[245] Vgl. p. XXII und die Statuette daselbst Abbildung VI; Helbig, Führer, 3. Aufl. Nr. 1556.
[246] Daß auch Ganymed zum kleinen Kinde verjüngt wurde, scheint von den Gelehrten nicht genügend beobachtet zu sein; dies ist notwendig überall der Fall, wo er als collusor mit Eros Astragalen spielt; ebenso denkt ihn sich Lucian, vgl. p. XXXVII. Es ist also kein Anlaß, die Marmorgruppe in der Galleria dei candelabri im Vatikan, die den Ganymed als Kind vom Adler rauben läßt, um dieses Umstandes willen für unantik zu halten; vgl. Helbig in Annali dell’ Istit. 1867, S. 351; Overbeck, Griechische Kunstmythologie, Bd. I, S. 539, Anm. 217.
[247] Claudian, de III cons. Honor. v. 22.
[248] Vgl. p. XXVI über Clodius Albinus.
[249] Vgl. p. XXV ff.
[250] Für Athanasius vgl. Sozomenos II, 17; Sokrates I, 15. Wie in der katholischen Schweiz Kinder im Ernst und doch scherzend die Messe nachmachen, schildert H. Federer, Das Mätteli-Seppi, S. 501 ff.
[251] Bei Baumeister, Denkmäler, Nr. 1617.
[252] Z. B. bei Baumeister, Nr. 545.
[253] Vgl. p. XXXII f.
[254] Cassius Dio, Buch 48, Kap. 44.
[255] Properz II, 29; vgl. Kritik und Hermeneutik S. 123.
[256] Catull 68, 133 f. Auch im Acmegedicht des Catull, Nr. 45, läuft das Spielkind als Amor um das Liebespaar herum und niest: vgl. Berl. philol. Wochenschr. 1919, S. 575.
[257] Catull 68, 70.
[258] Nie nennt sonst ein Dichter seine Geliebte diva. Vgl. Philologus LXIII, S. 451 f.
[259] Wie wenig evident die bisher übliche Auslegung ist, bekennt auch O. Jahn. Wie kam gerade ein gemeiner Handwerksmann dazu, einer solchen Frau wirkliche Liebesgötter, also Liebe oder Liebreiz, zu verkaufen? Insbesondere machte der hinter der Frau sich versteckende Erot unlösbare Schwierigkeiten; der treffliche Gelehrte tröstete sich damit, „daß einst auch pompejanische Beschauer bei diesen Vorstellungen verschiedene Gedanken und Empfindungen gehabt haben werden“. Es blieb dies also eine Rechnung mit mindestens einer Unbekannten. Eben diese Schwierigkeiten räumt die oben gegebene Auslegung hinweg. O. Roßbach erhebt in der Berl. philol. Wochenschr. 1918, S. 1208 gegen meine Erklärung immer noch das Bedenken, daß die Frau als Göttin charakterisiert sei. Aber wie oft haben sich Herrscher als Götter, hohe Frauen als Göttinnen darstellen lassen! Auch erinnere ich nochmals an die Lesbia als Diva bei Catull und an Kleopatra, die die sie umgebenden Kinder als Eroten zurechtmachte, während sie gleichzeitig selbst die Venus spielte; sie muß da doch auch die Stephane der Göttin getragen haben. Man nenne also die Frau auf dem Bilde meinetwegen Kleopatra. Aber es wird wohl mehr solche phantastische hochgestellte Frauen gegeben haben. Jedenfalls ist sie eine Sterbliche, da es der Diener ist, der ihr die Putten bringt.
[260] Man sehe z. B. bei Helbig die Nummern 1413, 1429–1431. Eros unter Frauen auch Nr. 312.
[261] Vgl. z. B. Helbig, Nr. 1439; auch 303, 305? beim Hermaphroditen 1369.
[262] So erklärt sich z. B. der scheinbar zwecklose Eros in der Paris- und Helenaszene Pompejis (bei Helbig Nr. 1310). Noch beiläufig zwei lehrreiche Beispiele, Helbig Nr. 1140: Eros hebt neugierig das Gewand des Priap empor und erstaunt über den Anblick; es sind hierfür sonst flügellose Putten üblich; vgl. De Am. p. XXIV. Tellus erscheint mit zwei Flügelkindern bei Benndorf, Griechisch-sicilische Vasenbilder, Tafel 57, Nr. 9; diese Kinder sind aber ursprünglich flügellos, vgl. De Am. p. XXIV und das Relief, Archäologische Zeitung X, Tafel CXIX, Nr. 2, sowie Baumeister, Nr. 1449. Auch das Element Erde wird als Matrone mit zwei Kindern dargestellt auf einem Florentinischen Relief und sonst; s. Wörmann S. 257.
[263] Man vgl. hierzu den oben angeführten Aufsatz H. Grimms.
[264] Einige weitere Nachweise, die sich mir für den besprochenen Gegenstand nachträglich darbieten, stelle ich noch an den Schluß des Ganzen. Daß die ältere griechische Kunst noch nicht Kinder darstellte, weiß auch Pausanias V, 11, 3. — Schon in der jüngeren griechischen Komödie, an die die alexandrinischen Dichter unmittelbar anschlossen, kommen die frechen Spielkinder in den Häusern vor; s. besonders Plautus Persa v. 204 ff.; 229; 807; 849; auch Pseudolus 767, 783. Kinderkauf in der Komödie: Captivi 8, Rudens 39, Poenulus 86. — Auch Tertullian erwähnt contra Marc. IV, 23 den Kinderliebhaber, parvulorum dilector. Über das Wort parvuli vgl. Archiv f. Lex. VII, S. 79 und 95. — Kinder, die man sich als conlusores hält, zeigt uns auch Plautus, Capt. 19 f., 982 f., 1013. — Daß Kinder den Gladiatorenkampf im Spiel nachahmen, sagt uns Epiktet, Man. 29, 3; auch findet man solche dargestellt bei A. Bougot, Une galérie antique (Paris 1891), S. 499, der sie aber sinnlos für Amoren erklärt. — Ein Haufe Spielkinder begegnet uns in Alexandria selbst im Tempeldienst beschäftigt bei Dio von Prusa Or. 32, 13. — Daß man die Kinder im Amphitheater mit Hilfe von Maschinen in die Höhe fliegen ließ, deutet vielleicht Juvenal IV, 122 an. — Auch Plautus weiß, Trucul. 908, daß Säuglinge wie Vögel groß gezogen werden. Vom schwatzenden Kindernest spricht auch Juvenal V, 143; in den Sokratikerbriefen Nr. 21 lesen wir von den νεοττοί des Sokrates; vgl. übrigens Theophrast Char. 2. Ein Relief zeigt Romulus und Remus; in einer Grotte nährt da der Picus Martius zwei Junge im Nest: Berl. philol. Wochenschr. 1918, S. 1066, aus dem Anzeiger für Schweiz. Altertumskunde XX, Heft 2, S. 99. — Von dem süßen Schwatzen der kleinen Kinder gibt endlich Minucius Felix Oct. 2 eine entzückte Beschreibung; dazu auch Artemidor in der Traumdeutekunst 4, 19.
Seneca.
[265] René Waltz, Vie de Sénéque, Paris 1909; vgl. Historische Zeitschrift, herausgegeben von Meinecke, Bd. 104, S. 605.
[266] Diese hat Friedländer einmal zu geben versucht, Historische Zeitschrift, Bd. 85, S. 193 ff.; aber er läßt die Hauptsache vermissen, eine zusammenhängende Würdigung der Ethik Senecas, sowie den Nachweis des Zusammenhangs seiner Schriftstellerei mit seinem Leben und Lebenszielen.
[267] Er hatte auch außerhalb Italiens, in Ägypten, Grundbesitz: trans mare possides, De vita beata 17, 2. Über dort gefundene Quittungen mit γῆ Σενέκα s. Gercke, Seneca-Studien, S. 302.
[268] S. J. Cunliffe, The influence of Seneca on Elizabethan tragedy. Vgl. auch Brandl in d. Sitzungsber. der Berl. Akademie, 14. Dez. 1917. Übrigens ist hier auch Chaucer zu nennen; wenn es bei Chaucer heißt:
so stammt dies aus Senecas Agamemnon. V. 260:
Vgl. R. Peiper in Fleckeisens Jahrbb. 97 (1868), S. 65.
[269] Seneca weiß sehr wohl, daß der Mensch, der sich isoliert, leichter der Verfehlung entgeht: meliores erimus singuli (De otio 1, 1); aber die Bürgerpflicht und Menschenpflicht zwingt ihn, die Isolierung zu vermeiden.
[270] Was Gegenstand der Philosophie sein soll, zählt Seneca De brev. vitae 19 auf; da wird auch die ganze Physik mit einbegriffen, der sich Seneca auch auf Korsika widmete; s. ad Helviam 20.
[271] Auf Grund der Aussagen von Augenzeugen; s. Natur. quaest. VI, 31, 3 und sonst. Der Ätna soll ihm zu Ehren bestiegen werden: Epist. 79, 2.
[272] Ich betrachte es als selbstverständlich, daß zu dieser Expedition, die Nero unternehmen ließ und die, wie es scheint, die Form eines kriegerischen Vorstoßes annahm, die Anregung von Seneca kam, der der Hauptvertreter der geographisch-physikalischen Interessen jener Zeit war, selbst in Ägypten gelebt, ein Buch über Ägypten geschrieben hatte (vgl. dazu Nat. quaest. VI, 26) und dauernde Beziehungen zu dem Nilland bewahrte; worüber unten.
[273] S. Medea 375. Andere wissenschaftliche Voraussagungen „veniet tempus“ eqs. s. Nat. quaest. VII, 25, 4 f. u. 30, 5.
[274] Epist. 79, 11 f.
[275] Dies hebt E. Zeller mit Recht hervor.
[276] Dies tut leider auch Friedländer a. a. O. Daß Senecas schriftstellerischer Erfolg weit mehr durch die Form als den Inhalt bedingt war (derselbe S. 226), ist allerdings richtig; denn ausgedehnte Sittlichkeitsvermahnungen pflegen die Menge durch ihren herben Inhalt stets abzuschrecken, und nur die Art des Vortrags macht sie wirksam.
[277] Vgl. Zur römischen Kulturgeschichte, 3. Aufl., S. 146 f.
[278] Gegen die Tierhetzen u. ä. redet Seneca z. B. ausdrücklich De brev. vitae 13, 6 f.; De clementia 1, 25, 1. Gleichwohl kannte er natürlich die Kampfarten der Gladiatoren genau: De constantia 16, 2; De ira III, 43, 2.
[279] „Für Gott ist es der schönste Anblick, im Unglück Cato aufrecht stehen zu sehen,“ De provid. 4.
[280] De provid. 4.
[281] Epist. 78, 16.
[282] Epist. 60, 4.
[283] Ad Marciam 23.
[284] De otio 1, 4: selbst unser Tod soll noch nützlich sein.
[285] Ad Marciam 20, 3.
[286] Epist. 77, 4: vita non est imperfecta, si honesta est.
[287] Ad Marciam 26, 4. In Senecas Tragödie „Troades“ V. 392 ff. leugnet der Chor eine Fortexistenz der Seele, die nach dem Tode wie der Rauch verfliegt — post mortem nihil est ipsaque mors nihil usf. Dies erklärt sich jedoch aus dichterischen Rücksichten. Dem gestorbenen Achill zu Ehren soll dort die Jungfrau Polyxena geschlachtet werden; der Chor der Frauen will dagegen beweisen, daß dies Opfer sinnlos ist; denn der Tote, Achill, hat davon keine Wahrnehmung. Daher also die pessimistischen Ausführungen; Andeutungen der Hoffnung auf Glück im Jenseits waren eben hier in diesem Zusammenhang unbrauchbar. Zum Schluß aber hat doch derselbe Chor, v. 407, auf die Frage, wo bleibt denn die Seele des Gestorbenen? die genaue Antwort: da, wo die noch Ungeborenen sind. Damit ist, was Seneca persönlich glaubt, zum wenigsten angedeutet, und das genügte. Denn dasselbe lehrt Seneca auch in seiner Trostschrift an Marcia: Der Zustand der Ruhe nach unserem Tode ist derselbe wie vor unserer Geburt (19, 5), d. h. die Seele war präexistent und wird im Tode wieder, was sie war. So kann denn dort auf Grund dieser Voraussetzung im c. 23 weiter ausgeführt werden, daß, wer stirbt, ad superos geht (die Existenz der inferi, einer Unterwelt, wird, wie jenes Chorlied zeigt, geleugnet), und daß er damit zu seinem Ursprung zurückkehrt, und im c. 24 u. 25 die Ausmalung der jenseitigen Existenz noch weitergeführt werden.
[288] Medea 866.
[289] Vgl. Herc. fur. 139 f. u. 191 f.; auch Agam. 102 f. Der Arme ist nur unglücklich, weil es Reiche gibt, mit denen er sich vergleicht: Troad. 1018 ff. Über das Unglück und die Arglist der Könige Agam. 57 f.
[290] Dies schildert uns Lucian im Somnium cp. 26.
[291] Dieser Satz ist von mir eingehender in den Neuen Jahrbüchern XXXVII (1911), S. 336 ff. begründet worden.
[292] In Riga, i. J. 1204; J. W. Creizenach, Geschichte des neueren Dramas I, S. 70. Daselbst S. 94, auch 315 und sonst über Christi Passion. Um die schwer gemarterten Heiligen darzustellen wurden freilich Puppen verwendet: S. 265. In einem der Marienmirakel (S. 145) wird auf der Bühne von einer Äbtissin ein Kind geboren, wobei die hlg. Maria selbst bei den Wehen Beistand leistet. Das Kind ist da. Dann untersucht die Hebamme auf der Bühne den Leib der Äbtissin und stellt fest, daß sie nicht geboren hat.
[293] Um das Jahr 1300 tauchten sie aus der Vergessenheit auf. Der englische Mönch Nikolaus Treveth schrieb sogleich zu ihnen einen Kommentar, und die italienischen Dichter des 14. Jahrhunderts Lovato und Mussato sind schon von ihnen beeinflußt: Creizenach, S. 436 f. Vgl. auch P. Stachel: Seneca und das deutsche Renaissancedrama, Berlin 1907.
[294] Die Zweifel an der Echtheit des Hercules Oetaeus habe ich längst fallen lassen. E. Ackermann De Senecae Hercule Oetaeo (Philologus Suppl. Bd. X und Rheinisches Museum, Bd. LXVII) hat die Echtheit dargetan und wird gegen Einwendungen anderer Recht behalten. Seneca selbst referiert den Inhalt dieses Dramas De benefic. I, 13, 2 f., wo das caelum tenuit voransteht.
[295] Herc. Oet. v. 1852. Daß so wie Maria eine Himmelfahrt hat, auch Alkmene nach Elysium entrückt und ihr Grab leer gefunden wird, zeigt Fr. Pfister, Wochenschrift f. klass. Phil. 1911, Nr. 3, S. 83.
[296] Kleanthes, der Stoiker, hieß der zweite Herakles (Diog. La. 7, 170); Zeno aber übertraf den Herakles sogar (ib. 7, 30). Eine stoisch-zynische Tragödie „Herakles“ gab es schon unter dem Verfassernamen des Diogenes von Sinope.
[297] Das heutige Südspanien schildert uns M. Andersen Nexö, „Sonnentage, Reisebilder aus Andalusien“, 1909. Die Schilderung ergibt, daß im Altertum dort Bevölkerung und städtische Kultur einen anderen Charakter trug und daß sie sich heute keineswegs günstiger zeigt als damals.
[298] De brev. vitae 10, 1. Wenn seine Gegner ihm höhnend eine professoria lingua vorwerfen (Tacit. Ann. 13, 17), so wäre es primitiv, daraus zu folgern, daß Seneca jemals wie Epiktet als professor oder Lehrer wirklich auftrat. Weil Seneca eben damals als Moralschriftsteller weiter ausholte, warf man den Staatsmann höhnend mit den Graeculi zusammen.
[299] Epist. 78, 3.
[300] Autobiographisches über seine Jugendzeit s. Epist. 108, 15. De otio 7 steht die Unterscheidung der drei Lebensführungen, genera vitae: unum voluptati, alterum contemplationi, tertium actioni (deditum). Seine eigene Entwicklung als Mann der actio deutet er De tranquill. animi 4 an; auf seine gegenwärtige Stellung weist er 10, 6 hin: multi quidem sunt quibus necessario haerendum sit in fastigio suo usf. Weiteres De vita beata 17 f. Diesen Ausführungen widerspricht die Schrift De brevitate vitae, die gleich nach der Rückkehr aus Corsica, aber noch, bevor Seneca Neros Lehrer wurde, in Rom abgefaßt ist, keineswegs. Sie predigt in sehr schulmäßiger Ausführung das philosophische otium, weil Seneca selbst eben damals noch ohne Stellung und Pflichten war. Das sollte sich bald ändern. Übrigens ist er da noch ganz rezeptiv im Betrieb des stoischen Studiums; er ist noch unselbständig und befragt nur die Weisen (15, 2 f.).
[301] Vgl. ad Helviam 5, 4: er gewann früh pecuniam, honores, gratiam.
[302] De tranquill. 44, 3.
[303] Hierauf blickt er Epist. 49, 2 mit den Worten zurück: causas agere coepi ... desii velle agere ... desii posse.
[304] Da der sonderbare Claudius, ein Mensch ohne alle Willenskraft, sich ganz und gar und bis zur Schwachsinnigkeit von Messalina gängeln ließ, kann man es den Nichten des Claudius, Livilla und Agrippina, nicht verdenken, daß sie gegen Messalina Front machten, ihr ihren Einfluß nicht gönnten; und wenn in diesen Hader am Hof Seneca verwickelt war, so stand er jedenfalls auf der Seite der Frauen, von denen sich damals für den Staat noch irgend etwas hoffen ließ.
[305] Sestertium decies, Tacit. Ann. XI, 4.
[306] Plin. epist. III, 3, 7.
[307] Aber auch diese Schrift De ira hatte offenbar nicht systematischen, sondern persönlichen und praktischen, programmatischen Zweck. Die kleine Abhandlung De constantia betrachte ich als einen Ableger von De ira Buch III; der sachliche Zusammenhang ist der engste. Das Delatorenwesen ist damals mächtig (De const. 9, 2); alle Vornehmen und die hohen Beamten gelten als male sani (13, 2); die verächtlichen Äußerungen über die Sklaven (13, 4) verraten einen Standpunkt, den Seneca später überwunden hat. So ist auch noch De brevitate vitae eine Vorstudie Senecas. Diesen Sachen hängt daher in ihrer Abfassungsart noch der pedantisch schulmäßige Charakter an, der später bei dem souveränen Staatsmann Seneca so viel mehr zurücktritt. Was endlich die Consolatio ad Marciam betrifft, so wäre es Verkennung, sie für eine philosophische Schulschrift oder auch nur für eine Trostschrift zu halten, die nichts weiter will, als die Trauernde aufzurichten. Wäre sie dies, so wäre ihre Veröffentlichung überflüssig gewesen. Sie war vielmehr eine politische Gelegenheitsschrift in der Form der Consolatio, die auf Sejans Mißherrschaft tadelnd zurückblickt, pietätvollen Sinn für die Caesars bekennen will (c. 15), besonders Augustus und Livia verherrlicht, welcher Kaiser Augustus des Seneca staatsmännisches Ideal dauernd geblieben ist, und vor allem das echte Römertum preist und damit eine tüchtige staatsbürgerliche Gesinnung fordert: scire quid sit vir Romanus (auch im cap. 13 kommt er darauf zurück). Die politischen Zustände sind schlimm, iniqua tempora (22, 8); sunt istic hostes cruenti, cives superbi usf.; daher ist der Tod nützlich; er befreit aus dem Elend eines schlechten Staatslebens (20, 2 f.): ein Manifest, aus dem damals jeder sollte ersehen können, was von Seneca, wenn er entscheidenden Einfluß gewann, zu erhoffen war.
[308] Schon Ad Marciam 20, 2 sagt er, daß jeder exul stets sein Auge auf die patria gerichtet hält. Die Schriften ad Helviam und Ad Polybium entstanden gleich in den Anfangsjahren der Verbannung, und daß dies keine Lehrschriften sind, liegt auf der Hand. Mit Unrecht habe ich als möglich zugestanden (Histor. Zeitschr. 104, S. 608), daß Seneca auf Corsica De providentia und De constantia schrieb. Ad Helv. 20 schildert er selbst seine Beschäftigung im Exil: von Schriftstellerei sagt er dort nichts, sondern redet nur von literarischen Studien, d. h. Lektüre, besonders auf dem Gebiet der Physik. Auch daß er Tragödien auf Corsica schrieb, ist schlechterdings unerwiesen (vgl. Neue Jahrbücher XXVII, S. 353 ff.) Die Epigramme aber aus dem Exil sind unecht; dies ergibt die Verstechnik, und der neuerdings mit vielem Fleiß unternommene Versuch, aus phraseologischen Anklängen ihre Echtheit zu erweisen, ist ein Schlag ins Wasser, da ein solches Beweismittel nichts beweist. Es handelt sich darum, daß Seneca (wie Calpurnius) in seinen Hexametern nie eine Verschleifung zuließ; das ist, so geringfügig die Sache scheint, ein deutliches Erkennungszeichen, und es ist interessant, in solchem Punkt einmal den Einfluß des Lehrers auf den Schüler zu beobachten; denn auch in Kaiser Neros erhaltenen Hexametern fehlt ganz ebenso jede Elision. Das sollte Zufall sein? Natürlich sind auch Calpurnius und der Lobdichter auf Piso von dieser Theorie abhängig gewesen. Die Epigramme aus Corsica zeigen dagegen die Elision (vgl. Kritik und Hermeneutik, S. 235 f.)
[309] Wie leidenschaftlich die Geschwisterliebe bei den Alten und wie tief gerade der Schmerz um den Verlust eines Bruders ging, habe ich Kritik und Hermeneutik, S. 108 f. in Anlaß der Antigone und ihrer vielbesprochenen Worte dargelegt.
[310] Dies habe ich in den Neuen Jahrbüchern XXVII, S. 596 ff. näher ausgeführt.
[311] Man muß sich klar machen, daß sich an den Kaiser — wie heute etwa an den Papst — direkte Ermahnungen nicht richten ließen; das einzig mögliche Erziehungsverfahren war, dem Allmächtigen die guten Eigenschaften zuzuschreiben, die man von ihm forderte; daher sagt Seneca selbst Epist. 94, 39, daß die laudatio eine Gattung der monitio sei; eben dasselbe sagt uns auch schon Cicero ad fam. XV, 21, 4; später Julian p. 254 B u. C; Apollinaris Sidonius Epist. VIII, 10; vgl. auch Cic. ad Quintum fratrem I, 1, 7 und 18.
[312] Vgl. Neue Jahrbücher XXVII, S. 348.
[313] Man kann gut sein, auch ohne physisch tapfer zu sein; dies sagt Seneca nicht, aber es liegt dem Satz: L. Bibulus melior quam fortior vir (Ad Marciam 4, 2) zu Grunde.
[314] De ira II, 32.
[315] De constantia 12, 3; De ira I, 16.
[316] De ira II, 33; den Freimut gegen einen Sejan preist Seneca (ad Marciam 22, 4 f.), der gegen den Kaiser scheint ihm unmöglich.
[317] Das aeger nervis steht bei Tacitus 15, 45. Über sein Herzleiden redet Seneca Epist. 26, 54, 58. Aber schon in der Schrift De constantia (16, 4), also etwa 45jährig, schildert er sich selbst als kahlköpfig, schwachsichtig, mit dünnen Hüften und auffälliger Statur; denn man wird diese Schilderung doch wirklich auf ihn beziehen müssen. Eine Büste Senecas (in Berlin) zeigt ihn uns kurzhalsig und kahlköpfig.
[318] Mens serena: De clementia 2, 5, 4.
[319] Nero hatte armenische Gesandte empfangen; Agrippina kam, als sie das hörte, herbei und wollte den kaiserlichen Haut-pas ersteigen. Ehe sie dies konnte, ging ihr Nero auf Senecas Wink entgegen und hielt sie mit einer Begrüßung auf, und die Audienz wurde abgebrochen und verschoben. Agrippina kam nicht wieder: Tacit. Ann. XIII, 5; Waltz S. 204.
[320] Agrippina hatte eigenmächtig, als wäre sie jetzt Kaiser, den verstorbenen Kaiser Claudius zum Gott erhoben. Senecas Satire legt die Sinnlosigkeit dieser Apotheose dar, indem sie nicht nur mit gröblichem, aber siegreichem Witz über die geistige Impotenz des Claudius herfällt, sondern vor allem dem Groll und der Empörung über seine Schandtaten und Justizmorde Worte leiht. Agrippina selbst wird in der Schrift totgeschwiegen; jeder Leser merkte, daß ihr Verfahren das Ziel des Angriffs war. — Der überlieferte Titel Apotheosis ist natürlich richtig. Die Bezeichnung Apocolocyntosis beruht auf falscher Kombination, die auch heute noch gilt, weil gefeierte Gelehrte sie hingenommen haben. Apocolocyntosis heißt „Verwandlung in einen Kürbis“. Daß der Mensch, wenn er gestorben ist, in Tiere oder Pflanzen verwandelt wird, ist jedoch eine ausschließlich pythagoräische Vorstellung, von der die vorliegende Satire nichts weiß und die zu der unterweltlichen Szene, die sich an ihrem Schluß abspielt, durchaus nicht paßt. Es ist also gedankenlos, anzusetzen, eine solche „Verkürbsung“ sei an ihrem Schluß glatt weggefallen. Die Satire ist vollständig.
[321] Patriae tutor und amicorum propugnator, De vita beata 15, 4. Der Ausdruck tutor stammt hier aus Ciceros Schrift De republica II, 51. Seneca kannte diese Schrift genau.
[322] Schon ad Marciam äußert er diese Augustusverehrung programmatisch; oben Anmerkung 307.
[323] Seneca sagt mit Genugtuung von sich selbst, daß keinem Bürger durch ihn, trotz seiner Machtstellung, die Rechte verkümmert seien; nullius per me libertas deminuta (est), De vita beata 20, 5.
[324] Auf die accusandi rabies, die unter Tiberius herrschte, blickt Seneca jetzt, Benef. 3, 26, 1, als auf etwas Fernstehendes zurück.
[325] Schon ad Marciam 16, 2 steht: Bruto libertatem debemus, d. h. die alte durch Brutus erworbene Freiheit besteht noch; so besteht denn auch die libera civitas unter Senecas eigener Staatsverwaltung, De benef. 2, 12, 2; optimus civitatis status sub rege iusto, ib. 2, 20, 2.
[326] Freilich keine Aufhebung der Kornverteilungen in Rom (De benef. 4, 28, 2), an die überhaupt nicht zu denken war.
[327] Admodum aequa, Tacit. 13, 51. Daher war auch noch im Jahre 62 der Stand der Finanzen befriedigend, Tacit. 15, 18; Waltz S. 411.
[328] Diesen Sinn hat es, wenn der Kaiser, d. h. Seneca, im Jahre 55 den Provinzialverwaltern verbietet, in den Provinzen Spiele zu geben, mit denen sie das Publikum für sich günstig zu stimmen pflegten: Tacit. 13, 31.
[329] Vgl. Rhein. Mus. 65, S. 317 „Zur Phylenordnung Alexandrias“.
[330] Von dem Gros der ägyptischen Bevölkerung, den sogenannten λαογραφούμενοι wurden die zahlreichen Anwohner griechischer und römischer Abstammung, von denen besonders Alexandria erfüllt war, gesondert. Daß die Namen der letzteren, der ἐπικεκριμένοι, in besonderen Listen, τόμοι ἐπικρίσεων, geführt wurden, beginnt aber wiederum im Jahr 54 auf 55; s. Paul M. Meyer, Das Heerwesen der Ptolemäer und Römer in Ägypten, Leipzig 1900, S. 116–122.
[331] Er besuchte als jüngerer Mann in Ägypten seinen Oheim, C. Galerius, der dort 16 Jahre lang an der Spitze der kaiserlichen Verwaltung stand (Genaueres hierüber Revue de philol. 1909, S. 173–177); weiteres oben Anm. 267 und über Senecas Beziehungen zu Ägypten und zu Claudius Balbillus im Jahre 55 Nipperdey zu Tacit. 13, 22. Auch noch in seinen letzten Lebensjahren hatte Seneca persönlich geschäftliche Interessen in Alexandria: quis illic esset rerum mearum status, überlegt er, als er Handelsschiffe von dort einlaufen sieht, Epist. 77, 3, wo res meae nicht auf Geldgeschäfte, sondern auf Grundbesitz sich bezieht; denn Seneca hatte dort tatsächlich Grundbesitz (s. oben); status aber heißt „Wohlstand“.
[332] θεοῦ διάκονος εἰς τὸ ἀγαθόν.
[333] Vgl. hierzu Rhein. Museum 69, S. 383.
[334] Thyest. 213. Aussprüche über Tyrannei finden sich Oed. 699 ff., 520 ff.; Phoen. 654 f.; Med. 195 f.; Phaedr. 490 f.; Agam. 995 usf. Vgl. Neue Jahrbücher XXVII, S. 350 f.
[335] Es scheint, daß das vierte Buch De beneficiis von Agrippinas Ermordung noch nichts weiß, also früher fällt; denn die Stelle IV, 31, 2 blickt auf die Bluttaten Caligulas in einer Weise zurück, als biete die Gegenwart nichts Ähnliches.
[336] Daß sich Seneca in De beneficiis an ein großes Publikum richtet, zeigen solche Wendungen wie si quis existimat (I, 15, 1); nemo haec ita interpretetur (I, 14, 2); die Anrede vos, vobis (IV, 13, 1). Er selbst ist praeceptor, praecipit, er gibt monitiones (I, 15); aber er redet dabei zu dem Durchschnittsmenschen, nicht zum vollkommenen Weisen (II, 18, 4). In bezug auf die Sklavenfrage will er den Übermut der menschlichen Gesellschaft zerstoßen, contundere insolentiam hominum (III, 29, 1).