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Auf Gottes Wegen

Chapter 9: Jugend
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About This Book

A young boy is confronted by a violent storm and a rising fear of apocalypse that catalyzes a lifetime of inward questioning. The narrative follows his development from schooldays through youth into manhood as public crises, religious sermons, and family pressures intersect with private anxieties and moral decisions. Vivid coastal landscapes and dramatic events alternate with intimate psychological observation, tracing how conviction, doubt, guilt, and social expectation shape character and choice. The work examines faith and conscience without prescribing answers, portraying a gradual, often conflicted search for spiritual and ethical direction.

Wie hungrig er war! Und nun fror ihn; er konnte nicht länger schnell gehen, und er war durch und durch naß.

Viel Ursache, sich nach dem Ziel seiner Wanderung zu sehnen, hatte er ja auch gerade nicht. Er kannte die neue Reitpeitsche nur zu gut; die alte hatte er selber aus der Welt spediert; aber hätte er gewußt, daß die neue noch schlimmer ausfallen würde — er hätte die alte vermutlich noch ein paar Jahre länger leben lassen. Au! Jetzt kribbelte es ihn auch noch unter den Nägeln, und seine Finger wurden steif. Und die Füße! An die durfte er gar nicht erst denken; dann würden sie nämlich noch schlimmer; horch, wie es in den Stiefeln klatschte! Er machte sich den Spaß, die Füße kreuzweise voreinander zu setzen; er wechselte von rechts nach links und von links nach rechts; aber es machte ihn nur müde. Immer zäher und zäher ging's, immer mühseliger wurde es; jetzt kam wieder eine Steigung. Himmel, war das nicht die letzte? Lag nicht Store-Tuft in der nächsten Senkung? Dicht am Fuß der Anhöhe? Natürlich, das war die Tuft-Niederung! Vielleicht kam er doch noch vor dem Vater hin? Und wenn es auch nur ein Aufschub war — es war doch immerhin etwas! Donnerwetter! Es war schon der Mühe wert, sich zu beeilen! In den Jungen kam neues Leben. Frisch drauflos!

Übrigens — der Vater war nicht bloß streng! Er war auch gut. Besonders, wenn Josefine zu Edvard hielt und ein gutes Wort für ihn einlegte. Und das würde sie schon, wenn Ole wiederkam; dann hielt sie sicher zu ihm. Sie würden versuchen, auch den Apotheker zu gewinnen. Er war furchtbar nett, der Apotheker, und es war auf alle Fälle gut, Hilfstruppen zu haben, so viel wie möglich. Herrgott, gab es denn nicht noch mehr ...?

Da tauchte der rote Pferdekopf über der Hügellinie auf! Die großen Strohschuhe, die der Vater im Winter als Steigbügel benützte, standen zu beiden Seiten des Fuchsen ab wie die Tatzen eines Raubtieres. Der Junge wurde zu Stein und stand still.

"Rauen", der Fuchs, glotzte aus dem schweren, spanischen Sattelzeug heraus Edvard an; er traute seinen eigenen klugen Augen nicht. Dem Vater erging es augenscheinlich ebenso; denn sein runder Kopf in der grauen Wollmütze streckte sich weiter und weiter über den Pferdehals vor, bis er sich mit beiden Händen auf den Sattelknopf stützen mußte. Dieser pudelnasse Bursche mit dem Pelzklex auf dem Kopf — der dort, blaß und erschrocken, wie ein Gespenst mitten auf der Straße stand — war das der Junge, der um diese Zeit zu Hause sitzen und seine Aufgaben machen sollte, bevor er sich überhaupt rühren durfte? Am Samstag nachmittag? In solchem Wetter, bei solchem Schmutz, und so leicht gekleidet — hier draußen auf dem Weg nach Store-Tuft? Und das ohne Erlaubnis? "Hölle und Teufel, was treibst Du hier?"

Das Pferd blieb stehen; der warme Atem füllte die Luft rings um den Jungen und hüllte ihn in Nebel und einen unangenehmen Schweißgeruch. Edvard vermochte sich nicht zu rühren, wagte nicht zu antworten. Er starrte bloß durch den Nebel blöd und dumm zum Vater auf; zuletzt wußte er gar nichts mehr von sich.

Unverzüglich stieg der Vater ab, und gleich darauf stand er, die Zügel um den linken Arm, die Peitsche in der rechten Hand, vor ihm. "Was gibts, he? Woher kommst Du? Hölle und Teufel, wirst Du wohl antworten!"

Edvard glitt mechanisch weiter und weiter zurück; der Vater ihm nach; und ebenso mechanisch hob der Junge den rechten Arm, um das Gesicht zu schützen; den linken hielt er abwehrend vor sich ausgestreckt. "Wo willst Du hin?" — "Zu Ole Tuft." — "Was willst Du da? He? Ist Ole Tuft zu Hause?" — "Ja." — "Was willst Du bei ihm?" — "Ich will — ich will — —" — "He?" — "— ihn um Verzeihung bitten." — "Um Verzeihung? Nanu? Na? He?" — Und die Peitsche fuhr in die Höhe. Der Junge beeilte sich: "Er will nicht mehr in die Schule kommen." — "So? Eklig gegen ihn gewesen? He? Und Du an der Spitze? He?" — "Ja." — "Also Deine Schuld, was? He?" Er kreischte. — "Ich hab' 'rausgekriegt —" Der Junge stockte. — "Was?" — "— — daß er ... daß er ..." Er fing an zu weinen. "— He?" — "... daß er Kranke pflegt." — "Und hast's weitergesagt, he? Gepetzt? He?" Edvard getraute sich nicht zu antworten, und nun begann die Peitsche eklig zu werden. Beide Arme des Jungen gingen im Takt mit der Peitsche auf und nieder, unsicher, wohin sie zielte. Er wich immer weiter zurück. "Stillgestanden!", schnarrte es. Statt dessen sprang der Junge mit einem Satz bis unmittelbar an den Rand des Straßengrabens. Zornig hob der Vater die Peitsche; das Pferd hinter ihm erhielt, ohne daß er es wußte, einen tüchtigen Hieb und zerrte so heftig, daß der Vater fast umgerissen wurde. Edvard vermochte beim besten Willen der überwältigenden Komik dieser erlösenden Unterbrechung nicht zu widerstehen; er fing schallend zu lachen an, erschrak aber gleich, als er es selber hörte, so unsinnig, daß er über den Graben wegsprang und in den Wald hineinrannte. Sobald er dem Vater den Rücken gedreht hatte, konnte er sich nicht mehr halten, er mußte wieder lachen, und wußte das durch nichts Besseres zu verdecken als durch ein lautes Geheul.

Die Verachtung des Vaters für den Jungen war grenzenlos. Er selber wurde dadurch ganz kaltblütig, brachte das Pferd zum Stehen und schwang sich in den Sattel. "Komm!" sagte er ruhig und wies mit der Peitsche nach Store-Tuft. Weitere Abrechnung folgt, wenn wir dort sind! dachte der Junge.

Er gehorchte selbstverständlich und kam eiligst — bis auf einen gemessenen Abstand vom Pferd. — Und diesen Abstand hielt er auch unverändert ein. Das Pferd schritt schnell aus, so daß es nicht ganz leicht war.

Und nun jagte der graue Mann auf dem roten Pferd den Sohn erbarmungslos vor sich her durch den Schneeschlamm, trotzdem die Füße des Jungen wundgelaufen waren — man sah es an der Art, wie er sie setzte; trotzdem er erfrorene Hände hatte — er steckte sie ab und zu in den Mund; trotzdem er bis auf die Haut durchnäßt sein mußte — die Pelzmütze klebte am Kopf wie ein Waschlappen! Der graue Mann selber saß trocken, in warmen, wasserdichten Kleidern, da, in der Hand die Peitsche, mitten im Gesicht den großen Riecher, daneben zwei funkelnde Augen. Niemand, der den Aufzug gesehen, hätte ahnen können, daß dieser gestrenge Herr keinen höheren Wunsch hegte, als den Jungen, den er da so wütend vor sich hertrieb, lieben zu können.

Aber um einen Menschen lieben zu können — dazu gehört, daß er so ist, wie wir wolle — nicht wahr? Und wenn nun das der Junge nicht wollte? Und wenn Kallem an Mißgeschick nicht gewöhnt war? Das erste ernstliche Mißgeschick, das ihn betroffen hatte, war der Tod seiner Frau gewesen, und ganz kurze Zeit darauf kam das mit dem Jungen. Bis dahin hatten sie alle im Ausland gelebt, Kallem in Frieden mit seiner Frau, seinem Geschäft und seinem Sport und seinen stillen Büchern — er war nämlich ein eifriger Leser; nichts hatte ihn je gestört oder geplagt. Das Geschäft besorgte der Bruder seiner Frau; es ging ausgezeichnet; das Haus besorgte seine Frau, ebenfalls ausgezeichnet. Alles ging ohne Störung oder Sorge, genau so, wie es gehen sollte — bis zum Tode der Frau.

Aber dann!

Weder er noch andere konnten anfänglich die unerwartete Veränderung begreifen, die mit ihm vorging. Manche meinten, der Verlust seiner Frau habe ihn verrückt gemacht; er selber meinte, das spanische Klima sei zu warm für ihn; er müsse fort, er müsse nach Hause. Der spanische Geschäftsführer stimmte sofort bei; es war nämlich eine ganz ausgezeichnete Spekulation, das Hauptgeschäft nach Norwegen zu verlegen und in Spanien eine Filiale zu unterhalten. So brachen sie denn auf — vor nunmehr etwa einem Jahr.

Aber der Junge, der schon in Spanien schuld war, daß der Vater das erstemal sich vergaß — übrigens auch ein zweites, und unglücklicherweise ein drittes, viertes, fünftes, sechstes Mal — immer war's der Junge!— brachte ihn leider auch in Norwegen aus dem Gleichgewicht. Im warmen wie im kalten Klima — der Junge war immer gleich eklig!

Bald kamen auch aus der Schule Klagen über ihn; dann aus der Apotheke, wo sie bei Kallems altem Freund zur Miete wohnten; dann von den Leuten, von den Nachbarn, von den Landungsbrücken. Vielleicht mußten auch andere Eltern Klagen anhören über ihre Jungens; vielleicht waren die Leute in dieser Gegend überhaupt schnell mit Klagen bei der Hand; davon wußte Kallem nichts; er war eine Einsiedlernatur. Soviel aber wußte er: sein Sohn war der begabteste Junge in der Schule; das versicherte ihn ein Lehrer nach dem andern; er wußte ferner, daß es dem Sohn auch im übrigen an nichts fehle, weder an Gemüt noch an Willen; nur — er war so gleichgültig und selbstzufrieden, mochte sich immer nur amüsieren, mochte in alles, was ihn nichts anging, seine Nase stecken, war gleichzeitig dreist und doch feig, ein schändlicher Spottvogel und grenzenlos unartig. Einen Engel im Himmel konnte es um die Geduld bringen; und nun gar Kallem, der überhaupt keine Geduld hatte.

Dieser schmächtige, geschmeidige Krabat, der da mit feigen Seitenblicken auf das Pferd und die Peitsche vor ihm herhinkte, hatte den Unfrieden in seines Vaters Leben gebracht. Nicht allein, daß er ihn im tiefsten Innern unsicher gemacht hatte, nein, er hatte ihn bisweilen seine Ohnmacht fühlen lassen — bis zur Hilflosigkeit; in solchen Augenblicken hätte er den Jungen am liebsten in Stücke geschlagen.

Dann wieder konnte er ihn vornehmen, konnte drohen, flehen. Noch in dieser letzten Sturmnacht hatte er ihn ins Gebet genommen, hatte mit den eindringlichsten Worten die schmähliche Angst des Knaben zu bannen versucht, hatte ihn ermahnt, ihm durch Erzählungen aus der Naturgeschichte erklärt, wie alle Prophezeiungen vom Untergang der Welt nur Erfindungen seien, Lügen... Der Junge antwortete: "Hm" und "Ja" — und glaubte kein Wort von allem, was der Vater sagte! Sobald das Unwetter losbrach, war er wie verrückt gewesen — und auf und davon in der jammervollsten Todesangst! Und heute trifft er ihn hier, auf offener Landstraße, eine Meile vor der Stadt, in Regen und Wind und Schmutz — selbstverständlich ohne Erlaubnis! Erst verunglimpft er den bravsten Jungen der ganzen Schule, einen kleinen Kerl, über den Kallem sich manch liebes Mal gefreut und den er oft mit ein paar Groschen bei seiner kleinen Mission unterstützt hatte, wenn Josefine ihm davon erzählte; — und obendrein...

"Sieh mal an! Hölle und Teufel! Ob er nicht zu allem hin noch lacht!" dachte er, während er dabei tat, als sehe er es nicht. Und worüber eigentlich? Na ja, über das Pferd da hinter ihm, mit "Hölle und Teufel" auf dem Rücken — und die Peitsche — und die gleichmäßigen schweren Tritte im Schneeschmutz: schwapp-schwapp — — schwapp-schwapp — — schwapp-schwapp! Und das alles wuchs nach und nach ins Maßlose, wuchs an, bis es zu einem ungeheuren, formlosen, verzerrten Etwas wurde ... Der Junge versuchte hastig, an etwas anderes zu denken, — er stürzte sich kopfüber in die englische Steinkohlengrube, die sich mit Wasser füllte — er suchte das Pferd, das hinter dem Jungen herkeuchte. Aber er kam nicht bis zur Grube hinunter; nichts als die helle Landstraße und "schwapp-schwapp — schwapp-schwapp" — und Hölle und Teufel, und die Peitsche, und er selber an der Spitze, auf anderthalb Beinen — hi-hi-hi!

"He?" schrie es hinter ihm.

Der Laut rieselte dem Jungen den Rücken hinunter wie ein spitzes Stück Eis. Unfern sah man jetzt Store-Tuft.

Dicht am Fuß der Böschung lag es, die sie eben hinab mußten. Es bestand aus ziemlich vielen Gebäuden, deren Mehrzahl im Viereck den Hof umgab. Auf der andern Seite lärmte der Fluß, mit Mühle und Sägwerk. Die Inseln draußen und die Landspitzen zu beiden Seiten schlossen die Bucht so völlig ab, daß das Meer ganz still lag, wie ein Teich mit vereisten Rändern. Am Strand lag eine Reihe von Bootsschuppen. Um sämtliche Gebäude Obstgärten, zum Teil recht ansehnliche.

Aus dem Wohnhaus von Store-Tuft stieg Rauch auf — endlich! Dort kochte die Mutter das Mittagmahl für Ole. Und Hunger und Kummer und Entbehren wurden übermächtig in dem Knaben, und vor lauter Sehnsucht nach einer warmen Stube und trockenen Kleidern und Heimweh nach seiner Mutter und der Heimat in Spanien hätte er fast wieder zu weinen angefangen. Aber dann dachte er daran, wie der Vater wieder sagen würde: "Hölle und Teufel! Jetzt flennt er!" Und da bezwang er sich.

Ängstlich blickte er nach dem Hof.

Das Wohnhaus lag mit der Langseite nach dem Garten zu — ein rot angestrichener, zweistöckiger Holzbau mit weißen Fensterrahmen. Dahin steuerten sie, der Knabe immer voran, der Vater hinterdrein.

An der Giebelseite vorbei gelangten sie in den Hof; gegenüber lagen die Ställe für das Vieh — Schafstall, Kuhstall, Pferdestall — alles unter einem Dach. Die Gebäude waren ganz neu und lagen rechtwinklig zur Scheune; gegenüber der Holzschuppen und die anderen Wirtschaftsgebäude. Auf dem Hof standen Ziegen und knabberten Tannennadeln, umschwärmt von Spatzen in unglaublichen Mengen; die Versammlung fand unmittelbar vor der Kornscheuer statt.

Jetzt erblickten die Ziegen die Ankömmlinge. Sie hoben die Köpfe und streckten die Hälse, alle auf einmal, Augen gespannt, Ohren gespitzt, starr, den letzten Bissen unbeweglich im Maul, neugierig bis aufs äußerste. Bloß der Bock kaute weiter, während er den beiden schwerfällig und gleichmütig entgegensah. Der Spatzenschwarm schwirrte geräuschvoll davon.

Zwischen der Giebelseite des Hauptgebäudes und dem Stall hielt der Vater und stieg ab. Der Junge war schon drin und begaffte das Scheunendach, das beschädigt war und eben ausgebessert wurde; Arbeiter waren jedoch nicht zu sehen. Wahrscheinlich waren sie kurz vorher mit auf den Fischzug gegangen; die Leiter stand noch auf ihrem Gestell gegen die Scheune gelehnt. "Halt!" rief der Vater. Und der Junge blieb stehen und wandte sich um. Der Vater war dabei, "Rauen" an einem Schleifstein festzubinden, der an der Giebelwand des Hauptgebäudes lehnte. Der Junge sah zu. "Merkwürdig, wie ruhig er jetzt ist!" dachte der Vater. Er trat vor und deutete mit der Peitsche nach der großen Steinschwelle vor dem Hauseingang; dahin sollte der Junge vorangehen. Das tat er denn auch. Erst kam er an einem Gitterschlitten vorbei; zwei Kätzchen spielten zwischen den Sprossen, eins innen, das andere außen. Die Fenster, an denen sie vorbeikamen, gingen so tief herunter, daß sie durch die ganze Schlafstube, die auf der andern Seite ebenfalls Fenster hatte, und dann ebenso in die Wohnstube sehen konnten. Da saß Ole, in einem weißen Hemd, das ihm bis auf die Füße reichte, am Herd mit hochgezogenen Beinen; neben ihm stand, über ein paar Töpfe gebeugt, die Mutter. Mehr zu sehen hatte Edvard nicht Zeit. Er stieg über die Schwelle und hinein in den Flur, aus dem ihm ein herber Fischgeruch, alter und frischer, und ein Geruch von etwas, was er nicht kannte, entgegenströmte. Wieder deutete der Vater voran — nach rechts; auch links war eine Tür, eine feingemalte mit einer Messingklinke; da sollte er nicht hinein. Na, dachte der Junge, soviel hätt' ich auch gewußt, daß wir irgendwohinein wollen, wo Menschen sind, und nicht in die kalte Gaststube! Er legte seine steifen Finger auf die Klinke und drückte.

Der Herd war in der Ecke links, dicht an der Tür. Und große Augen machten sie, die zwei, die da saßen! Oles Krauskopf guckte nur eben aus Vaters blauweißem Leinenhemd heraus. Die Mutter war ziemlich hochgewachsen und hatte feine Züge. Sie trug eine schwarze Haube. Das blonde, mit Wasser glattgekämmte Haar schmiegte sich um die Wangen, wodurch ihr Gesicht lang erschien. Sie richtete sich von ihren Töpfen auf und wandte sich den Eintretenden zu, die sie alle beide kannte. Ihr Gesicht war ernst, doch freundlich; ein bißchen ängstlich schien sie, oder unsicher; die Augen wollten anfangs auf keinem der beiden so richtig ruhen. Oles Stiefel standen am Herd; seine Kleider samt Hemd und Strümpfen hingen an einer Stange, die zwischen den Dachbalken befestigt war, zum Trocknen; auf dem andern Gestänge lag Holz und allerlei sonst. Ringsumher Hausgerät und Geschirr, wie immer am Werktag.

Die Stube war nicht gemalt, sondern vertäfelt; unter den Fenstern zu beiden Seiten liefen rotgestrichene Bänke entlang; in der Ecke links, auf der andern Seite des Fensters, stand ein Tisch mit einem Bücherregal darüber; am Tischende, gleich neben der Kammertür, hing die Schlaguhr; sie ging so gleichmäßig und unbekümmert, als sei der Unfriede niemals über diese Schwelle gekommen. Draußen sah Edvard die Kätzchen im Schlitten; das eine mit der Pfote von innen durchs Gitter heraus-, das andere von außen hineingreifend. Und unmittelbar vor sich Oles Gesicht. Ole lächelte; denn auch ihm war bang zumute. Aber die Töpfe!

Die Töpfe, die waren doch das Allerbeste, dachte der verhungerte und durchfrorene Edvard. In dem einen kleinen waren Kartoffeln; die waren schon fertig. Aber zwei hingen noch überm Feuer. Ob Fisch war in dem einen? Und im andern — —?

Die Mutter war verlegen; sie wußte nicht, was anfangen. Da standen sie, unbeweglich, der barsche Mann und der Junge. Gerade als sie die beiden zum Sitzen auffordern oder irgend sonst etwas sagen wollte, da ergriff der Vater das Wort. Sie werde ja wohl wissen, was geschehen sei — he? Der Bengel komme und wolle um Verzeihung bitten und sich seine Strafe holen. Das sei notwendig; denn er sei ein böser Junge, bei dem nichts nütze, als Strafe; im Guten sei bei ihm nichts auszurichten.

"Ach — aber — so schlimm ist es doch nicht!" sagte die Mutter mild. Ihr war ganz angst, und Ole wurde so bläulich bleich wie sein Hemd. — "Doch! Er soll seine Haue haben! Aber erst bittest Du um Verzeihung! Und zwar auf der Stelle — das rat' ich Dir!" — Ole fing zu weinen an. Edvard nicht. Ole konnte nicht mehr sitzen bleiben. Er stand auf und sah die Mutter an. "Da — —" sagte er. Weiter brachte er nichts heraus. Aber man sah, was er meinte: sie sollte sich ins Mittel legen.

"Bitt' um Verzeihung!" knirschte es. Die Peitsche zuckte. "Mutter!" schrie Ole. Edvard mußte vor. Ole hatte sich abgewendet; er wollte nicht mehr sehen. So etwas war er nicht gewöhnt. Edvard wich zurück; der Vater hinterdrein, daß die Sporen klirrten. Edvard lief, in seiner Not, mit ausgestreckten Händen auf Oles Mutter zu; sie nahm sie nicht, und Ole fing an, aus vollem Hals zu schreien. So großes Mitgefühl war zuviel für den armen Edvard; auch er heulte los, während er rund um die Mutter herumlief. Ein solcher Lärm war es, daß die Ziegen wieder, mit dem Futter im Maul, dastanden und glotzten und aufhorchten; die Spatzen, die zurückgekommen waren, schwirrten husch-husch aufs Dach.

Und was geschieht? Die Spatzen wiesen dem Jungen den Weg. Mit einem blitzschnellen Satz war er am Vater vorbei, zur Tür hinaus, die weitoffen hinter ihm stehen blieb. Die Ziegen stoben nach allen Seiten auseinander. Und der Junge — die Leiter hinauf — und aufs Dach. Sobald er oben stand, fing er an, die Leiter nachzuziehen. — "So ein Bengel! So ein Bengel!" schrie der Vater, der am Fenster stand. "He?" — Und fort war er.

Sobald der Sohn ihn kommen sah, ließ er die Leiter fahren, daß sie polternd herunterfiel. Der Junge selber lief wie eine Katze das Dach hinauf, bis zum First, guckte sich um und balancierte da, als hätt' er sein Lebtag nichts anderes getrieben. Jetzt fühlte er augenscheinlich keine Schmerzen mehr in den Füßen!

Des Vaters Angst überstieg alle Grenzen. "So pass' doch auf, Du! Pass' auf, sag' ich! Pass' auf! Willst Du wohl machen, daß Du 'runterkommst! Und zwar auf der Stelle! Mach', daß Du 'runterkommst, Du Lümmel!" Und er rannte in seinen Reitstiefeln im Hof herum und drohte hinauf.

"Fällt mir gar nicht ein! Ich spring' auf den Hof hinunter! Jawohl!"

"Bengel! Bist Du toll? Hölle und Teufel! Willst Du's wohl bleiben lassen!"

"Ja, wenn Du mich nicht haust!" — "Ich verspreche gar nichts!" — "So? Du versprichst gar nichts?" Und der Junge kletterte noch ein bißchen höher hinauf.

— "Doch! doch! Du Spitzbub! Du Lump!" — "Also Du versprichst es?" — "Ich versprech's ja — zum Teufel! Willst Du machen, daß Du 'runterkommst?" — "Auch nicht an den Haaren reißen — und nicht hauen — und nichts?" — "Ja doch, ja! Mach', daß Du 'runterkommst! Herrgott — Du rutschst ja aus! Edvard!" — Er kreischte. — "Also es gilt —? Du hast's versprochen?" — "Junge, wenn ich Dich hier hätte — Du solltest — —" er drohte mit der Peitsche hinauf. "Ja doch — ich hab's versprochen! Ich versprech' alles! Pass' auf!" — "Darf ich bis morgen hier bleiben?" sagte jetzt der Junge, "bei Ole? Darf ich?" — "Ich antworte überhaupt nicht mehr, bis Du herunterkommst!" — "Also nicht? Na denn — —" — "Du Starrkopf! Du miserabler Bengel!" — "Also Du sagst ja?" — "Ja doch, zum Teufel! Aber pack' Dich wenigstens fort vom Dachrand, Du Satanslümmel!" — "Du, Vater, eigentlich wär' mir's lieber, wenn Du zuerst weggingst!" — "O nein! Das schlag Dir nur aus dem Kopf! Mach' was Du willst. Erst will ich Dich wieder hier unten sehen!" — Schließlich war das dem Jungen auch recht. Der Vater legte die Leiter an, und der Junge kletterte langsam herunter; immerhin nicht eher, als bis der Vater ein Stück weit auf den Hof hinaus gegangen war. Und er hielt sich in gemessenem Abstand, trotzdem der Vater gern mit ihm geredet hätte und beteuerte, er werde ihm nichts tun. Er ging auch nicht ins Haus, solang der Vater da war, trotzdem er so naß war, und zwang den Vater dadurch, zu gehen.

Fünf, sechs Minuten darauf lagen beide Jungen strampelnd auf der Diele — Edvard in einem gleichgroßen Hemd wie Ole und im übrigen ebenso unbekleidet; beide waren dabei, ein paar dicke wollene Strümpfe anzuziehen, von der Art, wie die Bauern sie tragen, und die weit hinauf bis an den Schenkel reichen. Sie fanden es am bequemsten, das Geschäft auf dem sandbestreuten Fußboden vorzunehmen. Sie pufften einander in die Seiten und den Rücken und lachten, als sei all das, was wir soeben miterlebt haben, schon vor wer weiß wie langer Zeit geschehen. Ole machte alles nach, was Edvard vormachte; und sie lachten so, daß zuletzt auch die Mutter mitlachen mußte; dieser Edvard hatte auch die unglaublichsten Einfälle! Die Strümpfe mußten sie anziehen, damit sie nicht froren, wenn sie beim Essen am Tisch saßen; denn da gab's keinen Herd für die Beine. Und endlich waren sie denn auch so weit fertig, daß sie aufstehen konnten. Nun zeigte es sich, was das andere Gericht war; es war Rahmbrei. Das hatte Edvard noch nie gegessen. Ole sollte ein bißchen vergnügter werden, als er bei seiner Ankunft war; darum hatte die Mutter den Brei noch zugegeben. Edvard klatschte in die Hände und lachte das Essen an.

Aber Ole saß mit einemmal so ernst und still da! Nanu, was jetzt? Die Hände gefaltet, die Augen niedergeschlagen? Und die Mutter stand vor ihnen — auch sie ernst, die Hände gefaltet, die Augen niedergeschlagen. Ihr Gesicht neigte sich; es war, als glitte es weiter und weiter weg, oder als schöben sich Nebel davor und löschten alles Licht darin aus. Und dann begann sie, wie aus weiter, weiter Ferne, mit einem langen, langen Tischgebet, in einem einförmigen, leisen Ton, als rede sie still mit jemand anderm, an einem andern Ort als hier. Edvard fühlte sich wie ausgestoßen. Die Verlassenheit, die Angst kamen wieder über ihn, die alten Bilder, die alte Sehnsucht nach der Mutter. Dann war es weg, zusammengerollt wie Nebel, die am Gebirg herunter sinken.

Edvard hatte noch nie an einem Tischgebet teilgenommen, und die Art und das Wesen der Mutter waren für ihn etwas ganz, ganz Neues; und er verstand sie nicht, wenn sie so murmelte. Noch lange nachher saß er still da. Ole sprach ebenfalls nicht; die ganze Zeit, solange sie aßen, war er einsilbig; kaum daß er einmal lächelte. Das Essen war eine Gottesgabe; deshalb mußte Ernst herrschen.

Aber sie aßen denn auch mit Ernst! Die Mutter fragte schließlich, ob es nicht besser sei, ein bißchen für den Abend aufzuheben. Nein, meinten sie, dies sei ja doch gleichzeitig auch Abendbrot. Sie durften zusammen in der Altenteilstube schlafen, die als Gastzimmer diente; es war dort schon alles zurecht gemacht; und jetzt wollten sie noch ein Stündchen am Herd sitzen, dann aber zu Bett gehen.

Die Mutter merkte, daß sie am liebsten allein sein mochten und ließ sie denn auch allein.

Und dann später in der Schlafstube! Erst der entsetzlichste Spektakel! Die Pelzdecken und Federbetten stoben nur so um sie herum; dann wurde es allmählich ruhiger, und endlich kam es zu einem Gespräch. Ole erzählte, wie die Jungens sich benommen hatten, und Edvard versprach, er wolle den und jenen dafür durchhauen, und wenn es Anders Hegge selber wäre; wenn der nicht den Mund halte von "Gottes Wegen" und all dem, so würde er, Edvard, ihn ordentlich durchwichsen. Anders Hegge sei feig. Er wisse schon, wer ihm dabei helfen würde; das reine Kinderspiel!

Als sie müder wurden, kam die Sentimentalität; Ole sprach von Josefine, und Edvard ging auf seinen Ton ein und versicherte, sie sei unvergleichlich gewesen heute; er beschrieb, wie sie ihm nachgerudert war. Und Ole fand das groß. Ja, Josefine hatte etwas Großes; darin stimmten sie beide überein.

Edvard konnte nicht begreifen, weswegen Ole Missionär werden wollte. Was zum Kuckuck hatte es denn für einen Sinn, auf wilde Abenteuer auszuziehen, wo es doch hier in der Heimat genug zu tun gab? Ole sollte Pastor werden, und er Arzt, und beide würden sie im selben Kirchspiel leben. Wäre das nicht famos?

Edvard malte das immer weiter aus; sie würden Hof an Hof wohnen und oft zusammenkommen, besonders abends zu einem Glase Punsch, wie jetzt der Vater und der Apotheker, und Schach spielen wie sie. Dann wollten sie sich einen flotten Wagen kaufen, und jeder ein Pferd dazu halten, und zusammen ausfahren; das war gemütlicher als allein. Oder sie konnten am Strand wohnen und gemeinsam ein großes Boot haben — alles gemeinsam.

Ole war es, als sei bei allem Josefine mit, wenn auch Edvard davon nichts sagte. Aber es war klar, daß sie mit dabei war. Und Ole fand das so zart von Edvard, und war ihm so ungeheuer dankbar; und das gab den Ausschlag. Josefine als Pfarrfrau, die auf dem Hof waltete und schaltete ...

Also schließlich war er einverstanden; es wurde bestimmt, der eine sollte Pastor werden und der andere Doktor, und sie wollten zusammenwohnen. Das letzte, wovon sie sprachen, waren Fischzüge.

Sie hörten noch gewissermaßen die schweren Schritte und die Reden der Männer, die vom Fischzug heimkehrten, aber sie waren so müde.


Jugend

1

Erstes Paar vor!

Auf dem Land draußen, etwa fünf Kilometer von der Stadt entfernt, hatte sich das junge Volk versammelt. Der Hügel, auf dessen nach der Bucht zu abfallendem Teil sie saßen, war lustig bunt von Sommerkleidern, besonders von Mädchenkleidern:

"Gelbe, schwarze, braune, weiße,
Grün und violett und blau —"

— manche einfarbig, viele gesprenkelt, gewürfelt, gestreift; Filzhüte, Strohhüte, Tüllhüte, Mützen, unbedeckte Köpfe, Sonnenschirme. Eben stieg ein harmonischer Gesang aus diesem Farbenmischmasch empor, Klänge eines vereinten Männer- und Frauenchors, in langen, farbenvollen Bogen. Kein eigentlicher Vorsänger; ein junges, brünettes Mädchen in braunkariertem Kleide lag in der Mitte der Schar, auf den einen Ellbogen gestützt, und führte mit einem Sopran an, der klarer und freier als die Stimmen der andern war; und ihr folgten sie. Sie waren gut aufeinander eingesungen. In der Bucht unter ihnen lag ein frischgestrichenes Deckboot mit neuen, zur Hälfte gerefften Segeln; und das Wasser spiegelglatt.

Gesang und Boot vereinten sich zu einem lichten Bündnis unten in der schwarzen, von nackten, im Hintergrund immer höher ansteigenden Klippen überschatteten und eingeklemmten Bucht. Die Bucht selbst glich einem Bergsee, der sich dereinst beim Schneegang gebildet hat und vergessen worden ist. Die Berge — wie schwer und stumpf in Linien und Farben — holperig und bleiern; die letzten da hinten schwarzblau, mit Kappen schmutzigen Schnees, — Ungeheuer einer wie der andere.

In dem schwarzen Wasser lag das Boot, bereit zum Tanz; das war in fröhlicherem Verband daheim, als die Gesellschaft jener hohen Beisitzer des Natur- und Menschenlebens es ist, Gesang und Boot waren ein Protest gegen alles überragend Herrschsüchtige, alles unverschämt Stumpfe und Rohe — ein freischwebender Protest voll stolzer Farbenfreude!

Im übrigen merkten die Berge so wenig etwas von diesem Protest, wie das junge Volk begriff, daß er von ihm ausging. Das "Hochgeborene", das darin liegt, in einer Natur wie dem westlichen Norwegen zur Welt gekommen und aufgewachsen zu sein, besteht eben darin, daß die Natur den Menschen zwingt, ihr Trotz zu bieten, wenn er nicht unterjocht sein will; unter oder oben — entweder — oder! Und sie waren oben; denn das Volk des Westlandes ist das lebhafteste, am reichsten begabte Skandinaviens. In so hohem Grad sind sie die Herren der Natur, in der sie leben, daß auch nicht einer unter all diesen jungen Menschen jene Berge als schwer oder farbenkalt empfand; die ganze Natur hier erschien ihnen so stark und frisch wie nirgends sonst in der Welt.

Denn nicht nur die lichten Halden und das weite Meer hatten die Menschen, die hier saßen und sangen, geboren und aufgezogen; nein, ebensogut waren sie Kinder der Berge, der Vorberge und der tiefer landeinwärts gelegenen Höhen. Kurz vor dem Gesang noch war ein Wortgefecht gewesen zwischen ihnen, so unerbittlich hart, so bleigrau wie der grauste Berg. Und just um dies unheimlich Felsenharte in ihrem eigenen Innern zu überwinden, hatten sie den harmonischen Gesang lange, strahlende Bogen zwischen die Gipfel über den Abgründen spannen lassen. Der Sommertag war an sich ziemlich grau; aber bisweilen, wie eben jetzt, brach die Sonne mitten in Sang und Segel und Landschaft hinein.

Zwei waren da, an die war Sonne und Sang weggeworfen. Seht dort, den — wie er da unten rechts, ein bißchen abseits, auf seinen Ellbogen gestützt, im Gras liegt! Ein langer Bursch im hellen Sommeranzug, ohne Hut. Ein runder, kurzgeschorener Kopf, eine breite, niedere Stirn, die aussieht, als sei sie hieb- und kugelfest; die Stirn muß gute Stöße ausgeteilt haben in seinen Knabenjahren! Unter der Stirn eine Nase wie ein Schnabel und ein paar scharfe Augen, die gerade jetzt beinah ein bißchen schielen; aber entweder verdeckten es die Brillengläser, oder es war an sich unbedeutend. Das ganze Gesicht hatte etwas Strenges, der Mund war straff, das Kinn scharf. Doch wenn man es näher betrachtete, so wechselte der Eindruck; das Scharfgeschnittene wurde eher Energie als Strenge, und der Wille, der seinen Sitz in dieser Gebirgsgegend aufgeschlagen hatte, konnte sicherlich auch gar freundlich und schalkhaft sein. Selbst jetzt, wie er so dasaß, voll Ingrimm, und sich den Teufel um Gesang und Sonnenschein scherte, — — viel lieber hätte er sich eine Keilerei gewünscht! — selbst jetzt flog ein Schimmer von Humor über die finsteren Brauen. Er war offenbar der Sieger.

Wer etwa zweifelte, der brauchte bloß einen Blick auf die andere Seite der Gruppe zu werfen, auf den, der dort links, ein bißchen weiter oben, an einen Baum gelehnt saß. Das Bild eines verwundeten Kriegers! Und noch in den Zügen die zitternde Unruhe der Schlacht. Ein langes, blondes Gesicht, das nicht an der Westküste daheim war, sondern im Gebirg oder im Oberland. Entweder war er fremd hier oder von einer eingewanderten Familie. Er ähnelte auffallend den herkömmlichen Abbildungen von Melanchthon; nur daß vielleicht der Blick schmachtender, die Augenbrauen ein bißchen zu hoch geschürzt waren. Die Ähnlichkeit im ganzen — besonders in Stirn, Augenstellung und Mund — war so groß, daß er unter seinen Studienkameraden auch tatsächlich den Namen Melanchthon führte. Das war Ole Tuft, jetzt noch Student der Theologie, bald ausstudiert; und der andere, der Sieger mit dem Adlerschnabel, der eben noch recht kräftig zugehauen haben mochte, war sein Jugendkamerad, der Mediziner Edvard Kallem.

Vor mehreren Jahren schon waren ihre Wege auseinandergegangen, ohne daß es darum zu einem Zusammenstoß gekommen wäre; heute aber war etwas geschehen, das zu einer Entscheidung führen sollte.

Mitten zwischen ihnen, also in der Mitte des Hügels, im Kreis der Singenden, saß eine hochgewachsene Mädchengestalt in dotterfarbenem seidenen Kleid, um den Hals eine breite, gelbe Spitze, die in tiefen Falten bis an den Gürtel hinabreichte. Sie sang nicht mit, sondern reihte einen ganzen Berg Feldblumen und Gräser zum Kranze. Man konnte sofort erkennen, daß sie die Schwester des Siegers sein mußte, nur dunkler von Haut und Haarfarbe. Dieselbe Kopfform — wenn auch ihre Stirn verhältnismäßig höher war, überhaupt das ganze Gesicht verhältnismäßig größer — zweifellos zu groß. Die scharfe Familiennase war sanfter gebogen in ihrem regelmäßigen Gesicht; seine schmalen Lippen waren hier voll, sein Kinn gerundet, seine unebenen Brauen ebenmäßig, die Augen größer —. Und doch war es dasselbe Gesicht. Der Ausdruck bei beiden verschieden; bei ihr — wenn nicht kalt, so doch verschlossen und ruhig; niemand hätte so leicht diese tiefen Augen ergründet. Und doch war auch der Ausdruck bei beiden merkwürdig verwandt. Der Kopf saß auf einem starken, von kräftig ausgebildeten Schultern getragenen Hals; auch die Büste war recht üppig. Das dunkle Haar war zu einem eigenartigen Knoten verschlungen. Den Hals trug sie frei; aber das gelbe Kleid mit der gelben Spitze schmiegte sich eng an den sammetbraunen Körper, wie überhaupt der ganze Anzug den Eindruck von etwas fest Zugeknöpftem machte; und ebenso ihr Wesen. Sie flocht, wie gesagt, einen Kranz und wandte den Blick weder nach dem einen noch nach dem andern der zwei, die da miteinander gefochten hatten.

Hervorgerufen war der Kampf durch einen großen, schwarzen Hund; der lag jetzt da und tat, als ob er schliefe. Sein nasser, schwerer Pelz glänzte in der Sonne. Ein paar junge Leute hatten Stöcke ins Meer geworfen und den Hund hinterher gehetzt; und dabei hatten sie jedesmal gerufen: "Samson! Samson!" — das war der Name des Hundes. Da sagte Edvard Kallem zu einigen Umstehenden: "Samson — das bedeutet Sonnengott". — "Was?" fragte ein junges Mädchen, "Samson bedeutet Sonnengott?" — "Gewiß. Wenn auch die Theologen sich schwer hüten, das zu sagen." Er sagte es ganz jugendlich leichthin, gar nicht um jemand zu ärgern oder um daran weiterzuspinnen. Aber Ole Tuft hörte es zufällig und fragte etwas überlegen: "Weshalb sollten denn die Geistlichen den Kindern nicht sagen, daß Samson Sonnengott bedeutet?" — "Weil dann die ganze Samsonerzählung nicht mehr als Vorbild für den Christusmythus zu brauchen wäre." Das Wort saß; und das sollte es auch. Lächelnd, überlegen sagte Ole: "Samson läßt sich wohl trotzdem als Vorbild gebrauchen — ob er nun Sonnengott heißt oder nicht!" — "Ja — ob er Sonnengott heißt oder nicht; wenn er aber der Sonnengott war?" — "So? Also er war der Sonnengott?" rief Ole lachend. — "Das sagt doch der Name." — "Der Name? Sind wir etwa Bären oder Wölfe, weil wir nach Bären und Wölfen heißen? Oder Götter, weil wir nach Göttern heißen." Verschiedene aus der Gesellschaft hörten das mit an; jetzt kamen auch andere hinzu, unter ihnen Josefine. Und beide wandten sich sofort an sie.

"Der Fehler ist," sagte Edvard, "daß in die Geschichten, die von Samson handeln, überhaupt erst Sinn kommt, wenn man weiß, daß er der Sonnengott war." — "Ach! Heutzutag müssen ja sämtliche Ahnen und Urgeschichten aller Völker irgendwie auf die Sonnensage Bezug haben!" Und Ole gab ein paar amüsante Parodien auf diese wissenschaftliche Mode zum besten. Allgemeine Heiterkeit; auch Josefine lachte. Sofort geriet Edvard in Eifer und begann auseinanderzusetzen: als sich bei uns eine neue Religion bildete, da wurden unsere eigenen Götter, die ursprünglich indische Sonnengötter waren, zu Stammvätern; ihre Altäre, an denen das Volk geopfert hatte, wurden in Grabstätten umgewandelt. Auf diese Weise wurden auch die alten Sonnengötter der Juden umgewandelt in Stammväter, als der Jahvekultus sie als Götter verdrängte. — "So? Und woher will man denn das wissen?" — "Wissen? Mach' doch die Probe mit Samson! Wie sinnlos, zu glauben, daß die Stärke eines Menschen in seinen Haaren liegen kann! Sobald wir aber davon ausgehen, daß es die Sonnenstrahlen sind — zur Sommerzeit lang, im Schoß des Winters kurz geschnitten — kommt Sinn in die Sache. Und wenn die Strahlen gegen das Frühjahr hin wieder wuchsen — nicht wahr? — da konnte der Sonnengott wiederum die Säulen der Welt umfassen!... Nie haben Bienen Honig gesammelt in einem Aas; wenn wir aber hören, daß es — so oft die Sonne durch ein Himmelszeichen ging, z. B. durch den Löwen, — hieß: die Sonne schlug den Löwen — ja, dann verstehen wir, daß die Bienen Honig im Aas des erschlagenen Löwen sammelten, d. h. in der wärmsten Zeit des Sommers."

Jetzt waren alle ganz Ohr, und Josefine war im höchsten Grade verwundert. Sie sah nicht zu ihrem Bruder auf, denn sie merkte, daß er sie ansah; aber es war nicht mißzuverstehen: was Edvard anfänglich ohne jeden andern Gedanken als den, ein bißchen zu protzen, begonnen hatte, das erhielt eine bestimmte Bedeutung dadurch, daß Josefine zwischen ihnen stand. "Bei den Ägyptern", erzählte er, "begann der Frühling, wenn die Sonne das Lamm schlachtete, d. h. durch das Zeichen des Lammes ging, und aus Freude über die Erneuerung schlachteten alle ägyptischen Familien an diesem Tag ein Lamm. Von ihnen haben es die Juden. Wenn die Juden dies später zu etwas umgewandelt haben, das sie von den Ägyptern unterscheiden sollte, so ist das eine Fälschung. Gerade wie mit der Beschneidung; auch die haben sie aus Ägypten. Aber so was verschweigen die Herren Pfaffen."

Von all dem wußte Ole Tuft wenig oder nichts. Sein eifriges Studium hatte sich streng auf die Theologie beschränkt; er hatte auch gar keine Zeit zu anderen Dingen und sein Glaube war altes Bauernerbe und in sich selbst viel zu gefestigt, um sich mit wissenschaftlichen Zweifeln abzugeben. Hätte er das nun geradeheraus gesagt, so wäre kaum weiter etwas daraus entstanden. Aber auch er fühlte, daß Josefine zwischen ihnen stand und sich bestechen ließ. So begann er voll Hohn alles als bloße Erdichtung zu bezeichnen, die heute glänzt und morgen zergeht.

Das ertrug die Eitelkeit des andern nicht! "Den Theologen fehlt es ganz einfach an der primitivsten Ehrlichkeit", schrie er. "Sie verschweigen, daß die wichtigsten Teile ihres Glaubens nicht den Juden offenbart, sondern einfach irgendwo anders hergenommen sind. So der Unsterblichkeitsglaube. Der stammt aus Ägypten. Ebenso die Gebote. Kein Mensch klettert einen hohen Berg hinauf, um sich unter Donner und Blitz offenbaren zu lassen, was die Leute schon tausend Jahre lang gewußt haben. Woher stammt der Teufel? Woher die Strafen der Hölle? Woher der jüngste Tag und das Gericht? Woher die Engel? Die Juden haben von all dem nichts gewußt. Die Pfaffen sind — na, einfach Leute, die nicht ehrlich nachforschen und dem Volk derartiges weismachen!" Josefine senkte den Kopf; die Jugend, besonders die männliche, war offenbar auf Kallems Seite. Freidenkertum war Mode; und sich ein bißchen über den angestammten Glauben lustig machen, war ganz vergnüglich.

Ein junger Mann ergoß seinen Spott über die Schöpfungsgeschichte; Kallem besaß geologische und paläontologische Kenntnisse und wußte sie gut anzubringen. Dabei konnte Ole Tuft noch weniger mit; er erwähnte bloß ein paar Versuche, die hier und dort gemacht worden waren, die Bibellehre mit gewissen neueren Entdeckungen in Einklang zu bringen. Aber er kam schlecht weg dabei. Und nun ging's, Trumpf über Trumpf, von einem Dogma zum andern; am längsten stritten sie sich über die Lehre von der Versöhnung; die stamme aus einer Zeit, so uralt, so roh, daß noch nicht einmal die persönliche Verantwortlichkeit des Individuums existierte, bloß die des Stammes und der Familie. Tuft war verzweifelt; jetzt galt es! Mit lauter Stimme, bewegt und kraftvoll, fing er an, seinen Glauben zu bekennen. Als ob das was helfen konnte! Behauptungen — Behauptungen! Bring uns die Beweise! Zu spät erkannte Ole Tuft, daß er zu viel verteidigt und darum alles verloren hatte. Er empfand ein tiefes Weh; er kämpfte ohne Hoffnung, aber er kämpfte dennoch und rief es laut in alle Welt hinaus: wenn auch nur eine dieser Wahrheiten zweifelhaft erscheine, so trage allein er die Schuld; er sei zu schwach, sie zu verteidigen. Aber Gottes Wort bleibe unangetastet bestehen, bis ans Ende der Welt! — Ja, aber was denn eigentlich Gottes Wort sei? — Gottes Wort — das sei die Bibel, in ihrer Ganzheit und ihrem Geist, die Schöpfung (oho!), der Sündenfall (hört! hört!), der Erlösungstod (hört! hört! hört!) — — — Er schrie, die andern schrien, Tränen traten ihm in die Augen; seine Stimme zitterte; er war bleich und schön.

Ganz so unbarmherzig wie Kinder sind junge Leute nicht; aber doch auf dieselbe Art. Einigen tat Ole leid; andere wollten ihn jetzt erst recht "reinlegen" — und vor allen Edvard Kallem.

Josefine aber machte sich heimlich zu der Brünette mit der Sopranstimme. Und augenblicklich stimmte diese eins ihrer Lieder an, und die andern fielen nach und nach ein — die Herren ein bißchen später als die Damen. Die Gesellschaft bestand zufällig — bis auf wenige Ausnahmen — aus einem Damen- und Herrenchor, die in den drei letzten Wintern mit einem Fleiß und einer Eintracht geübt hatten, wie das nur in einer kleinen Stadt möglich ist.

Josefine setzte sich mitten auf den Hügel; die anderen um sie herum. Sie sang nicht mit; sie war mit ihren Blumen beschäftigt.

Die ganze Gesellschaft war mit dem Schiff hergekommen, das dort unten so heiter in der Sonne lag. Josefine, Edvard und Ole hatten dicht beieinander gesessen; denn viel Platz war nicht. Keiner hätte nach ihrer heiteren, meist im Flüsterton geführten Unterhaltung ahnen können, daß nicht alles zwischen ihnen die lautere Freundschaft und Güte war. Und jetzt, kaum drei Stunden später, saß Ole Tuft da als Ausgestoßener. Wie weh das tat! Ein plötzlicher Angriff auf seinen Beruf, seinen Glauben — vor aller Augen! Und gerade von Edvard! Und so grausam! So erbarmungslos höhnisch! Und Josefine! Kein Wort der Teilnahme von ihr — keinen Blick!

Von Kindheit an hatten sie zusammengehalten, Ole und sie, hatten einander geschrieben, als er in Kristiania war — er alle vierzehn Tage; sie, sooft sie etwas zu schreiben hatte. Wenn er in den Ferien zu Hause war, kamen sie täglich zusammen. In den zwei Jahren, als sie in der französischen Pension und in Spanien war, wurde der Briefwechsel eifriger geführt, auch ihrerseits, — und als sie wieder nach Hause kam — so sehr sie sich auch sonst verändert hatte — im Verhältnis zu ihm war sie dieselbe geblieben! Ihr Vater unterstützte ihn bei seinen Studien, so daß er sich mit voller Hingabe ihnen widmen konnte; zu Weihnachten sollte er sein letztes Examen machen; und jedermann prophezeite ihm, es würde ganz glänzend ausfallen. Daß man ihn so unterstützt hatte, das verdankte er ohne Zweifel ihr, vielleicht auch ihrem Bruder. Beide hatten ihn seinerzeit bei ihrem Vater, beim Rektor, beim Apotheker und auch sonst eingeführt; auch jetzt verschaffte sie ihm Zutritt überall. Für gewöhnlich war sie wortkarg und manchmal recht schwierig; aber in ihrem Freundschaftsverhältnis von unverbrüchlicher Treue. Sie konnte ihn auszanken (er war gar nicht immer so, wie's ihr paßte); aber das gehörte zu ihrem Verkehr; er nahm das weiter nicht schwer, und sie erst recht nicht. Sie war ja vom ersten Tag an sein Vormund gewesen. Noch hatte er nicht gewagt, ihr zu sagen, daß er sie liebe; es hatte ja auch keine Eile; und im Grunde war es viel zu heilig. Er war ja ihrer so sicher wie seines Glaubens. Er war ein Bauer; sein Wesen war Einheit, sein Grundton Gefestigtheit. Für seinen Glauben sorgte Gott. Für sein Wohlergehen und seine Zukunft sorgte selbstverständlich auch Gott — aber durch Josefine. Sie war in seinen Augen das schönste, gesundeste, tüchtigste Mädchen im ganzen Land — und sehr reich. Das zählte auch mit; er war von kleinauf ein ehrgeiziger Träumer gewesen. Nur daß die Träume jetzt nach einer andern Richtung gingen.

Seine Studienkameraden wußten das recht wohl; sie nannten ihn, außer "Melanchthon", den "Bischofprätendenten der Fjorde" oder auch den "Fjordbischof". Ihm selber war es geradezu ein Bedürfnis geworden, als solcher betrachtet zu werden; und weil etwas Kindliches darin lag, stand ihm diese lächelnde Überzeugtheit ganz gut. Außerdem — er sah so gut aus — hatte ein so hübsches, offenes, rosiges Gesicht —; da wirkt der Ehrgeiz nicht leicht abstoßend.

Und jetzt fühlte er — er war abgestürzt von seiner ruhigen, lächelnden Höhe! Jeder, der sich immer sicher gefühlt hat und zum erstenmal eine gründliche Niederlage erleidet, wird dadurch aus allen Fugen geraten! Das Schlimmste war — Josefine verleugnete ihn. Wieder und wieder blickte er zu ihr hin; aber sie ordnete ihre Blumen und Gräser, als sei er überhaupt nicht vorhanden.

Zuletzt war es wirklich, als rückten alle von ihm ab, oder als sei er tatsächlich nicht mehr da. Er saß, ohne zu sitzen, hörte, ohne zu hören, sah, ohne zu sehen. Droben vor dem Haus deckte man den Tisch zum Abendbrot. Sobald es fertig war, ging man hinauf, aß, trank, schwatzte, lachte; bloß er war nicht mit dabei; er stand und starrte hinaus — nach dem jenseitigen Ufer der Bucht — oder in weite, weite Fernen ... Ein junger Kaufmann redete zu ihm über Dampferlinien — daß sie so gar nicht günstig lägen. — — Ein Mädchen mit schrägstehenden Zähnen, roten Zöpfen und Sommersprossen — er hatte ihr einmal Unterricht gegeben — versicherte ihm, die Seeleute seien gar nicht so gebildet, wie man das von so weitgereisten Menschen erwarten sollte. Die Wirtin kam und fragte, warum er denn nichts esse, und der Wirt stieß mit ihm an; sie erwiesen ihm dadurch etwas vom alten Respekt; aber sie warfen beide einen hastigen Blick auf seine Augen, vor dem er erbebte: er fühlte den Zweifel. In seinem nagenden, immer mehr zunehmenden Schmerz sah er überall Zweifel und Hohn, selbst in der Fröhlichkeit der andern. Edvard war lustig bis zur Ausgelassenheit, und alles drängte sich um ihn. Ihm zu Ehren — er war vor etwa vierzehn Tagen heimgekehrt — war ja auch der ganze Ausflug unternommen. Ole sah wie im Traum, daß Josefines Blumen jetzt auf dem Tisch standen, und hörte, wie die Zusammenstellung der Farben gerühmt wurde. Sie selber hatte mit zwei Freundinnen an einem kleinen steinernen Tischchen Platz genommen, an dem niemand weiter sitzen konnte. Vielleicht, damit er sich nicht anschließen sollte? Ganz drüben, auf der andern Seite war es. Er sah sie plaudern und lachen; sämtliche junge Herren bedienten sie. Edvard war auch ein paarmal dort, und brachte sie zum Lachen. Und das alles beobachtete er mit einem sonderbaren Gefühl von Angst. Der Lärm tat ihm weh, das Lachen war wie ein Hohn, das Essen blieb ihm im Halse stecken, das Getränk brannte, die Menschen waren wie Automaten — das Haus, die Bucht, das Boot, die Berge so erdrückend nahe.

Da Windstille eingetreten war, mußte die Gesellschaft zu Fuß nach der Stadt zurückgehen. In geschlossener Kolonne, singend, begann man zu marschieren; aber bald kamen aus den umliegenden Gehöften Sommergäste herzu, und da es Bekannte waren, machte man halt. Die Neuhinzugekommenen schlossen sich ein Stück Wegs an; dann kamen weitere; und jedesmal gab es einen Aufenthalt, und jedesmal lösten sich einzelne Gruppen los. Dadurch gelang es Ole, unbemerkt zurückzubleiben. Er konnte die Gesellschaft und ihre Lustigkeit nicht mehr ertragen.

Denn jetzt erst konzentrierte alles sich um Josefine. Edvards plötzliches Umschwenken, sein Angriff, die Schmach der Niederlage, das verletzte religiöse Empfinden ... alles verfloß in dem einen Gedanken, daß sie nicht zu ihm gestanden war, mit keinem Wort, mit keinem Blick; daß sie ihm erst ausgewichen war und ihn jetzt ganz im Stich ließ. Das ertrug er nicht; denn sie war ihm viel zu teuer geworden. Er wußte es und er schämte sich dessen nicht. Sein früherer höchster Erdenwunsch
— Missionär zu werden — war von ihm abgefallen
wie eine Haut, als Josefine keinen Wert mehr darauf legte. Jedesmal, wenn die Mutter ihm gesagt hatte, er möge doch nur nicht Missionär werden, hatte er erwidert: man solle Gott mehr gehorchen als den Menschen. Aber als Josefine, in ihrer kraftvollen Art, in eine nähere Wirklichkeit hineinwuchs, da gab er es auf, ohne daß sie auch nur ein Wort darüber zu verlieren brauchte. Daß es sich strafen müsse, wenn man einen Menschen so liebe, das sagte er sich selber. Aber er konnte nicht anders.

Unter solchen und tausend ähnlichen Gedanken blieb er nach und nach zurück und bog vom Weg ab in ein Wäldchen ein; dort warf er sich nieder und wartete, bis die Sommergäste zurück- und vorbeikommen würden. Er drehte sein Gesicht der Erde zu. Das kühle Gras, das ihm Wangen und Stirn kitzelte, und die feuchte Erde, die er einatmete, redeten zu ihm ... Solch dürftiges, im Schatten wachsendes Gras hat keinen Duft; und so war es auch mit ihm; durch sie hatte auch er die Sonnenseite kennen gelernt; ohne sie war nichts als Schatten.

Und der Bruder hatte sie ihm genommen! schrie es in ihm.

Dieser Bruder, der sich bis vor wenigen Tagen nicht um sie gekümmert hatte, während er, Ole, von Kind auf um sie gewesen war, mit ihr gerudert hatte, ihr vorgelesen, ihr Bruder und Schwester zugleich gewesen war und ihr geschrieben hatte, wenn sie fern voneinander waren! Hatte ihr Bruder das je getan? Selbst seine Niederlage durfte er sich zugute schreiben! Denn hätte er's — ihretwillen — nicht so gewissenhaft genommen mit dem Examen, zu dem ihr Vater ihm verholfen hatte — so hätte er mehr gewußt von den Dingen, um die sich's handelte — hätte vielleicht keinen solchen Abfall erlitten. Auch das mußte er um seiner Treue willen erdulden.

Edvard war, in Josefines Kinder- und Backfischzeit, selten mit ihr zusammen gewesen, ohne sie zu necken. Sie war immer ein hageres Ding gewesen, mit großen schwarzen Augen, meist sehr zerzaustem Haar, roten Händen und einer "schlottrigen" Figur. Er hatte sie nur das "Entenküken" genannt, und als sie einmal gefallen war und hinkte, "das lahme Entenküken". Er konnte nie so recht klug aus ihr werden; sie war so herb und trotzig und immer — drei Schritt vom Leibe. Und dann — sie war so oft der Anlaß, daß er Schläge bekam. Sie hielt es für "gerecht", zu erzählen, wenn er etwas Dummes angestellt hatte. Und wenn er sie dafür verprügelte, so war es "gerecht", auch das wieder zu erzählen. Das empörte ihn gegen sie. Bald kamen sie auch dadurch auseinander, daß er das väterliche Haus verließ. Nach jenem unglückseligen Tag, an dem Vater und Sohn auf dem Weg nach Store-Tuft zusammengetroffen waren, erbarmte sich der Apotheker seines alten Freundes und nahm den Jungen ganz regelrecht als seinen eigenen Sohn zu sich. Und was dem Vater nicht geglückt war, das glückte ihm. Der Junge wurde sofort aus der Schule genommen und durfte seinem Hauptinteresse, den Naturwissenschaften, leben. Chemische und physikalische Analysen oder botanische Ausflüge waren sein Höchstes, und zwei Jahre lang trieb er ausschließlich derartige Studien. Die zum Abiturientenexamen notwendigen Fächer eignete er sich dann durch Privatunterricht so rasch wie möglich an, und nach der Prüfung begann er sein medizinisches Studium. So lange er daheim war, sah er seine Schwester nur, wenn sie ihn in der Apotheke besuchte, und da ihre Interessen auseinandergingen, war der Verkehr eigentlich gleich Null. Später nahm ihn der Apotheker fast in jeder Vakanz mit ins Ausland; Edvard hatte gute Sprachkenntnisse, und die gingen dem Apotheker ab. Also kamen auch während der Ferien Bruder und Schwester nur selten zusammen. Aber seit er als Student mit dem Apotheker seine erste Reise ins Ausland gemacht und sie den heimgekehrten, erwachsenen Bruder gesehen und gehört hatte — modern in Kleidung und Gedanken, feurig, kraftvoll, das Ideal der gesamten Jugend, besonders der weiblichen — hatte sie ihn heimlich bewundert. Er seinerseits übersah sie einfach; oder er zog sie auf; das kostete sie Stunden der Qual; aber sie schluckte es tapfer hinunter, nur damit sie sein konnte, wo er war — wenn auch nur ganz still in einer Ecke.

Ole verstand sie, trotzdem sie sich nie verriet. Auch ihm gegenüber sprach sie selten anders von Edvard als von einem "Ekel", einem "Wicht", einer "Plappermühle" usw. Aber durch die treuen Dienste, die er ihr erwies, so oft sie vom Bruder übersehen oder gekränkt dasaß, sammelte Ole sich Schätze in ihrem Herzen.

Mit Edvard war eine große Veränderung vorgegangen; seine Neugierde war zur Wißbegier, seine Unruhe zu Energie geworden. Aber gleichzeitig durchlief auch die Schwester verschiedene Stufen der Entwicklung, von denen er nichts ahnte. Zweiundeinhalbes Jahr waren jetzt verflossen, seitdem er sie zum letztenmal gesehen hatte; sie war zwei Jahre in Frankreich und Spanien gewesen, und in den letzten Ferien, als sie zu Hause war, hatte er mit dem Apotheker eine Reise nach England gemacht; auch in diesem Jahr waren sie ein paar Monate zusammen fort gewesen. Die Schwester, die er jetzt sah, die kannte er nicht. Nach der ersten Begegnung war er ganz von ihr erfüllt.

Schön sei sie nicht, sagte er zu Ole (zu dessen größter Verwunderung), sobald die beiden sich trafen. Aber er wurde nicht müde, von dem neuen und eigenartigen Eindruck zu sprechen, den sie hier unter all den andern mache. Ihre Mutter müsse sich an einer Spanierin versehen haben, als sie mit ihr schwanger ging. Wäre nicht dieses Unnennbare — die Augen gewesen, was auf der ganzen Welt Volk von Volk unterscheidet — wären nicht die Augen gewesen, sie hätte unter Spaniern ruhig für eine Landsmännin gelten können. Wie das in einem norwegischen Hause wirkte! Sie sprach gut — lebendig und rasch — war aber eigentlich wortkarg, und hielt sich zurück. Kühn in ihrer Kleidung, mit einer Vorliebe für starke Farben, ganz modern, fast herausfordernd, aber in jeder andern Hinsicht eher scheu.

Fortan war Edvard ihr Bruder. Der Vater war verreist, und während der Zeit wohnte sie bei Rektors und war nicht immer zu haben; aber so oft es sich machen ließ, waren sie zusammen. Sie hatte die Empfindung, als ob er sie gern "entdeckt" hätte, und war auf ihrer Hut; aber es schmeichelte ihr, daß er in Gesellschaft seine Worte an sie richtete und daß seine Augen stets die ihren suchten.


Während Ole, tief unglücklich, sein Gesicht ins Gras des Waldbodens preßte, standen sie alle vor ihm, die Stunden, da sie auf dem Ball den Bruder hatte tanzen sehen — mit der und mit jener — manchmal mehrere Tänze mit einer und derselben — und mit ihr bloß eine "Pflichttour".

Und jetzt?

Jetzt war sie Edvards Schwester — seine geliebte Schwester — und Oles und ihre Wege gingen auseinander ...

Weshalb mußte Edvard sich in ein Verhältnis eindrängen, von dem er doch gar nichts wußte? Sich Rechte anmaßen, die er sich durch nichts verdient hatte? Nach ein paar Tagen des Zusammenseins einfach entscheiden, wer für sie passe — und wer nicht?

Weshalb vor aller Augen ihn angreifen und ihn verhöhnen in dem, was ihm Lebenssache war? Und nicht allein ihn — sondern Gott selber.

Und wie Ole Tuft diesem Gedanken nachhing, verbreitete sich um ihn ein seltsam heller Lichtschimmer — und in diesem Schimmer stieg etwas Großes empor über den Bergen jenseits des Fjords ... Er fühlte, wie es ihn im Nacken packte, während er so dalag, das Antlitz tief in den Rasen gedrückt. Und es flüsterte, und das Flüstern erfüllte den ganzen Raum — von dort bis hier —: "Was hast Du aus mir gemacht?"

Ah — wie plattgedrückt kam er sich vor — wie in die Erde hineingepreßt! Und er begriff jetzt, weshalb der Schmerz wie mit einem Schermesser das Kranke aus seinem Fleische schnitt. Er hatte verloren heute, weil er als Lügner dastand. "Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!" "Gott, Gott! Vergib mir! Schone meiner! — Und Deine fleischlichen, Deine eitlen Träume!... Nimm, gleich Israel, der Nacht wahr, um zu ringen mit mir!... Wurm, der Du Dich krümmst!" — — —

Über ihm den Raum durchbrauste der Klang von tausend Schwingen.

Es war nicht das erstemal, daß der Ernst des Alten Testaments von den Höhen auf ihn herniederstürzte und seine Wohnstatt aufschlug in ihm. All diese Fragen — ob "groß" — oder "klein" — ob er das "Höchste" wagen oder sich, wie die andern, mit dem Mittelmäßigen begnügen sollte — sie waren ihm nichts Neues.

Doch wenn er dann Josefine wieder traf — bei guter Laune — so waren diese Fragen wie weggeblasen. Mit einem einzigen guten Händedruck schob sie sie beiseite. Auch jetzt war es wieder so. Ohne jeden Übergang strömte von ihr ein gesunder Protest in ihn über. Nimmermehr hätte Josefine sich heut von ihm abgewandt, bloß weil der Bruder es wünschte! Nimmermehr! Wenn sie es so aufgefaßt hätte, dann hätte sie gerade entgegengesetzt gehandelt. Nein — weil er ein Schwächling war, wandte sie sich von ihm ab, einzig deswegen. Vielleicht auch, weil sie sich nicht gern in einen Streit mischen mochte; sie war so scheu. Sie wandte sich ja eigentlich auch nicht dem Bruder zu. Sie hatte mitten unter den andern auf dem Hügel gesessen und später, beim Essen, mit einigen Freundinnen an einem besonderen Tisch. Und auch beim Aufbruch hatte sie sich nicht an den Bruder gehalten, der doch fast alle um sich sammelte.... Warum hatte er denn daran nicht eher gedacht? Sie war ja doch treu.... Ganz gewiß! Sie war treu! Er stand auf. Wieso in aller Welt hatte er das nicht gleich gesehen?

Er hätte gern gehabt, daß sie ihm auf eine oder die andere Weise geholfen oder ihn wenigstens getröstet hätte, ihm gezeigt hätte, wie leid er ihr tat. Aber dergleichen lag nicht in Josefines Natur. Was fiel ihm denn nur ein? Besonders, wenn irgendwie ein Aufsehen entstanden war, und die Leute sie beobachteten.

Ein rechter Schafskopf war er gewesen. Und im Bewußtsein dieser erfreulichen Entdeckung sprang er das Gehölz hinab über den Straßengraben und machte sich ebenfalls auf den Heimweg.

Großer Gott im Himmel, wie er sie liebte! Er sah sie vor sich, wie sie sein konnte, wenn er ihr zu kindisch war; er sah den guten, großen Blick, bei all ihrer Majestät!...

Der späte Sonnenuntergang hinterließ keine Röte am Himmel; die Nacht war grau und schlaff, der Weg, am Fuß einer kahlen Anhöhe entlang, anmutlos; zu beiden Seiten kleine Anwesen, die Häuser auf der Anhöhe, ärmlicher Kleinbetrieb, da und dort ein paar dürftige Sommervillen, niedrige Bäume und vereinzelte Büsche.

Er sah es und sah es nicht, während er seinen eigenen Gedanken nachhing. Keine Seele unterwegs; ja, doch, ganz da vorn ein einzelner Mensch, der auf die Stadt zuging. Ole mäßigte seine Schritte, um diesen einen nicht einzuholen, und merkte gar nicht, daß vor dem, der dort ging, einer war, der kam. Jetzt konnte er auf einmal beide unterscheiden. Himmel!... War das nicht...? Oder täuschte er sich?... Nein, er kannte den Hut, und nun auch den Gang, die Figur! Es gab nur eine solche! Josefine kam zurück, um ihn zu holen! Das sah ihr ähnlich.

"Aber wo steckst Du denn?" sagte sie. Ihr großes Gesicht war gerötet, ihr Busen wogte, die Stimme klang gedämpft, der Sonnenschirm, den sie in der linken Hand trug, war nicht ganz ruhig. Ole antwortete nicht; er sah ihr Gesicht, ihr Kleid, die Hutfeder, die stolze Gestalt an, bis sie unwillkürlich lächelte; so viel stumme Bewunderung und Dankbarkeit durchbricht am Ende jeden Panzer. "Josefine, ach, Josefine!" Von seinem flachen Strohhut bis zu den Stiefeln herab war alles ein einziger Widerschein von Glück und Bewunderung. Da kam sie heiter heran, legte ihre rechte Hand auf seinen linken Arm und schob ihn sachte vorwärts: er solle gehen.

Sein Gesicht trug die Spuren des Grases, in das er sich geworfen hatte; sie glaubte, er habe geweint. "Du bist zu dumm, Ole!" flüsterte sie.

Die graue Sommernacht, die nicht schlafen kann und auch nicht wachen, erweckt leicht das Gefühl von etwas Halberreichtem, — für die beiden wurde sie, was ein halbdunkles Zimmer für zwei heimlich Verlobte ist. Sie ließ ihre Hand auf seinem Arm liegen, und als seine Augen den ihren begegneten, sah sie ihn an, wie wenn man ein Kind zudeckt. "Siehst Du, ich dachte," sagte er, "ich glaubte, ja, denk' nur, ich glaubte ..." Tränen standen ihm in den Augen. "Du bist zu dumm, Ole!" flüsterte sie wieder. Und damit waren die Stürme des Tages abgetan.

Ihre Hand blieb auf seinem Arm liegen; es sah aus, als führe sie einen Arrestanten. Er fühlte kaum den Druck, aber es rieselte ihm durch Mark und Bein. Ab und zu streifte ihr seidenes Kleid sein Bein; sie gingen im Takt, der elektrische Strom ihrer Nähe trug ihn. Sie waren ganz allein, und es war ganz still; sie hörten ihre eigenen Schritte und das Rascheln des seidenen Kleides. Er hielt den Arm, auf dem ihre Hand lag, ängstlich still, als könne sonst die Hand hinunterfallen und entzweigehen. Das einzige Unvollkommene war — denn etwas Unvollkommenes muß ja immer sein — daß er eine steigende Lust verspürte, die Hand zu nehmen und sie in seinen Arm zu stecken — auf die allgemein übliche Weise; dann konnte er sie drücken. Aber er wagte es nicht.

Sie gingen und gingen. Er sah vor sich hin und entdeckte, daß kein Mondschein war. "Es ist kein Mondschein!" sagte er. — "Sonst wäre es heller", erwiderte sie lächelnd. "Viel heller!" Die Stimmen waren zusammengetroffen, die Klänge hatten sich vermischt und spielten noch lange miteinander wie Vögel in der Luft.

Aber gerade darum war es schwer, weitere folgen zu lassen. Während Ole darüber nachsann, was er das nächste Mal sagen solle, wurde er gerührt und stolz. Er dachte an jenen Samstagabend im schmutzigen Schnee, als sie auf dem Schulhof so schlimm gegen ihn gewesen waren, und er davongelaufen war nach Store-Tuft; er gedachte seines damaligen Elends; aber von diesem Elend schrieb sich seine Erhöhung von heute her, heute, da er von der andern Seite in die Stadt kam und sie am Arm führte.... Nein, doch nicht ganz! Das war das Unvollkommene dabei.

Sollte er es sagen? Würde sie es zu dreist finden? "Wir sind wohl ganz allein jetzt, wir zwei beiden?" — auf schlauen Umwegen wollte er darauf zugehen; aber seine Stimme war nicht sicher; sie verriet ihn. Und so antwortete Josefine gar nicht. Es wurde still zwischen ihnen, ganz still. Und plötzlich glitt ihre Hand von selbst in seinen Arm, so, wie es bei Verlobten Sitte ist. Ein Beben ging durch sein ganzes Wesen, und mutig gab er ihr einen leisen Druck, wagte aber nicht, sie dabei anzusehen. Sie gingen weiter.

Bald lag die Stadt, in Schleier gehüllt, vor ihnen; das Takelwerk der Schiffe floß zu Türmen zusammen; es sah aus, wie die zusammengelaufenen Maste von Zuckerwerkschiffen. Die Häuser in flaumigen Umrissen, fast farblos; alles wohl eingepackt und verwahrt; die Berge standen und hielten Wacht. Ein einziger, schwacher, unbestimmbarer, langgezogener Laut, ein matter Streifen durch das lichtgraue Schweigen. "Möchtest Du mir nicht etwas erzählen?" fragte sie schnell, als könne sie es nicht mehr aushalten. Er fühlte sich wie erlöst und fragte, ob er vom — Licht erzählen solle. "Ja, vom Licht!" erwiderte sie. War es Ironie?

Er fing an; aber er wußte es nicht klarzumachen. Beim erstenmal, als sie eine rasche Frage stellte, um die Sache bestimmter zu gestalten, fühlte er — er konnte nicht weiter; er war nicht genügend daheim in diesem Stoff. "Ich will Dir lieber das Ende von Jeanne d'Arc erzählen!" sagte er. "Du weißt, — wo wir gestern unterbrochen wurden." — "Also nehmen wir Jeanne d'Arc!" sagte sie immer lustiger; sie lachte. — "Du magst nicht?" — "Doch, doch!" Das sagte sie sanfter, als wolle sie das Vorhergehende wieder gutmachen. So erzählte er denn den Schluß der Geschichte von Jeanne d'Arc, nach einem vor kurzem erschienenen Werk, das er in diesen Ferien von ihrem Vater entlehnt hatte. Der Stoff lag ihm; seine westländische, singende Stimme gab dem Ganzen etwas Schwebendes, die streng schulgemäße Behandlung des Wortes, die den ehemaligen Bauern kennzeichnete, getragen vom gemilderten Tonfall des Dialekts, paßten dazu wie alte Schrift. Sein weiches, lichtes Melanchthonantlitz schwärmte; sie blickte zu ihm auf, und blickte jedesmal in sein reines Herz.

So kamen sie in die Stadt. Die Erzählung ergriff sie, und beide waren so eifrig geworden, daß sie gar nicht darauf achteten, ob ihnen jemand begegnen könne, oder daß zu beiden Seiten Häuser standen; er redete nur ein bißchen leiser, und sprach weiter.

Aber als sie sich der Straße näherten, wo seine Tante wohnte, und wo er hinein mußte, hielt er inne, trotzdem seine Erzählung noch nicht zu Ende war. Ob er sie wohl nach Hause begleiten durfte? Rektors wohnten ein paar Häuser weiter. Wenn er nicht mit durfte, so mußte er sich hier von ihr trennen. Dies Dilemma war übrigens nicht neu.

Gerade deshalb meldete es sich jetzt auch bei ihr. Sie hatte dies "Aneinanderkleben" — daß einer mitging bis an die Haustür des andern, wenn doch sein eigener Weg in ganz anderer Richtung lag — nie leiden mögen. Schon seit ihrer Kinderzeit — weil man sie immer mit ihm geneckt hatte. Aber sie wußte — er legte hohen Wert darauf.

Während des kurzen Stück Wegs, das sie beide noch gemeinsam hatten, wurde diese Frage in ihnen beiden geradezu brennend. Sollen wir uns hier verabschieden —? Oder —? Ursprünglich etwas ganz Kindisches, war es — durch die Wiederholung — etwas Großes geworden. Sie war sich selber nicht klar über den Grund; aber als sie am Kreuzweg standen, zog sie sachte ihre handschuhlose Hand aus seinem Arm und bot sie ihm zum Abschied. Sie sah, wie enttäuscht er war. Und um es gleich wieder gutzumachen, strahlte sie ihn aus ihren großen Augen an, drückte ihm fest die Hand, und ihr "Danke, Du! Und auf Wiedersehen!" war von ganz anderer Art und Farbe als sonst alle diese Jahre her. Wie ein Gelübde fürs Leben sprangen die Worte von Herz zu Herzen, und so waren sie auch gemeint. Für seine Treue dankte sie ihm, für seine Liebe jetzt und immerdar. Er war bleich geworden. Sie sah es und überlegte einen Augenblick. Dann zog sie die Hand zurück und ging. Unten wandte sie sich noch einmal nach ihm um — dankbar, daß er weder in Wort noch Tat ihrem Willen widerstrebt hatte. Sie nickte zu ihm hinauf; er zog den Hut.

Wenige Minuten später stand sie in ihrem Zimmer, viel zu erhitzt, um sich zu Bett zu legen, und überhaupt hellwach. Sie hatte nicht die geringste Lust, zu schlafen; sie wollte zum mindesten erst die Sonne auf den Dächern — oder gar den lichten Tag sehen! Ihr Zimmer ging auf den Hof hinaus, den großen Schulhof, dessen Abschluß die Turnhalle bildete; einige Turnapparate standen auch draußen. Von der Straße aus lag das Zimmer im ersten Stockwerk — von der Hofseite im Erdgeschoß; hundertmal war sie als Kind zum Fenster hinausgesprungen, statt die Tür zu benützen. Sie öffnete das Fenster und verspürte fast Lust, auch heute wieder hinauszuspringen und auf dem Hof spazierenzugehen. Am liebsten wäre sie die ganze Nacht mit Ole umhergestreift; aber so etwas verstand er nicht. Vielleicht hatte sie ihn bloß deswegen schon oben verabschiedet, weil er es nicht vorgeschlagen hatte.

Bei näherem Überlegen getraute sie sich aber doch nicht auf den Hof hinaus. Es geschah nicht selten, daß junge Leute, wenn sie von einer Land- oder Bootpartie oder aus einer Gesellschaft heimkehrten und dabei an dem alten Schulhof vorbeikamen, auf den Einfall gerieten, den alten Spielplatz ihrer Knabenjahre wieder aufzusuchen und sich ein paarmal am Reck zu schwingen; und von halbbetrunkenen jungen Leuten gesehen werden — das wollte sie nicht. Sie nahm ihren Hut ab und blieb — vornübergebeugt — am offenen Fenster stehen — — sah vor sich, was eben geschehen war, und was auch jetzt sie noch hinauszog.

Da hörte sie draußen Schritte — erst auf der Treppe, dann auf dem Sandweg, der hierherführte. Sollte das Ole sein —? War er so sentimental, daß es ihn trieb, unter ihrem Fenster zu schmachten? Wenn er es wirklich wäre! Gott gnade ihm, wenn er's war! — Sie lauschte in höchster Spannung. Nein — die Schritte waren zu rasch. Das war — — sie fühlte es — — dort stand — — ihr Bruder ...

Ja, es war Edvard. Er war gar nicht verwundert, sie zu sehen; er kam direkt auf sie zu. Als er unter dem offenen Fenster angelangt war, streckte er seine rechte Hand hinauf; und sie nahm sie. Seine Augen schielten ein bißchen — das sicherste Zeichen, daß er erregt war. "Gut, daß Du noch wach bist; ich hätte sonst geklopft." Forschend suchte sein Blick den ihren; er ließ ihre Hand nicht los. "Bist Du eben erst gekommen?" — "Ja, eben erst," — Sie war plötzlich ganz in seiner Gewalt; und hätte er sie um das Unmöglichste befragt — sie hätte antworten müssen, solange diese Augen so in die ihren schauten. "Wie ich Dich unter den Letzten nicht gefunden habe, dachte ich mir, Du wärst zurückgegangen zu Ole." — "Ja." — Er hielt inne; seine Stimme zitterte. "Ich war ein rechter Narr! Ihr seid wohl verlobt jetzt?" — Es dauerte eine Weile, obwohl die Antwort sofort in ihren Augen aufsprühte. "Ich glaube!" sagte sie.

Voll Liebe, aber auch voll Kummer sah er sie an. Sie hätte am liebsten laut hinausgeweint. War es so töricht, was sie getan hatte? Eine entsetzliche Angst überfiel sie. Da faßte er mit beiden Händen ihren Kopf, zog ihn zu sich nieder und küßte sie auf die Stirn. Sie brach in Tränen aus und legte beide Arme fest um seinen Hals. So lagen sie — Wange an Wange.

"Na ja — wenn es nun einmal so ist — so wünsch' ich Dir alles Gute, Josefine, liebe Josefine!" Sie umschlangen sich noch fester. Dann ließen sie einander los.

"Ich geh' heute fort!" flüsterte er und ergriff ihre Hand. Sie reichte ihm alle beide. — "Heut, Edvard?" — " — Ich war ein Narr! Leb' wohl, Josefine!" Sie machte ihre Hände frei, um ihr Taschentuch herauszuziehen und an die Augen zu pressen. "Ich komm' noch und sag' Dir Adieu!" schluchzte sie. "Nein, nein! Du mußt nicht!... Noch einmal!" — Und um ein Ende zu machen, preßte er sie wieder in seine Arme, küßte sie und ging davon, ohne sich umzusehen.