IV.
MEIN Gefühl aus diesen Visionen und Grübeleien, das während meiner einsamen Stunden aus ihnen entsprang, war so traurig, daß ich mir wie verloren vorkam. Alle Handlungen meines Lebens erschienen mir von ihrer ungünstigsten Seite und in der Art von Gewissensprüfung, der ich mich hingab, führte mir das Gedächtnis die ältesten Tatsachen mit einer seltsamen Klarheit vor; ich weiß nicht was für eine falsche Scham mich verhinderte, den Beichtstuhl zu betreten; vielleicht die Angst mich in Dogmen und in die Gebräuche einer furchteinflößenden Religion einzulassen, da ich gegen gewisse Punkte darin philosophische Vorurteile bewahrt hatte. Meine ersten Jahre sind zu sehr mit den Ideen der Revolution durchsetzt gewesen, meine Erziehung war zu frei, mein Leben zu rastlos, als daß ich leicht ein Joch auf mich nehmen könnte, das in vielen Punkten immer noch meine Vernunft beleidigen würde. Ich bebte, wenn ich bedachte, was für einen Christen ich abgeben würde, wenn gewisse Prinzipien, die der freien Forschung der zwei letzten Jahrhunderte entlehnt sind, wenn endlich das Studium der verschiedenen Religionen mich nicht auf diesem Abhang aufhalten würde. Ich habe meine Mutter nie gekannt, die meinem Vater zum Heere folgen wollte wie die Frauen der alten Germanen. Sie starb am Fieber und vor Müdigkeit in einer kalten Gegend Deutschlands, und mein Vater selbst konnte meine ersten Gedanken nicht darauf lenken. Das Land, in dem ich erzogen wurde, war voll von seltsamen Legenden und fremdartigem Aberglauben. Einer meiner Oheime, der den größten Einfluß auf meine erste Erziehung hatte, beschäftigte sich zum Zeitvertreib mit römischen und keltischen Altertümern. Es fanden sich manchmal in seinem Feld oder in der Umgebung Bilder von Göttern oder Kaisern, die seine Gelehrtenbewunderung mich verehren hieß, und deren Geschichte mich seine Bücher lehrten. Ein gewisser Mars aus vergoldeter Bronze, eine bewaffnete Pallas oder Venus, ein Neptun oder eine Amphytrite, die ausgehauen über dem Brunnen des Dorfes standen und vor allem das gute, dicke, bärtige Antlitz eines Pan, der am Eingang einer Grotte zwischen Girlanden von Osterluzei und Efeu lächelte, waren die Haus- und Schutzgötter dieses Ruhesitzes. Ich gestehe, daß sie mir damals mehr Ehrfurcht einflößten als die ärmlichen christlichen Kirchenbilder und die beiden unförmigen Heiligen des Portals, von denen manche Gelehrten behaupten, sie seien der Esus und der Cernunnas der Gallier. Ich war verlegen zwischen diesen verschiedenen Symbolen und fragte eines Tages meinen Onkel, was »Gott« sei? »Gott ist die Sonne!« sagte er mir. Das war der innerste Gedanke eines Ehrenmannes, der sein ganzes Leben als Christ gelebt, aber die Revolution durchgemacht hatte und aus einer Gegend war, wo viele dieselbe Vorstellung von der Gottheit besaßen. Das hinderte nicht, daß die Frauen und die Kinder in die Kirche gingen und ich verdankte einer meiner Tanten einige Belehrungen, die mich die Schönheit und die Größe des Christentums verstehen ließen. Nach 1815 ließ mich ein Engländer, der sich in unserm Lande aufhielt, die Bergpredigt lernen und gab mir ein Neues Testament . . . . Ich führe diese Einzelheiten nur an, um die Ursachen einer gewissen Unentschlossenheit anzugeben, die sich in meinem Geist oft mit der ausgesprochensten Religiosität verbunden hat.
Ich will erklären, wie ich, nachdem ich lange Zeit vom rechten Weg entfernt war, mich zu ihm durch die geliebte Erinnerung an ein totes Wesen zurückgeführt fühlte, und wie das Bedürfnis zu glauben, daß es fortlebe, das bestimmte Gefühl für die verschiedenen Wahrheiten, die ich nicht fest genug in meiner Seele aufgenommen hatte, in meinem Geist aufleben ließ. Die Verzweiflung und der Selbstmord sind das Resultat gewisser unglücklicher Situationen für den, der nicht an die Unsterblichkeit mit ihren Leiden und Freuden glaubt: ich werde glauben, etwas Gutes und Nützliches getan zu haben, wenn ich ganz naiv die Folgen der Ideen aufzeichne, durch die ich Ruhe und neue Kraft wiedergefunden habe, die ich den zukünftigen Unglücksfällen des Lebens gegenüberstellen werde.
Die Visionen, die einander während meines Schlummers gefolgt waren, hatten mich einer solchen Verzweiflung preisgegeben, daß ich kaum reden konnte; die Gesellschaft meiner Freunde verhalf mir nur zu einer ungewissen Zerstreuung; mein Geist, der vollauf mit seinen Einbildungen beschäftigt war, versagte bei der geringsten abweichenden Vorstellung; ich konnte keine zehn Zeilen hintereinander lesen und verstehen. Ich sagte mir die schönsten Dinge: was liegt daran, das gibt es nicht für mich. Einer meiner Freunde namens Georg unternahm es, diese Entmutigung zu besiegen. Er führte mich in verschiedene Gegenden der Umgebung von Paris und nahm es auf sich, allein zu sprechen, während ich mit einigen unzusammenhängenden Phrasen antwortete. Sein ausdrucksvolles und fast mönchisches Gesicht machte eines Tages seine sehr beredten Einwände besonders wirkungsvoll, die er gegen jene Jahre des Zweifels und der politischen und sozialen Entmutigung fand, die der Juli-Revolution folgten. Ich war einer der Jungen dieser Epoche gewesen und ich hatte ihre Glut und ihre Bitterkeiten geschmeckt. Eine Bewegung vollzog sich in mir: ich sagte mir, daß solche Lehren von der Vorsehung nicht ohne Absicht gegeben werden konnten, und daß ein Geist ohne Zweifel aus ihm sprach. Eines Tages aßen wir unter einer Laube in einem kleinen Dorf in der Umgebung von Paris zu Abend; eine Frau kam und sang an unserm Tisch und ich weiß nicht was in ihrer abgenutzten aber sympathischen Stimme mich an die Aureliens erinnerte. Ich betrachtete sie: selbst ihre Züge waren nicht ohne Ähnlichkeit mit denen, die ich geliebt hatte; man schickte sie weg und ich wagte nicht sie zurückzuhalten, aber ich sagte mir: Wer weiß ob ihr »Geist« nicht in dieser Frau ist! Und ich fühlte mich glücklich, daß ich ihr ein Almosen gegeben hatte.
Ich sagte mir: Ich habe das Leben recht schlecht ausgenutzt, aber wenn die Toten vergeben, so geschieht es sicher unter der Bedingung, daß man für immer dem Bösen entsagt, und daß man alles, was man getan hat, wieder gut macht. Ist das möglich? . . . . Von diesem Augenblick an wollen wir versuchen, nichts Böses mehr zu tun und Ersatz zu geben für alles, was wir schuldig sein könnten. — Ich hatte ein frisches Unrecht gegen eine Person; es war nur eine Nachlässigkeit, aber ich fing damit an, daß ich mich entschuldigen ging. Die Freude, die ich empfand, als ich dies wieder gut gemacht hatte, tat mir ungemein wohl. Ich hatte von jetzt an einen Grund zum Leben und zum Handeln und gewann wieder Interesse an der Welt.
Schwierigkeiten tauchten auf; für mich unaussprechliche Ereignisse schienen sich zu vereinigen, um meinen guten Entschluß zu durchkreuzen. Der Zustand meines Geistes machte mir die Ausführung ausgemachter Arbeiten unmöglich. Da man mich seither gesund glaubte, verlangte man mehr, und da ich auf die Lüge verzichtet hatte, wurde ich von Leuten eines Vergehens geziehen, die sich nicht scheuten, es auszunutzen. Die Masse von Entschuldigungen, die ich zu machen hatte, erdrückte mich im Hinblick auf meine Ohnmacht. Politische Ereignisse wirkten indirekt, sowohl um mich zu betrüben wie um mich zu hindern, Ordnung in meine Angelegenheit zu bringen. Der Tod eines meiner Freunde vervollständigte diese Gründe zur Mutlosigkeit. Ich sah mit Schmerzen seine Wohnung, seine Bilder wieder, die er mir einen Monat vorher mit Freuden gezeigt hatte; ich ging an seinem Sarg vorüber im Augenblick, wo man ihn vernagelte. Da er von meinem Alter und aus meiner Zeit war, sagte ich mir: Was würde geschehen, wenn ICH so plötzlich stürbe?
Am folgenden Sonntag erhob ich mich mit einem dumpfen Schmerz. Ich ging meinen Vater besuchen, dessen Magd krank war, und der Launen zu haben schien. Er wollte allein Holz von seinem Speicher holen und ich konnte ihm nur den Dienst leisten, ihm ein Holzscheit, das er brauchte, zu reichen. Ich ging niedergeschlagen weg. Auf der Straße begegnete ich einem Freund, der mich zum Essen mit sich nach Hause nehmen wollte, um mich ein bißchen zu zerstreuen. Ich lehnte ab und richtete meine Schritte ohne gegessen zu haben nach Montmartre. Der Friedhof war geschlossen, was ich als üble Vorbedeutung auffaßte. Ein deutscher Dichter hatte mir einige Seiten zu übersetzen gegeben und mir auf diese Arbeit eine Summe vorgestreckt. Ich nahm den Weg zu seinem Haus, um ihm das Geld zurückzugeben.
Als ich um das Clichytor bog, war ich Zeuge eines Streites. Ich versuchte die Streitenden zu trennen, aber es wollte mir nicht gelingen. In diesem Augenblick ging ein Arbeiter von großem Wuchs über denselben Platz, wo der Kampf sich abgespielt hatte. Er trug auf der linken Schulter ein Kind in hyazinthfarbenem Kleid. Ich stellte mir vor, es wäre der heilige Christophorus, der den Heiland trägt, und ich wäre verdammt, weil es mir bei der eben stattgehabten Szene an Kraft gefehlt hatte. Von diesem Augenblicke an irrte ich als Beute der Verzweiflung in dem unbegrenzten Gelände umher, das die Vorstadt von dem Tor trennt. Es war zu spät, um den Besuch zu machen, den ich vorgehabt hatte. Ich ging also kreuz und quer durch die Straßen nach dem Zentrum von Paris zurück. In der Nähe der Rue de la Victoire begegnete ich einem Priester und wollte ihm in der Verwirrung, in der ich mich befand, beichten. Er sagte mir, daß er nicht zu der Pfarre gehöre, und daß er zu irgendjemand in eine Abendgesellschaft ginge, aber daß ich, wenn ich ihn am folgenden Tage in Notre-Dame um Rat fragen wolle, nur nach dem Abbé Dubois fragen solle.
Verzweifelt und weinend lenkte ich meine Schritte nach der Kirche Notre-Dame de Lorette, wo ich mich zu Füßen des Altars der heiligen Jungfrau niederwarf und um Vergebung für meine Fehler bat. Etwas in mir sagte sich: Die Jungfrau ist tot und deine Gebete sind unnütz. Ich ging nach den hintersten Plätzen des Chors, um mich dort auf die Knie zu werfen, und streifte einen silbernen Ring vom Finger, in dessen Stein die drei arabischen Worte graviert waren: Allah! Mohammed! Ali! Sofort entzündeten sich mehrere Kerzen im Chor, und es begann ein Gottesdienst, mit dem ich mich im Geist zu vereinigen versuchte. Als man beim Ave Maria angelangt war, unterbrach sich der Priester mitten beim Gebet und fing siebenmal von vorne an, ohne daß ich in meinem Gedächtnis die folgenden Worte hätte wiederfinden können. Dann beschloß man das Gebet und der Priester hielt eine Rede, die auf mich allein anzuspielen schien. Als alles ausgelöscht war, erhob ich mich und ging hinaus, wobei ich die Richtung nach den Champs-Elysées einschlug.
Als ich bei der Place de la Concorde angelangt war, hatte ich den Gedanken mich zu vernichten. Verschiedene Male ging ich zur Seine, aber etwas hinderte mich meinen Entschluß auszuführen. Die Sterne leuchteten am Firmament. Plötzlich schien es mir, wie wenn sie mit einemmal verlöschten wie die Kerzen, die ich in der Kirche gesehen hatte. Ich glaubte, daß die Zeiten erfüllt seien und daß wir dem Ende der Welt nahe seien, die der heilige Johannes in der Apokalypse verkündigt hat. Ich glaubte, eine schwarze Sonne an dem verödeten Himmel und eine blutrote Kugel über den Tuilerien zu erblicken. Ich sagte mir: Die ewige Nacht beginnt und sie wird fürchterlich sein. Was wird geschehen, wenn die Menschen gewahren werden, daß es keine Sonne mehr gibt? Ich ging durch die Rue St. Honoré zurück und beklagte die verspäteten Bauern, denen ich begegnete. Am Louvre angekommen ging ich bis zum Platz und da wartete meiner ein seltsames Schauspiel. Zwischen den rasch vom Wind gejagten Wolken sah ich mehrere Monde, die mit großer Schnelligkeit vorüberglitten. Ich dachte, die Erde sei aus ihrer Bahn getreten und irre am Firmament wie ein entmastetes Schiff umher, wobei sie sich den Sternen, die abwechselnd wuchsen und wieder abnahmen, näherte und wieder von ihnen entfernte. Zwei oder drei Stunden lang betrachtete ich diese Unordnung und ging schließlich nach der Gegend der Hallen. Die Bauern brachten ihre Waren und ich sagte mir: Wie werden sie erstaunt sein, wenn sie merken, daß die Nacht sich verlängert? Indessen bellten hie und da Hunde und die Hähne krähten. Von Müdigkeit zerschlagen ging ich nach Hause und warf mich auf mein Bett. Als ich aufwachte war ich erstaunt das Licht wiederzusehen. Eine Art geheimnisvollen Chors drang an mein Ohr: »CHRISTUS, CHRISTUS! CHRISTUS!« Ich dachte, daß man in einer benachbarten Kirche, Notre-Dame-des-Victories, eine große Zahl Kinder vereint habe, um den Heiland anzurufen. — Aber Christus ist nicht mehr! sagte ich mir, sie wissen es noch nicht! Die Anrufung dauerte ungefähr eine Stunde. Ich stand endlich auf und ging unter die Galerien des Palais Royal. Ich sagte mir, daß die Sonne wahrscheinlich noch genügend Licht aufgespeichert hätte, aber daß sie dazu ihre eigene Substanz abnützen müsse, und ich fand sie wirklich kalt und farblos. Ich beschwichtigte meinen Hunger mit einem kleinen Kuchen, um die Kraft zu gewinnen, das Haus des deutschen Dichters zu erreichen. Als ich eintrat sagte ich zu ihm, daß alles aus sei, und daß wir uns zum Sterben vorbereiten müßten. Er rief seiner Frau, die zu mir sagte: »Was fehlt Ihnen!« — »Ich weiß es nicht,« sagte ich zu ihr, »ich bin verloren!« Sie schickte nach einer Droschke und ein junges Mädchen führte mich nach der Maison Dubois.
V.
MEIN Übel begann wieder mit wechselnden Anfällen. Nach einem Monat war ich wieder hergestellt. Während der zwei Monate, die nun folgten, nahm ich meine Pilgerfahrten rund um Paris wieder auf. Die längste Reise, die ich gemacht habe, war der Besuch des Doms von Reims. Nach und nach fing ich wieder an zu schreiben und verfaßte eine meiner besten Novellen. Ich schrieb sie allerdings mühsam fast immer mit Bleistift auf lose Blätter, geleitet von dem Zufall meiner Träumereien und Spaziergänge. Die Korrekturen regten mich sehr auf. Wenige Tage nach Veröffentlichung der Novelle fühlte ich mich von hartnäckiger Schlaflosigkeit befallen. Die ganze Nacht ging ich auf dem Hügel von Montmartre spazieren und sah von dort den Sonnenaufgang. Ich plauderte lange mit Bauern und Arbeitern. In andern Augenblicken wand ich mich den Hallen zu. Eine Nacht ging ich zum Essen in ein Café am Boulevard und vergnügte mich damit, Gold- und Silberstücke in die Luft zu werfen. Dann ging ich zu den Hallen und stritt mit einem Unbekannten, dem ich eine grobe Ohrfeige gab. Ich weiß nicht, wieso das gar keine Folgen hatte. Zu einer gewissen Stunde, als ich die Turmuhr von St. Eustache schlagen hörte, begann ich an die Kämpfe der Herzöge von Burgund und der Armagnacs zu denken, und ich glaubte, daß sich die Schatten der Kämpfenden jener Epoche um mich herum erhoben. Ich kam in Streit mit einem Dienstmann, der auf seiner Brust ein silbernes Täfelchen trug und zu dem ich sagte, daß er der Herzog Johann von Burgund sei. Ich wollte ihn verhindern, in eine Schenke zu treten. Durch eine Eigentümlichkeit, die ich mir nicht erkläre, bedeckte sich sein Gesicht mit Tränen als er sah, daß ich ihm mit Tod drohte. Das rührte mich, und ich hieß ihn vorbeigehen.
Ich wendete mich gegen die Tuilerien, die geschlossen waren, und ging den Quais entlang; dann begab ich mich zum Luxembourg und ging dann mit einem Freund frühstücken. Dann betrat ich St. Eustache, wo ich fromm am Altar der heiligen Jungfrau niederkniete und an meine Mutter dachte. Die Tränen, die ich vergoß, erleichterten meine Seele und als ich aus der Kirche kam, kaufte ich einen silbernen Ring. Darauf stattete ich meinem Vater einen Besuch ab, bei dem ich einen Strauß Margueriten zurückließ, da er abwesend war. Von da ging ich zum Jardin des Plantes. Es waren viele Menschen dort und ich verweilte einige Zeit und sah mir das Nilpferd an, das gerade in einem Bassin badete. — Darauf begab ich mich in die osteologischen Sammlungen. Der Anblick der Ungetüme, die sie enthalten, ließ mich an die Sintflut denken und als ich hinausging, fiel ein schrecklicher Platzregen im Garten nieder. Ich sagte mir: Was für ein Unglück! All diese Frauen, all diese Kinder werden durchnäßt! . . . Dann sagte ich mir: Aber es ist noch mehr! Die wirkliche Sintflut beginnt! Das Wasser stieg in den Nachbarstraßen an; ich lief die Straße Saint-Victor hinunter und im Gedanken das aufzuhalten, was ich für die Weltüberschwemmung hielt, warf ich an der tiefsten Stelle den Ring, den ich bei Saint-Eustache gekauft hatte, ins Wasser. Ungefähr in demselben Augenblick beruhigte sich das Gewitter und ein Sonnenstrahl begann zu glitzern.
Hoffnung kehrte in meine Seele zurück. Um vier Uhr hatte ich eine Verabredung bei meinem Freunde Georg; ich ging nach seiner Wohnung. Als ich bei einem Kuriositätenhändler vorüberging, kaufte ich zwei Ofenschirme aus Samt, die mit hieroglyphischen Figuren bedeckt waren. Das schien mir die Weihe für die himmlische Verzeihung zu sein. Ich kam zur bestimmten Zeit zu Georg und vertraute ihm meine Hoffnung an. Ich war durchnäßt und müde. Ich wechselte meine Kleider und legte mich auf sein Bett. Während meines Schlummers hatte ich eine wunderbare Vision. Es kam mir vor, als ob die Göttin mir erschiene und zu mir sagte: »Ich bin dieselbe wie Maria, dieselbe wie deine Mutter, dieselbe auch, die du stets unter allen Formen geliebt hast. Bei jeder deiner Prüfungen habe ich eine meiner Masken aufgegeben, mit denen ich meine Züge verschleiere und bald wirst du mich sehen so wie ich bin . . .« Ein köstlicher Weinberg wuchs aus dem Gewölk hinter ihr hervor, ein sanftes und durchdringendes Licht erhellte dieses Paradies; indessen hörte ich nur ihre Stimme, aber ich fühlte mich in eine entzückende Trunkenheit getaucht. — Kurze Zeit darauf erwachte ich und sagte zu Georg: »Laß uns ausgehen!« Während wir den Pont des Arts überschritten, erklärte ich ihm die Seelenwanderung und sagte zu ihm: »Es kommt mir vor, als hätte ich heute abend die Seele Napoleons in mir, die mich begeistert und mir große Dinge befiehlt.« —In der Rue du Coq kaufte ich einen Hut und während Georg das Kleingeld erhielt auf das Goldstück, das ich auf den Ladentisch geworfen hatte, setzte ich meinen Weg fort und gelangte nach den Galerien des Palais Royal.
Da schien es mir, als ob jedermann mich ansähe. Eine beharrliche Idee hatte sich in meinem Geiste festgesetzt, nämlich, daß es keine Toten mehr gebe; ich durchlief die Galerie de Foy und sagte: »Ich habe einen Fehler begangen«; und als ich mein Gedächtnis, welches ich für das Napoleons hielt, frug, konnte ich nicht dahinter kommen, was für einen. »Irgend etwas habe ich hier nicht bezahlt!« in diesem Gedanken betrat ich das Café de Foy und glaubte in einem der Stammgäste den Vater Bertin von den »Débats« zu erkennen. Dann durchschritt ich den Garten, wobei ich den Rundtänzen der kleinen Mädchen einiges Interesse schenkte. Von da verließ ich die Galerien und richtete meine Schritte nach der Rue St. Honoré. Ich trat in einen Laden, um eine Zigarre zu kaufen, und als ich hinaustrat, war die Menge so dicht, daß ich fast erdrückt worden wäre. Zwei meiner Freunde befreiten mich, indem sie für mich bürgten, und ließen mich in ein Kaffeehaus eintreten, während einer von ihnen eine Droschke holte. Man brachte mich zum Charitéhospital.
Während der Nacht nahm das Delirium zu, besonders am Morgen, als ich bemerkte, daß ich angebunden war. Es gelang mir, mich von der Zwangsjacke zu befreien, und gegen Morgen ging ich in den Sälen herum. Der Gedanke, daß ich einem Gott gleich geworden sei, und die Kraft zu heilen besäße, ließ mich einigen Kranken die Hände auflegen; dann trat ich auf ein Standbild der heiligen Jungfrau zu, der ich den Kranz von künstlichen Blumen abnahm, um die Macht, die ich zu besitzen glaubte, noch zu unterstützen. Ich ging mit großen Schritten, wobei ich mit Lebhaftigkeit über die Unwissenheit der Menschen sprach, die glaubten, mit der Wissenschaft allein heilen zu können, und als ich auf dem Tische ein Fläschchen mit Äther sah, verschlang ich seinen Inhalt mit einem Schluck. Ein Assistenzarzt, dessen Gesicht ich mit dem der Engel verglich, wollte mich aufhalten, aber die nervöse Kraft unterstützte mich und bereit ihn niederzuwerfen blieb ich stehen und sagte ihm, er verstehe nicht was meine Mission sei. Dann kamen Ärzte und ich setzte meine Rede über die Ohnmacht ihrer Kunst fort. Hierauf ging ich die Treppe hinunter, obwohl ich keine Fußbekleidung hatte. Als ich an einem Blumengarten angelangt war, ging ich hinein und pflückte Blumen, wobei ich auf dem Rasen herumging.
Einer meiner Freunde war zurückgekommen, um mich zu holen. Da verließ ich den Blumengarten und während ich mit ihm sprach, warf man mir eine Zwangsjacke über die Schultern, dann ließ man mich in eine Droschke steigen und brachte mich in eine Irrenanstalt außerhalb von Paris. Ich verstand als ich mich unter den Irrsinnigen sah, daß alles bisher für mich nur Einbildung gewesen war. Übrigens schien es mir, daß die Versprechungen, die ich der Göttin Isis zuschrieb, sich durch eine Reihe von Prüfungen verwirklichten, die ich zu ertragen bestimmt war. Ich nahm sie also mit Ergebung hin.
Der Teil des Gebäudes, in dem ich mich befand, ging auf eine weite, von Nußbäumen beschattete Wandelbahn. In einer Ecke befand sich ein kleiner Erdhügel, wo einer der Gefangenen den ganzen Tag im Kreis herumging. Andere beschränkten sich wie ich, auf dem Erdwall oder der Terrasse auf und ab zu gehen, die von einer Rasenböschung begrenzt wurde. Auf einer Mauer, die nach Sonnenuntergang lag, waren Figuren gezeichnet, deren eine die Form des Mondes mit geometrisch gezeichneten Augen und Mund darstellte; über dieses Gesicht hatte man eine Art Maske gemalt; die Mauer zur Linken stellte verschiedene Profilzeichnungen vor, worunter eine einer Art japanischer Gottheit glich. Etwas weiter war ein Totenkopf in den Gips modelliert. An der gegenüberliegenden Seite waren zwei Quadersteine von einem der Gäste des Gartens behauen worden und stellten kleine, ganz gut getroffene Fratzen dar. Zwei Türen führten in die Keller und ich bildete mir ein, daß das unterirdische Gänge seien, die denen gleichen, die ich am Eingang der Pyramiden gesehen hatte.
VI.
ZUERST stellte ich mir vor, daß die in diesem Garten versammelten Personen alle irgend einen Einfluß auf die Gestirne hätten, und daß der, welcher sich unaufhörlich in demselben Kreise drehte, dadurch den Gang der Sonne regulierte. Ein Greis, den man zu gewissen Tageszeiten herführte und der Knoten machte, wenn er seine Taschenuhr konsultierte, schien mir damit betraut zu sein, den Gang der Stunden festzustellen. Mir selbst schrieb ich einen Einfluß auf den Lauf des Mondes zu und ich glaubte, dieses Gestirn habe einen Blitzstrahl des Allmächtigen empfangen, der auf sein Antlitz die Maske geprägt habe, die ich bemerkt hatte.
Ich legte den Unterhaltungen der Wärter und denen meiner Genossen einen mystischen Sinn unter. Sie schienen mir die Repräsentanten aller Rassen der Erde zu sein und ich glaubte, daß wir dazu da seien, die Bahnen der Gestirne aufs neue festzusetzen und dem System eine größere Entwicklung zu geben. Meiner Meinung nach hatte sich ein Irrtum bei der Hauptzusammenstellung der Zahlen eingeschlichen, und davon leitete ich alle Übel der Menschheit ab. Ich glaubte noch, daß die himmlischen Geister menschliche Formen angenommen hätten und dieser Generalversammlung beiwohnten, obwohl sie von gemeinen Sorgen eingenommen schienen. Meine Rolle schien mir zu sein, die Harmonie des Weltalls durch kabbalistische Kunst wiederherzustellen und eine Lösung zu suchen, indem ich die okkulten Kräfte der verschiedenen Religionen heraufbeschwor. Außer der Wandelbahn hatten wir noch einen Saal, dessen senkrecht vergitterte Fenster ins Grüne hinausgingen. Wenn ich hinter diesen Scheiben die Linie der äußern Baulichkeiten ansah, gewahrte ich, wie sich die Fassade und die Fenster in tausend mit Arabesken geschmückte Pavillons zerteilten; darüber erhoben sich Ausschnitte und Spitzen, die mir die kaiserlichen Kioske, die den Bosporus umgeben, ins Gedächtnis riefen. Das führte natürlich meinen Geist zur Beschäftigung mit dem Orient. Gegen zwei Uhr brachte man mich ins Bad und ich glaubte mich von den Walküren, den Töchtern Odins bedient, die mich zur Unsterblichkeit erheben wollten, indem sie nach und nach meinen Körper von allem Unreinen befreiten.
Abends ging ich heiter im Mondschein spazieren, und wenn ich meine Augen zu den Bäumen erhob, schienen sich die Blätter eigenartig zu rollen, so daß sie Bilder von Kavalieren und Damen bildeten, die von aufgeputzten Pferden getragen wurden. Das waren für mich die triumphierenden Gestalten der Ahnen. Dieser Gedanke leitete mich zu dem andern, daß eine ausgedehnte Verschwörung unter allen Lebewesen bestand, um die Welt in ihrer ersten Harmonie wieder herzustellen, daß die Verbindungen durch den Magnetismus der Gestirne stattfanden, daß eine ununterbrochene Kette die mit jener allgemeinen Verbindung beschäftigten Intelligenzen rings um die Erde verband und daß die magnetisierten Gesänge, Tänze und Blicke nach und nach dasselbe Streben übertrugen. Der Mond war für mich der Zufluchtsort der verbrüderten Seelen, die von ihren sterblichen Körpern befreit freier an der Wieederherstellung des Weltalls arbeiteten.
Für mich schien die Zeit eines jeden Tages schon um zwei Stunden zugenommen zu haben, so daß ich, wenn ich zu den durch die Uhren des Hauses festgesetzten Stunden aufstand, mich nur im Reich der Schatten bewegte. Die Genossen, die mich umgaben, schienen mir eingeschlafen und dem Anblick des Tartarus zu gleichen bis zur Stunde, wo für mich die Sonne aufging. Dann begrüßte ich dieses Gestirn durch ein Gebet und mein wirkliches Leben begann.
Von dem Augenblick an, wo ich mich soweit vergewissert hatte, daß ich den Prüfungen der heiligen Einweihung unterworfen war, empfing mein Geist eine unbezwingliche Kraft. Ich hielt mich für einen Helden, der unter dem Blick der Götter lebt; alles in der Natur gewann ein neues Ansehen und geheime Stimmen kamen aus der Pflanze, dem Baum, den Tieren, den geringsten Insekten, um mich zu benachrichtigen und zu ermutigen. Die Sprache meiner Gefährten hatte geheimnisvolle Wendungen, deren Sinn ich verstand, Gegenstände ohne Form und ohne Leben fügten sich von selbst den Berechnungen meines Geistes ein; — aus der Zusammenstellung von Kieselsteinen, den Figuren von Winkeln, Spalten und Öffnungen, den Schnittlinien von Blättern, aus Farben, Düften und Tönen sah ich bis dahin unbekannte Harmonien hervorgehen. »Wie«, sagte ich mir, »habe ich nur so lange außerhalb der Natur bestehen können und ohne mich mit ihr zu identifizieren? Alles lebt, alles handelt, alles steht in Beziehung; die magnetischen Strahlen, die von mir oder von andern ausgehen, überschreiten ohne Hindernis die unendliche Kette der geschaffenen Dinge; ein durchsichtiges Netz bedeckt die Welt, dessen gelockerte Fäden sich von Ort zu Ort den Planeten und den Sternen mitteilen. Ich bin für den Augenblick an die Erde gefesselt und unterhalte mich mit dem Chor der Gestirne, die an meinen Freuden und Schmerzen teilnehmen!«
Sofort zitterte ich, wenn ich bedachte, daß selbst dieses Mysterium belauert werden könnte. — »Wenn die Elektrizität,« sagte ich mir, »die der Magnetismus der physischen Körper ist, einer Leitung unterworfen sein kann, die ihr Gesetze auferlegt, so können noch viel mehr die feindlichen und tyrannischen Geister die Intelligenzen unterjochen und sich ihrer geteilten Kräfte zum Zweck der Herrschaft bedienen. So sind die alten Götter besiegt und durch die neuen Götter geknechtet worden. So«, sagte ich mir weiter indem ich meine Erinnerungen an die alte Welt zu Rate zog, »haben die Nekromanten ganze Völker beherrscht, deren unter ihrem ewigen Zepter gefesselte Geschlechter einander folgten. O Unglück! Selbst der Tod kann sie nicht befreien, denn wir leben wieder in unsern Söhnen, wie wir in unsern Vätern gelebt haben, — und die unerbittliche Wissenschaft unsrer Feinde weiß uns überall zu erkennen. Die Stunde unsrer Geburt, der Punkt der Erde an dem wir erscheinen, die erste Bewegung, der Name, das Zimmer, — und all jene Weihen und all jene Gebräuche, die man uns auferlegt, alles das stellt eine glückliche oder verhängnisvolle Reihenfolge dar, von der die ganze Zukunft abhängt. Aber wenn das schon nach menschlicher Berechnung fürchterlich ist, verstehe man was das sein muß, wenn es an die geheimnisvollen Formeln anknüpft, auf denen die Ordnung der Welten beruht! Man hat richtig gesagt: Nichts ist gleichgültig, nichts ist ohnmächtig im Weltall; ein Atom kann alles auflösen, ein Atom kann alles retten!
O Entsetzen! Das ist der ewige Unterschied zwischen Gut und Böse! Ist meine Seele das unzerstörbare Molekül, die Blase, die ein bißchen Luft aufbläht, aber die ihren Platz in der Natur wiederfindet, oder die Leere selbst, ein Bild des Nichts, das in der Unendlichkeit verschwindet? Wäre sie ferner das unglückselige Teilchen, das bestimmt ist unter all seinen Verwandlungen der Rache der mächtigen Wesen zu unterliegen? So sah ich mich dahin gebracht, von mir Rechenschaft für mein Leben und selbst für meine früheren Existenzen zu fordern. Indem ich mir bewies, daß ich gut sei, bewies ich mir, daß ich es stets gewesen sein müsse. Und wenn ich schlecht gewesen bin, sollte da nicht mein gegenwärtiges Leben eine genügende Sühne sein? Dieser Gedanke beruhigte mich, aber nahm mir nicht die Angst, für immer unter die Unglücklichen eingereiht zu werden. Ich fühlte mich in kaltes Wasser getaucht, und ein noch kälteres Wasser rieselte über meine Stirn. Ich lenkte meinen Gedanken wieder zur ewigen Isis, zur Mutter und heiligen Gattin. All mein Streben, all meine Gebete vereinigten sich in diesem zauberhaften Namen, ich fühlte mich in ihr wieder aufleben und bisweilen erschien sie mir unter der Gestalt der antiken Venus, bald auch unter den Zügen der christlichen Jungfrau. Die Nacht brachte mir diese geliebte Erscheinung deutlicher und trotzdem sagte ich mir: Was kann sie, die besiegt und vielleicht unterdrückt ist, für ihre armen Kinder tun? Die bleiche und zerrissene Mondsichel wurde jeden Abend schmäler und würde bald verschwinden; vielleicht sollten wir sie nicht am Himmel wiedersehen! Indessen schien es mir, als sei dieses Gestirn die Zuflucht aller meiner Schwesterseelen und ich sah es von klagenden Schatten bewohnt, die bestimmt waren, dereinst auf der Erde wiedergeboren zu werden . . . . Mein Zimmer ist am äußersten Ende eines Ganges, der auf der einen Seite von den Verrückten bewohnt ist, auf der andern von den Bediensteten des Hauses. Es hat allein den Vorteil eines Fensters, das auf der Hofseite durchgebrochen ist; der Hof ist mit Bäumen bepflanzt und dient tagsüber als Spazierplatz. Meine Blicke heften sich mit Vergnügen auf einen buschigen Nußbaum und auf zwei chinesische Maulbeerbäume. Darüber gewahrt man undeutlich zwischen den grün bemalten Gittern eine ziemlich belebte Straße. Gegen Sonnenuntergang erweitert sich der Horizont; es ist wie ein Dorf mit Fenstern, die mit Grün bekleidet oder mit Vogelkäfigen oder Lumpen zum Trocknen behängt sind, und wo man von Zeit zu Zeit das Profil einer jungen oder alten Hausfrau oder irgendeinen rosigen Kinderkopf hervorlugen sieht. Man schreit, singt, bricht in Lachen aus; es ist froh oder traurig zum Anhören, je nach den Stunden und den Eindrücken.
Ich habe hier alle Trümmer meiner verschiedenen Vermögen gefunden, die verworrenen Reste mehrerer verstreuten oder seit zwanzig Jahren wiederverkauften Mobiliare. Es ist eine Trödlerstube wie die des Doktor Faust. Ein antiker dreifüßiger Tisch mit Adlerköpfen, eine von einer geflügelten Sphynx gehaltene Konsole, eine Kommode aus dem siebzehnten Jahrhundert, eine Bibliothek des achtzehnten, ein Bett aus derselben Zeit, dessen ovaler Himmel, den man aber nicht aufrichten kann, mit blauen und roten Stoffen bekleidet ist; ein bäurisches Gestell, auf dem meist ziemlich stark beschädigte Fayencen und Gegenstände aus Sèvresporzellan stehen; eine aus Konstantinopel mitgebrachte Wasserpfeife, einen großen Becher aus Alabaster, ein Kristallgefäß; Wandfüllungen aus Holz, die vom Abbruch eines alten Hauses herrührten, das ich auf dem Louvreplatz bewohnt hatte und die mit mythologischen Malereien von der Hand heute berühmter Freunde bedeckt waren; zwei große Gemälde im Geschmacke Prudhons, die die Musen der Geschichte und der Schauspielkunst darstellten. Mehrere Tage lang hat es mir Spaß gemacht, all das zu ordnen und in der engen Mansarde eine bizarre Zusammenstellung zu schaffen, die etwas vom Palast und etwas von der Hütte hat und einen ziemlich guten Auszug meines unsteten Lebens gibt. Über meinem Bett habe ich meine arabischen Kleider aufgehängt, meine zwei sorgsam ausgebesserten Kaschmirschals, eine Pilgerflasche, einen ungeheuren Plan von Kairo; eine Konsole aus Bambus steht zu Kopfende meines Bettes und trägt eine indische Lackplatte, auf der ich meine Toilettegegenstände ordnen kann. Ich habe mit Freude diese bescheidenen Reste meiner abwechselnd im Wohlleben und im Elend verbrachten Jahre wiedergefunden, an die sich alle Erinnerungen meines Lebens knüpften. Man hatte nur ein kleines Gemälde auf Kupfer im Geschmack Correggios auf die Seite gelegt, das Venus und Amor darstellte, Wandspiegel mit Jägerinnen und Satyrn und einen Pfeil, den ich zum Andenken an die Gesellschaften beim Valoisbogen aufbewahrt hatte; die Waffen waren nach den neuen Gesetzen verkauft worden. Im ganzen fand ich alles wieder, was ich zuletzt besessen hatte. Meine Bücher bildeten eine bizarre Anhäufung der Wissenschaft aller Zeiten, Geschichte, Reisen, Religion, Kabbala, Astrologie; sie hätten den Schatten Picos de la Mirandola, des weisen Meursius und Nikolas’ de Cusa Freude gemacht, — der Turm zu Babel in zweihundert Bänden; — alles das hatte man mir gelassen! Es war genug, um einen Weisen närrisch zu machen; hoffentlich auch genug, um einen Narren weise zu machen!
Mit welchem Entzücken habe ich in meinen Schubladen den Haufen meiner Aufzeichnungen und intimen und öffentlichen, alltäglichen und glänzenden Briefwechsel ordnen können; sie waren gewöhnlich oder bedeutend, wie es der Zufall der Begegnungen oder der entfernten Länder, die ich bereist habe, mit sich brachte. In Rollen, die besser verwahrt sind als die andern, finde ich arabische Briefe, Reliquien aus Kairo und Stambul wieder.
O Glück! O tödliche Traurigkeit! Diese vergilbten Buchstaben, diese verwischten Entwürfe, diese halbzerknitterten Briefe, das ist der Schatz meiner einzigen Liebe. Lesen wir sie wieder! Viele Briefe fehlen, viele andere sind zerrissen oder unleserlich gemacht! — — —
VII.
EINES Nachts sprach und sang ich in einer Art Ekstase. Einer der Bediensteten des Hauses holte mich in meiner Zelle und ließ mich in ein Parterrezimmer hinuntergehen, wo er mich einschloß. Ich setzte meinen Traum fort und obwohl ich aufrecht stand, glaubte ich mich in einer Art orientalischen Kiosks eingeschlossen. Ich untersuchte alle Winkel und erkannte, daß er achteckig war. Ein Diwan beherrschte die ganzen Wände; diese schienen mir aus dickem Spiegelglas geformt, jenseits deren ich Schätze, Schals und Stickereien glänzen sah. Eine vom Mond erhellte Landschaft erschien mir durch das Türgitter und ich glaubte die Formen von Baumstümpfen und Felsen zu erkennen. Ich hatte dort schon in irgendeiner andern Existenz geweilt und glaubte die tiefen Grotten von Ellorah zu erkennen. Nach und nach drang bläuliches Tageslicht in den Kiosk und ließ bizarre Bilder zutage treten. Ich glaubte mich nun mitten in einem ungeheuren Fleischhaufen zu befinden, wo die Weltgeschichte in blutigen Zügen niedergeschrieben war. Der Körper einer riesenhaften Frau war mir gegenüber gemalt, nur waren ihre verschiedenen Teile wie von einem Säbel zerschnitten. Andre Frauen verschiedener Rassen, deren Körper nacheinander vorherrschten, stellten auf den andern Mauern eine blutigen Wirrwarr von Gliedern und Köpfen dar, von den Kaiserinnen und Königinnen bis herab zur bescheidenen Bäuerin. Das war die Geschichte aller Verbrechen und es genügte, die Augen auf diesen oder jenen Punkt zu heften, um dort einen tragischen Vorgang sich abspielen zu sehen. — Das ist es nun, sagte ich mir, was die den Menschen verliehene Gewalt hervorgebracht hat. Sie haben den ewigen Typus der Schönheit nach und nach so gut zerstört und in tausend Stücke geschnitten, daß die Rassen immer mehr an Kraft und Vollkommenheit verlieren. Und ich sah wirklich auf einer Schattenlinie, die sich durch eine der Spalten der Tür einschlich, die absteigenden Generationen der Zukunftsrassen.
Endlich wurde ich dieser düstern Betrachtung entrissen. Das gute und mitfühlende Gesicht meines vortrefflichen Arztes gab mich der Welt des Lebendigen zurück. Er ließ mich einem Schauspiel beiwohnen, das mich lebhaft interessierte. Unter den Kranken befand sich ein junger Mann, ein alter Soldat aus Afrika, der sich seit sechs Wochen weigerte Nahrung aufzunehmen. Vermittels eines langen Kautschukschlauchs, den man in ein Nasenloch einführte, ließ man ihm eine genügende Menge Gries und Schokolade in den Magen rinnen.
Dieses Schauspiel machte mir lebhaften Eindruck. Bis dahin war ich dem einförmigen Kreislauf meiner Erregungen und meiner moralischen Leiden überlassen gewesen, da begegnete mir ein unbeschreibliches, schweigsames und geduldiges Wesen, das wie eine Sphynx an den äußersten Toren des Lebens saß. Ich fing an, es wegen seines Unglücks und seiner Verlassenheit zu lieben, und ich fühlte mich durch diese Zuneigung und dieses Mitleid gehoben. Es schien mir so zwischen das Leben und den Tod gestellt wie ein erhabener Dolmetscher, wie ein Beichtvater, der dazu bestimmt ist jene Geheimnisse der Seele zu hören, die das Wort nicht zu übermitteln wagte noch vermöchte. Es war das Ohr Gottes ohne die Beimischung des Gedankens eines andern. Ich verbrachte ganze Stunden damit, mich im Geist zu prüfen, wobei ich mein Haupt auf das seine neigte und ihn bei der Hand hielt. Es kam mir vor als vereinte ein gewisser Magnetismus unsre beiden Geister und ich war entzückt, als zum erstenmal ein Wort aus seinem Mund kam. Man wollte nichts davon glauben und ich schrieb meinem glühenden Wunsch diesen Beginn der Heilung zu. In dieser Nacht hatte ich einen köstlichen Traum, den ersten seit recht langer Zeit.
Ich war in einem Turm, der so tief in der Erde steckte und so hoch in den Himmel ragte, daß mein ganzes Leben mit Hinauf- und Hinabsteigen ausgefüllt schien. Schon waren meine Kräfte erschöpft und der Mut begann mich zu verlassen, als sich eine Seitentür öffnet. Ein Geist tritt hervor und sagt zu mir: »Komm, Bruder! . . . .« Ich weiß nicht, wie es mir in den Sinn kam, daß er Saturnin hieß. Er hatte die Züge des armen Kranken, aber verklärt und wissend. Wir waren auf einem sternerhellten Felde; wir blieben stehen und betrachteten das himmlische Schauspiel und der Geist legte seine Hand auf meine Stirn, wie ich es am Abend vorher gemacht hatte, als ich meinen Gefährten zu magnetisieren versuchte; sogleich fing einer der Sterne des Himmels zu wachsen an, und die Gottheit meiner Träume erschien mir lächelnd in einem fast indischen Gewand, so wie ich sie früher gesehen hatte. Sie schritt zwischen uns beiden und die Wiesen ergrünten, die Blüten und Blätter erhoben sich von der Erde auf der Spur ihrer Schritte . . . . Sie sprach zu mir: »Die Prüfung, der du unterworfen warst, ist zu Ende; diese zahllosen Stufen, bei deren Erklimmen und Hinabsteigen du dich ermüdetest, waren die Bande der alten Einbildungen selbst, die deine Gedanken verwirrten und jetzt erinnere dich des Tags, wo du die heilige Jungfrau angefleht hast und da du sie tot glaubtest, sich das Delirium deines Geistes bemächtigt hat. Es war nötig, daß ihr dein Wunsch von einer einfachen von der Erde losgelösten Seele überbracht wurde. Diese hat sich in deiner Nähe gefunden und darum ist es mir selbst erlaubt zu kommen und dir Mut zuzusprechen.« Die Freude, die dieser Traum in meinem Geist verbreitete, verschaffte mir ein köstliches Erwachen. Der Tag begann anzubrechen. Ich wollte ein greifbares Zeichen der Erscheinung haben, die mich getröstet hatte und ich schrieb diese Worte auf die Mauer: »Du hast mich in dieser Nacht besucht.« Ich verzeichne hier unter dem Titel
DENKWÜRDIGKEITEN
die Eindrücke mehrerer Träume, die dem folgten, den ich eben mitgeteilt habe. — — —
Auf einer schlanken Bergspitze der Auvergne ist der Hirtengesang verklungen: ARME MARIA! Königin der Himmel! An dich wendet sich ihre Frömmigkeit. Diese ländliche Melodie ist zum Ohr der Korybanten gedrungen. Sie treten selbst singend aus den geheimen Grotten, wo die Liebe ihnen Obdach gewährte. — Hosianna! Friede auf Erden und Ruhm in den Himmeln! — Auf den Bergen des Hymalaia ist eine kleine Blume erblüht. — Vergiß mein nicht! — Der kosende Blick eines Sternes hat einen Augenblick auf ihr geruht und eine Stimme ließ sich in einer süßen, fremden Sprache vernehmen: MYOSOTIS! —
Eine silberne Perle leuchtete im Sand; eine goldene Perle strahlte am Himmel . . . . Die Welt war geschaffen. Keusche Liebe, göttliche Seufzer! Entflammt den heiligen Berg! . . . Denn ihr habt Brüder in den Tälern und schüchterne Schwestern, die sich im Schoß der Wälder verbergen!
Duftende Gebüsche von Paphos! Was seid ihr gegen diese Zufluchtsorte, wo man mit vollen Lungen die belebende Luft des Vaterlandes atmet? — Da oben auf den Bergen lebt die Welt zufrieden; die wilde Nachtigall verbreitet Zufriedenheit.
O wie schön ist doch meine große Freundin! Sie ist so groß, daß sie der Welt verzeiht und so gut, daß sie mir verziehen hat. Neulich nachts schlief sie in irgendeinem Palast und ich konnte sie nicht erreichen. Mein Schweißfuchs entwand sich meinem Befehl. Die zerrissenen Zügel hingen über der in Schweiß gebadeten Kruppe und es bedurfte großer Anstrengungen, um ihn zu verhindern, daß er sich zu Boden legte.
Heute nacht ist mir der gute Saturnin zu Hilfe gekommen und meine große Freundin hat an meiner Seite auf ihrer weißen, silbern aufgezäumten Stute Platz genommen. Sie sagte zu mir: »Mut, Bruder, denn das ist die letzte Stufe!« Und ihre großen Augen verschlangen den Raum und sie ließ in der Luft ihr langes Haar wehen, das mit den Düften Jemens getränkt war.
Ich erkannte die göttlichen Züge von ***. Wir flogen im Triumph und die Feinde waren zu unsern Füßen. Der Wiedehopf geleitete uns als Bote bis in den höchsten Himmel und der Bogen des Lichts barst in den göttlichen Händen Apolls. Adonis Zauberhorn klang durch die Wälder.
O Tod, wo ist dein Sieg? Da doch der triumphierende Messias zwischen uns beiden ritt? Ihr Kleid war aus schwefligem Hyazinth und ihre Handgelenke sowie die Knöchel ihrer Füße blitzten von Diamanten und Rubinen. Wenn ihre leichte Reitgerte das Perlmuttertor des Neuen Jerusalem berührte, waren wir alle drei in Licht getaucht. Dann bin ich unter die Menschen gegangen, um ihnen die frohe Botschaft zu verkünden.
Ich erwache aus einem süßen Traum. Ich habe die gesehen, die ich verklärt und strahlend geliebt habe. Der Himmel hat sich in all seiner Pracht geöffnet und ich habe darin das Wort VERGEBUNG gelesen, das mit dem Blute Jesu Christi geschrieben war.
Ein Stern erglänzte plötzlich und enthüllte mir das Geheimnis der Welt der Welten. Hosianna! Friede auf Erden und Ehre den Himmeln!
Aus dem Schoß der stummen Finsternis sind zwei Töne erklungen, ein getragener und ein schriller, und sogleich begann der ewige Kreislauf. Sei gesegnet, o erste Oktave, mit der die göttliche Hymne anhub. Von Sonntag zu Sonntag flichst du alle Tage in dein Zaubernetz! Die Berge lobpreisen dich den Tälern, die Quellen den Bächen, die Bäche den Strömen; die Ströme dem Ozean. Die Luft zittert und das Licht küßt wohlklingend die sprießenden Blumen.
Ein Seufzer, ein Liebesschauer steigt aus dem geschwellten Schoß der Erde und der Chor der Gestirne entfaltet sich in die Unendlichkeit; er entfernt sich und kommt wiederum zurück, verdichtet sich und entfaltet sich wieder und sät die Keime zu neuen Schöpfungen ins Weite.
Auf dem Gipfel eines bläulichen Berges ist eine kleine Blume erblüht. — Vergiß mein nicht! — Der kosende Blick eines Sternes hat sich einen Augenblick darauf geheftet und eine Antwort ließ sich in einer süßen, fremden Sprache vernehmen: MYOSOTIS!
Unheil über dich, Gott des Nordens! Der du mit einem Hammerschlag die aus den sieben köstlichsten Metallen gefügte heilige Tafel zertrümmertest! Denn du hast die »ROSENFARBENE PERLE«, die in ihrer Mitte ruhte, nicht zerbrechen können. Sie ist unter dem Eisen wieder aufgesprungen, — und wir haben uns für sie bewaffnet . . . . Hosianna!
Der Makrokosmos, oder die große Welt, ist durch kabbalistische Kunst erbaut worden; der Mikrokosmos, oder die kleine Welt, ist sein in aller Welt zurückgestrahltes Bild. Die »ROSENFARBENE PERLE« ist mit dem königlichen Blut der Walküren gefärbt worden. Unheil über dich, schmiedender Gott, der eine Welt zertrümmern wollte! Indessen ist die Vergebung Christi auch für dich verkündet worden!
Sei also selbst du gesegnet, o Thor, du Riese — du mächtigster unter Odins Söhnen! Sei gesegnet in Hela, deiner Mutter, denn oft ist der Tod süß, — und in deinem Bruder Loki und in deinem Hund Garnur.
Selbst die Schlange, welche die Welt umgibt, ist gesegnet, denn ihre Ringe erschlaffen und ihr gähnender Rachen atmet die Blume Anxoka, die Schwefelblume, die strahlende Blume der Sonne!
Gott schütze den göttlichen Baldur, den Sohn Odins und Freya, die schöne!
VIII.
ICH befand mich IM GEIST in Saardam, das ich im vergangenen Jahr besucht habe. Schnee bedeckt die Erde. Ein ganz kleines Mädchen ging schleifend über die harte Erde und richtete seine Schritte glaube ich nach dem Haus Peters des Großen. Ihr majestätisches Profil hatte etwas Bourbonisches. Ihr Hals von strahlender Weiße ragte zur Hälfte aus einem Schwanenpelzkragen. Mit ihrer kleinen rosigen Hand schützte sie eine angezündete Lampe vor dem Wind und wollte an der grünen Haustür klopfen, als eine magere Katze daraus hervorkam, sich in ihre Beine verwickelte und sie zum Fallen brachte. — »Schau, es ist nur eine Katze!« sagte das kleine Mädchen und stand wieder auf. — »Eine Katze, das ist auch etwas!« antwortete eine sanfte Stimme. Ich wohnte dieser Szene bei und trug auf meinem Arm eine kleine graue Katze, die zu miauen anfing. »Sie ist das Kind dieser alten Fee!« sagte das kleine Mädchen. Und sie trat in das Haus.