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Aus dem Leben der Antike

Chapter 7: Auf der römischen Heerstraße.
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About This Book

Eine Sammlung kurz gehaltener Aufsätze, die Alltags- und Kulturleben der Antike in konzentrierten Bildern erschließen. Themen reichen von Lebensformen römischer Frauen, Gastmählern und Esskultur über Verkehr, Heerstraßen und Reisewesen bis zu Hygienefragen, Läusen, Buch- und Lesekultur, Grab- und Totenbildlichkeit; außerdem werden soziale Organisationen, Markt- und Kommunikationswesen sowie musikalische und bildungsbezogene Praktiken behandelt. Der Ton ist beschreibend und vergleichend, einzelne Texte spiegeln zeitgenössische Erfahrungen wider; erläuternde Nachweise und Exkurse sind in einem Anhang zusammengefasst.

Auf der römischen Heerstraße.

Je größer die Welt, je mehr wächst das Bedürfnis nach Annäherung, je erfinderischer sinnt der Geist auf Mittel, die den Menschen zum Menschen führen. Heute hat der Verkehr mit seinen Spinnenbeinen den ganzen runden Erdball wie eine eingefangene Fliege umfaßt. Die Erde schrumpft unter ihm zusammen. Jeden Tag hat man — in Friedenszeiten — in Berlin die Kursnotierungen der New Yorker Börse: Das Kabel tut’s. Die englischen Stahlwaren wollen von Liverpool rasch nach Japan; der Panamakanal muß sie hindurchlassen. Die Kohlenindustrie ist es, die das alles bewirkte; sie hat durch ihre Gaben die Welt verkleinert: Schnelldampfer, Eilzüge, Autos, drahtlose Telegraphie, Fernsprecher — welche Fülle der Bewegung, der Mitteilungsmöglichkeiten; dazu die Radler, die Flieger. Wer als altmodischer Fußgänger über die Landstraße trollt, begegnet kaum noch ab und an einem Bauernwagen mit trabenden Gäulen und nickender Peitsche; auch der zweispännige Doktorwagen fehlt. Auf dem Rad fliegt der Arzt in die Dörfer hinaus, fliegt sogar der Pfarrer mit wehendem Rock auf seine Filiale. Dieselbe Straße führt mich am Bahnkörper entlang; plötzlich tönen Signale, tönt gleichzeitig das Huphup. Ein Automobil jagt ratternd hinter mir auf, in Wettfahrt mit dem donnernden Expreßzug zur Rechten; überrascht schaue ich nach oben; denn auch über mir lärmt es. Ein Luftschiff ist’s; es schießt in gleicher Richtung um die Wette. Da sind schon alle drei verschwunden. Wer von ihnen ist zuerst am Ziel? Der Mensch sitzt still, die Maschine rennt sich außer Atem. Ganze Bevölkerungsmassen hebt sie so über Ströme und Gebirge dahin, von Ozean zu Ozean. Der Wandersmann hemmt seinen Schritt, versonnen, an seinen Stecken gelehnt; auch er beginnt plötzlich zu fliegen, aber nur sein Gedanke ist es, der fliegt; die Gegenwart versinkt, der Gedanke trägt ihn im Nu in die fernsten Vergangenheiten. So mich, und den Leser mit mir. Denn nichts ist reizvoller als das Vergleichen. Dereinst hat die Kultur der Griechen und Römer ohne alle Kohlenindustrie ihre vielbewunderte Höhe erklommen, und schon das römische Kaiserreich hat die ganze damalige gebildete Menschheit und eine Fülle von Nationen zu einer großen Verkehrseinheit zusammengefaßt. Die antike Heerstraße taucht vor uns auf, der Falernerwein und sein Versand, die Depeschenboten des Senats, der Vergnügungsreisende, der es in Rom nicht aushält, der Apostel Paulus, dessen Wirken ohne angemessene Beförderungsmittel nicht denkbar war. Wenn Paulus Briefe schrieb, so mußten sie auch befördert werden; wenn er von Jerusalem nach Korinth und Rom wollte, so mußte ein Passagierschiff ihn mitnehmen. Hat das antike Verkehrswesen seinen Aufgaben genügt? und läßt es sich mit dem heutigen annähernd vergleichen[63]?

Tafel 4
Weintransport, Wandbild aus Pompeii.
(Neapel, Museo nazionale.)
Modernes Verkehrsleben. Ruhe des Südens.

Wir betreten die sonnigen Länder des Mittelländischen Meeres. Da fehlt jede Hast; alles atmet die Ruhe des Südens, der Antike. Die Affekte der Menschen sind lebhaft und heiß, der Arbeitstrieb dagegen ist gemächlich und liebt das Ausruhen. Die Straße belebt das Maultier, das Ochsengespann, und am Lastkarren kreischen die Räder, die schwere Radscheiben sind, wie man sie jetzt noch in der Türkei hat. Dies unser erster Eindruck. Daß wir heute die Lokomotive lateinisch benennen, ist ein närrischer Umstand; ebenso ist Veloziped lateinisch. Aber modernes Latein; der Römer kannte diese Wörter nicht. Wohl aber ist das „cito“, das wir früher auf unsere Eilbriefe setzten, römisches Erbe; lateinisch auch der „Kurs“ unserer Kursbücher und die „Stationen“. Sobald aber die physikalische Wissenschaft eingreift und ihre Erfindungen bringt, stellt sich das Griechisch ein. Mit „Auto“ bezeichnen wir, was immer sich automatisch bewegt. Auch „elektrisch“ ist griechisch, griechisch „Telephon“ und „Telegraph“; die Doppelsilbe „Tele“ bedeutet uns alle Fernwirkung ins Endliche und Unendliche, und es ist darum zu verwundern, daß wir unser Geschütz Mörser und Kanone und nicht lieber „Telemach“ nennen. Denn Telemach, des erfinderischen Odysseus Sohn, ist eben der aus der Entfernung Kämpfende.

Das alte Griechenland war freilich viel zu winzig, um selbst praktisch vorzugehen. Denn in zwei Tagen lief ein Läufer von Hauptstadt zu Hauptstadt, von Athen nach Sparta[64]. Was wollte man mehr? Wozu erst durch das wilde arkadische Gebirge Straßen schlagen? Auf der felsigen Insel Rhodos fuhr überhaupt nie ein Wagen[65]. Der Schnelläufer (der Hemerodrom) war Griechenlands Ruhm, und er genügte. Wohl aber hat uns Griechenland die Ideale geliefert: es ersann den Botengott Merkur, der mit dem Stab und auf dem Flügelschuh durch die Luft springt. Darum schmückt Merkurs Gestalt noch heute bei uns tausend Bahnhöfe. Er ist der intelligente Bote, und alle Meldung richtet er nur mündlich aus. Anders die Göttin Iris, die die Briefpost vertritt. Wie der Regenbogen schnellt Iris durch den Äther, aber der Gottvater Zeus traut ihrem Gedächtnis nicht und gibt ihr seinen Auftrag oft schriftlich in die Hand: Himmelsbriefe, die jedem Sterblichen sein Schicksal, Freudiges und Trauriges, bringen[66]. So ist es mit den Briefen auch noch heute.

Griechen, Perser, Karthager. Späte Entwicklung Roms.

Nicht Hellas, sondern das große Perserreich des Darius hat dereinst vorbildlich das Straßenwesen und Nachrichtenwesen entwickelt. Im Buch Esther lesen wir vom bösen König Ahasver, der dort von Indien bis zum Mohrenland herrscht. Der König erhebt sich im Grimm und schickt an einem Tage an alle seine „hundertsiebenundzwanzig Länder“ Boten mit dem schriftlichen Erlaß der Judenverfolgung; jeder Erlaß in anderer Landessprache. Da sehen wir, so kurz die Worte sind, die große staatliche Organisation des Meldewesens, das damals über Persien und die ganze Türkei ausgriff, vor Augen. Daher auch die persischen „Parasangen“, die Meilenmessung der Straßen, und die „Angaren“ (berittene Eilboten), von denen der alte Herodot uns redet. Die Karthager waren die Schüler der Perser und haben dann alles dies in ihrem nordafrikanischen Landbesitz früh nachgeahmt. Die raschen Züge und Ritte Hannibals und anderer punischen Führer setzten unbedingt einen hochentwickelten Straßenbau voraus. Das straßenlose Meer dagegen haben die Griechen, diese echtesten Seeleute, im Wettbewerb mit den Phöniziern, erschlossen, das Meer, das für den Schwimmer selbst Straße ist. Wundervoll schön und reich entwickelt war die schlanke Triëre, das griechische Kampfschiff, das wie ein Tausendfüßler auf seinen Rudern daherschoß; nützlicher das Frachtschiff, das in der Größe unserer Briggs und Schoner mit hohen Segeln und starken Masten sich in die Wogen legte und in langen Karawanen durch die Wasserwüste Poseidons zog, um Gefäße und Metallwaren, Korn und Wein, Baumaterial und tausend Rohstoffe und Industriewaren im Austausch von den Mutterstädten in die fernen Kolonien zu tragen.

Wie anders das Römervolk! Ein wasserscheues Bauernvolk war es von Haus aus, träge und bis zum Stumpfsinn unbeweglich, und hat erst spät, erst als das Bedürfnis dringend wurde, all jene Dinge dem regsamen Ausland abgelernt. Die Zeit der lokalen Kleinkriege war vorüber; die Verhältnisse zwangen plötzlich zu großen Leistungen, und sogleich half den Römern die griechische Intelligenz. Die griechischen Techniker machten alsdann alles. Der herrische Römer ließ andere für sich arbeiten, aber er wußte treffsicher mit politischem Weitblick und Scharfblick die Ziele zu setzen. Charakteristisch ist, daß der Eigenname „Cursor“, der „Läufer“, nur an einer römischen Familie, der Papirier, haftete. Vom Papirius Cursor redet uns der Historiker Livius. Der haltungsvolle Römer lief sonst nicht gern; der alte Papirius fiel durch seine Schnellfüßigkeit auf[67].

Stadtklatsch. Ausrufer. Maueranschläge. Brieftafel.

Die Hügelstadt Rom selbst besaß in ihrem Inneren nur wenige fahrbare Straßen wie die „via lata“, auf denen die Transporte in die Stadt per Achse kamen (die „sacra via“ war Prozessionsstraße). Man schritt und kletterte sonst nur durch schmale Gassen (clivi und vici), die man darum zusammenfassend „Gänge“, itinera (von ire), nannte. Aus Gängenvierteln und einigen Marktplätzen bestand die Stadt. Die müßige Menge sammelte sich, wie es noch heute im Süden ist, an gewissen Standorten, und sie war nun auch ihr eigener Bote und Berichterstatter; geschah etwas Neues, so rauschte es in der Stadt gleich von Mund zu Mund. Wenn die Senatoren beraten, staut vor der Sitzungshalle sich die Menge und lärmt so lange, bis jemand notgedrungen heraustritt und die Neugier vorläufig befriedigt. Heulender Protest erhebt sich, wenn ein mißliebiges Edikt herauskommt[68]. Ein Gesetz gegen den Frauenluxus soll es geben; der strenge Cato ist am Werk: da rotten sich die Weiber, die davon hören, an allen Kreuzpunkten, umstellen geradezu das Forum, so daß ihnen kein Mannsbild entgeht, und bearbeiten sämtliche Stimmfähigen, damit der böse Antrag zu Fall kommt[69]. Agitation und Klatsch: das ist römisches Straßenleben. Es verlautet, daß ein gewisser Rutilus gestern ein glänzendes Essen gegeben hat, und Rutilus ist doch so arm! Gleich wissen das alle Müßigen, und das Räsonnieren geht los, in den Tempelvorhallen, in den Thermen und Friseurbuden[70].

Aber auch das Ausrufen ersetzte die Meldung. Das Kalenderwesen war schwierig; das Publikum mußte wissen, wie in jedem Monat gewisse Termine lagen; an jedem Ersten erschien auf dem Kapitol ein Priester (pontifex) und rief den Eintritt der „Nonen“ aus[71]. Dazu nun die Ausrufer von Beruf, die die Stadt bezahlte, jene altmodischen Figuren, die wir auch in unseren deutschen Kleinstädten noch vor etwa 50 Jahren an den Straßenecken regelmäßig tätig sahen, als Ersatz für Tageblatt und Lokalanzeiger. In Rom fehlte ihnen die Schelle; sie hatten nur ihr dröhnendes Organ und verkündeten nicht allein lautschallend die Angebote bei den Auktionen, sondern auch Wichtigeres: „Morgen, ihr Bürger, die feierliche Beisetzung des großen Aemilius Paulus, der den König von Mazedonien besiegte; als Leichenspiel wird eine Fabel des Terenz gespielt;“ oder: „Die Gladiatoren aus Capua sind da; morgen wird das Forum für sie mit Sand bestreut.“ Auf demselben Forum Roms, diesem Zentrum der Weltgeschichte, finden die Herren Senatoren sich natürlich täglich zusammen; Cicero steht da plaudernd mit Pompejus und Lukull, macht seine Witze und freut sich, wenn Lukull ihn freundlich zu Tisch einladet: da fährt der Ausrufer dazwischen und schreit: „Die Sitzung geht an!“ und die Herren schieben sich in die Kurie, um über die Eroberung Galliens oder über die Schulden des jungen Königs von Ägypten zu beraten.

Aber auch das schriftliche Verfahren bestand. Durch Anschrift an den Mauerwänden wurden die neuen amtlichen Verfügungen bekanntgegeben. So, wie heute der Landrat im „Blättchen“ seinen Kreis zur Feststellung der Menge des vorhandenen Schlachtviehes auffordert oder mitteilt, daß die Blutlaus den Obstbau schädigt und daß von ihrem Auftreten der Behörde sofort Anzeige zu machen ist, so las das Publikum damals im Maueranschlag das neue Korngesetz oder den Wehrbeitrag, den der Bürger fortan zu zahlen hatte. Am Schluß des Jahres gab es in gleicher Form ein Verzeichnis aller wichtigen Jahresereignisse, von den Schlachten an, die der Römer wieder einmal gewonnen hatte, bis zum fünfbeinigen Kalb, das irgendwo auf dem Lande geboren war, und jeder konnte sich Abschrift nehmen von dem, was ihn anging. Proskriptionen hießen solche öffentlichen Maueranschläge. Als Sulla seine Menschenhetze eröffnete, gab er in derselben Weise die Namen seiner Opfer vorher in allen Straßen Roms bekannt, am ersten Tage 80 Namen; an den folgenden ging es in die Hunderte. Dadurch sind die unschuldigen Proskriptionen zu einem Wort des Schreckens geworden; es waren „Anschläge“, die der Tyrann auf das Leben seiner Mitbürger machte.

Archive. Die ersten Straßen. Telegraphie. Meldedienst.

So gab es im städtischen Verkehr viel zu lesen. Aber man las und schrieb natürlich noch viel mehr. Persönliche Grüße und Wünsche kreidete man den Freunden und Freundinnen an ihre Tür oder auf den Türpfosten, oder auch der Sklave kam mit einer schriftlichen Ausrichtung ins Haus und ersuchte, die Antwort gleich wieder mitnehmen zu dürfen. Die Wachstafel war eine hochwichtige Sache, und man hatte sie immer zur Hand; der Diener, ohne den niemand ausging, hielt sie bereit. Alles das Schreibwerk war rasch vergänglich, unendlich viel bedeutsamer dagegen die Gotteshäuser, ich meine die Außenwände der Tempel. Da waren in monumentalen Bronzetafeln wie für die Ewigkeit alle wichtigsten Dokumente, die Staatsgesetze, die Bündnisverträge Roms mit auswärtigen Völkern befestigt und aufgehängt. Solche Tafeln sah man zu Tausenden. Bei dem Tempelbrand auf dem Kapitol des Jahres 69 n. Chr. gingen allein 3000 zugrunde[72].

Soweit die enge Hauptstadt selbst. Sobald aber die treibenden Lebensinteressen über die Stadtmauern hinausreichen, da wird die Landstraße nötig und der Überlandbote oder Kurier. In dem Bauernland Italien gab es zunächst nur ungepflegte Kommunalstraßen und Feldwege oder Vicinalwege, die durch das Ackerland von Dorf zu Dorf führten und die der Anwohner in Ordnung hielt[73], und damit hat sich das siegreiche Rom 400 Jahre lang begnügt. Erst nachdem es das Umland Neapels, das schöne Kampanien, erobert hatte, führt Rom im Jahre 312 v. Chr. die erste festgedämmte Chaussee, die unter staatlicher Aufsicht stand, die berühmte Via Appia, südwärts bis nach Capua. Erst in den Jahren 241 und 220 kommen dann die Via Aurelia und Flaminia hinzu, die beide nordwärts nur bis Pisa und Rimini reichen. Hannibal, der im Jahre 218 in Italien einrückte, konnte diese Straßen schon benutzen. Sonst blieb der Römer auch noch im Hannibalkriege mit seinen zahllosen Marschanforderungen ganz auf die dörflichen Fahrwege alten Stils angewiesen.

Ebenso unausgebildet aber, bis zum Stumpfsinn, war damals auch noch das Nachrichtenwesen, der militärische Meldedienst. Meldungen mit Fanalen, mit Leuchtfeuern sind völlig oder fast völlig unbekannt; auch die Taubenpost hat der Römer nie ausgebildet, obwohl doch die Tauben schon damals, wie heute in Venedig, Heuschreckenschwärmen gleich, um alle Dächer flogen. Im 2. Jahrhundert v. Chr. erfand der geniale griechische Historiker Polybius im Dienste des ersten Feldherrn der Zeit, des jüngeren Scipio Africanus, die eigentliche Telegraphie im heutigen Wortsinn. Wir kennen das telegraphische System des Polyb genau; es war eine wirkliche Vorwegnahme unserer Morsetelegraphie; aber es blieb auf dem Papier stehen und ist nie zur Anwendung gekommen, und 2000 Jahre haben vergehen müssen, bis es in neuer Form wieder auferstand. Der genannte große Feldherr winkte einfach ab. Solche Sache war für den grobsinnigen Römergeist zu fein und kompliziert; man wäre dadurch, wo es sich oft um Geheimmeldungen handelte, zu sehr in Abhängigkeit vom dienenden griechischen Personal geraten; denn die Griechen hätten den technischen Apparat auf alle Fälle bedienen müssen.

Wie tropfenweise und spät die politischen Nachrichten damals noch in der Hauptstadt eingingen, zeigt uns des Livius Geschichtserzählung[74]. Wir sehen dabei, wie aus dem Luftschiff, von oben in die Stadt Rom hinein. Hannibal hat soeben am Trasimenischen See gesiegt. Ein einzelner Bote taucht in Rom auf mit der vagen Nachricht, und der Schreck, der entsteht, ist grenzenlos. Das Volk staut sich auf dem Markt; die Matronen irren in Scharen durch die Gassen. Ein endloses Fragen den ganzen Tag. Niemand weiß etwas. Man ruft nach den Magistraten, die sich verstecken. So ist es ja immer, daß die Regierungen Unglücksnachrichten unterdrücken wollen. Endlich, als es Abend wird, tritt wirklich der Praetor Pomponius heraus und bekennt wortkarg: „Wir sind in einer großen Schlacht besiegt.“ Bestimmtes weiß auch er noch nicht; aber das Gerücht geht um: „ein Konsul ist tot; zahllos die Gefallenen.“ Jeder bangt um seine Söhne. Indes vergehen noch mehrere Tage; die Weiber postieren sich in Haufen an den Stadttoren auf, um den ersten Flüchtling, den ersten Boten abzufangen. Es hat also tagelang, trotz der Nähe des Schlachtfeldes, an Eilboten, die der Staatsbehörde die offizielle Meldung brachten, gefehlt: bis endlich wirklich die Erwarteten kommen, und das endlose Ausfragen beginnt. Natürlich fehlen dann auch Ohnmachten und Schlaganfälle nicht. In den Armen ihres Sohnes verscheidet eine Römerin; eine andere rührt der Schlag infolge einer Falschmeldung.

Gesandtschaften. Eilmärsche. Ausbildung des Straßenwesens.

Nicht besser die Beweglichkeit der damaligen Diplomatie im Ausland. Hannibal belagert Sagunt in Spanien; eine römische Gesandtschaft sucht ihn dort auf, um dagegen Protest zu erheben. Hannibal läßt sie gar nicht vor. Da machen sich die römischen Herren nach Karthago selbst auf, um dort gegen ihn zu wühlen, denn Hannibal hat in seiner Vaterstadt zahlreiche Feinde. Aber Hannibal selbst schickt gleich seine Eilboten, die viel schneller sind, dorthin, und als die Römer in Karthago glücklich anlangen, ist Rat und Bürgerschaft schon völlig in Hannibals Sinn bearbeitet[75]. Bald danach setzt Hannibal über den Ebro und will, um Rom anzugreifen, durch Südfrankreich, durch das gallische Land. Da kommen, um das zu verhindern, römische Gesandte zu den Galliern und fordern: die Gallier sollen das punische Heer nicht durchlassen. Schallendes Gelächter empfängt sie. „Ihr kommt zu spät,“ heißt es, „Hannibals Gesandte waren schon längst hier; der Vertrag ist mit ihm längst geschlossen, der Durchzug gewährt[76].“ Protzig und träge, das war das altrömische Wesen. Die Barbaren lachten mit Recht.

Aber so blieb es nicht. Eben jetzt lernte der Römer in der höchsten Not vom Feinde. Hamilkar hieß der „Blitz“, er hieß Hamilkar „Barkas“; Hannibal, sein Sohn, war so blitzschnell wie er. In Scipio Africanus, dem älteren, aber erstand dem Hannibal ein großer Nachahmer, und durch ihn veränderte sich alles. Auch dieser Scipio hieß „der Blitz“[77]. Von da an beginnen die oft erstaunlichen römischen Rapidmärsche im Felde. Für den normalen Tagesmarsch setzt Vegetius in seiner Schrift über das Heerwesen 30 km an[78]. Scipio aber zog damals vom Ebro nach Cartagena in Spanien in 7 Tagen, also täglich 60 km[79]. Darf man auch solche Angaben nicht allzu genau nehmen, auf alle Fälle ist die erstaunliche Schnelligkeit der Bewegung fortan ein Vorzug vieler römischer Feldherren; ich nenne Lukull, Caesar, Trajan, wobei der Zweck ist, den unfertigen Gegner zu überraschen, wie es Hannibal tat. Gewiß hat dies Caesar von Lukull gelernt. Wichtig war auch das Pferdematerial. Erst seit Spanien erobert war, hatte man auch gute Pferde, und das schnelle Reiten begann, die berittenen Eilboten oder Staffetten (equites citati)[80].

Seit jener Zeit gestaltete sich nun alles anders. Bald war ganz Italien mit musterhaften, chaussierten Heerstraßen versehen, und in ihrem Dienst entwickelte sich der Brückenbau, der Tunnelbau. Unter den Kaisern aber durchschnitten sie zielbewußt weitausholend und verhundertfacht die ganze damalige Welt, und es gab für den Reisenden direkte, durchgehende Verbindung von Rom nach Marseille, Lyon, Paris; von Marseille nach Toledo; von Rom nach Wien; großartig vor allem die Straße, die von Lyon über Straßburg, Ulm, Regensburg, Wien, immer die Donau entlang, direkt bis zur Donaumündung, bis zur Dobrudscha lief. Sie verband den Abend mit dem Morgen, Spanien mit dem Schwarzen Meer, und das gab Anschluß bis zum Euphrat. Es gemahnt an unsere Bagdadbahn. Noch in Napoleons Ära hat das moderne Europa diesem Straßenwesen nichts annähernd Gleichwertiges zur Seite zu stellen gehabt; ich meine jene harmlosen Zeiten der Stellwagen und Kutschen, in denen unsere Vorväter, Chodowieckis Zeitgenossen, mit Brezeln und Koteletts und anderen Lebensmitteln für volle acht Tage sich verproviantierten, um von Berlin nach Wien zu kommen, und dabei auf den tiefen Sandwegen im fliegenden Staub erstickten oder im Morast versanken, der bis zum Kutschbock hochspritzte.

Gallisches Fuhrwesen. Das Heer a. d. Marsch. Train. Kauffahrer.

Aber, merkwürdig genug, das Fuhrwesen hat wiederum der Römer nicht selbst ausgebildet. Das Schiffahrtswesen nahm er von den Griechen, die Straßenbautechnik von den Puniern und Griechen, das Fuhrwesen von den gallischen Barbaren. Der Römer hat zur Bezeichnung des Wagens selbst nur wenige Worte zur Verfügung. Die Gallier saßen in der norditalienischen Ebene um Mailand, und von ihnen übernahm man die verschiedensten und brauchbarsten Wagenformen, vor allem den Reisewagen (raeda) und das Kabriolett (cisium). Sogar in Smyrna, in Kleinasien, fuhr man damit[81]. Auch die gallischen Maultiere (mulae Gallicae) hatten als Bespannung den Vorzug[82]. Im Jahre 222 v. Chr. wurde Nord-Italien endgültig römischer Besitz; aber das gallische Fuhr- und Spediteurwesen bleibt dort seßhaft noch in Caesars Zeiten. Damals verhöhnte Vergil den Spediteur Sabinus in Cremona. Vor allem aber ist jener Ventidius Bassus berühmt, der das ganze Transportwesen für Caesars große Kriege in der Hand hatte: ein Emporkömmling bäurischer Herkunft aus der Gegend zwischen Venedig und Ancona, der sich schon als junger Kerl betriebsam auf den Dörfern Maultiere und Wagen zusammengekauft hatte. Bald wurde sein Speditionsgeschäft bekannt; die römischen Herren mieteten seine Wagen, und so kam er schließlich auch zu Caesar in Beziehung. Da ging der Betrieb gleich ins Kolossale; Ventidius wurde der größte Kutscher der Weltgeschichte; er wurde kraft seiner Leistungen sogar Senator, Konsul, wenn schon er wohl immer noch nach dem Stalle roch. Man begreift das Entsetzen der gebildeten Welt.

Herbei, ihr Vogel- und Eingeweideschauer Roms:
hier ist ein neu Mirakel, wie ihr noch keins geschaut.
Der Maultierstriegler von Beruf ist Konsul jetzt!

Diese Verse las man damals an den Straßenmauern Roms[83].

Die berühmten römischen Fahrstraßen hießen „viae“, und „viae“ kommt von „vehere“, „fahren“, her. Wegen des Fahrens die feste Dämmung. Kein Wagen konnte da einsinken. Gleichwohl sind sie Militärstraßen gewesen und im Dienst des Krieges entstanden; aber die Truppen wurden natürlich nie per Achse befördert[84]. Sie marschierten nur, und auf dem harten Basaltpflaster der Militärstraßen marschierte es sich gewiß nicht gut. Sogar die Offiziere, sogar die Höchstkommandierenden hielten oft mit Schritt. Sie fuhren nicht, aber sie ritten auch nicht. So, zu Fuß, ist Marius von Rom aus gegen die Teutonen ausgezogen, hat Caesar z. T. Frankreich durchmessen. Es war ein Ruhm des Feldherrn, wenn er dasselbe leistete wie der geringste Mann. Nicht anders Trajan in Dacien[85]. Mark Aurel war freilich dazu zu schwächlich, als er durch Siebenbürgen bis nach Böhmen vordrang; daher sein Reiterstandbild. Er mußte reiten. Nicht also für die Truppen selbst, sondern vielmehr für den Wagentroß, der dem Heere folgte, waren jene Militärstraßen chaussiert. Ließen die Soldaten den Train hinter sich, so hießen sie expediti, „die da fußfrei einhergehen“; so konnten sie wesentlich rascher und auch auf schlechten Wegen vorankommen; und davon hat die „Expedition“ ihren Namen, die ursprünglich die kurzfristige Unternehmung ohne hemmenden Troß bedeutet hat[86]. Gleichwohl war ein Feldzug ohne Train (commeatus), ohne Beigabe von Proviantmassen, von Gerät und Geschützen, wie ein Flug ohne Flügel, wie eine Lokomotive, die kein Wasser hat. Wir wissen das auch heute.

Nun aber der Kaufmann! Auch er strebt hinaus über die Landesgrenzen. Wer aber wird glauben, daß die Kaufmannswelt sich an jene Musterstraßen gebunden fühlte? daß sie nicht schon vor ihrem Vorhandensein weit ausgriff und rege war? Nicht der Krieg erschließt die Welt; der Handel schafft sich selber Wege, auch unter Menschenfressern und Kannibalen, und ob er über den schwindelnden Saumpfad klettern, durch endlose Wälder und grundlose Sümpfe sich drängen muß, ob er mit der Wüstenkarawane der Fata Morgana nachrennt und von Stürmen über fremde Meere sich tragen läßt. Ostindien, Westindien, das Goldland am Niger, die Bernsteinküste der Ostsee, der Kaufmann war es, der sie entdeckte. Um neue Absatzgebiete, um neue Produkte für die Einfuhr zu entdecken und in seine Hand zu bekommen, stürzt er sich in alle Gefahren. Italiens Hauptexportartikel war sein wundervoller Wein, der in mannigfaltigsten Sorten und in Fülle gedieh. Viele Marken waren schwer berauschend, und der Barbar kaufte sie mit Gier, wie der Chinese das Opium. So kam der Wein Italiens schon früh zu den Galliern, Spaniern und Germanen. Schwer belastet trugen die Flußschiffe die gefüllten Fässer die Rhone und Saône hinauf und den Rhein hinab, und wo Flüsse fehlten, kamen die Lastkarren mit kreischendem Rad. An allen Küstenplätzen, Cartagena, Toulouse, ja auch im Inneren der eroberten Gebiete setzten sich die römischen Händler fest, bildeten Gesellschaften und vertrieben als solche die Landesprodukte, verarbeiteten, verluden sie und schafften sie nach Rom, dem großen Konsumenten und Magen, der alles verschlang. Freilich betrieben das die römischen Herren zumeist nicht in Person, sondern durch ihre Freigelassenen, denen ihr Kapital und Kredit zur Verfügung stand und die hernach selbst unter die reichen Bürger mit aufrückten.

Welthandelsverkehr. Römerstraßen der Kaiserzeit. Das Reisen.

Aber nicht nur in den Nordländern: in dicken Massen, wie Schmeißfliegen auf der Wunde, saßen die römischen Händler und Wucherer im unterjochten Kleinasien. Man staunt, zu hören, daß der letzte große Rächer des Griechentums, Mithridates, dort an einem Tag bis zu hunderttausend Römer aufgreifen und töten ließ, indem er die Wut der Griechen auf sie hetzte. Karthago, Korinth mußten fallen, Rhodus, Athen, auch Marseille völlig geschwächt werden, damit der „mercator“ Roms alles in seine Hand bekam, und er warf nun aus allen fruchtbaren Gegenden das Getreide nach Rom, lieferte indische Gewürze und Edelsteine, Bauholz vom Schwarzen Meer, feines Holz für die Möbelschreiner aus Marokko, Sklavenmassen aus Syrien und was sonst die Welt hergab, vom gallischen Schinken bis zu den erhabenen griechischen Götterfiguren, mit denen man Promenade und Park verzierte. Silbergruben, Bleigruben erwarben sich die Konsortien in den Provinzen, produzierten selbst Fischbrühe in Spanien für den Massenversand, der in mächtigen Krügen mit der Aufschrift „Fischbrühe der Kompagnie“ (garum sociorum) geschah, ernteten das Pfriemengras (spartum), das in Spanien wild wuchs und aus dem man Matten und Seile machte, brachten gar die altägyptischen Papyrusfabriken in ihre Hände usf. Der Import in Italien übertraf den Export wohl vielhundertfach; aber Rom hatte Geld und konnte alles zahlen. Das Großkapital saß in Rom und nährte sich und schwoll durch ungeheuren Zinswucher. Es sollte freilich die Zeit kommen, wo die römische Kultur in den Provinzen das Mutterland Italien gewaltig überholte. Da versank Italien und Rom endlich in zunehmende Verarmung. Es war wie Rache und Vergeltung.

Wie nun dieser Warenaustausch durch den Bau der römischen Heerstraßen, der sich in die fernsten Fernen erstreckte, befördert worden ist, begreift sich leicht. Unaufhaltsam Menschen suchend, dringt die Straße von Siedelung zu Siedelung und bietet ihre Gaben an, sättigt überall tausend alte Bedürfnisse und erweckt tausend neue, wie heute die Eisenbahn, und knüpft so die Völker zur Menschheit zusammen. Bequemer freilich und billiger war damals wie heute der Wassertransport, und das Mittelmeer stand allen offen und trug gutwillig alle Lasten, wofern nur ein günstiger Wind die Segel schwellte. Das Mittelmeer war die Hauptverkehrsstraße der alten Welt.

Wir aber verweilen zunächst noch auf dem Lande. Die Lastfuhren drängten sich. Aber nicht nur der Kaufmann füllte die Landstraßen, sondern auch der Reisende. Allein schon die hohen Herren Verwaltungsbeamten, die mit großem Personal in die Provinzen eilten und oft jährlich wechselten. Aber auch die Gesundheits- und Vergnügungsreise gedieh; auch die Neugier trieb hinaus in die Ferne; die Straße ermöglichte das. Straßenräuber und Piraten gab es kaum noch, und man streute sein Geld, indem man durch die Länder bummelte, und erzählte Wunderdinge, wenn man nach Hause kam. In manchen Tempeln geschahen Wunderheilungen, und ganze Wallfahrten zogen dahin. Übrigens ging der Schwindsüchtige wie heute gern nach Ägypten oder an die Riviera. Auch die Heilquellen von Teplitz, Baden bei Zürich und Bath in England haben die alten Römer schon benutzt. Aber auch diese Gesundheitsreisen dienten zugleich oft genug dem flotten Luxusleben und dem unersättlichen Verlangen nach Zerstreuung. Man hatte Zeit, und es galt sie totzuschlagen. Die Straße stand dem Händler, sie stand auch dem Müßigen offen.

Reiseziele. Gattungen des Wagens. Prunk.

Ständig strömten die Provinzleute nach Rom; das begreift sich; man mußte einmal im Leben in Rom gewesen sein, oder man wollte einmal den Kaiser gesehen haben oder auch andere berühmte Männer, wie den Vergil oder Livius. Der Römer selbst dagegen weidete, wenn er reiste, alle Sehenswürdigkeiten der Griechenstädte ab; denn er war nun einmal Griechenschwärmer von Erziehung. Parthenon und Olympia, die Diana von Ephesus, der Koloß von Rhodos, die Venus von Knidos, der Eichbaum, unter dem Alexander der Große während der Schlacht von Chäronea sein Zelt gehabt hatte, alles wurde mit Hilfe der Reiseführer umständlich besichtigt; natürlich auch die Pyramiden und Sphinxe und heiligen Ibisvögel am Nil. Daher das Horazgedicht: Andere mögen Rhodos loben und Mitylene; ich liebe mein Tivoli am rauschenden Aniofluß. Wozu nach Smyrna reisen? so fragt derselbe Horaz: Ob du hier in Rom oder in dem verwunschensten Nest sitzt: wer gesunden Sinn hat, ist überall glücklich; wo immer du bist, lebe in Anmut!

An den Straßen gibt es in gewissen Abständen Stationen für Pferdewechsel, und da ächzen nun all die schweren Last- und Möbelwagen (plaustra) über Land und die Karren mit Bauholz (carri). Sie halten an; denn da kommt im Trab eine gedeckte Kutsche mit vier Pferden daher (raeda), eine ganze Familie darin, das Reisegepäck hinten auf. Elegante Leute fahren sausend im vergoldeten oder silberbeschlagenen Wagen (essedum) mit Beduinen als Vorreitern; für Damen ist wieder eine besondere Wagengattung (das carpentum) bestimmt, auch diese schön und kostbar: darin fahren die Frauen zum Gottesdienst; so kutschiert Cynthia, des Properz Geliebte, selbst rosselenkend zur Fütterung der heiligen Schlange nach Lanuvium; zwei Ponys mit gestutzter Mähne hat sie vorgespannt. Alle diese Fahrzeuge aber überholte das auch noch heute in Italien so beliebte zweiräderige Gig oder Kabriolett (cisium) mit dem Schnelltraber, oft nur ein simpler, offener Kasten auf zwei Rädern, der vor allem dem Geschäftsreisenden diente. Die Gäule und Mäuler tragen Hufeisen, das jedoch die Form eines vollständigen Schuhes hat; sie werden auch nicht wie heute an Stränge oder in die Deichselgabel eingespannt, sondern vorn an der Deichselstange ist ein Joch, an dem sie ziehen.

Einmal begegnen wir auch dem Philosophen Seneca auf der Landstraße. Der reiche Mann ist der Verfechter stoischer Gesinnungen. Er fährt da mit einem Freund und ein paar Dienern, durch irgendwelchen Umstand veranlaßt, ohne Gepäck, auf einem gemeinen Bauernwagen. Aber die Scham befällt ihn, als ihm immerfort die eleganten Reisenden aus Rom, die ihn z. T. gewiß persönlich kannten, auf der Straße begegnen, und er ärgert sich über seine Scham. Da kommen sie gefahren mit fetten Paradehengsten oder spanischen Rennern und Zeltern; um im Wagen zu speisen, haben sie goldenes Tafelgerät mit, und ungeheurer Staub wirbelt auf, denn Schnelläufer oder afrikanische Vorreiter eilen vor ihnen her, um mit Gewalt Platz zu schaffen, weil die Straße mit Wagen gestopft ist. Als Bedienung werden außerdem noch junge schöne Pagen hinterhergefahren, deren Gesicht mit Schminke belegt ist, damit ihre zarte Hautfarbe nicht durch die Sonne leide. „Wohin,“ ruft da Seneca, „ist die Zeit eines Cato, der sich noch dereinst mit einem einzigen Klepper begnügte?“ Cato ritt durchs Land und brauchte das Tier nicht einmal ganz; denn einen Teil nahm der Reisesack ein, der rechts und links vom Sattel herunterhing[87].

Handelshafen; Handelsschiffe. Erholungsreisen der großen Herren.

Da sehen wir einmal, flüchtig angedeutet, den Betrieb auf der Via Appia, die Überfüllung der italienischen Landstraßen. Überfüllter aber war noch das Mittelmeer, und uns öffnet sich endlich auch der Blick auf die See. Die Landstraße führt den Seneca nach Puzzuoli (Puteoli), den großen italienischen Welthafen jener Zeiten, die Reiseherberge der ganzen Welt[88]. An die zwanzig Molen streckten sich da, festgemauert, ins Meer, zwischen denen die Schiffe Anker warfen. Seneca erlebt, wie die Schiffe aus Alexandria dort in Sicht kommen; es sind Kurierschiffe, die melden, daß die große Flotte mit den Warentransporten aus Ägypten bald eintreffen wird. Auf allen Molen stehen da die Menschen in dicken Haufen, die sich drängen und hinausspähen: der alexandrinische Schiffstypus wird von ihnen festgestellt; an der Art der Segel erkennt man ihn; denn keine anderen Schiffe setzen sonst auf der Strecke zwischen Kapri und Puzzuoli das Toppsegel (supparum) auf. Seneca selbst hält sich indes fern; er erwartet zwar wichtige Postsachen aus Ägypten, aber er bezähmt seine Ungeduld[89].

Einen anderen Ton schlägt der Satiriker Juvenal an. In dem grimmigen Ton, der ihm eigen ist, belebt er uns das Meer, indem er den Kauffahrer mit dem Seiltänzer, der für Geld sein Leben wagt, vergleicht. Von Kreta kommt die Brigg mit Flaschen voll Rosinenwein und Säcken, die schon von weitem nach Gewürzen riechen, daher. Millionär will der Kauffahrer werden. Das wollen sie alle. Ja, sieh nur die See, wie sie voll ist von Gebälken! Der größte Teil der Menschen lebt heut auf dem Wasser. Daher ist uns auch das Mittelmeer zu eng geworden; man fährt jetzt, an Gibraltar vorüber, auch dreist in den offenen Atlantischen Ozean, wo die Welle aufzischt, wenn die heiße Sonne in ihm untergeht. Unter Kuratel sollte man den Wahnsinnigen stellen, der seinen Zweimaster bis zum Rand mit Waren überfrachtet, so daß die Welle fast über Bord schlägt. Getreide und Pfeffer hat der Mann zusammengekauft. Ein Gewitter kommt. „Löst das Ankertau,“ ruft er trotzdem; „das bißchen Wolken hat nichts zu sagen.“ Morgen aber ist er vielleicht schon als Schiffbrüchiger ins Meer gestürzt und möchte sich retten; aber er schwimmt nur mit der linken Hand, weil er mit der rechten und mit den Zähnen die Geldkatze festhält[90]. Die Zahl der Schiffbrüchigen war im Mittelmeer zur Zeit des Altertums in der Tat unendlich viel größer als heute — als ob dort deutsche Unterseeboote am Werk wären.

Lassen wir indes den Zorn Juvenals verrauschen, der sich gegen die Geldgier des Kaufmanns richtet. Sein Zorn ist selbst wie Sturm. Eine wirkliche Erholung war das Reisen gelegentlich für die großen Staatsmänner und Feldherren. Mark Anton hatte nach dem großen Sieg bei Philippi endlich sich zum Herrn des Orients durchgerungen; schlachtenmüde erholte er sich danach einige Monate lang in Hellas und Kleinasien (warum sollte er es nicht so gut haben wie andere?), sah sich leutselig die berühmten Wettspiele an, ließ sich über griechische Altertumskunde vortragen und war dabei aufgeräumt und überlustig. Als auch die Winkelstadt Megara ihn um seinen Besuch bat und ihm ehrgeizig ihr altertümliches Rathaus zeigte, sagte er nichts als: „Klein, aber verwahrlost.“ Es war schwer, dem großen Herrn zu imponieren. Genaueres teilt uns Tacitus über des Antonius Enkel, den liebenswürdigen kaiserlichen Prinzen Germanicus, mit. Es ist der Germanenbekämpfer der Jahre 14 bis 16 n. Chr. Drei Jahre hatte Germanicus im rauhen Norden gestanden, durch die tiefen Wälder und Sümpfe des wilden Germaniens seine Legionen zum Kampf getrieben, auf der tosenden Nordsee persönlich schwersten Schiffbruch gelitten, als Tiberius ihn nach Syrien entsandte; er sollte nunmehr sogleich den Osten verwalten. Aber er nahm sich Zeit; er brauchte sichtlich Ruhe und Ausspannung, und so suchte er erst Actium auf, den denkwürdigen Küstenplatz, wo vor 50 Jahren die Seeschlacht bei Actium geschlagen wurde. Er fand da noch wirklich die Reste des Heerlagers des Antonius selbst, Anlaß genug, allerlei trüben und frohen Erinnerungen nachzuhängen. So fuhr er auch nach Lesbos, deshalb, weil ihm dort seine Tochter Julia geboren war, fuhr zum alten Troja, das jeder Römer wie seine Urheimat verehrte, sättigte seinen Schönheitssinn, indem er weiter alle wundervollen Küstenstädte des griechischen Meeres und so auch Konstantinopel (Byzanz) besuchte, überall natürlich wie ein Fürst empfangen. Bei Kolophon gab es eine berühmte Orakelstätte; in einer heiligen Grotte trank da der Seher, ehe er seine Weissagungen vorbrachte, aus einer geheimnisvollen Wunderquelle; so auch diesmal, und da soll dem Germanicus sein frühes tragisches Ende geweissagt worden sein. Doch war es ihm im folgenden Jahre (19 n. Chr.) noch beschieden, nach dem Wunderland Ägypten zu gehen, den märchenhaft berühmten Koloß der Memnonsäule bei Sonnenaufgang klingen zu hören, und er ging dann noch weiter stromauf bis nach Assuan, wo die Stromschnellen des Nil sind, deren Wirbel nicht zuließen, daß man mit dem Senkblei die Wassertiefe maß[91]. Am Bein der Memnonsäule, dieses zertrümmerten Sitzbildes, finden sich noch heute eine Menge Inschriften eingekratzt erhalten, Worte von römischen Reisenden, die froh bezeugen, daß sie den Koloß klingen hörten. Jahrhundertelang reiste man wundersüchtig dorthin, um das zu hören.

Fußwandern und Pilgern. Die Meile.

Wieviel die hohen Herren auf solchen Reisen zu Fuß abmachten, läßt sich nicht genauer feststellen. Wohl aber gilt es zu wissen, daß im Altertum trotz allem, was ich bisher mitgeteilt, die Fußreise vorherrschte, daß für den Durchschnittsmenschen das Reisen zu Land ein Wandern, ein Pilgern war. Die Wenigsten konnten sich Wagen mieten, und dadurch, durch die Züge der Fußgänger und Pilger, belebt und ergänzt sich uns das Bild der Landstraße nun noch weiter. Die Reise heißt „iter“; „iter“ aber ist „der Gang“ auf deutsch und setzt zunächst durchaus das Gehen voraus; ebenso das Wort „pilgern“, peregrinari; wo nicht ein Fahrzeug besonders genannt wird, wird auch beim Pilgern nie an Fahren gedacht. Und so sagt uns ja auch Horaz, daß, wer bei Regenwetter von Capua auf der Appischen Straße nach Rom eilt, von Kot überspritzt ankommt[92]; die Wagen sind es, durch die der Fußgänger so bespritzt wird. Ausonius schildert in seinem berühmten Reisegedicht „Mosella“ seine Fahrt auf der Mosel. Er steigt aber nicht etwa einfach bei Trier oder bei Neumagen ins Schiff, sondern von Bingen a. Rh. geht er aus und wandert zunächst zu Fuß einsam, und also nicht etwa auf der Poststraße[93], durch die Wälder des Hunsrück[94]. So hat denn der junge Dichter Persius, wie man glaublich vermutet, eine Gedichtsammlung „Wegwandergedichte“ (ὁδοιπορικά) geschrieben[95], und ein solches Wegwandergedicht besitzen wir noch; Catull gibt es uns, carmen 46: es ist Frühling; aus dem Inneren Kleinasiens, aus Bithynien, wo der Dichter mit jungen Altersgenossen amtlich beschäftigt war, strebt er an die Küste, um von da weiter nach Rom heimzufahren, und singt:

Schon bringt der Lenz die linden Lüfte wieder,
Schon schwingt in Anmut Zephyr sein Gefieder.
Des Äquinoktiums Himmelsstürme ruhn.
Zeit ist’s, Catull, vom üppigen, aber heißen
Bithynerland dich endlich loszureißen.
Zu Asiens Küstenplätzen fliege nun.
Schon klopft das Herz, voll Hast, hinauszuschweifen;
Der Fuß ist stark und fröhlich auszugreifen.
Ade! Schön war der Bund mit euch Kollegen,
Die ihr mit mir gereist. Auf andren Wegen
Zieht ihr, als ich, dem Heimatland entgegen.

Da haben wir den Fuß, der ausgreift! Vergessen wir nicht, daß ja auch, wie wir sahen, die höchsten Heerführer ihren Legionen oft zu Fuß voranschritten. Wer es eilig hat, von dem sagt Catull: er verschluckt seinen Weg vor Gier[96]. Und was bedeutete die Meile für den Römer? Sie war nichts als ein Schrittmaß und bedeutete 1000 Doppelschritte des Marschierenden, die also nicht in Luftlinie, sondern nur am Lauf der Straße abgemessen werden (man rechnete nach milia passuum); die Meilenpfeiler gaben dem Fußgänger von Stelle zu Stelle an, wieviel Schritte er hinter sich, wie viele er vor sich hatte. Die Straße war Wanderstraße.