Wenn goldner Strahlenglanz
Über Firnen hüpft im Tanz,
Tief in den Abgrund dringend,
Beschwingend
Den zum Lichte kletternden Stengel,
Daß er sich träumt als seligen Engel.
Dann ist es Morgen,
Wirklich, wirklich Morgen.
Doch wenn's wettert und sprüht,
Und krank mein Gemüt,
Kann das Morgen sein?
Nein.
Wenn Blümlein im Frühlicht blinken,
Und Vöglein Tautropfen trinken
Und zwitschernd dem Baum zum Lohne
Eine Krone
Von jungfrischem Grün versprechen,
Vom Meere erzählen den sehnenden Bächen.
Dann ist es Morgen,
Wirklich, wirklich Morgen.
Doch wenn's wettert und sprüht
Und krank mein Gemüt,
Kann das Morgen sein?
Nein.
Wenn die Kraft, die das Leid durchdringt,
Sonne der Seele bringt,
Wenn in deinen Armen
Erwarmen
Alle die Menschen, groß und klein,
Dann gegen alle nur gut zu sein.
Dann ist es Morgen,
Wirklich, wirklich Morgen,
Die gefährliche Kraft,
Die das Höchste schafft,
Ist sie's, die dir nah?
Ja.
Melodie wie Begleitung waren ganz eigenartig. "Wie das sich Hals über Kopf hinauswirft!" sagte Ragni. Kallem fragte, was das für ein Frauenzimmertext sei. Tilla erwiderte, er habe in irgendeiner Zeitung gestanden; wahrscheinlich eine Übersetzung. Als aber die andern gegangen waren, vertraute Ragni ihrem Mann an, der "Frauenzimmertext" sei eine von ihren Übersetzungen. Sein Vetter habe sie an ein norwegisch-amerikanisches Blatt eingeschickt, und von da sei sie weitergegangen. Dies Zusammentreffen bewirkte, daß Kallem schon am nächsten Tag Karl Meek aufsuchte, und daß dieser drei Tage darauf samt Klavier, Büchern und Kleidern in dem großen Giebelzimmer in Kallems Haus installiert war — in der Stube, die nach dem Park hinausging. Kallem hatte auch den stärksten Widerstand von seiten Ragnis überwunden.
5
Fortan saß ein langhaariger, aufgeschossener Mensch mit am Tisch, — die Beine um die Stuhlbeine geschlungen — und mit schmalen, roten Fingern, die voller Frostbeulen waren und so feucht, daß Ragni es nicht über sich brachte, sie zu berühren. Auch reden konnte sie nicht mit ihm, nach dem, was Kallem ihr von ihm gesagt hatte; all das Schöne, das sie bei der ersten Begegnung an ihm gesehen hatte, war durch diese Worte wie ausgelöscht. Er trat hastig ein, als habe er es sich eingeübt; und regelmäßig blieb dann sein Rock oder sein Ärmel an der Türklinke hängen, oder die Tür wollte nicht beim ersten Versuch zugehen — oder er verhedderte sich mit den Beinen, oder er riß einen Stuhl um oder rannte mit dem Mädchen zusammen, die etwas hereingebracht hatte und wieder hinausging. Er sah den Menschen nie ins Gesicht; die schönen Augen waren schläfrig und erloschen, die Gesichtsfarbe aschgrau; er studierte das Muster auf dem Teller und dem porzellanenen Brotkorb, die vor ihm standen. Nie redete er ein Wort. Wenn jemand ihn ansprach, fuhr er auf, und antwortete "Ja" oder "Nein" — als habe er glühende Kohlen im Mund. Aber fressen tat er — nach Ragnis Ausdruck — wie ein Scheunendrescher. Und wenn er dann mit den feuchtkalten Händen an seinen Hosen herunterstrich oder sich durch das dicke, fettige Haar fuhr, dann war er noch schlimmer als Kristen Larssen!
Jeden und jeden Tag diesen ekligen Bengel am Tisch! Und abends Kristen Larssen! Dazu noch die vielen alten Weiber, die Kallem ihr schickte, damit Ragni sie mit wollenem Zeug versehe! Kinder, die sie oft von Kopf bis zu Fuß neu kleiden mußte, — alle seine Tuberkulosefreunde!
Nicht nur, daß die Menschen an sich ihr unangenehm waren; sondern daß alle Türen offenstanden —! Sie hatte keine Freistatt mehr, war nicht mehr Herr ihrer Zeit! Mit ihm darüber zu sprechen, — was hatte das für einen Zweck? Wenn das, was ihr die tiefste Qual bereitete, seine höchste Freude war? Ein bißchen Eifersucht war auch dabei: er hatte überhaupt keinen Blick mehr für sie und das, was ihr lieb war! Die Sache mit seiner Schwester ließ er auch einfach so hängen. Pastors waren schon längst wieder da. Josefine hatte eines Morgens einen flüchtigen Besuch gemacht — im Garten — und hatte Blumen vom Grab des alten Kallem gebracht; die beiden Schwäger trafen sich auf der Straße und an den Krankenbetten; auch seine Schwester traf Kallem bisweilen dort; sie tat viel für die Armen. Aber weder kam sie zu ihm, noch er zu ihr; Pastors gaben auch keine Gesellschaft für sie, wie jedermann doch erwartet hatte; sie gaben überhaupt keine Gesellschaften mehr. Ragni war sich keinen Augenblick unklar über den Grund. Kallem merkte nicht, wie dies Unausgesprochene sie peinigte, auch nicht, daß es ihr in gewisser Art die Stadt verschloß. Und sie mochte ihn damit nicht quälen. Er hatte die ganze Freiheit des vielbeschäftigten Mannes, der über alles hinweggeht, was ihm nicht "bequem" ist. Bei seiner täglichen Jagd auf Tuberkulose waren ihm die alten Weiber und die Kinder, die er angeschleppt brachte, weit wichtiger als "diese ganzen religiösen Katzbalgereien", — leider auch wichtiger als die Anmut und Traulichkeit, die ihr ein Lebensbedürfnis waren.
Ganz hinten in dem großen Krankenhausgebäude war ein langgestrecktes Vorratshaus, mit Holzschuppen usw. Dort richtete Kallem einen Turnsaal ein, und dorthin ging's in Gesellschaft des aschgrauen Burschen jeden Abend von sechs Uhr an. Solange das dauerte, kam er pünktlich nach Hause, machte selber seine Turnübungen, forderte seinen Begleiter zu einem Wettstreit heraus und brachte Ordnung und Schwung in die Sache. Der verschüchterte Junge hatte, seitdem er ins Haus gekommen war, sein Klavier kaum angerührt; er war zu befangen der Hausfrau gegenüber. Deshalb setzte sich Kallem täglich gegen Abend eine halbe Stunde mit einem Buch zu ihm aufs Zimmer; und während der Zeit mußte Karl spielen. Als Arzt hatte er sich sein Vertrauen erzwungen und war nun mit immer wacher Freundlichkeit auf dem Posten, und bald kam der Junge wirklich schon viel sicherer ins Wohnzimmer und schlich auch nicht gleich wieder heimlich hinaus. Schließlich — auf eindringliches Zureden Kallems — faßte sie sich ein Herz und sagte eines Sonntagmorgens zu Karl: "Gehen Sie nicht auf Ihr Zimmer, bitte! Wollen wir nicht einmal ein bißchen vierhändig spielen? Wir nehmen etwas ganz Leichtes!" fügte sie hinzu. Verzweiflung erfaßte ihn; aber das Glück wollte, daß er fast seinen Klaviersessel umriß, als er sich setzen wollte, und beim Rettungsversuch beinah auch ihren umwarf — und darüber kamen sie beide ins Lachen, und das half über das Schlimmste hinweg.
Da saß sie nun — frisch und schlank, in einem rotseidenen Kleid, um Hals und Handgelenk Spitzen, die weißen langen Spielfinger neben seinen schmalen, roten; ihr geistvolles Gesicht oft ihm zugewandt; ein Resedaparfüm entströmte ihrem Kleid — ein Duft ihrem Haar ... Er zitterte vor Verlegenheit. Wie häßlich er sich selber vorkam! Und wie sein eigenes Haar roch! Er strengte sich so an beim Spielen, daß er bald ganz müde war und lauter Dummheiten machte. "Sie sind gewiß nicht recht aufgelegt heute!" sagte sie und stand auf.
Wie ein begossener Pudel zog er ab; er wand und krümmte sich — er wollte davonlaufen — zum neunundneunzigstenmal. Mittags kam er nicht zum Essen, war überhaupt im ganzen Hause nicht zu finden. Kallem fragte nach ihm. Da erzählte Ragni, wie kläglich es gegangen sei; schon nach einer halben Stunde sei er müde gewesen. Ein junger Mensch, der so wenig leisten könne — das sei ihr einfach widerlich! "Ach, Du mit Deiner ewigen Ästhetik!" Und er machte sich auf die Suche nach dem Jungen, opferte seinen ganzen schönen Sonntagnachmittag und kam endlich, gegen Abend, mit ihm zurück. Drinnen, im Studierzimmer, beteuerte sie flüsternd, sie wolle lieb sein jetzt. Und Kristen Larssen kam, und geduldig wie ein geprügelter Hund setzte sie sich zu ihm und las mit ihm Englisch.
Anfangs hatte sie mit diesem wunderlichen Menschen Mitleid gehabt; aber in seiner Gesellschaft, unter dem Hauch seines Atems gefror sie zu Eis. Eben darum fand sie es selber gräßlich feig, daß sie weitermachte, ohne zu mucksen; aus Mitleid geschah es ganz gewiß nicht! Zäh, — pünktlich auf den Glockenschlag, erschien er in seinem langen, braunen, engärmeligen Rock, mit dem unerträglichen, jahrealten Schweißgeruch des Arbeiters, der aus Kleidern und Körper aufstieg. Der Atem drang über den ganzen Tisch herüber; sie fühlte ihn, sogar wenn er nicht bis zu ihr drang. Kristen Larssen zog den Stuhl vor, setzte sich, schlug sein Buch auf, und wenn er die Stelle gefunden hatte, bohrte er seine kalten, fürchterlichen Augen in ihre warmen, angstvollen Taubenblicke, die furchtsam im ganzen Zimmer umherflatterten. Seine langen, dunkeln Finger, schwarz behaart wie die ganze Hand, griffen fest zu; die Finger der Linken um das Buch, die Rechte fuhr nach. Dann räusperte er sich; und endlich begann er; in der Regel mit irgendeiner Frage, die noch auf die vorige Lektion Bezug hatte, immer klug, — immer mißtrauisch auf irgendeinen Irrtum, einen Mangel an Verständnis oder Logik bei ihr lauernd. Er machte sie unsicher, selbst in den sichersten Dingen.
Wenn er so dasaß und langsam, wohlüberlegt sich Wort für Wort durcharbeitete, und sie sich einmal unterstand, ihn zu unterbrechen, weil er einen Fehler gemacht hatte, so setzte er seine Finger nur um so fester auf, um ja die Stelle zu behalten, wo sie ihn unterbrochen hatte; und dann blickte er auf — unwillig, mißtrauisch. Sie wiederholte ihre Korrektur — unsicher, bang; aber nie konnte sie es ihm klar genug machen; immer mußte er um eine noch deutlichere Erklärung bitten. Also sagte sie es zum drittenmal, und endlich war er so gnädig, es hingehen zu lassen — auf ihre Verantwortung! Und sooft sie unterbrach, wußte sie es — wußte, was jetzt kommen würde, wußte, daß der böse Atemhauch sie überfluten würde, Welle um Welle.
Was es diesen Mann kostete an Arbeit, daß er so sicher aufzutreten vermochte, niemals einen Fehler, der einmal berichtigt worden war, wieder machte, was für Fähigkeiten in ihm steckten, daß er diese vielen seltsamen Fragen, die jedem Philologen Ehre gemacht hätten, überhaupt stellen konnte — das übersah sie keineswegs. Aber immer war er ihr fürchterlich — von innen heraus fürchterlich. Er war so ganz und gar wie ein alter Affe, den sie einmal gesehen hatte, der ehrbar mit einem silbernen Löffel speiste. Und dieses Bild umschwebte ihn verzerrend, wie zur Rache.
Ein sehr angenehmes Verhältnis entwickelte sich daneben in ihrem täglichen Leben: das Zusammenarbeiten mit dem Mädchen. Sie freundeten sich an. Beide gleich geschickt — Ragni im Anordnen, das Mädchen im Ausführen. Ragni arbeitete gern und rasch; das Mädchen war klug und wißbegierig. Eins freute sich am andern.
Vierzehn Tage nach dem mißglückten Versuch mit dem Vierhändigspielen sagte sie zu Karl Meek: "Was meinen Sie? Wollen wir's noch einmal versuchen?" — "Danke, nein ... es geht doch nicht!" erwiderte er entsetzt. — "Ich habe schon etwas Vierhändiges hervorgesucht, das Ihnen sicher nicht zu schwer ist!" — Und sie legte es aufs Klavier, während er — auf zwei Meter Abstand — stehen blieb und herüberschielte, rot und immer röter wurde und sich mit den Händen durchs Haar fuhr. "Kennen Sie das?" Er antwortete nicht; das war ja eins von seinen Stücken! "Bergbach" hatte er es betitelt; er hatte es oben auf seinem Zimmer Kallem öfters vorgespielt. Da stand es — für vier Hände gesetzt; sie wollte auf diese Weise alles wieder gut machen.
"Also, kommen Sie!" Dasselbe rotseidene Kleid, dieselben Spitzen um die langen Spielfinger — dieselbe Büste — dieselben seltsam traumvollen Augen, die ihn manchmal anblickten, daß er erschauerte. Aber er selber war heut auch neu gekleidet, und sein Haar und seine ganze Person zurechtgestutzt und gestriegelt. Und nun hüpfte unter ihren geschmeidigen Fingern der "Bergbach" hervor; wo Karl nicht folgen konnte, wartete sie, und nahm ihn dann wieder mit. Zuletzt ging es, wenn auch nicht gut, so doch immerhin nicht schlechter als das letztemal, und sie versprach gnädigst, nach diesem Anfang noch häufiger mit ihm zu spielen.
Er verbeugte sich und wollte gehen. "Heut ist Sonntag", sagte sie. "Sie haben doch nichts zu tun?" — "Nein." — "Wollen wir einen kleinen Spaziergang machen?" — "Gewiß ... wenn Frau Doktor ... ja, gern!"
Wie der Blitz war er wieder da in Überzieher und Pelzmütze, sie wartete schon in ihrem hübschen Kragen und flotten, amerikanischen Federbarett.
"Wir wollen meinem Mann entgegengehen." Und sie gingen. Sie fühlte, sie allein müsse die ganze Zeit über reden; und so schilderte sie denn die Schneestürme auf den amerikanischen Prärien, und was für Folgen sie für Menschen und Vieh hätten. Er sah, wie ihre Wangen sich nach und nach röteten, wie ihre kleinen Füße spielend ausschritten. Der Oktobertag war sonnenlos, aber nicht kalt. Die Felder dunkel, müde; der Laubwald im Entblättern. Aber er sah nichts von alledem; er war wie im Rausch: sie ging neben ihm her, sie, die feinste, die musikalischste Frau, die er kannte! Er hätte sich freudig für sie in den Straßenstaub werfen, sich erschießen, ins Wasser springen können! Und das war keine erdichtete Frauengestalt — sondern Frau Ragni Kallem, in ihrem roten Seidenkleid unter dem weichen Umhang und dem amerikanischen Federbarett, die Frau, für die alle seine Kameraden schwärmten. Ihre Augen sahen ihn an, und er wagte es nicht, ihnen auf den Grund zu schauen. Vor aller Blicken ging sie da neben ihm, unterhielt sich mit ihm. Und auch er fing an, zu erzählen, als sie vom amerikanischen Winter auf den Winter in den heimischen Wäldern zu sprechen kam. Sein Vater, der Sohn des alten Pastor Meek, war Arzt, hatte aber in ein großes Bauerngut des Waldbezirks hineingeheiratet und lebte nun dort als Bauer. Karl war oft mit ihm hinaufgewandert über das Flußeis — in die unendliche Einsamkeit der Waldberge; war mitgewesen beim Holzfällen, beim Fallenstellen, auf der Jagd. Er schilderte Landschaften und Eindrücke, von denen sie keine Ahnung hatte; schilderte das Aussehen eines Birkhahns, sein Werben und Spielen, seinen Flügelschlag, sein Geschrei so lebendig, daß sie ihn fortan nur noch "den Birkhahn" nannte.
Sie trafen Kallem nicht und gingen deshalb denselben Weg zurück. Noch einmal spielten sie das vierhändige Stück, und viel besser. Sie wollten es gut einüben und es eines Abends Kallem vorspielen, wenn er in seinem Arbeitszimmer saß. Kallem — das war für ihn das Höchste, was er kannte.
Nach und nach erlangte sie eine Art Herrschaft über den "Birkhahn"; sie gewöhnte sich an sein ovales Gesicht, sein ungleiches Wesen, — bald übermütig heiter, bald voll Mißmut, ungeduldig und auffahrend, demütig-unterwürfig -— mit kurzen Anfällen von Fleiß und langem Dolce far niente; ungeheuer geschniegelt und dabei mehr als schlampig; sie fing an, ihn wieder fast schön zu finden, und überwand sich sogar, ihm die Hand zu geben. Sie half ihm bei seinen Schularbeiten, besonders beim Englischen. Seine Kenntnisse waren so ungleich, daß Kallem ihm vorschlug, lieber die Schule zu verlassen und in Privatstunden das nachzuholen, was ihm fehlte; er schrieb auch in dieser Angelegenheit an Karls Vater. Seitdem saß Karl oft mit seinen Büchern und Aufsätzen im Wohnzimmer, lernte, spielte Klavier, spielte Klavier oder lernte — für sich oder mit ihr.
Nachmittags konnte man ihnen auf langen Spaziergängen begegnen. Sobald der erste Schnee gefallen war, — er kam schon Anfang November — gingen sie Kallem entgegen und fuhren mit ihm heim — jedes auf einer Schlittenkufe. Als die Bucht zufror, gehörten sie draußen auf dem Eis zu den Allereifrigsten. Nur einen Sport betrieben Kallem und Karl für sich allein: Karl sollte auf den Händen laufen lernen. Mit ungeheurem Ernst hob der Doktor die langen Beine des andern in die Höhe und hielt sie fest, während Karl zu gehen versuchte, bis er nicht mehr konnte. Anfangs nur im Turnsaal, bald aber auch im Zimmer, auf dem Flur, auf der Treppe, vor dem Mittagessen, vor dem Abendbrot. "Beine hoch, Junge!" Wie Ragni lachte, wenn sie immer wieder herunterpurzelten! Nach und nach aber wurde er eifrig. Einmal mußte es ja doch gelingen! Es gelang nämlich nie — — er war "zu lappig"! Schließlich wurde es für ihn eine Ehrensache; und für sie im Grunde ebenfalls. Es war ihr ganz ernstlich darum zu tun, daß er ein "ganzer Kerl" wurde; sein weiches Wesen, sein Hang zum Träumen, zum "die Zeit verquasen", verdroß sie; und das sagte sie ihm auch. Aber Vorwürfe vertrug er nicht und wurde fast ungezogen. Dann strafte sie ihn durch kühle Zurückhaltung. Es half ihm nichts, daß er zerknirscht war, daß er hundert Annäherungsversuche machte, daß er sogar weinte, — sie ließ ihn in der tödlichen Angst, daß sie ihn bei Kallem verklagen werde; sie half ihm ohne eine Miene, ohne ein Wort, das nicht zur Sache gehörte; sie ging nicht mit ihm spazieren, sie sah ihn überhaupt nicht — bis sie in Kallems Gegenwart wieder redete, als wenn nichts geschehen sei. Von dieser Schattenseite ihres Zusammenlebens hatte Kallem keine Ahnung.
Kallem hatte keinerlei Verkehr; er hatte keine Zeit dazu. Seine Praxis mußte er einschränken, weshalb er auch mit seiner Absicht, Doktor Arentz, den jungen Militärarzt, zu seiner Hilfe heranzuziehen, Ernst machte. Ende November wurde das geordnet, und fortan nahm er mehr teil an dem Zusammenleben und dem Unterricht, die dadurch festeren Halt gewannen.
Karl Meeks Vater kam eigens zu dem Zweck in die Stadt, um ihnen beiden zu danken und sie zu bitten, zu Weihnachten mit seinem Sohn in ihr Waldnest hinaufzukommen. Otto Meek war größer und stärker als sein Vater, sein Gesicht großzügiger — mehr "bourbonisch"; aber es hatte etwas Schwermütiges oder besser gesagt Schweres. Kallem nahm die Einladung an und traf sofort die nötigen Verabredungen mit seinen Kollegen, damit er abkommen könne. Aber als die Zeit herankam, wurde Doktor Kent krank, und Ragni mußte, so ungern sie es auch tat, mit Karl allein reisen; Kallem wollte nachkommen. Ein Reisepelz wurde für sie gekauft, pelzgefütterte Stiefel und ein Fußsack, auch eine kostbare Pelzmütze, ein Geschenk Karls. Wie eine Grönländerin sah sie aus, als sie alles anhatte.
Kallem begleitete sie zur Bahn; Ragni hatte ein bißchen geweint — es war die erste Trennung, seit sie verheiratet waren. Als sie schon im Zug saß und Kallem noch vor dem Wagen stand, wollte sie wieder heraus; Kallem mußte einsteigen und schelten. Sobald der Kummer gestillt war, stieg er wieder aus und blickte Karl an, der frisch und fröhlich dasaß. "Hör' mal, lieber Birkhahn, von heut ab sag ich Du und Karl zu Dir! Du bist ein braver Junge!" Karl aber sprang heraus und fiel ihm um den Hals.
Dann fuhren sie davon.
Kallem arbeitete und fand es gar nicht so übel, daß er einmal völlig Frieden hatte; sie hatten ihn in der letzten Zeit doch recht gestört. Aber schon am dritten Tage, dem heiligen Abend, war es ihm langweilig. Er nahm sich vor, sie zu überraschen; Doktor Kent ging es besser.
Am heiligen Abend, als er eben von Kent kam und ins Krankenhaus wollte, sah er von fern eine Menge Menschen vor dem Tor stehen. Ein Langschlitten mit einem Pferd davor fuhr gerade heraus; im Schlitten lagen Stroh und Betten — man mußte einen Kranken gebracht haben. Er hörte Kinder weinen. Wer war da verunglückt? Maurer Andersen war's — der Mann, der Kallem und Ragni an ihrem Ankunftstag in der Stadt oben vor dem neuen Haus begrüßt hatte. Im Winter, während das Handwerk brach lag, zog Maurer Andersen als Hausierer umher, und auf einem steilen Waldweg hatte er sich verirrt, war abgestürzt und nur durch einen Zufall hatte man ihn gefunden. Drinnen bei den Krankenschwestern traf Kallem die untröstliche Frau, die erzählte, wie der unermüdliche Mann noch bis Weihnachten herumgewandert sei; damit er zum heiligen Abend daheim wäre, habe er einen abkürzenden Weg eingeschlagen — er sei nun mal so ein "Haushammel". Aber er habe schwache Augen und sei auf seinen Finnenschuhen abgerutscht und gestürzt und habe das Bein gebrochen. Und da liege er nun, und könne sich nicht rühren. Das sei nun sein Weihnachten! "Und wir haben gewartet und gewartet!" schloß sie. "Und erst die Kinder!"
Kallem eilte zu dem Kranken, der schon im warmen Zimmer im Bett lag. Der starke Mann mit dem großen braunen Bart, der über das Hemd wallte, war nicht wiederzuerkennen. Die Augen zusammengedrückt, die Lider geschwollen, starr. Die Schleimhaut des Auges ganz entzündet, die Hornhaut bedroht, und da ihn der geringste Lichtschimmer schmerzte, war vielleicht noch größere Gefahr im Anzug. Das Gesicht aufgedunsen, mit bläulichroten Flecken; die Finger an beiden Händen weiß und gefühllos; die Handrücken noch einmal so groß wie sonst und mit Wasserblasen bedeckt. Das rechte Bein war am oberen Ende der Wade gebrochen, und der Bruch ging bis ins Kniegelenk; die Wunde war so groß wie ein Markstück; ein Knochensplitter ragte daraus hervor — wie ein Finger. Dem gegenüber war die ganze übrige Verletzung des Beins überhaupt nicht von Bedeutung.
Andersen konnte kaum sprechen, und lallte nur dann und wann, das Bein dürfe nicht abgenommen werden. Das könne man erst am andern Morgen entscheiden, wenn es hell sei, beruhigte Kallem ihn immer wieder, während er ihn zurecht legte. Er ließ das Zimmer sofort halbdunkel machen, ließ Borwasserumschläge über die Augen legen und beorderte eine regelmäßige Aufsicht zum Wechseln der Kompressen. Das Gesicht des Kranken wurde mit Öl bestrichen und mit einer dünnen Watteschicht bedeckt; ebenso verfuhr man mit den Händen. Die Beinwunde wurde mit Karbolwasser ausgespritzt und eine kleine blutende Ader unterbunden; die Wunde dann mit Jodoform bestrichen, mit Watte umwickelt und in eine Drahtbandage gelegt. Wenn er aufwachte und sich schwach fühlte, sollte er alle zwei Stunden Naphtha bekommen — bei zu großen Schmerzen eine Morphiumeinspritzung.
Daraufhin schlief der Kranke ein, klagte jedesmal, wenn er erwachte, über unleidliche Schmerzen, weniger an der Bruchstelle als hauptsächlich im Schienbein, in der Nähe des Spanns; beständig quälte ihn die Angst, daß ihm der Fuß abgenommen würde.
Am nächsten Tag um neun Uhr fand Kallem ihn viel wohler, in jeder Beziehung. Auch die Gedanken waren klarer; aber fortwährend drehten sie sich um den Fuß, der erhalten bleiben sollte. Er äußerte den Wunsch, den Pastor, der sein guter Freund war, zu sehen; seine Frau, die eben da war, machte sich sofort auf den Weg, um den Pastor zu bitten, vor der Kirche bei ihm vorzusprechen. Unterdessen wurden die Augen des Kranken untersucht; sie waren weniger geschwollen, aber äußerst lichtscheu; man wandte Atropin an, und die Umschläge wurden durch eine leichte Binde ersetzt. Kallem war gerade im Krankenzimmer, als die Frau mit dem Pastor kam; er ging den beiden entgegen. Nach seiner Ansicht mußte Andersens rechtes Bein exartikuliert, d. h. unter dem Kniegelenk abgenommen werden. Aber das durfte der Kranke vorläufig noch nicht erfahren. Da brach die Frau, die bisher ihr Schicksal mit Fassung ertragen hatte, zusammen, so daß Kallem sie gar nicht hineinlassen durfte; der Pastor ging mit.
Es machte einen tiefen Eindruck auf ihn, als er in dem großen halbdunkeln Zimmer neben seinem kranken Freund stand und ihn daliegen sah, diesen Riesen, mit verbundenen Augen, unkenntlichem Gesicht, umwickelten Händen, und ihn klagen hörte. Aber bald fühlte er nur noch Bewunderung — so stark, so sicher war der Kranke im Glauben. Er äußerte den Wunsch, man möge heut in der Kirche für ihn beten; "Sie kennen mich ja alle!" sagte er. Der Pastor versprach ihm das. Dann aber betete er noch von Herzen am Schmerzenslager für den Kranken und seine Angehörigen. Das Gebet wirkte belebend auf den Kranken; er flüsterte: "Ich habe einen Bund geschlossen mit Gott, des Fußes wegen!" und lag dann ganz still, während der Pastor den Segen Paulus' sprach. Kaum eine Stunde darauf kam Doktor Arentz, und Andersen wurde in den Operationssaal geschafft. Man sagte ihm, er solle chloroformiert werden, damit man den Schaden gründlich untersuchen könne, und da die Schmerzen noch immer unerträglich waren, willigte er sogleich ein; "aber der Fuß darf nicht abgenommen werden!"
Die genauere Untersuchung ergab, daß das obere Ende des Wadenbeins bis schräg an das Kniegelenk hinauf zersplittert war, leider auch, daß eine größere Blutader zwischen den Bruchenden so eingeklemmt lag, daß sie mit einer großen Blutpfropfthrombe, die sich einige Zoll den Schenkel hinauf erstreckte, gefüllt war.
Das Bein wurde selbstverständlich abgenommen; in einer Viertelstunde war es geschehen.
Alle, die mit ihm zu tun hatten, erhielten strengste Anweisung, ihn in dem Glauben zu lassen, daß das Bein ihm erhalten sei. Man mußte ihn vor jeder Gemütsbewegung schützen, damit er ja nicht in Versuchung komme, sich aufzurichten, den Fuß zu bewegen oder seine Lage zu ändern; wenn ein Blutspfropfen sich von der Thrombe löste, konnte es mit ihm zu Ende sein. Er wurde in eine Stahldrahtbandage gelegt, die vom Hüftgelenk bis an das Bettende herunterreichte; der Stumpf wurde mit Karbolgaze und Jute verbunden und mit der Außenseite an einen langen Klotz festgebunden.
Jetzt wurde Andersen wieder geweckt, und man bedeutete ihm, sich ganz ruhig zu verhalten. Er bekam Wein, aber löffelweise, damit er sich nicht rührte, ebenso Fleischbrühe mit Eigelb; bald fiel er in Schlaf.
Sowie Kallem sich umgezogen hatte, ging er hinunter in das Zimmer der Pflegerinnen, wo die Frau wartete, und erzählte ihr den ganzen Hergang, wies sie auch auf die Gefahr hin, die drohte, wenn Andersen sich bewege. Er gewann ihr breites, kluges Gesicht mit der Adlernase geradezu lieb; eine reinere Seelenstärke hatte er kaum je gesehen. "Sollte es schlimm ablaufen," schloß er, "so haben Sie viele Freunde!" — "Gott lebt noch!" flüsterte sie.
Zwischen drei und vier Uhr erwachte Andersen, und bekam wieder löffelweise Wein, Brühe mit Eigelb, Milch; er versicherte, er fühle sich wohl, nur sein Schienbein tue ihm weh; manchmal fühle er Schmerzen in der Ferse. Im Lauf des Nachmittags stärkten sich seine Lebensgeister, und er wünschte, der Pastor möge wiederkommen. Gerade als die Frau ihn holen wollte, kam er von selbst. Kallem hatte ihn gebeten, zu tun, als ob der Fuß noch nicht abgenommen sei.
Es zeigte sich gleich, daß Andersen keinen anderen Gedanken hatte, als seinen Fuß. "Ich glaube, ich darf jetzt wohl sagen, daß Gott mich erhört hat!" sagte er; "dafür müssen wir ihm auch gebührend danken!"
Das rührte den Pastor, und er schickte sich an, ein warmes Dankgebet dafür emporzusenden, daß der Fuß dem Kranken ein Pfand der göttlichen Gnade geworden sei und ihn noch inniger mit seinem Erlöser verbunden habe. Andersen schien darüber nachzusinnen; endlich sagte er: "Jetzt müssen Sie noch beten, daß er mir auch später den Fuß nicht nimmt!" — Wie er darauf komme? — "Weil ich solche Schmerzen drin habe." — Aber eben habe er doch geglaubt, daß Gott ihn erhört habe? "Ja, aber man muß beten ohne Unterlaß!" Der Pastor weigerte sich; sofort wurde der hartnäckige Mann unruhig, und die Frau flüsterte flehend, der Herr Pastor möge Andersen doch den Willen tun. Da tat er's; aber er tat es mehr auf ihre Verantwortung hin als auf seine eigene, und es wirkte in ihm nach. Kallem war eben nach Hause gekommen, als der Pastor ganz blaß bei ihm erschien und erzählte, was vorgefallen war. "Das tu' ich nicht noch einmal!" schloß er. "Ich kann Dir versichern, Du hast ein gutes Werk getan!" Der Pastor stand in Überzieher und Mütze, die Hand auf der Türklinke, da; Kallems Worte und der Ton, in dem sie gesagt wurden, verletzten ihn. "Nur in der Wahrheit können wir uns dem Gott der Wahrheit nähern! Adieu." Der Doktor kam ihm nach: "Du glaubst also, wenn Du Andersen jetzt sagst, daß das Bein abgenommen ist, so kann ihn Gott erretten?"
"Ja!" antwortete der Pastor ärgerlich, ohne sich umzuwenden.
Kallem wagte unter diesen Umständen nicht, zu verreisen. Er schrieb ausführlich an Ragni und versprach, zu kommen, sobald er könne.
Am nächsten Morgen fand er alles in gewünschter Ordnung, betonte aber wieder, der Kranke müsse völlig still auf dem Rücken liegen, dürfe auch nicht so viel sprechen. Am Nachmittag verlangte Andersen das heilige Abendmahl, doch die Pflegerin entgegnete, er könne keine Gemütsbewegung vertragen. "Ich will meinen Bund mit Gott erneuern!" gab Andersen zurück.
Das wagten sie ihm nicht abzuschlagen; aber sie wagten es auch nicht zuzulassen, ohne vorher den Doktor zu fragen, und dieser war am Vormittag an ein Wochenbett gerufen worden. Die Krankenschwester beriet sich also mit dem Hausmeister, der von altersher allmächtig war im Hause. Auch ihm gegenüber wiederholte Andersen seinen Wunsch aufs bestimmteste, und der Hausmeister glaubte, man müsse ihm willfahren; er wolle die Verantwortung auf sich nehmen. Eine Weile darauf war der Pastor bei ihm in der Portierstube, um den Wein anzuwärmen; das Wetter war umgeschlagen, und es war ein bitterkalter Abend. Dann gingen die beiden hinauf. Andersen freute sich, als er hörte, wer kam. "Das wußt' ich!" sagte er.
Der Pastor fragte, ob er einen besonderen Wunsch habe.
"Jawohl."
Die ändern gingen hinaus. Jetzt erzählte Andersen, daß er in seiner Kindheit einmal einem Jungen ein Bein gestellt habe mit eben dem Fuß, der jetzt krank sei. Gott werde ihn doch nicht etwa dafür jetzt strafen wollen? "Nein, nein!" — Er sei nun aber einmal auf den Gedanken gekommen, und fühle das Bedürfnis, das heilige Abendmahl zu nehmen. — Weiter liege nichts Besonderes vor? — Nein. — Der Pastor bat ihn, sich zu sammeln; sie wollten miteinander beten. Andersen schwieg und sie beteten. Nach dem Gebet erteilte ihm der Pastor die Vergebung der Sünden und wollte ihm das Brot und den Wein reichen. — "Nein, warten Sie noch ein bißchen! Vergebung der Sünde habe ich nun; jetzt ist die Tafel blank. Jetzt schreiben wir den Fuß darauf, damit man's im Himmel lesen kann. Ich fühle mich so froh, so von Herzen froh!"
"Der ganze Mensch ist mit in den Bund einbegriffen, lieber Andersen." — "Ja, aber diesmal verspricht unser Herrgott meiner Frau und meinen Kindern, daß mein Fuß wieder gesund wird. Jetzt kommen Sie!" Und er streckte die erfrorenen Hände aus.
Dem Pastor trat der Schweiß auf die Stirn. "Das kann ich nicht!" flüsterte er, völlig ohne Bewußtsein dessen, was er sagte.
Andersens Lippen bebten, die umwickelten Hände tasteten umher; er wollte sich damit in die Augen fahren, stieß jedoch auf den Verband. "Wir können nicht in Gottes Ratschluß eindringen!" sagte der Pastor. "Gesetzt, — das, was wir wollen, wäre unmöglich?" War es ein Etwas in des Pastors Stimme, oder war es der Widerstand an sich, was Andersen mißtrauisch machte?
Ohne zu antworten riß er sich den Verband von den Augen, richtete sich auf, ganz rasch, warf die Decke zur Seite und fiel wieder auf das Kassen zurück. Er faßte nach seiner Brust, schrie, er müsse ersticken, und fing an zu keuchen und zu röcheln; ein Blutstropfen war in die Lunge gedrungen.
Der Pastor hatte das, was er in Händen hielt, weggestellt und eilte nach der Tür, vor der der Hausmeister und die andern warteten; sie rannten zu Doktor Arentz und Doktor Kent; aber noch eh einer von ihnen kam, war Kallem zurück. Der Pastor war schon fort. In der Nacht starb Andersen.
6
Der Hausmeister war der erste, der es büßen mußte. Noch am selben Tag mußte er aus dem Hause.
Sodann ging Kallem hinunter zu Andersens Witwe. "Sie sind eine außergewöhnlich tüchtige Frau. Wenn Sie wollen, können Sie den Hausmeister- und Verwalterposten am Krankenhaus haben. Greifen Sie zu, packen Sie gleich morgen Ihre Sachen zusammen und ziehen Sie mit den Kindern hinauf. Dann denken Sie weniger an Ihren Kummer! Haben Sie ein gutes Dienstmädchen?" — "Ja." — "Nehmen Sie die mit. Mehr ist nicht nötig. Alles andere finden Sie dort oben, und die Schwestern werden Ihnen helfen."
Die Oberschwester erhielt eine scharfe Zurechtweisung; aber dabei ließ es Kallem bewenden. Ihr Versehen konnte sie am besten dadurch wieder gut machen, daß sie Mutter Andersen nach besten Kräften unterstützte.
Den Pastor suchte er nicht auf; ebensowenig der Pastor ihn. Von andern hörte er, daß er erkrankt sei, und fand es auch ganz erklärlich. Josefine begegnete Kallem ein paar Tage später auf der Straße; sie tat, als sähe sie ihn nicht.
Wie dieser Vorfall wirkte, ist gar nicht zu beschreiben. Die ganze Stadt geriet in Aufruhr. War es nicht etwas Seltsames um den Glauben, wenn sogar der Glaube an eine Lüge einen Menschen vom sichern Tod hätte retten können?
Der Hausmeister und seine große Familie fielen natürlich dem Pastor und seiner Frau zur Last. Josefine mußte Geld herausrücken zu einer Buchhandlung — und zwar weit mehr, als ihr lieb war.
An diesem Mann hatte Kallem seitdem einen treuen und aufrichtigen Feind. —
Unmittelbar darauf fuhr Kallem nach dem Walddorf hinauf. Er meldete sich nicht an; er kam abends bei Mondschein vom Bahnhof her auf dem Gut angefahren, just als der Gutshof und die Landstraße draußen von angespannten Schlitten, vollen und leeren, wimmelten. Alt und jung wollte eine Schlittenpartie machen; von hier sollte die Fahrt ausgehen, und hierher wollte man am Schluß zurückkehren und noch tanzen.
Man beachtete den Ankömmling nicht weiter; man glaubte, er gehöre zur Gesellschaft. Erst als er im Flur stand, wo die Hausbewohner und Gäste sich eben anzogen, bemerkten einige, daß er fremd war; aber sie dachten nicht weiter darüber nach; es trotteten ja so viele pelzvermummte Gestalten aus und ein. Ragni hatte gerade ihren Pelz angezogen, als sie sich von rückwärts her umschlungen fühlte. Sie stieß einen Schrei aus und sah auf. Nein, war das eine Freude! Karl, der abseits in einer Ecke stand und sich gerade in seine Pelzstiefel hineinquälte, zog sie, ohne ein Wort zu sagen, wieder aus, ebenso Mantel und Mütze, schmiß die Beine in die Luft und lief Kallem auf den Händen entgegen; jetzt war die Kunst erlernt! Der Vater mit seinem mächtigen Haar und schwermütigen Gesicht stand daneben; er stellte Kallem seiner Frau vor, einem blassen, stillen Geschöpf; sie sprach den Dialekt der Gegend und hatte eine zarte Stimme — das war so ziemlich alles, was Kallem bemerkte. Es blieb ihm zu nichts anderem Zeit; er mußte einfach mitfahren.
Pferdegewieher und laute Rufe, Gekreisch und Gelächter, bis die Meldung kam, auf der ganzen Linie sei alles bereit; der erste Schlitten mit einer Dame und einem Pelzmann hintenauf, sauste davon; und ihm nach Schlitten auf Schlitten, breite und schmale, einspännige und zweispännige. Eine lange, wellenförmige Schnur mit grauschwarzen Knoten — im Mondschein — über das Schneefeld, dem Wald zu, in dem es bald zwischen den Stämmen widerhallte von Schellen, Hundegebell, Lachen und Geschwätz. Einige fingen zu singen an, andere fielen ein; aber es war unmöglich, Takt zu halten; zusammen stimmte es nie. Kallem saß mit seiner Frau in einem Breitschlitten; sie sah so reizend aus in ihrem vielen Pelzwerk, daß er nicht anders konnte — er mußte ihr ab und zu einen Kuß geben. Eine schwierige Aufgabe! Ach, und was sie alles erlebt hatte! Während er ihr zuhörte, wurde ihm klar, daß sie erst jetzt ihre Jugend erlebte! Nie hatte er etwas so Fröhliches gesehen! Nie hatte er gewußt, daß sie diesen Drang nach Freude in sich trug! Derselbe Gedanke kam ihm, später am Abend, als alles tanzte, spielte, lachte, schwatzte, tollte, aß: sie holte die Fröhlichkeit vieler Jahre nach. Ob ein dicker Waldbesitzer ihre zarte Gestalt umfaßt hielt und sie dahintrug, daß sie kaum mit den äußersten Zehenspitzen den Boden berührte; ob sie sich eins der Kinder geholt hatte und mit dem loswalzte, oder ob Karl oder irgendein anderer Gymnasiast oder Student sie links herumschwenkte wie einen Kreisel — immer dasselbe strahlende Gesicht, derselbe heilige Eifer. Tanz und Spiel gingen in einer Eckstube vor sich, die die ganze Breite des Hauses einnahm; aber oft flutete der Tanz auch in die anderen Zimmer, sogar bis in die Küche auf der andern Seite des Hauses hinüber. Die Küchentür stand offen. Ein paar ältere Herren versuchten, in einer Ecke ein Spielchen zu machen; aber sie mußten es aufgeben. In einemfort wurden sie zum Tanz geholt. Alt und jung — alles war gleich fröhlich.
Am andern Morgen um elf Uhr schlief Ragni noch, und als sie gegen Mittag hinunterkam, ein bißchen müde und taumelig und sehr verwundert, daß sie gar nicht gehört hatte, wie Kallem aufgestanden war, erfuhr sie, daß er abgereist sei. Ein Telegramm von Kent, dem es wieder schlechter ging, hatte ihn heimgerufen. Ein kurzer Brief, den er beim Frühstück noch hingekritzelt hatte, tröstete sie ein bißchen. Er schrieb, er habe sie nach der durchtollten Nacht nicht wecken, noch weniger sie mitnehmen mögen; aber eine größere Freude habe er noch nie erlebt, als sie so fröhlich zu sehen.
Das erste, was Kallem bei seiner Rückkehr vorfand, war eine Balleinladung vom "Verein". Die wollte er annehmen. Die Einladung war von der Hand seiner Schwester geschrieben (sie war im Vorstand) und lautete auf "Doktor Kallem und Frau". Sieh mal an!
Ob er an Ragni telegraphierte? Nein, er ließ sie lieber, wo sie war; besser konnte sie es ja nicht haben.
Indessen kam er selber in eine recht ernste Sache hinein. Sein erster Krankenbesuch noch am selben Abend galt einer armen Mutter mit vielen Kindern, Sissel Aune, einer Waschfrau unten in der Stadt, die an einer Lungenentzündung darniederlag. Hauptsächlich um ihretwillen hatte Kent telegraphiert. Der siebente Tag war ohne Krisis hingegangen, und wenn nun die kommende Nacht halb vorüber war, so war auch der neunte Tag vorbei. Würde sie ihn überleben? Der obere und der untere Lungenflügel waren angegriffen, das Herz begann auszusetzen, der Puls war sehr schwach — dazu noch andere schlimme Zeichen — sollte er dem Herzen in dem letzten Kampf mit Atropin nachhelfen? In einem solchen Fall war das Mittel noch nicht erprobt; aber immerhin — rationell war es. Wo er ging und stand, was er auch vornahm — überall verfolgte ihn diese Frage. Die fünf Kinder der Kranken waren bei Sören Pedersen und Aase untergebracht; in solchen Fällen waren die Zwei unbezahlbar.
Als er zum zweitenmal hinging, blieb er gleich da; es war ein Ringkampf — Aug' in Auge mit dem Tod.
Eine kleine, sehr saubere Stube mit drei Betten. Im Fenster ein kümmerlicher Geraniumstock, und an der Wand ein Bild von König Karl XV. zu Pferd — unter Glas und Rahmen —, ein paar mit Stecknadeln befestigte Photographien und eine Geige mit drei Saiten, die vierte hing herab. Die dalag, war dereinst eine schöne Frau gewesen, war sicher auch jetzt noch stark und kernig, wenn sie wieder gesund wurde. Jetzt lag sie da, abgemagert bis auf die Knochen, die zerschundenen Arbeitshände auf einer zerlumpten Decke. Aber der Mann, der neben ihr saß, der war nicht stark, wie sie — ach nein — der war ein rechter Schwächling! Ein gutes Gesicht, und verwandt mit der Geige an der Wand insofern, als vielleicht auch in ihm eine Saite gesprungen war, bis die dort an der Wand so verwahrloste. Müde, abgezehrt von Nachtwachen saß er da — allein —, nicht weil die Nachbarn ihm nicht geholfen hätten, sondern weil die Hilfe, die zuletzt am Bett gesessen hatte, eben ausruhte, bis das Schwerste beginnen würde. Es hatte Kallem gerührt, zu sehen, wie die Nachbarn zu beiden Seiten des Hauses Wache standen; sie wollten verhindern, daß allzu fröhliche Weihnachtsgäste hier vorbeizögen; nachts lösten sich die Wachen ab. Er hörte das von der Frau, die gegen elf Uhr wiederkam, um zu helfen. Es war nicht viel zu tun — außer für den Doktor, und der wußte nicht, ob er wagen dürfe, etwas zu tun.
Zuerst machte er eine Einspritzung von ein Drittel Milligramm; darnach wurde der Puls kräftiger. Kallem faßte Hoffnung, wagte aber nicht, sie den flehenden Augen des Mannes zu übermitteln. Sie konnte trügen. Ein paar Stunden lang hielt sich der Puls; dann sank er wieder. Wieder eine Dosis; und wieder hob er sich. In größter Spannung saß er da und beobachtete. Er hatte sich ein Buch mitgebracht, versuchte es, unter die Lampe zu halten, brachte auch dann und wann einmal Sinn in einen Satz, vergaß ihn aber sofort wieder. Gesprochen wurde gar nichts, nur gestöhnt und geseufzt. Der letzte Ruf aus der Ferne, das letzte Schellengeläute war längst verklungen, die letzte Tür geschlossen — die Nacht leer und grau. Fünf Kinder — das älteste zehn Jahre — konnten in jeder Sekunde ihre Versorgerin verlieren; und der Mann, der dort saß und bald nickte, bald sich über die Knie strich, bald die Ellbogen darauf legte und die Hände faltete — und von der Frau hinüberstierte zum Arzt — auch der verlor seine Versorgerin.
Sowie der Puls nachließ, eine neue Dosis; und immer wurde er wieder kräftiger; es schien also wirklich richtig, was er tat. Aber die Krise wollte nicht eintreten; es war Mitternacht vorüber, der neunte Tag war — demnach, was die Leute sagten — abgelaufen — und noch immer derselbe aufreibende Kampf. Kallem stand auf, zwischen Furcht und Hoffnung schwankend, nahm sein Buch, hielt es gegen das Licht, legte es wieder weg, und ging wieder ans Bett, um zu messen. Ja — jetzt war es bald zu Ende mit den Kräften. Der Mann sah es ihm an und kämpfte, um nicht laut aufzuweinen. Der Doktor gebot ihm Schweigen. Wieder ein Versuch; und bald darauf schlief sie ein. War es denn wirklich Schlaf? Die andern sahen ihn an und er sie. Er ging auf ein Weilchen vom Bett weg, um mit frischen Sinnen aufs neue zu horchen. Sie schlief! Einen ruhigen, echten Schlaf! Er wandte sich dem Manne zu, der es seinem Gesicht ablas; und ein Widerschein vom Licht des Lebens sprang von des Arztes Gesicht über auf seines. Der Mann stand auf — wieder krampfte alles in ihm sich zusammen — gleich würde es ausbrechen. "Gehen Sie zu Bett!" flüsterte der Doktor. Der Mann warf sich über eins der drei Betten, preßte das Gesicht in die Kissen, — und jetzt brach es los.
Flüsternd erteilte Kallem der Frau, die am Kochherd saß und sich jetzt erhob, seine Anweisungen. Er versprach, am Vormittag wiederzukommen. Sie half ihm in seinen Mantel; leise öffnete er die Tür und zog sie hinter sich zu. Aus dem trüben Wetter war starker Schneefall geworden; nirgends Licht, in keinem Fenster, nur das eine, das über dem neuentzündeten Lebensfunken wachte. Kallem konnte es sich nicht versagen, als er am Sattlerladen vorbeikam, anzuklopfen; aber die da drinnen schliefen fest. Er klopfte noch einmal; denn er wußte ganz sicher — die beiden hatten ihr Bett und ihre kleine warme Stube den Kindern überlassen und übernachteten selber im Laden. So war es auch! "Wer ist da?" fragte Sören Pedersens fünische Stimme. "Sagen Sie den Kindern, wenn sie aufwachen, daß ihre Mutter wieder gesund wird." — "Das ist aber ein Segen!" antwortete der Füne, und hinter ihm hörte man Aases hochländisches: "Ach nee — ist's denn die Möglichkeit?" — "Kommt morgen mit den Kindern zum Mittagessen zu mir!" rief Kallem.
7
Die ganze Nacht und den ganzen Tag ein unglaublicher Schneefall, und gegen Abend Sturm, der den frischgefallenen Schnee zu großen Wehen zusammenfegte. Der Sturm ging vorüber, doch der Schneefall dauerte mit ungeschwächter Kraft fort. Alles vom Lande, was auf den Ball wollte, mußte bis zur Stadt mit dem Schneepflug fahren; in der Stadt selber ging er heut schon zum zweitenmal. Zum Ball! Zum Ball! Der erste große Weihnachtsball!
Zum Ball! Zum Ball! In den größeren Städten, wo der Tanz ein Geschäft ist, das die Jugend abwechselnd in den verschiedenen Vereinen und Familien betreibt, hat man keine Vorstellung davon, was in der Kleinstadt alles von der Aussicht auf den ersten Weihnachtsball aufgewirbelt wird, besonders auch unter der ländlichen Jugend, die mit dicken Pelzen über dem Ballstaat zur Stadt fährt. Aber wie der Schneepflug gutmütig den überflüssigen Schnee beiseite fegt, so fegt die bestehende Sitte, die natürliche Schüchternheit mehr als die Hälfte von dem weg, was man sich zusammenphantasiert hat. Und was zusammenkommt, ist eine sittsame, ehrbare Gesellschaft, die sich anfangs gegenseitig kaum zu kennen scheint.
Kallem lag auf dem Sofa. Er war in bester Stimmung. Die prächtige Sissel Aune erholte sich; der Mann war heute ganz berauscht von Lebenslust und Branntwein, den die Nachbarn ihm eingegossen hatten. Die Kinder waren zum Mittagessen dagewesen, obgleich das Mädchen keineswegs davon erbaut war; in solchen Sachen war sie genau wie Ragni; die beiden waren sich überhaupt ähnlich.
Die Kinder von Sissel Aune waren nicht ganz so verlegen gewesen, wie die von Maurer Andersen, die auch dabei waren. Kallem hatte ihnen schlecht Klavier vorgespielt und war ihnen prachtvoll auf den Händen vorgelaufen, und der Sattler hatte unaufhörlich von Maurer Andersens Tod geredet: Maurer Andersen sei an der Wahrheit gestorben. "Und es gibt gerade genug, die von der Lüge leben, daß es wirklich einmal nottut, daß einer an der Wahrheit stirbt" — und ähnliches Gewäsch, das Aase höchst bedeutend fand.
Ein langer, strahlend vergnügter Brief von Ragni lag auf Kallems Bauch. Er hatte ihn schon zum zweitenmal gelesen. Karl hatte einen Bericht über ihr Befinden seit des Doktors Abreise beigelegt; ganz witzig — namentlich eine Beschreibung ihrer ersten Skitour (die auch ihre letzte war). Er hatte ihre tiefinnerlichste Feigheit gut gezeichnet.
Und jetzt mußte er also auf einen Ball, an dessen Spitze eine Pastorsfrau stand. Sie und ihre fesche Freundin, Frau Lilli Bing! Ob Josefine das wohl gegen den Willen ihres Mannes tat? Es war übrigens ein öffentliches Geheimnis; Lilli Bing hatte es ihm verraten. Die Pastorin war die gefeiertste Tänzerin der Stadt. Die Herren wetteiferten miteinander, nur um im Kotillon einmal mit ihr herumtanzen zu dürfen. Er sah sie vor sich — hochgewachsen, mit bloßem Hals, dunkeläugig, glühend vom Tanz. Ja, er wollte mit ihr tanzen! Er sehnte sich nach ihr — er verhehlte es sich nicht. Ragnis Brief legte er beiseite, ebenso den von Karl und das Buch, in dem er gelesen hatte; dann stand er auf, schraubte die Lampe nieder, sagte dem Mädchen Bescheid und ging hinauf, um sich umzukleiden!
Merkwürdig, wie das schneite! Nicht in Flocken, sondern in großen Fetzen, die einander jagten. Wäre es nicht windstill gewesen, man hätte überhaupt nicht den Weg gefunden. Die Laternen verdrossen; kaum daß ihr Schein über den Lichtkern hinausreichte; ringsum kein Laut. Der Regen hat Klang und Landschaft; der Schnee verdeckt alles; nie ist der Mensch so einsam, wie im Schnee. Nicht einmal einen Zaun hatte Kallem zur Begleitung; kein Stein am Weg, der ihn begrüßt hätte; kein Baum im Garten beugte sich vor ihm; er sah sie überhaupt nicht mehr; sie waren weg — eingehüllt — fort. Die Kirche stand noch da; aber umgewandelt in einen weißen Steinhaufen, mit einem weißen Stab darüber. Er und die Kirche — die Kirche und er; und sonst nichts! Die Häuser unten in der Straße wichen zurück; sie spielten Versteckens — mit ausgestreckten Pranken; die Pranken waren einmal Treppen gewesen. Und unten am Strandweg lagen ein paar umgestürzte Boote; sie sahen aus wie weiße Elefanten, die schliefen. Die Bucht ein Schneemeer; sonderbar — die Insel hatte sich losgerissen und war davongeschwommen; man sah sie nirgends mehr. Nach dem Kalender war Vollmond; und es war nicht ganz finster; obgleich auch der Mond weggeschneit war aus dieser verwunschenen Welt.
Kallem stapfte vorwärts wie ein umgestülpter Zuckerhut. Er und der Schnee, der fiel — das war das einzige, was sich regte. Nicht einmal aus dem Häuschen glommen Feueraugen, obgleich es kaum zehn Uhr war. Erloschen und zugeschlossen und zugeschneit. Nur die verdrossenen Lichtkerne in den Laternen bezeugten, daß hier zu Zeiten eine lebendige Stadt war.
Jetzt hörte er eine Klarinette dudeln und einen Baß rumpeln — Fuchs und Eisbär, die irgendwo miteinander hopsten. Es trippelte und es humpelte, die Schneeflocken rieselten herab, und die Häuser standen und faulenzten.
Endlich war er so weit gekommen, daß er inmitten eines qualmigen Feuernebels ein großes Haus erblickte; da drin war's — da dudelte es und stampfte. Und er steuerte drauf los.
War er fehlgegangen? Er platzte in eine Art Kneipe oder etwas ähnliches — mitten in Tabaksqualm, Punschdampf und Speisendunst hinein. Dort sah er ein paar dicke Herren wie Schweine in ihrem Fett hocken. Sie waren nicht im Ballanzug; wohl aber die andern, die eben hereinkamen. Und als er sich endlich zur richtigen Treppe durchgefunden hatte, begegneten ihm noch mehrere Herren im Frack, die an ihm vorbeistürmten, dem Tabak und dem Punsch zu. Kallem haßte und verachtete Tabak und Punsch und Wirtshausleben, und vor allem die Herren, die nicht tanzen konnten, ohne sich zu "stärken".
Man sollte nie zu spät auf einen Ball kommen. Er sah auf die Uhr — es war elf und nicht erst zehn, wie er geglaubt hatte — entweder war er zu spät nach Hause gekommen, oder er hatte zu lange gelesen. Ein paar glühende, schwitzende junge Leute, die eben aus dem Qualm auftauchten — jedesmal, wenn die Tür aufging, drang ein qualmiger Nebel heraus — begrüßten ihn und bestätigten dadurch sein Kommen; so ging er denn mechanisch weiter und zog seinen Überzieher aus. Im Flur noch weitere solcher überhitzten, schwitzenden Menschen. Der eine schien nur hinunterzulaufen, weil der andere lief; nichtssagende Worte — unstete Augen — ihr Lachen wie hohle Trommelwirbel. Auch Damen kamen, immer drei oder vier zusammen, wie aufgeblühte Rosen sahen sie aus; sie lachten — über nichts, schwatzten — von nichts, stets auf dem Sprung, daß man sie wieder in Musik und Geplapper hineinführen sollte. Die Musik schrill, die Gasflammen in einem Flor von Qualm, die Kronleuchter in gelbrotem Dunst.
Ein überfüllter Ballsaal; man hatte Mühe, sich durch die vielen Kavaliere hindurchzuwinden, die müßig, in Klumpen zusammengedrängt, an der Tür herumstanden. Eine Mischung von fein und grob — eine echt norwegische Mischung.
Es wurde gerade der Walzer im Kotillon getanzt. Kallems Brillengläser waren jetzt wieder trocken, und bei seiner Länge sah er bald, daß seine Schwester nicht unter den Tanzenden, augenscheinlich überhaupt nicht im Saal war. Doch er vergaß sie; denn der Anblick hier war in gewisser Art neu für ihn; er kannte von Norwegen nur die Westküste und Kristiania. Ein Ball in einer kleinen norwegischen Binnenstadt ist etwas ganz Eigenartiges. Damen und Herren, die einem eleganten Pariser Ball Ehre machen würden, gleiten leicht dahin zwischen jungen Menschen, die einen schweren Alltagsschritt, die niemals die Kunst des Tanzes erlernt haben, sondern ehrlich und unverdrossen wie Taglöhner, den Takt treten. Herren im Gehrock, Herren im Frack, Damen in ausgeschnittener Balltoilette, Damen in biederen, dunkeln, hohen Kleidern, manche älter, manche blutjung, und jeder auf seine Weise und für sich vergnügt.
Von dem Augenblick an, als Kallem das Pech hatte, in die Restauration zu geraten oder vielmehr nur in ihre Nähe — mit ihrem Punschgeruch und Tabaksqualm, die er haßte, war er übellaunig und verdrossen gewesen. Aber hier im Ballsaal, angesichts so viel genußfroher Selbstverständlichkeit verzog sich das. Da walzten zwei vorüber — er im Frack, sie im dunkeln Wollkleid, wie mit einem Schloß zugeschlossen; sie hielten sich so treulich umschlungen, machten keine Pause, drehten sich nur unablässig, ernsthaft und bedächtig. Dort streifte ein langer, blonder Bursch in kurzer Jacke, wahrscheinlich ein junger Seemann, der zu Weihnachten nach Hause gekommen war, an ihnen vorbei; er tanzte mit einer Frau von mindestens vierzig Jahren, — zweifellos seine eigene Mutter; wenn die nicht so aussah, als könne sie noch eine tüchtige Marssegelkühlte bestehen! Dort ein bekannter Eisenbahnbeamter, das Gesicht in die Höhe gewandt, ein dünnes Kerlchen im schwarzen Frack, das unter fortwährenden Körperverrenkungen herumhüpfte; trat er auf den rechten Fuß, so neigte er sich nach rechts — trat er auf den linken Fuß, beugte er sich nach links — immer ganz gewissenhaft im Takt, und dabei so vergnügt, so lokomotivenpfeifenvergnügt! Seine Tänzerin lachte nur immerzu, aber gar nicht etwa verlegen, im Gegenteil — sie amüsierte sich! Und sie tanzten und tanzten, und wenn sie sich eben erst gesetzt hatten, standen sie auch schon wieder auf. Da fegte ein junger Kaufmann vorüber, und dicht hinterdrein ein junger Offizier, beide tadellos, mit frischen, jungen ballmäßig gekleideten Tänzerinnen; darnach ein ganz verrückter Kerl mit einer hohen Haartolle und einem großen, schwarzen Frauenzimmer. Sie rasten durch die Mitte des langen Ballsaals hin und zurück, daß alles erschrak und auswich wie vor Pferden. Da wirbelte ein Turm vorbei — ein dicker, hoher, runder Turm, mit einer kleinen, schmächtigen Dame, die an ihm lehnte wie eine Leiter. Nach oben zu rührte sich der Turm überhaupt nicht; er drehte sich nur; hätte man ihm einen Teller Suppe auf den Kopf gesetzt, es wäre auch kein Tropfen übergeschwappt. Da kamen zwei, die die Hände von sich streckten wie Segel, zwei große Menschen, die Platz für drei normale Paare wegnahmen. Aber es schien althergebrachtes Ballgesetz zu sein, daß jeder Recht hatte auf soviel Platz, wie ihm paßte, auf soviel Gerase und Getolle, wie ihm beliebte, überhaupt das Recht, ganz nach seiner eigenen Fasson selig zu sein! Hier tanzte jeder einfach für sich, und keiner, um zu tanzen, sondern alle, um sich zu amüsieren.
Aber — Donnerwetter — da kamen zwei, die konnten tanzen! Sie kamen aus einem Nebenzimmer — ein flotter, bartloser Kavallerieleutnant und eine hohe, ... Josefine! Sie war in roter Seide, mit Schwarz; der feste Hals, die gedrechselten Arme in ihrer warmen Farbe — das üppige Haar, in den gewohnten Knoten gebunden — die wilden Augen — ja, wild waren sie! — und die Figur! Ja, sie war die Ballkönigin! Wie sie tanzte! Jetzt sah man erst die ganze Kraft und Geschmeidigkeit ihres Körpers! Und jetzt blitzte das irische Blut auf! Das war sie! Der Bruder drängte sich weiter vor; es war, als versage ihm der Atem. Ihm war, als ob alles nur auf diese beiden starrte, die sich bald rechts-, bald linksherumschwenkten, bald auf einem Fleck wirbelnd, bald den ganzen Saal umkreisend. Kein neues Paar kam hinzu; alle schauten und schauten, und nach und nach hielten die meisten der Tänzer inne; sie wollten zusehen. Der Kavallerist hatte nur den einen Fehler, daß er nicht größer war als seine Dame; aber er war ein kraftvoller, männlicher Kerl, der vorzüglich führte. Der Tanz war diesen beiden kerngesunden Menschen Leidenschaft und Rausch; das sah man. Und wie ein Rausch wirkte es auch. Kallem konnte nicht widerstehen; auch er mußte tanzen — und zwar mit ihr — und auf der Stelle! Als sie das nächstemal in einem glänzenden Bogen vorbeikamen, sah er sie an — sah sie so an, daß er wußte, sie mußte dahin blicken, wo er stand. Und so war es auch. Als ob jemand sie umfaßt und zum Stehen gebracht hätte, stand sie still. "Vielen Dank!" sagte sie zu ihrem Herrn. Und schon war auch der Bruder an ihrer Seite; ebenso schnell aber auch ihre Freundin Lilli Bing. "Komm, setz' Dich zu mir!" sagte sie, und gleich darauf, zu Kallem gewandt: "Wie nett von Ihnen, daß Sie gekommen sind!" — "Ich habe zu danken — für die Einladung!" erwiderte er sich an beide wendend. "Aber ich hab' eine solche Lust, mit Dir zu tanzen, Josefine —" er zog seine Handschuhe an — "Sie gestatten?" Und er verbeugte sich vor dem Leutnant, der sich höflich wieder verbeugte. "Hast Du auch Lust?" wandte er sich zu Josefine. Sie war vom raschen Tanzen außer Atem; aber ihre dunkeln Augen strahlten. "Ja!" antwortete sie leise. Der Saal hatte sich inzwischen wieder mit Tänzern gefüllt; deshalb warteten sie ein Weilchen. Aber als das Gedränge nicht abnehmen wollte, umfaßte er sie, um zu beginnen. "Es geht nicht!" flüsterte sie. "Doch es geht!" sagte er und schwenkte sie an den andern vorüber, ohne anzustoßen, ohne sich aufhalten zu lassen; wurde es gefährlich, so trug er sie mehr, als daß er sie führte. Aber bald merkte er, wie unnötig das war; sie bog sich und schmiegte sich in seinem Arm dem leisesten Druck. Sie waren sich nicht so gleich, daß es "klebrig" wirkte, und doch auch nicht so ungleich, daß es abstieß; sie wurden sich gegenseitig interessant und genossen diesen Augenblick der Versöhnung vor neuem Kampf. Ab und zu sahen sie einander an, immer gleichzeitig — er sehr rot, sie sehr bleich.
Jetzt strahlten die Lampen hell, die Musik war heiter, die Menschen fröhlich und natürlich, der Ballsaal prächtig! Sie hatten nicht miteinander getanzt, seit er Balllöwe und sie ein unausstehlicher Backfisch war, mit dem er aus Gnade ein paarmal herumwalzte. Aber in Haltung, Rhythmus, in ihrer ganzen Art zu tanzen waren sie wie aufeinander eingespielt; sie tanzten so leicht — sie waren glücklich. Während sie sich umfangen hielten, konnten sich ihre Gedanken nicht voneinander lösen; sie hatten sich ineinander verschlungen. Sie gehörten zueinander in starkem Naturzusammenhang, nun sie bis auf den Urgrund der Natur gedrungen waren. Und weil das, was sie gemeinsam erlebt hatten, eigentlich in ihrer Kindheit lag, in einem fernen Land, so flüchteten sie beide dorthin. In die brennendheiße Luft, Seite an Seite auf ihren kleinen Ponys, zwischen ihnen der wunderliche Vater; er war so schön zu Pferde!
Der Bruder, der die Schwester überragte, blickte hinab auf ihre breite Kopfform; daran erkannte er den Vater wieder. Sie dachte ebenfalls an den Vater, während sie in sein scharfgeschnittenes Gesicht emporblickte; und trotzdem ähnelte er der Mutter, mehr als sie. Sie erkannte im Bruder das Gütige und Kluge der Mutter, wenn auch die Gewitterzüge des Vaters dazwischen kreuzten. Sie hätte sich an ihn schmiegen mögen wie an ihre Mutter, in dem Gefühl tiefster Geborgenheit — wie an jenem letzten Abend in ihrer Fjordstadt. Und eine größere Sehnsucht kannte sie nicht auf Erden.
Da hörte die Musik auf.
Arm in Arm gingen sie zu dem Platz zurück, den Lilli ihr angeboten hatte — voll Wärme und Dankbarkeit. Sie trafen dort Lilli und den Kavallerieleutnant — sie in ihrer Üppigkeit ganz außer Rand und Band, er, wie immer, korrekt und ehrerbietig.
Bald darauf war Kallem in Überzieher und Seehundsstiefeln, die Hände tief in die weiten Taschen vergraben, wieder draußen im Schneegestöber.
Entweder hätten die beiden Geschwister jetzt allein sein müssen, oder er mußte gehen. Es hatte ihn zu gewaltig gepackt. Er hatte sie unendlich lieb, und sie ihn vielleicht noch mehr. In solchen Augenblicken — wenn ihr Wesen sich ganz mit dem seinen verschmolz, da formte es sich so, wie es wollte und konnte; für gewöhnlich hielt etwas sie gebunden; das Christentum war es kaum — was aber war es? Sie tat alles, was sie wollte, bis zur Rücksichtslosigkeit; und dennoch war sie gebundener als die meisten.
Es schneite und schneite; die Luft war mondhell, trotzdem man den Mond nicht sah. Und vor sich in der Luft sah er seine Schwester, barhaupt, mit nackten Armen, mit Glutaugen, und in der Ferne Musik!
Als er aber in sein weißes Schlafzimmer trat, in dem das aufmerksame Mädchen eingeheizt hatte, da sah er die droben im Walddorf tanzen — Ragni, getragen von einem dicken Waldbesitzer, daß sie den Boden kaum mit den äußersten Zehenspitzen berührte; — sie wirbelte mit den kleinen Kindern im Kreis herum, sie hüpfte mit dem "Birkhahn" oder einem schneidigen Jungen aus der Hauptstadt davon; er sah ihre Glückseligkeit nach jedem Tanz, er hörte ihr: "Nein, wie ich mich amüsiere, Edvard!" — und damit schlief er ein.
Und am andern Tag — er hatte eben sein einsames Mittagessen beendet und war gewohnheitsmäßig in die Wohnstube gegangen — denn da pflegte Ragni ihm vorzuspielen — da öffnete sich die Tür und — er traute seinen eigenen Augen kaum — ja, wirklich, in dieser Pelzvermummung steckte Ragni! Er rief sie herbei, so, wie sie war, weiß und rosig und mollig und zärtlich — und hob sie in die Höhe.
"Ach nein," sagte sie, als sie ein Weilchen nachher
friedlich beisammensaßen — "weißt Du, es war doch
immer wieder dasselbe, und dann — ich hatte Sehnsucht." — "Du
hast eine schiefe Nase!" — "Und Du — na,
warte nur — auf dem Ball bist Du gewesen!" — "Du
hast eine schiefe Nase!" — "Das sieht man fast
gar nicht. Du, aber weißt Du — Karl ist gar nicht
immer lieb. Das will ich Dir nur sagen!" — "Karl?" — "Gegen
mich, ja! Gegen mich ist er riesig nett — man
kann sich gar nicht vorstellen, wie nett. Aber gegen
meine Geschwister ist er ganz anders — heftig — furchtbar
heftig, und launisch, ein Starrkopf." — "O, das
kann ich mir ganz gut denken." — "Und weißt auch
Du, warum ich abgereist bin? Wir wollen einmal allein
sein. Nicht? Wir haben ihn ja immer um uns." —
"Du lieber Gott — hast Du den nun auch schon wieder
satt?" — "Das hab' ich doch gar nicht gesagt; aber so
immer um einen — — — das wird —" — "Langweilig?"
— "Na ja, meinetwegen langweilig; aber es
ist so. Ich bin gräßlich, ich weiß! Du, und um noch
was möcht' ich Dich bitten; aber sei gut und sag' nicht
gleich Ästhetiker!" — "Nun, und —?" — "Sag'
Kristen Larssen nicht, daß ich wieder da bin! Bitte,
bitte nicht! Wir wollen einmal ganz ungestört sein,
ja?" — "Aber ich hab' eben jetzt ein paar Kinder,
die — —" — "Nein, nein! Auch keine Kinder! Ach
nein!" Und sie fing zu weinen an.
"Aber liebste, süßeste Ragni —!" — "Ach Gott, ich weiß ja, es ist schrecklich egoistisch; aber ich kann ganz einfach nicht! Ich bin für so was nicht geschaffen!"
Eine Weile später sang der Flügel in seinen vollsten Akkorden die Jubelhymne ihrer Heimkehr! Die Geister der Schönheit nahmen Besitz vom Haus. Sie flogen aufs Dach, zu den Fenstern und Türen hinaus, ins Schlafzimmer hinauf, in die Küche, ins Studierzimmer hinüber. Sie sangen, sangen, sangen, daß die Tuberkelbazillen, die der Doktor eben untersuchte, geradenwegs lostanzten auf das, was sie vernichten sollte; sie sangen die Küchentür auf, daß der ganze Aufwaschtisch tanzte und der Kaffeekessel überkochte; und das neue Kleid, das Sigrid zu Weihnachten von Frau Doktor bekommen hatte, fix und fertig, mit Sammetbesatz und Jakett, mit Schnüren und Quasten besetzt, hoch oben auf dem Dachboden, zu alleroberst im ganzen Haus, auf Ballgedanken verfiel.
8
Tags darauf kam Kallem von Sissel Aune, der Waschfrau. Er hatte sich über den Mann geärgert, der in übermäßiger Freude seine Geige hatte herrichten lassen und jetzt bei allen möglichen Gelagen aufspielte und sich volltrank. Er wollte mit ihm denselben Versuch machen wie mit Sören Pedersen und Aase, und ging deshalb zu ihnen, um mit ihrer Hilfe dem lyrischen Aune beizukommen. Aber er fand die "Gattin Aase" allein im Laden, wo sie eben einem von Sissels Kindern auf einen Sattel half; vier hatte sie bei sich im Laden, das fünfte lag daneben in der Stube. Sören Pedersen sei nicht zu Hause, er sei bei Kristen Larssen, der krank sei. Kristen Larssen? — Ja, er habe fürchterliches Erbrechen gehabt, zuletzt das reine Blut; aber dem Doktor wolle er nichts sagen. Kallem wollte sofort zu ihm, aber erst wollte er noch einen kleinen Beitrag zum Unterhalt der Kinder geben; das wurde jedoch nicht angenommen. Aase hatte heute zwei Sättel und eine Sprungfedermatratze verkauft; eine Nichte von ihr arbeitete jetzt mit in der Werkstatt; eine Frau, die ebenfalls Aase hieß; um die zwei voneinander zu unterscheiden, nannte Sören die Nichte: "Aases Aase".
Kallem fand Kristen Larssen im Bett. In seinen langbehaarten Fingern hielt er eine Arbeit; Sören Pedersen las ihm vor. In der Ecke zwischen Fenster und Tisch, ganz eingeklemmt in einen Winkel, saß die Frau und strickte; das Kopftuch hatte sie so tief hereingezogen, daß das Gesicht ganz im Schatten lag. Eine entsetzlich schlechte Luft war in der Stube. Als Kallem den Kranken sah, erschrak er; noch schmutzig-grauer, noch hagerer als sonst sah er aus. "Haben Sie etwas Fettes gegessen in den Weihnachtstagen?" — "Hm ... Sülze haben wir gehabt." — "Haben Sie schon früher solche Anfälle gehabt?" — "O ja ... ab und zu." — "Aber nicht so schlimm, wie diesmal!" sagte sie, und strickte. — "Haben Sie Schmerzen jetzt?" — "Jetzt nicht. Aber manchmal ..." — "Unter der Brust und im Magen?" — "Ja." — "Und die Schmerzen kommen häufig wieder?" — "O ja." — "Mit jedem Tag öfter!" sagte die Stimme aus der Ecke. Kallem begann sofort mit der Untersuchung und fand in der Magengrube eine Geschwulst von der Größe einer Wallnuß. Kristen Larssen wußte schon lange davon. — "Ist sie gewachsen?" — "O ja." — "Jeden Tag mehr!" sagte die Stimme in der Ecke. Kallem ward es heiß und heißer. Weshalb hatte er sich bei Larssens abweisender Art beruhigt? Die Augen der Frau folgten ihm — ihre Stricknadeln gingen immer langsamer — es war, als erstarre sie nach und nach; der Doktor versuchte, seine ruhige Miene zu bewahren; aber sie ließ sich nicht täuschen — er merkte es. Und Kristen Larssens kalte Augen folgten ihm — forschend. Kallem hieß sie die Herdklappe öffnen und sie offen lassen — Tag und Nacht — wieviel Holz es auch kostete. Sören Pedersen stand auf, voller Eifer, und öffnete das Ventil. Kristen Larssen und seine Frau verfolgten sein Tun mit mißbilligenden Blicken; sein Holz war es freilich nicht! Um Zeit und Ruhe zu gewinnen, blätterte Kallem in den Büchern, die herumlagen. Es waren seine eigenen englischen, und ein Buch über Mechanik. Dann sah er das Schiffchen an, das der Kranke zwischen den Fingern hielt. "Was ist denn das?" Und Sören Pedersen erklärte, es sei eine Verbesserung der von Kristen Larssen erfundenen Strickmaschine. Und während er das erklärte, handhabten Larssens Finger die Räder und Nadeln so zart, so behende, daß seine ganze Gedankenkraft, seine ganze Liebe zur Sache dabei deutlich zum Vorschein kam.
Die ganze Stube, die Arbeitsbank, der Fußboden, der Tisch — alles lag wieder voll von Sachen, die neu hergerichtet werden sollten — Gewehre, Uhren, Nähmaschinen, Kaffeemühlen, Schlösser, zerbrochene Werkzeuge. Kallems Revolver lag neben dem Kasten, und Kallem hörte, das sei das einzige, was Larssen über die Weihnachtszeit fertiggemacht habe. Während Sören Pedersens Wortschwall hatte Kallem überlegen können; jetzt wußte er, wie er's anzugreifen hatte. Er sprach von Diät und schmerzstillenden Mitteln und forderte dann Sören Pedersen auf, mitzukommen.
Sowie sie auf der Straße waren, sagte ihm Kallem, daß es mit Kristen Larssen zu Ende gehe. Es sei ohne Zweifel ein weitvorgeschrittener Magenkrebs.
Die selbstzufriedene Pfiffigkeit in Sören Pedersens runder, glänzender Fratze stahl sich plötzlich auf allerhand Schleichwegen fort; das Gesicht blieb ganz leer — mit offenen Türen und Fenstern — zurück.
"Ich werde Ihnen bald Bestimmtes sagen; und dann müssen Sie, der ihn besser kennt als ich, es ihm sagen." Aune, über die er eigentlich hatte sprechen wollen, vergaß Kallem ganz und gar.
Innerhalb weniger Tage wußte die ganze Stadt, daß der Tausendkünstler Kristen Larssen an Magenkrebs hoffnungslos darniederlag; sogar ins Blatt kam es. Er wurde darin als "ein in der ganzen Umgegend wohlbekannter Mechaniker und Erfinder" erwähnt. Kein Haus, in das Kallem kam, kein Bekannter, den er auf der Straße traf, ohne daß man sich nach Kristen Larssen erkundigt hätte. Das nächste Mal, als er den Kranken besuchte, — nachdem Sören Pedersen sich seiner Mission entledigt hatte — wurde die Sache mit keinem Wort erwähnt. Larssen lag da, wie immer, zwischen den Fingern seine Erfindung — ein bißchen matt, nach einem fürchterlichen Anfall von Schmerzen. Der Bart war gewachsen; er sah abschreckend häßlich aus. Die Frau strickte; nur daß sie ein bißchen näher am Bett saß. Die englischen Bücher lagen nicht mehr da; und das war das einzige äußere Zeichen, daß die Zukunft aufgegeben war.
Kallem ging von da zu Sören Pedersen, der ihm erzählte, der frühere Hausmeister des Krankenhauses sei bei Larssen gewesen und habe versucht, ihn zu bekehren; damit er doch nicht geradenwegs in die Hölle käme. Larssen hatte bloß geantwortet, man möge ihn doch nicht aufhalten; er habe eben eine Arbeit vor, die beinahe fertig sei. Dann war der Pastor gekommen; der ging taktvoller und behutsamer zu Werke; aber vielleicht gerade darum hatte Larssen diesmal die Geduld verloren; seine aufgespeicherte Bitterkeit machte sich in flammenden Worten Luft, und die Frau mit dem vorgezogenen Kopftuch und den ewigen Stricknadeln hatte sich dicht neben die Tür gestellt. Der Pastor hatte verstanden — und entfernte sich geduldig; seit der Geschichte mit Maurer Andersen war er nicht mehr der Alte. In der Gemeinde freilich erregte das verschiedentlich Ärgernis.
Nach einer Sitzung im Jünglingsverein versammelte sich der Jünglingschor vor Kristen Larssens Haus und stimmte gedämpft einen Choral an. Andere kamen dazu, in aller Stille. Es traf sich, daß der Kranke eben einen Anfall hatte. Er sagte, es sei, als ob Tausende von Stecknadeln ihn unablässig stächen — und bei seinen Leiden reizte der Gesang ihn so, daß Kallem einschreiten und alle derartigen Demonstrationen untersagen mußte. Zwei Laienprediger, der ehemalige Hausmeister und noch einer suchten den Doktor im Krankenhaus auf und erklärten, wie alles bloß in bester Absicht geschehen sei, und wie man doch unmöglich einem Sterbenden Gottes Wort vorenthalten dürfe. Kallem wurde heftig und antwortete grob.
Als er abends zur gewöhnlichen Zeit bei Kristen Larssen war, glaubte er ganz bestimmt, durch das Fenster ein Gesicht hereinschauen zu sehen. Der Kranke fragte eben, wie lange er überhaupt noch zu leben habe, und ob die Schmerzen immer zunehmen würden. Und Kallem kümmerte sich darum weiter nicht um die Sache draußen; er bat nur, man möchte die Fenster verhängen. Er erwog, ob er Larssen die reine Wahrheit sagen könne, und kam zum Schluß: ja, es ist das beste. Also erklärte er ihm, es könne noch zwei bis drei Monate dauern — die Schmerzen würden sich immer häufiger einstellen — wenn auch nicht alle Tage gleich oft und gleich heftig. Die Frau hörte es mit an.
Niemand war am Fenster, als Kallem herauskam; aber auf der Straße — in einiger Entfernung — ging eine Dame, langsam, als warte sie auf jemand. Als sie ihn erblickte, kam sie sogleich auf ihn zu. Es war seine Schwester. "Hast Du vorhin bei Kristen Larssen zum Fenster hereingesehen?" — "Ich —," und er sah, wie ihr Gesicht rot wurde unter der Kapuze — "ich bin nicht der Mensch, der andern in die Fenster sieht!" — "Entschuldige! Aber ich hab' wirklich jemand vor dem Fenster gesehen. Und Du weißt, wer es war?" — "Ja. Aber ich bin gekommen, um mit Dir zu sprechen, Edvard. Ich weiß, wann Du gewöhnlich hier bist." — "Was soll ich?" Und nun erst bemerkte er, daß sie in voller Aufregung war.
"Ist es wahr, daß Du gesagt hast, Du nähmest die Verantwortung auf Dich, wenn Larssen in die Hölle komme?" — "Ich glaube überhaupt an keine Hölle!" — "Und das hast Du ausgesprochen?" — "Ich weiß nicht. Ich glaube nicht." — "Es gibt nämlich Menschen, die sind anderer Ansicht als Du, und die sind empört über derartige Aussprüche. Durch dergleichen verlierst Du alles, was Du Dir hier erarbeitet hast; das kann ich Dir nur sagen." — Kallem kannte sie so ganz wieder in diesen Worten. "Ja, natürlich ist es dumm, so etwas auszusprechen. Aber ist es nicht ebenso verrückt, einen Mann wie Kristen Larssen so zu plagen! Solang er noch bei Verstand ist, bestimmt niemand ihn, an eine Hölle zu glauben. Also sollen sie ihn doch in Ruhe lassen!" — "Das verlangen sie doch auch gar nicht von ihm!" — "So? Und was denn?" — "Das weißt Du so gut wie ich, Edvard. Und ich bitte Dich um Deiner selbst willen — verhöhne nicht ernste und wohlmeinende Menschen!" — "Ich habe nicht höhnen wollen. Ich sage bloß — sie können sich und ihm die Mühe sparen." — "Ist er denn so kalt?" — "Kalt oder warm — das kommt lediglich auf die Veranlassung an, und darauf, wie ein Mensch sein Leben gelebt hat!" — "Aber der Mensch kann sich eine Seelenkälte anleben; und ganz gewiß — so ist es bei ihm gewesen!" — "Vielleicht. Aber ich kenne jemand, der recht warm ist, und der doch genau so denkt wie Kristen Larssen. Also das ist es nicht!" — "Ja, was ist es dann?" — "Tausenderlei. Die, die ich meine, denkt fast immer in Bildern, und seitdem sie einmal ein uraltes Bild der Dreieinigkeit gesehen hat — ein mächtiger Körper mit drei Köpfen darauf — und hörte, daß der Kopf in der Mitte der Sohn der beiden an der Seite — Vater und Mutter — sei (Du weißt doch, der heilige Geist war im Anfang weiblichen Geschlechts —) konnte sie nicht mehr an die Dreieinigkeit glauben. Sie lachte darüber. Und wie gesagt — sie ist recht warm!" — "Pfui!" stieß Josefine in tiefstem Zorn heraus; "warm mag sie ja sein; aber jedenfalls ist sie unrein!" — Kallem fühlte im Herzen einen Stich; das ging auf Ragni! Die Schwester war böse und sah böse aus, wie in ihren Backfischtagen! Und sofort wurde er auch wieder der Junge von damals: klatsch! Da hatte sie eine Ohrfeige! Sie traf nur die Kapuze; aber sie kam von Herzen.