Sie waren beide zu tief ergriffen, als daß das gegenseitige Vertrauen hinterher nicht unbedingt gewesen wäre. Rendalen erfuhr alles, genau, wie es zugegangen, wie in den beiden Menschen die Liebe erwacht war. Es machte einen tiefen Eindruck auf ihn, was er auch gar nicht verbergen wollte oder konnte. Kallem fragte nun offen, ob auch er sie liebe? Da aber wurde Rendalen wieder blaß und zornig, und Kallem war unglücklich über seine Unbedachtsamkeit; aber sie war nicht wieder gutzumachen. Das Gespräch stockte; Rendalens Augen wichen den seinen aus. Endlich, als er die Form gefunden hatte für das, was er antworten wollte, sagte er: "Ich habe kein Recht, zu lieben. Darum bin ich ausgezogen."
Es ging Kallem durch Mark und Bein. Rendalen hatte die Arme auf den Tisch gestützt, zwischen den Händen hielt er ein Buch, das er unaufhörlich hin- und herdrehte und von außen und innen besah. "In unserer Familie ist der Wahnsinn erblich ... durch lange Generationen. Mein Vater war geisteskrank. In mir — ja, Du kennst ja das Unbändige in mir ... ist es hart an der Grenze. Geradeso war mein Vater. Darum, als Du das sagtest ... Du weißt schon ... vom Verrücktsein ... das traf! Es sind die Worte meiner Mutter. Ich darf mir nicht nachgeben. Also auch nicht in der Liebe. Trotzdem hab' ich's nicht immer können. Nein — beichten kann ich nicht. Die Musik ist mein Betäubungsmittel. Aber hier hat auch sie mich im Stich gelassen. Wie auch schon früher." — Er legte das Buch weg, nahm ein anderes, legte es auf das erste und wirbelte beide auf dem Tisch herum. Da hörte er Kallem halb lachend sagen: "Und da hast Du mich zum Stellvertreter gewählt?" — "Was Teufel sollt' ich denn sonst machen? Ich hab' Dich für einen anständigen Kerl gehalten."
Am Nachmittag verfaßte Kallem im Schweiß seines Angesichtes einen Brief an den Apotheker, der ihm helfen sollte. Je mehr er schrieb, desto unmöglicher schien es ihm, dem alten Hagestolz und grilligen Naturforscher verständlich zu machen, was Liebe ist, und was für tiefe Not das Wesen litt, für das er um Hilfe bat. Er zerriß den Brief. Rasch entschlossen schrieb er seinem Vater. Dieser brauchte ja jetzt Ole Tuft nicht mehr zu unterstützen; ob er vielleicht einem andern helfen würde? Sein Vater war ein Sonderling, aber ein warmherziger Mensch, der alle Ungerechtigkeit haßte. Und etwas Ungerechteres als Ragnis selbstgewähltes Geschick kannte Kallem nicht; er war fast überzeugt, daß sein Vater dasselbe fühlen mußte. So erzählte er ihm denn von ihrer Liebe — ganz ohne Vorbehalt; er gelobte, wenn der Vater ihr helfen würde, so wolle er diesen Bund heilig halten. Von jetzt ab wolle er seine Studien ernsthafter betreiben als je; er wolle versuchen, das Höchste zu erreichen, was zu erreichen sei. Und wenn es auch seiner und ihrer Ausbildung wegen lange dauern würde, bis sie sich heiraten könnten — er wolle ebenso treulich auf sie warten, wie sie auf ihn; das sei sein feierliches Gelöbnis. Er hoffe, der Vater habe keinen Grund, zu glauben, daß er es brechen würde, sondern werde ihn vielmehr beim Wort nehmen und ihr helfen.
Und er hatte sich nicht getäuscht. Drei Tage darauf hatte er die telegraphische Antwort, daß alles nach seinem Wunsche geordnet sei, und daß das Nötige mit der ersten Post eintreffe. Mit diesem Siegestelegramm bewaffnet, begann er nun seinen und Rendalens gemeinschaftlichen Plan — sie zu seinem Vetter in Madison hinüberzuschaffen — ins Werk zu setzen. Er schrieb sogleich an den Vetter und bat um Kabelantwort: "Ja" oder "Nein".
Das Mädchen, das sich als Ragni völlig ergeben erwies, vermittelte ihre erste Zusammenkunft. Sie fand auf der Straße statt und außerhalb der Stadt, und war nur kurz; das Mädchen begleitete sie. Er teilte ihr sofort mit, um was es sich handle, wie alles geordnet werden könne, und wer dabei beteiligt sei. Sie erschrak so, daß er es für unmöglich hielt, weiter zu gehen. Unter keinen Umständen wollte sie die Kinder verlassen. Er war ganz verzweifelt nach dieser Begegnung und ging zu Rendalen, um ihm sein Herz auszuschütten. Dieser schlug sogleich vor, die Kinder zu seiner Mutter zu schicken; er würde ihr darüber schreiben. Als Kallem dies bei der nächsten Begegnung Ragni mitteilte, schien sie immerhin zu überlegen; sie gab demütig zu, so gut könne sie selber sie nicht erziehen. Aber immer, wenn sie an einem Tag so halbwegs auf etwas eingegangen war, nahm sie es am andern wieder zurück; jedesmal, wenn sie wieder mit den Kindern zusammengewesen war, erschien es ihr als Unmöglichkeit. Und da sie jedesmal dermaßen aufgeregt wurde, daß alle Vorübergehenden sie anstarrten, konnten sie sich nicht länger auf der Straße treffen. Nun kam kein anderer Ort in Frage als Rendalens oder seine Wohnung; aber Ragni war wieder so scheu geworden, daß er an ihrer Einwilligung zweifelte. Er bereitete sie in Briefen darauf vor und bat Marie, sie ebenfalls zu überreden und selbst mitzukommen. Hierauf waren sie ein paarmal ganz kurze Zeit auf seinem Zimmer, ein einziges Mal auch bei Rendalen zusammen; aber immer war es ein unbestimmtes Hin und Her. Nie wußte sie, was sie tun solle, und immer war sie voll Verzweiflung. Sie fürchtete sich auch vor der Reise selber. So ganz allein nach Amerika! Und von New-York allein nach Madison — das war noch das Allerschlimmste! Unmöglich, ganz unmöglich! Marie erbot sich, mitzugehen, und Kallem versprach, auch ihre Überfahrt zu bezahlen. Aber beide die Kinder verlassen — das konnten sie unter gar keinen Umständen; der bloße Gedanke schon war ein Unrecht! Marie mußte also bleiben, bis die Kinder gut versorgt waren.
Wenn sie selber wirklich reiste, so mußte sie an Bord gebracht werden, ohne daß jemand davon erfuhr. Also mußte das Nötigste für die Reise gekauft werden; das mußte selbstverständlich umsichtig vorbereitet werden. Hier erwartete er abermals Widerstand; aber so kindlich war sie noch, daß sie sich, noch ehe etwas Bestimmtes über die Reise selbst ausgemacht war, verführen ließ, die Reisegarderobe einzukaufen; das machte ihr Spaß. Wenn er nur einmal länger mit ihr hätte sprechen können, oder wenigstens eine Weile täglich; aber sie war vorsichtig bis aufs äußerste. So schrieb er denn ellenlange Briefe; zu antworten wagte sie nicht, da sie sich von der Tante und von der Köchin überwacht glaubte. Aber weil die Briefe mit aller Macht der Liebe zu ihr sprachen, und da sie auch alle List der Liebe anwandten, indem sie auf ihre Phantasie einzuwirken suchten, so richteten sie mehr aus als die Zusammenkünfte. Daß die Briefe an ihr Ziel gelangten, verdankten sie der schlauen Marie, die sowohl der Tante als der Nordlandköchin über war. Kallem lebte, solange diese Unterhandlungen andauerten und seine ganzen Kräfte in Spannung erhielten, für nichts anderes. Beharrlichkeit erhöht den Mut; und als endlich das Kabeltelegramm die Antwort "Ja" brachte, wagte er es, einen kühnen Plan zu entwerfen. Dieser bestand darin, bis zur nächsten Abfahrt des großen englischen Dampfers alles fertig zu machen, Ragni selbst kein Wort zu sagen, sondern sich nur zu vergewissern, daß sie an dem Tage einen Vorwand hatte, frühzeitig auszugehen und lange fortzubleiben, und endlich es so einzurichten, daß auch Marie frei war. Auf zwei Stunden vor der Abfahrt des Dampfers war Ragni in seine Wohnung bestellt; Gepäck und Billet waren längst dort.
Am bestimmten Tage und zur bestimmten Stunde kamen Marie und sie. Ragnis Gepäck war schon früh am Morgen an Bord gebracht worden, auch der Wagen, der sie abholen sollte, bestellt und bezahlt. Nichts im Zimmer erinnerte an eine Abreise; aber die Art, wie er sie empfing, erweckte in ihr die Furcht, daß etwas im Werke sei. Sonst war er immer sehr zurückhaltend gewesen, schon weil Marie dabei war; heute umarmte er Ragni mit all der Innigkeit, die er für sie empfand, und schien sie kaum lassen zu können. Sein Schmerz nahm keine Rücksicht und kannte keine Umwege mehr; er nahm ihre beiden Hände in seine, und Auge in Auge erzählte er ihr hastig, alles sei an Bord gebracht; in zwei Stunden gehe der Dampfer; und hier sei das Billet.
Sie begriff sofort: jetzt mußte sie wählen zwischen ihm und allem übrigen — ohne Bedenkzeit. Und das brachte ihm den Sieg. Erst stand sie in stummer Hilflosigkeit da; dann schmiegte sie sich still an ihn und verharrte so. Er küßte sie — wie zum Willkommen — sie hielten sich eng umschlungen und weinten. Das Mädchen sah draußen vor den Fenstern jemand vorbeikommen und ließ die Gardinen herunter; es wurde halbdunkel, und in diesem Halbdunkel hörten sie auch Marie im Nebenzimmer weinen. Ihre Umarmung ging endlich in ein Flüstern über, erst abgerissen, dann von gedämpftem Schluchzen begleitet, das verstummte und wiederkehrte wie Sordinespiel. Und das Flüstern sprach von dem Tag, an dem er ihr nachreisen würde, um sich nie wieder von ihr zu trennen; welch ein treuer Freund er ihr sein würde, und wie die Zukunft, die ihnen winke, wohl all dieser Opfer wert sei; wie ihre Briefe Tagebücher sein sollten — seine und ihre. Kurze, hastige Worte von grenzenloser Liebe — und all die Worte waren seine; von ihr nur das sordinierte Schluchzen.
Trotzdem die Stunde, die sie jetzt zusammen verlebten, die Abschiedsstunde war, so war es doch die erste Stunde ungestörter Hingabe, die sie verbrachten. Das Neue, das hierin lag, leuchtete so in den Schmerz hinein, daß er wie zu einem Sonnennebel um sie her ward. Ihr leises Schluchzen ging bald in Flüstern über; bei den ersten Worten, die sie sprach, wollte er sie ansehen; aber sie ließ es nicht zu. Wenn er ganz still sitzen und sie nicht ansehen wolle, so würde sie ihm etwas sagen. Er sei der weiße Pascha! Sie wollte nicht recht mit der Sprache heraus, was sie damit meine; das würde zu lang werden. Von Kind auf habe sie auf den weißen Pascha gewartet, d. h. seit ihres Vaters Tode; damals sei sie zwölf Jahr alt gewesen. Es sei ihr immer traurig ergangen, am traurigsten, als sie von Berlin heimgekommen sei und nicht den Mut gehabt habe, öffentlich zu spielen. Aber davon wolle sie auch nicht weiter erzählen; es würde zu lange dauern. Die ganze Zeit habe sie von dem weißen Pascha geträumt — wenn er doch nur kommen wolle! Daß er kommen würde, das wußte sie ganz sicher. Sogar als sie zu den "Walfischen" hinunterstieg, wußte sie, er würde ihr nachkommen; er fand schon den Weg. Einmal hatte sie geglaubt, Rendalen sei der weiße Pascha; aber da er's nicht war, mußte er ausziehen, damit der richtige kommen konnte. — Am ersten Abend hatten sie sich mitten in dem leisen Schneefall getroffen. Weshalb mußten sie sich gerade da treffen? Da hatte sie ihn angesehen und gedacht: ob er wohl der weiße Pascha sei? Das nächste Mal, als sie sich trafen, hatte er die kleine Juanita getragen; da war sie schon beinah sicher, daß dies keinem andern habe einfallen können. Aber dann war alles so überstürzt gekommen, und so ganz anders, als sie sich's gedacht hatte. — Er fragte, ebenfalls flüsternd, ob sie ihm nicht erzählen wolle, was sie damals, vor einem Jahr, veranlaßt habe, zu den "Walfischen" hinunterzusteigen. Ein Schauder durchflog sie bei seiner Frage. — Und trotzdem — obgleich sie verheiratet gewesen sei, habe sie noch immer auf den weißen Pascha warten können? — Mehr als je. — Ob sie denn nicht gewußt habe, was Ehe ist? — Sie schmiegte sich enger an ihn und schwieg.
Obgleich er nun bei dem angelangt war, was er am liebsten hätte wissen mögen, brach er dennoch ab.
Er erzählte ihr, es sei verabredet, daß Rendalen sie an Bord erwarte; dieser wolle gleichzeitig auf ein paar Tage nach Hause reisen und werde für sie sorgen. Sie standen beide auf.
Ob Kallem sie denn nicht aufs Schiff begleite? Er umfaßte sie, barg seinen Kopf an ihrer Brust und sagte, es sei besser, nicht. Das war das Schwerste. Einen Augenblick lang war sie ganz außer sich; sie setzten sich aufs neue und nun kam ein langes, aufreibendes Abschiednehmen. Marie stand wie auf Kohlen. Bis an den Wagen wollte er sie wenigstens begleiten. Aber Marie untersagte es ganz bestimmt; niemand dürfe sie zusammen sehen.
Er hörte den Wagen davonfahren, ohne ihn zu sehen, und in all den folgenden Jahren erschien ihm dieser Augenblick als das Grausamste, was er je durchgemacht hatte.
Er ging nicht hinunter, um das Schiff noch von fern zu sehen; erst nachmittags ging er zu der Stelle, wo es gelegen hatte.
Von dort machte er einen weiten Spaziergang, und zwar so, daß die Tante ihn sehen mußte. Damit verfolgte er eine bestimmte Absicht.
Das lenkte eine Zeitlang den Verdacht von ihm ab. Man konnte sich nicht denken, daß der Mann zurückblieb, der Ragnis Flucht ins Werk gesetzt hatte, um dessentwillen es geschah.
Jeder, der sich der Begebenheit erinnert, wird sich entsinnen, wie streng Ragni verurteilt wurde. Fremd, ohne Verkehr, scheu, hatte sie nur die Erinnerung an ein erotisch-gesangvolles Klavierspiel zurückgelassen; und das konnte sie hier nicht verteidigen. Vor einem Jahr hatte sie es übernommen, für die Kinder ihrer verstorbenen Schwester zu leben; und jetzt lief sie davon. Der blinde Mann, den sie geheiratet hatte, war ihre eigene Wahl gewesen; sie hatte keinerlei Beschwerden durch ihn gehabt.
Wenn sie es jetzt bereute — warum hatte sie es nicht gesagt? Weshalb sich so hinterlistig benehmen?
Für Kallem war es nicht leicht, das mitanzuhören; hatte er ihren Ruf zugrunde gerichtet? Schon jetzt nahmen alle als sicher an, daß sie ein Verhältnis mit einem andern gehabt habe; und die Stunde war nicht fern, da alle wissen würden, daß er der Schuldige war.
Eines Tages traf er die Kinder mit Marie vor der Universität, und beide steuerten sofort auf ihn zu. Was hätte er nicht darum gegeben, wenn Ragni lächelnd hinter ihnen hergekommen wäre! Natürlich nahm er die Kinder mit in die Konditorei und hörte, wie sie erzählten, daß "Mama" auf einem großen Schiff fortgereist sei; "Mama" komme aber zu Weihnachten wieder und bringe ihnen neue Kleider und neue Puppen mit.
Auf dem Tisch lag eine illustrierte Zeitschrift; Juanita kam auf den Einfall, alle Damen auf den Bildern seien "Mama"; wenn die ältere Schwester das bestritt, rückte sie bloß ihren kleinen Finger auf eine andere: "Das ist Mama."
Kallem hatte am selben Tage einer verunglückten Operation beigewohnt; infolge eines bösen Mißgeschicks hatte der Patient sich verblutet. Bei seiner gegenwärtigen Nervosität hatte das großen Eindruck auf ihn gemacht. Und als er die Kinder verlassen hatte und zum Mittagessen ging, kam es ihm vor, als sei er selber der unglückliche Operateur. Er hatte Ragni retten wollen, und hatte es nur schlimmer gemacht; jetzt verblutete ihr guter Name. Und das Gesellschaftsleben ist ein Gewebe von Muskeln, Sehnen und Adern ...
Einige Tage später saß er auf der Universitätsbibliothek und studierte in einem Kartenwerk, als plötzlich lächelnd und frisch Ole Tuft vor ihm stand. Er wisse nicht, wo Kallem jetzt wohne, und habe ihn darum hier aufgesucht. Kallem stand auf und setzte sich zu ihm.
Der Schwager hatte jetzt nichts mehr von Kallems Wildheit zu fürchten; Kallem hatte kein Verlangen mehr, ihn "halbtot" zu schlagen, nicht einmal mehr, ihn vorwurfsvoll anzusehen; er war sehr zufrieden, wenn Ole ihn nicht vorwurfsvoll ansah. Ole wußte wahrscheinlich, was bald alle, die der Sache näherstanden, erfahren mußten — daß Edvard Kallem der Sünder war, wußten es von Josefine, die es vom Vater gehört hatte. Oder irrte er sich? Versteckte sich hinter Oles Freundlichkeit nicht Zweifel, Verdacht an seiner vollen Ehrenhaftigkeit — die Prophezeiung, daß ein solcher Anfang nie zum Siege führen würde? War diese Herzlichkeit echte, ungemischte "Brüderlichkeit", verdünnt mit dem Gehorsam eines jungen Theologen gegen das Gebot: "Liebet alle Menschen"?
Ole war gekommen, um ihm mitzuteilen, daß er fertig sei und nach Hause zurückkehre; das Glück strahlte ihm aus den Augen. Er fragte, ob er Grüße bestellen solle, und erzählte, er habe Hoffnung, bald zu Amt und Würden zu gelangen. Er ließ durchblicken, was dann geschehen würde; der Weg lag gebahnt vor ihm, und seine Ziele waren zweifellos keine geringen. Der stattliche Bursch erregte Aufmerksamkeit bei allen, die in der Bibliothek aus- und eingingen.
Edvard blieb mit unbedecktem Kopf oben auf der Bibliothekstreppe stehen, während Ole Tuft in seiner etwas schwerfälligen Art über den Platz schritt. Wahrlich — da ging einer, der sicher war in sich selbst; sein Anfang war ganz, so wie seine Natur ganz war.
Mannesalter
1
"— — Die Rechtfertigung hat ihren Ursprung in der göttlichen Gnade. Sie kann ihn nicht im Sünder, in seiner sittlichen Arbeit an sich selbst haben; denn dieser ist ein Ungerechter. Als solcher verdient er sie auch nicht, ebensowenig wie er Rechtsanspruch darauf erheben kann. Nur Gottes erhabener Wille kann ihn rechtfertigen."
Der Pastor ging auf und ab, ein Heft in der Hand, aus dem er flüsternd auswendig lernte. Die Sonne schien hell durch die beiden Fenster, die nach Südwesten lagen und weit offen standen; durch das hintere ergoß sich milchweißer Glanz über den graugestrichenen Fußboden; das unruhige Laub junger Espen zeichnete sich auf den Scheiben ab; die Espen mit ihren zitternden Blättern standen draußen am Staket. Aus dem Garten strömte der Duft von Aurikeln, Flieder und Goldregen herein; der Pastor unterschied jede Mischung in den Luftströmungen; er hatte die Bäume und Blumen selbst gepflanzt; sie liebkosten ihn geradezu. Sobald der Luftzug nur um ein Winziges stärker wurde, so sandten die sprossenden Birken und die frischen Triebe der Tannen, die außerhalb seines Pfarrhofs standen, eine scharfe Welle herein, die rücksichtslos die Strömung des Gartens wegspülte, und jedesmal flutete eine ganze Gesellschaft verschiedenartiger Gerüche vom offenen Feld nach. Es roch nach Wachstum.
Psst!
"— — Was kann Gott dazu bewegen, so gnädig zu sein gegen den armen Sünder, der aus sich selbst nicht das Geringste vermag? Seine unbegreifliche Liebe zum Sünder, seine unverdiente Barmherzigkeit kann ihn dazu bewegen."
Jetzt pfiff das Dampfschiff zum drittenmal. Nein — da konnte er nicht widerstehen — er mußte den Dampfer sehen, wie er in großem Bogen von der Brücke weg über die Bucht fuhr und den Wasserspiegel in zwei Hälften teilte; der größere fiel der Insel draußen zu, der kleinere dem Strand vor der Stadt. Der Pastor nahm sein Fernrohr vom Pult. Die Brücke unten war voll bunter Sonnenschirme; dazwischen Männerhüte, meist in dunklen Farben; hie und da leinene Hauben und Kopftücher, gewöhnlich mehrere beieinander.
Jetzt hörte man von rechts Schritte im Sand; sie kamen aus dem Garten seiner Mutter und lenkten auf den seinen zu — Schritte eines Erwachsenen, und auf jeden Schritt des Erwachsenen zwei Kinderschritte. "Du, Mutter, was hat das Dampfschiff im Bauch?" — "Haha!" — Die Gestalt einer Frau tauchte auf, die den Eindruck von Kraft hervorrief. Ein starker Hals und eine volle Brust, der ganze Wuchs ungewöhnlich schön; das Gesicht dunkel, ziemlich groß, mit gebogener Nase; das Haar fast schwarz. Sie trug ein cremefarbenes, mit hochroten Blumen gemustertes Musselinkleid mit einer Passe von hochroter Seide, um den Leib einen seidenen Gürtel von gleicher Farbe. Zu ihrer dunkeln Haut, dem schwarzen Haar und den tiefen Augen bildete das einen bezaubernden Gegensatz; sie pries den warmen Frühlingstag mit kundiger Farbenpracht. Aber sobald sie in das lächelnde Melanchthonantlitz am Fenster sah, senkte sich der rote Sonnenschirm zwischen sie und ihn. An der Hand führte sie ihren vierjährigen Knaben, ein hübsches Kerlchen mit blondem Haar und einem Gesicht wie das Antlitz des Mannes im Fenster. Der Junge ließ die Hand der Mutter fahren, öffnete die Tür zwischen den beiden Gärten und sprang vorbei, um die nächste Tür, auf den Weg hinaus, zu öffnen. Als die Frau vorüberkam, flüsterte der Pastor: "Ich gratuliere! Du siehst ja reizend aus!" Es klang bittersüß. Wie konnte eine Pastorsfrau sich so kleiden!
Ohne den Sonnenschirm zu senken schritt sie nach der offenen Gartentür und weiter auf dem Weg nach der Stadt zu. "Wohin?" — "Zum Schiff, und zusehen!" rief der Junge, davonspringend. Ihr Nacken unter dem Hut, ihre Figur im Sonnenlicht, der Gang, die Farben ... der Pastor lag im Fenster, trommelte auf den Fenstersims und pfiff lautlos. Die warmen Augen flogen ihr nach, bis er sich mit einem kräftigen Aufstemmen aller fünf Finger von der Fensterbank erhob.
"— — Gott straft nicht, er erbarmt sich unser. Doch nicht wie ein Heerführer einen Waffenstillstand gewährt oder ein König eine Amnestie erläßt (nein, 'Amnestie', das verstehen vielleicht nicht alle; wie sag' ich gleich — Erlaß? ... Nein, das genügt nicht. 'Gnadenerlaß'! Also:) Doch nicht, wie ein Heerführer Waffenstillstand gewährt oder ein König einen Gnadenerlaß, ist die göttliche Rechtfertigung; nein, das widerspräche der Allheiligkeit Gottes. Die Rechtfertigung ist allerdings eine Gnade; aber sie ist auch eine Gerichtshandlung. Sie muß eine rechtliche Grundlage haben, d. h. den Forderungen des Gesetzes, die Gottes eigene sind, muß Genüge geschehen."
Eigentlich ist das doch sehr juristisch.
Der Pastor sah in das Heft, das aufgeschlagen auf dem Pult zwischen den zwei Fenstern lag; er verglich es mit dem, was er in der Hand hielt. Dabei hörte er das laute Getöse des Dampfers, der jetzt gerade auf der Bucht unten vorüberfuhr. Er mußte aus dem Fenster spähen, und die Folge davon war, daß er, ohne es zu wissen, sich behaglich hinauslehnte. Die Sonne schien auf das weiße Leinwanddach des Dampfers, die Schaumlinie zwischen Land und Insel war wie eine straffe Schnur; am Himmel kein Wolkenstreifen, so daß der Rauch sich vom freien Grund abhob; ebenso ungedämpft hörte man den Lärm. Der Pastor ließ den Blick vom Dampfer nach der Stadt, zum Strand, über die Bucht hin schweifen, bis zu den Bergen auf der andern Seite der Bucht; die ganz hinten, die blauen drüben waren noch nicht frei von Schnee. Das Getöse des Dampfers hallte über die weite Landschaft hin wie eine Predigt, die seine eigene ablöste. Ein bescheidener Duft aus dem Garten lenkte sein Auge vom Großen aufs Kleine. Das alles hatten er und Klein-Edvard miteinander geschafft, oder vielmehr, er hatte gearbeitet und der Kleine hatte sich unnütz gemacht. Der Pastor besah sich namentlich die Beete, auf denen bis jetzt noch nichts kam; dann die ersten, die schon ganz fertig waren und leider auch schon gejätet werden mußten. Dabei konnte Edvard auch helfen. Langweilig war es ja; aber er hatte sich nun einmal vorgenommen, in diesem Jahre solle kein anderer den Garten anrühren; außerdem war das Bücken gesund, da mischte sich die Galle mit dem Blut. Ohne es zu wollen dachte er daran, wie ihm seine Frau dann manchmal ein Glas Wein und ein Stückchen Kuchen brachte; es liegt in der Natur des Weibes, unsere Schwächen zu ahnen und schwach gegen sie zu sein. Er blickte hinüber auf den Weg, wo sie verschwunden war, und richtete sich straff in die Höhe:
"— — Den Forderungen des Gesetzes, die Gottes sind, muß Genüge geschehen. Könnte das durch den Sünder selbst geschehen, so wäre die Rechtfertigung keine Gnade; folglich muß es durch den Geist geschehen.
Aber auch diese Erfüllung des Gesetzes durch einen andern muß aus Gottes erlösender Gnade kommen, wenn sie nicht die Rechtfertigung (hu, wie juristisch!) aufheben soll. Und soll ferner diese neue Gnadenhandlung allen zugute kommen, so muß die Gesetzerfüllung für das ganze sündige Menschengeschlecht gelten. Einzig Gott selbst kann eine solche Erfüllung, einen solchen 'Vergleich', eine solche, 'Sühne' zustandebringen.
Für den Christen ist es eine Tatsache des Glaubens, daß diese Grundlage für eine Weltsühne, diese Auslösung der Schuld des ganzen Menschengeschlechts ein für allemal durch Jesum Christum geschaffen worden ist, und daß sie jedem einzelnen Sünder zugute kommen kann."
Der Pastor blickte auf. Wie weit wohl das Dampfschiff ...? Was, nirgends mehr? Er ging ans Fenster und blieb dort stehen. In einer geraden Linie schoß jetzt das Boot auf die Landspitze zu, die so weit hinausragte, daß sie fast bis an die Insel stieß. Das große Kirchdorf drüben rechts auf der Höhe, deren Ende die Landspitze bildete, schaute vom Hang herüber. Die Bucht lag dazwischen. Hof an Hof sonnte sich dort, grün und fruchtbar; stolze Besitztümer — das sah man an der Entfernung zwischen den einzelnen Gehöften. Die Seite des Hügels, die sich nach der Insel erstreckte, hatte die Form einer flachen Zange; und dort, durch den Sund, mußte das Dampfschiff in den großen Fjord verschwinden.
Dies dumpfe Dröhnen des Dampfers! Ist es nicht, als habe die Natur Sprache bekommen? Die ganze Landschaft, nicht nur ein Teil. Wenn z. B. über die ganze Landschaft eine Saite gespannt wäre, und ein Bogen striche darüber, dann müßte das klingen wie das Dröhnen des Dampfers. — —
Psst!
"— — Gott hat gewollt und bewirkt, daß ein Sünder gerechtfertigt werden kann durch Gottes Gnade, und zwar dadurch, daß Christus dem Gesetz Genüge getan hat. Christi Verdienst, Christi Gerechtigkeit haben die Schuld bezahlt. Jeder kann sich sozusagen sein Stück von der Gerechtigkeit abschneiden, die Christus für die Welt gewonnen hat. — Nein — das klingt vielleicht zu weltlich. Wenn es auch der Sinn ist."
Bald darauf lag er wieder im Fenster, breit auf beide Ellbogen gestützt, als wolle er überhaupt nicht mehr aufstehen. Er sah den Weg hinunter, auf dem Josefine mit dem Kleinen verschwunden war; er blickte über die Bucht weg nach der Insel, und dachte an das Inselkindchen, das dort drüben links spielte; von hier aus konnte er es nicht sehen, aber er wußte, daß es dort spiele, und wie niedlich es sei. Von den Bergen wieder geschwind zum Dampfer, der auf den Sund lossteuerte. Dort draußen hatte die Insel einen Waldhut auf, dem der Rauch des Dampfers eben einen Flor umlegte. Der Wind ging dort anscheinend in anderer Richtung? Nein, jetzt ging er auch hier in der gleichen. Um diese Zeit schlägt er so oft um. Jetzt duftete es nicht mehr vom Garten und von den Bäumen und Feldern herein; bald wird wohl ein Flügelschlag schwarze Streifen ins Wasser ritzen! Eine Dampfpfeife stöhnte und keuchte links unten an der Bucht; da ging ein Zug ab, oder ein Güterzug rangierte.
Wie still es sonst war! Er hörte in weiter Ferne ein paar Kinderstimmen, jede Schwingung darin. Ab und zu klopfte und hämmerte es in dem neuen Haus drunten an der Ecke der Strandstraße und des Wegs, der hier heraufführte. Es klang, wie es in leeren Räumen zu klingen pflegt. In der Ferne immer noch gedämpfte Staccatotöne des Dampfergedröhns. Das Haus, in dem er wohnte, lag frei, und diesem Umstand war es zu verdanken, daß er einen so weiten Blick und einen so hellhörigen Standort hatte. Aber wenn die Felder in Grundstücke parzelliert wurden, so war es damit vorbei.
Darüber verfiel er in Nachdenken; sollte er nicht selber aufkaufen? Er hätte es gern getan; aber Haus und Grundbesitz und alles, was sie hatten, gehörte seiner Frau. Der Rest seines eigenen kleinen Vermögens steckte in dem kleinen Haus mit Garten rechts nebenan, in dem seine Mutter wohnte.
Es hat mancherlei Vorteile, mit einer reichen Frau verheiratet zu sein, selbst wenn im Ehekontrakt steht, daß sie allein das Verfügungsrecht über ihr Vermögen hat; manche Bequemlichkeiten fallen ab, die das Leben freundlicher und die Arbeitsbedingungen leichter gestalten; es ist auch meist der Schlüssel zu einer gewissen Macht — namentlich für einen Pastor. Viel Gutes läßt sich damit tun, was andere sich versagen müssen, und das setzt sich um in Macht. Er hatte das empfunden, und hatte es mit Behagen empfunden. Das paßte ihm.
Aber. — Ja, alle "Aber" wurzeln in dem einen Punkt: wie die Frau ist, die über das Vermögen zu verfügen hat. "Aber wie nun die Gemeinde ist Christo Untertan —."
Psst! — Er begann wieder zu lesen, diesmal laut: "Die äußere Grundlage für die Rechtfertigung war also, daß Jesus dem Gesetz Genüge getan hat; die innere Bedingung ist, daß der Sünder das glaubt. Wie versöhnt auch Gott mit der Welt sein mag, er kann einzig dem Sünder seine Gnade schenken, der in Gemeinschaft steht mit Christus, 'weil er an ihn als seinen Erlöser glaubt'."
Das Heft sank; der Pastor wußte selber nicht, was er las. Denn die Stelle im Epheserbrief hielt seine Gedanken gefangen. Ist das Weib nicht Untertan in allen Dingen,... ja, dann sät eben der Umstand, daß die Frau das Verfügungsrecht über das Vermögen hat, eine Saat der Ungleichheit.
So tief war er hiervon überzeugt, so stark waren die Beweise, die er sich dafür zurechtlegte, daß er fern und nah nichts mehr sah und hörte, — es nur noch wie die Erzählung eines andern in sich aufnahm. Er trommelte auf die Fensterbank und blickte auf den Weg hinunter. Die beiden eben ausgekrochenen Schmetterlinge, die in endlosen Schwingungen sich über und unter seinem Fenster umkreisten, hatten keine Ahnung von all den Schwierigkeiten, die es mit sich bringt, wenn man ein Vermögen besitzt, über das man nicht verfügen kann. Etwas weiter drüben, hinter dem Schemel des Jungen, der seit ein paar Tagen vergessen dalag, läutete eine anmutige Declytera mit langem Blütenstengel voll roter Glöckchen zur Hochzeit — zur Hochzeit — ohne das geringste Verständnis für Epheser 5 Vers 24. Der Pastor übersah sie darum auch. Ja, nicht einmal Gärtner Nergaards Bienen, die jedenfalls dieses Jahr zum erstenmal hier oben waren (wahrhaftig! sie kannten den Weg wieder, seit der Wind umgeschlagen war und der Duft lockte!) — nicht einmal die Bienen hörte er, wie sie um die frischen Triebe hinter dem Haus surrten. Eheliche Kümmernisse im Sinne Epheser 5 Vers 24 ziehen einem eine Kappe über den Kopf, und wenn auch die Sonnenstrahlen aufs Haar brennen! Über das sanft abfallende Kirchdorf drüben zur Rechten mit seinen drei Schattierungen von Grün: Wiesen, Äcker und Wald, — glitten seine Augen so blind hin wie der Wind. Eben jetzt zog sich ein Streifen Schwarz über die Bucht, wie versuchsweise, — ein paar vereinzelte Furchen; er war mitten drin und sah es nicht. Irgendwo von oben muhte eine angepflockte Kuh sehnsuchtsvoll nach: Wasser — Wasser! Alles um ihn her ein Warten — und ungesehen ..., bis ein verzweifelter Kinderschrei die warme Blütenduftluft zerriß ... ein einziger, langgezogener Schrei. In diesem Schrei hörte er jede Schwingung; der packte ihn an der Brust wie eine erbarmungslose Hand. Er fuhr auf und stand mit angehaltenem Atem still und wartete auf den nächsten. Aber er kam nicht, der nächste ... es mußte schon beim ersten sich vollständig erschöpft haben ... nein! da gellte es wieder! War der erste Schrei verzweifelt gewesen, so war dieser die Todesangst selbst ... und wieder einer ... und noch einer! Der Pastor stand blaß — alle Sinne gespannt — da. Da erklangen von rechts rasche Schritte im Sand. Es war seine Mutter, die an dem Türchen zwischen den beiden Gärten zum Vorschein kam, eine alte, hagere Frau mit schwarzer Haube über dem schneeweißen Haar, das an den Wangen herabgekämmt war und einen steifen Rahmen um das vorsichtige, ein bißchen trockene Gesicht bildete.
"Nein!" stieß der Pastor hervor, "nein, Gott sei Dank, Edvard ist das nicht! Solches Getue leistet sich der nicht, wenn er weint! Mein Bengel macht kein solches Geschnörkel! Der heult schlankweg drauf los!"
"Schlimm genug ist's — einerlei, wer's ist!" antwortete sie.
"Hast recht, Mutter!" Und er betete im Herzen sogleich für den armen Knirps, der da so jammervoll schrie. Aber nachdem das erledigt war, dankte er doch Gott, daß es nicht sein Junge war. Das mußte man ihm schon erlauben!
Währenddessen kam ein hochgewachsener Mann in hellem Anzug und Panamahut den Weg herauf. Die ganze Zeit über blickte er nach dem Haus und dem Garten. Der Pastor sah auch ihn an, erkannte ihn aber nicht. Der Fremde kam über die Straße herüber und geradenwegs auf die Treppe zu. Ein hochgewachsener Mann mit kurzem, sonnverbranntem Gesicht, einer Brille, und eigentümlich raschem Gang. Wer in aller Welt...? — Der Pastor trat vom Fenster zurück, eben als der Fremde die Treppe erreichte. Er mußte sie in zwei Sätzen genommen haben, denn schon erklangen Schritte im Gang. Es klopfte.
"Herein!"
Die Tür wurde geöffnet; doch der Fremde blieb draußen stehen.
"Edvard!"
Der andere antwortete nicht. "Aber, Edvard! Du hier! Und ohne Dich anzumelden? Bist Du's denn wirklich?" Und der Pastor lief auf ihn zu, streckte ihm beide Hände entgegen und zog ihn herein. "Willkommen! Herzlich willkommen, alter lieber Kerl!" Sein Gesicht strahlte vor Freude.
Edvards sonnverbrannte Hände drückten zur Antwort des Schwagers Hände, seine Augen glänzten hinter der Brille; gesprochen hatte er noch nicht.
"Warum redest Du denn kein Wort, Alter?" rief der Pastor und legte beide Hände auf Edvards Schultern. "Bist Du denn Deiner Schwester nicht begegnet?" — "Doch! Von ihr hab' ich erfahren, wo ihr wohnt." — "Und Du bist ihr davongelaufen? Wolltest wohl eher hier sein? Es ging Dir wohl zu langsam mit dem Jungen, was?" fragte der Pastor. Seine warmen Augen blickten voll ungeteilter Freude in die Augen des andern. — "Nicht nur deswegen. Du wohnst hübsch hier."
"Ja, nicht wahr? Und Du sollst gerade so hübsch wohnen, wenn ich auch unseren Stadtteil im Norden dem Zentrum vorgezogen hätte." — "Ich hatte ja wohl keine Wahl." — "Nein, das ist wahr. Wenn Du das Krankenhaus übernehmen wolltest, so mußtest Du auch die Doktorwohnung dazu nehmen; die beiden gehören zusammen. Übrigens nicht zu teuer — das sagen alle. Und sehr bequem — und eine Menge Grundbesitz dabei. Na, jetzt hast Du Dich aber auch lang genug draußen herumgetrieben. Wahrhaftig — mehr als lang — so in einer Tour. Aber warum hast Du denn nicht geschrieben? Warum Dich nicht angemeldet? Herrgott — ich hab' Dich ja nicht einmal gleich erkannt! Und dabei hast Du Dich eigentlich gar nicht verändert!" Er betrachtete das hagere Gesicht des Schwagers, das ihm nur weicher im Ausdruck erschien als früher. Dabei plauderte er unaufhörlich weiter, während sie auf und ab gingen oder am Fenster standen. Jetzt wandte Edvard sich zu ihm: "Aber Du, Ole — Du hast Dich verändert!" — "Wirklich? Das hätt' ich nicht gedacht. Die andern finden das nicht." — "Doch — Du hast so einen geistlichen Anstrich bekommen." — "Geistlich? Haha! Du meinst, ich bin ein bißchen dicker geworden? Ich kann Dir versichern, ich tue alles, was ein Mensch tun kann, um dem abzuhelfen; ich arbeite im Garten, ich mache weite Spaziergänge; aber — — — siehst Du, meine Frau pflegt mich eben zu gut. Und die Menschen hier sind zu liebenswürdig zu mir." — "Du solltest es machen wie ich." — "Wie machst Du's denn?" — "Ich lauf' auf den Händen!" — "Hahaha! auf den Händen? In meiner Stellung?" — "In Deiner Stellung? Wenn Du einmal durch das ganze Kirchenschiff auf den Händen liefest — das wäre eine Predigt!" — "Hahaha! Und Du kannst wirklich noch auf den Händen laufen?" — "Und ob!" — Und im selben Augenblick lief er auch schon. Die lose, kurze, rohseidene Jacke hing ihm dabei über den Kopf, der Pastor betrachtete sie, das Rückenteil der Weste, das Hemd zwischen Weste und Hosenbund, ein Stück von den Hosenträgern, die Hosen, die Strümpfe, die braunen Segeltuchschuhe mit den dicken Gummisohlen. Kallem hatte mittlerweile schon fast die Runde um das Zimmer gemacht. Der Pastor wußte nicht recht, wie er sich dazu verhalten solle. Kallem stand tiefatmend und erhitzt auf, nahm seine Brille ab, putzte sie und begann kurzsichtig die Bücherregale zu betrachten.
Nun fühlte der Pastor, daß irgend etwas vorgefallen war — etwas, worüber der Schwager sich ärgerte. Hatte die Schwester etwas gesagt, das ihn verstimmen konnte? Doch nein — was hätte das wohl sein sollen! Bei ihrer Bewunderung für ihn! Das beste war — gleich ehrlich und offen fragen; warum nicht lieber gleich Klarheit schaffen? Kallem hatte die Brille wieder aufgesetzt und ging an ihm vorbei, zum Pult; darüber hing ein Christus von Michelangelo — ein Holzschnitt. Er sah flüchtig zu ihm auf, dann auf das Heft, das aufgeschlagen auf dem Pult lag. Und ehe der Pastor noch eine Frage tun konnte, sagte Kallem: "Johnsons systematische Theologie? Die hab' ich mir gleich in Kristianssand gekauft." — "Die? Du?" — "Ja. Ich hab' sie seither nie bekommen können. Dort lag sie im Schaufenster aus. Es war wie ein Wahrzeichen der Heimat." — "Nein! Das ist nicht Norwegen!" sagte der Pastor. "Das ist in der Hauptsache nichts als unhaltbare Juristerei." Verwundert über diese Antwort des Pastors und den Ton, in dem sie vorgebracht wurde, wandte Kallem sich um: "Ist diese Denkweise unter den jüngeren norwegischen Theologen allgemein?" — "Ja. Ich habe mir das alles wieder zusammengesucht, um morgen die verschiedenen Ansichten über die Versöhnungslehre genau auseinandersetzen zu können." — "Aha! Na ja — eine ganz gute Manier!" — Kallem sah zum Fenster hinaus. Zum vierten oder fünften Male schon. Sicher — da stimmte irgend etwas nicht. "Da sind sie!" sagte er. Er stand am hinteren Fenster, der Pastor am vorderen, von wo aus er jetzt den roten Sonnenschirm seiner Frau über dem Musselinkleid auftauchen sah. Sie ging langsam und hielt den Jungen an der Hand, der anscheinend unaufhörlich plapperte, denn sein kleines Gesicht war fortwährend zu ihr emporgewandt, während er den unebenen Weg entlang stolperte. Die beiden gingen drüben auf der andern Seite. Aber hier unmittelbar am Zaun ging eine Dame ... Eben hob sie ihren grünen Sonnenschirm in die Höhe (wie hübsch der war!) — eine Dame, nicht so groß wie Josefine, aber schlanker; sie sah sich um; ihre Bewegungen waren merkwürdig leicht; ihr Haar war rotblond, und sie trug ein schottisches Reisekostüm von fremdartigem Schnitt; es mußte eine Ausländerin sein. Freilich, jetzt erklärte es sich, weshalb Edvard vorausgegangen war; er hatte allein sein und die beiden allein lassen wollen. "Wer ist denn die Dame, die da neben Josefine geht? Sie muß mit demselben Dampfer gekommen sein wie Du?" — "Ja." — "Du kennst sie?" — "Ja. Es ist meine Frau." — "Deine ... Du bist verheiratet?" Er sagte es so laut, daß beide Damen heraufsahen. Er zog den Kopf zurück und wandte sich um. Aber er sprach ins Leere. Der Doktor sah noch immer zum Fenster hinaus. Die Antwort kam auch von draußen: "Ja, seit sechs Jahren." — "Seit sechs —?" Des Pastors Kopf fuhr wieder zum Fenster hinaus; ein aufs höchste verwundertes Gesicht starrte Kallem an. Seit sechs Jahren! dachte er. Wie lang ist es doch her, daß ...? Mein Gott, es ist ja knapp sechs Jahre her, daß ...
Die Damen waren mittlerweile vor dem Garten angelangt, die Fremde dicht am Zaun, während Josefine und der Junge jetzt herüberkamen. "Du, Mutter, warum fallen denn kleine Jungs immer grad' auf den Kopf?" Keine Antwort. "Mutter, warum fallen sie denn nicht auf die Beine?" Keine Antwort. "Weil der Oberkörper schwerer ist, mein Junge!" Kallem sagte es. Alle drei sahen hinauf.
Im selben Augenblick verließ er das Fenster, um ihnen entgegenzugehen; der Pastor hinterdrein; aber er blieb auf der untersten Treppenstufe stehen.
Die Augen der Dame füllten sich mit Tränen, während Kallem auf sie zukam; vergebens versuchte sie, es zu verbergen, indem sie bald nach rechts, bald nach links blickte. Josefines Augen waren kalt. Der kleine Edvard war auf seinen Vater zugelaufen und erzählte ihm, Nicolai Andersen sei auf "die Leiter" hinaufgeklettert (er deutete dabei nach dem neuen Haus hinunter) "und 'runtergepurzelt". Und "die neue Dame" habe ihm ihr Taschentuch um den Kopf gebunden. Das schien den Pastor gerade jetzt nicht so stark zu interessieren, als der Junge erwartet hatte; deshalb lief er ums Haus herum zur Großmutter, um es der zu erzählen.
"Ich brauche sie Dir wohl nicht vorzustellen?" sagte Edvard Kallem, während er die Hand seiner Frau faßte und dem Pastor in die Augen sah. Dieser suchte nach Worten, fand keine und schielte zu Josefine hinüber, die jedoch keine Miene machte, ihm zu helfen.
Vor kaum acht Tagen hatte der eifrige Geistliche gegen die vielen Scheidungen mit darauffolgender neuer Ehe im "Morgenblatt" einen Artikel geschrieben mit der Überschrift: "Ehe oder Hurerei?" Und hatte darin mit unwiderleglichen Beweisen dargetan, daß nach der heiligen Schrift kein anderer Scheidungsgrund gelte als Untreue. Wer seinen Ehegenossen beim Ehebruch betreffe, sei frei und könne sich wieder verheiraten; wenn jedoch ein Mensch sich aus anderen Gründen scheiden lasse und sich wieder verheirate, während sein Ehegenosse noch lebe, so bestehe die erste Ehe fort und die zweite sei Hurerei. Vor noch nicht acht Tagen hatte er unter voller Zustimmung seiner Frau das geschrieben. Und eben, weil jene Begebenheit mit Kallem und Ragni Kule ihm noch frisch im Gedächtnis stand, erzählte er in diesem Artikel, wie die Frau eines kranken Mannes der Stellung, die Gott ihr zuerteilt hatte, überdrüssig geworden sei und heimlich ein Liebesverhältnis mit einem andern unterhalten habe, wie sie dann gleich nach der Entdeckung geflüchtet sei und sich habe scheiden lassen. "Gesetzt nun den Fall," schrieb er, "daß eine solche Frau sich wieder verheiratet und noch dazu mit dem, der ihr geholfen hatte, ihren Mann zu betrügen? Wer könnte eine solche Ehe anders nennen als fortgesetzten Ehebruch?"
Wort für Wort hatte er so geschrieben. Seine Frau stimmte völlig mit ihm überein; sie haßte die Frau, die ihren Bruder verführt hatte, im voraus. Und nun standen beide vor ihr. Und Ragni war des Bruders Frau.
Etwas Undenkbareres hätte das Wiedersehen gar nicht bringen können! Und dabei waren sie so sicher gewesen, daß der Bruder all solche Leichtfertigkeit von sich abgetan hatte! Er war ja jetzt ein Mann der Wissenschaft, dem schon eine Professur angetragen war, unter sämtlichen jüngeren Ärzten vielleicht der Mann, von dem die Kollegen am meisten erwarteten.
Das war eine Enttäuschung, die nicht zu verwinden war! Und der Gedanke, daß sie nun mit diesen beiden an einem und demselben Ort leben, sie ihren Bekannten in der Gemeinde als Herr und Frau Kallem vorstellen sollten! Nachdem Tuft unter seinem vollen Namen ihr Zusammenleben für Ehebruch erklärt hatte!
Natürlich hatte Kallem es gelesen, er, der so eifrig nach der Wesenseigentümlichkeit des zeitgenössischen Norwegens forschte, daß er sogar Johnsons Dogmatik las! Natürlich las er vor allem die Zeitungen. Er hatte es gelesen, und das erklärte alles! Sie stand da und wußte nicht wohin, klammerte sich bloß an ihn an. Und er? Sein rechter Arm umschlang sie jetzt, als wollte er sich laut zu ihr bekennen. Sie hielt mit ihrer Rechten hartnäckig den Sonnenschirm über sich, als könne der sie schützen; aber auf die Dauer ging das nicht, das Taschentuch mußte heraus, und weil sie ihr eigenes nicht hatte, nahm sie verstohlen das ihres Mannes.
"Wollen wir nicht hineingehen?" sagte der Pastor mechanisch. Das geschah. Er führte sie im Haus umher, während Josefine sich entfernte, um für Erfrischungen zu sorgen. Vom Studierzimmer, das nach dem Garten zu gelegen war, kamen sie ins Wohnzimmer, das nach der Straße ging, dann in die dahinter liegende Eßstube, von dort in die Küche, die an der Nordseite des Hauses lag und einen besonderen Eingang hatte. Auf derselben Seite lag noch die Speisekammer und ein Fremdenzimmer, das an das Studierzimmer stieß und eine Altane hatte, die mit der Treppe am anderen Ende der Fassade korrespondierte. Im Oberstock verschiedene Schlafzimmer usw. Das Herumführen dauerte kaum fünf Minuten. Von Seiten des Pastors nur die allernotwendigsten Worte; von Seiten Kallems ein paar spöttische Bemerkungen, erst als er aus mehreren Anzeichen ersah, daß der Pastor zurzeit im Fremdenzimmer schlief und Josefine mit ihrem kleinen Sohn oben, und dann, als er die seltene Sammlung von Bildern berühmter Theologen sah, die, um Luthers Bild gruppiert, an der großen Wand des Wohnzimmers hingen. Die Erfrischungen, die Josefine anbot, lehnte er ab, verabschiedete sich und ging.
Ragni war wie eine Unsichtbare nebenher gegangen. Jetzt, zum Schluß, glitt ihre lange, schmale Hand durch die Hände des Schwagers und der Schwägerin wie ein Hermelinschwänzchen durch ein Mauerloch. Die Augen huschten scheu über sie hinweg wie der Schatten eines Flügels. Der Pastor gab bis an die Treppe das Geleite; Josefine blieb an dem großen Fenster stehen.
Kallem ging so rasch, daß Ragni alle drei Schritt einen kleinen Sprung machen mußte. Der Pastor stand noch draußen und sah es. Diese Hast steigerte die Erregung, in der sie sich befand, und als sie ungefähr in der Mitte zwischen der Strandstraße und dem Pfarrhof waren, bat sie ihn, stehen zu bleiben, und fing zu weinen an.
Kallem stutzte über diese von der seinen so verschiedene Gefühlsskala; er war empört. Aber bald merkte er, daß sie wahrscheinlich gerade über seine eigene Art sich zu benehmen weinte. Er zog sie mit sich an den Zaun, und stellte sich mit dem Rücken dagegen: "Hab' ich mich nicht richtig benommen?" — "Du warst so böse — hu, so böse, und nicht bloß gegen sie und ihn, sondern auch gegen mich; ja, Du, — ganz besonders gegen mich! — Nicht angesehen hast Du mich — überhaupt nicht die geringste Rücksicht darauf genommen, daß ich dabei war!" — "Aber, liebes Herz, das hab' ich doch gerade Deinetwegen getan!" — "Dann laß mich lieber gleich wieder fort! Das halt' ich nicht aus!" Und sie warf sich an seine Brust. — "Aber, Kind, — hast Du denn nicht gesehen, wie Josefine war?" — "Ja doch!" erwiderte Ragni, und hob den Kopf; der Hut saß im Nacken, das Haar war zerzaust. "Sie wird mich noch einmal töten!" Und wieder flüchtete sie an seine Brust. — "Na, na!" sagte er, "sie soll Dir schon kein Härchen krümmen. Aber verteidigen werd' ich Dich wohl noch dürfen!" — Sofort tauchte ihr Kopf wieder auf. "Nicht so! Ich hätt' überhaupt nie geglaubt, daß Du so sein könntest! Es war so ... so unvornehm, Edvard!" Und sie faßte ihn am Rockkragen und zupfte daran. — "Nun hör' einmal", sagte er ruhig, — "das, was der Kerl über uns geschrieben hat, das war unvornehm! Und ihr Schweigen? Ich finde, das war noch schlimmer als alles, was er geschrieben hat." Hierauf erwiderte sie nichts. Nach einer Weile hörte er ein leises: "Ich passe nicht da hinein!" Er beugte sich über ihren Kopf; der Hut fiel zu Boden; keins von beiden achtete darauf. Leise redete er in ihr rotblondes Haar hinein: sie müsse nicht gleich so verzweifelt sein, nicht gleich von Sterben oder Fortgehen sprechen. "Wir müssen das mannhafter nehmen, verstehst Du, Schatz?" — "Ja." Ihr zerzauster Kopf richtete sich wieder auf. "Aber Du mußt nicht vergessen, daß ich jetzt dabei bin; Du kannst nicht so sein, als wenn Du allein wärst!" — Nein, das merkte er denn auch, und hatte ein recht böses Gewissen.
Zur selben Zeit war Josefine wieder in dem Zimmer, das nach der Straße hinausging; es hatte ein einziges Fenster, das größer als zwei gewöhnliche war, und da stand sie und lehnte den Kopf ans Fensterkreuz. Der Pastor stand hinter ihr. Er nannte es einen bösen Zufall, daß er das im "Morgenblatt" geschrieben hatte. "Dein Bruder hat mir erzählt, er sei schon seit sechs Jahren verheiratet." Josefine fuhr hastig herum. Aber nach einer Weile des Nachdenkens sagte sie nur: "Unsinn!" und wandte sich wieder zum Fenster zurück. Der Pastor meinte auch, das könne nur ein schlechter Witz sein. Sie hätten sich doch nicht trauen lassen können, ehe sie gesetzlich geschieden war. — "Ganz merkwürdig war er — auf einmal fing er an, auf den Händen zu laufen!" Wieder wandte sie sich nach ihm um, mit ihren größten Augen. "Jawohl, auf den Händen ist er gelaufen", versicherte der Pastor. "Ums ganze Studierzimmer herum. Er behauptete, so sollte ich einmal zum Altar gehen. Wenn er Luther verhöhnt, so muß ich mich ja wohl damit abfinden, daß er auch mich verhöhnt!"
Sie wünschte offenbar nicht, daß er gerade jetzt über diese Begegnung sprechen sollte; es tat ihr zu weh. Er zog sich ins Studierzimmer zurück; aber er sah keineswegs bloß mißvergnügt aus, während er sich seine Pfeife stopfte.
Josefine hatte sich so unendlich viel von dem Wiedersehen und dem Zusammenleben mit dem Bruder versprochen. Sie hatte nicht die leiseste Andeutung hören wollen, daß es möglicherweise anders kommen könne, als sie erwartete. Wer weiß — was sie jetzt litt, war ihr vielleicht ganz gesund!
Aber war er denn selber heut so gewesen, wie er hätte sein sollen? O ja, er glaubte doch wohl. Gebe Gott, daß er es nur immer so sanftmütig ertrug! Denn bei dem einen Mal blieb es nicht; das ahnte er wohl.
Die Pfeife schmeckte, und das Predigtheft wurde wieder zur Hand genommen; aber der Gedanke an Josefine drängte sich dazwischen. Nie hatte er in ihrem ehelichen Verhältnis die Sicherheit gefühlt, deren andere sich erfreuten. Sie hatte ihre schwierigen Zeiten — und dies letztemal war es schlimm gewesen. Zweifellos, weil alle ihre Gedanken sich mit dem einen beschäftigten, der nun bald zurückkehren würde ...
"Psst!"
"— Die Rechtfertigung ist eine Tat des Augenblicks in uns, ein Vorgang ein für allemal. Alle Sünden sind ausgelöscht; in Gottes Augen sind wir ebenso rein und heilig wie Christus."
2
Die beiden, die dort unten auf der Straße Frieden geschlossen hatten, wanderten Arm in Arm weiter. An der Ecke der Strandstraße stand auf einem Gerüst Maurer Andersen, ein vierschrötiger Mensch mit langem, braunem Bart und einer Schutzbrille — der ganze Mann weiß von Kalk. Er erkannte die hellgekleidete Dame wieder, die seinem Jungen beigesprungen war, und da sie jetzt Arm in Arm mit dem Brillenmann einherkam, den er vorher hatte hinaufgehen sehen, dachte er sich, das müsse der neue Doktor sein. Der Pastor war ja sein Schwager; von dem kamen sie jetzt jedenfalls zurück. Andersen hielt mit der Arbeit inne und grüßte; Ragni hielt ihren Mann an und sagte etwas — das sah Andersen. Er rief den Arbeitern, die da hämmerten, zu, sie möchten einen Augenblick still sein, und fragte dann, was sie gesagt habe. Sie wollte wissen, ob der Junge jetzt schlafe. Jawohl; aber sie möchten doch recht gern, der Herr Doktor solle nach ihm sehen, wenn er wieder wach sei; "Sie sind ja doch wohl der neue Herr Doktor?" — "Richtig geraten!" Jetzt kamen sofort die Leute im Haus drinnen an die Fenster, ebenso die im nächsten Haus; ein Vorübergehender blieb stehen, guckte die beiden an, ging weiter und erzählte es der ganzen Straße. Andersen benützte die Gelegenheit, auch gleich mit seinen schwachen Augen zu kommen. Jawohl, die würde sich der Doktor nächstdem einmal ansehen. Aus den Fenstern und auf der Straße sahen ihnen die Leute nach. Sie waren jung, was brauchte es weiter? Bald hatten sie vergessen, was kürzlich vorgefallen war, und fühlten — hier konnten sie heimisch werden!
Unter denen, die unwillkürlich grüßten, befand sich ein junger Mann mit fast zu üppigem Haarwuchs, blassem, merkwürdig gewölbtem Gesicht, schmächtig gebaut und hoch aufgeschossen; etwas Feines, Befangenes lag über ihm. Als sie ihn ansahen, errötete er. "Da hast Du wahrhaftig schon eine Eroberung gemacht!" flüsterte Kallem. Kurz darauf kam ein sonderbarer Gesell ihnen entgegen, lang, vornübergebeugt, in Bluse und Schurzfell. Schwarzes, verstaubtes Haar, das Gesicht ungewaschen, fast rußig. Er trug allerlei Handwerkszeug in seinen schmalfingrigen Händen; die hingen an außergewöhnlich langen Armen, die im Bogen hinter ihm herschlenkerten. Hätten sie im Takt geschwungen, sie hätten zusammenstoßen müssen. Eine Mütze trug er nicht; das kurzgeschnittene Haar ließ die ganze Kopfform erkennen. Die Stirn war weder breit noch hoch, aber ungewöhnlich fein gebaut. Die Wangenpartie länglich, mit vortretenden Backenknochen. In den kleinen, eiskalten Augen und um den zusammengekniffenen Mund etwas Höhnisches. Die Nase klein und flach, das Kinn ziemlich lang. "Du, sieh doch den!" flüsterte Kallem. "Pfui!" antwortete sie. Jetzt strich der Mensch mit forschendem Blick an ihnen vorüber. Kallem blickte ihn ebenfalls an, und als sie aneinander vorbei waren, drehten sich beide um. Eine alte Frau kam gewatschelt. "Wer ist der Mann da?", fragte Kallem. Sie sah erst Kallem an, und dann den andern. "Das ist Kristen Larssen." — "Ein Feinschmied?" — "Was für'n Ding?" — "Feinschmied." — "O ja. Aber Uhrmacher ist er auch. Und Büchsenmacher. Alles mögliche."
Der Strandweg war gegen die Bucht hin offen, ohne Steindamm. Im Wasser lag allerhand verfaultes Zeug, ebenso am Lande. Die ganze Stadt hatte etwas Unfertiges. Ein großes Haus neben einem kleinen; einmal ein steinernes Haus, dann ein hölzernes; und alles wie in der Eile und mit geringen Mitteln errichtet. Die Häuser lagen nicht einmal in einer geraden Linie, und die Straße war kaum eine Straße zu nennen. Die Leute, denen sie begegneten, noch nicht Städter, und doch auch nicht mehr Landleute. Durchgehends "mißtrauisch und freundlich", wie Kallem sagte. "Mischware".
Jetzt waren sie auf dem Marktplatz angelangt, von wo der Weg zur Kirche hinaufführte. Diese lag frei, hoch und schlank auf der Höhe. Hier waren sie Josefine begegnet, eben als sie hatten hinaufgehen wollen; denn dort oben, rechts von der Kirche, frei, in einem Park mit einem Garten vorn, lag ihr Haus. Von hier aus konnte man es nicht sehen.
Die Straße gabelte sich unmittelbar vor der Kirche und führte nach zwei Seiten weiter. An dem Weg rechts mußte ihr Heim liegen. Als sie sich der Kirche näherten, sahen sie den Park hinter ihrem Haus und darin das Dach des großen Krankenhauses. Endlich — sie gingen ganz langsam, voller Spannung, ohne ein Wort zu reden — endlich der große Garten, und darin ihr Haus! Ein Holzbau im Schweizerstil, etwas zu breit, die Fenster groß und alle weit offen. Eine Veranda auf einen sandbestreuten Platz hinaus, zu dem eine Treppe hinunterführte. Daneben der Blumengarten, weiterhin der Gemüsegarten, und zu beiden Seiten, der Stadt zu, ein ziemlich großer Obstgarten. Die beiden nahmen alles gleichzeitig in sich auf. Das also war es! Sechs lange Jahre hatten sie — jedes für sich — dafür gearbeitet, es erträumt in wer weiß wie vielen Formen — nur nicht in dieser! Es hinverlegt nach wer weiß wie vielen Orten — bloß nicht hierher! All die geträumten Bilder waren ausgelöscht von dem, was sie hier vor sich sahen! Beide wandten sich um, maßen Weite und Leuchtkraft der Landschaft, und wandten sich dann lächelnd einander wieder zu. Seltsam — gerade in diesem Augenblick kein Mensch zu sehen — kein Laut, kein Geräusch, das an etwas — nah oder fern — erinnerte! Sie und ihr Heim! Das eine von ihnen sah, was das andere sah; des einen Sehen und Fühlen wurde geschärft durch das Bewußtsein, daß das andere ebenso sah und fühlte. Ragni löste ihren Arm aus Kallems Arm, ging nach dem Zaun hinüber — er war aus Wachholderstäben —, faßte durch die Stäbe, und pflückte ein paar Gräser und einen grünen Zweig; damit kam sie zurück und befestigte es an seinem Rock. Er sah etwas weiter oben einen Büschel Glockenblumen, ging hin, griff durchs Gitter darnach und kam damit zurück; sie nahm sie und sammelte noch mehr dazu; als es schließlich viele waren, sah es hübsch aus.
Neben dem Haus und auf dem Hof lagen Kisten, unausgepackte Möbel, Stroh, Sägespäne, Matten. Ragnis großen Flügel hatte man augenscheinlich soeben ausgepackt und die Beine daran geschraubt; aber kein Mensch war zu sehen.
Ein großer, freistehender Taubenschlag war da. "Denk doch, wenn jetzt Tauben angeflogen kämen? Tauben müssen wir uns halten!" — "Aber denk erst, wenn ein Hund gesprungen käme! Einen Hund müssen wir uns halten!" — Von hier aus führte keine Tür ins Haus; erst vom Weg aus, der Park und Garten trennte. Hier blieben sie stehen und wandten sich noch einmal um, der weiten Landschaft zu.
In der reichsten Gegend vielleicht, die das Land besaß, der sonnenfreudigsten, da lag den beiden das eigene Heim, die Mitte des Kompasses. Ragni lugte seitwärts, ob das Pfarrhaus zu sehen sei. Keine Spur! Kallem ahnte, nach was sie sah, und lächelte. Sie hörten durch die offenen Fenster drin die Arbeiter; jetzt hörte man sie mit Radau und Gelächter die Verandatreppe herunterkommen; sie gingen auf den Flügel los, ohne die beiden zu beachten, die weiter oben standen. Sie schwatzten, probierten, mühten sich ab, unter all dem überflüssigen Gelärme, das eine Arbeit, an die die Leute nicht gewöhnt sind, zu begleiten pflegt. Dann zogen sie mit dem Flügel zur Veranda ab, und bald hörte man sie wieder auf der Treppe trampeln. Kallem und Ragni blickten in den Park; hohe, schöne Bäume und hinten zwischen den Stämmen das Krankenhaus, ein mächtiger Holzbau auf Steinfundament, mit großen, kleinscheibigen Fenstern. Dann gingen sie durch die Tür in den Garten und auf ihr eigenes Haus zu.
Zuerst ein kleines Wirtschaftsgebäude; sonst aber lag das Hauptgebäude nach allen Seiten frei.
Die Obstbäume fingen schon zu blühen an; es mußte warm sein hier oben. Und der Garten! Ragni dachte mit keinem Gedanken daran, daß der wohlbestellte Garten Josefines Werk war; sie freute sich darauf, selbst zuzugreifen. Das Haus mußte neu gestrichen werden; es sollte auch eine andere Farbe bekommen, nicht diese ärmliche gelbe. Ihr Haus, ihr Heim! Kallem trat dreimal fest auf die Erde; der Boden war sein! Er wollte gleich von hier ins Haus; aber nein, sie wollte zum Vordereingang hinein, die Verandatreppe hinauf. So gingen sie zwischen den Kisten und dem Stroh hindurch und guckten zu den Fenstern hinein. Das Haus war im Verhältnis zu seiner Länge und Breite niedrig, das Dach ragte weit vor und lag schwer darauf. Aber es war gut.
Auch die Veranda hatte keine Verhältnisse; sie war breit und die Treppe bequem.
Arm in Arm gingen die beiden hinauf; das erste, was ihnen in die Augen fiel, war eine Enttäuschung; die Eingangstür, eine Glastür, befand sich nicht in der Mitte des Zimmers, sondern ganz unten in der südlichen Wand. Sie sahen bald, daß es nicht anders möglich war, wenn die Veranda in der Mitte des Hauses liegen sollte; rechts lagen nämlich noch zwei Zimmer in einer Flucht mit dem Verandazimmer. Jetzt kamen die Männer, die den Flügel hineingetragen hatten, alle wieder heraus; sie dachten sich gleich, wer die beiden waren, und als sie Ragni erblickten, nahm erst der eine, dann nahmen alle andern Hut oder Mütze ab. Kallem grüßte, Ragni schlüpfte zu ihrem Flügel hinein, der mitten im Zimmer stand, holte den Schlüssel hervor und öffnete ihn, als müsse sie ihn gleich auf der Stelle genau prüfen; sie konnte nicht anders, sie mußte hören, ob er noch gestimmt war. Mit den Handschuhen an den Händen schlug sie Longfellows "Sweet home" an. Bei den ersten Klängen dieser Hymne an die Heimat nahm Kallem den Hut ab. Die andern sahen das, glaubten wohl, es sei ein Choral, und folgten seinem Beispiel.
Ragni hatte ihnen den Rücken zugewandt und bemerkte daher nicht, daß nun von rechts noch zwei Leute zum Vorschein kamen, ein Mann mit rundem, glänzendem Gesicht, und hinter ihm ein kleines Weibchen, das gern hereingeguckt hätte und doch auch nicht gern gesehen sein wollte. Aber jetzt öffnete sich auch die Tür gerade vor ihr, und ein Bauernmädchen spähte bescheiden herein, was das wohl für seltsame Töne sein mochten. Ragni dachte sich gleich, daß es ihr Dienstmädchen sei, das aus der Küche kam, und ging ihr entgegen. "Du bist Sigrid?" — Ja, freilich, es war Sigrid. — "Und wir sind Doktors." — "Kann mirs denken!" sagte sie und kam jetzt ganz herein, ein kräftiges, anmutiges Geschöpf. "Ist es das erstemal, daß Du bei fremden Leuten bist?" fragte Kallem. — Jawohl, es sei das erstemal. — "Und bei uns ist es das erstemal, daß wir haushalten," sagte Kallem; "das wird ganz famos gehen!"
Ragni ging mit hinaus in die Küche. Dort fiel ihr sofort ihr neues Tischservice in die Augen, das eben ausgepackt und abgewaschen war. Jetzt aber konnte sie es nicht mehr aushalten; sie ging hinaus in den Korridor und die Treppe hinauf; sie mußte allein sein. Die Tür zu ihrem Schlafzimmer stand gerade vor ihr offen; sie ging hinein und trat auf die Altane, die über der Veranda lag. Womit hatte sie solch großes Glück verdient? Was wog ihre Arbeit, ihre Sehnsucht im Vergleich zu dem, was hier in dem Haus eines reichen Mannes für sie bereit stand? Und doch — in diesem großen, unverdienten Glück war eine Angst ... Auch von hier spähte sie hinüber — gen Norden. Ob das Pfarrhaus zu sehen war? Nein, es war nicht zu sehen.
Josefine hegte einen Groll gegen sie; das hatte sie sogleich gefühlt. Und ob der Bruder das auch häßlich fand — er hing doch an seiner Schwester; ja, etwas war an ihr, das er ganz besonders liebte; in solchen Dingen täuschte sie sich nie.
Kallem besah sich die Räume unten. Das Paar an der Tür rechts hatte sich wieder zurückgezogen, und die Männer waren bei der Arbeit. Das Verandazimmer war groß; die Fenster gingen auf einer Seite nach der Kirche, auf der andern nach dem Garten; aber er würde Ragni vorschlagen, jene zu verhängen. Einfarbige, hellgraue Wände, die Decke hellblau mit goldenen Sternen; die Farben waren alt; nur der Fußboden war neu gestrichen, ebenfalls hellgrau. Im Zimmer links waren sie noch dabei, frisch zu tapezieren. Was, immer noch nicht fertig? Und auch im nächsten Zimmer noch nicht? Zwei waren dort an der Arbeit, der Mann und die kleine Frau, die vorhin in der Tür aufgetaucht waren. "Guten Tag!" grüßte Kallem. "Guten Tag!" erwiderte das runde, glänzende Gesicht mit dänischem Tonfall. Kallem trat näher an den Tisch heran, vor dem der Mann stand und die Tapeten zurecht schnitt. Die Frau hielt sich dicht an seiner Seite; jetzt verkroch sie sich ganz hinter ihm. "Ist das Ihre Frau?" — "Jawohl, meine Frau; und außerdem mein Gesell; Gesell und Frau; aber meine Gesellenfrau ist sie darum doch nicht!" Das kleine Weibchen hinter ihm kicherte, wenn auch fast unhörbar. Der Mann hatte hervorstehende rollende Augen, in denen ein Schelm saß. "Ich dachte, Ihr wärt fertig." — "Man arbeitet unter Hindernissen, Herr Doktor!" Sie gluckste vor Lachen, aber immer wie aus einem dicken Pack heraus. — "Ist Ihre Frau auch Dänin?" — "Nein, Norwegerin; aber wir passen trotzdem gut zueinander." Sie duckte sich, fortwährend kichernd, noch tiefer hinunter.
Der Raum, in dem sie standen, war lang und schmal; Kallem sah sofort, daß es das Eßzimmer werden mußte, wahrscheinlich auch das Wartezimmer für die Kranken. Das dahinter, mit den Fenstern nach vornheraus und nach Südost, war selbstverständlich sein Arbeitszimmer, in dem er Patienten empfing, wenn er nicht im Krankenhaus war. Er ging gar nicht erst hinein, sondern vom Eßzimmer gleich hinaus auf den Gang. Da war rechts die Küchentür. Auf dem Küchentisch sah er eine Reihe Bierflaschen stehen; einige leer, andere noch voll. "Wem gehören die Flaschen?" — "Dem Sattler." — "Sie meinen dem Tapezierer?" — Kallem begriff mit einemmal, was da für "Hindernisse" vorgelegen hatten, und daß der Mann betrunken war, und die Frau noch mehr. Darum waren die Männer so lang im Hause geblieben, bis sie den Flügel geholt hatten! Sie waren mit Bier traktiert worden. "Bitte, rufen Sie mir den Dänen mal heraus!" Das Mädchen ging, und sofort kam auch das runde, glänzende Gesicht mit hundert Schelmen in den Augen zum Vorschein und dahinter die Frau, die einmal rechts und einmal links davon hervorguckte.
"Die Flaschen da gehören Ihnen?" — "Nicht so ganz!" — "Ihr seid also mehrere?" — "Ja — beim Trinken!" — "Aber Sie haben sie bezahlt?" — "Das Bier, ja; aber nicht die Flaschen; die muß man zurückgeben." Die Frau kicherte.
"Darf ich fragen, wie Sie heißen?" — "Sören Pedersen heiss' ich, jawohl, Sören Pedersen!" — "Also hören Sie mal, Sören Pedersen, wollen Sie mir die Flaschen da verkaufen?" — "Das Bier, meinen Sie?" — "Das Bier." — "Aber gern!" — "Dann haben wir heut Nacht doch was zu trinken; wir müssen nämlich durcharbeiten heut Nacht; wir möchten morgen fertig sein. Wir arbeiten mit. Wollen Sie?" — "Wenn der Herr Doktor befehlen." — "Und dann darf ich Sie wohl bitten, heute mit uns zu Abend zu essen?"
In drei, vier Sätzen sprang Kallem jetzt die Treppe hinauf. Ragni stand im Sonnenglanz draußen auf der Altane. Sie wandte sich nach ihm um. Er fragte, ob sie ihr Gebet verrichtet habe. Ja; sie sei fertig.
Auch er blieb ein Weilchen auf der Altane stehen und sah nach dem Inselkindchen hinaus, das da vor seiner Mutter spielte — von hier aus konnte man es sehen — auf die Bucht mit den Wasserfurchen, auf die Berge dahinter in ihrer vornehmen Ferne. Er blickte hinüber, nach rechts, wo Pastors wohnten; sie merkte es wohl. "Sie können uns doch zum Donnerwetter nicht behandeln, als ob wir nicht verheiratet wären? Nicht? Das wollen wir doch sehen!"
Sie zog ihn ins Zimmer und wies auf die Farbe der Wände in ihrem Schlafzimmer; mattweißer Ölanstrich, wie sie es sich gewünscht hatte. Alles sollte weiß sein hier oben, mit Ausnahme der langen Gardinen und Portieren, die von der Decke herab über den beiden Betten, dem Altanfenster und der Tür hängen sollten. Die waren blau in Farbe und Muster, zu den Ornamenten an den Betten und übrigen Möbeln passend. Sie wurde ganz gesprächig; aber Kallem mußte das Krankenhaus besehen; und da wollte sie mit.
Das erste, was er auszusetzen hatte, als sie im Park davor standen, waren ein paar alte schöne Bäume: die standen viel zu nah — die mußten weg. Statt ihrer sah er im Geist schon einen großen freien Platz mit einem Springbrunnen in der Mitte, von dem nach allen Seiten hin Wege in den Park führten. Das Krankenhaus war zweistöckig, gelb gestrichen, mit ungewöhnlich großen Fenstern, aber sehr kleinen Scheiben. Im Unterbau, einem mächtigen Steinsockel, war die Wohnung für die Dienerschaft und den Verwalter eingerichtet. Es sah sehr behaglich aus; Gardinen an allen Fenstern, und Blumen davor. Der Eingang befand sich an der linken Seite des Hauses; ein dichtes, hohes Gitter hegte einen sehr großen Hofraum ein. Kallem freute sich, als er längs des Gitters Ahornbäume stehen sah; er wußte, in vierzehn Tagen konnten hier amerikanische Zelte für die Kranken aufgeschlagen sein — den ganzen Sommer über.
Die Haustür war offen; kein Portier. Im Fenster der Portierloge lagen fromme Schriften und Traktate zum Verkauf aus. Kein Anschlag an der Tür, der angab, wann Besuchszeit sei für die Kranken. Den Portier sahen sie dann im inneren Hof; ein älterer Mann mit ernsten, forschenden Augen; er trug eine Brille, über die er hinwegblickte, und die er abnahm, als er merkte, wen er vor sich hatte. "Sie sind der neue Herr Doktor?" — "Ja." Jetzt nahm er auch seine Mütze ab: "Willkommen!" Der Patient, mit dem er sich eben unterhalten hatte, schlich davon; er war bleich und trug — trotz des sommerlich warmen Tags einen dicken wollenen Schal um den Hals; er hielt sich in der Entfernung, grüßte auch nicht. Der Portier ging mit ihnen.
Das Haus hatte — zu beiden Seiten eines hellen Korridors — je eine Reihe Zimmer, die nach vorn groß, die nach dem Hof zu kleiner; in beiden Stockwerken gleich. Der Portier war nicht nur Portier, sondern auch Verwalter und ältester Aufseher des Hauses. Als solcher stellte er die übrigen Beamten vor, wie sie ihnen gerade in den Weg liefen. Ganz nette Leute, Männer wie Frauen; unter den letzten zwei Diakonissinnen, — die waren die allerfreundlichsten.
Das erste, was Kallem notwendig erschien, war, das Haus von den alten, verpesteten Typhusstuben zu reinigen und einen besonderen Typhuspavillon für den Winter zu errichten. Der Operationssaal war recht hell; aber ein neuer, gebohnter Fußboden mußte sogleich gelegt werden. Der Ventilationsapparat war miserabel. Mit Ausnahme dieser und noch einiger geringerer Mängel — z.~B. die kleinscheibigen Fenster — war das Haus gut; die Zimmer hoch, die Gänge geräumig; das Ganze machte den Eindruck von Helle; es gefiel ihm sehr.
Der Krankenbestand war in Anbetracht der Jahreszeit gar nicht gering. Sein Spezialstudium, die Tuberkulose, war durch drei Patienten vertreten — zwei Knaben und ein etwa zehnjähriges Mädchen, magere, wachsbleiche, armselige Geschöpfe. Er freute sich darauf, sie bald in seine amerikanischen Zelte legen zu können. Der frühere Besitzer des Krankenhauses, der alte Doktor Kule — ein Onkel von Ragnis erstem Mann —, war gestorben. Kallem hatte es sehr billig erstanden, da sich im Augenblick niemand anders fand, der es übernehmen wollte. Hier konnte er sich einrichten und seine Zeit einteilen, ganz wie er wollte; er hatte freie Hand. Der Bezirk gab einen Beitrag; ein Komitee, bestehend aus dem Distriktsarzt und einem zweiten Arzt, führte die Oberaufsicht; aber er war ganz sein eigener Herr. Dieser erste Besuch machte ihnen beiden Freude. Sie kehrten in ihre Wohnung zurück, guten Muts und fürchterlich hungrig, nahmen in der Küche eine kleine Vespermahlzeit zu sich, tranken ein Glas Wein dazu, und dann noch eins auf das große Ereignis: daß sie zum erstenmal im eigenen Hause aßen.
Im Wohnzimmer stand noch alles bunt durcheinander. Trotzdem ging Ragni an den Flügel. Sie hatte sich — seit fünf oder sechs Jahren — ganz heimlich an Übersetzungen aus der englischen Literatur, besonders der Versliteratur versucht. Ein bißchen warm vom Wein — ein bißchen verlegen — schlug sie ein paar Akkorde an — bat ihn, sich nicht vor sie hin zu stellen — schlug wieder Akkorde an und sang mit einer kleinen, weichen Stimme, die mehr rezitierte als sang: