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Aurelia, oder, Der Traum und das Leben

Chapter 10: VII.
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About This Book

The narrator presents a prolonged episode of mental disturbance in which dreams and waking life merge into a fluid inner world. He records vivid visions, mystical reflections inspired by Swedenborg and classical allegory, and obsessive remembrance of a lost beloved called Aurelia. The account moves between dream-sequence reports, reflections on memory and identity, and notes written during periods of confinement and travel. Images of the past, mythic symbolism, and shifting states of lucidity and hallucination create a poetic, introspective meditation on love, loss, and the porous boundary between dream and life.

Als ich diese Worte sprach, schritt ich mühselig zwischen den Dornen, wie um den vergrößerten Schatten, der mir entschlüpft war, zu ergreifen; aber ich stieß an eine beschädigte Mauerecke, an deren Fuß die Büste einer Frau lag; als ich sie aufhob, hatte ich die Überzeugung, daß es die ihre sei . . . Ich erkannte die geliebten Züge wieder und als ich die Augen herumschweifen ließ, merkte ich, daß der Garten jetzt wie ein Friedhof aussah. Stimmen sagten: »Das Weltall ist in der Nacht!«

VII.

ACH diesem Traum, der anfangs so glücklich war, bemächtigte sich meiner eine große Bestürzung. Was bedeutete er? Ich wußte es erst später, Aurelia war tot.

Zuerst bekam ich nur die Nachricht von ihrer Krankheit. Als Folge meines Geisteszustands empfand ich nur einen unbestimmten, mit Hoffnung gemischten Kummer. Ich glaubte, daß ich selbst nur noch kurze Zeit zu leben hätte und war von nun an des Vorhandenseins einer Welt sicher, wo die liebenden Herzen sich wiederfinden. Übrigens gehörte sie mir im Tode viel mehr als im Leben . . . ein selbstsüchtiger Gedanke, den mein Verstand später mit bitterer Reue bezahlen mußte.

Ich möchte nicht zu sehr auf Ahnungen bauen; der Zufall macht sonderbare Sachen; aber ich war damals stark von einer Erinnerung an unsre so rasche Vereinigung beschäftigt. Ich hatte ihr einen Ring von alter Arbeit gegeben, dessen Stein ein herzförmig geschnittener Opal bildete. Da dieser Ring für ihren Finger zu groß war, hatte ich die verhängnisvolle Idee gehabt, ihn durchschneiden zu lassen, um den Reif zu verkleinern. Ich verstand meinen Fehler erst, als ich das Geräusch der Säge hörte. Es schien mir, als sähe ich Blut fließen . . . . .

Sorgfalt und Kunst hatten mir die Gesundheit wiedergegeben, ohne noch in meinen Geist den regelmäßigen Gang der menschlichen Vernunft zurückgeführt zu haben. Das Haus, in dem ich mich befand, lag auf einer Anhöhe und hatte einen weitläufigen mit kostbaren Bäumen bepflanzten Garten. Die reine Luft des Hügels, auf dem es lag, der erste Hauch des Frühlings, die Annehmlichkeit einer durchaus sympathischen Gesellschaft verschafften mir lange Tage der Ruhe.

Die ersten Blätter der Sykomoren entzückten mich durch die Lebhaftigkeit ihrer Farben, die dem Federbusch eines Pharaohahns glichen. Die Aussicht, die sich über die Ebene erstreckte, zeigte vom Morgen bis zum Abend entzückende Horizonte, deren abgestufte Farbentöne meine Einbildungskraft erfreuten. Ich bevölkerte die Abhänge und die Wolken mit göttlichen Gestalten, deren Umrisse ich deutlich zu sehen meinte. — Ich wollte meine Lieblingsgedanken besser festhalten und bedeckte bald mit Hilfe von Kohle- und Ziegelstückchen, die ich auflas, die Mauern mit einer Serie von Fresken, wo sich meine Eindrücke verwirklichten. Eine Gestalt herrschte immer vor: die Aurelias, die mit den Zügen einer Göttlichkeit gemalt war, so wie sie mir im Traum erschienen war. Unter ihren Füßen drehte sich ein Rad und die Götter bildeten ihren Zug. Es gelang mir, diese Gruppe zu kolorieren, indem ich den Saft der Gräser und Blumen auspreßte. — Wie oft habe ich vor diesem geliebten Idol geträumt. Ich tat noch mehr; ich versuchte den Körper derer, die ich liebte, aus Erde nachzubilden; jeden Morgen mußte ich meine Arbeit wieder machen, denn die Verrückten, die eifersüchtig auf mein Glück waren, gefielen sich darin, sein Bild zu zerstören.

Man gab mir Papier und lange Zeit hindurch befleißigte ich mich durch tausend Figuren, die von Erzählungen, von Versen und Inschriften in allen bekannten Sprachen begleitet waren, eine Art Weltgeschichte darzustellen, die mit Erinnerungen an Studien und mit Bruchstücken von Träumen vermischt war, die durch meinen Geisteszustand intensiver oder verlängert erschienen. Ich blieb nicht bei den modernen Überlieferungen der Schöpfung stehen. Mein Gedanke stieg darüber hinaus. Ich sah wie in einer Erinnerung den ersten Bund, der von Genien mit Hilfe von Talismanen geschlossen wurde. Ich hatte versucht, die Steine der heiligen Tafelrunde zusammenzustellen, und um sie herum die sieben ersten Elohim darzustellen, die sich in die Welt geteilt haben.

Dieses System der Geschichte, die ich den orientalischen Überlieferungen entnahm, fing mit der glücklichen Einigung der »Naturmächte« an, die das Weltall gestalteten und organisierten. — Während der Nacht, die meiner Arbeit voranging, glaubte ich mich auf einen dunkeln Planeten versetzt, wo die ersten Keime der Schöpfung umherschwirrten. Aus dem Schoß des noch weichen Tons erhoben sich riesenhafte Palmbäume, giftige Euphorbien und um Kakteen gewundene Akanthusstauden; die ausgetrockneten Formen der Felsen stürzten hervor wie Skelette dieses Schöpfungsentwurfs und scheußliche Reptilien schlängelten sich, machten sich breit oder rundeten sich mitten in diesem unentwirrbaren Netz einer wilden Vegetation. Das bleiche Sternenlicht erhellte allein die bläulichen Perspektiven dieses seltsamen Horizonts; in dem Maß jedoch, als diese Schöpfungen Form gewannen, zog ein hellerer Stern aus ihnen die Keime des Lichts.

VIII.

ANN veränderten die Ungeheuer ihre Gestalt, streiften ihre erste Haut ab und richteten sich mit ihren riesenhaften Tatzen mächtiger auf; die ungeheure Masse ihrer Körper zerbrach die Zweige und zerstörte das Gras und in der Unordnung der Natur lieferten sie Schlachten, an denen ich selbst teilnahm, denn ich hatte einen ebenso sonderbaren Körper wie sie selbst. Plötzlich tönte eine seltsame Harmonie in unsere Einsamkeit und es schien als ob das verwirrte Schreien, Heulen und Pfeifen der primitiven Wesen hinfort in diese göttliche Weise überginge. Die Variationen folgten einander ins Unendliche, der Planet erhellte sich allmählich, göttliche Formen zeichneten sich auf dem Grün und in den Tiefen der Gebüsche ab, und die nun zahmen Ungeheuer, die ich gesehen hatte, warfen ihre sonderbaren Formen von sich und wurden Männer und Frauen; andere bekleideten sich in ihren Verwandlungen wieder mit den Gestalten von wilden Tieren, Fischen und Vögeln.

Wer hatte wohl dieses Wunder vollbracht? Eine strahlende Göttin führte in diese neuen »Avatars« die rasche Entwicklung der Menschheit. Es wurde jetzt eine Unterscheidung der Rassen eingeführt, die von der Ordnung der Vögel ausging und auch die Vierfüßler, die Fische und die Reptilien mitinbegriff: das waren die Devas, die Peris, die Undinen und die Salamander; jedesmal wenn eines dieser Wesen starb erstand es sogleich wieder unter schönerer Form und sang den Ruhm der Götter. — Indessen hatte einer der Elohim den Gedanken, ein fünftes Geschlecht zu gründen, das sich aus den Elementen der Erde zusammensetzen sollte, das man Afriten nannte. — Das war das Zeichen zu einer vollständigen Umwälzung unter den Geistern, die die neuen Weltbesitzer nicht anerkennen wollten. Ich weiß nicht, wieviel tausend Jahre diese Kämpfe dauerten, die den Erdball mit Blut überschwemmten. Drei der Elohim wurden schließlich mit den Geistern ihrer Geschlechter nach dem Süden der Erde verbannt, wo sie ungeheure Reiche gründeten. Sie hatten die Geheimnisse der göttlichen Kabbala, die die Welten verbindet, mit sich genommen und nahmen ihre Kraft aus der Anbetung gewisser Gestirne, mit denen sie stets in Verbindung stehen. Diese Nekromanten, die an die äußersten Grenzen der Erde verbannt wurden, hatten sich verständigt, um einander die Macht zu übertragen. Jeder ihrer Herrscher war von Frauen und Sklaven umgeben und hatte sich der Macht versichert, unter der Gestalt seiner Kinder wiedergeboren zu werden. Ihr Leben währte tausend Jahre. Mächtige Kabbalisten schlossen sie beim Herannahen ihres Todes in wohlbewachte Grabstätten ein, wo sie mit Elixieren und lebenerhaltenden Stoffen ernährt wurden. Lange noch behielten sie den Anschein des Lebens, dann schliefen sie vierzig Tage wie die Schmetterlingspuppe, die ihren Kokon spinnt, und dann erstanden sie wieder unter der Gestalt eines kleinen Kindes, das später in das Reich berufen wurde. Indessen erschöpften sich die lebenspendenden Kräfte der Erde beim Ernähren dieser Familien, deren immer gleiches Blut neue Nachkommen gebar. In weiten unterirdischen Gewölben, die unter Totengrüften und Pyramiden ausgehöhlt waren, hatten sie alle Schätze der vergangenen Geschlechter aufgehäuft und gewisse Talismane, die sie gegen den Zorn der Götter schützten, versteckt.

Im Innern Afrikas, jenseits des Mondgebirges und des alten Äthiopien fanden diese seltsamen Mysterien statt. Lange hatte ich mit einem Teil des Menschengeschlechts in der Gefangenschaft geseufzt. Die Gesträuche, die ich so grün gesehen, trugen nur mehr bleiche Blüten und welke Blätter. Eine unerbittliche Sonne fraß diese Gegenden, und die schwächlichen Kinder dieser ewigen Dynastien schienen von der Bürde des Lebens niedergedrückt zu sein. Diese erhabene und einförmige Größe, die durch die Etikette und hieratische Gebräuche geregelt war, drückte alle, ohne daß jemand gewagt hätte, sich ihr zu entziehen. Die Greise schmachteten unter dem Gewicht ihrer Kronen und ihrer kaiserlichen Schmuckstücke zwischen Ärzten und Priestern, deren Willen ihnen die Unsterblichkeit sicherte. Was das Volk betrifft, das für immer in Kasten eingezwängt war, so konnte es weder auf das Leben noch auf die Freiheit zählen. Am Fuße der vom Tod getroffenen, unfruchtbaren Bäume, an den versiegten Quellen, sah man auf dem verbrannten Gras Kinder und junge, entnervte und farblose Frauen dahinsiechen. Die Pracht der königlichen Gemächer, die Majestät der Säulenhallen, der Glanz der Kleider und des Schmucks waren nur ein schwacher Trost für die ewige Langweile dieser Einsamkeit. Bald wurden die Völker durch Krankheiten dezimiert, die Tiere und Pflanzen starben, und die Unsterblichen selbst verfielen unter ihren prächtigen Gewändern. Eine Geißel, die größer war als alle andern, kam plötzlich und verjüngte und rettete die Welt. Das Sternbild des Orion eröffnete am Himmel die Katarakte der Gewässer; die Erde, die vom Eise des entgegengesetzten Pols zu stark belastet war, machte eine halbe Drehung um sich selbst, und die Meere, die die Gestade überstiegen, überfluteten die Hochebenen Afrikas und Asiens; die Überschwemmung durchdrang den Sand, erfüllte die Gräber und die Pyramiden und vierzig Tage lang schwamm eine geheimnisvolle Arche auf den Meeren und trug die Hoffnung einer neuen Schöpfung.

Drei der Elohim hatten sich auf den höchsten Gipfel der afrikanischen Berge geflüchtet. Unter ihnen wurde ein Kampf ausgefochten. Hier verwirrt sich mein Gedächtnis und ich weiß nicht, was das Ergebnis dieses erhabenen Streites war. Nur sehe ich noch aufrecht auf einem von Wasser umspülten Gipfel ein von ihnen verlassenes Weib, das mit aufgelöstem Haar schreit und sich gegen den Tod wehrt. Ihre Klagerufe übertönten den Lärm der Wasser . . . . Wurde sie gerettet? Ich weiß es nicht. Die Götter, ihre Brüder, hatten sie verdammt, aber über ihrem Haupt glänzte der Abendstern, der seine Flammenstrahlen über ihre Stirn ergoß.

Die unterbrochene Hymne der Erde und der Himmel hallte harmonisch wieder, um die Eintracht der neuen Geschlechter zu weihen. Und während die Söhne Noahs mühsam unter den Strahlen einer neuen Sonne arbeiteten, bewachten die in ihren unterirdischen Gewölben kauernden Nekromanten immer noch ihre Schätze und gefielen sich in dem Schweigen der Nacht. Hie und da kamen sie schüchtern aus ihren Zufluchtsstätten und erschreckten die Lebenden oder verbreiteten unter den Bösen die verderblichen Lehren ihres Wissens.

Das sind die Erinnerungen, die ich in einer Art unklarer Intuition der Vergangenheit schilderte: ich schauderte, indem ich die scheußlichen Züge dieser verfluchten Geschlechter darstellte. Überall starb, weinte oder seufzte das Leidensbild der »Ewigen Mutter«. Quer durch die wirren Zivilisationen Asiens und Afrikas sah man eine blutige Szene von Orgien und Gemetzel sich stets wiederholen, die von denselben Geistern in immer neuen Formen hervorgebracht wurden.

Die letzte fand in Granada statt, wo der geheiligte Talisman unter den feindlichen Körpern der Christen und der Mauren zertrümmert wurde. Wieviel Jahre wird die Welt noch zu leiden haben, denn die Rache dieser ewigen Feinde muß sich unter andern Himmeln erneuern! Das sind die abgeteilten Stücke der Schlange, die den Erdkreis umgibt . . . . . Das Eisen hat sie getrennt und sie vereinigen sich in einem scheußlichen, mit Menschenblut verklebten Kuß. —

IX.

O waren die Bilder, die sich der Reihe nach vor meinen Augen zeigten. Nach und nach war wieder Ruhe über meinen Geist gekommen und ich verließ diese Wohnstätte, die für mich ein Paradies war; verhängnisvolle Umstände bereiteten lange nachher einen Rückfall vor, der an die unterbrochene Reihenfolge dieser seltsamen Träume wieder anknüpfte. —

Ich ging auf dem Land spazieren mit einer Arbeit beschäftigt, die sich auf religiöse Gedanken bezog. Als ich an einem Haus vorüberging, hörte ich einen Vogel, der einige Worte nachsprach, die man ihn gelehrt hatte, aber sein verwirrtes Geschwätz schien mir einen Sinn zu haben; er erinnerte mich an den Vogel der Vision, die ich weiter oben erzählt habe, und ich fühlte einen Schauder von übler Vorbedeutung. Einige Schritte weiter begegnete ich einem Freund, den ich lange nicht gesehen hatte, und der in einem Nachbarhause wohnte. Er wollte mich sein Besitztum sehen lassen und bei diesem Besuch führte er mich auf eine erhöhte Terrasse, von wo aus sich ein weiter Ausblick eröffnete. Es war bei Sonnenuntergang. Als ich eine ländliche Treppe hinunterstieg, machte ich einen Fehltritt und stieß mit der Brust an die Kante eines Möbels. Ich hatte Kraft genug aufzustehen und bis in die Mitte des Gartens zu stürzen; ich glaubte ich sei zu Tode getroffen und wollte vor dem Sterben einen letzten Blick auf die untergehende Sonne werfen. Mitten in dem Bedauern, das ein solcher Augenblick mit sich bringt, fühlte ich mich glücklich so zu sterben, zu dieser Stunde, inmitten der Bäume, der Traubengeländer und der Herbstblumen. Es war indessen nur eine Ohnmacht, nach welcher ich noch die Kraft fand meine Wohnung zu erreichen und zu Bett zu gehen. Fieber ergriff mich; als ich mich besonnen hatte, von welcher Stelle ich gefallen war, erinnerte ich mich, daß die Aussicht, die ich bewundert hatte, auf einen Friedhof ging und zwar auf denselben, auf dem sich das Grab Aurelias befand. Ich dachte wirklich erst jetzt daran, sonst könnte ich meinen Fall dem Eindruck zuschreiben, den dieser Anblick in mir hätte hervorrufen können. Gerade das brachte mich auf den Gedanken an ein bestimmteres Verhängnis. Um so mehr bedauerte ich, daß der Tod mich nicht mit ihr vereint hatte. Dann, als ich darüber nachdachte, sagte ich mir, daß ich dessen nicht würdig sei. Ich stellte mir verbittert das Leben vor, das ich seit ihrem Tod geführt hatte, und warf mir vor, nicht etwa sie vergessen zu haben, was nicht geschehen war, sondern daß ich durch leichte Liebschaften ihr Andenken geschändet hatte. Mir kam der Gedanke, den Schlaf zu befragen. Aber IHR Bild, das mir oft erschienen war, kehrte in meinen Träumen nicht wieder. Ich hatte zuerst nur verwirrte, mit blutigen Szenen vermischte Träume. Es schien als ob ein ganzes unglückseliges Geschlecht inmitten der idealen Welt entfesselt wäre, die ich früher erblickt hatte und deren Königin sie war.

Derselbe Geist, der mich bedroht hatte, als ich in die Wohnung dieser reinen Familie trat, die die Höhen der »geheimnisvollen Stadt« bewohnten, — glitt vor mir her und zwar nicht mehr in dem weißen Gewand, das er ehemals so wie die andern seiner Rasse trug, sondern gekleidet wie ein orientalischer Prinz. Ich stürzte auf ihn zu und bedrohte ihn, aber er wand sich ruhig zu mir. Welches Entsetzen! Welche Wut! es war MEIN Gesicht, es war meine ganze idealisierte und vergrößerte Gestalt . . . Da erinnerte ich mich des Menschen, der in derselben Nacht wie ich arretiert worden war und den man wie ich dachte unter meinem Namen von der Wache fortgeführt hatte, als meine zwei Freunde gekommen waren, um mich zu holen. Er trug in der Hand eine Waffe, deren Form ich schlecht unterschied, und einer von denen, die ihn begleiteten, sagte: »Damit hat er ihn getroffen!«

Ich weiß nicht, wie ich auseinandersetzen soll, daß in meinen Gedanken die irdischen Ereignisse mit denen der übernatürlichen Welt zusammenfallen konnten; das ist leichter zu fühlen als klar auszudrücken.* Aber wer war wohl dieser Geist, der ICH war und der auch AUSSER MIR war? War er der Doppelgänger der Legenden oder der mystische Bruder, den die Orientalen »Ferwer« nennen?

War ich nicht überrascht gewesen von der Geschichte jenes Ritters, der eine ganze Nacht in einem Wald gegen einen Unbekannten kämpfte, der er selbst war? Wie dem auch sei, ich glaube, daß die menschliche Einbildungskraft nichts erfunden hat, was nicht in dieser oder einer andern Welt wahr ist, und ich konnte nicht an dem zweifeln, was ich deutlich GESEHEN hatte.

Ein schrecklicher Gedanke überkam mich: »der Mensch ist doppelt«, sagte ich mir. »Ich fühle zwei Menschen in mir«, hat ein Kirchenvater geschrieben. Das Zusammentreffen zweier Seelen hat diesen gemischten Keim in einen Körper gelegt, der selbst dem Blick zwei ähnliche Teile darbietet, die in allen Organen seines Aufbaues wiederkehren. In jedem Menschen steckt ein Beobachter und ein Handelnder, der, welcher spricht und der, welcher antwortet. Die Orientalen haben darin zwei Feinde gesehen: den guten und den bösen Geist. »Bin ich der gute, bin ich der böse?« sagte ich mir. Auf jeden Fall ist der »ANDERE« mir feindlich . . . Wer weiß, ob es nicht Umstände oder irgendein Alter gibt, wo diese beiden Geister sich trennen. Beide sind durch eine mütterliche Verwandtschaft an denselben Körper gefesselt, vielleicht ist einer zu Ruhm und Glück, der andere zu Vernichtung und ewigem Leiden bestimmt?« — Ein verhängnisvoller Blitz durchschnitt plötzlich diese Dunkelheit . . . Aurelia gehörte mir nicht mehr! . . . Ich glaubte von einer Zeremonie, die sich irgendwo anders vollzog, sprechen zu hören und von den Zurüstungen zu einer mystischen Hochzeit, welche die MEINE war, und wo der ANDERE im Begriff war, den Irrtum meiner Freunde und Aurelias selbst zu benutzen. Die teuersten Personen, die mich besuchten und trösteten, schienen mir eine Beute der Ungewißheit, das heißt, die beiden Teile ihrer Seele trennten sich auch in bezug auf mich; die eine war liebevoll und vertrauend, die andere wie zu Tod erschrocken über mich. In dem, was diese Leute zu mir sagten, lebte ein doppelter Sinn, wenn sie sich auch oft davon keine Rechenschaft ablegten, da sie ja nicht so »im Geist« waren wie ich. Einen Augenblick kam mir dieser Gedanke sogar komisch vor, wenn ich an Amphitrion und an Sofias dachte. Wenn aber dieses groteske Symbol auch etwas anderes war, — wenn es wie in andern Sagen des Altertums die unglückselige Wahrheit unter der Maske der Tollheit war? »Wohlan«, sagte ich mir, »kämpfen wir gegen den verhängnisvollen Geist, kämpfen wir gegen den Gott selbst mit den Waffen der Überlieferung und der Wissenschaft. Was er auch im Schatten der Nacht tun mag, ich existiere — und ich habe um ihn zu besiegen die ganze Zeit, die mir zum Leben auf der Erde noch gegeben ist.

* Für mich war das eine Anspielung auf den Stoß, den ich beim Fallen erhalten habe.

X.

IE soll ich die seltsame Verzweiflung ausmalen, in die solche Ideen mich nach und nach brachten? Ein böser Geist hatte meinen Platz in der Welt der Seelen eingenommen, — für Aurelia war ich es selbst, und der trostlose Geist, der meinen Körper belebte, und der geschwächt, verkannt und von ihr verachtet war, sah sich für immer der Verzweiflung oder dem Nichts verfallen. Ich entfaltete meine ganze Willenskraft, um das Rätsel, von dem ich einige Schleier gehoben hatte, besser zu durchdringen. Der Traum machte sich manchmal lustig über meine Anstrengungen und führte mir nur verzerrte und flüchtige Gestalten zu. Ich kann hier nur eine ziemlich bizarre Idee wiedergeben von dem, was sich aus dieser Anspannung des Geistes ergab. Ich fühlte mich gleiten wie auf einem ausgespannten Faden, dessen Länge unendlich war. Die Erde, die von farbigen Adern geschmolzenen Metalls durchzogen war, wie ich es schon gesehen hatte, erhellte sich nach und nach durch das Aufglühen des zentralen Feuers, dessen Weiße mit den kirschroten Tönen verschmolz, die die Seiten des innern Kreises färbten. Ich wunderte mich, zeitweilig großen Wasserpfützen zu begegnen, die wie Wolken in der Luft hingen und die dennoch eine solche Dichtigkeit aufwiesen, daß man Flocken davon loslösen konnte; aber es ist klar, daß es sich da um eine von dem irdischen Wasser verschiedene Flüssigkeit handelte, die ohne Zweifel die Verdunstung dessen war, was für die Welt der Geister das Meer und die Flüsse darstellte.

Mein Auge entdeckte eine weite, bergige Küste; sie war ganz mit einer Art grünlichen Schilfrohres bedeckt, das an der Spitze gelblich war, wie wenn der Brand der Sonne es teilweise ausgetrocknet hätte; aber ich habe nicht mehr von der Sonne gesehen als die andern Male. — Ein Schloß beherrschte den Abhang, den ich zu erklimmen begann. Auf der andern Abdachung sah ich eine ungeheure Stadt sich ausbreiten. Während ich das Gebirg überschritten hatte, war die Nacht gekommen und ich beobachtete die Lichter der Behausungen und der Straßen. Als ich hinunterstieg, befand ich mich auf einem Markt, wo man Früchte und Gemüse verkaufte, ähnlich denen im Süden.

Ich stieg auf einer dunkeln Treppe hinunter und befand mich in den Straßen. Man verkündete durch Zettelanschlag die Eröffnung eines Kasinos und die Einzelheiten seiner Einteilung wurden in Artikeln beschrieben. Die typographische Umrahmung war aus Blumenkränzen gebildet, die so gut dargestellt und gefärbt waren, daß sie natürlich zu sein schienen. — Ein Teil des Gebäudes war noch im Entstehen. Ich trat in eine Werkstatt, wo ich Arbeiter sah, die aus Ton ein ungeheures Tier in der Gestalt eines Lamas modellierten, das aber offenbar mit großen Flügeln versehen werden sollte. Dieses Ungetüm war wie durchzogen von einem Feuerstrahl, der es allmählich belebte, so daß es sich wand; es war von tausend purpurnen Fasern durchzogen. Diese bildeten Venen und Arterien und befruchteten sozusagen die träge Materie, die sich mit einer augenblicklichen Vegetation von faserigen Anhängseln, Flügelchen und wolligen Büscheln bedeckte. Ich blieb stehen, um dieses Meisterwerk zu betrachten, wo man der göttlichen Schöpfung ihre Geheimnisse abgesehen zu haben schien. »Das kommt daher, daß wir hier das Urfeuer haben, das die ersten Wesen belebte«, — sagte man mir. — »Ehemals ist es bis zur Erdoberfläche gedrungen, aber die Quellen sind versiegt.« Ich sah auch die Goldschmiedearbeiten, bei denen man zwei auf der Erde unbekannte Metalle benutzte: ein rotes, das dem Zinnober zu entsprechen schien und ein anderes azurblaues. Die Ornamente waren weder getrieben noch ziseliert, aber sie formten, färbten und erschlossen sich wie metallische Pflanzen, die man aus gewissen chemischen Mischungen entstehen läßt. »Könnte man nicht auch Menschen schaffen?« sagte ich zu einem der Arbeiter, aber er versetzte: »Die Menschen kommen aus der Höhe und nicht aus der Tiefe. Können wir uns selbst schaffen? Hier formt man nur mit Hilfe der allmählichen Fortschritte unsrer Fähigkeit eine Materie, die feiner ist als die, aus welcher die Erdrinde besteht. Diese Blumen, die euch natürlich vorkommen, dieses Tier, das scheinbar leben wird, werden nur Produkte unsrer bis zum höchsten Punkt unsrer Kenntnisse entwickelten Kunst sein und jeder wird sie so beurteilen.«

Dies sind ungefähr die Worte, die mir entweder gesagt wurden oder deren Bedeutung ich zu erfassen glaubte. Ich begann die Säle des Kasinos zu durcheilen, und ich sah eine große Menge, in welcher ich einige mir bekannte Personen unterschied: die einen lebten, die andern waren zu verschiedenen Zeiten gestorben. Die ersten schienen mich nicht zu sehen, während die andern mir antworteten, ohne mich anscheinend zu erkennen. Ich war im größten Saal angekommen, der ganz mit mohnrotem Samt bespannt war, in den goldene Bänder eingewebt waren, die reiche Muster bildeten. In der Mitte befand sich ein Ruhebett in der Form eines Throns. Einige Vorübergehende setzten sich nieder um seine Elastizität zu prüfen; aber da die Vorbereitungen noch nicht beendet waren, wandten sie sich andern Sälen zu. Man sprach von einer Hochzeit und von dem Gatten, der, wie man sagte, kommen müsse um den Augenblick des Festes zu verkünden. Sogleich bemächtigte sich meiner eine unsinnige Wahnvorstellung. Ich bildete mir ein, daß der, welchen man erwartete, mein Doppelgänger sei, der Aurelia heiraten müsse und ich machte einen Lärm, der die Versammlung zu verblüffen schien. Ich fing mit Heftigkeit zu sprechen an, schilderte meinen Kummer und rief die Hilfe derer an, die mich kannten. Ein Greis sagte zu mir: »Aber so führt man sich nicht auf, Sie erschrecken ja jedermann!« Da rief ich aus: »Ich weiß wohl, daß er mich schon mit seinen Waffen getroffen hat, aber ich erwarte ihn furchtlos und ich kenne das Zeichen, das ihn besiegen muß.«

In diesem Augenblick erschien ein Arbeiter aus der Werkstatt, die ich beim Hereinkommen besucht hatte; er trug eine lange Stange, deren Ende aus einer im Feuer geröteten Kugel bestand. Ich wollte mich auf ihn stürzen, aber die Kugel, die er in die Höhe hielt, bedrohte stets meinen Kopf. Man schien sich um mich herum über meine Ohnmacht lustig zu machen . . . Da zog ich mich bis zum Thron zurück, die Seele voll namenlosen Stolzes, und ich hob den Arm auf, um ein Zeichen zu machen, das mir eine Zauberkraft zu haben schien. Der deutliche und zitternde Schrei einer Frau, der nach herzzerreißendem Schmerz klang, weckte mich plötzlich auf! Die Silben eines unbekannten Wortes, das ich im Begriff stand auszusprechen, erstarben auf meinen Lippen . . . Ich stürzte mich zur Erde und fing inbrünstig und unter heißen Tränen zu beten an. — Aber was war das nur für eine Stimme, die soeben so schmerzlich durch die Nacht gehallt war?!

Sie gehörte nicht dem Traum an; es war die Stimme einer lebendigen Person, und doch war es für mich die Stimme und der Tonfall Aurelias . . . .

Ich öffnete mein Fenster; alles war ruhig und der Schrei wiederholte sich nicht. — Ich erkundigte mich draußen — niemand hatte etwas gehört. — Und trotzdem bin ich noch sicher, daß der Schrei wirklich war und daß der Ton Lebender darin erklungen war. Ohne Zweifel wird man mir sagen, daß der Zufall veranlassen konnte, daß eine leidende Frau in der Umgebung meiner Wohnung geschrieen habe. — Aber meinem Gedanken nach waren die irdischen Ereignisse mit denen der unsichtbaren Welt verbunden. Das ist eine jener seltsamen Beziehungen, über die ich mir selbst keine Rechenschaft ablege, und die man leichter andeuten als erklären kann . . . .

Was hatte ich getan? Ich hatte die Harmonie des magischen Weltalls gestört, aus der meine Seele die Sicherheit einer unsterblichen Existenz schöpfte. Ich war vielleicht verflucht, weil ich in ein schauerliches Mysterium dringen wollte, indem ich das göttliche Gesetz beleidigte; ich hatte nur noch Zorn und Verachtung zu erwarten! Die aufgebrachten Schatten entflohen schreiend und zogen in der Luft verhängnisvolle Kreise wie die Vögel beim Herannahen eines Gewitters.

Zweiter Teil

Eurydice! Eurydice!

I.

UM zweitenmal verloren! Alles ist zu Ende, alles ist vorbei! Jetzt bin ich es, der sterben, ohne Hoffnung sterben muß! — Was ist denn der Tod? — Wenn er das Nichts wäre! — Wollte es Gott! Aber Gott selbst kann es nicht machen, daß der Tod das Nichts sei.

Warum ist es denn seit so langer Zeit das erstemal, daß ich an »ihn« denke? Das unglückliche System, das in meinem Geist entstanden war, ließ dieses einsame Königtum nicht zu . . . . oder vielmehr es verlor sich in die Fülle der Wesen; das war der Gott des Lucretius, machtlos und in seine Unendlichkeit verloren.

Sie indessen glaubte an Gott und ich habe eines Tages den Namen Jesus auf ihren Lippen gefunden. Er floß so sanft dahin, daß ich darüber geweint habe. O mein Gott, diese Träne, diese Träne . . . . sie ist schon lange getrocknet! Diese Träne, o mein Gott, gib sie mir wieder!

Wenn die Seele unsicher zwischen Traum und Leben schwebt, zwischen Geistesverwirrung und der Rückkehr zur kalten Überlegung, so muß man seine Hilfe im religiösen Gedanken suchen, — niemals habe ich Trost finden können in dieser Philosophie, die nur Lebensregeln des Egoismus oder bestenfalls der Gegenseitigkeit, eitle Erfahrung, bittere Zweifel bietet; — sie bekämpft die moralischen Schmerzen, indem sie die Empfindlichkeit vernichtet; wie die Chirurgie kann sie nur das schmerzende Organ wegschneiden. Aber für uns, die wir in den Tagen der Umwälzungen und der Gewitter geboren sind, wo alle Bekenntnisse zerbrochen sind; — die wir bestenfalls in diesem unbestimmten Glauben erzogen sind, der sich mit einigen äußerlichen Übungen begnügt und die gleichgültige Zugehörigkeit zudem vielleicht schuldiger ist als die Gottlosigkeit und die Ketzerei; für uns ist es sehr schwierig, sobald wie wir das Bedürfnis dazu fühlen das mystische Gebäude wieder aufzubauen, dessen wohl vorgezeichnete Form die Unschuldigen und die Einfältigen in ihren Herzen anerkennen.

»Der Baum der Erkenntnis ist nicht der Baum des Lebens.« Können wir indessen aus unserm Geist verbannen, was so viele intelligente Generationen Gutes oder Unheilvolles hineingegossen haben? Die Unwissenheit ist nicht erlernbar. Ich habe bessere Hoffnung auf Gottes Güte: vielleicht rühren wir schon an die prophezeite Epoche, wo die Wissenschaft, nachdem sie ihren ganzen Kreislauf von Synthese und Analyse, von Glaube und Verneinung erfüllt hat, sich selbst läutern kann und aus der Unordnung und den Trümmern die wunderbare Stadt der Zukunft hervorsteigen wird . . . Man darf die menschliche Vernunft nicht so billig einschätzen um zu glauben, daß sie etwas gewinnt, indem sie sich ganz erniedrigte, denn das hieße ihren himmlischen Ursprung anklagen . . . Gott wird ohne Zweifel die Reinheit der Absicht würdigen; und wo ist der Vater, der Wohlgefallen daran fände zu sehen, wie sein Sohn vor ihm alle Urteilskraft und allen Stolz aufgibt? Der Apostel, der selbst fühlen wollte um zu glauben, ist um des willen nicht verdammt worden.

Was habe ich da geschrieben? Das sind Gotteslästerungen. Die christliche Demut kann so nicht sprechen. Solche Gedanken sind weit davon entfernt die Seele zu rühren. Sie tragen auf der Stirn die Hochmutsblitze der Krone Satans . . . Ein Vertrag mit Gott selbst? . . . O Wissenschaft! O Eitelkeit!

Ich hatte einige Bücher der Kabbala gesammelt. Ich vertiefte mich in dieses Studium und gelangte dahin mich zu überzeugen, daß alles wahr sei, was der menschliche Geist während Jahrhunderten darüber angehäuft hatte. Die Überzeugung, die ich mir vom Sein geformt hatte, stimmte zu gut mit meiner Lektüre überein, als daß ich fürder noch an den Offenbarungen der Vergangenheit hätte zweifeln können. Die Dogmen und die Riten der verschiedenen Religionen schienen mir sich darauf zu beziehen in der Weise, daß jede einen gewissen Teil jener Geheimnisse besaß, die ihre Mittel zur Ausdehnung und zur Verteidigung ausmachten. Diese Kräfte konnten sich abschwächen, sich verringern und verschwinden, was die Eroberung gewisser Rassen über andere mit sich brachte, die alle nur durch den »Geist« siegreich sein oder erobert werden konnten.

»Immerhin«, sagte ich mir, »ist es sicher, daß diese Erkenntnisse mit menschlichen Irrtümern vermischt sind. Das magische Alphabet, der rätselhafte Hieroglyph überkommen uns nur unvollständig und gefälscht, sei es durch die Zeit, sei es durch diejenigen selbst, die ein Interesse haben an unserer Unwissenheit. Laßt uns den verlorenen Buchstaben, das ausgelöschte Zeichen wiederfinden und die mißklingende Tonleiter wieder abstimmen, dann werden wir Kraft in der Welt der Geister gewinnen.«

So glaubte ich in die Beziehungen der wirklichen Welt zur Welt der Geister zu dringen. Die Erde, ihre Bewohner und ihre Geschichte waren der Schauplatz, wo die physischen Handlungen sich vollziehen sollten, welche die Existenz und die Lage der Unsterblichen, die an ihr Geschick geknüpft sind, vorbereiteten. Ohne das undurchdringliche Mysterium von der Ewigkeit der Welten zu berühren, stieg mein Gedanke zu der Epoche hinauf, wo die Sonne auf die Erde die fruchtbaren Keime der Pflanzen und Tiere säte, ähnlich der Pflanze, die sie darstellt, die mit ihrem hängenden Kopf die Umdrehung ihres himmlischen Wandels verfolgt. Es war nichts anderes als das Feuer selbst, das, da es aus Seelen bestand, instinktiv die gemeinsame Wohnung formte. Der Geist des »Gott-Wesens«, das sich auf der Erde wieder erzeugt und sozusagen zurückgeworfen wird, ward der gewöhnliche Typus der menschlichen Seelen, deren jede demzufolge gleichzeitig Mensch und Gott war. So waren die Elohim!

Wenn man sich unglücklich fühlt denkt man über das Unglück der andern nach. Ich war etwas nachlässig gewesen im besuchen eines meiner liebsten Freunde, von dem man mir gesagt hatte, daß er krank sei: Als ich mich zu dem Haus begab, wo er behandelt wurde, warf ich mir diesen Fehler lebhaft vor. Ich war noch trostloser, als mir mein Freund erzählte, daß es ihm am Vorabend recht schlecht gegangen sei. Ich trat in ein Hospitalzimmer mit kalkgetünchten Wänden. Die Sonne zeichnete lustige Winkel auf die Mauern und spielte auf einem Gefäß mit Blumen, das eine Nonne eben auf den Tisch des Kranken gestellt hatte. Es war fast wie die Zelle eines italienischen Anachoreten. Sein abgemagertes Gesicht, sein Teint, der vergilbtem Elfenbein glich, was durch seine schwarze Haar- und Bartfarbe noch mehr hervorgehoben wurde, seine Augen, die in einem Rest von Fieber glänzten; vielleicht auch das Arrangement eines Kapuzenmantels, den er über die Schultern geworfen hatte, machten für mich aus ihm ein Wesen, das halb verschieden war von dem, was ich gekannt hatte.

Das war nicht mehr der fröhliche Gefährte meiner Arbeiten und meines Vergnügens; es war ein Apostel in ihm. Er erzählte mir, wie er sich in den schlimmsten Leiden seiner Krankheit als Beute eines letzten Anfalles gesehen hatte, der ihm der letzte Augenblick zu sein schien. Wie durch ein Wunder hatte der Schmerz in demselben Augenblick aufgehört. — Was er mir dann erzählte ist unmöglich wiederzugeben: Ein erhabener Traum in den weitesten Räumen der Unendlichkeit, ein Gespräch mit einem Wesen, das gleichzeitig von ihm verschieden war und einen Teil von ihm selbst bildete, das er, da er sich tot glaubte, frug, wo Gott sei. — »Aber Gott ist überall« antwortete ihm sein Geist; »er ist in dir selbst und in allen. Er richtet dich, er hört dich an, er rät dir; du und ich wir denken und träumen zusammen — und wir haben uns nie verlassen und sind ewig.«

Ich kann sonst nichts aus diesem Gespräch anführen, das ich vielleicht schlecht gehört oder schlecht verstanden habe. Ich weiß nur, daß sein Eindruck ein sehr lebhafter war. Ich wage nicht meinem Freund die Folgerung zuzuschreiben, die ich selbst vielleicht fälschlich aus seinen Worten gezogen habe. Ich weiß nicht einmal, ob das Gefühl, das daraus entsteht nicht mit der christlichen Idee übereinstimmend ist.

»Gott ist mit ihm,« rief ich aus, . . . . »aber er ist nicht mehr mit mir! O Unglück! Ich habe ihn von mir gejagt, ich habe ihn bedroht, ich habe ihm geflucht! Er war es gewiß, dieser mystische Bruder, der sich immer mehr und mehr von meiner Seele entfernte und der mich vergeblich benachrichtigte! Dieser bevorzugte Gemahl, dieser König des Ruhms, er richtet und verdammt mich und nimmt auf ewig die mit in seinen Himmel, die er mir gegeben hätte und deren ich hinfort unwürdig bin!«

II.

CH vermag die Niedergeschlagenheit nicht zu schildern, in welche diese Ideen mich versetzten. »Ich verstehe,« sagte ich mir, »ich habe das Geschöpf dem Schöpfer vorgezogen; ich habe meine Liebe vergöttert und habe nach heidnischen Gebräuchen die angebetet, deren letzter Seufzer Christus geweiht war. Aber wenn diese Religion die Wahrheit sagt, so kann mir Gott noch verzeihen. Er kann sie mir zurückgeben, wenn ich mich vor ihm demütige. Vielleicht kommt ihr Geist wieder in mich zurück!«

— Ich irrte erfüllt von diesem Gedanken aufs Geratewohl in den Gassen umher. Ein Leichenzug kreuzte meinen Weg; er richtete sich nach dem Friedhof, wo sie bestattet worden war; ich hatte die Idee, mich dahin zu begeben, indem ich mich dem Zug anschloß. »Ich weiß nicht,« sagte ich zu mir, »wer der Tote ist, den man hier zur Grube geleitet, aber ich weiß jetzt, daß die Toten uns sehen und hören, — vielleicht wird er zufrieden sein wenn er sieht, daß ein Leidensbruder ihm folgt, der trauriger ist als irgendeiner von denen, die ihn geleiten.« Dieser Gedanke ließ mich Tränen vergießen und ohne Zweifel glaubte man, daß ich einer der besten Freunde des Verstorbenen sei. O ihr gesegneten Tränen! Lange Zeit war mir eure Süßigkeit versagt!

Mein Kopf richtete sich auf und ein Hoffnungsstrahl leitete mich noch immer. Ich fühlte in mir die Kraft zu beten und genoß sie mit Entzücken.

Ich erkundigte mich nicht einmal nach dem Namen des Toten, dessen Sarg ich gefolgt war. Der Friedhof den ich betreten hatte, war mir in vieler Hinsicht heilig. Drei Verwandte meiner mütterlichen Familie waren hier begraben; aber ich konnte nicht zum Beten auf ihre Gräber gehen, denn sie waren vor mehreren Jahren in ein entferntes Land an den Ort ihrer Herkunft geschafft worden. — Lange suchte ich das Grab Aurelias und konnte es nicht wiederfinden. Die Einteilung des Friedhofs hatte sich verändert, — vielleicht hatte sich auch mein Gedächtnis verirrt . . . . Es kam mir vor, als ob dieser Zufall, dieses Vergessen, meine Verdammnis noch vergrößerten. — Ich wagte nicht, den Wächtern den Namen einer Toten zu nennen, auf die ich religiös kein Recht hatte . . . . Aber ich erinnerte mich, daß ich zu Hause die genaue Angabe des Grabes aufbewahrte und ich lief mit klopfendem Herzen hin; ich hatte den Kopf verloren; ich sagte es schon; ich hatte meine Liebe mit wunderlichem Aberglauben umgeben. — In einer kleinen Schatulle, die IHR gehört hatte, bewahrte ich ihren letzten Brief auf. Soll ich noch gestehen, daß ich aus dieser Schatulle eine Art Reliquienschrein gemacht hatte, der mich an lange Reisen erinnerte, wo der Gedanke an SIE mich begleitet hatte: eine in den Gärten von Schubrah gepflückte Rose, ein aus Ägypten mitgebrachtes Stückchen Band, im Fluß von Beirut gepflückte Lorbeerblätter, zwei kleine, vergoldete Kristalle, Mosaiken aus der Hagia Sophia, eine Perle aus einem Rosenkranz und was weiß ich noch? . . . endlich das Papier, welches man mir am Tag wo man ihr Grab ausschaufelte, gegeben hatte, damit ich es wiederfinden könne. Ich errötete, ich zitterte, als ich diese tolle Ansammlung zerstreute. Ich steckte die zwei Papiere ein, und im Augenblick, wo ich mich aufs neue nach dem Friedhof begeben wollte, änderte ich meinen Entschluß. — »Nein,« sagte ich mir, »ich bin nicht wert, auf dem Grab einer Christin zu knien; fügen wir nicht eine Entweihung zu so vielen andern.« Und um den Sturm, der in meinem Kopf tobte, zu besänftigen, begab ich mich einige Meilen außerhalb von Paris in eine kleine Stadt, wo ich in meiner Jugendzeit einige glückliche Tage bei alten Verwandten, die inzwischen verstorben waren, verbracht hatte. Ich wäre oft gern dahin zurückgekommen, um die Sonne bei ihrem Hause untergehen zu sehen. Es war dort eine von Linden beschattete Terrasse, die in mir auch die Erinnerung an verwandte junge Mädchen wachrief, zwischen denen ich aufgewachsen war. Eine von ihnen . . .

Aber wie hatte ich nur daran denken können, diese unbestimmte Kindheitsliebe der gegenüber zu stellen, die meine Jugend verschlungen hat? Ich sah die Sonne sich über das Tal neigen, das sich mit Nebeln und Schatten erfüllte; sie verschwand und badete die Gipfel der Wälder, die die hohen Hügel krönten, in rötlichen Feuern.

Die düsterste Traurigkeit zog in mein Herz. Ich ging zum Schlafen in eine Herberge, wo ich bekannt war. Der Wirt sprach mir von einem meiner alten Freunde, der in der Stadt wohnte und der sich infolge von unglücklichen Spekulationen mit einem Pistolenschuß getötet hatte . . . . Der Schlaf brachte mir furchtbare Träume. Ich habe mir ein verworrenes Andenken daran bewahrt. — Ich befand mich in einem unbekannten Saal und sprach mit jemand aus der Außenwelt, — vielleicht mit dem Freund, von dem ich eben gesprochen habe. Ein sehr hoher Spiegel befand sich hinter uns. Als ich ganz zufällig einen Blick hineinwarf, glaubte ich A*** zu erkennen. Sie schien traurig und nachdenklich zu sein und plötzlich, sei es, daß sie aus dem Spiegel heraustrat, sei es, daß sie, als sie einen Augenblick vorher durch den Saal ging, reflektiert wurde, diese sanfte und geliebte Gestalt befand sich neben mir. Sie reichte mir die Hand, ließ einen schmerzlichen Blick über mich gleiten und sagte: »Wir sehen uns später wieder . . . . . im Hause deines Freundes.«

Und einen Augenblick lang stellte ich mir ihre Heirat vor, die Verwünschung, die uns trennte, und ich sagte mir: Ist es möglich? Käme sie zu mir zurück? »Hast du mir vergeben?« frug ich mit Tränen. Aber alles war verschwunden. Ich befand mich an einem öden Ort, auf einer rauhen, von Felsen besäten Anhöhe mitten im Wald. Ein Haus, das ich zu erkennen meinte, beherrschte dieses trostlose Land. Ich ging und kam auf unentwirrbaren Umwegen zurück. Vom Gehen zwischen Steinen und Dornengebüschen ermüdet, suchte ich mitunter einen sanfteren Weg auf den Fußsteigen des Waldes. — Man erwartet mich da unten! dachte ich; eine bestimmte Stunde schlug. Ich sagte mir: ES IST ZU SPÄT und Stimmen antworteten: SIE IST VERLOREN! Vollkommene Nacht umgab mich, das entfernte Haus glänzte, wie wenn es für ein Fest beleuchtet und voll rechtzeitig angekommener Gäste wäre. — Sie ist verloren! rief ich aus, und warum? . . . . . Ich verstehe, sie hat eine letzte Anstrengung gemacht um mich zu retten — ich habe den äußersten Augenblick verpaßt, wo die Vergebung noch möglich war. Aus Himmelshöhen konnte sie den göttlichen Gatten für mich erbitten . . . . . Doch was liegt an meinem Heil? Der Abgrund hat seine Beute empfangen! Sie ist für mich und für alle verloren! Ich glaubte sie wie unter einem Blitzschein zu sehen, bleich und sterbend von finstern Reitern fortgezogen . . . . Der Schrei schmerzlicher Wut, den ich in diesem Augenblick ausstieß, ließ mich ganz atemlos erwachen.

— Mein Gott, mein Gott! Um ihretwillen, um ihretwillen allein! Mein Gott! Vergib! schrie ich und warf mich auf die Knie.

Es war Tag. Durch eine Bewegung, von der ich schwer Rechenschaft ablegen kann, beschloß ich die beiden Papiere sogleich zu vernichten, die ich am Vorabend der Schatulle entnommen hatte. Der Brief, den ich beim Durchlesen wieder mit Tränen benetzte und der Begräbnisschein, der das Siegel des Friedhofes trug. — Jetzt ihr Grab wiederfinden, sagte ich mir; aber ich hätte gestern umkehren sollen; — und mein unglücklicher Traum ist nur der Widerschein meines unglücklichen Tages!

III.

IE Flamme hat diese Reliquien der Liebe und des Todes verschlungen, die mit den schmerzhaftesten Fibern meines Herzens verknüpft waren. Ich habe meine Schmerzen und verspäteten Gewissensbisse mit hinaus auf das Land genommen und suchte durch die Ermüdung des Gehens die Betäubung der Gedanken, vielleicht auch die Gewißheit eines weniger unheilvollen Schlummers für die kommende Nacht.

Mit diesem Gedanken, den ich mir vom Traume gebildet hatte, der dem Menschen eine Verbindung mit der Geisterwelt öffnet, hoffte ich, hoffte ich immer noch! Vielleicht würde Gott sich mit diesem Opfer begnügen. — Hier halte ich ein; es ist zu hochmütig zu behaupten, daß der geistige Zustand, in dem ich mich befand, nur durch eine Liebeserinnerung verursacht worden sei. Sagen wir lieber, daß ich mich damit unwillkürlich gegen die ernstere Reue eines toll vergeudeten Lebens schützte, in dem das Böse recht oft triumphiert hatte und dessen Fehler ich nur erkannte, wenn ich die Schläge des Unglücks spürte. Ich fühlte mich nicht mehr würdig an die auch nur zu denken, die ich im Tode quälte, nachdem ich sie im Leben betrübt hatte, und deren sanftem, heiligem Mitleid ich allein einen letzten Blick der Verzeihung verdankt habe.

In der folgenden Nacht konnte ich nur wenige Augenblicke schlafen. Eine Frau, die sich meiner Jugend angenommen hatte, erschien mir im Traum und warf mir einen sehr ernsten Fehler vor, den ich früher begangen hatte. Ich erkannte sie wieder, obgleich sie mir viel älter erschien als in den letzten Zeiten, wo ich sie gesehen hatte. Gerade das erinnerte mich bitter daran, daß ich versäumt hatte, sie in ihren letzten Augenblicken zu besuchen. Es schien mir, als ob sie zu mir sagte: »Du hast deine alten Verwandten nicht so lebhaft beweint, wie du diese Frau beweint hast. Wie kannst du dann auf Verzeihung hoffen?« Der Traum wurde verwirrt. Gestalten von Personen, die ich zu verschiedenen Zeiten gekannt hatte, gingen geschwind vor meinen Augen vorüber. Sie gingen vorbei, erstrahlten, verblichen und fielen in die Nacht zurück wie die Perlen eines Rosenkranzes, dessen Band zerrissen ist. Ich sah dann wie sich unbestimmt plastische Bilder aus dem Altertum formten, die — erst flüchtig hingeworfen — deutlich wurden und Symbole darzustellen schienen, deren Gedanken ich nur schwer erfaßte. Nur glaubte ich, daß es bedeuten solle: Alles das war geschaffen, um dich das Geheimnis des Lebens zu lehren und du hast es nicht verstanden. Die Religionen und die Sagen, die Heiligen und die Dichter vereinigten sich, um das verhängnisvolle Rätsel zu erklären, und du hast schlecht begriffen . . . Jetzt ist es zu spät!

Ich erhob mich voll Entsetzen und sagte mir: das ist mein letzter Tag! Mit zehnjährigem Zwischenraum kam mir dieselbe Idee, die ich im ersten Teil dieser Erzählung geschildert habe, positiver und noch drohender wieder. Gott hatte mir zur Reue Zeit gelassen und ich hatte sie nicht ausgenutzt. Nach dem Besuch des »steinernen Gastes« hatte ich mich wieder zum Festmahl hingesetzt!