Jetzt sah man auf einmal ein, daß in D. auf landwirtschaftlichem Gebiet viel mehr zu machen war, als man früher annahm. Mancher, der vielleicht schon seit mehreren Jahren gewöhnt war, seinen Verdienst auswärts zu suchen und noch vor kurzer Zeit gewiß steif und fest behauptet hatte, daß es in D. einfach unmöglich sei, so viel zu verdienen, um anständig leben zu können, fing an ernstlich zu erwägen, ob es vielleicht nicht besser sei, zu Hause zu bleiben und nach irgend einer Richtung hin sich mit der Landwirtschaft abzugeben.
Weil man jetzt anfing, intensiver zu wirtschaften, den alten Schlendrian beiseite zu lassen und nach vollständig neuen Gesichtspunkten zu handeln, so mußten allerlei Verbesserungen die notwendige Folge sein. Die Feldwege wurden verbessert und neue angelegt, durch Kauf und Austausch suchte man die Güter zu arrondieren, und der allgemeine Weidgang wurde abgeschafft.
Freilich lief das alles nicht so glatt ab, und gegen manche Neuerung wurde heftig Opposition gemacht; aber als dann alles glücklich durchgeführt war, sah man allgemein den Nutzen ein. Man fühlte auch das Bedürfnis nach Belehrung in den verschiedenen landwirtschaftlichen Fragen. Es wurde deshalb ein landwirtschaftlicher Lokalverein gegründet, der namentlich im Winter eine regsame Tätigkeit entwickelte. Vorträge und Kurse über die verschiedensten Zweige der Landwirtschaft wurden abgehalten und die Wanderlehrer waren häufige Gäste in D. Zwei Jünglinge besuchten die landwirtschaftliche Schule. Einer war der jüngere Sohn Martins – der ältere war wie sein Vater Zimmermann geworden.
Alle die Veränderungen, die in den letzten Jahren in D. vor sich gegangen waren, wirkten auch günstig auf die moralischen Verhältnisse ein, und wer heute durch die Ortschaft wandert, erhält einen ganz andern Eindruck als früher. Die sauber gehaltenen Gärten, die gesunden, kraftstrotzenden Obstbäume, die blühenden Topfgewächse geben dem Dorf ein freundlicheres Ansehen. Die Männer haben die schweren Arbeiten längst den Frauen abgenommen. Infolgedessen sind sie so beschäftigt, daß sie nicht mehr Zeit haben, alle Tage ins Wirtshaus zu gehen, und geschieht es hie und da, so haben sie auch dort besseres zu tun als Karten zu spielen; denn es gibt öffentliche Angelegenheiten zu besprechen, über wichtige Projekte und Tagesfragen zu verhandeln etc. Die häuslichen Verhältnisse sind angenehmere geworden, und der veredelnde Einfluß eines glücklichen Familienverbandes macht sich immer mehr geltend. Die Auswanderung hat zwar nicht ganz aufgehört, aber sie beschränkt sich auf das richtige Maß. Dafür hat sich ein Stand von tüchtigen Professionisten am Orte gebildet, und die verschiedensten Handwerker aus D. sind auch in den benachbarten Dörfern geschätzt und geachtet.
Der alte Pfarrer, der noch immer in der Gemeinde amtiert, hat seine helle Freude an den Veränderungen, die in seiner Pfarrei vorgehen, und er behauptet steif und fest, daß man das alles nur dem gutem Beispiel der Müllerschen Familie zu verdanken habe, und namentlich die Blumenliese habe den deutlichen Beweis geleistet, wie sehr es auch heutzutage noch auf die Tüchtigkeit einer Frau ankomme. Man dürfe daher nicht außer acht lassen, die heranwachsenden Mädchen auf ihren zukünftigen Beruf vorzubereiten und sie vor allem zu guten Hausfrauen und pflichtgetreuen Müttern zu erziehen.
Martin meint zwar, der Pfarrer übertreibe mit seinem Lob, er und seine Frau hätten sich nicht besonders hervorgetan, sie seien vielmehr stets nur bestrebt gewesen, dafür zu sorgen, daß sie für ihre Verhältnisse möglichst zufrieden und sorgenlos haben leben können. Als ihnen das gelungen, haben es zwar andere nachzumachen gesucht; aber das sei noch lange nicht der Grund zu dem allgemeinen Umschwung gewesen; dieser sei vielmehr bedingt worden durch das Unhaltbare der Zustände, die man gehabt habe. Es habe einsichtige Leute genug gegeben, die Verbesserungen für unabweisbar hielten und sie auch durchführten.
Sei dem nun wie ihm wolle; Tatsache ist, daß die Bewohner von D. mit großer Achtung von der Blumenliese sprechen. Sie ist immer noch die gleiche bescheidene, tüchtige Hausfrau. Auch ihre Liebhaberei für Gartenbau und Blumenzucht hat sie bewahrt, wenigstens kann man sie häufig im Garten hantieren sehen, wenn man durch D. geht.
Auf dem Lindenbühl.
I.
In einem fruchtbaren Tale, durch welches sich ein breiter Fluß windet und dessen beide Flanken hohe Berge bilden, liegt auf einem Schuttkegel sehr malerisch gruppiert das Dörfchen Haldenburg.
Wer von der Landstraße, welche sich mitten durch das Tal, dem Flusse entlang dahinzieht, nach Haldenburg gelangen will, muß in ein Seitensträßchen einbiegen, das in einigen Windungen sich durch üppige Wiesen und wohlgepflegte Baumgärten den Hügel hinaufschlängelt, auf welchem das Dorf liegt.
Noch vor 10 Jahren führte dieser Weg in gerader Richtung, den sogenannten »Haldenburgerstutz« bildend, den Berg hinauf. Rechts und links waren halb zerfallene Mauern, in deren Trümmern hie und da Holunder- und Spitzbeerensträucher wucherten. Der Fußgänger, der die steile Straße hinaufkeuchte, mußte unwillkürlich daran denken, wie beschwerlich es sein müsse, das Heu und andere Produkte, aus den Gütern, die da unten in der Ebene liegen, ins Dorf hinauf zu schaffen. Die Haldenburger aber waren daran gewöhnt; denn seit Menschengedenken war es nicht anders gewesen. Wenn es je einem einfiel, ihnen den Rat zu erteilen, sich durch den Bau einer neuen Straße bequemere Verhältnisse zu schaffen, so wurde er ausgelacht und gefragt, wer da wohl die Kosten zu übernehmen hätte? Ob vielleicht die Gemeinde es tun solle? Die habe sonst schon Schulden übergenug. Die reichen Bauern werden sicher auch nicht in die Tasche greifen wollen; denn wenn eine Last zu schwer sei für ein Pferd, so spannen sie eben zwei an. Die armen Kuhbauern aber würden sich schon gar nicht an einem Straßenbau beteiligen wollen, der andern größeren Nutzen bringen müßte, als ihnen. Man sieht, die guten Haldenburger waren nicht so leicht für Neuerungen zu haben, sie meinten, was von alters her gut gewesen sei, müsse es auch ferner sein.
Dieses starre Festhalten am Althergebrachten machte sich denn in Haldenburg allenthalben geltend, und wer den steilen Stutz überwunden und sich, nachdem er den Schweiß abgetrocknet und ein wenig atemholend einen Blick auf das schöne Landschaftsbild, das sich hier einem darbietet, geworfen, dem Innern des Dorfes zuwandte, fand nicht gerade die einladendsten Zustände.
Die Dorfstraßen waren löcherig und kotig oder staubig, je nach der Jahreszeit oder der Witterung, und namentlich die Umgebung der großen Brunnen, wo das Vieh zur Tränke geführt wurde, war derart, daß man sie in weitem Bogen umgehen mußte, wollte man nicht riskieren, im Moraste stecken zu bleiben. Es fehlten in Haldenburg zwar nicht einige massiv gebaute Bauernhäuser, mit allerlei unnützem Zierrat ausgeschmückt, welche den Reichtum der Besitzer protzig zur Schau stellten; aber auch da vermißte man die saubere Umgebung, welche auf den Fremden so einladend wirkt. Einen geradezu kläglichen Eindruck aber machten die Behausungen und Ställe der ärmeren Bauern. Schiefe Dächer, graue verwitterte Mauern, wackelige Fensterläden und trübe Scheiben, durch welche trübe Gesichter schauten, gaben Zeugnis von der wenig beneidenswerten Lage der Leute, die da hausten.
Gärten sah man wenig und gutgepflegte schon gar keine, statt dessen aber hart an den Straßen verschiedene größere und kleinere Miststöcke, umgeben von den obligaten braunen Pfützen, aus denen sich ganze Schwärme von Mücken und Fliegen erhoben, wenn man sich im Sommer ihnen näherte.
Rümpfte etwa ein Fremder über die Zustände in Haldenburg die Nase, so machte sich niemand etwas daraus; man war überhaupt nicht gut auf die Fremden zu sprechen, und man meinte, es sei das beste, wenn sie wegblieben. Nach diesem Grundsatz behandelte man auch die wenigen ortsansässigen Nichtbürger, die sogenannten Beisässe, denen man zwar großmütig einen guten Teil der Steuern aufbürdete, es ihnen aber furchtbar übel nahm, wenn sie auch einmal in die Gemeindeangelegenheiten hineinreden wollten.
Daraus sieht man schon, daß auch in der Gemeindeverwaltung verschiedenes faul war. Es hatte sich mit der Zeit in Haldenburg ein eigentliches Dorfmagnatentum herausgebildet. Weil die ärmeren Bauern von den reichen abhängig waren, so wurden selbstverständlich nur die letzteren in den Vorstand gewählt, und diese wußten es stets so einzurichten, daß sie dabei in erster Linie auf ihre Rechnung kamen; ein System, das, wenn auch langsam, so doch sicher zum Ruin der Gemeinde führen mußte, wenn nicht eine Aenderung eintrat. Eine solche Aenderung kam und sie war notwendig; denn der allgemeine Kredit hatte schon stark gelitten.
Wer heute Haldenburg betritt, dem bietet sich ein ganz anderes Bild als ehedem. Die Straßen sind sauber und gut im Stande gehalten; die Düngerstätten sind größtenteils hinter die Häuser verlegt worden oder, wo das nicht anging, doch wenigstens mit Mauern umgeben, und die Bauern haben jedenfalls indessen gelernt, die Düngemittel besser zu verwerten, als sie nutzlos auf der Straße zu Grunde gehen zu lassen. Hie und da sind kleinere und größere Hausgärten entstanden, die dem Ort zur Zierde gereichen. An vorher kahlen Wänden sieht man jetzt gut gezogene Spalierbäume, und an manchen Fenstern prangen schön blühende Topfpflanzen. Auch an der kleinsten Hütte sieht man, daß der Wohlstand gestiegen ist. Haldenburg wird jetzt von den Sommergästen als Ausflugspunkt geschätzt, und aus dem gut eingerichteten Gasthaus und dem reichhaltigen Ansichtspostkarten-Sortiment im Schaufenster des Krämerladens schließen wir, daß man heute das Geld sehr zu schätzen weiß, welches diese Fremden ins Dorf bringen.
Woher nun dieser auffallende Umschwung? Die nachfolgende Schilderung soll die verehrten Leser darüber aufklären.
Etwas abseits vom Dorfe liegt auf einem terrassenartigen Vorsprunge des Geländes ein kleineres Bauerngut. Zwischen dem zweistöckigen Wohnhaus, dessen Bauart ein schon hohes Alter verrät, und der gegenüberliegenden Scheune befindet sich ein geräumiger Hof, welcher von den mächtigen Kronen zweier Linden beschattet wird. Diesen majestätischen Bäumen hat das Anwesen seinen Namen »Lindenbühl« zu verdanken.
Wenn heute die blankgeputzten Fensterscheiben, das nett in Ordnung gehaltene Gärtchen und die ganze reinliche Umgebung des Gehöftes auf geordnete Zustände des Besitzers schließen lassen, so war das noch vor wenigen Jahren ganz und gar nicht der Fall. Damals gehörte der Lindenbühl einem Manne, der sich zwar auch Bauer nannte, sich aber in Wahrheit um den Stand seiner Wiesen und Aecker wenig kümmerte. Um der Arbeit besser ausweichen zu können, und um für sein Herumtreiben in den Wirtshäusern und auf den Märkten eine Ausrede zu haben, betrieb er den Viehhandel, der ihm aber häufiger Verlust als Gewinn einbrachte; denn auch beim Handel ist es mit hohlen Redensarten und prahlerischem Wirtshausgeschwätz nicht getan. Gewandtheit und Energie aber gingen ihm ab. So kam er immer mehr zurück, die Schuldenlast, welche auf seinem Heimwesen ruhte, wurde immer größer, und zuletzt kam es so weit, daß ihm alles versteigert wurde, und er mit seiner Familie im Hauszinse wohnen und als Taglöhner seinen Unterhalt verdienen mußte.
Den Lindenbühl erwarb nun ein junger Landwirt, der bisher auf einem größeren Gute eine Verwalterstelle innegehabt hatte, aber schon lange darnach trachtete, ein eigenes Heimwesen zu kaufen, auf dem er nach eigenem Gutdünken schalten und walten könne.
Johannes Wachter, so heißt der jetzige Bauer auf dem Lindenbühl, ist der jüngste Sohn eines sehr vermöglichen Bauern, der einen großen Hof im Kanton Thurgau besitzt.
Weil Johannes sich schon in der Schule durch große Intelligenz und emsigen Fleiß im Lernen auszeichnete, so hätte es sein Vater gerne gesehen, wenn er sich hätte zum Studieren entschließen können. Es hätte dem alten Wachter geschmeichelt, wenn sein Jüngster dereinst Pfarrer, Arzt oder gar Advokat geworden wäre. Johannes wollte indessen davon nichts wissen, und er bat den Vater, ihn nicht in einen Beruf hineinzwingen zu wollen, zu dem er keine Neigung verspüre. »Ich bin bei der Landwirtschaft aufgewachsen,« sagte er, »und möchte auch beim Bauernstand verbleiben. Du hast ja schon oft selbst behauptet, daß ein rechter Bauer auch ein heller Kopf sein müsse; es widerspricht also Deinen eigenen Ansichten, wenn Du mich der Landwirtschaft entfremden willst, nur weil ich zufällig in der Schule etwas weiter voran bin als mancher andere. Schau, solche, die sich dem Studium zuwenden, gibt es schon genug; hingegen wird allenthalben geklagt, daß sich niemand mehr mit der Landwirtschaft abgeben will. Zeige deshalb, daß Du Deinen Beruf hoch hälst, und Deine Söhne das werden lässest, was Du selber bist, nämlich richtige, schlichte Bauern, die zeigen wollen, daß auch heute noch die Scholle ihren Besitzer nährt.«
Vater Wachter war wirklich ein Bauer, der, wie man sagt, mit Leib und Seele an seinem schönen Berufe hing. So konnte er nicht anders als Freude haben an solchen Aeußerungen seines Sohnes, und gerne gab er ihm die Einwilligung, ein Landwirt werden zu dürfen, obwohl er anfänglich der Meinung war, daß es genüge, wenn einer seiner Söhne sich dem Bauernstande widme, um dereinst den Hof übernehmen zu können. Es erfüllte ihn auch stets mit Stolz, daß Franz, sein Aeltester, in dieser Beziehung ganz seinen Wünschen entsprach. Zu Johannes aber sprach er: »Es fällt mir nicht ein, Dich zum Studieren zwingen zu wollen, wenn Du nicht Lust dazu hast, und daß Du gerade so große Neigung verspürst, ein Bauer zu werden, obwohl Dir im ganzen auch die Leiden und Unannehmlichkeiten, die dieser Stand mit sich bringt, bekannt sind, das freut mich; denn es gibt mir den Beweis, daß es Dir ernst ist mit Deiner Wahl. Wenn ich nun endgiltig Deiner Bitte Gehör schenke, so mußt Du mir auch versprechen, daß Du alles daran setzen willst, in allen Teilen ein rechter Bauer zu werden. Die heutige Zeit erfordert für unsern Beruf ganze Männer, die über ein vollgerütteltes Maß von Kenntnissen verfügen und dieselben mit Fleiß und Energie stets am rechten Orte anzuwenden wissen. Werde aber nicht nur ein rechter Bauer, sondern im ganzen ein guter, rechtschaffener Mensch; erfülle stets getreulich Deine Pflichten in der Familie, in der Gemeinde und im Staate. Es ist ein schwerer Irrtum, wenn mancher Bauer glaubt, er habe nur auf sich selbst zu schauen, die Interessen anderer aber gehen ihn nichts an. Manche schöne Ziele der Landwirtschaft lassen sich eben nur gemeinsam erreichen. Zeige deshalb stets einen gemeinnützigen und genossenschaftlichen Sinn und bedenke, daß Du, indem Du andern hilfst, Dir selbst auch Hilfe sicherst. Halte nie mit Erfahrungen und Beobachtungen hinter dem Berg; denn indem Du andere belehrst, arbeitest Du an der Hebung des bäuerlichen Berufes und kommst so selbst auf eine höhere Stufe. Auf politischem Gebiete verfechte stets die Sache der Landwirtschaft und halte treu zu ihrer Fahne; vertraue unsern Führern, sie meinen es gut und wissen, wo die Bauern der Schuh drückt. Mehr will ich Dir heute nicht sagen; es wird noch oft genug Gelegenheit geben, wo Dir meine väterlichen Ermahnungen und Winke nützlich sein können.«
Es wurde nun einstweilen nicht mehr viel über die Sache gesprochen, und Vater und Sohn betrachteten die Angelegenheit als endgiltig beschlossen.
Als Johannes die Realschule seines Heimatortes absolviert hatte, verblieb er vorerst im väterlichen Hause, um unter Anleitung seines Vaters die wichtigsten landwirtschaftlichen Arbeiten gründlich kennen zu lernen. Diese grundlegende Praxis – so meinte Vater Wachter – sei notwendig, um mit Erfolg eine landwirtschaftliche Winterschule besuchen zu können.
»Ich halte nicht viel davon,« sagte er zu Johannes, »wenn Bürschchen, welche den Ernst der Arbeit noch nicht kennen, in solche Schulen eintreten. Auch den eifrigsten und fleißigsten dieser jungen Schüler wird es an dem notwendigen Verständnis für die theoretischen Wissenschaften fehlen, und sie werden nur zu oft geneigt sein, manches für nebensächlich und weniger notwendig zu halten, was doch für eine der heutigen Zeit entsprechende Praxis von großer Wichtigkeit ist. Die theoretische Bildung eines Landwirtes ist heutzutage von so großer Bedeutung, daß man sich ihr mit vollem Eifer widmen muß, und das kann nach meiner Ansicht nur dann geschehen, wenn man den Ernst des Lebens schon kennt. Lerne deshalb erst praktisch arbeiten, und Du wirst sehen, daß Du dann Deine Lehrer viel besser verstehen kannst, weil Du einsiehst, wie wichtig ihre Lehren für Deine spätere Praxis sind.«
Johannes sah ein, daß sein Vater recht hatte. Er gab sich Mühe, alle Arbeiten, die man ihm auftrug, richtig auszuführen und sich Uebung zu verschaffen. Oft genug kam es freilich vor, daß ihm selbst einfache Hantierungen nicht gelingen wollten. Da hieß es dann probieren, bis es ging. Bei solchen Gelegenheiten trat dann oft der Vater hinzu und machte ihn auf diesen oder jenen Vorteil aufmerksam, mit dem die Sache angefaßt werden mußte, und auf dessen Anwendung oft genug das Gelingen beruhte. Der alte Wachter bestand überhaupt darauf, daß alles gründlich gemacht wurde, und duldete auch bei seinen Söhnen nicht, daß sie über Ungenauigkeiten einfach hinweggingen. So sprach er einmal ermahnend zu Johannes:
»Schau, Du mußt Dich von Anfang an schon daran gewöhnen, alles recht zu machen. Halbe Arbeit ist keine Arbeit. Weil Du dieses oder jenes erst lernen mußt, wirst Du längere Zeit dazu gebrauchen; das schadet jedoch nichts, wenn's nur schließlich recht herauskommt. Ein großer Fehler aber wäre es, wenn Du schnell über eine Arbeit hinweg hasten würdest, nur um sie so schnell zu Ende zu führen wie ein geübter Knecht. Der Wert der Arbeit eines Lernenden liegt nicht in der Quantität, sondern in der Qualität. Wer sich das Pfuschen einmal angewöhnt, der bleibt sein Leben lang ein Pfuscher; ein solcher aber taugt in der Landwirtschaft so wenig als in jedem andern Beruf.«
Solche und ähnliche Ermahnungen und Lehren erteilte der Vater seinem Sohne stets, wenn sie miteinander arbeiteten oder am Sonntag einen Spaziergang durch Wald und Flur machten, und der Samen solcher Unterweisungen fiel bei Johannes auf einen fruchtbaren Boden. Er gewöhnte sich unter der väterlichen Leitung daran, über jede Arbeit nachzudenken und nicht nur mechanisch in den Tag hinein zu arbeiten. Wer ihm bei der Arbeit zusah, der merkte gleich, daß er mit Lust und Liebe dabei war, und mußte sich sagen, daß er das Zeug habe, um dereinst ein tüchtiger Bauer zu werden.
So waren denn zwei Jahre verstrichen und Johannes hatte in dieser Zeit in den meisten landwirtschaftlichen Arbeiten eine derartige Fertigkeit erlangt, daß er es bald mit einem tüchtigen Knecht aufnehmen konnte. Der Vater meinte, es wäre jetzt an der Zeit, daß sein Sohn eine landwirtschaftliche Winterschule besuche, und Johannes war mit Freuden dazu bereit.
Weil sein älterer Bruder schon früher die gleiche Schule besucht hatte, in die auch er nun eintreten sollte, so wußte er im großen und ganzen schon, wie es in einer solchen Anstalt zugeht; trotzdem aber fand er sich bei seinem Eintritt wie in einer fremden Welt. In gar vielen Sachen, in denen er zu Haus seine Eltern hatte sorgen lassen, fand er sich jetzt auf sich selbst angewiesen. Das Internat, die strenge Disziplin und Hausordnung, die pünktlich nach Minuten abgemessene Zeiteinteilung, die ganz andere Kost u. s. w. waren alles Dinge, die ihm ganz ungewohnt vorkamen. Johannes hatte sich indessen von Anfang an vorgenommen, sich in alles zu fügen, eingedenk des Sprichwortes: »Lehrjahre sind keine Herrenjahre«. Er war sich wohl bewußt, daß er noch vieles über sich ergehen lassen müsse, bis er ein rechter Bauer sei und selbständig nach eigenem Gutdünken schalten und walten könne.
So hatten denn der Direktor und die Lehrer an dem jungen Wachter einen willigen und gehorsamen Schüler, der sich ohne Murren in alles fügte und bald als Muster und Vorbild für die andern Schüler gelten konnte. Weil er einer der ältesten Schüler seiner Klasse war, sich durch seine großen Fähigkeiten und ein männliches Auftreten auszeichnete, so errang er sich, ohne daß er es eigentlich wollte, eine gewisse Autorität über seine Mitschüler und übte einen vorteilhaften Einfluß auf dieselben aus.
Johannes wollte die Zeit, die er in der Schule zu verbringen hatte, so gut als möglich ausnützen; er betrachtete deshalb das Lernen nicht als eine Last, sondern als ein wichtiges Mittel, sich zum brauchbaren Landwirt auszubilden.
Schon durch das, was im ersten Winterhalbjahr im Unterricht geboten wurde, lernte er die Landwirtschaft von einer neuen Seite kennen, und als er nach wohlbestandenem Examen zunächst wieder auf das väterliche Gut zurückkehrte, schaute er alles mit ganz andern Augen an.
Unter fleißiger Arbeit verstrich der Sommer rasch, und Johannes freute sich, bald wieder in die Schule zurückkehren und das Studium von neuem aufnehmen zu können.
Der zweite Lehrkursus wurde mit dem gleichen Eifer absolviert wie der erste, und ausgerüstet mit einem guten Zeugnis und dem Abgangsdiplom der Schule, begleitet von den Glückwünschen des Direktors und der Lehrer, konnte der junge Wachter hinaustreten ins praktische Leben, um seine erworbenen Kenntnisse zu seinem Lebensunterhalte zu verwerten.
Sein Vater und auch der Direktor waren der Ansicht, daß es Johannes bei seiner Tüchtigkeit wohl wagen dürfe, irgend eine Stelle als Oberknecht oder Werkführer anzunehmen; doch Johannes wollte davon nichts wissen. Er meinte, es sei besser als einfacher Knecht anzufangen; denn um dereinst Dienstboten richtig behandeln und befehligen zu können, müsse er selbst ein solcher gewesen sein. Er habe sich vorgenommen, in allen Teilen ein richtiger Bauer zu werden, und da sei es notwendig, unten anzufangen. Seine Kenntnisse könne er als Knecht auch wohl gebrauchen, man klage ja immer über großen Mangel an tüchtigen Dienstboten.
So arbeitete denn der energische junge Landwirt in verschiedenen größeren und kleineren Betrieben mehrere Jahre als Knecht und lernte gar mancherlei Verhältnisse kennen. Mit eisernem Fleiß tat er überall seine Pflicht, freute sich am Angenehmen und fügte sich dem unabweisbaren Unangenehmen, das er sehr oft auch zu kosten bekam. Er merkte gar bald, daß wenn die Dienstbotenfrage in günstigem Sinne gelöst werden solle, auch von seiten der Arbeitgeber manche Reformen durchgeführt werden müssen, und nahm sich vor, darnach zu handeln, wenn er erst sein eigener Herr geworden sei.
Zuletzt diente Johannes auf einem großen Gute, dem ein Verwalter vorstand, der ein sehr tüchtiger Mann, aber etwas kränklich war und oft Mühe hatte, seinen Pflichten in vollem Umfange nachzukommen. Der Besitzer, der nur kurze Zeit des Jahres auf dem Gute anwesend war, wollte seinen treuen Beamten schonen und bevollmächtigte ihn, eine tüchtige Kraft zu seiner Unterstützung anzustellen. Als daher der Verwalter auf die Fähigkeiten seines Knechtes Wachter aufmerksam wurde, erhob er denselben zum Unterverwalter und stellte namentlich die ganze Feldwirtschaft unter seine Aufsicht.
Jetzt zeigte es sich, daß Johannes nicht nur gelernt hatte zu gehorchen, sondern wenn es sein mußte, auch zu befehlen verstand. Die Knechte und Taglöhner stellten sich willig unter seinen Befehl, weil er nicht mit Stolz und Ueberhebung auf sie herabsah und nicht nur Pflichten von ihnen verlangte, sondern ihnen auch diejenigen Rechte einräumte, die jeder Arbeiter von seite seines Arbeitgebers verlangen darf. Weil jeder das Gefühl hatte, daß das was man ihnen befahl, auch wirklich das Richtige sei, so wurde es auch ausgeführt ohne Widerrede und Murren.
Der Zustand des Verwalters verschlimmerte sich immer mehr und bald ruhte die ganze Gutsverwaltung auf den Schultern des Unterverwalters. Zeitweilig besorgte Johannes sogar die sämtlichen Bureauarbeiten, und es zeigte sich, daß er überall gleich tüchtig war. Man bemerkte an ihm nichts von jenem unsicheren Umherhasten. Zielbewußt wurden die verschiedenen Arbeiten in richtiger Reihenfolge durchgeführt, so daß stets alles zur rechten Zeit fertig wurde.
Es war eine Freude zu sehen, wie Johannes sich selbst durch die schwierigsten Verwaltungsgeschäfte verhältnismäßig leicht hindurcharbeitete und sich vollste Autorität zu verschaffen wußte, was jedenfalls nicht leicht war, wenn man bedenkt, daß er vorher einfacher Knecht gewesen und mit denen auf gleicher Stufe stand, die jetzt seinen Befehlen zu gehorchen hatten. Man sah da wieder deutlich, was sich durch richtigen Takt erreichen läßt.
Johannes war nicht nur bemüht, das Gut unter seiner Leitung auf gleicher Höhe zu erhalten, sondern er bestrebte sich auch, durch geeignete Verbesserungen den Ertrag zu steigern und den Wert der Besitzung zu erhöhen. Jetzt konnte er endlich seine praktischen und theoretischen Kenntnisse selbständig verwerten und seiner Freude am landwirtschaftlichen Berufe Genüge leisten.
Der Gutseigentümer sah denn auch gar bald ein, daß er in dem jungen Wachter eine sehr brauchbare Persönlichkeit gewonnen habe, und als der Verwalter seinen Leiden erlegen war, bat er Johannes, die Stelle, der er ja schon einige Zeit mit dem besten Erfolge aushilfsweise vorgestanden, nun definitiv zu übernehmen.
Dieser hatte zwar von Anfang den Plan gefaßt, einmal ein eigenes Gut zu erwerben, um unumschränkt nach seinem alleinigen Gutdünken schalten und walten zu können. Er dachte aber, als ihm sein Herr ein so vorteilhaftes Anerbieten machte, daß es bei seiner Jugend noch immer Zeit sei, sich selbständig zu machen. Dann sah er auch ein, daß er in seiner jetzigen Stelle noch manche wertvollen Erfahrungen sammeln könne, die ihm später im eigenen Betrieb von großem Nutzen sein könnten. So teilte er denn seinem Herrn ganz offen seine Absichten mit und sagte ihm, daß er seine Offerte dankbar annehme, wenn er sich einverstanden erkläre, ihn nach einigen Jahren ziehen zu lassen.
Der Gutsbesitzer mochte denken, es werde ihm im Laufe der Zeit noch gelingen, den jungen Wachter ganz an sich zu fesseln. Dieser willigte ein und wurde nun Verwalter des schönen Gutes, auf das er vor etwas mehr als einem Jahr als einfacher Knecht gekommen war.
Es ist hier nun nicht der Platz, die Laufbahn Wachters als Verwalter weiter zu schildern; nur eine Begebenheit, die in diese Zeit fällt, soll erwähnt werden, nämlich die Verehelichung Johannes und die Umstände, welche dieselbe vorbereiteten.
Seine Stellung brachte es mit sich, daß er häufig mit den benachbarten Bauern zusammenkam, sie auf ihren Höfen dieses oder jenes Geschäftes wegen besuchte, und weil der junge Verwalter bald überall als ein tüchtiger Landwirt bekannt war, der gerne von seinem Wissen auch andern mitteilte und stets mit gutem Rat zur Hand war, wo solcher gewünscht wurde, niemals aber sich wichtig zu machen suchte, oder gleich alles heruntermachte was ihm gerade nicht gefiel, so sah man seine Besuche gerne und trachtete, davon so viel als möglich zu profitieren.
Namentlich eines der Nachbargüter schien das Interesse Johannes in hohem Grade erweckt zu haben, wenigstens hatte er auffallend oft dort Geschäfte und bald wollten einige, welche gewohnt waren, ihre Nasen besonders tief in die Angelegenheiten anderer zu stecken, wissen, daß nicht allein der musterhafte Betrieb des Gutes und der leutselige Charakter der dort hausenden Bauersleute den Anziehungspunkt ausmache, und die Folge bewies, daß sie im Grunde nicht so unrecht hatten.
Gleich das erste Mal, als er wegen eines Ochsenhandels auf den besprochenen Nachbarhof kam, fiel ihm dort eine Magd auf, die zwar nicht gerade das darstellte, was man eine besondere Schönheit zu nennen pflegt, aber durch ihr munteres Wesen, durch die Art und Weise wie sie ihre Arbeit verrichtete und durch ihre bei aller Aermlichkeit doch sauberer Kleidung einen äußerst vorteilhaften Eindruck machte. Auf Johannes wirkte dieser Eindruck derart, daß er beschloß, dieses Mädchen möglichst zu beobachten und soweit das unauffällig geschehen konnte, auch Erkundigungen über sie einzuziehen. So erfuhr er denn, daß Marie – so hieß die Magd – die Tochter armer Taglöhnersleute aus einem benachbarten Dorfe sei. Die Eltern seien vor mehreren Jahren gestorben und infolgedessen sei die Tochter schon sehr früh darauf angewiesen gewesen, auf eigenen Füßen stehen zu müssen. So kam sie in den Dienst der Bäuerin und fand in ihr eine gute Lehrmeisterin, die sie in alles einführte, was eine Bäuerin wissen und kennen muß. Marie war eine gelehrige Schülerin und hatte sich nach und nach zur rechten Hand und wirksamen Stütze der Meisterin aufgeschwungen. Diese sowohl, als auch der Bauer waren voll Anerkennung über ihre Magd, und sie hielten auch nicht mit ihrem Lobe hinter dem Berge; denn sie glaubten nicht Angst haben zu müssen, daß der Herr Verwalter etwa dadurch bewogen werden könnte, Marie für seinen Dienst zu gewinnen; sie kannten ihn zu gut, als daß sie ihn zu einer solch eigennützigen Handlung für fähig hielten, und außerdem würde ja das Mädchen nie in ein solches Anerbieten eingewilligt haben. Daß es ihm gar einfallen würde, ihre Magd zu seiner Frau zu machen, das kam ihnen gar nicht in den Sinn; denn ein Mann in solcher Stellung, der zugleich der Sohn eines vermöglichen Großbauern sei, würde ja nach ihrer Meinung gewiß nicht die Torheit begehen, ein blutarmes Mädchen zu ehelichen.
Johannes indessen war von ganz andern Anschauungen beseelt; er fand durch seine Beobachtungen und Erkundigungen gar bald heraus, daß Marie in reichem Maße gerade diejenigen Eigenschaften besaß, die nach seiner Ansicht eine gute Bäuerin haben müsse. Daß sie arm sei, war in seinen Augen kein Grund, der ihn bewegen konnte, vor einer Heirat mit ihr zurückzuschrecken.
Der geneigte Leser hat unsern Johannes bereits als einen Mann kennen gelernt, der zwar alles reiflich überlegte, aber das als gut und richtig erkannte dann auch mit zäher Energie in Angriff nahm und durchführte. So handelte er auch in dieser Heiratsangelegenheit. Sobald er mit sich darüber im reinen war, daß er das Mädchen liebe und sie für ihn passe, so suchte er zu erfahren, wie es selbst in dieser wichtigen Angelegenheit denke; denn alles hing ja schließlich doch davon ab, ob Marie auch wirklich einwilligte, seine Frau zu werden. Er nahm sich also vor, bei nächster Gelegenheit mit ihr zu reden und ihr seine Hand anzubieten.
Eine solche Gelegenheit fand sich bald. Als er an einem der nächsten Tage bei seinem Nachbar vorbeiging, fand er Marie allein im Garten beschäftigt. Er trat zu ihr hinein und teilte ihr ohne Umschweife den Zweck seines Kommens mit. Er sagte ihr, wie sie schon bei der ersten Begegnung Eindruck auf ihn gemacht habe, und was er seither von ihr erfahren und an ihr beobachtet habe, sei dazu angetan gewesen, ihm Liebe und Achtung zu ihr einzuflößen. Er hoffe, daß auch sie ihn lieben lerne, und wenn sich diese Hoffnung erfülle, so wäre es sein sehnlichster Wunsch, daß sie seine Frau werde.
Man kann sich denken, daß Marie erstaunt war ob diesem unvermittelten Antrag. Sie sagte denn auch weder ja noch nein, sondern gab einfach zur Antwort, daß sie sich geehrt fühle durch das Anerbieten des Herrn Verwalters, aber sie habe bis jetzt noch gar nicht ans Heiraten gedacht, und eine solch hochwichtige Sache wolle gehörig überlegt sein. Auch müsse sie mit ihren Meistersleuten sprechen; denn weil sie ja keine Eltern und nahe Verwandte mehr habe, so seien das ihre einzigen Berater.
Johannes mußte einsehen, daß das Mädchen recht habe, er versprach, geduldig warten zu wollen und sich in einigen Tagen den Entscheid zu holen.
Als Marie wieder allein war, wollte es mit der Arbeit nicht mehr recht vorwärts; immer mußte sie an das Ereignis denken, das sie so unerwartet traf, und je mehr sie darüber nachgrübelte, wie sie sich nun verhalten solle, desto verwirrter wurde sie. Zwei Stimmen in ihrem Innern stritten um den Entscheid. Die eine sagte ihr, es sei ein großes Glück, daß sie als arme Waise für würdig befunden werde, einem so tüchtigen Manne, wie Herr Wachter, die Hand zur ehelichen Verbindung zu reichen, und daß es eine große Torheit genannt werden müßte, wollte sie ein solches Anerbieten von der Hand weisen, das anzunehmen manche reiche Bauerntochter sich keinen Augenblick besinnen würde. Die andere Stimme hingegen riet ihr, die Sache von der andern Seite zu betrachten und zu untersuchen, ob vielleicht nicht doch – trotzdem sie arm sei – Johannes bei seinem Antrag von eigennützigen Bestrebungen geleitet worden sei. Könnte er nicht am Ende auf ihre Arbeitskraft spekuliert haben, denkend, daß sie ihm eine Magd ersparen würde? Und könnte nicht gerade ihre Armut später der Anstoß zu allerlei Unzufriedenheiten werden? Alles dieses und noch mehr des Unangenehmen könne ja sehr leicht hervorgehen, wo so ungleiche Verhältnisse sich zusammenfinden, wie das ja tatsächlich bei ihr und Johannes der Fall sei. Ungetrübtes Eheglück könne jedenfalls aus einer solchen Verbindung nur dann hervorgehen, wenn die Ungleichheiten ausgeebnet werden durch eine wahre, uneigennützige Liebe. Aber liebte sie denn Johannes? Bis jetzt hatte sie ihn ja kaum gekannt, also konnte vorerst noch von Liebe nicht die Rede sein. Sie glaubte zwar, daß sie ihn lieben lernen könne, den schönen stattlichen Mann mit dem ernsten und doch sanften Blick, den sie schon so oft als das Muster eines tüchtigen Landwirtes hatte erwähnen hören. Wenigstens hatte sie eine hohe Achtung vor demselben, und das konnte immerhin der Anfang von der Liebe sein.
So von streitenden Gefühlen erfüllt, in tiefes Nachsinnen versunken auf die Hacke gelehnt, sah sie sich auf einmal von der Bäuerin ertappt, die unvermerkt zu ihr in den Garten getreten war.
Diese merkte gleich an der Verwirrung und an dem tiefen Erröten der Magd, daß etwas besonderes vorgefallen sein müsse, und auf ihre Frage erzählte denn auch Marie die ganze Begebenheit, sie zugleich um ihren Rat bittend in der für ihre Zukunft so wichtigen Angelegenheit.
Nun war das Erstaunen auf seite der Meisterin, und das erste, was ihr bei der Erzählung Maries durch den Kopf fuhr, war der egoistische Gedanke, ihre treue Magd verlieren zu müssen. Doch sprach sie diesen Gedanken nicht aus; denn die angeborene Gutmütigkeit und ihr Wohlwollen gegen Marie siegten schnell über den anfangs sich regenden Eigennutz. Ein wenig machte sich auch der Stolz bei ihr geltend in dem Gedanken, selbst am meisten dazu beigetragen zu haben, daß Marie das geworden war, was sie heute so begehrenswert erscheinen ließ.
»Liebes Kind,« sprach sie, »Du weißt, daß ich stets wie eine Mutter an Dir gehandelt und auch in dieser Sache gewiß nur Dein Bestes im Auge habe. So wirst Du es also auch nicht als eine leere Redensart betrachten, wenn ich Dir sage, daß Dir durch den Antrag des Herrn Verwalters ein Glück widerfahren ist, das Du nicht von der Hand weisen solltest. Deine Zweifel, die Du mir gegenüber geäußert hast, kann ich nicht gelten lassen. Es freut mich zwar, daß Du Dich nicht kopfüber, ohne zu überlegen, in die Ehe stürzen willst, aber gar zu bescheiden brauchst Du auch nicht zu sein. Wenn Du auch kein Barvermögen besitzest, so fallen dagegen andere Deiner Eigenschaften umso mehr in die Wagschale. Deine Treue, Deine Arbeitslust, Dein Sinn für Ordnung und Reinlichkeit und Dein munteres Wesen gelten in den Augen des Herrn Verwalters mehr als Geld und Gut und gerade das Vorhandensein dieser Wertschätzung solcher Eigenschaften bietet die beste Gewähr für Euer zukünftiges Glück. Mein Rat geht also dahin, Deine Zweifel niederzuschlagen und den Antrag anzunehmen, und ich glaube bestimmt, daß es Euch beiden so gut gehen wird, wie Ihr es in der Tat verdient. Mit meinem Glückwunsch will ich aber gleich eine Mahnung für Dich verbinden, die Du nicht vergessen darfst, sie lautet: Werde nicht stolz. Die Bescheidenheit, die als Magd Dich zierte, behalte bei auch als Frau Verwalter; nichts steht einer Bauersfrau, ob sie so oder anders tituliert werde, weniger gut an als der Stolz. Schaue nie mit Ueberhebung auf Deine Untergebenen herab, dann wirst Du von ihnen gerade so geachtet werden, wie der Herr Verwalter heute geliebt und geschätzt wird von seinen Dienstboten, in deren Mitte er einst selbst gedient hatte. Bedenke auch, daß es Deine Pflicht sei, namentlich auf jüngere Leute erzieherisch einzuwirken, ihnen mit dem guten Beispiel voranzugehen und sie so zu brauchbaren, braven Dienstboten zu machen. Es ist meine feste Ueberzeugung, daß der Mangel an guten landwirtschaftlichen Arbeitskräften nicht zum wenigsten daher rührt, daß keine solchen erzogen werden. Das, liebe Marie, sind einstweilen diejenigen Ratschläge, die ich Dir geben möchte, falls Du das Anerbieten annimmst und Frau Verwalterin wirst.«
Auch der Bauer, als er von dem Vorfall Kunde erhielt, war der gleichen Meinung wie seine Frau; auch er sagte, daß das Zurückweisen eines solchen Antrages gleichbedeutend wäre mit einem leichtsinnigen Verscherzen seines Glückes.
So gab denn Marie dem Johannes ihr Jawort und knüpfte nur daran noch die Bedingung, daß auch seine Eltern mit seiner Wahl zufrieden seien; denn nie solle es auch nur den Anschein haben, als hätte sie sich in eine wohlhabende Familie hineindrängen wollen.
Johannes konnte ihr über diesen Punkt sofort zufriedenstellende Auskunft geben; denn schon bevor er bei Marie seine Werbung angebracht, hatte er seinen Eltern geschrieben und ihren Rat eingeholt.
Der alte Wachter, der mit Johannes von Anfang an etwas höher hinaus wollte, war mit dessen Wahl zuerst nicht ganz einverstanden, zuletzt mußte er aber selbst zugeben, daß Reichtum nicht diejenige Eigenschaft einer Frau ausmache, auf die zuerst gesehen werden müsse. Auch er schätzte die Tugenden, die Marie nach den Angaben seines Sohnes hatte, und namentlich für einen Bauer, als bedeutend wertvoller denn eine reiche Mitgift, und so meinte er selbst, daß sein Johannes glücklich werden könne mit der von ihm erwählten Braut, und gegen das Glück seiner Kinder wolle er nichts unternehmen.
So waren denn alle Hindernisse beseitigt, die Verlobung konnte gefeiert werden, und als Marie noch einen Kurs an einer Haushaltungsschule durchgemacht hatte, zog sie als Frau Verwalter auf dem Gutshofe ein.
II.
Johannes hatte mit seiner jungen Frau bereits mehrere Jahre das ihm unterstellte Gut verwaltet, und war in dieser Zeit so mit seinem Wirkungskreise verwachsen, daß er gar nicht mehr daran dachte, einen eigenen Hof zu erwerben. Das Verhältnis zwischen ihm und seinem Herrn war ein so schönes, daß es ihn nicht sonderlich drängte, seine gesicherte Existenz mit einer andern zu vertauschen.
Da trat auf einmal ganz unverhofft ein Ereignis ein, das seinem friedlichen Wirken einen argen Stoß versetzte.
Bei einem Unfall, den der Gutsherr erlitt, büßte dieser sein Leben ein. Seine drei Söhne beschlossen, das Gut weder zu verteilen noch zu veräußern, sondern es gelegentlich als Landaufenthalt zu benützen und sich in den Ertrag, den es abwarf, zu teilen.
So bekam Johannes nun statt eines Herrn deren drei, und zwar solche, deren Beruf weit ab von dem des Landwirtes lag. Wenn nun zwar auch keiner direkt in den Gutsbetrieb hineinregieren wollte, so hatte doch jeder Wünsche, die sich manchmal nicht mit der rationellen Bewirtschaftung in Einklang bringen ließen.
Es ist begreiflich, daß dieser Besitzwechsel manche Verdrießlichkeit für den Verwalter im Gefolge hatte, und Frau Marie bemerkte öfters, daß sich eine Wolke auf der sonst so heiteren Stirne ihres Mannes lagerte, die zu zerstreuen ihr mit all ihrem Liebreiz nicht immer gelang.
Als deshalb Johannes nach und nach wieder auf seinen alten Plan zurückkam, ein eigenes Gut erwerben zu wollen, unterstützte sie denselben lebhaft, und die Suche nach einem geeigneten Kaufobjekt begann.
An Angeboten fehlte es nicht. In allen Landesgegenden waren große und kleine Bauerngüter feil, und gar bald begann für Johannes die Qual der Wahl. Als Verwalter hatte er sich an große Verhältnisse gewöhnt, und es wäre deshalb nur zu natürlich gewesen, wenn er sich für einen größeren Betrieb entschieden hätte. Seine praktischen Erfahrungen und die Lehren, die er in der Schule erhalten hatte, waren indessen bei ihm zu tief gewurzelt, als daß er die Klugheit seinen persönlichen Liebhabereien geopfert hätte. Er sagte sich, daß der Grundsatz, die verfügbaren Mittel allein über die Größe des zu erwerbenden Gutes entscheiden zu lassen, der allein richtige sei.
So entschied er sich denn für den Lindenbühl. Johannes mußte zwar zugeben, daß dieser Besitz seine Vorteile und Nachteile hatte, aber er sagte sich, daß es ihm schwerlich gelingen könnte, ein Gut zu finden, an welchem es nicht das oder jenes auszusetzen gebe. Für den Erwerb des Lindenbühls sprachen hauptsächlich die geeignete Größe, die günstige Lage, der gute Boden und der verhältnismäßig billige Kaufpreis. Bei sofortiger Barzahlung behielt Johannes noch genügend Kapital, um das sehr vernachlässigte Anwesen wieder einigermaßen in den Stand zu setzen, die mangelhaften Einrichtungen zu ergänzen und den Betrieb rationell zu regeln.
Das alles hatte er genau überlegt und berechnet, und erst nachdem alles, was für und gegen den Kauf sprach, genau abgewogen war und sein Vater den Hof besichtigt und ebenfalls für den Erwerb eintrat, wurde die Angelegenheit perfekt.
Nach erfolgter Kündigung verließ er seine Stelle und siedelte nach Haldenburg über, um vom Lindenbühl Besitz zu ergreifen, und dort als selbständiger Bauer ein neues Arbeitsfeld zu eröffnen.
Vorerst kümmerte sich Wachter um nichts anders, als um sein Heimwesen, und da gab es wahrlich genug zu tun; denn, wie wir schon wissen, hatte der frühere Besitzer sehr schlecht gewirtschaftet, zuletzt alles, was irgend anging, zu Geld gemacht, das übrige aber verlottern lassen. Zum Glück waren die Gebäude ziemlich gut im Stande; sie waren zwar äußerst schlicht und einfach, und mancher Landwirt, der in so guten Verhältnissen sich befunden hätte wie Johannes, hätte sich gewiß mit dem Gedanken getragen, wenigstens einen Teil der alten Bauten abzutragen und etwas schöneres, der Neuzeit entsprechenderes an ihre Stelle zu setzen. Unser Wachter aber begnügte sich, die notwendigen Reparaturen durchzuführen. Er wußte, daß das Gebäudekapital bei der Landwirtschaft das allerunproduktivste sei. Die alten Ställe und Scheunen erlaubten ihm, das Vieh und die Produkte gut unterzubringen, und das genügte ihm vollständig. Daß das ganze von außen nicht gerade luxuriös aussah, kümmerte ihn nicht so viel. Lieber als für Neubauten, wollte er sein Betriebskapital dazu verwenden, den Boden produktiver zu machen, und dadurch dafür zu sorgen, daß er die alten Ställe und Vorratsräume wenigstens füllen konnte.
Einigen Aufwand leistete er sich einzig bei der Instandstellung seiner Wohnung. Da ließ er seiner Frau freien Spielraum, wohl wissend, daß sie die richtige Grenze einhalten werde zwischen unnötigem Luxus und unangebrachter Sparsamkeit.
Nach dem gleichen Prinzip wie bei der Renovation der Gebäude verfuhr Johannes bei der Einrichtung seines ganzen Betriebes. Praktisch und gut unter Verpönung jeden Luxus, das war auch hier sein Grundsatz.
Dem jetzigen Ertrag des Gutes entsprechend, füllte er seinen Stall mit leistungsfähigem Vieh, bei dessen Ankauf er nicht knauserte. Später gedachte er durch Anlegung von Kunstwiesen und durch eine rationelle Düngerwirtschaft den Futterertrag bedeutend zu steigern und dementsprechend den Viehstand zu vermehren. Die vorhandenen Geräte und Betriebseinrichtungen waren größtenteils sehr mangelhaft und unzureichend. Da wurde denn alles so ergänzt, daß nicht unnötige Arbeitskraft verschwendet werden mußte, und zugleich eine Arbeit geleistet werden konnte, die einen vollen Erfolg erhoffen ließ. Großes Gewicht wurde auch darauf gelegt, Einrichtungen zu treffen, um die erzielten Produkte bestmöglich verwerten und alles gut ausnützen zu können.
So stellte denn das Gehöft unseres Wachter bald, trotz aller Einfachheit und Schlichtheit, ein Bauerngut dar, das ganz den Anforderungen der Neuzeit entsprach, das bei der herrschenden Ordnung und Sauberkeit einen wohltuenden Eindruck machte und vorteilhaft abstach von der im Dorfe herrschenden Unordnung und Nachlässigkeit.
Die Haldenburger verfolgten alles, was auf dem Lindenbühl vorging, mit Mißtrauen, und wo man von Wachters redete, geschah es mit Spott und unter Anwendung fauler Witze. Daß es dieser Herrenbauer, trotz all seiner Studiertheit, nicht lange treiben werde mit seinen neumodischen Ideen, wenn er nicht ein steinreicher Mann sei, darüber schienen alle einig zu sein. Johannes machte im Anfang auch einige Mißgriffe, welche aus der ungenügenden Kenntnis der örtlichen Verhältnisse hervorgingen. Das war dann Wasser auf die Mühle der Spötter, und es hieß dann gleich allgemein, da sehe man es, wie weit man komme mit solch gelehrten Firlefanzereien.
Zuerst kümmerte sich Johannes gar nicht um das, was man im Dorfe über ihn dachte oder redete; er lebte nur für sich und tat, als ob niemand weiter für ihn existiere. Bald aber mußte er einsehen, daß er da einen falschen Weg eingeschlagen habe, auf dem man nur sehr mühsam und auf großen Umwegen ans Ziel gelangen könne. Er sah sich bald vor Aufgaben gestellt, die allein zu erfüllen ihm nicht möglich war. Auch merkte er gar bald heraus, wie schädigend eine schlechte Gemeindeverwaltung in den einzelnen Landwirtschaftsbetrieb hineingreifen könne, und zur rechten Zeit erinnerte er sich daran, daß sein Vater ihn einst gelehrt habe, nicht nur an sich selbst zu denken, und auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein, sondern auch das Allgemeine im Auge zu haben, und zu arbeiten an der Hebung des gesamten Bauernstandes.
Er schämte sich jetzt, daß er in seinem Stolze sich hoch erhaben geglaubt habe über seine Nachbarn, die doch auch seinesgleichen waren, und die gewiß auch zum Fortschritt zu bekehren seien, wenn man nur den richtigen Weg einschlage. Er dachte daran, was sich alles erreichen ließe bei solch günstigen klimatischen Boden- und Absatzverhältnissen, wie sie Haldenburg aufwies, und es schien ihm jetzt unerklärlich, wie er nur einen Augenblick hatte von seiner Pflicht abweichen können. Freilich durfte er sich nicht verhehlen, daß es unsägliche Mühe kosten werde, gegen den tiefeingewurzelten Schlendrian, der sich seit altersher in Haldenburg breitmachte, anzukämpfen und einem gesunden Fortschritt zum Siege zu verhelfen. Am meisten würden sich wohl die Reichen und die Dorfmagnaten dagegen wehren, und weil die Aermeren von den Wohlhabenden mit der Zeit stark abhängig geworden seien, so werde er auch bei diesen einen schweren Stand haben. Der Nutzen aber, der für ihn und das ganze Dorf aus einem Umschwung zum Besseren resultieren müßte, dünkte ihm eines Kampfes wohl wert, und so beschloß er denn, das große Werk zu beginnen.
Ueberstürzen durfte man die Sache nicht, wenn man ans Ziel gelangen wollte, das merkte Johannes gleich. Er tat deshalb einstweilen auch nichts weiter, als daß er sich hie und da mit dem einen oder dem andern seiner Nachbarn in ein Gespräch über allgemeine landwirtschaftliche Zustände einließ. Dabei vermied er es ernstlich, sich als Besserwisser aufzuspielen oder die Verhältnisse und Maßnahmen anderer zu kritisieren. Hauptsächlich aber gedachte er, das gute Beispiel wirken zu lassen und durch die eigenen Erfolge den Neid der andern zu erwecken, sie so zur Nachahmung zu veranlassen und also gleichsam aus einem Laster eine Tugend zu machen.
Gar bald zeigte es sich auch, wie richtig diese Voraussetzung gewesen war. Hatten die Haldenburger Bauern z. B. nur spöttisch zugesehen, als Johannes Kunstdünger auf einer Wiese ausstreute, so standen sie nachher, als der Erfolg sich zeigte, um so verblüffter an derselben Wiese, und meinten, die Sache sei doch nicht ganz so dumm. Keiner hätte sich aber herbeigelassen, bei Johannes anzufragen, wie es sich eigentlich mit dem Kunstdünger verhalte, ob es verschiedene Qualitäten gebe, wie er am besten angewendet werde u. s. w. Wohl aber probierte es einer auf eigene Faust; er wußte sich die Adresse eines Händlers zu verschaffen, verlangte von demselben einfach Kunstdünger, ohne nähere Bezeichnung der Qualität, und erhielt so eine ganz unpassende Marke, und dazu noch geringwertige Ware. Der Kaufmann mochte denken: Für einen Haldenburger sei es gut genug, die verständen es doch nicht besser. Der Bauer, der diesen Versuch machte, hatte den gleichen Erfolg erhofft, den Johannes mit seinem Kunstdünger erzielte, sah sich aber bitter enttäuscht, und schwur hoch und teuer, nie mehr etwas von diesem neumodischen Hokuspokus wissen zu wollen.
Unserm Johannes war die so klug eingeleitete Düngerprobe nicht verborgen geblieben, und er beschloß, dieselbe für seine Zwecke auszunützen. Als er deshalb einmal mit dem betreffenden Bauer im Wirtshaus zusammentraf, fragte er ihn möglichst unbefangen, was er für einen Erfolg erzielt habe mit dem angewendeten Kunstdünger. Der Mann, der glauben mochte, Johannes wolle ihn foppen, geriet in Zorn und warf ihm vor, daß er jedenfalls darauf spekuliert habe, daß man ihm seine Narrheiten nachmache und Spott und Schaden davontrage; leider sei einer so dumm gewesen, auf den Leim zu gehen, aber er brauche keine Sorge zu haben, daß es zum zweiten Male geschehe. Ruhig ließ Johannes die Vorwürfe über sich ergehen, suchte dieselben aber zu entkräften durch eine einfache, klare Belehrung über das Wesen, den Ankauf, die Anwendung und die Wirkung der Handelsdünger. Er schloß damit, daß er gerne von Anfang an bereit gewesen wäre, jedem, der sich um die Sache interessiert hätte, genauen Aufschluß zu geben; niemand aber habe eine Frage an ihn gestellt. »Es tut mir leid,« sagte er zu dem betreffenden Bauer, »daß Sie durch Ihre Unkenntnis der Sache zu Schaden gekommen sind. Ein noch größerer Schaden entsteht aber dadurch, daß jetzt ganz Haldenburg den Kunstdünger für Schwindel hält, trotz den augenfällig günstigen Resultaten, die ich mit demselben erzielte. So liegt aber die Gefahr nahe, daß bei uns ein sehr wichtiges Hilfsmittel zur Steigerung der Bodenerträge geraume Zeit nicht zur Anwendung kommen wird. Diese Gefahr muß abgewendet werden, und dazu ist es notwendig, daß Sie eine zweite Probe machen. Ich begreife zwar, daß Sie nicht noch einmal Geld für einen solchen Versuch auswerfen wollen; aber ich werde Ihnen die Sache erleichtern, und Ihnen ein Quantum geeigneten Kunstdüngers zur Verfügung stellen, den Sie dann unter meiner Anleitung anwenden. Damit hoffe ich, nicht nur das untergrabene Ansehen des Kunstdüngers wieder herzustellen, sondern auch eine günstigere Gesinnung gegen mich bei Ihnen zu erwecken.«
Diese Ausführungen hatten nicht nur den vorher so aufgebrachten Kunstdüngerfeind wieder besänftigt, sondern auch auf die andern im Wirtshause anwesenden Bauern einen guten Eindruck gemacht. Johannes beschloß, diese günstige Stimmung auszunützen, begann von allerlei Verbesserungen zu reden, die in Haldenburg durchgeführt werden könnten und führte an, wie wichtig es wäre, daß solche Sachen unter den Bauern besprochen und erörtert würden. Gerade die Angelegenheit mit dem Kunstdünger habe gezeigt, wie oft man nur zu geneigt sei, eine sehr wichtige Neuerung einfach als Schwindel zu erklären, bloß deswegen, weil man nichts davon verstehe. Eine einfache Aufklärung aber könne oft die Sache verständlich machen und die Zweifel zerstreuen. Er erzählte, wie segensreich gerade in dieser Hinsicht die landwirtschaftlichen Lokalvereine zu wirken imstande seien, hinzufügend, für wie nützlich er es halten würde, wenn auch in Haldenburg ein solcher Verein ins Leben gerufen würde. Alle Anwesenden nahmen diesen Vorschlag begeistert auf und baten Johannes, die Angelegenheit vorzubereiten und eine Versammlung einzuberufen zur Gründung eines Bauernvereins.
Eine solche Zusammenkunft wurde denn auch in den nächsten Tagen einberufen und Wachter, der sich von dem am Sonntag errungenen Erfolg blenden ließ, setzte große Hoffnungen auf diese Versammlung. Er hatte einen Statutenentwurf ausgearbeitet und gedachte eine zündende Rede zu halten, um, wie er meinte, das Eisen zu schmieden so lange es warm sei. Groß war daher seine Enttäuschung, als nur sechs Mann erschienen. Die »Großen« des Dorfes hatten von der Sache gehört und befürchteten, daß Johannes zu viel Einfluß erhalten könnte, wenn der Verein zustande käme. Es gelang ihnen noch rechtzeitig, die Sache zu vereiteln und dem »Fremden« ein Schnippchen zu schlagen.
Jeder andere hätte nun auf eine solche Niederlage hin den Mut sinken lassen, nicht so unser Johannes. Nachdem es ihm gelungen war, den Aerger zu unterdrücken, kehrte die gewohnte Energie wieder und er sprach zu den sechs anwesenden Männern, daß unter solchen Verhältnissen natürlich von der Gründung eines Vereins vorläufig keine Rede sein könne, daß aber auch ohne einen solchen ein halbes Dutzend Bauern mehr ausrichten können, als ein einzelner, wenn es ihnen nur nicht an gutem Willen fehle. Daß sie aber trotz aller Machinationen anders gesinnter hiehergekommen seien, halte er für den besten Beweis, daß es ihnen mit ihrem Streben nach Fortschritt auch wirklich ernst sei. Der herannahende Winter mit den langen Abenden biete Gelegenheit genug, zu überlegen und zu beraten, wie sie sich gegenseitig am besten in ihren Bestrebungen unterstützen können. Gelinge es ihnen, Vorteile zu erringen, so sei es sicher, daß sie bald Anhang erhalten werden, und daß in kurzem, trotz aller Anfeindungen, der Verein doch zustande kommen werde. Er lade sie ein, jede Woche an einem bestimmten Tag zu ihm auf den Lindenbühl zu kommen, um zu beraten, was getan werden könne, um eine Besserung sowohl ihrer eigenen, als auch der allgemeinen Haldenburger Verhältnisse anzubahnen. Das wurde beschlossen und zuversichtlich ging man nach Hause.
Johannes hatte in seinen neuen Anhängern Leute gefunden, die von ernstlichem Streben beseelt waren. Es waren durchwegs kleinere Bauern, aber vollständig unabhängig, so daß sie es nicht nötig hatten, sich am Gängelbande der Großen führen zu lassen. Sie erkannten gar bald, daß Wachter ein Mann sei, dem man vertrauen könne und der es gut mit ihnen meine. Die Diskussionsabende auf dem Lindenbühl wurden fleißig besucht und es begann ein ruhiges, aber zielbewußtes Arbeiten, dessen Früchte nicht ausblieben.
Die Hauptaufgabe des kleinen Klubs mußte vorerst darin bestehen, in ihren eigenen Betrieben Verbesserungen durchzuführen. An große öffentliche Fragen durften sie ja nicht herantreten. Mit kluger Berechnung blieben sie überhaupt allen großen Projekten fern. Sie sagten sich, daß sie nicht zu viel wollen dürfen; denn Mißerfolge könnten auch sie entmutigen und dann wäre alles verloren. Johannes belehrte bei den Zusammenkünften die Leute, wie sie durch eine rationelle Düngerwirtschaft ihre Güter ertragreicher machen können, wie sie auch mit dem kleinsten haushalten sollen und wie sie selbst noch aus allen Abfallstoffen, die sie bis jetzt nicht zu beachten gewohnt waren, noch Nutzen zu ziehen vermögen. Er zeigte ihnen, wie sie durch richtige Zeiteinteilung und strenge Ordnung in allen Dingen den Betrieb vereinfachen und müheloser gestalten können. Durch gemeinsamen Bezug von Kunstdünger, Sämereien, Futtermitteln u. s. w. verringerten sie ihre Auslagen, schützten sich vor Betrug und sicherten sich bessere Qualitäten. Zufällig hatte man gerade ein sehr gesegnetes Obstjahr, da legten sie die auf rationelle Art geernteten und sortierten Früchte zu gemeinschaftlichem Verkauf zusammen und erzielten, dank der guten Verbindungen, die Johannes hatte, viel höhere Preise, als die andern Bauern. Auf diese Weise ist es erklärlich, daß jeder schon im ersten Jahr einen großen Nutzen aus der zwanglosen Vereinigung davontrug. Das merkten jetzt natürlich auch die andern Bauern und manchen reute es, daß er an jenem Abend der Versammlung ferngeblieben war.
Wachter mußte sich sagen, daß er sehr viel erreicht habe, vielleicht sogar mehr, als wenn vor einem Jahr der Verein wirklich zustande gekommen wäre; denn »viel' Köpf', viel' Sinn'«. Bei einem größeren Verein hätte es gewiß auch solche gegeben, die der Sache zum mindesten nicht förderlich gewesen wären, oder gar als Radschuh am Fortschrittswagen figuriert hätten.
Es darf nun hier nicht verschwiegen werden, daß unterdessen auch Frau Marie nicht untätig geblieben war. Als treue Bundesgenossin ihres Mannes hatte sie seine Bestrebungen zu den ihrigen gemacht, und hatte jener bei den Männern Erfolge aufzuweisen gehabt, so konnte sie sich rühmen, dasselbe bei den Frauen erreicht zu haben.
War der Lindenbühl für die sechs Männer der Versammlungsort und der Mittelpunkt ihres Wirkens geworden, so ist es fast selbstverständlich, daß auch ihre Frauen hie und da dort verkehrten. Auch sie wollten etwas lernen, und Marie erteilte gerne Rat, wo sie konnte. Bald hatte sie Fragen zu beantworten die Küche betreffend, bald bildete die Milchwirtschaft den Mittelpunkt der Besprechung, oder es kam das Kapitel Hühnerzucht zur Erörterung, und als der Frühling herankam, trat die Gartenwirtschaft in den Vordergrund. Auf allen diesen Gebieten war ja Frau Wachter vollständig zu Hause und in aller Bescheidenheit erteilte sie Auskunft, ohne mit ihren Kenntnissen zu prahlen.
Bald genug wußte man im Dorfe auch noch von einer andern Tätigkeit Mariens zu erzählen, die sich ganz im stillen abspielte. Ihr gutes Herz und ihr Wohltätigkeitssinn trieben sie, die Not und das Elend zu mindern, wo sie es antraf. Hier sah man sie mit wohlgefüllter Schürze in die Hütte einer armen Wöchnerin eintreten, dort stand sie am Bette eines Schwerkranken, tröstend und helfend, wo sie konnte. Der Arzt und der Pfarrer wußten ihre Dienste und aufopfernde Mitarbeit dankbar zu schätzen, und manche genesende Person segnete das stille Walten, das vom Lindenbühl ausging. Lange bevor Johannes mit seinen Fortschrittsideen bei den Männern durchgedrungen war, zollte man seiner Frau allgemeine Achtung und Verehrung.
Hie und da kam Vater Wachter auf Besuch, um zu sehen, wie sein Sohn wirtschafte, und er konnte sich nicht genug wundern, was Johannes in den wenigen Jahren aus dem vernachlässigten Gute gemacht hatte. Er mußte bekennen, daß sein Sohn sein Wort gehalten und ein rechter Bauer geworden sei. Die sorgfältig geführten Bücher ergaben aber auch, daß die Rendite mit dem äußeren Ansehen des Hofes im Einklang stand. Mit Stolz erfüllte es ihn, als er hörte, wie, von seinem Sohne ausgehend, eine Hebung der allgemeinen landwirtschaftlichen Zustände in Haldenburg angestrebt wurde, und er prophezeite Johannes gerade in dieser Hinsicht noch einen besondern Erfolg. Er meinte, so hartgesottene Anhänger des Althergebrachten können diese Bauern doch nicht sein, daß sie nicht merken sollten, daß diese wohlgepflegten Wiesen nicht mehr und besseres Futter liefern, als die schlechten daneben; daß diese glatthaarigen, wohlgeformten und gutgenährten Kühe nicht leistungsfähiger seien und auf dem Markte einen größeren Wert repräsentieren, als andere mit allen möglichen Fehlern behaftete, und daß diese kraftstrotzenden, sauber in Ordnung gehaltenen Obstbäume nicht einen weit größeren Nutzen abzuwerfen imstande seien, als jene Serblinge, die über und über mit Schmarotzern bedeckt seien. Wenn sie es aber sehen, so müsse der erste Schritt der sein, daß sie es auch so haben wollen.
Wie recht der alte Wachter mit seiner Voraussage hatte, zeigte sich in der Tat immer mehr. Die Sticheleien, denen Johannes und seine sechs Anhänger im Anfang ausgesetzt waren, hörten nach und nach auf. Man gewöhnte sich daran, sie ihren eigenen Weg gehen zu sehen, und ließ sie gewähren. Als dann aber so nach und nach die Erfolge ihres veränderten Vorgehens sich bemerkbar machten, wurde mancher stutzig und fing an zu fragen, was die Ursache dieser oder jener Erscheinung sei. Bereitwilligst wurde natürlich immer Auskunft gegeben, und gewöhnlich tat man bei solchen Erörterungen auch des Lindenbühls Erwähnung, als Ausgangspunkt der verschiedenen Anregungen und Belehrungen. So begannen denn die Haldenburger Bauern doch einzusehen, daß man die Ansichten Johannes' etwas mehr beachten müsse; denn es seien eben unzweideutige Beweise vorhanden, daß er mit seiner Methode zu ganz andern Resultaten gelange, als sie mit ihrem alten System. Verfehlt wäre es jedoch, zu glauben, daß diese guten Leute jetzt ihren Irrtum und ihr Unrecht offen bekannt hätten. Nein, nur zu hinterst in ihrem Gewissen begann das Gefühl, nicht ganz im Recht zu sein, langsam aufzutauchen. Aber noch ein anderes Gefühl machte sich geltend, und das war der Neid. Diese beiden Regungen hielten sich eine Zeitlang die Wage und ließen einander nicht vorwärts kommen. Zuletzt zeigte sich aber doch der Neid als stärker, und namentlich als man sah, daß Johannes nicht zürnte, sondern gerne jedem Bescheid gab, der sich an ihn wandte, wollte jeder so viel als möglich von seinen Kenntnissen profitieren.
Manche der vielen wichtigen Fragen, die da zu erörtern waren, ließen sich indessen nicht nur so im Vorbeigehen behandeln, und man sah ein, daß da größere Zusammenkünfte nötig wären. Immer häufiger sprach man deshalb wieder von dem Projekt einer landwirtschaftlichen Vereinigung und bedauerte lebhaft, daß man das vorige Jahr der Sache so feindselig begegnet sei. Indessen ließe sich vielleicht auf die Angelegenheit zurückkommen. Und als sich einmal eine günstige Gelegenheit bot, frug einer den Johannes, wie es eigentlich mit der Gründung eines landwirtschaftlichen Vereins stehe, ob er nicht glaube, daß man noch einmal einen Versuch wagen sollte, das Entgegenkommen werde jetzt gewiß ein besseres sein, als das erste Mal.
Johannes wollte aber zuerst nichts mehr davon wissen, er sagte: »Ich habe an einer Niederlage gerade genug und bin nicht nach Haldenburg gekommen, um mich öffentlich zum Narren halten zu lassen. Ich hatte lediglich Euer Wohl im Auge, als ich vor einem Jahr die erste Versammlung einberief. Statt dieses anzuerkennen, hat man mich sogar noch schlechter Absichten geziehen, und nun soll ich mich dieser Gefahr von neuem aussetzen?«
Erst als man von allen Seiten in ihn drang und selbst seine Freunde ihn eines befriedigenden Erfolges versicherten, beschloß er endlich, nochmals die Zusammenberufung einer Versammlung zu wagen, hatte dann aber auch die Freude, die Sache vollständig gelingen zu sehen. Der Besuch war nicht nur ein sehr großer, sondern viele der anwesenden Bauern erklärten sich auch gleich bereit, dem Verein beizutreten.
Johannes, der nun schon aus Erfahrung wußte, daß man so einen aufflammenden Eifer möglichst gut auszunützen suchen müsse, legte der Versammlung einen Statutenentwurf vor, und als die verschiedenen Paragraphen durchberaten und angenommen waren, wurde zur Wahl des Vorstandes geschritten, wobei natürlich Johannes als Präsident hervorging. So wurde in einer Sitzung in Haldenburg ein landwirtschaftlicher Verein gegründet, der über 30 Mitglieder zählte. Selbst einige der Dorfmagnaten waren dem Verein beigetreten. Sie mochten darauf rechnen, auch hier eine Rolle spielen zu können.
Nun ging es in Haldenburg rasch vorwärts mit dem Fortschritt in der Landwirtschaft. Ein Cyklus von Vorträgen über die verschiedensten Gebiete der Landwirtschaft, sowie einige Kurse sollten den Bauern Gelegenheit geben, sich grundlegende Kenntnisse zu verschaffen, mittelst denen es ihnen möglich sein sollte, aus ihren Betrieben einen größeren Nutzen zu ziehen.
Die Mitglieder des Vereins suchten nicht nur aus Büchern und Zeitschriften zu erfahren, wie man anderwärts vorgehe, oder diese oder jene Neuerung sich zunutze mache, sondern sie tauschten auch ihre eigenen Beobachtungen und Erfahrungen gegenseitig aus, was von großem Nutzen war; denn unter den verschiedenen Verhältnissen, namentlich in Bezug auf Boden und Klima, verändern sich ja bekanntlich die Resultate der landwirtschaftlichen Tätigkeit oft um ein beträchtliches, so daß die Beobachtungen, die an Ort und Stelle selbst gemacht werden, immer die beachtenswertesten sind.
Der gemeinschaftliche Bezug von Dünger, Samen und andern landwirtschaftlichen Bedarfsartikeln hatte sich schon vorher bewährt. Es wurde deshalb diese Institution in die Vereinstätigkeit aufgenommen und stetig erweitert. So wurde der genossenschaftliche Sinn bei den Haldenburgern trefflich genährt, bald wurde eine Viehzuchtgenossenschaft gegründet und die Sennerei, die schon früher genossenschaftlich betrieben wurde, besser eingerichtet und nach den Anforderungen der Neuzeit umgestaltet.
Allen diesen Maßnahmen war es zu verdanken, daß nicht nur die Erträge beträchtlich erhöht, sondern auch die Produkte bedeutend verbessert wurden, so daß sie an Ansehen gewannen und marktfähiger wurden. Während man früher von Haldenburg nie etwas gutes erwartete und daher der Absatz ein äußerst schlechter war, stellten sich jetzt Käufer ein, welche gute Ware suchten und auch dementsprechend bezahlten. So sah man sich jetzt auch für seine Mühe entschädigt und arbeitete mit viel größerer Lust. Der Aufschwung bedeutete also direkten und indirekten Nutzen.
Freilich wäre es ein Irrtum, zu glauben, daß sich die günstige Veränderung, welche so viel Gutes mit sich brachte, so glatt vollzog, wie sie eben geschildert wurde. Da galt es anzukämpfen gegen eine ganze Menge von Vorurteilen und Scheingründen. Die Gutgesinnten bildeten noch lange die Minderheit. Viele wollten sich durchaus vom Alten nicht losmachen, obwohl eigentlich mancher keinen andern Grund dafür angeben konnte, als seine Engherzigkeit, seinen Hochmut und die Lust am Streiten.
Die größten Schwierigkeiten traten ein, als der landwirtschaftliche Verein es als seine Aufgabe erkannte, sich auch mit Angelegenheiten zu befassen, welche die Gemeinde angingen, wie z. B. Weganlagen, Alpverbesserungen, eine neue Waldordnung u. s. w. Alles dies waren Projekte, die nicht mehr länger aufgeschoben werden durften, wollte man nicht auf halbem Wege stehen bleiben.
Johannes sah zwar voraus, daß enorme Schwierigkeiten zu überwinden seien, bis man in dieser Beziehung ans Ziel gelange, aber jetzt, da er nicht mehr allein dastand im Kampfe, schreckten ihn die Hindernisse nicht.
Mit wohlberechneter Klugheit trat er nie für etwas ein, das er nicht vorher wohlerwogen und ausgedacht hatte. Bevor er einer Verbesserung das Wort redete, berechnete er immer die Opfer, die dafür zu bringen seien und den Nutzen, den man nach der Ausführung erwarten durfte. So konnte er der Opposition mit ziffernmäßigen Belegen gegenübertreten, und dieser Umstand half manchmal allein schon der Sache zum Durchbruch.
Als einige kleinere Projekte dieser Art wirklich zur Ausführung gelangten und man allgemein das Gute anerkennen mußte, gewann Johannes immer mehr Achtung und Ansehen, und er wurde sogar in den Gemeinderat gewählt.
Dieses Ereignis war ein schwerer Schlag für den Bürgerzopf; denn so etwas war noch nie erhört worden in Haldenburg, und manches alte Bäuerlein, das sich nicht mehr in die neue Zeit hineinfinden konnte, meinte, die Vorfahren würden sich noch im Grabe umdrehen, wenn sie wüßten, wie man ihre heiligsten Ueberlieferungen mißachte.
Von jetzt an ging es rasch vorwärts im neuen Kurs. Der Stein war nun einmal ins Rollen gekommen und niemand vermochte ihn aufzuhalten. Die notwendigsten der geplanten Verbesserungen wurden nacheinander durchgeführt, andere, weniger dringende, wurden einstweilen noch zurückgelegt, da man bei den mißlichen Verhältnissen, in welche die Gemeinde durch die fortwährend schlechte Verwaltung nach und nach gekommen war, nicht zu viel auf einmal wagen durfte.
Der allgemeine Aufschwung hatte eine bedeutende Verkehrssteigerung zur Folge, welche sich hauptsächlich durch vermehrte Ab- und Zufuhr geltend machte. Auch hatte man durch Entwässerung eines großen Sumpfgebietes in der Ebene drunten mehr Kulturland gewonnen, dessen Erträge ins Dorf heraufgeführt werden mußten. So war es zur dringlichen Notwendigkeit geworden, einen bequemeren Zufahrtsweg zu schaffen. Es gehörte denn bald auch der berüchtigte »Haldenburgerstutz« der Vergangenheit an. An einer Biegung der neuen Straße wurde ein Felsblock aufgestellt, den man beim Bau derselben ausgegraben hatte, und darauf ist der Spruch eingemeißelt: