Lektion 5.
Junge Vögel.
Das Weibchen sitzt auf dem Neste und hält während der ganzen Zeit, wo die Jungen im Innern der Eier heranwachsen, diese warm. Es verläßt sie niemals, ausgenommen um sich einmal zu recken und um Nahrung zu holen. Manchmal brütet das Männchen, solange das Weibchen fort ist, oder es bringt Nahrung für das Weibchen herbei. Oft singt es ihm auch nur etwas vor.
Das erste, was die kleinen Vögel für sich selbst tun, ist, daß sie aus dem Ei kriechen. Wenn sie soweit sind, kann man sie im Inneren „piep, piep“ rufen hören. Dann klopfen sie an das breite Ende des Eies mit einer kleinen hornigen Spitze, die vorn am Oberschnabel sitzt; die Schale platzt, und sie kriechen aus.
Wenn man ein Küchlein fangen kann, sobald es aus dem Ei heraus ist, sieht man diese hornige Spitze. Aber man muß dabei schnell sein, denn ein Kücken ist ein sehr behender kleiner Vogel. Es läuft sofort, nachdem es ausgekrochen ist, umher und die Hornspitze fällt bald ab.
Das nächste, was die Jungen tun, ist, daß sie den Schnabel öffnen und nach Futter schreien. Einige, wie die der Hühner, Enten und Rebhühner, sind schon beim Auskriechen ganz mit Flaumfedern bedeckt. Sie laufen umher und suchen sich allein Nahrung. Ihre Mutter sorgt für sie, und sie ducken sich unter ihre Flügel, wenn sie nach ihnen ruft. Andere, wie die der Tauben, der Sperlinge und der Drosseln sind nackt, blind und hilflos, wenn sie ausgebrütet sind. Sie können das Nest nicht verlassen, und die Alten müssen sie füttern.
Wenn man Tauben in einem Käfig hält, oder wenn man zu einem Taubenschlage emporklettern kann, wo Tauben ihre Nester haben, so kann man sehr viel bei der Beobachtung junger Tauben lernen.
An dem Tage, wo das Junge aus dem Ei kriecht, sind seine Augenlider fest geschlossen. Es hat nur einige Federbüschel auf seinem nackten Körper, und man kann seine fleischigen Flügel sehen und die Knochen fühlen. Faß es vorsichtig an und achte darauf, daß der Flügel drei Gelenke hat gerade wie ein Arm, eins an der Schulter dicht am Körper (s), eins am Ellbogen (e) und eins am Handgelenk (w).
Liegt der junge Vogel im Neste, so zieht er den Ellbogen zurück und berührt die Schulter mit der Hand. Dann ist der Flügel geschlossen. Aber wenn man die Hand (h) sanft anfaßt und den Arm gerade zieht, dann ist der Flügel geöffnet. So macht es der Vogel auch, wenn er seine Flügel streckt, um zu fliegen.
Nun beobachte die Jungen Tag für Tag. Allmählich bedeckt sich der ganze Körper mit kleinen Höckern. Diese sinken dann in der Mitte ein und einige Federn kommen hervor. Die ersten Federn sind ganz schlaff. Die kleinen Federstrahlen wachsen um den Schaft herum wie Haare am Schwanze der Katze. Dies sind die Flaumfedern oder Daunen. Eine junge Taube hat nicht viel davon.
Die nächsten Federn sind ganz anders. Sie sind flach und viel steifer. Die Federstrahlen wachsen nur an zwei Seiten des Schaftes. Sie sind gefärbt, und man kann nun sehen, ob die Taube weiß oder farbig werden wird.
Es sind dies die Deckfedern, die bei den meisten Vögeln so schön sind. Sie wachsen nicht am ganzen Körper des Vogels. Wenn man die Federn eines toten Vogels zurückschiebt, so wird man sehen, daß sie nur an gewissen Stellen wachsen und den übrigen Körper mit bedecken.
Inzwischen sind auch die langen Flügel- und Schwanzfedern gewachsen. Die für die Spitze des Flügels bestimmten wachsen an der Hand, die für den Rand des Flügels auf dem Arm zwischen Handgelenk und Ellbogen und über diesen stehen die kleinen Federn wie Ziegeln auf dem Dache und wachsen bis dicht an die Schulter heran, um den Flügel rund und fest zu machen.
Befühle eine der langen Schwungfedern. Sie hat einen starken Kiel in der Mitte, der nach dem Ende hin spitz zuläuft, so daß die Feder sich biegen kann. Nun versuche, die Strahlen auseinander zu ziehen. Du wirst finden, daß sie zusammenkleben, als ob sie geleimt wären. Dies kommt daher, daß sie winzige Häkchen haben, durch die sie miteinander verbunden sind. Wenn nun die Flügel die Luft schlagen, so kann diese nicht durch die Federn hindurch, um so mehr als die schmale Seite einer jeden Feder über der breiten Seite der nächsten liegt.
Um diese Zeit werden die jungen Tauben die Augen geöffnet haben. Aber obgleich sie jetzt stehen können, sind sie noch sehr schwach und erhalten alle ihre Nahrung von der Mutter.
Sobald ungefähr ein Monat nach dem Auskriechen aus dem Ei verflossen ist, gehen sie an den Rand des Taubenhauses und beobachten die anderen Tauben. Von Zeit zu Zeit recken sie ihre Flügel und versuchen, sie zu gebrauchen. Wenn sie mit ihnen nach unten schlagen, so kann die Luft unter den Flügeln nicht entweichen und wird nach rückwärts getrieben, gerade wie das Wasser beim Rudern. Aber wenn die Flügel gehoben werden, stellen die Federn sich so, daß die Luft hindurch kann. Die Vögel erheben sich daher etwas, wenn sie mit den Flügeln schlagen und flattern zum nächsten Sims, und zuletzt fliegen sie auf den Erdboden und fangen an, Futter mit ihren Eltern aufzupicken.
Vergleiche eine junge Taube und ein Kücken. Untersuche die Flaumfedern, die Deckfedern und die langen Schwungfedern.