rau Lamondt hieß vor ihrer Verheiratung Helene van Hoeven. Sie war in Holland in der Stadt Utrecht geboren. Ihre Großmutter mütterlicherseits aber war eine echte Javanin gewesen, und auch bei Fräulein van Hoeven zeigten sich noch Spuren malayischer Abstammung. Ihre Hautfarbe hatte einen leichten Stich ins Gelbliche und der Oberkiefer war etwas stark entwickelt, was aber nur beim Lachen hervortrat. Im übrigen hatte sie ein angenehmes Gesicht, an dem aber durchaus nichts auffallendes war, ausgenommen etwa die grauen Augen mit ihrem festen, klaren Blick. Aber selbst diese fielen nicht jedem auf, sondern nur solchen, welche fähig waren zu sehen. Und ich bin fest überzeugt, daß die meisten Menschen Fräulein van Hoeven nicht zu denjenigen Personen rechneten, von denen sich erwarten ließ, daß sie später mal eine Lebensgeschichte haben würden.
Als Helene heiratete, war sie noch sehr jung, kaum 18 Jahr. Aber niemand dachte, daß das in diesem Falle viel schaden könnte. Denn sie heiratete jemanden, mit dem sie von Kindheit auf gespielt hatte und mit dem sie auch jetzt fast den ganzen Tag zusammen zubrachte: nämlich den jungen Lamondt. Daß sie sich heirateten, war von jeher selbstverständlich gewesen, also dachte man, käme es auf ein paar Jahre früher oder später nicht an.
Der junge Lamondt war ein seltner Mensch, ansehnlich, klug in seinem Geschäft, bescheiden und von einer ungewöhnlichen Gutherzigkeit.
Da die Familie viele Beziehungen nach Java hatte, so siedelten die beiden gleich nach ihrer Verheiratung nach Batavia über, um dort jenes äußerliche Glück zu suchen, welches die Ergänzung zu ihrem innerlichen Glück bilden sollte.
Ob freilich Frau Lamondt so ganz glücklich war, wie es junge Frauen stets sein sollten, das wußte sie wohl selber nicht. Sie war noch zu jung, und was das schlimmste war, ihr Mann war nur wenig älter wie sie. Sie wußten wohl beide nicht recht, was sie aneinander hatten. Zum vollen, dauernden Glück gehört aber das Bewußtsein vom Wert des Gegenstandes, dem wir unser Glück verdanken. So könnte es wohl sein, daß sie trotz aller gegenseitigen Liebe doch jenes einzige, wahre Glück der Liebe, jene vergeistigte Liebe nicht kennen gelernt hatten.
In Batavia bewohnten sie ein geräumiges Haus außerhalb der Stadt und hatten mehrere Diener, wie alle dortigen Europäer. Verkehr mit der Gesellschaft hatten sie wenig. Lamondt brachte fast den ganzen Tag in seinem Kontor in der Stadt zu, und so lebte die junge Frau in völliger Einsamkeit sich selbst überlassen.
Das wäre in Europa nicht so schlimm gewesen, weil hier die Arbeiten in der Häuslichkeit den Einfluß der Einsamkeit aufheben oder doch schwächen. In Indien aber fällt dieser Faktor fort. Die Dienerschaft macht hier alles, und die Hausfrau widmet den Tag der Hauptsache nach dem Nichtstun; denn das Bewegen des Schaukelstuhls kann man kaum eine Tätigkeit nennen.
Nun war es freilich der jungen Frau Lamondt nicht gegeben, in dieser, gerade in Holländisch-Indien so beliebten Weise ihre Tage zuzubringen. Sie begann nach Beschäftigung zu suchen, und da das Haus nichts bot, so stieß sie auf diejenige Beschäftigung, auf die sie auch in Europa, nur etwas später, gestoßen wäre, weil ihre Natur es forderte: die Beschäftigung mit sich selbst, das Nachdenken über sich selbst. Mit einem Wort: Sie begann zu philosophieren.
Es ist aber ein großer Unterschied, ob jemand mit 18 oder mit 25 oder gar mit 40 Jahren anfängt zu philosophieren. Die Anlage zur Nachdenklichkeit war Frau Lamondt angeboren. Diese Anlage wäre überall zum Durchbruch gekommen, aber in Europa wahrscheinlich erst auf Grund der Lebens-Erfahrungen, das heißt der Püffe und Enttäuschungen, die wir hienieden zu kosten bekommen. Jetzt, in Indien in dieser Einsamkeit wurde diese glücklich-unglückselige Anlage gleichsam künstlich, wie in einem Treibhause zur Reife gebracht. Es fehlte hier der reale Hintergrund, der den Resultaten ihres Philosophierens als natürlicher Maßstab dienen konnte.
Außerdem wollte es der Zufall, daß sie den Philosophien in die Hände fiel, die eine fortschreitende Hebung, Vervollkommnung des Menschengeschlechtes lehren und die Verpflichtung jedes Einzelnen, an dieser Hebung mitzuarbeiten.
Diese Theorie wirkt auf gewisse Gemüter wie der Weingeist auf das Gehirn. Auch Frau Lamondt wurde berauscht und in diesem schillernden Gespinst klangvoller Hypothesen und hochgeistiger Argumente gefangen genommen. Sie hatte irgendwo Beethovens stolze Worte gelesen: „Höheres gibt es nichts, als der Gottheit sich mehr als andere Menschen nähern und von hier aus die Strahlen der Gottheit unter das Menschengeschlecht verbreiten.“ Das tönte ihr im Ohr wie der Klang einer silbernen Glocke.
Eines Tags begann sie, ihrem Manne gegenüber diese Gedanken zu entwickeln. Der lachte sie gutmütig aus. „Laß Du die Welt nur, wie sie ist. Man beißt sich bei so was nur die Zähne aus, und es bleibt doch alles beim Alten.“
Sie erwiderte hitzig: „Wenn jeder so denken wollte wie Du, so würde die Welt wohl in einem kläglichen Zustand sein.“
„Das weiß ich nicht, Tutti. Mir gefällt sie so ganz gut wie sie ist, und für die Zeit, in der wir drauf sind, reicht’s schon aus.“
Er küßte die junge Frau herzlich. Es war Zeit, ins Kontor zu gehen. Im Hinausgehen rief er ihr scherzend zurück: „Ich will vor allem mal die Lamondt’sche Welt verbessern. Wie die große dabei fährt, das kümmert uns gar nichts. Hörst Du, Tutti, gar nichts!“ wiederholte er übermütig. Er warf ihr eine Kußhand zu und stieg in sein Wägelchen.
Frau Lamondt versuchte es noch öfter, ihren Mann für diese Fragen zu interessieren, aber stets mit dem gleichen Erfolg. So fing sie an, bei solchen Gelegenheiten sich ernsthaft über ihn zu ärgern. Sie übersah ganz oder wußte es wohl nicht, daß er tatsächlich seine Pflicht erfüllte und nach allen Seiten hin gutes tat, so weit es an seinem Platz nur möglich war. Sie übersah, daß auch das idealste Streben in keinem Fall mehr tun kann. Sie begann auf ihren Mann herab zu sehen seiner prosaischen Ansichten wegen.
Auch unter den wenigen, mit denen sie hier verkehrte, war niemand, der Verständnis für ihren Gedankengang gehabt hätte. Sie begann bei diesem und jenem zu fühlen. Denn erhabene Gedanken, die noch nicht zur Tat umgesetzt sind, drängen zur Mitteilung durch das Wort. Sie verlieren hierdurch zwar an Kraft, gewinnen aber an Verdaulichkeit. Was sie an Nähreinheiten einbüßen, wird aufgewogen durch die größere Assimilierbarkeit des Restes, eine Eigenheit, von der nicht nur der Beschenkte, sondern auch der Geber profitiert.
Aber überall fand Frau Lamondt Abweisung. Als sie endlich einsah, daß es besser sei, gar nicht über solche Dinge zu sprechen oder doch nur notgedrungen, war sie bereits der Gesellschaft ein wenig zum Gespött geworden. Sie merkte es und zog sich von da an nur noch mehr in sich zurück und in ihre Phantasie-Welt, die dadurch immer mehr Macht über sie gewann.
Lamondt selber war zu harmlos, als daß er dieser Geistesrichtung seiner Frau irgend welche Bedeutung beigemessen hätte. Der Gedanke, daß eine Entfremdung zwischen ihnen eintreten könne, wäre ihm etwas unfaßbares gewesen. Seinem Gefühl nach gehörten sie beide zusammen von jeher und für immer.
Nach zweijähriger Ehe beschenkte Frau Lamondt ihren Mann mit einem Töchterchen. Lamondt’s Glück war grenzenlos. Dieses Ereignis brachte eine tiefe Änderung in den Verhältnissen zustande. Beide liebten ihr Kind abgöttisch und sich gegenseitig in dem Kinde mit jener stillen, sanften Liebe, die dem gleichmäßig-milden Licht der Planeten zu vergleichen ist, während jene erste Liebe dem scharfen Funkeln der Fixsterne gleicht.
Die nachfolgenden Jahre waren die sonnigsten im Leben der Frau Lamondt. Denn ein nachdenklicher Mensch hat nicht viel Sonne, weil er fast ständig unter der Wolke seines eigenen Denkens wandelt. Ihre hochragenden philosophischen Ideen hatten sich gewissermaßen auf das Kind niedergeschlagen und dort Form angenommen. All ihr Können, all ihr Wissen, all ihre Sorgfalt wollte sie auf das Kind konzentrieren und dasselbe in geistiger wie leiblicher Beziehung zur denkbar höchsten Entwickelung bringen. Manchmal verirrten sich ihre Gedanken so weit in die Zukunft, daß sie sich mit ihrer Tochter vereint wirken sah zum Besten der Menschheit, zu ihrer Veredelung, Hebung.
So mochten vier Jahre vergangen sein, da bekam Herr Lamondt eines Tags Besuch von einem Freunde aus Holland. Es war ein Herr Savade, ein Marine-Offizier, dessen Schiff für einen Tag Batavia anlief.
Er suchte Lamondt in seinem Kontor in der Stadt auf. Der freute sich kindisch. Aber nachdem er ihn umarmt und geküßt und das nötigste gefragt hatte, sagte er:
„Weißt Du, heute ist Posttag. Dieses hier (er zeigte auf einen Stoß Briefe) muß fort. So kann ich hier nichts mit Dir anfangen. Geh’ zu meiner Frau raus und vertreib der die Zeit. Sie wird sich freuen. Und ein Mädel haben wir auch.“ Sein Auge glänzte. „Nun, ich sage nichts weiter. Du wirft ja sehen.“
Savade lächelte. Lamondt umarmte ihn noch einmal. „So bald ich irgend kann, komm’ ich auch: In einer Stunde ist Postschluß“ rief er dem Davonfahrenden nach.
Savade kannte Frau Lamondt nicht. Er hatte Lamondt während dessen Lehrjahren in Rotterdam kennen gelernt. Lamondt hatte aber viel von seiner Zukünftigen gesprochen und ihm ihr Bild gezeigt; denn sie waren wahre Freunde geworden, trotzdem Savade wohl an zehn Jahre älter war als Lamondt.
In der Villa Lamondt’s angekommen, mußte Savade einige Zeit im Empfangszimmer warten. Es war noch etwas früh am Vormittag. Aus langer Weile musterte er die kleine Bibliothek, die in einem Schränkchen in der Ecke stand. Zu seinem Erstaunen fand er hier eine Reihe philosophischer Bücher. „Potz tausend“, dachte er, „hat sich Lamondt in Java das Philosophieren angewöhnt! Er hatte doch in Rotterdam, weiß Gott! keine philosophische Ader.“ Er lachte leise. „Oder sollte vielleicht die Frau — das wäre ja ganz etwas seltenes.“ Erwartungsvoll blickte er nach der Tür, in der Frau Lamondt vermutlich erscheinen mußte.
Gerade in diesem Moment trat sie ein. Sie trug ein langes, faltiges Musselin-Kleid von weißer Farbe, das mit einem gelben Seidengürtel zusammen gehalten wurde. Die Füße waren einheimischer Sitte gemäß mit Sandalen bekleidet. Der javanische Sarong, den viele holländische Damen bis zum Mittag tragen, sagte ihrem Geschmack nicht zu.
Frau Lamondt kannte Savade ebenso, wie er sie kannte, das heißt aus den Erzählungen Lamondts.
Als die gegenseitige Begrüßung vorüber war, begann Savade direkt:
„Ich sehe mit Erstaunen diese Kollektion philosophischer Autoren —“.
Er hielt erwartungsvoll einen Augenblick inne.
„Es sind meine Bücher.“
„O!“
Er konnte das Erstaunen nicht ganz verbergen. Sie sah noch so kindlich aus.
„So schwere Lektüre“, meinte er.
Sie glaubt ein wenig Spott aus diesen Worten zu hören. Etwas abweisend erwiderte sie:
„Der Mensch ist nicht dazu da, um sich das Leben möglichst leicht zu machen.“
Er sah sie aufmerksam an. Einlenkend begann er wieder:
„Verstehen Sie mich nicht falsch, gnädige Frau. Ich verehre die Philosophie als das Höchste auf der Welt und schätze jeden hoch, der sie hochschätzt.“
Freudig blickte sie zu ihm auf. „Wirklich, lieben Sie die Philosophie?“
„Ich liebe sie, so lange ich denken kann. Ich könnte nicht leben ohne Philosophie. Philosophie repräsentiert mir den menschlichen Verstand in seiner edelsten, reinsten und dabei naturgemäßesten Form, naturgemäß, weil es Funktion des Verstandes ist, von außen nach innen, das heißt auf sich selbst zu, in sich selbst hinein zu gehen. Und das nennt man eben Philosophieren.“
„O, wie selten man diese Liebe findet!“
„Ja, wirklich, wie selten! Ich habe mit Lamondt oft darüber disputiert, aber er wollte nie etwas von Philosophie wissen.“
Die junge Frau seufzte etwas.
„Aber,“ fuhr Savade heiter fort, „vielleicht ist Philosophie für einen Ehemann just nicht so notwendig. Ich dächte, wirklich zur Leibes Nahrung und Notdurft gehört sie nur bei solchen, die entschlossen sind, allein durch’s Leben zu gehen. Ihnen muß sie jene Stütze ersetzen, die in der Ehe einer dem andern liefert. Sie muß der Einsamkeit ihren Stachel nehmen und muß lehren, den Gedanken an einsames Sterben nicht zu fürchten.“
„Meinen Sie nicht, daß sie noch höhere Zwecke zu erfüllen hat?“
„O, das ist nur die uns zugewandte, beschränkte Seite. Aber da ist noch jene andere, uns abgewandte, auf die ganze Menschheit zugewandte Seite.“
Er brach ab und trat wieder zu dem Bücherschränkchen. Er nahm einzelne Bände heraus und betrachtete sie fast zärtlich.
„Kant, Fichte, Schelling. Gerade meine Lieblinge. Und hier sogar der göttliche Plato.“
„Haben Sie den auch gelesen?“ fragte Frau Lamondt eifrig.
„Ich habe die Morgenstunden eines ganzen Jahres auf diese Lektüre verwandt. Es war eine erhebende Zeit.“
„Segelten Sie auch auf der hohen See des Schönen?“
Er nickte ihr freundlich, fast vertraulich zu, ohne zu antworten. Diese Stelle aus dem „Gastmahl“ hatte ihm auch stets besonders gefallen.
„Ich sehe mit Vergnügen, daß der Pessimismus hier nicht vertreten ist.“
„Nein,“ antwortete sie schnell, „der Pessimismus hat hier keinen Platz. Ich glaube an die Menschheit und an ihre Ideale als an mein Evangelium. Ich kenne kein höheres Evangelium.“
„Ja, was wäre das Leben ohne diese höchsten Ziele, ohne diese Ideale. Sie sind das menschlichem Verstand faßbar gewordene Göttliche in uns, wenn wir die Höhe dieser Ideale fühlen.“
Ein merkwürdiges Leben begann in den Augen der Frau ihm gegenüber aufzuleuchten. Er sah es und dachte: „Sie ist der Philosophie wahrhaft ergeben. Wie selten!“ Er wußte, daß die meisten, Männer wie Frauen, mit der Philosophie nur kokettieren.
In dem trat Lamondt ein.
Er war nie schlechter Laune, aber heute war er offenbar besonders heiter. Er drückte dem Freunde noch mal die Hand. „Willkommen in meinem neuen Heim,“ sagte er treuherzig. „Wenn Du wüßtest, wie viel Glück unter diesem Dach wohnt.“ Es schien ihn etwas wie Rührung übermannen zu wollen und schnell in einen burschikosen Ton überschnellend rief er aus:
„Savade, alter Junggeselle! Warum heiratest Du nicht!“ Damit trat er auf sein Weib zu und küßte sie. Plötzlich sah er sie genauer an!
„Na nu, Tutti, Du hast ja heute mal ordentlich Farbe. Woher kommt denn das?“
Wie geärgert wandte sie sich etwas zur Seite.
Savade antwortete statt ihrer: „Wir haben uns über Philosophie unterhalten, etwas lebhaft.“
Lamondt lachte lustig. „O, nun wird mir alles klar! Also immer noch das alte Steckenpferd.“
„Lamondt,“ fiel Savade mit künstlicher Ernsthaftigkeit ein, „versündige Dich nicht an der heiligen Philosophie.“
„O, ich weiß! Du gehörst ja auch mit zur Gilde. Nun, schon gut, alter Freund. Im übrigen sehe ich, ist das Essen fertig. Aber,“ unterbrach er sich schnell, „hast Du denn schon unser Mädchen gesehen?“
Savade verneinte.
Lamondt sah lachend seine Frau an: „Vor Philosophieren keine Zeit gehabt.“
Er klatschte in die Hände, und nach einem Weilchen trat die Wärterin ein, das Kind an der Hand führend. Lamondt nahm die Kleine in die Arme und herzte sie, als ob er einen langen Durst stillen müßte. Jubelnd schwenkte er sie hin und her und hielt sie dem Gast dicht vor’s Gesicht. „Da, sieh’ mal Du! Ist das noch nichts?!“
Savade versuchte zu schäkern, aber das Kind wandte sich ab. „Sie ist etwas scheu“ sagte Frau Lamondt entschuldigend.
Nachdem man sich zu Tisch gesetzt hatte, begann Lamondt:
„Wundere Dich nicht über unseren einfachen Tisch. Es geschieht auf Wunsch meiner Frau. Und ich füge mich, wie immer.“ Er klopfte ihr kosend auf die Hand, „Du mußt wissen, sie hieß schon als Mädchen unter ihren Gespielinnen der spartanische Jüngling.“
„Ich freue mich schon auf die schwarze Suppe,“ rief Savade lustig.
„Nun, so schlimm kommt es nicht. Aber Du wirst ja sehen.“
„Was können Sie zu Ihrer Verteidigung vorbringen, gnädige Frau?“
Frau Lamondt erwiderte lächelnd:
„Zweierlei kann ich vorbringen. Erstens liebe ich diese holländische Manier nicht, bei einer Mahlzeit, die man mit dem harmlosen Wort ‚Reistafel‘ bezeichnet, Eier-, Fleisch- und Fisch-Speisen schwersten Kalibers auf einander zu häufen, so daß man schließlich nicht mehr von ‚Reistafel‘, sondern nur noch von ‚Fleischtafel‘ reden kann. Zweitens halte ich Essen für ein notwendiges Übel, für eine Last. Und welcher verständige Mensch sucht nicht das Vergnügen. Ich denke aber, am leichtesten ist das Vergnügen zu vermehren durch Verminderung unser Lasten und Unannehmlichkeiten.“
„Sie wären der Freundschaft Epikurs wert, gnädige Frau.“
„Und Sie, mein Herr, fürchte ich, wären ihrer nicht wert, weil Sie schmeicheln.“
„Nicht doch, gnädige Frau! Was schmeichelhaft ist, muß nicht immer Schmeichelei sein. Ihre Worte enthalten tatsächlich die Quintessenz der epikuräischen Philosophie. Dieser seltene Mann machte es sich zur Lebensaufgabe, der Lust nachzustreben, aber dadurch, daß er sich von der Last aller unnötigen Bedürfnisse befreite. Der Lust wegen lebte er von Brot und Wasser. Und wenn er etwas Käse dazu tat, so nannte er das „Ein sich gütlich tun.“ Aber das war jene Lust, die mit der unsrigen nur im Namen zusammenfällt.“
„Um Gottes willen, Savade, sei still!“ fiel Lamondt mit komischem Entsetzen ein. „Wenn ich von jetzt ab Brot und Wasser bekomme und nur an Sonn- und Feiertagen etwas Käse dazu, so weißt Du, wer schuld ist.“
Alle lachten.
„Wie schmeckt Dir das?“ fragte Lamondt, auf die gebratenen Eierpflanzen zeigend, die so appetitlich aussahen und so prächtig dufteten.
„Vorzüglich! Es könnte den Appetit auf Fleisch benehmen.“
„Nicht wahr!“ fiel Frau Lamondt eifrig ein. „Das ist gerade das, was ich immer sage, und Lamondt glaubt es nicht.“
„Liebste Tutti, was habe ich davon, wenn es riecht wie Fleisch, aber kein Fleisch ist. Hast Du schon je von einem gehört, der sich vom Bratenduft genährt hat? Aber Du brauchst nicht zu denken, Freund, daß ich mich über unsere Küche beklage. Sie ist tatsächlich bekömmlich, und wir finden jederzeit Leute, die fähig sind, ihr vorzustehen.“
Nach den Eierpflanzen kam der Reis, locker und weiß, in hochgehäufter Schüssel. Dazu der Brotfrucht-Kurry. Den Nachtisch machten die Früchte: Bananen, Mangos und Mangustinen, jene köstlichste Tropenfrucht, die das Auge und den Gaumen in gleicher Weise entzückt.
„Das schmeckt wie parfümierter Schnee“, meinte Savade, während er sorgsam die schneeweiße Frucht aus ihrer purpurnen Schale nahm.
„Ja, es ist eine herrliche Frucht. Und doch geht mir ein ganz feiner Mango über die Mangostine.“
„Java ist ein gesegnetes Land,“ fiel Frau Lamondt ein. „Es ist das Paradies der Vegetarier. Es ist so leicht hier, naturgemäß zu leben.“
„Ja, für einen, der kein Kaffee-Geschäft hat,“ meinte Lamondt und begann von seinen Sorgen und Lasten zu erzählen.
Nach beendeter Reistafel empfahl sich Savade, um am Abend zum Diner wieder zu erscheinen. Am nächsten Morgen früh lief sein Schiff weiter nach Samarang, Surabaya und dann in die Molukken-See. Batavia wurde nicht wieder angelaufen. So galt es, die kurze Zeit des Beisammenseins auszunutzen.
Er fuhr mit der Bahn zurück zum Tandjong Priok, um auf seinem Schiff Toilette für den Abend zu machen. Nach Batavia zurückgekehrt hielt er nach einer Gärtnerei Umschau, um den üblichen Blumenstrauß für die Dame des Hauses zu erwerben. Das war aber in Batavia leichter gesagt als getan, weil hier jeder seinen Privat-Garten besitzt. Endlich wies man ihn in die Chinesenstadt. Sein Riksha-Kuli wußte hier Bescheid. Er setzte ihn in einer Straße ab, in der einige Chinesen-Weiber dürftige Sträußchen feil hielten. Für ein Paar Cent erstand er eines, froh überhaupt etwas bekommen zu haben.
Als er gerade mit dem Handel beschäftigt war, bat ihn ein grauhaariger Chinese, ein Krüppel, um eine Gabe, indem er sich schweigend in ehrfurchtsvoller Weise verneigte. Savade aber sah über ihn hinweg, nur in seinen Kauf interessiert. Es war sonst nicht seine Art, einen Bettler vergeblich bitten zu lassen. Erst als er schon wieder ein Weilchen in seiner Riksha saß, kam ihm plötzlich dieser bescheidene Alte wieder vor Augen. Er erschrak innerlich. „So habe ich für diesen stillen Bettler nicht eine Kupfermünze übrig gehabt“ sagte er mißbilligend zu sich selber. Er behielt ein unbehagliches Gefühl, bis er an Lamondt’s Villa anlangte.
Nach dem Diner, als sie draußen in den bequemen indischen Langstühlen saßen, kam das Gespräch wie von selber wieder auf die Philosophie. Denn Philosophie, entgegen anderen Wissenschaften, faßt den ganzen Menschen, und jede Regung ist bei einem solchen nichts als eine Anregung zum Philosophieren. Wahre Philosophie ist wie die Natur. Sie erlaubt von jedem Punkt aus den Eintritt.
So standen Frau Lamondt und ihr Gast bald mitten in diesem Thema, ohne zu wissen, wie sie hineingeraten waren. Man merkte, diese beiden waren sich gegenseitig wie Stahl und Feuerstein. Einer schlug Funken aus dem andern.
Der jungen Frau war, als ob eine geistige Spannkraft, die seit Jahren in ihr angehäuft lag, sich nun wie in Blitzschlägen entlüde. Sie hatte vielleicht nie im Leben ein Gefühl so völliger Befriedigung gehabt. Sie hatte die Empfindung einer wunderbaren Erhabenheit, von der sie nicht wußte, ob sie in ihr ruhte, oder als etwas von außen kommendes sie umwehte. Sie erschrak förmlich, als Savade sagte: „Es ist aber schon so spät. Wir müssen abbrechen.“
Lamondt, der inzwischen verschiedene Zigarren geraucht und sich meist schweigend verhalten hatte, meinte:
„Ich glaube auch, es ist Zeit, daß Ihr in dieser Tonart aufhört. Im übrigen ist es schändlich, daß Du nicht mal eine Nacht in meinem Hause bleiben kannst.“
„Es geht nicht, Lamondt. Unser Schiff dampft um 4 Uhr früh ab. Wie soll ich da zum Hafen hinunter kommen.“
Es wurde abgemacht, daß Savade einen Punkt, der wegen der vorgerückten Stunde nicht mehr erörtert werden konnte, in einem Brief an Frau Lamondt auseinandersetzen sollte.
Lamondt meinte: „Daran tust Du recht, daß Du meiner Frau schreiben willst. Sie lebt so wie so zu einsam und kann mit der Gesellschaft hier nicht recht fertig werden.“
„Das glaube ich“ antwortete Savade.
Frau Lamondt hörte den eigenen Nachdruck, der auf den Worten lag. Sie errötete vor Freude und Stolz. „Er versteht mich“ dachte sie. „Endlich einer.“
Man verabschiedete sich mit vieler Herzlichkeit, und Savade schritt schnell dem Garten-Ausgang zu, welcher auf der der Veranda gegenüber liegenden Seite des Hauses sich befand.
Er war kaum ein Weilchen fort, als er plötzlich vor der Veranda wieder auftauchte. Lebhaft rief er hinauf:
„Ich habe ja ganz vergessen, Euch zu sagen, daß Ihr, wenn Ihr nach Europa fahrt, ja nicht vergeßt, mich in meinem Winkel zu besuchen.“
Auf der ganzen Nachhause-Fahrt hatte er ein eigenartiges Bild vor Augen. In dem Moment, als er vor die Veranda getreten war, hatten beide Lamondt’s schweigend dagesessen, die Frau mit ihren Fingern das Glas umspannend, in dem seine simplen Blumen standen. Dabei hatte sie das Gesicht etwas tief darüber gebeugt gehalten, gleichsam, als ob sie daran röche.
Frau Lamondt war sehr ungeduldig auf den versprochenen Brief von Savade. Sie sagte ihrem Manne aber nichts davon. Er schien sowohl den versprochenen Brief als auch den Besuch selber vergessen zu haben.
Endlich, nach etwa zwei Monaten kam ein Brief aus Surinam datiert.
Es war Frau Lamondt, als ob sie einen volleren Genuß von der Lektüre haben würde, wenn sie vorher ihrem Manne mitgeteilt hätte, daß sie einen Brief von Savade erhalten habe. So ging sie hinaus in den Garten, wo Lamondt gerade mit seinem Töchterchen Blindekuh spielte. Er hatte die Augen mit dem Taschentuch verbunden und tappte auf dem Rasen umher.
„Du bist gewiß wieder vom Rasenplatz runtergegangen, Dora, ich finde Dich ja nirgends.“
Er hörte ein leises Sprechen und stürzte darauf los. Beim Zufassen erwischte er einen Kleiderzipfel. „Endlich!“ rief er aus.
„Das ist ja Mama!“ rief die Kleine hinter ihm und lachte ausgelassen.
„Ja, laß nur los. Ich bin’s,“ sagte Frau Lamondt. „Ich wollte Dir gerade sagen, daß ich einen Brief von Savade bekommen habe, aber Du bist ja zu beschäftigt.“
„Du! von Savade?“ sagte Lamondt verwundert. „Was will er denn von Dir?“
„Mein Gott, wie vergeßlich Du bist. Weißt Du denn nicht mehr, daß er versprochen hatte, mir zu schreiben?“
„Ach ja, über eure Sachen. Entschuldige, Tutti, das hatte ich total vergessen.“
Er hatte noch das Tuch vor Augen und sah in diesem Moment nicht gerade sehr bedeutend aus, der gute Lamondt. Aber seiner Frau fiel das nicht auf. Es war ihr recht, daß sie ihm nicht in die Augen zu sehen brauchte.
„Papa, Du suchst ja gar nicht“ rief jetzt die Kleine mahnend.
„Ich komme schon, mein Kind.“
Etwas hastig ging er einige Schritte vorwärts und stolperte dabei gegen einen Baum. Die Kleine kreischte vor Vergnügen.
„Nicht so wild, Dora!“ mahnte die Mutter und verschwand dann wieder im Haus. Hier setzte sie sich in einen bequemen Stuhl und begann zu lesen.
Savade hatte versprochen, ihr über den Gottbegriff des Spinoza zu schreiben. Spinoza war ihr bisher fremd geblieben. Aber die kahle Erhabenheit dieser Gedanken regte sie jetzt mächtig an. Savade hatte einen klaren, geistreichen Stil, und sie glaubte alles mit einem Schlag zu verstehen. Nichtsdestoweniger las sie den Brief mehrere Mal.
Noch am selben Tage bestellte sie bei dem Buchhändler das Original.
Beim Abendessen begann Lamondt plötzlich:
„Eh’ ich’s wieder vergesse — was schreibt denn eigentlich Savade?“
„Nur über philosophische Sachen.“
Lamondt lächelte. „Einen ganzen Brief voll Philosophie.“
„Er schreibt über Spinoza.“
„Spinoza — Spinoza — war das nicht der, der mit Vorliebe den Fliegen die Beine ausriß?“
„Was redest Du da! Man erzählt, daß er, wenn er sein geistiges Tagewerk vollendet, zu seiner Erheiterung Fliegen in Spinngewebe warf und dem Kampf der Fliege mit der Spinne zusah.“
„Also jedenfalls Tierquälerei. Ich würde gegen solche Leute immer etwas voreingenommen sein.“
„Solche Geister darf man nicht mit dem vulgären Maßstab messen. Spinoza hat einen der erhabensten, reinsten Gottbegriffe geschaffen.“
„Was hat er gemacht?“ fragte Lamondt voll ungeheuchelten Staunens. „Ich denke, der liebe Gott ist ein einiger, mit dem wir weiter nichts machen können als einfältig an ihn glauben. Wie kann ein Mensch einen Gottbegriff schaffen? Eben so gut könnte er ja auch eine neue Welt schaffen.“
„Was Du da sagst, paßt für die Gläubigen im kirchlichen Sinn. Die philosophisch Denkenden schaffen sich selber ihren Gottbegriff, in dem sie Genüge und Ruhe finden.“
„Woher wissen sie denn aber, daß das, was sie da in ihrem Gehirn zurecht gebraut haben, das richtige ist?“
„Woher weißt Du, daß der Gott, an den Du glaubst, der richtige ist?“
Lamondt sah seine Frau einen Augenblick ratlos an, dann sagte er fast trotzig:
„Ich will ja gar nichts wissen. Ich glaube eben an ihn.“
„So gehörst Du zu den Glücklichen, die glauben können. Aber bedenke die unzähligen Unglücklichen, die nicht glauben können und doch zu innerer Ruhe kommen wollen. Bedenke ihr Suchen, ihre Kämpfe.“
Lamondt warf einen fast scheuen Blick auf sein Weib. Sie kam ihm so fremd vor. Ihm wurde unbehaglich. Er versuchte umzuschwenken. Mit etwas erzwungener Lustigkeit sagte er:
„Also Du bist auch dabei, Dir selber Deinen Gottbegriff zu machen. Tutti, Tutti, wenns man glückt.“
„Das habe ich nicht gesagt. Im übrigen ist der Gegenstand schlecht geeignet zum Scherzen,“ erwiderte sie kühl.
„Du hast recht, sehr schlecht geeignet.“ Seine Stimme klang so bestimmt, daß jetzt die Reihe des Sichverwunderns an Frau Lamondt war.
Die Sache war damit eigentlich erledigt, aber sie mußte noch etwas vorbringen, was sie durchaus heute noch vom Herzen haben wollte. Es entstand eine Pause. Sie fühlte, ihr Vorhaben würde um so schwerer auszuführen sein, je länger sie die Pause werden ließe. So faßte sie sich ein Herz und sprang in die gähnende Lücke.
„Ich wollte Dir noch sagen,“ begann sie, und ihre Stimme klang infolge der innerlichen Anstrengung etwas gereizt, „daß ich Savades Brief natürlich beantworten muß. Er wird wahrscheinlich darauf wieder antworten. Dadurch könnte ein Briefwechsel zustande kommen. Hättest Du etwas dagegen einzuwenden?“
Lamondt sah sie wieder ganz erstaunt an. Dann begann er lustig zu lachen.
„Heute Abend,“ rief er, „verstehe ich Dich aber auch gar nicht. Was soll ich dagegen haben, wenn Du mit Freund Savade im Briefwechsel stehst. Habe ich überhaupt jemals etwas gegen das einzuwenden gehabt, was Du vorhattest?“ Er umfaßte sie liebkosend und streichelte ihr die Backen. „Ich bin ja von jeher Dein gehorsamer Haussklave gewesen.“
Sie konnte nicht anders als ihn anlächeln. In der Tat, ein Widerspruch ihres Mannes wäre etwas völlig unerhörtes gewesen. Sie ärgerte sich jetzt über sich selber, daß sie diese offizielle Anfrage gestellt hatte. Es kam ihr ganz lächerlich vor. Wie unnötig wichtig hatte sie diese ganze Sache dadurch gemacht.
Lamondt fuhr fort: „Werde nur nicht zu gelehrt, Tutti. Ich will ja gar keine gelehrte Frau. Im übrigen ist er der beste Kerl von der ganzen Welt. Ich kenne keinen besseren. Vergiß nur nie, ihn zu grüßen, wenn Du an ihn schreibst.“
Um etwas zu erwidern, sagte Frau Lamondt: „Sein Brief ist aus Surinam datiert.“
„O weh! Das ist ein böses Nest; etwa so wie Batavia vor 50 Jahren. Daß er sich da nur kein Fieber holt. Schreib’ ihm nur, wenn es mal irgend wie hapert, so ist ein Gläschen Genèvre immer das beste.“ Auf das Zigarren-Schränkchen zuschreitend und sich eine Zigarre anzündend fuhr er fort:
„Die Hauptsache ist nur, daß es beizeiten genommen wird.“ Und nachdem er es sich im Langstuhl bequem gemacht und einige Dampfwolken mit Aufmerksamkeit von sich geblasen hatte, begann er eine Geschichte zu erzählen von einem Bekannten, welchem nach seiner und aller anderen Ansicht ein Gläschen Genèvre zur rechten Zeit genommen das Leben gerettet hatte.
Zwischen Savade und Frau Lamondt entwickelte sich ein nicht häufiger aber sehr regelmäßiger Briefwechsel. Der Gegenstand desselben waren nur philosophische Themata. Alle Bemerkungen über persönliche Verhältnisse wurden beiderseits so völlig vermieden, daß der Unbefangene fast etwas Absichtliches darin hätte finden können.
In Frau Lamondts Briefen trat immer ein und dasselbe Thema zutage: Die Hingabe an die Menschheit und an ihre Ideale, das Arbeiten an der Hebung der Menschheit zu immer stolzerer, sonnenhafterer Höhe. Das erschien ihr als die einzige aller Aufgaben dieser Welt, bei der schon im Streben allein der Erfolg liegt, Erfolg mit all seiner beglückenden Macht.
Sie liebkoste dieses Thema und ging dabei mit einem ihr selber vielleicht unbewußten Raffinement zu Werke. Um Überdruß zu vermeiden, ließ sie es bald in schweren gesammelten Baßschlägen auftreten, bald in eleganten Diskant-Figuren, die in graziöser Weise sich auflösten und wieder zur Form vereinigten. Eine solche Meisterin war sie in Darstellung ihres Gedankens, daß Savade immer wieder erstaunte, wenn er ihre scheinbaren Abschweifungen plötzlich wie durch einen Coup zum Thema verdichtet vor sich stehen sah. Er selber gehörte zu jenen glücklichen Naturen, die instinktiv das Maßhalten, das Wandeln auf der richtigen Mitte als das der menschlichen Natur notwendigste erkennen. Er stimmte in seinen Ansichten mit denen Frau Lamondt’s überein. Ihre Ideale waren auch die seinigen. Aber er fühlte das Zuviel auf Frau Lamondt’s Seite und versuchte unwillkürlich dieses Plus auf ihrer Seite durch ein entsprechendes Minus auf seiner Seite auszugleichen.
Bald derber, bald zarter deutete er an, daß trotz aller idealen Pflichten, die uns an die Menschheit ketten, doch unsere erste und Hauptpflicht die ist, für unsere eigene Besserung, für unser eigenes Heil, für unsere eigene Ruhe zu sorgen. Leise gab er ihr zu bedenken, ob dieses Vergafftsein in die Menschheits-Ideale nicht oft ein Vergafftsein in sich selber sein könnte, nichts als eine Form der Eigenliebe in besonders bauschiger und eleganter Enveloppe, eine Eigenliebe in Balltoilette. „Wenn einer,“ schrieb er, „der selber schmutzig ist, einen anderen schmücken will, so wird er bösen Erfolg haben. Wer das will, der muß im Groben, Gemeinen bleiben, wie die Scheuerfrauen, für die es nichts ausmacht, wenn sie ihre Arbeit in schmutzigem Habit verrichten. Aber sie gehören auch nur in die Küche und auf die Treppen. Der Anständige, der in sein bestes Zimmer treten will, legt vorher schmutzige Stiefel und Kleider ab; andernfalls macht er sein Staatszimmer zum Vorraum. Ich glaube nicht, daß es eine herrlichere Behausung gibt als jenen Tempel, den die großen Geister aller Zeiten errichtet haben. Sollten wir nicht rein sein bis ins Innerste, ehe wir in diesen Tempel einzutreten wagen, um ihn zu schmücken und auszubauen?“
Als Frau Lamondt in einem ihrer Briefe über die Schwierigkeit und Hoffnungslosigkeit der Arbeit am eigenen „Ich“ klagte, antwortete er folgendes:
„Freilich ist das eigene ‚Ich‘ jenes wunderliche Ding, mit dem sich abzugeben der eine überhaupt nicht für der Mühe wert hält, und mit dem der andere nie fertig wird. Von dem ersteren sagen wir mit Dante: Guarda e passa! ‚Schau und geh’ vorüber überall!‘ Für den letzteren kommt alles auf die Art des Vorgehens an. Wer das ‚Ich‘ täppisch greifen will, dem entgleitet es wie einem, der Wasser in der hohlen Hand zusammenpressen will. Das ‚Ich‘ kann nicht begriffen werden, es kann nur angeschaut werden. Aber auch das Schauen muß verstanden werden.“
Und weiter hieß es: „Es ist freilich wahr, das ‚Ich‘ ist das Rätsel aller Rätsel, das Wunder aller Wunder, und hier einen Zweifel lösen, heißt hier nur, ihn in zwei neue zerspalten. Aber was sollen wir hieraus für Lehren ziehen? — Erstens, daß wir keinen Augenblick säumen dürfen und uns vor allem an die Beschäftigung mit diesem Ich machen müssen, eben wegen der Schwierigkeit der Sache einerseits und ihrer einzigen Wichtigkeit anderseits. Wir dürfen hier nie sagen: ‚Was hat diese Arbeit für Zweck? Das mühsam Errungene wird in neuen Zweifeln verloren gehen.‘ Hier ist ja auch der Verlust Fortschritt. Wird jemand sagen: ‚Was hat es für Zweck, mich jetzt zu sättigen? Zum Abend werde ich doch hungrig sein.‘ Das Hungrig-Werden ist ja hier Fortschritt, ist Gelingen. Diese Einsicht sollte uns hindern, uns zu früh über unser eigenes ‚Ich‘ hinwegsehen zu lassen auf das ‚Ich‘ des Nebenmenschen hin. Wir wollen auch nicht vergessen, daß wir, um zu anderen zu kommen, die Straße passieren müssen, und daß es wohl sein könnte, daß wir bestaubt und beschmutzt von unseren Liebeswerken zu uns selbst zurückkehren.“
„Zweitens aber sollen wir daraus die Lehre ziehen, uns nicht so tief in unserem eigenen Ich zu verlieren, daß wir garnichts anderes mehr neben diesem ‚Ich‘ sehen, oder daß es uns schließlich gar den Verstand verwirrt. Wenn irgend wo, so heißt es hier, der gefühlten Unendlichkeit gegenüber: Maßhalten. Wir wollen uns doch gewöhnen, die Tatsache des Ewigen, des Göttlichen, Unfaßbaren in uns mit Maß zu tragen, wie es eben eines so kostbaren Inhaltes würdig ist. Wir wollen doch endlich aufhören, in törichter und barbarischer Weise zu versuchen, dieses Ewige, Göttliche, Unfaßbare in uns ans Tageslicht zu zerren, wie einer, der seine eigenen Eingeweide herauszerren will. Er mordet nur sich selbst.“
„So wollen wir es dem Lebens-Rätsel, dem Ich-Rätsel gegenüber machen, nicht wie der Schüler, der, an der Bewältigung seiner Aufgabe verzweifelnd, das Buch in die Ecke wirft, sondern wir wollen es machen wie der Verständige, der das seinen Kräften entsprechende Teil gelesen hat und nun ruhig das Buch schließt und sich sagt: ‚Es ist genug für heute.‘ Denn das ist auch ein Ende, zu wissen, daß man nicht am Ende ist und doch gefaßt und zufrieden bleiben. Und ich fürchte sogar, dieses ist das letzte Ende, das uns beschieden ist.“ So spricht der Verständige, Denkende, solange er nicht vom Buddha belehrt worden ist oder sich von ihm hat belehren lassen.
Aber dieses Gegenarbeiten Savades gegen Frau Lamondts Überschwenglichkeit war für beide nur wie jene künstlichen Dissonanzen, die nur dazu da sind, die Schönheit der Harmonie um so süßer zu machen und um so stärker hervortreten zu lassen. Beiden war ihr Briefwechsel ein unbeschreiblicher und erhabener Genuß geworden. Denn kein Genuß dieser Welt gleicht der Wonne, die wir empfinden, wenn die Gedanken unseres Herzens in einem anderen Herzen wiederklingen. Das ist der höchste Genuß, denn es ist der reinste. Das ist der reinste Genuß, denn er verlangt keine Berührung.
Ob in den nächsten Jahren sich allmähliche Änderungen im Denken der jungen Frau vollzogen — ob das, wovon jetzt gesprochen werden soll, das Resultat eines plötzlichen Entschlusses war — ob Savades Briefe irgend einen (natürlich unbeabsichtigten) Einfluß auf diesen Entschluß hatten, wird sich mit Bestimmtheit wohl nie feststellen lassen. Tatsache ist, daß Frau Lamondt eines Morgens, etwa drei Jahre nach der oben geschilderten Zeit jenes Besuchs zu ihrem Gatten sagte: „Ich muß Dich in einer ernsthaften Angelegenheit sprechen.“
Lamondt hatte an jenem Tage wenig Zeit, aber er war doch zu erstaunt über die Worte und den Ton seiner Frau, als daß er nicht alles andere vergessen hätte.
„Was gibt es denn, Tutti?“ fragte er teilnehmend.
„Lamondt, was ich Dir jetzt sage, wird Dich sehr überraschen und sehr betrüben. Aber so wahr ich hier stehe, ich kann nicht anders handeln, als ich handeln will. Ich bin es dem, was in meiner Seele keimt und zum Licht drängt, schuldig. Lamondt, die Qual wird durch Umgehen nur größer für uns beide. So sage ich es Dir denn direkt heraus: Ich kann nicht länger Dein Weib sein. Ich muß meinen Weg allein gehen. Versteh’ mich recht: Ich will mich von Dir scheiden lassen. Die Ehe ist nicht das richtige für mich.“
Totenbleich starrte Lamondt sein Weib an. Die Worte erstarben ihm. Er brachte nichts heraus als „Helene!“ Er kannte den Charakter seines Weibes. Er wußte, daß es kein Mittel gäbe, sie von einem einmal gefaßten Entschluß wieder abzubringen.
Frau Lamondt fuhr fort:
„Ich muß Dir alles sagen. Ich kann nicht allein gehen. Das Kind muß bei mir bleiben.“
Lamondt schien kaum hierauf zu hören. Totenblaß saß er immer noch da. Es trat ein bleiernes Schweigen ein. Die junge Frau stand da, den Blick zu Boden gesenkt, die Lippen fest aufeinander gepreßt, wie einer, der auf den Angriff wartet und den Rückschlag gibt, noch ehe er den Schlag erhalten hat.
Endlich begann Lamondt:
„Aber muß denn das sein?“
Heftig erwiderte sie: „Frage nicht. Es muß sein. Ich kann nicht anders. Versuche nicht mich von meinem Entschluß abzubringen. Es wäre vergebliche Mühe.“ In sanfterem, fast bittenden Tone fuhr sie fort:
„Wollen wir nicht alles im Guten ordnen. Es erleichtert uns beiden das Ganze so sehr. Du mußt ja selber einsehen, daß jetzt, wo einmal das entscheidende Wort gesprochen ist, jeder Tag des Zusammenlebens zur Qual wird.“
Wie in stiller Verzweiflung fuhr sich Lamondt an den Kopf. „Mein Gott, mein Gott, was soll das nur geben.“ Der kalte Schweiß rann ihm über die Stirn. Mechanisch wischte er mit der Hand darüber hin.
„Lamondt, denkst Du, meine Qualen sind geringer wie Deine? Was geschieht, geschieht für mich so unabänderlich wie für Dich. Auch ich muß mich fügen und im ruhigen Hinschauen auf die Unabänderlichkeit des Schicksals Trost suchen.“ Dann plötzlich abbrechend begann sie:
„Du fährst jetzt in die Stadt?“
Lamondt nickte stumm.
„So fahre ich mit Dir. Ich will sofort zum Rechtsanwalt und dort das Nötige einleiten.“
Lamondt war wie im Traum. Schweigend saßen sie nebeneinander im Wagen. Vor dem Hause des Rechtsanwalt Kraye setzte er seine Frau ab und begab sich ins Kontor.
Nach einigen Stunden kam ein Bote, der ihn zu eben diesem Rechtsanwalt hinbat. Willenlos folgte er. Es wurden einige Schriftstücke aufgesetzt, die beide unterschreiben mußten, und der Rechtsanwalt stellte in Aussicht, daß schon in wenigen Tagen die Angelegenheit soweit erledigt sein könnte, daß Frau Lamondts Anwesenheit nicht mehr erforderlich sein würde. „Die Einstimmigkeit auf beiden Seiten, besonders auch hinsichtlich des Kindes erleichtert alles sehr“ schloß er seinen Vortrag.
Tatsächlich wickelte sich alles so glatt ab, daß Frau Lamondt schon für den nächsten nach Europa abgehenden Dampfer einen Platz belegen konnte.
Endlich war der Tag der Abreise da, der diesem qualvollen Leben zu Hause ein Ende machte. Frau Lamondt hatte ihren Mann gebeten, dem Kinde, das jetzt etwa sieben Jahr alt war, nichts von der Wahrheit zu sagen, um nicht die Trennung zu erschweren. Der Gutmütige hatte auch hierin eingewilligt. Es war der Kleinen gesagt worden, daß sie verreisten, um die Großmama in Holland zu besuchen. Die Freude darüber war groß, und Lamondt mußte blutenden Herzens manche neugierige Frage beantworten.
Auf dem Schiffe standen die drei im äußersten Winkel, um nicht den Blicken etwaiger Bekannter ausgesetzt zu sein. Beide Eltern waren stumm, außer wenn sie auf die Fragen des Kindes antworten mußten.
Plötzlich begann die Kleine: „Papa, hörst Du, vergiß mir ja nicht Papchen.“ Sie meinte den grauen Papagei. „Das Futter gibt ihm die alte Sarah. Aber den Zucker, weißt Du, den mußt Du ihm geben und dabei mußt Du ihm immer das Wort „Dora“ vorsprechen; aber so wie ich, Papa. Hör’ mal!“ Dabei stellte sie sich wichtig vor Lamondt auf und rief mit Kinderstimme zweimal „Dora!“ „Siehst Du so. Es ist ganz leicht. Mach’ es auch mal, Papa, damit ich sehe, daß Du es recht machst. Schnell doch, Papa!“
Da brach dem gequälten Manne das Herz. Heftig schloß er sein Kind in die Arme und brach in haltloses Schluchzen aus. Dabei streichelte und küßte er das zarte Gesichtchen unaufhörlich, so daß das Kind ganz verdutzt zum Vater hoch sah.
„Mein süßer Liebling, mein wonniges Kind“ begann er endlich. „O Gott und Vater! Muß denn das alles gelitten werden!“
Das Kind wurde unruhig. „Papa, wein’ doch nicht so,“ sagte sie liebkosend. „Ich schreibe Dir alle Tage einen Brief.“ Als der Vater aber immer weiter weinte, wandte sie das Köpfchen zur Mutter hin: „Mama, weshalb weint Papa denn so?“
Frau Lamondt aber stand, die Hand fest auf das Geländer gelegt, die Zähne in die Unterlippe grabend und erwiderte kein Wort. In diesem Moment zum ersten Mal tauchte der furchtbare Gedanke in ihr auf: „Gehe ich auch den rechten Weg? Weh’ mir, wenn ich falsch gehe.“
Als das Kind auch von der Mutter keine Antwort bekam, begann es leise zu weinen. Einmal noch preßte Lamondt sein Kleinod an sich, als ob er ihr den Atem auspressen wollte, dann drehte er sich schnell um und ohne sein Weib zu berühren, ja ohne sie nur zu sehen, verließ er das Schiff und verschwand in der Menge der Zuschauer am Quai. Nicht einen Blick mehr warf er zum Schiff zurück.
Je näher Frau Lamondt Hollands Küsten kam, um so schwerer wurde ihr Herz. Sie wußte, daß sie daheim, ihrer Mutter gegenüber, einen schweren Stand haben würde; denn sie kannte nur zu gut die Hochachtung und Liebe, die letztere für Lamondt hegte. In Neapel hatte sie einen während der Überfahrt geschriebenen ausführlichen Brief zur Post gegeben, der mehrere Tage vor ihr zu Hause ankommen mußte und der ihren Standpunkt in möglichst schlichter Weise klar legte.
Auf dem Bahnhof in Utrecht wurde sie von niemand erwartet. Zu Hause angelangt empfing ihre Mutter sie mit den Worten:
„O Du unglückliches Kind! Was hast Du getan?“
„Mutter,“ erwiderte Helene, „ist es denn solch ein großes Verbrechen, wenn ein Mensch dem Höheren in sich folgt?“
„Das höchste für eine Mutter liegt innerhalb ihrer Familie“ antwortete die alte Dame streng.
Helene hatte sich unterwegs wohl hundertmal auf’s bestimmteste vorgenommen, allen Äußerungen ihrer Mutter die höchste Sanftmut und Geduld entgegen zu setzen, aber gleich diese erste Probe mißlang. Ihr Charakter war zu ungebändigt. Sie erwiderte trotzig:
„Das weiß ich nicht, Mutter.“
„So wirst Du es wohl noch lernen müssen, mein Kind.“
„Mutter, wenn da etwas ist, was ich noch lernen muß, so bin ich bereit dazu.“
Trotzig wie immer, dachte die Mutter und wandte sich liebkosend der Kleinen zu, die sofort ein eifriges Gespräch begann.
Beide Frauen waren sich im Charakter gleich. Das Beharren auf einer vorgefaßten Meinung, das sich Hineinbohren in seine eigene Meinung war der Mutter wie der Tochter eigentümlich. Frau van Hoeven sah mit Empörung auf die Tat ihrer Tochter, und die letztere hatte nicht die Fähigkeit, durch Nachgeben und Sanftmut ihre Mutter milder zu stimmen und schließlich auf ihre Seite zu ziehen. So begann ein trauriges Nebeneinanderleben, eine Fortsetzung der letzten Zeit in Batavia. Auch jede Ablenkung in Form äußerer Geselligkeit fehlte. Alle Bekannte und Verwandte in Utrecht ergriffen Lamondts Partei, der ihnen als Ehrenmann und als Muster eines Ehemanns bekannt war. So mied man es, mit der jungen Frau zusammen zu treffen, und wenn es doch geschah, so ging es nie ohne absichtliche oder unabsichtliche Stiche ab. Ja, es kam schließlich so weit, daß es Helenen unangenehm wurde, bei Tage in die Stadt zu gehen. Sie zog es vor, abends zu promenieren. Mit Recht konnte sie bald von sich sagen: „Ich bin hier die Verfehmte.“
Natürlich suchte sie immer wieder Trost in ihren Idealen. Aber es war, als ob die Gedanken, in denen sie in Java ganz naturgemäß wie in ihrem Element gelebt hatte, plötzlich vertauscht wären. Ihr war, als ob sie aus reeller Münze plötzlich zu wertlosen Schaugroschen geworden wären. Alle diese schönen Begriffe, die sie damals entzückt und ihr Denken genährt hatten, waren jetzt leere Namen geworden ohne Saft und Kraft. Nur eine Art von Pietät hielt sie zurück, diese Schemen für immer bei Seite zu werfen.
Jene Frage, die sich ihr beim Abschied so grell aufgedrängt hatte: Gehe ich den richtigen Weg? — kehrte immer häufiger wieder, immer drohender, beschäftigte sie tags und quälte sie nachts. Sie geriet schließlich in einen Zustand äußerer und innerer Verlassenheit, so daß sie sich niemanden auf der Welt unglücklicher denken konnte als sich selber. Ihr war als ob sie ständig unter einer schwarzen Wolke wandelte, das Sonnenlicht vor und hinter sich, aber sie selber von jedem erhellenden und wärmenden Strahl ausgeschlossen.
Dazu kam eine andere Sache, die ihre Traurigkeit vermehrte. Sie hatte während dieser ganzen Jahre in regelmäßigen Zwischenräumen Savades Briefe erhalten. In Java waren dieselben ihre höchste Freude gewesen, hier wären sie ihr höchster Trost gewesen. Aber dieselben blieben aus. Gleich nach ihrem Eintreffen in der Heimat hatte sie ihm (er war in einem Städtchen an der Küste stationiert) folgenden Brief geschrieben:
„Ich halte mich für verpflichtet, allen meinen Freunden das mitzuteilen, was ich eben im Begriff bin Ihnen mitzuteilen, weil ich Sie auch unter meine Freunde rechne. Ich habe mich von Herrn Lamondt trennen lassen und wohne wieder im Hause meiner Mutter“.
In ihren Briefen an Savade hatte sie nie auch nur eine Andeutung von ihrem Vorhaben fallen lassen. Und so wäre es nicht unwahrscheinlich, daß es sich bei ihrem Entschluß um etwas Plötzliches gehandelt habe, um eine jener uns Menschen so gefährlichen Klarheiten und Fernsichten, die meist für den Verstand nichts anderes sind als die Fata Morgana für das Auge.
Es war wohl ein Jahr her, daß sie diesen Brief geschrieben hatte. Eine Antwort war bis jetzt nicht erfolgt. Sie dachte bitter: „Wer nicht hat, dem wird auch genommen das was er hat.“ Sie bedachte nicht, daß sie ja ihr Kind behalten habe.
Eines Mittags wurde ihr auf ihr Zimmer, wo sie sich meist allein oder zusammen mit der Kleinen aufhielt, eine Visitenkarte überbracht. Sie laß: Louis Savade.
Nie hat Frau Lamondt später diesen merkwürdigen Augenblick vergessen. Ihr war, als ob plötzlich der Schleier, der uns umgibt, zerrisse und sie durch den Riß in die Zukunft blicke. Der Gedanke, auf den ihr geistiges Auge hier traf, jagte ihr erst das Blut ins Gesicht und trieb es dann jäh zum Herzen zurück, so daß sie vor zitternder Schwäche sich auf einen Stuhl niederlassen mußte. Noch einige Mal wechselten schnell jähe Röte und tiefe Blässe. Endlich war die Blutwelle so weit beruhigt, daß sie es wagen konnte, in den Salon hinunter zu gehen.
Beim Verlassen ihres Zimmers trat sie unwillkürlich vor den Spiegel. Aber mit schnellem Ruck wandte sie sich um, ohne hineingesehen zu haben.
Savade trat ihr, wie auch damals in Java, mit jener vorsichtigen Höflichkeit entgegen, die er jedem zeigte. Sie mußte sich zwingen, ihn wenigstens für einen Augenblick frei anzusehen, aber sofort senkte sich ihr Blick wieder, und nach der ersten Begrüßung entstand eine Pause. Es war der jungen Frau unmöglich, jetzt solche banalen Fragen zu tun wie: „Aber wie kommen Sie denn hierher?“ oder: „Sind Sie in Geschäften hier?“ usw. Oben hatte sie mit blitzähnlicher Klarheit den Zweck seines Kommens erkannt. Als er ihr jetzt aber mit dieser formellen Höflichkeit entgegen trat, da war ihr, als ob alles verloren sei und ihr Leben für ewig in um so tiefere Nacht und Dunkel tauche.
Endlich begann Savade, um dem Schweigen ein Ende zu machen:
„Was ist alles geschehen, seit wir uns nicht gesehen haben.“
„O Gott, ja“, erwiderte sie traurig.
Er sah sie prüfend an. Auch jemand, der weniger Menschenkenner war als er, mußte die Last von Leiden sehen, die auf diesem blassen Gesicht lagerte. Da ihre Augen durch die Lider verdeckt wurden, so war ihr Gesicht ganz stilles Dulden.
Ihm wurde das Herz warm. Er begann wieder:
„Sie taten mir die Ehre an, mich Ihren Freund zu nennen. Ich fuße hierauf, um eine Frage zu tun, die zu unterdrücken mir unmöglich ist. Weshalb ist das alles geschehen?“
„Weil es geschehen mußte.“ Sie ließ den Blick gesenkt.
„Und weshalb mußte das geschehen?“
„Weil ich wahr sein wollte, den richtigen Weg gehen wollte, meinen Weg.“
Sie sah entschlossen zu ihm hoch.
Nachdenklich erwiderte er:
„Sie gehen jetzt diesen Weg. Glauben Sie immer noch, daß es der richtige ist?“
Fast argwöhnisch sah sie ihn an: „Sind Sie auch gekommen, um mich zu quälen wie die anderen?“
Er wollte sie unterbrechen. Sie kam ihm zuvor.
„Ach, verzeihen Sie mir Armen, Überreizten! Ich weiß ja, daß Sie der einzige sind, der Verständnis für mein Tun hat. O, sicher, Sie werden nicht nach der Schablone urteilen. Sie werden die nicht ungehört verdammen, die der Ansicht ist, daß die Frau nicht die Verpflichtung habe, in der Ehe nicht allein ihren Körper, sondern auch ihren Geist, ihre Seele, ihr Höchstes hinzuopfern. Die Ehe mag ein geheiligtes Institut sein, aber das Göttliche in uns ist heiliger. Es ist eine Sünde wider den heiligen Geist, es durch die Ehe zertreten zu lassen.“
Sie sah ihn an, als ob sie eine Antwort erwarte. Da er aber sinnend vor sich hinblickte, so fuhr sie fort:
„So will ich Ihnen denn auf Ihre Frage wahrheitsgemäß antworten: Ich kann nicht leugnen, daß ich zur Zeit in einer Periode geistigen Elends mich befinde. Alles was ich die Jahre vorher klar und bestimmt sah, das ist jetzt dunkel, konfuse, zweideutig geworden. Aber ich weiß auch so bestimmt als ich hier vor Ihnen stehe, daß alle diese dunklen Wolken sich zerstreuen werden, so bald die innere Ruhe, die Ruhe des Denkens wieder in mich zurückgekehrt sein wird. Klar wie der Tag sehe ich die Zeit vor mir, in der meine Ideale wieder in ihrem alten Glanz leuchten und wärmen werden.“
„So sind Sie entschlossen, diesen Ihren Weg weiter fort zu gehen?“
Es lag über seinem Sprechen wie ein Schleier, der einen bestimmten Affekt nicht durchblicken ließ.
Ohne Überlegung erwiderte sie: „Ja, ich will es.“
Ihre Augen leuchteten. Ihr Atem ging schnell. Kerzengrade stand sie vor ihm, so daß sie größer aussah, als sie in Wirklichkeit war.
Voll unverhohlener Bewunderung blickte er sie an. „Wie bewundere ich Sie! Sie sind Männern ein Vorbild.“
Es war, als ob er noch etwas sagen wollte, aber der Faden schien abgerissen. Einen Moment schwiegen beide. In der Leere dieses Schweigens saugten sich beider Herzen aneinander. Aber das vermittelnde Wort versagte, der seelische Kontakt zerfiel.
„Ich bin nur für wenige Stunden in Utrecht. Es wird Zeit, daß ich mich empfehle.“
Er erhob sich, um Abschied zu nehmen. Die junge Frau überkam es in diesem Augenblick wie eine unbeschreibliche Angst. Ihr war es, als ob sie etwas für ewig und unwiderbringlich verlöre, wenn sie ihn jetzt so gehen ließe. Sie wußte kaum, was sie tat. Fast flehend trat sie vor ihn:
„O, bleiben Sie doch noch, nur ein paar Minuten! Diese Zeit, in der ich jetzt mit ihnen geredet habe, ist die einzige frohe Viertelstunde, die ich genoß, seit ich die Schwelle dieses Hauses überschritten habe. O, wenn Sie wüßten, was das heißt, als eine Verfehmte leben. Wenn Sie wüßten, was das heißt, wenn man das Tageslicht meiden muß, weil man in aller Augen immer nur die Anklage liest. Aber das ist die Brutalität unserer Nächsten. Über ein schwaches Weib fällt alles erbarmungslos her. Sie ist ja dazu geboren, in der Deichsel zusammen zu brechen, und wehe ihr, wenn sie eigenmächtig an ihrem Schicksal modelt. Wenn der Mann, höheren Idealen folgend, sein Weib verläßt, so wird er bewundert und womöglich der Löwe der Gesellschaft. Ein armseliges Weib, das nichts will, als in Ruhe leben, wird nach Indianer-Manier langsam zu Tode gequält. O, mein Gott, mein Gott! Was habe ich in dieser Zeit gelitten!“ Ihre Lippen zuckten, und sie schlug die Hände vor’s Gesicht, um die Tränen zu verbergen, die langsam ihre Augen füllten.
Savade stand wortlos. Er fühlte unendliches Mitleid und unendliche Liebe. Ihm war, als ob dieses Menschenwesen vor ihm geschaffen sei, ihm, gerade ihm die Noblesse ihrer Gedanken, die Eigenart ihres Empfindens zu enthüllen. Ihm war, als ob er, nur er allein der Strahl sei, dem diese Blume sich öffnen könne.
Er näherte sein Gesicht dicht dem ihrigen. „O, weinen Sie nicht,“ bat er leise und zärtlich. „O bitte, weinen Sie nicht. Es zerreißt das Herz, jemanden leiden zu sehen, den man so liebt, wie ich Sie liebe. Es würde mir Seligkeit sein, Sie zu schützen, Sie mit aller der Sorgfalt zu umgeben, die Ihre Natur erfordert. Haben Sie genug Vertrauen zu mir, um sich meiner Führung für Ihr künftiges Leben anzuvertrauen? — Geliebte!“
Er versuchte sanft, ihre Hände vom Gesicht herabzuziehen. Da lag sie an seiner Brust, leise weinend wie ein geängstigtes Kind am Halse der Mutter. Er streichelte ihr das Haar und flüsterte zärtliche Koseworte. Was war nur aus der eigenwilligen Frau Lamondt geworden.
Plötzlich bog sie sich zurück und sah ihn an. „Denkst Du auch an Lamondt?“
„Ja, ich denke an ihn, Helene. Unsere Ehe baut sich auf den Trümmern seines Glückes auf. So wollen wir jetzt den heiligen Schwur tun, unsere Ehe und unser Leben so zu führen, daß wir in Zeiten der Trübsal und in Zeiten der Freude ruhigen Gewissens an Lamondt und sein vom Schicksal zerstörtes Glück denken können.“
Stolz, selig blickte sie zu ihm hoch. „O, wie viel Glück doch in einem Augenblicke leben kann,“ sagte sie leise.
„Und wie viel Unglück. Wir, Helene, dürfen selbst an einem Tage wie dem heutigen das nicht vergessen.“
Sie nickte.
„Aber jetzt meine Mutter.“ Hastig schritt sie zur Klingel, dem auf das Geläute hin erscheinenden Mädchen trug sie auf, Frau van Hoeven in den Salon zu bitten.
Schon nach wenigen Minuten erschien die alte Dame.
Helene warf sich stürmisch an ihre Brust.
„Aber Helene, was ist denn?“ fragte die Mutter. Sie war keine Freundin übertriebener Gefühlsäußerungen. In ihr war noch das javanische Blut lebendig, und die erste Vorschrift javanischer Etikette ist strenge Förmlichkeit.
„O Mutter, von heut ab beginnt mein wahres Lebensglück. Wir bitten um Deinen Segen.“
Die Alte stand ratlos. Da trat Savade vor und begann:
„Gnädige Frau, ich habe um die Hand Ihrer Tochter angehalten und soeben das Ja-Wort bekommen. Helene und ich bitten um Ihren Segen.“
„Mein Herr,“ begann Frau van Hoeven, „ich bin zu überrascht, um etwas Schickliches vorbringen zu können. Die bisherige Handlungsweise meiner Tochter kann ich nicht billigen; die augenblickliche verstehe ich noch nicht recht. Aber ich weiß, daß sie das Beste will und ich sehe, daß Sie ein Ehrenmann sind. So gebe ich denn Euch beiden so viel Segen, wie eine Mutter nur geben kann.“
Sie küßte Helene zärtlich. Savade trat hinzu und küßte ehrfurchtsvoll ihre Hand.
In diesem Moment trat die kleine Dora ein. Scheu blieb sie an der Tür stehen.
„Komm, Dora, komm mein Kind,“ rief ihr die Mutter zu. „Ich will Dir etwas erzählen.“ Sie küßte die Kleine heftig und führte sie zu Savade. „Dieses ist Herr Savade. Gib ihm einen Kuß, mein Kind.“
„Weshalb denn, Mama?“
„Weil ich Dich darum bitte, mein Kind.“
Die Kleine zögerte immer noch. Da beugte sich die Mutter tief über sie, daß ihr das Blut in die Wangen stieg, und flüsterte ihr etwas in’s Ohr. Trotzig wandte sich das Kind ab. „Ich habe meinen Papa. Ich will keinen anderen Papa.“
„Aber Dora!“ rief Frau Lamondt etwas heftig.
„Laß das Kind, Helene,“ fiel Savade ein. „Wir werden später gute Freunde werden.“
Am Abend reiste er ab. In schmerzhafter Seligkeit hing Helene an seinem Hals.
„Wie dunkel wird es jetzt wieder werden.“
„Aber Helene, mein braver Philosoph.“
„Du hast Recht. Wir haben Licht in uns. Überdies leuchtet ja jetzt ein Licht vor mir heller wie die Sonne.“
Er drückte sie zärtlich an sich. Helene fühlte eine Seligkeit, von deren Existenz sie bisher nichts geahnt hatte.
Schon nach wenigen Tagen schrieb Savade folgenden Brief an Lamondt:
„Mein guter Lamondt, liebster Freund!
Es hat sich etwas ereignet, von dem ich wohl möchte, daß Du es von niemand anderem eher hörst als von mir. Nachdem ich so angefangen habe, ist es mir unmöglich, weitere Vorreden und Umschweife zu machen. Ich muß es Dir direkt sagen: Am Xten dieses Monats habe ich mich mit Helene verlobt, und wenn Du diese Zeilen erhältst, so sind wir vielleicht schon Mann und Weib.
Wir sind übereingekommen, jene geistigen Ziele, die doch das Höchste sind, dem der Mensch hienieden leben kann, gemeinschaftlich zu verfolgen.
Ein Gedanke ist mir fürchterlich. Mir ist, als ob ich unsere Freundschaft beschmutze, wenn ich darüber rede. Mir ist aber auch, als ob ich unsere Freundschaft beschmutze, wenn ich darüber schweige. Lamondt, Du glaubst doch nicht, daß die Scheidung Deiner Frau von Dir etwas mit diesem Ereignis zu tun hat! O Gott, ich drücke mich so plump aus, aber wie soll ich anders reden, um deutlich zu sein.
Ich hatte das ganze Jahr nichts von Helene gehört. Unsere Verlobung kam ganz überraschend. Das heißt, ich will ganz ehrlich sein. Schon lange war ich von den widerstreitendsten Empfindungen gepeinigt worden. Ich fuhr nach Utrecht, ich wußte selber nicht, warum. Es hätte wohl sein können, daß ich statt des Ja-Wortes mit einem neuen Schlips oder einem Satz Hemdknöpfe nach Hause zurückgekehrt wäre. So völlig unentschlossen war ich.
Aber fällt mir eben ein, hier mußt Du fragen: ‚Mein lieber Savade, weshalb bist Du denn überhaupt auf den Gedanken gekommen, nach Utrecht zu reisen? Schlipse und Hemdenknöpfe konntest Du auch in Deinem Krähwinkel kaufen.‘ — Weil ich in widerstreitenden Empfindungen lebte. — ‚Und weshalb lebtest Du in widerstreitenden Empfindungen?‘ Usw. rückwärts. — Lamondt, so wahr ich dereinst hoffe, ein ruhiges Sterben zu haben, diesen Gedanken verfolge ich mit solcher Gründlichkeit heute zum ersten Mal. Und jetzt erst, in diesem Augenblick erkenne ich, daß der Grund meiner Liebe zu Helenen vielleicht schon an jenem Tage gelegt ist, an dem ich Euch in Batavia besuchte. Ich sage ‚vielleicht‘; denn ich kann es Dir mit heiligstem Eide beschwören: Ich weiß es selber nicht. Ich weiß nur, daß ich furchtbar erschrocken war, als ich von Helene die Nachricht ihrer Scheidung von Dir erhielt.
Aber man muß gerecht sein, auch gegen sich selbst und nicht nur Gefühle, sondern auch Tatsachen erzählen. So kann ich Dir sagen, daß in dem Briefwechsel jener Jahre nicht ein Wort, nicht eine Wendung sich befindet, die nicht vor der strengsten Kritik standhalten würde. Aber geht mir selber auch jene Gedanken-Unschuld ab, so kann ich, Gott sei Dank, für Helene garantieren. Noch als ich sie sprach, war sie fest entschlossen, ihren Weg allein zu wandern. Die Entscheidung kam, als ich schon sozusagen die Tür in der Hand hatte. Es war der reine Zufall, Lamondt, für mich ein unerhörter Glückszufall.
Das wollte ich Dir mitteilen. Lieber, guter, treuer Lamondt, was ist das Leben doch für ein elendes Ding. Nicht einmal drei Leute, die alle drei das Beste wollen, können in reinem Glück zusammen leben. Was mich am meisten schmerzt, ist, daß ich Dich nicht einmal trösten kann. Aber glaube mir, Lamondt, auch in der Hochflut meiner Seligkeit vergesse ich nicht, daß das Glück rollt.
Dein treuer Savade.“
Nach etwa neun Wochen empfing Savade hierauf eine Antwort, die an ihrem Ort Platz finden wird.
Helenes und Savades Verlobungszeit war nur kurz. Schon etwa vier Wochen nach der Verlobung fand die Hochzeit statt. Alles ward aufs einfachste und in der Stille hergerichtet.