von Leidenschaft, Schwermut, Musik, voll hoher Mitteilungsfähigkeit, aber mit verschlossenen Kammern, die sich selten oder nie öffneten. Eine grenzenlose Energie — und dabei manchmal so von aller Kraft verlassen, daß er überhaupt nicht mehr weiter konnte; die ganze Maschinerie in Unordnung, als wenn ein Rad gesprungen wäre. In der ganzen Charakterlandschaft nicht eine gerade Linie — lauter Unebenheiten, und doch über allem das Licht eines großen Geistes. So unberechenbar die Schwankungen waren, so unangenehm die Enttäuschungen — die ganze Persönlichkeit war in ihrer Unmittelbarkeit, ihrer Geradheit so gewinnend, daß man ihn lieben mußte.

Sein ganzes Denken ging auf Schulwesen und Erziehung, und darin wiederum auf den einen Kern: jedes Kind über das "gefährliche Alter" wegzubringen, das auf so ganz ungleiche Art sich äußere. Manche gingen daran zugrunde; manche trügen Wunden davon, die erst spät heilten; die mit gesundem Geblüt, unter besseren Verhältnissen Aufgewachsenen, könnten heil ausgehen; aber jedenfalls seien sie in der Minderzahl. Alle Erziehung, aller Unterricht müsse sich auf das eine Ziel konzentrieren: einen sittlichen Menschen zu schaffen. Das war sein A und O.

Unermüdlich war er im Vortrag seines Unterrichtplans, seiner Behandlungsweise; im Beschreiben der Schuleinrichtung und des Zusammenarbeitens mit der Familie. Seine Mutter war Vorsteherin einer weithin bekannten Mädchenschule an der Westküste, und die wollte er übernehmen, um seine Pläne ins Werk zu setzen. Sein großes Ziel war die Simultanschule — Knaben und Mädchen zusammen. Aber erst hieß es, den Unterricht in allen Hauptfächern reformieren, und zwar so, daß die Fächer leichter gemacht wurden, und nicht bloß zugänglich für die Begabtesten. Und das wollte er an der Mädchenschule ausprobieren.

Er besaß eine nicht unbedeutende Sammlung von Schulmaterial aus Amerika und vielen europäischen Ländern, einen Schatz, den er unablässig vermehrte. Auch eine ganze Bibliothek von Schulliteratur nannte er sein eigen. Er wohnte mit einem Kandidaten der Theologie, Vangen, zusammen, der zu Weihnachten fertig geworden war und sich jetzt auf das praktische Examen vorbereitete. Alle drei Zimmer, die sie gemeinsam bewohnten, waren angefüllt mit Rendalens Sammlungen und Bibliothek.

Sein Äußeres war auffallend. Rotes, ins Blonde hinüberspielendes Haar, das starr in die Höhe stand, Sommersprossen, blinzelnde graue Augen unter weißen, kurzhaarigen Brauen, die kaum zu sehen waren, die Nase breit und leise aufwärts strebend, der Mund zusammengekniffen; kurze, sommersprossige Hände, jeder Finger voll Energie; nicht groß, aber vorzüglich gebaut; sein Gang, auf auswärts gerichteten Füßen, war leicht, als gehe er auf Tasten. Er war der erste Turner, wohin er auch kam, und bei jeder Gelegenheit hing er an den Turnseilen. Auch Edvard, der immer gern geturnt hatte, wurde durch ihn zu dreifachem Eifer angespornt; denn Rendalen besaß, wie kein zweiter, die Fähigkeit, andere für das, was er selbst liebte, zu gewinnen. Seine Hauptleidenschaft in dieser Zeit war, auf den Händen zu gehen; und gerade das konnte Kallem zum Entzücken; dies setzte vielleicht der Achtung, die Rendalen vor ihm hatte, die Krone auf.

Sie hatten viele Berührungspunkte. Beide waren Spezialisten, beide bedeutend in dem, was sie sich als Ziel gesteckt hatten; modern in ihrem Denken, voll reformatorischen Mutes, beide zum äußersten auf ihre Person bedacht; beide kleideten sich mit Geschmack, — Rendalen legte sogar übertriebenen Wert darauf. Beide hatten jenes lebhaft-wechselnde Spiel der Gedanken, das schon errät, wenn erst die Hälfte gesagt ist. Beide ergänzten sich gegenseitig in ihrem Wissen. Rendalen war musikalisch, war ein Meister auf dem Klavier und sang recht gut. Kallem sang noch besser, und Rendalen feuerte ihn immer mehr an.

So herzlich sich auch Rendalen im einzelnen und dem einzelnen hingab — er hielt sich gleichzeitig immer in einer gewissen Distanz, über die niemand hinwegkam. Er liebte seinen Pflegebruder Vangen; aber gerade an Vangen sah man recht eigentlich, daß immer eine bestimmte Scheidewand da war. Auch darin begegnete Kallem Rendalens Bedürfnis; er hatte ebenfalls diese Unnahbarkeit, bei aller Hingabe.

Daneben gab es aber auch genug Ungleichheiten, die das Verhältnis einerseits frisch erhielten, andrerseits erschwerten. Die Schwierigkeiten kamen fast alle auf Rendalens Konto; Kallem war geschmeidiger und fügsamer. Wenn Rendalen gerade einmal Lust hatte, so spielte er stundenlang Klavier, spielte, als ob überhaupt niemand im Zimmer sei; man konnte ebensogut gleich gehen. Überhaupt war er es, der bei jedem Zusammensein den Ton angab. Er war launisch und hatte lange Schwermutsperioden, wo nur selten jemand ein Wort aus ihm herausbrachte. Eine ungeheure Arbeitskraft, wenn er mit etwas beschäftigt war, das seine Seele gefangen nahm, und dann gab er allen den Laufpaß. War er aber in der mitteilsamen Laune und so recht "in Stimmung", so war die ganze Luft um ihn herum mit Elektrizität geladen.

Das medizinische Studium war für Kallem jeden Tag eine neue Entdeckung, und bei ihren gemeinsamen physiologischen Studien trugen sie einander getreulich alles zu — jeder von seiner Seite. Im Januar und Februar waren sie fast jeden Abend zusammen, wenn nicht sonst, so doch sicher von sechs bis sieben in der Turnhalle. Meist aßen sie hinterher zusammen, am liebsten bei Rendalen, der ein Klavier hatte.

Anfang März kam Rendalens Mutter auf Besuch. Sie wohnte bei den Wirtsleuten des Sohnes, die vor kurzem erst nach der Stadt gezogen waren: ein blinder Mann aus Nordland, der noch dazu auf einer Seite gelähmt war, und eine außerordentlich musikalische Frau, ganz jung, fast noch ein Kind — die seltsamste Ehe, die man sich denken konnte. Rendalen sprach oft von ihnen. Solange die Mutter des Kameraden in der Stadt war, hielt Kallem sich fern. Jedesmal, wenn sie vom Turnen kamen, merkte er, daß Rendalen seine Begleitung nicht wünsche. Aber auch, als die Mutter nach acht Tagen abgereist war, blieb es dabei; entweder turnte Rendalen länger als Kallem, oder er ging nach den ersten paar Übungen gleich wieder weg; er wünschte offenbar nicht, daß Kallem ihn begleiten solle. Wahrscheinlich hat er wieder seinen Schwermutsrappel! dachte Edvard.

Aber eines Vormittags, als Kallem etwas früher als gewöhnlich nach Hause gekommen war — in der Regel war er den ganzen Vormittag fort — hörte er draußen läuten. Das Mädchen öffnete, und Rendalens Schritt erklang im Vorzimmer. Er trat hastig ein, — finster, wortkarg. Er habe ein Anliegen: ob Kallem nicht die Wohnung mit ihm tauschen wolle.

Kallem kannte ihn zu genau und war zu gutmütig, um sich irgendwelche Verwunderung anmerken zu lassen; er fragte auch gar nicht nach dem Grund, sondern sagte bloß, seine beiden kleinen Zimmer würden wohl schwerlich für Rendalens Sammlungen und sein Klavier ausreichen. Und Vangen? Oder wolle er nicht länger mit Vangen zusammenwohnen? Doch, freilich! Aber neben Kallems zwei Stuben sei ein großer Saal, auf den er, Rendalen, es schon längst abgesehen habe; die Wirtin würde ihn gern vermieten. Und ihm passe er gerade. Allein schon Klavier zu spielen in diesem Saal! — "Hast Du bereits mit der Wirtin darüber gesprochen?" — "Nein; das will ich jetzt." Und damit war er hinaus. Dann kamen beide, er und die Wirtin, wieder herein. Und wenige Minuten später war alles abgemacht. Schon am Nachmittag wurde der Umzug bewerkstelligt. Als der wackere Vangen auf seinen langen Beinen vom Mittagessen nach Hause kam, saß Kallem im ersten Zimmer rechts neben der Korridortür in Schlafrock und Pantoffeln und erzählte ihm, Rendalen wohne jetzt in der Sehestedsstraße, in Kallems früherer Wohnung; sie hätten getauscht. Beide lachten.

"Und dabei gefiel es ihm hier so gut!" sagte Vangen. Das war aber auch das einzige, was er sagte.

Kallem dachte natürlich über die Ursache dieses hastigen Umzugs nach und hatte auch die Absicht, sich jedesmal einen ausführlichen Schwatz mit dem Mädchen zu leisten, wenn es kam, um nach dem Ofen zu sehen oder ihm Frühstück und Abendbrot zu bringen, das er im Hause einnahm. Sie sah aus, als wisse sie etwas. Marie hatte ein eigentümliches Lächeln, ungefähr als wenn sie sagen wollte: "O — ich durchschau' Euch alle miteinander — auch Dich, Du Schlauberger!" Gleich als sie ihm zum erstenmal die Tür aufmachte, hatte sie dieses Lächeln. Ihre Augen waren bis über die Hälfte verhüllt von den Lidern, die in einer hängenden Falte darüber lagen. Die Nase war platt und aufgestülpt und zog beim Lachen den Mund wie an zwei straffen Bändern in die Höhe, daß die Oberlippe vorstand und eine Reihe Zähne zeigte, die sich um den Platz zu streiten schienen; sie blitzten mit dem Lächeln um die Wette. Alles, was sie sagte, hatte einen Unterton von Schelmerei und Spottlust; unter den Lidern schoß es hervor, in den Mundwinkeln spielte es. Dabei eine weiche Stimme. Im übrigen ein kerniges Mädel, gut gebaut, klug wie der Teufel und trotz ihrer lachlustigen Kritik zurückhaltend und vorsichtig in Worten und Benehmen. Aber das Lachen lag immer auf der Lauer. Als er sagte: "Mein Name ist Edvard Kallem — ich werde in Herrn Rendalens Zimmern wohnen!" antwortete sie lächelnd: "Oh!" — als kenne sie alle seine Geheimnisse von Kindesbeinen an. Erwähnte er Rendalen irgendwie, so sah sie aus, als wisse sie einen ganzen Haufen lustiger Geschichten von ihm; aber trotzdem — zum besten gab sie nichts.

Das Haus, in dem er jetzt wohnte, war ein Eckgebäude, schräg gegenüber der Universität. Die Haustür ging auf die Straße, an der auch Kallems Zimmer gelegen waren. Sie lagen im zweiten Stock, auf demselben Korridor wie die Wohnung der Wirtsleute, d. h. das eine Zimmer — das andere, sein Schlafzimmer, lag außerhalb mit eigenem Eingang. Rendalen hatte noch ein drittes Zimmer gehabt, das Eckzimmer weiter drinnen. An der Korridortür befestigte Kallem seine Visitenkarte, unter einem großen Schild, auf dem "Sören Kule" stand; das war der Name des Wirts. Tags darauf, an einem Sonntag, machte er seinen Antrittsbesuch.

Der blinde, gelähmte Mann saß in einem großen Rollstuhl. Er war noch jung, der Unglückliche, kaum über dreißig, von übermäßig dicker Gestalt, mit schweren Gesichtszügen und schwerer Zunge. Schon sein: "Herein!" auf Kallems Klopfen klang schwerfällig. Kallem nannte seinen Namen. Der andere saß da, ohne sich zu rühren und antwortete langsam: "So, so! — Ich bin nämlich blind. — Und kann mich auch nur wenig bewegen." Er sagte es mit nordländischem Tonfall. Die einzelnen Silben kamen wie das plumpe Trotten von Londoner Bierbrauerpferden heraus. Die Gesichtszüge waren, trotz ihrer Fülle, scharf geschnitten und klar; es war augenscheinlich Rasse in dem Mann. Kallem war Mediziner genug, um auf der Stelle zu erkennen, was die Ursache seiner Blindheit und Gelähmtheit war. Verschiedene Stahlstiche, Holzschnitte und Photographien von Spanien an den Wänden brachten ihn auf den Gedanken, daß er vielleicht von dort das Geschenk mitgebracht hatte, mit dem das galante Völkchen da unten so freigebig ist.

"Bitte, nehmen Sie Platz!" ertönte es endlich wieder. In die bewegliche Seite des Körpers schien eine Art Leben zu kommen, während er den Kopf nach einer Tür links wandte. "Ragni!" Niemand antwortete; niemand kam. Die Stille färbte sich grau vor seiner Stimme, seinem gleichgültigen Wesen, seiner schwerfälligen Ruhe. Kallem sah sich um. Wahrhaftig — da lagen Kinderspielsachen! War es ihm nicht, als habe er Kinderstimmen gehört? Hier waren Kinder? "Ragni!" dröhnte es noch einmal, langsam. Dann — leiser: "Sie wird in der Küche sein und das Essen richten!" Wieder dieselbe graue Stille. Schellengeläut von der Straße her zerriß sie einen Augenblick; dann zog sie sich um so lastender wieder zusammen. Die Möbel waren — für eine kleine norwegische Stube im Winter — zu schwer und zu dunkel; auch waren sie zerschlissen und verblichen. Die Kupferstiche und Photographien hingen in großen Rahmen, die nicht dicht schlossen, so daß Staub und teilweise Feuchtigkeit das Papier verdorben hatten. Nur das Kinderspielzeug und der Flügel hoben sich von dem andern ab; der Flügel schien ganz neu zu sein und stammte von der besten Pariser Firma — augenscheinlich ein Konzertflügel. "Die gnädige Frau spielt so gut — habe ich gehört?" — "Ja." — Kallem wußte, daß sie sich von Kind auf für die Musik ausgebildet hatte, und — um etwas zu sagen — griff er dies Thema auf. "Sie hat auf dem Konservatorium in Berlin studiert, nicht wahr?" — "Ja!" — Im Zimmer rechts, das an das Eckzimmer stieß, wurden Stühle gerückt. Kallem griff dies Thema auf. — "Ich bekomme im Eckzimmer einen Nachbarn, wie ich höre?" — "Ja." — "Ein Verwandter von Ihnen?" — "Ja, eine Tante." — Wieder wandte Sören Kule den Kopf nach links und rief gleichgültig: "Ragni!" Niemand antwortete, niemand kam. "Mir war, als hörte ich draußen jemand gehen", sagte er, wie um sich zu entschuldigen, daß er gerufen hatte. Kallem stand auf und verabschiedete sich.

Einige Tage später gab er Rendalen eine humoristische Schilderung dieses Besuchs. Rendalen lachte. Er selber sei nur selten dort gewesen; aber er habe viel gehört von "Sören Kule". Er versicherte, seinetwegen möge den Kerl der Teufel holen — er habe nicht die geringste Lust, über ihn zu sprechen. Und er setzte sich ans Klavier und spielte.

Wieder einige Tage später — wem begegnete Kallem draußen im Korridor? Wem anders, als seinem zukünftigen Schwager, Herrn Ole Tuft — Kandidaten der Theologie und zurzeit in Kristiania, um sein Schlußexamen zu machen. Große Wiedersehensszene! Der eine hatte keine Ahnung von Kallems Umzug, der andere keine, daß Ole Tuft im Hause verkehre. Kallem lud ihn ein, mit ihm auf sein Zimmer zu kommen und erfuhr nun, daß Ole heute zum erstenmal hier war. Er verkehrte bei der Tante der Wirtsleute, die gestern hier eingezogen war. Edvard Kallem wußte jetzt gleich, zu welcher Art Menschen sie gehöre, und ließ das Thema augenblicklich fallen. Er fragte, ob Ole den Sören Kule kenne. Nein, nur durch die Tante. Die ganze Familie stamme aus Nordland. Wer eigentlich dieser Sören Kule sei? Ein wohlhabender Fischhändler, der blind und lahm geworden sei; er habe sein Geschäft verkaufen müssen und dies Haus in Kristiania erstanden; davon und von seinen Zinsen lebe er. Sie hätten Verwandte in der Stadt und seien erst im Oktober hergekommen. — Ob Ole Tuft wisse, was die Ursache seiner Blindheit und Gelähmtheit sei? — Nein. — Kallem erklärte, wie darüber eigentlich kein Zweifel sein könne. Ole Tuft war ganz entsetzt! "Wie darf er's dann wagen, zu heiraten! Und dazu zweimal!" — "Er ist zum zweitenmal verheiratet?" — "Ja! Seit etwa einem halben Jahr — oder auch vielleicht einem Jahr. — Mit der Schwester seiner verstorbenen Frau." — "So stammen die Kinder aus seiner ersten Ehe?" — "Ja. Sie selber ist ja noch ein Kind. Denk doch — achtzehn Jahre! Und bald ein Jahr verheiratet!" — "War er schon so, wie er sich zum zweitenmal verheiratete?" — "Nein, das glaub' ich doch nicht. Kränklich, ja — aber nicht so. Die wenigsten werden es ja begreifen können." — "Hast Du sie gesehen?" — "Nein. Aber sie soll ein 'feines' kleines Geschöpf sein, sagt die Tante, und musikalisch. Sie hat schon öffentlich gespielt." — "In Nordland wahrscheinlich?" — "Sie sollen ungeheuer kritisch sein da oben." — Er kam wieder auf die Ehe zurück. "Vielleicht haben die Eltern sie zustande gebracht — der Kinder wegen." — "Also Pfarrersleute?" — hätte Kallem fast gesagt; aber er besann sich beizeiten. "Wählerisch ist sie jedenfalls nicht — bei Gott!" — sagte er statt dessen. Sie sprachen dann noch ein bißchen über gleichgültige Dinge. Die Schwester wurde nicht erwähnt. Eine Weile später ging Ole zur Tante hinein, die er hatte besuchen wollen. Kallem war diesen Vormittag zufällig daheim und hörte die Frau des Hauses spielen. Erst Tonleitern, nichts als Tonleitern; dann aber ein Stück, so meisterhaft vorgetragen, daß er einen Spalt seiner Tür öffnete, um besser zu hören. Sie spielte vor allem so gesangvoll! Wie in aller Welt konnte ein Weib, so jung, von diesem Kunstverstand und dieser Lyrik, solch einen verfaulten Fleischklumpen heiraten? Es war ein Rätsel. Er ging damit zu Rendalen; aber Rendalen wußte gar nichts. Immerhin war er just bei guter Laune und äußerte sich voller Begeisterung über ihr Spiel; wenig Kühnheit war darin, aber ein Gesang, ein erotischer Farbenreiz, die ihresgleichen suchten. Er spielte ein russisches Stück — wie sie — oder doch — wie er hinzufügte — so ungefähr; er spielte es ausgezeichnet. Kallem wollte wissen, wie sie aussehe. "Dumm sieht sie aus!" schrie Rendalen. "Einfach dumm! Die Stirn könnte ihre Rettung sein; aber da zerrt sie die Haare darüber. Auch die Augen könnten sie retten. Aber mein Lebtag hab' ich noch kein Wesen gesehen, das so blödsinnig schüchtern gewesen wäre mit seinen Augen!" — "Hat sie denn Augen?" — "Herrgott! Und was für vieltönige! Die meisten singen glatt unisono — wenn's hoch kommt zweistimmig! Aber manche — ganz wenige — singen strahlende Akkorde! Wenn sie beim Spiel aufblickt, dann fühlst Du's. Aber für gewöhnlich kleben sie an den Tischbeinen oder bohren Löcher in die Ecken — oder zünden das Feuer im Ofen an. Manchmal fahren sie ein Stück an der Wand hinauf, wie eine Ratte, die keinen Ausweg findet." Er war ganz belustigt über seine eigenen Bilder und setzte sich an's Klavier, um einen raschen Tanz zu spielen. — "Ist das nun nicht des Teufels, daß solch ein musikalisches Geschöpf — ach was! Bloß nicht sentimental werden, Alter!" Er wollte in's Theater, und Kallem mußte mit.

Acht Tage waren vergangen, und noch hatte Kallem sie nicht gesehen, wie sehr er sich auch bemühte hatte. Dann machte er einen Familienball mit, — der Sohn des Hauses war sein Studienfreund — und bei einer Kotillontour kam der Freund mit zwei Damen und fragte, was er wählen wolle — "Nußkern" — oder "Heckenröschen"? Besonders geistvoll war es ja nicht; aber Edvard wählte die "Heckenrose". Die Heckenrose hatte eine Musikerstirn und reizende, gewölbte Augenbrauen; im übrigen war sie schweigsam und unbedeutend. Ziemlich groß, abfallende Schultern, schöne Arme, nicht voll, aber wohlgeformt; gerade eigentlich wie der ganze Mensch. Sie tanzte gut; aber es hatte den Anschein, als möchte sie so rasch wie möglich von ihm loskommen; und wie er sie an ihren Platz zurückführte, hatte sie ihn kaum angesehen. Er war höchst erstaunt, als sie ihn bei der nächsten Tour holte. Vielleicht kannte sie nicht viele Menschen, und ihre Bekannten waren gerade nicht frei. Sie sah sich scheu um, kam dann mit kleinen, zaghaften Schritten auf ihn zu und verbeugte sich, ohne jedoch aufzublicken. Es schien fast, als fürchte sie sich, und darum wollte er ganz besonders freundlich zu ihr sein und setzte sich neben sie. Aber als sie auf alles, was er auch sagen mochte, nur mit "Ja" oder "Nein" oder "Vielleicht" antwortete, wurde das einem so gefeierten Kavalier doch zu viel; er stand auf und verließ sie. Kurz darauf hatte er wieder die Wahl zwischen dem "Nußkern", den er vorhin verschmäht hatte, und einem "Bonbon", und jetzt nahm er den "Nußkern". Die gefiel ihm besser; ein rundliches, bewegliches Ding, das eine Mischung von nordländischem und Bergener Dialekt sprach. Sie erzählte ihm, ihr Vater stamme aus Bergen und sei jetzt Pastor in Nordland. Sie sei hier bei ihrer Schwester zu Besuch und mache viele Bälle mit; sie hätten so viele Verwandte in der Stadt. Alles das singend — echt nordländisch. Leider müsse sie bald wieder nach Hause; sie bangten sich so nach ihr daheim, und die alten Leute möchten nicht gern allein sein. Kallem war natürlich der galante Mann und tat, als interessiere ihn das alles sehr; sie waren bald dicke Freunde. Sie plapperte wie ein Mühlrad; sie sei hierhergekommen, um ihrer Schwester beim Umzug zu helfen. Die Schwester sei so unpraktisch — ganz im Gegensatz zu ihr; sie könne überhaupt nichts als Klavierspielen. Von kindauf habe sie gespielt, und sie sei zwei Jahre in Berlin gewesen. Jetzt begann Kallem die Ohren zu spitzen. Und wirklich — die Schwester war seine Tänzerin von vorhin, die er so langweilig gefunden hatte — seine Hauswirtin, Frau Ragni Kule. Der "Nußkern" war übrigens gar nicht ihre Schwester; sie waren Stiefschwestern. Und der "Nußkern" war auch nicht, wie er glaubte, die ältere; im Gegenteil — die Schwester war bald neunzehn und sie knapp siebzehn.

Sofort engagierte er Frau Kule und sagte ihr ganz erstaunt, sie sei ja seine Wirtin? Ob sie das wisse? Ob sie ihn darum vorhin geholt habe? Sie sah aus, als fühle sie sich auf einer Sünde ertappt und wußte nichts zu ihrer Entschuldigung vorzubringen. "Aber warum haben Sie mir denn das nicht gesagt?" fragte er eifrig und eindringlich. Über diese neue Sünde — daß sie es verschwiegen hatte — wurde sie noch viel zerknirschter; sie wußte keine Silbe zu erwidern. Da sagte er — übermütig und ungeduldig: "Das Sprechen fällt Ihnen wohl schwer, gnädige Frau?" Sie wurde sehr blaß. In ihr Gesicht trat zu dem Schrecken etwas herzzerreißend Unglückliches. Seine ganze Ungezogenheit kam natürlich daher, daß er von vornherein wegwerfend von einem Geschöpf dachte, das sich dazu hergegeben hatte, solch einen Klumpen verdorbenen Fleisches zu heiraten. Aber ihre blasse Hilflosigkeit erweckte so unmittelbar sein Mitgefühl, daß er rasch hinzufügte: "Ich weiß ja, Sie verfügen über eine Sprache, die Ihnen leichter fällt, als den meisten andern." Und nun ging er ganz natürlich auf ihre Musik über, führte sie zu einem Platz, erzählte, er habe sie spielen hören, und erwähnte Rendalens kompetentes Urteil. Dann lenkte er die Unterhaltung auf allerhand berühmte Virtuosen, die er selber gehört hatte und fesselte sie auf diese Art; denn auch sie hatte viele von ihnen gehört. Nach und nach faßte sie soviel Zutrauen, daß sie nach Rendalen zu fragen wagte; sie habe ihn nicht wiedergesehen, seitdem er ausgezogen sei. — Es gehe ihm recht gut. — Und nun schilderte er Rendalens Eigenheiten so, daß sie lachen mußte. Sie sah nicht dumm aus, wenn sie lachte; ganz und gar nicht. Einen Augenblick konnte dann auch das "Vielstrahlige" in ihre Augen kommen. "Weshalb ist Herr Rendalen ausgezogen?" fragte sie. Es klang ebenfalls ein bißchen singend nordländisch; aber weniger als bei der Schwester. Die Stimme war in all dem Lärm ziemlich schwach, aber sehr süß. Er antwortete mit einer Gegenfrage. Nein; sie wisse nichts; und dabei sah sie ihn an. Waren das Augen! "Ob es wegen des Zimmers war?" — "Des Zimmers?" fragte er zurück. — "Ja — daß er vielleicht gehört hat, die Tante möchte es gern — die Tante meines Mannes!" berichtigte sie und war schon wieder ganz verlegen. — Ob sie ihm denn gekündigt hätten? — Keineswegs! — "Na, dann konnte er sich doch auch nicht gekränkt fühlen!" — Nein, das meinte sie auch. Aber Rendalen sei nicht einmal gekommen, um sich zu verabschieden. Die Verlegenheit verließ sie nie ganz; sie stand ihr gut, wie ein Schleier bisweilen kleiden kann. "Waren Sie oft mit seiner Mutter zusammen?" — "Ja!" sagte sie und lächelte. — "Weshalb lächeln Sie?" — "Ach — es ist vielleicht nicht ganz recht — aber sie war wie ein Mann." — Kaum hatte sie das gesagt, so wurde sie verlegen und wollte es zurücknehmen; sie habe bloß gemeint, Frau Rendalen sei so tüchtig. Kallem hielt sie aber dabei fest und trieb Ulk damit; sie mußte wieder lachen, und wie gesagt, wenn sie lachte, war sie süß. "Aber Sie können ja sprechen?" Sie sah ihn verstohlen an; machte er sich lustig über sie? Dann erinnerte er sich, daß Rendalen ihr gesagt hatte, sie solle die Stirn frei tragen; und heute abend trug sie die Stirn frei. Schau', schau'!

Wie schön sie tatsächlich war! Daß er das nicht gleich gesehen hatte! Daß andere es nicht sahen und davon sprachen! Das Gesicht freilich kindlich, unentwickelt, und die schlanke Figur ein bißchen schmächtig. Ihre Stirn war entzückend; die Brauen waren fein gebogen, aber hell und nicht stark. Die Augen bekam man auch jetzt nur schwer zu sehen; aber er wußte nun, daß sie in ihrer graublauen Scheuheit treuherzig und daß sie reich waren. Weich und unbestimmt waren Wange, Kinn und Mund; — der Mund stand ein bißchen offen; er war klein, und wirkte dadurch ganz besonders "süß". Die Nase war unbedeutend, und auch etwas schief. Das Haar nicht stark, jedoch mit einem rötlichen Schimmer über dem Blond. Aber die Hautfarbe! Vom reinsten zartesten Weiß. — Man konnte den Blick nicht mehr davon wenden, wenn man es einmal entdeckt hatte! Man sah es freilich nicht gleich, wenn die Farbe des Kleides sie nicht hob und die Beleuchtung schlecht war. Sie trug keinen Schmuck, nicht einmal ein Armband. Die Handgelenke ließen eine lange, schmale Hand ahnen, die er gern gesehen hätte. "Sie lieben also die Musik über alles?" — "Ja," erwiderte sie; "es ist ja das einzige, was ich kann!" Sie blickte vor sich nieder. Er überlegte, ob er eigentlich nichts fragen könne, was sie nicht als Schande empfinden konnte. Aber vor allem mußte er sich selber in acht nehmen; war er nicht auf dem besten Weg, sich zu verlieben? Leider müsse er jetzt weiter, um mit andern zu tanzen und sich zu unterhalten. Sobald er sie verlassen hatte, war ihm, als finde er sie nicht wieder; aus der Entfernung wurde sie gewissermaßen unsichtbar. Sobald es der Anstand erlaubte, war er wieder bei ihr. Sie hatte augenscheinlich nichts dagegen. Diesmal war sie ein bißchen zutraulicher, ja, sie sah ihn sogar ein paarmal an und lächelte ihm gerade in die Augen. Ei, ei! Das war mehr, als Rendalen erreicht hatte! Seine Verliebtheit hatte begonnen durch ihre Verlegenheit und wuchs durch ihre Zutraulichkeit. Er fragte, ob er die Damen nach Hause begleiten dürfe. Er habe doch ein größeres Anrecht darauf als andere, weil sie seine Wirtin sei. Das wurde sofort angenommen; sie überlegte gar nicht. Allerdings, sagte sie, ihr Neffe, der vorhin Kallem zwischen "Nußkern" und "Heckenrose" hatte wählen lassen, würde sie begleiten; aber sie könnten ja beide mitkommen. — "Natürlich!" sagte er munter; heimlich dachte er: "der Neffe" kann dann den "Nußkern" nehmen!

Eine feuchte Nacht mit leisem Schneefall. Die Schneesterne sanken vereinzelt und bedächtig, als wähle jeder sich seinen Platz und habe jeder sein Geschäft. Kein Windhauch mischte sich darein. Die beiden Damen erschienen, wohl eingemummt, mit Finnen-Schuhen[1] an den Füßen. Drinnen waren Musik und Tanz noch in vollem Gang; im Vorsaal und auf der Treppe klang helles, junges Lachen und von draußen das Schellengeläut der zum Abholen bestellten Schlitten. Der "Neffe" konnte so früh nicht fort, da er Wirt war; aber er schaffte einen Stellvertreter herbei, der auch sofort seine Dame unter den Arm nahm und in großen Sätzen mit ihr den Hügel hinabjagte. Als jedoch Kallem es mit der seinen ebenso machen wollte, wurde sie ängstlich, klammerte sich fest an ihn, während sie mitrennen mußte, rannte atemlos und bat, er möge das doch lassen. Sie benahm sich, als wenn sie nicht gut sähe. Er blieb stehen und fragte, ob das der Fall sei. Nein, aber sie habe eine Todesangst, sie könne fallen. "Sie sind wohl überhaupt sehr ängstlicher Natur, wie?" — "Ja, das bin ich", sagte sie treuherzig. Süß war sie ja; aber im Grunde doch eine rechte Zimperliese. Sie gingen nun ein Stück weit, ohne zu sprechen; die beiden andern waren nicht zu sehen. Bah, dachte er, es ist nicht der Mühe wert, sich darüber zu ärgern; sie wird eben nicht anders können. "Es ist noch nicht einmal ein Uhr", sagte er. — "Nein, aber das jüngere von den Kindern ist nicht wohl; das Mädchen wacht bei ihm, und die muß morgen wieder früh heraus." Der nordländische Singsang ihrer Stimme versetzte ihn ans Meer. "Ich vermisse jetzt im Winter das offene Meer so", sagte er. "Hier ist nichts als Eis. Es wird wohl allen Westländern so gehen!" Sie antwortete, in Berlin habe sie oft, besonders beim Spielen, das Meer geradezu gehört. "Aber ist es nicht wunderbar, daß das Meer einen immer frisch macht, wenn man in seiner Nähe ist, und schwermütig, wenn man daran denkt?" — — Ein paar Schlitten kamen rasch von oben herunter; die beiden mußten ausweichen, und sie zog ihn mit sich bis an den äußersten Rand des Wegs, während es vorübersauste, drei Schlitten hintereinander, in rasendem Tempo.

Sie gingen weiter und lauschten dem Schellengeläut, bis es sich verlor; wieder trat die Stille ein, deren die Schneeflocken bedurften, um sich bemerkbar zu machen.

"Man sollte eigentlich nicht reden, wenn Schnee fällt", sagte sie.

Jetzt warteten die beiden andern auf sie, und das Gespräch ging eine Zeitlang zwischen dem "Nußkern" und den Herren hin und her, bis wieder ein Hügel kam, den das erste Paar im Sturm nahm. Die andern sahen sie nur noch durch den Schneeschleier, ohne sie zu hören. Aber sobald die Straße dichter bebaut war und der Verkehr lebhafter wurde, schlossen sich die Paare wieder zusammen, und damit war auch der angenehmere Teil der Wanderung zu Ende.

Hinterher verwuchsen die Eindrücke mit dem Naturbild: sie — mitten unter den Schneesternen — das Weißeste, Feinste, was er je gesehen hatte. Was sie vom Meer und vom Schneefall gesagt hatte, war voll musikalischer Phantasie; zuletzt schwebte die ganze Gestalt in weicher Unbestimmtheit. Allmählich, während alle diese Eindrucksperlen vom Grunde seiner Seele aufstiegen, gerieten seine Sinne in wirren Liebestaumel. Sie war in diesen Zimmern; so oft eine Tür zum Vorsaal sich öffnete, gab es einen Widerhall in ihm; ging ein leichter Schritt über den Gang, so war sie es; er hatte fast ein Gefühl, als ginge es über ihn selber hinweg. Im Grunde fürchtete er sich davor, ihr wieder zu begegnen; da schwand wohl alles wieder in nichts zusammen. Jetzt war das Bild so schön. Und wirklich, so geschah es auch ... Als er fünf oder sechs Tage später von der Universität kam, begegnete er ihr und ihrer Schwester mit zwei kleinen Kindern. Es gingen viele Menschen auf dem Fußsteig zwischen ihnen, so daß er sie erst erkannte, als sie einander gegenüberstanden. Er grüßte; der "Nußkern" lächelte und grüßte auch; aber die andere wurde rot und vergaß zu grüßen, und jetzt sah sie nichts weniger als talentvoll aus. Er hielt sie an, erkundigte sich, wie ihnen der Abend bekommen sei, und begann ein Gespräch mit der Schwester. Die andere beugte sich über die Kinder, — zwei reizende kleine Mädchen, angezogen wie Puppen, das eine drei, das andere etwa vier Jahre alt. Er lud die Gesellschaft in die Konditorei ein, was nach einigem Schwanken angenommen wurde. Aber die junge Frau blickte nicht mehr auf, und im Lokal konnte er sie kaum dazu bewegen, sich zu setzen. In ihrer Verlegenheit und vor lauter Unruhe begann sie an den Kindern herumzubasteln, bis die Kleinen ungeduldig wurden. Er bot ihnen Wein und Kuchen an, aber sie wußte nicht, was sie nehmen sollte; zuletzt überließ sie die Wahl der Schwester. Ihr Gesicht war heute von einer Mütze mit Ohrenklappen eingerahmt, unter der die Stirn völlig verschwand, wodurch das Gesicht rund und nichtssagend wurde. Ihre Figur steckte in Kleidern, die ihr alle zu weit waren — später hörte er, daß sie von ihrer verstorbenen Schwester sie geerbt habe. Erst als er selber sich mit den Kindern beschäftigte, wozu er — als großer Kinderfreund — ein auffallendes Geschick hatte, kamen sie sich wieder näher; noch dazu unten auf dem Fußboden. Das Kleinste hatte sich mit dem Schlagsahnekuchen beschmiert, den die Frau in ihrer Ungeschicklichkeit für das Kind gewählt hatte, und als sie es, jedes mit seinem Taschentuch, abwischten, zerfloß sie im demütigen Gefühl ihres Vergehens und konnte nicht aufhören zu danken. Nun wollte die Kleine, die sich so wundervoll beschweint hatte, noch einen Kuchen von derselben Sorte, beileibe keinen andern, und Kallem war — obgleich er wußte, daß allzuviel nicht gut war für das Kind — natürlich völlig damit einverstanden. Aber er nahm es auf den Schoß, ließ sich eine Serviette geben und paßte auf, bis der letzte Bissen verspeist war. Die junge Frau stand daneben und ließ sich voll Demut belehren. Jetzt wollte die Kleine noch einen dritten Kuchen, und auch damit war Kallem einverstanden. Die Ältere, die bis dahin geduldig zugesehen hatte, wie ihre Schwester aß, wagte nun auch zu bitten; da nahm er sie auf sein zweites Knie und fütterte alle beide. Alle Teile amüsierten sich während dieser wichtigen Handlung, sogar Frau Ragni fand den Mut, zu lachen. Und wie gesagt, wenn sie lachte, war sie "süß". Die Erwachsenen tranken noch ein Glas Wein. Auf dem Heimweg trug Kallem das kleinste Mädelchen auf dem Arm. Sie waren bald dicke Freunde, er und die Kleine; ihre Stiefmutter war auf den Wein hin mutiger geworden und sagte: "Ist sie nicht süß, die kleine Juanita?" Sie reichte ihre Hand hinauf, und die Kleine patschte mit ihrem Fausthandschuh hinein; die junge Frau hielt ihn im Gehen eine Weile fest.

Kallem trug das Kind die Treppe hinauf und versäumte nicht, ihm sein Zimmer zu zeigen und beide einzuladen, ihn am nächsten Vormittag zu besuchen. Es war ein Sonntag. Gleich nach Tisch kaufte er Apfelsinen, Äpfel, Feigen und kandierte Früchte, um etwas zu haben, wenn sie kämen.

"Ist sie nicht süß, die kleine Juanita?" — mit ihrem leisen nordländischen Tonfall! Er setzte es in Musik und summte es vor sich hin, so oft er an sie dachte. Dann hörte er die Stimme, sah die Augen, wie sie zu dem Kind aufblickte, die ausgestreckte Hand. "Ist sie nicht süß, die kleine Juanita?" wurde eine Lieblingsstrophe, die er auch Rendalen lehrte; sie begrüßten sich damit abends beim Turnen. Aber daß sie verlegen geworden war, als sie ihn wiedersah — vielleicht, weil es heller Tag war —, das behielt Kallem für sich. Er erzählte, wie putzig sie gewesen war in ihren zu großen Kleidern, die aussahen, als seien sie für einen Backfisch gemacht, der noch wächst. Aber daß sie in der Konditorei unruhig geworden war, als er sie ansah, davon sagte er keinen Ton.

Die Kinder waren oft bei ihm. Er schenkte ihnen Apfelsinen und süße Früchte, lief vor ihnen auf den Händen und sprang über die Stühle, und sie waren unbändig vergnügt! Bloß das Mädchen verdarb ihm allen Spaß; er las in ihrem Lächeln nur zu deutlich: "Du bist ein Schelm! Du tust ja doch alles nur der Mutter wegen!"

Er war feig genug, ihr zu sagen, die Kinder dürften jetzt eine Zeitlang nicht mehr kommen. Es schnitt ihm ins Herz, als er am nächsten Abend hörte, wie die Ältere die Tür aufmachte und schon auf dem Korridor war, um zu ihm herüberzulaufen, und dann zu weinen anfing, als man sie zurückholte. Er klingelte nach dem Mädchen und befahl ihr, den Kindern den Rest von dem, was er für sie gekauft hatte, zu bringen. Sie nahm es. "Das ist aber zu viel!" sagte sie und sah ihn verschmitzt lächelnd an; prügeln hätte er sie können. Aber dann dachte er: "Zum Kuckuck auch, wenn sie doch Verdacht hat bei allem, was ich tue, dann können auch die Kinder wiederkommen!" Und am nächsten Abend holte er sie selber aus der Küche zu sich herein.

Eines Tags begegnete er der Schwester, die eben ausgehen wollte. Sie grüßte fröhlich und sagte: "Gut bekommen neulich?" "Denken Sie nur," fügte sie hinzu, "in ein paar Tagen reise ich nach Hause." Er meinte, da gehöre es sich doch, daß sie Abschied feierten, etwa in der Konditorei. Das fand sie auch, und sie verabredeten, sie wollten sich am nächsten Tag treffen, ganz wie neulich, auch die Kinder mit dabei, und alles sollte wiederholt werden. So geschah es auch. Frau Ragni war nicht ganz so verlegen wie das letzte Mal, er noch munterer, die Kinder ausgelassen. Die ganze Tollheit des Verliebten war über ihm, als sie voll Fröhlichkeit nach Hause zurückkehrten. Er tanzte, Juanita auf dem Kopf, voraus und lehrte die Schwestern singen: "Ist sie nicht süß, die kleine Juanita?"

Als die Schwester abreiste, kam er auf den Bahnhof. Eine Menge Verwandte und andere Menschen waren da, um Abschied zu nehmen. Beide Schwestern waren tief unglücklich, am unglücklichsten wohl die zurückbleibende. Sie weinte unaufhörlich, auch nachdem der Zug schon fort war. Einen Augenblick dachte er daran, sich zurückzuziehen und sie mit den Verwandten allein zu lassen; aber sie sagte: "Ach bitte, gehen Sie nicht!" Dabei wollte sie eigentlich gar nichts von ihm; sie ging neben ihm her wie neben den andern und weinte den ganzen Weg über; auch als die andern gegangen waren, und er und sie vor der Haustür standen, wußte sie nichts zu sagen, sondern ging ohne weiteres hinauf. Auf der Treppe fragte er, ob sie und die Kinder nicht ein bißchen mit ihm spazieren fahren wollten; das würde sie zerstreuen. Sie schüttelte nur den Kopf. "Aber morgen vielleicht?" fragte er ehrerbietig, während er ihr die Tür öffnete. Sie ging hinein, kam jedoch wieder zurück. "Danke, morgen vielleicht!" sagte sie, gab ihm die Hand und sah ihn mit ihren guten, tränenvollen Augen an.

Aus diesem tiefen Schmerz glaubte er schließen zu können, daß sie sich verlassen fühlte. Im Alltagsleben vielleicht nicht; denn da füllte sie die Zeit mit ihrer Phantasie aus; wenn aber etwas geschah, das sie aus dem Traum herausriß, so wachte sie auf, blickte um sich und fand sich einsam.

Am nächsten Tag saß sie mit den Kindern in einem Schlitten, den er selber fuhr. Nach der Fahrt ging er mit hinein zu Kule, der sich auf seine schwerfällige Art dafür bedankte, daß er so freundlich gegen die Kinder sei. Kallem ließ sich alle ihre Spielsachen zeigen, und Kule bat seine Frau, etwas Musik zu machen. Die Kinder wurden hinausgeschickt; er selber saß dabei und paffte aus einer langen Pfeife, die ihm seine Frau hatte stopfen sollen, was Kallem ihr jedoch abgenommen hatte. Heute sah Kallem auch zum erstenmal die Köchin, ein derbes, ältliches Mannsweib, deren nordländischer Singsang wie Vogelgeschrei über der Meeresbrandung klang. Sie war in der Küche und hatte zugleich Kule zu bedienen. Die Frau des Hauses widmete sich augenscheinlich nur ihren eigenen Angelegenheiten, d. h. den Kindern und ihrer Musik. Sie spielte in diesem Augenblick dasselbe russische Stück, das Kallem von seinem Zimmer aus gehört hatte; vielleicht noch besser. Nicht, daß er besonders aufmerksam zugehört hätte; er sah nur sie selbst an. Die obere Partie des Gesichts, das jetzt über Notenblatt und Tasten leuchtete, war eine ganz andere, als die, die er kannte. Das war wohl, was Rendalen gesehen hatte. Welche Entwicklung müßte sie erst durchmachen, damit auch die untere Hälfte dazu stimmte! Vor einigen Tagen hatte er einen Brief von einem Vetter aus Madison in Wiskonsin erhalten, der zum Professor an der dortigen Universität ernannt worden war; seine Frau, eine Norwegerin, studierte bei ihm. So etwas war nötig, um diese matte Wange und dieses schlaffe Kinn, den willenlosen Mund mit der spröden Haut auf den Lippen zu wecken und zu formen. Aber wie rührend war dabei diese ganze kindliche Unmündigkeit! Dicht daneben sah er die ungeheure Faust des Mannes auf der Stuhllehne — der ganze Kerl lag im Stuhl wie ein toter Flußgott in Hosen! Während des Spiels öffnete sich die Tür rechts, und herein trat ein drittes überlebensgroßes Nordlandwesen, eine alte Dame mit weißen Haaren, einem großen vollen Gesicht und einer Hornbrille. Das war die Tante. Sie war größer als Kallem und entsprechend stark. Die junge Frau kreuzte zwischen ihnen wie eine Lustjacht zwischen schwerbefrachteten Ozeandampfern. Eben blickte sie zu Kallem hin wie zu einem Vertrauten. Sie hatte ihm freilich nichts anvertraut; aber ihre gemeinsame Jugend fand sich zusammen gegen all das, was so unbegreiflich schwerfällig und hinderlich war. Seine Liebe verlangte ungeduldig, sie frei zu machen; daß er es nicht konnte, lastete wie eine Schwüle in der ganzen Stube. Es quälte ihn, dieses unfaßbare Verhältnis.

Der Eindruck, den er von dem Besuch mitnahm, störte ihn bei den Vorarbeiten zum Examen, die er bis zu diesem Tag regelmäßig betrieben hatte. Er entwarf die wildesten Pläne, ja, er schrieb sogar an seinen Vetter in Amerika und fragte an, ob sie geneigt seien, eine junge Dame bei sich aufzunehmen. Er vertraute sich Rendalen an, der anfänglich voll Ingrimm dagegen protestierte, sich aber später doch gewinnen ließ. Das Gefühl ihrer Verantwortung sich selbst gegenüber mußte geweckt werden; sie mußte die Gefahren eines fortgesetzten Zusammenlebens kennen lernen; vor allem mußte sie fort, weit fort, damit sie geistige Freiheit zu ihrer Entwicklung habe. Kallem wurde kraft dieser selbst übernommenen Fürsorge immer sicherer und seine Liebe immer mächtiger. Jede Begegnung mit ihr, wie kurz sie auch war, ja, nur ein Gruß auf der Straße oder im Korridor bestärkte ihn in dem Gefühl, daß sie ihm und keinem andern gehöre, und daß sie befreit werden müsse!

Und das alles, eh' er ein einziges Wort zu ihr selbst gesagt hatte.

Er war schon oft verliebt gewesen, hatte sich schon oft hingegeben, auch ohne es zu sein. Aber dieses zarte und unvollkommene, dieses begabte und verlassene Wesen begehrte er zu retten und zu formen; das lag in seiner Natur, und darum gab er sich mit ganzer Seele hin. Sie ihrerseits verlor mit jeder Begegnung ein bißchen von ihrer Scheu; es war, als vermöge er sie zu trösten über die Abreise der Schwester, ja, wenn er sich nicht täuschte, so war er ihr mehr als ein Ersatz. Ein untrügliches Zeichen hatte er jedenfalls. Er hatte ihr gesagt, daß er abends zu Hause bleibe, hauptsächlich, um sie spielen zu hören, und daß er immer einen Spalt seiner Tür öffne; und seitdem spielte sie jeden Abend, oft lange.

Wenn er ihr mit den Kindern begegnete und sie mit in die Konditorei nahm, hatte er die größte Lust, sich auszusprechen; aber ihr Wesen war nicht darnach. Besonders ihre Treuherzigkeit war im Wege; er durfte sie nicht erschrecken. Seine eigene Energie drängte zu einer Lösung; aber seine Liebe beugte sich vor ihrem Bedürfnis nach poetischem Spiel, bei dem die Liebe nicht bei Namen genannt wurde, und doch alles zu ihrer Bilderschrift wurde. Das gab dem Verhältnis eine Süßigkeit, der nichts, was er bisher kennen gelernt hatte, gleich kam.

Einen Abend in der Woche nahm sie teil an einer Art Privatkonzert, oder wie man es nennen wollte, das bei Verwandten ihres Mannes stattfand, denselben Leuten, wo sie damals getanzt hatte. Dazu verschaffte sich Kallem durch seinen Studiengenossen, ihren Neffen, Zutritt. Natürlich bloß, um sie nach Hause begleiten zu können. Es war um die Zeit der Schneeschmelze, und die Straßen waren voll Eis. Als er ihr sagte, daß er auch hinkäme, und bat, sie nach Hause bringen zu dürfen, — worüber sie sehr erfreut war — nahm sie als selbstverständlich an, daß er im Schlitten oder Wagen kommen werde.

Nach einem langen Abend mit zuviel Musik in zu engen Räumen brachen sie endlich auf. Sie zog rasch ihren Mantel an und eilte mit ihm hinaus. Draußen nahm er ihren Arm. "Das trifft sich gut," sagte er — "eben geht der Mond auf." Sie dachte, sie würden einen von den Schlitten nehmen, die da standen, oder den Wagen, der eben kam. Es war Glatteis gleich vor der Haustür, und sie stieß einen kleinen Schrei aus, schritt aber tapfer aus. Inzwischen fuhr ein Schlitten nach dem andern davon und zuletzt auch der Wagen. "Fahren wir nicht?" fragte sie. Der Schelm lachte; er habe es sich gerade so hübsch gedacht, zu gehen. Sie versuchte ihre Enttäuschung zu verbergen; aber nach einigen verzweifelten Versuchen bat sie ganz rührend, sie wollten doch fahren. Ihm fiel ein, wie ängstlich sie das erste Mal gewesen war, und unter Gewissensbissen versicherte er, sie würden nur bis zum nächsten Halteplatz gehen, der nicht weit entfernt war. Der Weg war nicht so besonders glatt, aber abschüssig; sie klammerte sich an seinen Arm, starrte geradeaus und stieß leise Schreie aus; etwas weiter wurde es schlimmer; die ganze Breite des Wegs war manchmal von Eis bedeckt, trotzdem auch hier einzelne sichere Stellen waren. Jetzt verlor er ein bißchen den Mut, besonders, da er sie nicht dazu bewegen konnte, zu schlittern. Etwas so Furchtsames war ihm doch noch nie vorgekommen. Natürlich ging es nur Schritt für Schritt vorwärts, mit vielen langen Pausen.

Die umliegenden Gärten und Felder waren teils nackt, teils mit Schnee oder Eis bedeckt; dorthinaus wollte sie. Aber er zeigte ihr, daß bald ein Haus, bald ein geschlossener Garten den Weg versperrte; es war nicht wie auf dem Lande. Die Felder sahen zerrissen aus, ebenso der Himmel. Lange Wolkenherden zogen durch das schwarze Blau dort oben, genau wie das Eis zwischen den kahlen Stellen hier unten lag. Der Mond schien in rasender Hast hinter den Wolken herzujagen, sie einzuholen, durch sie hindurch und weiter zu fahren. Da droben mußte ein Orkan toben; hier unten war es still. Kallem fühlte sich unglücklich und unsicher seines Fehlgriffs wegen. Das unstäte Licht über der Landschaft mit ihren zerrissenen Farben erhöhte diese Stimmung noch; ganz gewiß würde etwas Schlimmes geschehen. Und wie immer, wenn dieses Gefühl über ihn kam, zog jene Schreckensnacht aus seiner Kindheit mit allen Konsequenzen an seiner Seele vorüber. Sollte denn dies angstvolle Vorgefühl eigener Fehlgriffe sein ganzes Leben verfolgen? Er spannte alle seine Sinne an: sie durfte nicht hinfallen. Ohne ihre Hasenherzigkeit wären die Hügel eine einzige lustige Schlitterbahn gewesen; nun machte sie auch ihn ängstlich. Jede glatte Stelle wurde zu einer wirklichen Gefahr, und die Errettung aus der einen brachte nur eine neue Gefahr, in die sie gerieten. Sie sprachen nicht, sahen sich nicht an, beide ängstlich und ungeduldig. Minuten brauchten sie, wo Sekunden genügt hätten; der eine schob im Stillen die Schuld auf den andern, während sie kämpften, als gelte es das Leben. Nur ein atemloses: "O Gott!" oder "Nehmen Sie sich ja in acht hier!" oder ein hoffnungsloses: "Nein, es geht ja nicht!" und ein "Versuchen Sie's noch einmal! Kommen Sie!" Zuletzt nicht einmal mehr das. Sie mochte jammern, verzweifeln, beinahe weinen — er antwortete nicht mehr. Und so sehr war sie von ihrer Angst erfüllt, daß sie den Übergang nicht einmal merkte.

Da sahen sie in der Ferne die Rettung, nämlich zu beiden Seiten hohe Häuser, die Schutz boten gegen die Sonne, so daß der Schnee nicht geschmolzen war. Dorthin galt es zu kommen, dort war auch ganz in der Nähe ein Schlittenhalteplatz. Endlich war es geglückt. Sie blieb stehen, holte tief Atem und versuchte zu lachen; aber es ging nicht. "Wir wollen einen Augenblick stehen bleiben!" bat sie aufs neue tief aufatmend. Sie ließen einander los; weiter unten hörte man Schellengeklingel; beide lauschten. "Wenn nur nicht der letzte. Schlitten gerade wegfährt!" sagte sie. "Es ist spät." Sie nahm seinen Arm und sie gingen weiter. Ganz leicht war es auch hier nicht, der Schnee war festgetreten, aber auf dem Fußweg war gestreut. Sie gingen jetzt schneller und allmählich sicherer. "Gott sei Dank!" sagte sie erleichtert, als komme sie vom Eismeer zurück. Aber kaum hatte sie es gesagt, so lag sie auch schon am Boden. Sie waren an eine tückische Stelle geraten, wo ausgegossenes Wasser gefroren war und sich später mit einer Reifschicht überzogen hatte. Sie glitt aus und zwar gerade über einen seiner Füße, so daß auch er ausglitt und fiel — der eine über den andern. Er machte seinem übervollen Herzen in einem Fluch Luft und war sofort wieder auf den Beinen, um ihr zu helfen. Aber sie lag regungslos, mit geschlossenen Augen da.

Es überlief ihn eisig. Eine Gehirnerschütterung? Er hob sie auf und legte sie über sein Knie, zog mit den Zähnen seinen rechten Handschuh aus und machte ihr den Kragen auf. Ihr Arm hing herunter, ihr Gesicht war totenblaß. Er öffnete ihren Mantel, um ihr Luft zu schaffen. Jetzt rührte sie sich. "Ragni!" flüsterte er. "Ragni!" und beugte sich tiefer auf sie herab, "süße, süße Ragni! Verzeih mir!" Sie schlug die Augen auf. "Verzeih mir, hörst Du!" In ihren Wangen stieg die Röte auf, ihre Hand griff nach dem Mantel, der offen war; sie hatte es also gefühlt, nur in der Betäubung des Schreckens gelegen. Er konnte seine Freude nicht mehr zügeln, — er zog ihren Kopf zu sich empor und küßte sie ein-, zwei-, dreimal. "O Du — wie ich Dich liebe!" flüsterte er und küßte sie wieder. Sie wollte sich aufrichten; er merkte es, stand sofort auf und zog sie mit empor. Aber sie konnte nicht allein stehen, sondern taumelte, so daß er sie an den Gartenzaun gerade vor dem Hause lehnen mußte. Daran hielt sie sich und neigte sich darüber, als könne sie allein sich nicht tragen. Er ließ sie los, um zu sehen, ob sie sich aufrecht halten konnte; ja, es ging. "Ich laufe nach einem Wagen!" sagte er, und fort war er. Im Laufen fiel ihm ein, daß er das von Anfang an hätte tun können, dann hätte sich alles das vermeiden lassen. Ob noch ein Wagen zu haben war? Wenn nicht, so rannte er eben weiter. Wenn sie nur stehen konnte! Wenn nur niemand kam ... Er sprang, er glitschte, und als er einen Schlitten stehen sah, sprang er hinein und befahl dem Kutscher, draufloszufahren, was das Pferd nur laufen könne, ohne ihm zu sagen, wohin. Erst als dies erledigt war und der Schlitten davonsauste, kam ihm zum Bewußtsein, was er gesagt und getan hatte, während er sie in seinen Armen hielt. Es hatte wohl in ihm fortgetönt, aber jetzt erst brach es in voller Melodie hervor.

"Fahren Sie zu! Dort steht sie, dort rechts! Wir sind gefallen, und sie hat sich wehgetan. Ja, dort!" Er sprang heraus und eilte zu ihr hin, während der Kutscher umwendete und dicht heranfuhr. Sie lehnte noch immer am Zaun, aber jetzt halb mit dem Rücken und halb von der Seite. Den Mantel hatte sie wieder zugeknöpft und den Schleier herabgezogen. Als er kam, streckte sie die Hand aus, um sich zu stützen; er nahm sie, legte aber seinen andern Arm um ihren Leib, um sie vor sich herzuführen; er wollte nicht noch einmal riskieren, daß sie ihm ein Bein stelle. Es ging gut, er hob sie in den Schlitten, packte sie ein, bezahlte den Kutscher und nannte die Adresse. Sie bat ihn, nicht mitzufahren. Sie sagte nicht gute Nacht, sie blickte nicht auf. Und der Schlitten fuhr ab.

Er fühlte sofort — jetzt ging sie von ihm. — — —

Nichts macht einem wackern Burschen soviel zu schaffen wie seine eigene Dummheit und Ungebärdigkeit. Stundenlang strich er diese Nacht durch die Straßen und schlich dann nach Hause wie ein geprügelter Hund. Am nächsten Morgen wagte er nicht, das Mädchen zu fragen. Aber abends erzählte sie ungefragt, die gnädige Frau sei nicht wohl gewesen; sie habe Erbrechen gehabt und liege zu Bett; immerhin gehe es besser. Maries mitwissendes Lächeln versetzte ihn in ohnmächtige Wut. Sie hatte noch obendrein die Unverschämtheit, in seinem Gesicht zu forschen. Trotzdem mußte er sich den Tag darauf bequemen, zu fragen. Ja, die gnädige Frau sei auf, und es gehe ihr ganz gut. Aber weder diesen, noch den nächsten Tag bekam er einen Schimmer von ihr zu sehen; auch von den Kindern hörte er keinen Ton. Sie spielte auch nicht am Abend; er blieb eigens zu Hause, um zu horchen. Weder sie selbst, noch die Kinder kamen den gewohnten Weg an seiner Tür vorbei, wenn sie ausgingen; sie gingen die Hintertreppe hinunter. Nie traf er sie mehr. Sie wählte neue Wege.

Bisher war seine Liebe ein heimliches Glück voll von Plänen gewesen. Jetzt war er gewaltsam ins Heiligtum eingebrochen, und ein endloser Traum, ein fruchtloses Grübeln löste seine klaren Tage und seine gesunden Nächte ab. Er ging alles durch, was geschehen war, jedesmal mit brennender Selbstquälerei. Er verachtete sich selbst, ließ sich zu Kneipereien mitschleppen und verachtete sich noch mehr. Seitdem er ihre Lippen berührt, ihr Ohr beleidigt hatte, war ihr Bild wie mit einem Schleier überzogen; er sah nicht das reine Taubenweiße, das von Musik Getragene in all seiner Anmut und Hilflosigkeit; er sah ein Weib, das er begehrte. Aber er hatte Sinn für Humor und eine gesunde Natur; er wollte sich nicht in Selbstquälerei und törichter Begierde verzehren. Er wollte sogleich ausziehen, und zwar unter dem Vorwand einer Reise. Damit glaubte er über alle Schwierigkeiten hinwegzukommen wie über einen Zaun. Er hielt es nicht aus, daß ihm das Haus verschlossen war; er hielt nicht einmal das unverschämte Lächeln des Mädchens mehr aus.

Auf einmal frappierte ihn die Ähnlichkeit, die sein Umzug mit dem Aufbruch Rendalens hatte. Auch Rendalen hatte kurzen Prozeß gemacht. Es war doch nicht etwa aus demselben Grund gewesen — —? Er schlug eine Lache auf. Natürlich — genau dasselbe war auch dem widerfahren!

Rendalens Mutter war in der Stadt gewesen und hatte hier gewohnt; während der Zeit war Ragni viel mit den beiden zusammen gewesen; Rendalen und sie hatten vierhändig gespielt. Das hatten sie auch nach der Abreise der Mutter fortgesetzt — und immer auf seinem Flügel, das wußte er ... Er empfand dieses Zusammentreffen wie eine Demütigung.

Eine feinere, edlere Natur als Rendalen kannte Kallem überhaupt nicht; der hatte sich auch nicht das Geringste erlaubt. Aber daß sie auch ihn so unruhig machte, daß er auszog! Sie mußte also etwas derartiges an sich haben? Das redete er sich zu seiner Entschuldigung ein. Ja, noch mehr, er empfand es als eine gesteigerte Versuchung. Am selben Abend noch sagte er Marie, er müsse verreisen, entweder morgen oder den Tag darauf, das wisse er noch nicht; jedenfalls solle sie um die Rechnung bitten; selbstverständlich bezahle er das volle Quartal. Das Mädchen sah ihn an; sie erriet sofort den tieferen Zusammenhang. Weidete sie sich daran, — hatte sie etwas zu erzählen? Sie fragte in ihrer bescheidenen Art, ob er die Rechnung sogleich wünsche. Nein.

Am nächsten Tag kam es nicht zum Umzug; aber am folgenden sollte er vor sich gehen. Er wollte ein paar Tage verreisen, sich aber zuerst eine neue Wohnung suchen und seine Sachen hinbringen lassen. Nachmittags ging er aus und mietete — und zwar in einem ganz andern Teil der Stadt. Dann überlegte er eine Weile, was er als Grund angeben solle, namentlich Rendalen gegenüber. Er beschloß, ihm die volle Wahrheit zu sagen, den andern einfach, er sei in seiner jetzigen Wohnung mehrfach gestört worden; es war ja auch wahr. Gegen fünf Uhr kam er wieder nach Hause, ging ins Schlafzimmer, zog Schlafrock und Pantoffel an, ging dann wieder ins Nebenzimmer und legte sich aufs Sofa, wo er in einen tiefen Schlaf fiel; den hatte er auch nötig. Gegen sieben kam das Mädchen und heizte ein, ohne daß er es merkte. Etwas später erwachte er, hörte das Prasseln und sah die Helle und schloß daraus, daß es über sieben sein müsse. Seine Gedanken waren sofort drüben bei ihr. Er hoffte ganz heimlich, wenn sie erführe, daß er fortziehe, so würde er sie noch einmal spielen hören. Bisher hatte er sich hierin getäuscht; aber trotzdem konnte er den Glauben, daß seine Abreise ihr naheging, nicht aufgeben. Er lag auf dem Bett und lauschte. Sollte er ohne weiteres zu ihr hineingehen und Abschied nehmen? Sollte er Licht anzünden? Sollte er wieder ausgehen? Er stand auf und starrte ins Ofenfeuer. Da hörte er im Vorsaal eine Tür gehen und mehrere Stimmen — ein paar Damenstimmen mit stark nordländischem Tonfall. Er dachte, es seien wohl neu angekommene Verwandte, die zum Besuch dagewesen waren. Die Damen wurden bis zur Tür begleitet; er hörte die langsame Sprechweise der Tante, auch eine Männerstimme hörte er — war das Ole Tuft? Nur die, nach der er lauschte, hörte er nicht. Allgemeines Abschiednehmen, die Tür wurde zugemacht. Dann die Stimme der Tante und Ole Tufts — wirklich, es war seine Stimme. Er mußte also eben gekommen sein, als die andern gingen. Beide verschwanden im Zimmer der Tante, die Tür schloß sich hinter ihnen, gleichzeitig wurde weiter hinten eine Tür geschlossen. Wieder klingelt es, wieder geht eine Tür auf und herausstürmen jubelnd die zwei Kinder; sie wollen die Gelegenheit benützen und zu Kallem hinein; aber sie dürfen nicht. Unter Gelächter wird im Korridor Jagd auf sie gemacht; sie werden eingefangen, und eine Tür wird hinter ihnen zugeschlagen; gleichzeitig öffnet sich die Entreetür; eine der Damen hatte ihre Überschuhe vergessen. Und jetzt hörte er Ragnis Stimme: sie wolle Licht holen, es sei ja ganz dunkel hier. Im Singsang der nordländischen Schifferlieder wurde das abgelehnt. Hier waren die Gummischuhe, gleich an der Tür; sie seien nur nicht leicht anzuziehen — es seien ganz "neue"! So! Nun saßen sie. Wieder ein zärtliches "Adieu, adieu!" und als Antwort ein "Auf Wiedersehen am Freitag!" Das letzte sagte Ragni. Täuschte er sich — oder klang es wirklich wie die Stimme eines Menschen, der sich in der Nähe einer Gefahr glaubt? Nicht so recht ihre gewohnte Stimme? Sprach sie, ohne es zu wollen, von ihm? Er schnellte auf und war an der Tür, noch ehe sie draußen zugemacht hatte. Wenn er öffnete, standen sie sich Auge in Auge gegenüber. Sollte er —? Er lauschte wie auf ein Zeichen. Er hörte sie nicht gehen; vielleicht stand sie draußen? Sein Herz schlug Sturm, während die Hand leise, leise auf die Türklinke drückte und lautlos öffnete. Vor seinen Augen, die in das Ofenfeuer gestarrt hatten, lag der Gang draußen im Stockfinstern. Er tastete sich nach der Entreetür, fühlte das Schloß, tastete sich weiter vor; aber es war niemand da. Sollte sie mit hinausgegangen sein? Nein, sie hatte sich ja verabschiedet und von Wiederkommen am Freitag gesprochen. Weshalb hatte er sie dann nicht gehen, keine Tür hinten öffnen hören? Sie mußte hier im Flur sein. — Er hörte sein eigenes Herz schlagen; aber vorwärts mußte er. Jetzt fühlte er Kleider zwischen den Fingern; eisig durchrieselte es ihn; aber gleich kam ihm die Besinnung wieder — die Kleider waren kalt und leer. Dann räusperte sich drinnen jemand — das war Kule. Von der Küche oder vom Eßzimmer her tönte Geplauder — das waren die Kinder. Bei diesen freundlichen Lauten aus einer Welt des Guten stand er still wie ein Verbrecher. Er hätte das nicht tun sollen. Nun hörte er die langgezogenen Fragen der Tante und Oles klare Antworten, d. h. die Töne, nicht die Worte. War Ragni im Korridor? Sie konnte ja etwas gesucht haben und, erschrocken über sein Auftauchen, stehen geblieben sein. Wenn er weiter ging, konnte er sie erschrecken, so daß sie geradenwegs auf eine Tür zustürzte und sie öffnete. Dann stand er im vollen Lichte da! — — —

Nein, dazu war sie zu furchtsam. Wieder ein paar Schritte vorwärts. Er hatte Pantoffel an; man hörte ihn kaum; aber er wünschte, sie möchte nicht da sein. Die Kinder plauderten gerade am andern Ende des Korridors; je näher er kam, desto deutlicher hörte er es; er sah sie im Geist auf ihren Stühlchen knien und Häuser auf dem Tisch bauen. Er schämte sich. Was wollte er eigentlich? Aber während er sich das fragte, ging er weiter; er tastete von einer Seite zur andern, von einem Mantel zu einem Schal, vom Rahmen einer Tür nach den Vorsaalfenstern, von denen er einen Schimmer sah. Ein Wagen rumpelte vorbei, gleich darauf erklang gedämpftes, ungleiches Schellengeläut; bei diesem Übergangswetter benützte man beides, Wagen und Schlitten. In der Küche fiel etwas zu Boden; Kule räusperte sich wieder; die Zeit mußte ihm lang werden; vielleicht brauchte er Licht? Zwischen dem Kinderzimmer und der Küche stand anscheinend die Tür offen, denn auf einmal waren die Kinder draußen und fragten, was hinuntergefallen sei. Das Nordlandmädchen antwortete schwerfällig, in langgezogener, süßlicher Freundlichkeit, eine Un-ter-tas-se wäre hinuntergefallen, sie sei vom Bo-rt heruntergerutscht. Weiter! War Ragni überhaupt hier, so stand sie in der hintersten Ecke. Wie sie sich ängstigen mußte! Was mochte sie von ihm denken! Und wenn er umkehrte, nahm er sich aus wie ein ertappter Dieb. Jetzt vermochte er am Fenster ein klein wenig zu sehen; aber weiter hinten wieder nichts, kein Lichtschimmer unten oder oben an den Türen, auch aus den Schlüssellöchern nicht; nicht einmal geradeaus vor dem Kinderzimmer. Ob sie vielleicht dort stand? Er bildete sich ein, daß er sie dann sehen müsse.

War sie vielleicht zur Tante hineingegangen — dicht neben seiner Tür? Oder hatte sie ganz einfach die Tür zur Stube der Kinder oder zum Zimmer Kules hinter sich offen stehen lassen, als sie herauskam, und sie im selben Moment geschlossen, als er seine öffnete? Und saß nun drinnen und träumte? Das nahm er jetzt als ganz sicher an; denn er wünschte, es möchte so sein. Dennoch ging er weiter. Endlich stand er ganz hinten an der Tür; er hörte die Kinder und links die Köchin, die in ihrer Küche rumorte und ab- und zuging. Jetzt kehrte er um und fühlte sich gleich freier. Mit ausgestreckten Händen ging er zurück, diesmal schneller. Da faßte er einen warmen, festen Arm. Er erbebte, erschauerte, Funken sprühten vor seinen Augen; er blieb stehen. Aber der Arm regte sich kaum, und er faßte wieder Mut. Langsam ließ er die Hand vom Arm um ihren Leib gleiten und umschlang sie behutsam. Warm und weich fühlte es sich an; sie stand ganz still, aber ein Zittern ging durch ihren Körper. Er zog sie leise an sich. Mit der andern Hand faßte er die ihre und drückte sie; auch diese zitterte. Er drückte sie wieder — und nun glitten sie langsam, Schritt für Schritt vorwärts — sie ohne Widerstreben, aber auch nicht freiwillig. Er hörte kaum seine eigenen Schritte, die ihrigen gar nicht. Die Kinder plauderten leise. Aus den Zimmern Kules und der Tante kam jetzt kein Laut; vor ihnen ein schwacher Schimmer aus seiner eigenen Tür. Jetzt waren sie dort; er stieß die Tür behutsam auf und wollte sie hineinführen. Aber nun blieb sie stehen und wollte ihm ihre Hand entziehen. Er hörte ihr Atmen, fühlte ihren Hauch, sah das blasse Gesicht, während er sie sachte bis zur Schwelle schob — dann hinüber — und die Tür hinter ihnen anlehnte. Drinnen ließ er sie los, um so leise wie möglich ganz zuzumachen. Sie blieb stehen, wie er sie verlassen hatte, mit dem Rücken gegen ihn, beide Hände vors Gesicht gepreßt. Als er kam, fing sie zu weinen an. Er umschlang sie, um sie an sich zu drücken, und jetzt ging ihr Weinen in Schluchzen über. Sie schluchzte so schmerzlich, so unglücklich, daß sein Blut nüchtern wurde, und er auf ganz andere Gedanken kam. Willenlos ließ sie sich nach dem Sofa führen; sie weinte so verzweifelt, daß ihn plötzlich nach Licht verlangte, wie wenn jemand krank wird. Darum machte er hastig die Lampe zurecht; dann fiel ihm ein, daß er erst die Gardinen zuziehen mußte; und nun erst zündete er an.

Nur ein Mensch, der sein Leid Tage und Nächte lang in seinem Innern verschlossen hat, kann so weinen. Der Tisch zitterte, an den sie sich lehnte.

Hundertmal hatte er über Liebhaber in Romanen und Theaterstücken gespottet, die auf die Knie sinken. Jetzt schob er das eine Tischende beiseite und ließ sich vor ihr aufs Knie gleiten wie der demütigste Sünder. Er suchte ihr Gesicht; aber sie hielt mit beiden Händen ihr Taschentuch vor. Kopf, Brust, Schultern bewegten sich stoßweise unter ihrem heftigen Schluchzen. Er fühlte jeden Ruck und bat und bat, sie möge ihm doch vergeben! Er sei nicht Herr seiner selbst gewesen, als er damals, auf dem Eis, so zu ihr gesprochen habe. Er liebe sie, sie gehörten zusammen. "So weine doch nicht so!" bat er, "das halt' ich nicht aus!" Er nahm sie bei den Händen, zog sie neben sich aufs Sofa, lehnte ihren Kopf an seine Brust und schlang die Arme um sie; er küßte ihr Haar, er lehnte ihre feuchte Wange an seine. Was er auch begann — sie weinte. Er wollte ihr Wein zu trinken geben. Nein, nein! Aber dieses Schluchzen war zu entsetzlich! War der Grund, weil er sie mit zu sich hereingenommen hatte? Er habe sich so nach ihr gesehnt, daß er nicht habe widerstehen können, als er sie draußen im Gang gehört habe. Sie könne doch nicht wollen, daß er ohne Abschied weggehen solle? Und sie nie wieder sehen? Sie schüttelte den Kopf, machte sich von ihm los, legte das Gesicht auf den Tisch und weinte in ihr Taschentuch hinein, noch heftiger als zuvor. "Soll ich nicht fort?" fragte er. Doch sie hörte es gar nicht. Da ließ er sie ruhig weinen; erst nach einer langen Pause beugte er sich zu ihr nieder und sagte: "Ich tue alles, was Du willst." Da hob sie sich und all ihr Weinen vom Tisch und schmiegte sich an seine Brust. Er umschlang sie mit beiden Armen, und während er sie so hielt, fühlte er — sie faßte es schöner und tiefer auf als er.

Ein Geräusch wurde an der Tür hörbar und gleich darauf wurde sie geöffnet. Das Mädchen kam mit dem Abendessen. Erschrocken ließ er die Frau los und stand auf. Ragni aber legte sich einfach wieder über den Tisch und schluchzte. Das Mädchen setzte das Brett behutsam auf die Ecke des Tisches, die frei war, stellte ebenso behutsam die Lampe weg und schob das Brett nach. Sie war rot und sah keins von den beiden an; aber das Lächeln war da und sagte deutlich: "Das hab' ich schon längst erwartet!" So wunderbar verschieden kann man eine und dieselbe Sache sehen, daß Kallem jetzt fand, es liege eine verschwiegene, schalkhafte Freude darin. Still war das Mädchen gekommen, still ging es wieder hinaus und schloß die Tür hinter sich, so leise wie er selber vorhin.

"Gott im Himmel, Ragni!" rief er. Sie antwortete nicht; ihr schien das alles viel zu klein; das Leid, das sie bedrückte, überwog alles. Er kam zurück und preßte sie wieder an sich; da sagte sie: "O Gott, was bin ich unglücklich!" — und das war eigentlich das einzige, was sie sagte, solange sie da war. Er konnte nichts erwidern; alles was ihm einfiel, kam ihm dumm vor. Er machte wohl einen leisen Versuch, und half mit Liebkosungen nach; aber sie wehrte das eine wie das andere ab; sie stand auf — sie wollte fort. Er fühlte sich außerstande, sie zurückzuhalten, sondern geleitete sie zur Tür. Ehe sie öffnete, wandte sie sich nach ihm um, voll schmerzlicher Hingebung, wie in der Todesstunde. Er löschte die Lampe, und sie glitt hinaus.

Aber im selben Augenblick, als sie die Tür hinter sich schloß, fiel ein schwacher Lichtschein auf sie; er kam aus der Vertiefung, die zum Zimmer der Tante führte; dort wurde eben die Tür geöffnet, und sie selbst stand davor — in Ragnis aufgescheuchter Phantasie groß wie ein aufgerichteter Walfisch. Natürlich — die Tante hatte Ragni im Zimmer des Mieters schluchzen hören und sofort erfaßt, was Ragnis seltsames Wesen in all den Tagen zu bedeuten hatte. Nun stand sie vor ihrer Tür Wache, und im selben Moment, als Ragni aus Kallems Zimmer kam, stieß die Tante ihre Tür auf, so daß der Lichtschein auf die Kommende fiel. Die Tante streckte die Hand aus; das hieß so viel als: "Hier herein, mein Kind!" Und Ragni kam. Die Tante ließ sie an sich vorüber. Sie war nicht allein. An der Wand gegen das Zimmer hin, das Ragni eben verlassen hatte, stand ein Sofa, und aus der Sofaecke erhob sich ein hochgewachsener blonder Mann mit mildem Antlitz — Ole Tuft. Er war zuerst auf ihr Weinen aufmerksam geworden und war sogar an Kallems Tür gewesen. Ragni sank auf einen Stuhl zwischen Sofa und Tür.


Tags darauf lag sie zu Bett. Aber bevor Kallem ausging, schickte sie ihm einen Zettel, auf dem sie schrieb, die Tante habe gehört, wie sie bei ihm geweint habe, ebenso Herr Tuft; er sei sogar an der Tür gewesen. Weiter kein Wort; doch — ganz unten, fast unleserlich: "Nie wieder!"

Mitten in der Angst, die auch ihn jetzt befiel, fand Kallem diese beiden armen Wörtchen: "Nie wieder!" doch so beredt, daß sich seine Augen mit Tränen füllten; aber auch sein Herz mit Mut. Jetzt mußte etwas geschehen! Die Tante und Ole Tuft hatten sie ins Gebet genommen! Er hatte nichts gehört; es mußte sehr still zugegangen sein, oder sie waren nicht im anstoßenden Zimmer gewesen. Arme, arme Ragni!

Tiefstes Mitleid ergriff ihn und heftigster Ingrimm, Furcht, Rachelust, grenzenlose Liebe, Enttäuschung, Wut!

Er kleidete sich an und eilte auf die Straße. Wohin? Richtig! Zu Ole Tuft, diesem verdammten Duckmäuser, der sich in seine Angelegenheiten mischen wollte! Spion und Angeber also? Was zum Teufel wollte er denn eigentlich? Was beabsichtigte er? Waren das vielleicht auch "Gottes Wege"? Durch Schlüssellöcher gucken und an den Türen horchen? Dieser Kerl, der ihm "auf Gottes Wegen" seine prächtige Schwester genommen hatte — wollte der ihm nun auch seine Liebe nehmen? Weshalb kam er nicht zu ihm selber? Weshalb es der Tante sagen?

Er hatte die größte Lust, ihn aufzusuchen und ihn tüchtig durchzubläuen, ihn halbtot zu schlagen! Verdient hätte ers, weiß Gott! Er schlug wirklich die Richtung nach Ole Tufts Wohnung ein; aber da stiegen die großen Augen seiner Schwester vor ihm auf und sahen ihn fest an. Er konnte sich wenden und drehen, wie er wollte — sie waren da, die tiefen Augen. Und dann fühlte er ihre Wange an der seinen, wie an jenem letzten Abend. Das Ende vom Liede war, daß er vorbeiging. Aber damit war er in die Nähe seiner früheren Wohnung gelangt, und da fiel ihm Rendalen ein. Zu dem wollte er! Kein Tüttelchen wollte er ihm verheimlichen; es war ja allein schon ein Glück, sich aussprechen zu können. Als er sich Rendalens Haustür näherte, sah er jemand herauskommen. War das nicht — —? Ole Tuft! Ole Tuft in eigener Person! Der Schurke! ... In Kallem kochte es; aber Tuft ging nach einer andern Richtung und sah den Schwager nicht.

Kallem kannte Tuft, so wie er jetzt war, nicht. Hätte er ihn gekannt, so hätte er begriffen, daß es ihm nur galt, zwei Seelen vom Untergang zu retten. Um dieser beiden teuren Seelen willen lebte er in einem schlaflosen Fieberzustand; ihretwillen rief er andere zu Hilfe. Eher konnte er sich weder Rast noch Ruhe gönnen. Selbst zu Kallem zu gehen — das hatte seine Gefahren, wäre auch sicherlich zwecklos gewesen. Hier mußten andere einschreiten. Hätte Kallem das geahnt, er wäre — anstatt zu Rendalen zu gehen — Tuft nachgelaufen und hätte ihn durchgeprügelt, bis er kein Glied mehr hätte rühren können.

Glücklicherweise ahnte er jedoch nichts und klingelte bei Rendalen, ganz erfüllt von dem, was er mitzuteilen hatte. Rendalen öffnete selbst, und zwar sofort; er stand zum Ausgehen gerüstet da, hatte den Hut auf und den Überzieher überm Arm und war aufs sorgfältigste gekleidet und geschniegelt. Kaum erblickte er Kallem, so warf er den Kopf zurück wie ein Pferd, das einen Feind vor sich sieht. "Du!" rief er. Kallem trat, aufs äußerste erstaunt, rasch ein. Rendalen machte die Tür zu, schloß sogar ab, und schleuderte Hut und Überzieher hin. "Zu Dir wollte ich eben!" zischte er. Er war ganz weiß zwischen seinen Sommersprossen, die schmalen Lippen waren zusammengepreßt, die grauen Augen sprühten. Und nun ballte er seine breiten, kurzen Hände, diese Hände eines Hünen, bis sie ganz weiß wurden. Sein aufrechtstehendes rotes Haar schien mit den Augen um die Wette Funken zu sprühen; die ungeheure persönliche Macht, die dem Mann eignete, beunruhigte und erschreckte Kallem. "Was zum Henker ist denn los?" Der andere antwortete in höchster Wut, aber doch gedämpft: "Tuft ist hier gewesen und hat mir alles erzählt. Aha! Jetzt wirst Du bleich!" Er kam noch dichter heran: "Sie war das Unschuldigste unter der Sonne — Du Schurke!" Seine Stimme zitterte.

"Na, hör mal!" sagte Kallem. Ihm wurde eiskalt. Der andere aber war ganz von Sinnen und unterbrach ihn: "Du meinst wohl, das ginge mich nichts an? Alle Menschen geht so etwas an! Und weißt Du, warum ich ausgezogen bin? Glaubst Du, ich hätte weniger Macht über ein Menschenkind als Du? Du feiger, verfluchter Schurke!" Gleich wilden Schreien entrangen sich die dickunterstrichenen Worte seinem wilden Sinn, obwohl sie noch leiser gesprochen waren als die vorhergehenden. Eine derartige Wut und ein derartiger Hohn wirken ansteckend.

"Na, na, nur nicht eifersüchtig werden, mein Junge!" rief Kallem. Wenn man eine Bütte mit Blut über ihn ausgegossen hätte, Rendalen hätte nicht röter werden können. Gleich darauf wurde er wieder weiß. Vergebens versuchte er zu sprechen, und da es ihm nicht gelang, so ging er geradenwegs auf Kallem zu, die Augen in seine gebohrt, daß sie tatsächlich brannten. "Ich hätte die größte Lust, Dich ... Dich zu schlagen!" brachte er nur heraus. "Bitte!" sagte Kallem und nahm Stellung. Kaum hatte er es voller Hohn herausgestoßen, als auch schon Rendalens rechte Hand niedersauste. Kallem bückte sich und stand unverletzt, mit spöttischer Miene da. Rendalen nahm einen zweiten Anlauf, Kallem wich abermals behende aus. "Bist Du denn ganz verrückt?" rief er, so laut er konnte.

Als wenn einer ihn von hinten gepackt hätte und festhielte, stand Rendalen plötzlich da, und nach und nach kam es über ihn wie eine Art Ohnmacht. Bleich, steif starrte er vor sich hin, bis er mit dem Aufgebot seiner ganzen Willenskraft vermochte, sich umzuwenden, langsam nach dem Fenster zu gehen und still, mit leerem Blick hinauszusehen. Sein Atem ging so heftig, daß Kallem glaubte, der Schlag müsse Rendalen treffen. Kallem selbst stand, ohne sich zu rühren, da; denn immerhin war er selber doch auch so wütend, daß er es nicht über sich brachte, zu ihm hinzugehen. Rendalen war ihm ein Rätsel — eben noch der wildeste Ausbruch von Leidenschaft, und jetzt wie gelähmt! Nichts als sein heftiges Atmen war zu hören. Und dabei dieses unglückliche Gesicht — so über alle Beschreibung unglücklich! Was in aller Welt bedeutete denn das? Er blickte auf den Freund, bis die alte Wärme für ihn wieder erwachte, und ohne weiteren Übergang trat auch er ans Fenster und stellte sich neben ihn. "Du brauchst es Dir nicht so zu Herzen zu nehmen", sagte er. "So schlimm, wie Du vielleicht glaubst, ist es nicht." Der andere antwortete nicht; vielleicht hörte er es nicht; er sah noch immer zum Fenster hinaus. Oder glaubte er ihm nicht — meinte, es sei Spott? Da lächelte Kallem ihn an — und dies Lächeln war nicht zu verkennen; es war gut und aufrichtig. In Rendalens Gesicht kam wieder Bewegung und Farbe; er wandte den Kopf. Voll froher Eile sagte Kallem: "Nicht ein Haar habe ich ihr gekrümmt, weiß Gott, alter Junge!" Rendalen begriff den Sinn der Worte nicht gleich; er vermochte nicht, das Ganze so plötzlich am andern Ende zu fassen. Aber als Kallem seinen Kopf noch dichter zu ihm hinüberbeugte und sagte: "Ich gebe Dir mein Ehrenwort — ich habe ihr nichts getan!" da jubelte es in Rendalen auf, und er schlang die Arme um des Freundes Hals.