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Aus der Schneegrube

Chapter 11: Die Zeit-Frage
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About This Book

A sequence of reflective essays and diary-like sketches considers whether modern natural science conceals a cold core and how a clarified concept of nature might reconcile scientific knowledge with spiritual feeling and aesthetic experience. Drawing on mountain and botanical observation, historical discussions of Darwinism, mutation theory, geology, and vast time scales, the author weighs teleological against mechanistic explanations and investigates the human role in perceiving and shaping the world. Critiques of reductionism, examinations of scientific debates, and meditations on beauty, love, and art are woven together to propose a hopeful, holistic outlook on nature and culture.

 

Eine Frage aber, die hinter diesen darwinistischen Problemen immer wieder auftauchen muß, ist die Zeit-Frage.

Haben wir Zeit genug in der Weltgeschichte, in der Erdgeschichte für solche schrittweisen Entwickelungen?

Es ist die Stelle, wo der starre Bibel-Glaube mit seiner alttestamentlichen Schöpfungsgeschichte zuerst gescheitert ist, — bei dieser Zeit-Frage.

Noch immer aber herrscht über sie trotz dieses wahrlich schon nicht gering zu achtenden Kampf-Wertes vielfältig eine Unklarheit, wie kaum über einen zweiten Darwin-Punkt. Auch hier wird — erst mißverstanden — und dann losgeredet.

Ich erinnere mich auch dazu einer kleinen Geschichte, die mir symbolisch bedeutsam scheint.

Am 27. August 1883 explodierte in der Sunda-Straße zwischen Sumatra und Java der Vulkan Krakatau.

Er explodierte buchstäblich, als das Meereswasser sich in seinen halb geschmolzenen Krater ergoß.

Das Wasser wurde an der glühenden Lava zu Dampf, und auf diesen ungeheuerlichen Druck hin platzte die ganze Krakatau-Insel.

Die Dampfsäule schoß dreißig Kilometer hoch empor.

Eine Sturzwelle, wie die Phantasie sie für die Sintflut sich ausmalt, bis zu sechsunddreißig Meter hoch, verwüstete die nahen Küsten von Java und Sumatra und kostete vierzigtausend Menschen das Leben.

Das Gebrüll der Katastrophe hörte man bis Ceylon, bis zu den Philippinen, bis Perth in Australien, also so weit, wie es etwa von Berlin bis Kairo ist.

Zehn Stunden nach der Explosion fingen selbst in Berlin die automatisch registrierenden Barometer an, unruhig zu werden: es war die Luftwelle, die über Ostindien kam; sechzehn Stunden später folgte die zweite auf dem längeren Wege über Amerika; so schlug der Stoß um die ganze Erdkugel. Die aufgeschleuderten Aschenteilchen aber haben noch Jahre lang als erhöhte Dämmerglut und leuchtende Nachtwolken auch in unseren Landen die Forscher beschäftigt.

In diesem Sommer wurden es zwanzig Jahre seit diesem Tage der Schrecken für eine paradiesisch schöne Gegend. Das Paradies hat sich wieder hergestellt, so gut es konnte, — in der tropischen Üppigkeit wurde es ja nicht allzu schwer. Nur auf der See schaukeln da und dort noch treibende Bimssteinfelder. Und aus der blauen Sunda-Straße ragt als düstere Ruine das letzte Stück Kesselwand, der bis ins Herz zerborstene Vulkan. Aber auch auf diese Ruine hat die schaffende Natur leise schon wieder ihre Hand gelegt mit neuem Leben.

Die Insel Krakatau war bis zum Tage ihrer Explosion dreiunddreißig Quadratkilometer groß. Diesen Raum bedeckte dichter Wald in vollkommener Tropen-Üppigkeit. Als sich der furchtbare Qualm später verzogen hatte, stand von der ganzen Insel nur noch die Südhälfte des Vulkanpiks. Mehr als die Hälfte des Landes war verschwunden, und es wäre noch mehr fort gewesen, hätten nicht die vulkanischen Massen selbst sich wieder angelagert; hatte der Vulkan doch nachweisbar allein mindestens 18 Kubikkilometer Asche und Bimsstein gespieen. Was stand, war aber in diesem Moment ausnahmslos und bis aufs letzte Hälmchen gründlich nackte Schlacke, ohne Pflanzenwuchs, ohne Tierwelt. Ein soeben aus seiner Urglut erstarrter Planet konnte nicht radikaler vom Leben frei, gleichsam kosmisch sterilisiert sein.

In den zwanzig Jahren seither aber sind zweimal Botaniker auf den Ruinenpik geklettert. Und ihnen ist vergönnt gewesen, etwas zu beobachten, was in dieser Reinheit des Exempels wohl noch nie zeitlich genau von kundigen Menschenaugen verfolgt worden ist: die stufenweise Neueroberung einer einsamen irdischen Brandstätte im Ozean durch Flora auf ihrer Wanderschaft.

Drei Jahre nach der Katastrophe, im Juni 1886, besuchte der hochverdiente Direktor des prachtvollen botanischen Gartens zu Buitenzorg (Batavia), Melchior Treub (sprich: Tröb), die Insel.

Er traf den Prozeß der Neubesiedelung durch Pflanzen bereits in vollem Gange. Zunächst machte sich auf der vulkanischen Zerstörungsdecke aus Asche, Lava und Bimsstein eine schwarzgrüne, gallertartige Schicht „Leben“ bemerkbar: Genossenschaften von (einzeln mikroskopisch winzigen) Algen. Sie waren zweifellos der Urstamm der Pioniere. Sechs Arten ließen sich unterscheiden, alle aus der Gruppe der Cyanophyceen. Die Cyanophyceen oder Schizophyceen, zu deutsch Blaualgen oder Spaltalgen, gehören jener alleruntersten, allereinfachsten Reihe pflanzenähnlicher Urwesen an, zu denen auch die vielbesagten Bakterien oder Bazillen gerechnet werden. Im Engeren gehört dazu das wunderliche Volk der sogenannten Nostoc-Algen, die es in ihrer gemeinsten Sorte bei uns bis zu handgroßen, hirnartig verfalteten Gallertbrocken bringen, wenn die nötige Feuchtigkeit sie trifft; gerät solcher Nostocteller umgekehrt in eine ganz trockene Jahreszeit, so schmilzt er fast zur Unsichtbarkeit ein, unbeschadet doch seiner fröhlichsten Lebenszähigkeit. Auch jene allbekannte Erscheinung unserer Seen, die „Wasserblüte“, ein plötzliches Trüb- und Grünwerden des Wassers, beruht auf einer jähen grenzenlosen Vermehrung solcher Spaltalgen.

All dieses niedrigste Pflanzenvolk weiß sich nun zum Zweck der Ausbreitung aufs Wunderbarste zu „verflüchtigen“. Wir kennen das ja von den Bakterien, den allgegenwärtigen, besser als uns lieb ist. Als trockene Keime (Sporen) reisen sie mit jedem Luftzug dahin, über Berg und Tal, Eis und Wasser, — Herren der Erde, die keine räumliche Schranke anerkennen.

Ganz zweifellos sind auch jene Algen des Krakatau auf solchem Wege der Luftpost angesegelt. Das Wunder der „Urzeugung“, von dem wir so wenig wissen, brauchte sich auf der verbrannten Insel nicht neu einzustellen.

Rings lag ja die weite Erde üppig nach wie vor unter ihrer grünen Pflanzendecke. Mit dem Winde entsandte sie ihre mikroskopisch kleinen Boten. Der Botaniker Kerner von Marilaun hat vor Jahren einmal in einem Tiroler Gebirgstal eine Tafel mit feucht erhaltenem weißen Filtrierpapier dem Südwinde ausgesetzt: kaum ein paar Stunden waren herum und an der Tafel haftete schon ein buntes Stück solchen windgeführten Wanderlebens: Pollenzellen und Sporen von allerhand Pflanzen, aber immer dabei auch ausschwärmende Zellgruppen jener Nostoc-Algen.

Wie die künstliche Tafel, so diente aber auch der natürliche nackte Fels, den der Tropenregen netzte: reisenden Algen bot auch er Quartier.

Die Algen hatten dann mit ihrem Schleimüberzug wieder den Keimboden, den ersten Humus gleichsam geschaffen für höhere, bereits etwas anspruchsvollere Pflanzen.

Auch von denen reisten Sporen durch die Luft: die Sporen von Farnkräutern und Moosen. Sie landeten und gingen auf, wo die Algen das Bett bereitet. Elf Arten tropischer Farnkräuter beobachtete Treub bereits an den Abhängen der Vulkanruine.

Solches Farnkraut steht aber selber immer noch wieder tief unter den eigentlichen Samenpflanzen, den Phanerogamen, wie sie unsere Wälder und Wiesen in der Masse zusammensetzen. Es war, als wiederhole dieser kleine Fels im Südmeer noch einmal den uralten Heraufgang des pflanzlichen Lebens auf der Gesamterde, in dem auch der Farnwald sich an zweiter Stelle über den Algenteppich erhoben, um selber dann dem echten Nadelholz- und Laubwald und der bunten Blumenmatte als der endlichen Krone der Entwickelung zu weichen. Die Insel Krakatau stand aber bereits auch an der Schwelle dieses höchsten Zeitalters, wie Treub des weiteren feststellte.

Auch diese obersten Pflanzengeschlechter haben ja noch gar manche Möglichkeit zu Luftreisen. Bald ist der ganze befruchtete Samen auch bei ihnen noch so staubhaft winzig, daß er mitgeht gleich Alge und Farnspore. So glückt es besonders ohne Mühe den schönen farbenfrohen Orchideen. Bald aber auch hat das Früchtlein allerhand Anhängsel, wie Flügel, Ruder und Luftschrauben, ich erinnere bloß an die allbekannten lustigen Luftschifflein des Ahorns. So sammelte unser Botaniker im Innern des Inselchens zwei Grasarten und vier Arten jener formenreichsten heutigen Pflanzenfamilie, die zusammengesetzte Blüten trägt, der Kompositen. Auch für ihre leichten, flugfähigen Samen war der Wind sicherlich noch Postillon gewesen.

Endlich aber wuchsen am Strande auch noch neun unterschiedliche Sorten Strandpflanzen, für die es am wahrscheinlichsten war, daß die Welle sie heranverfrachtet.

Das ist ja auch ein im oberen Pflanzenleben öfter benutzter Transportweg. Es ist dazu nur nötig, daß die Frucht ihre Keimfähigkeit im Salzwasser behält und daß sie schwimmen kann. Von manchen Samen hat man sicher beobachtet, daß sie über ein Jahr im Meerwasser liegen können, ohne ihre Keimkraft zu verlieren. Ein Muster von Schwimmfähigkeit bietet beispielsweise die Kokosnuß, die durch ein luftgefülltes Faserhemd und einen für Wasser unzugänglichen Fettpanzer wie in einen Schwimmgürtel eingeschnallt ist; ohne Mühe reist sie denn auch von Strand zu Strand und trägt ihr Paradies in den kahlsten Tropenwinkel. Die ganze Strandflora des Krakatau war entsprechend in den drei Jahren angeschwommen, von Meeresströmungen herangelotst und von der Welle dann als Spülicht abgesetzt wie Muscheln und Tange.

Nach dieser ersten Sondierung vergingen mehr als zehn Jahre.

Erst im März 1897 machte sich abermals ein kleiner Botanikerkreis, Treub an der Spitze, von Buitenzorg auf, um den Fortschritt vom nackten Höllengrund zum Paradiese abermals zu messen.

Diesmal war auch der bewährte deutsche Pflanzenkenner Professor O. Penzig mit von der Partie, der ausführlich und anschaulich darüber berichtet hat (in den Annalen des botanischen Gartens zu Buitenzorg 2. III. S. 92–113).

Die kleine Expedition, mit allem wohl ausgerüstet, verweilte auf der Ruine einen halben Tag. Den Vulkanrest selber zu besteigen — er ist noch seine 800 Meter hoch wie der stehen gebliebene Zacken eines abbröckelnden Zahns — gelang nicht wegen der tiefen Klüfte, die sich wohl durch Zusammenziehung der erkaltenden Lava wie Risse in erstarrendem Pech gebildet haben und allenthalben den Weg versperren. Um so wertvoller aber war die botanische Ausbeute.

An der westlichen Hälfte der Nordseite der Insel zeigt sich die einzige echte, zum Landen erträgliche Strandstelle. Bimssteinblöcke und Korallenbruchstücke bauen sie hauptsächlich auf.

Hier ist ein kleines Strandparadies im vollen Werden.

Überall blüht es und treibt es, stellenweise ist das ganze Ufer völlig pflanzengrün. Da wachsen ein Pandanus, eine Wolfsmilch (Euphorbia), eine Scävola, unverkennbare Stammgäste sandiger und kiesiger Tropenufer der Gegend. In Massen kriechen die langen Stengel einer Trichterwinde dahin, dazwischen Vigna-Arten und die giftige, aber weithin duftende Leguminose Canavalia obtusifolia, die auch eine typische Strandpflanze ist. Endlich fehlt es nicht an Gräsern (von der berüchtigt stacheligen Sorte Spinifex) und Cypergräsern.

Neben den schon regelrecht aufgeblühten Gewächsen aber fanden sich eine Masse frisch angeschwemmter Früchte und Samen, zum Teil in munterem Keimen begriffen, so daß man recht in die lebendige Werkstatt des Fortschrittes sehen konnte. Hier lag vor allem die Kokosnuß selber, dann der Same des Mangobaumes, dessen terpentinartig schmeckende Goldfrucht jeder Indienfahrer kennt, zweier Eichen, zweier Cäsalpinien (aus der Gruppe der berühmten Färbholzpflanzen), der Zuckerpalme, von der der Palmzucker kommt, und vieler anderen mehr.

Das Bild änderte sich, als die Besucher mehr ins Innere drangen.

Sie betraten eine Grassteppe.

Über mannshoch ragten die Grashalme, den Weg versperrend, und in den Halmwald verspannen sich zu zähem Dschungel die Trichterwinden und anderen Schlinggewächse. Wieder aus der Steppe aber erhebt sich der Fels. Noch ist ihm treu, was der erste Besucher einst fand: die blaugrünen oder schwärzlichen Schleimpolster der Algen und dann in reichster Fülle die Farnkräuter. Aber schon mischen sich auch hier oben in die Flora schöne echte Blütenpflanzen höherer Art. Da leuchtet es von weißen und rosaroten Blumen: es ist eine Erd-Orchidee (Spathiglottis plicata), deren feiner Samen also jetzt wirklich glücklich auch den Weg über die blaue See gefunden hat. Daneben prangt eine über meterhohe Composite, die „Blumea balsamifera“, die alles mit ihrem Duft erfüllt.

Den Schluß der Expedition bildete ein Besuch auf einem Inselchen „Verlaten Eiland“, das ein paar Kilometer entfernt liegt.

Als der Krakatau hier Weltuntergang spielte, mußte das nahe Eiland mit. Auch auf ihm verbrannte jedes letzte Hälmchen und dicke Schichten von Asche und Bimsstein begruben die Stätte. Grade hier aber hatte Floras Hand das höchste Wunder aufgespart, die äußerste Leistung tropischer Schnellproduktion.

Denn an der Südspitze dieses Friedhofs von 1883 stand bereits wieder ein ganzes Wäldchen von fünf bis sechs Meter hohen Bäumen. Casuarinen waren es. „Casuarbäume“, aus jenem seltsamen Geschlecht, dessen eigentliche Heimat das Wunderland Australien bildet. Wie gerupft, wie abgefressen hängen die scheinbar ganz blattlosen, düsteren Zweige herab, eher an Schachtelhalme als an Laubpflanzen erinnernd, eine echte Staffagepflanze von urweltlichem Habitus zu dem Erdteil der Schnabeltiere und Molchfische.

Als die Besucher ihre Ausbeute musterten, hatten sie im ganzen gesammelt: 22 niedere Kryptogamen (Algen und anderes), 12 Farne und 50 höhere Pflanzen (Phanerogamen). Treub bei seiner ersten Fahrt hatte 8 Kryptogamen, ein Farnkraut weniger und nur 15 Phanerogamen erbeutet. So trat der Fortschritt ganz deutlich hervor, wenn er auch nicht eben mit Siebenmeilenstiefeln gelaufen war, — der Fortschritt in elf Jahren genau gemessener Zeit.

Interessant war dabei noch die weitere Einsicht in die Transportart der neuen Ankömmlinge.

Penzig verrechnet da alle Algen und Farne nach wie vor auf den Wind. Von den Phanerogamen gibt er siebzehn Arten mit meist kleinen und teilweise mit Flugapparaten ausgestatteten Samen den gleichen Weg: es sind sämtlich Gräser, Compositen oder Orchideen. Zweiunddreißig Arten dagegen fallen auf Wassertransport: es sind fast durchweg Strandpflanzen, darunter die Casuarinen, Euphorbien, Canavalien und die Kokospalme.

Endlich für ein paar Arten (Melastoma und Ficus) kommt noch ein ganz besonderes Luftschifflein in Betracht, an das man früher gar nicht für solche Fälle zu denken gewagt hätte: nämlich Verschleppung durch früchtefressende Tiere, — Vögel oder Fledermäuse (Flughunde). Diese Pflanzen haben wohlschmeckende Früchte, deren Samen den Verdauungsprozeß überstehen. Der Weg ist also kein ungewöhnlicher. Darwin hat, wie so vieles, auch diese Art der Pflanzenverbreitung zuerst genau studiert und in unsere Rechnungen eingeführt. Er fand, daß Körner lustig aufkeimten, nachdem sie Tage lang in einem Vogelinnern zugebracht hatten; der Vogel konnte in dieser Zeit aber mehrere hundert Meilen weit geflogen sein.

So viel vom Krakatau, seiner Explosion und seinem neu erblühenden Garten.

Warum ich aber grade an diese Geschichte mich erinnert habe, damit hat es diese Bewandtnis. Ein Zeit-Beispiel steht uns hier wirklich vor Augen von außergewöhnlicher Art. Im Rahmen ganz fester Jahresziffern, 1883, 1886, 1897, erleben wir stufenweise mit einen Naturvorgang typischer Sorte: die Neuumfassung eines vegetationslosen Landes im Meer durch die „Biosphäre“, den großen Lebenskörper, der in Gestalt von Pflanze, Tier und Mensch die Oberfläche unseres Erdplaneten überlagert.

Hätten wir solche Zeitbeispiele, wo sich eine meßbare Zeit mit einem konkreten „Werden“ für uns füllt und deckt, in größerer Zahl, so träte jene Zeitfrage der Entwickelungslehre auf ein ganz anderes, ein exaktes Feld für uns über.

So wie hier, müßten wir dabei gewesen sein bei der Erdgeschichte, sollten unsere Antworten ganz unmittelbare sein.

Statt dessen sind wir angewiesen auf Indizienbeweise. Tatsächlich sind aber auch sie wenigstens für die größten Linien von zwingender Gewalt. Um ihnen zu folgen, ist aber wieder ein verwickelter Weg nötig, der weit fort führt von allen Schlagworten.

Ein Stück menschlicher Denkgeschichte ist dazu nötig.

— — —

Wen man von einem mittelhohen, aber kahlen Berggipfel in die Ebene schaut — etwa von der Schneekoppe — so bekommt man ein gutes Bild, wie die „Biosphäre“, die Gesamtmasse des „Lebendigen“, zu dem ungeheuren Erdplaneten sich verhält.

Dunkler Fichtenwald, lichter, grüner Busch, endlich Wiesen und Kornfelder liegen da nicht mehr plastisch, sondern als Farbflecke. Nur noch die Unterlage, Hügel, Täler, Erdwellen aller Art steigen auf oder sinken ab. Die Farbfelder aber gehen mit, eben wie eine einfache Farbe, an deren Dicke man nicht noch einmal besonders denkt.

So liegt das Leben im ganzen um die Erde.

Der Fels aus Urgestein hier oben hat noch einen Vergleich: an seiner Flanke klebt die gelbe Flechte, auch sie fast nur ein Farbfleck ohne Tiefe, aber doch ein „Etwas“, das nicht selber Fels ist, sondern das man abschaben kann.

Wie eine solche feine bunte Flechtenkruste überzieht das Leben den rein mineralischen Block des Planeten in seinen kolossalen Größenverhältnissen eines Kugelberges von mehr als 12000 Kilometer Durchmesser.

Wer aus dem Weltraum sich der eilig sausenden Kugel näherte, der würde etwa die Urwälder des tropischen Südamerika sich andeuten sehen wie einen grünen Schimmel. Näherte er sich von der Nachtseite und schwebte über dem Ozean, so würde ein solcher Schimmel ihm vielleicht phosphorisch auf der Fläche zu funkeln scheinen: in der Tat läge auch hier in den oberen Wasserschichten eine riesige Schicht Leben winziger Organismen, deren vereinte Kraft das „Meerleuchten“ erzeugt.

Beim tieferen Eindringen merkte er dann die große Leistung, wie dieser Planetenschimmel der Gliederung der Planetenoberfläche wunderbar folgt.

Wo diese Oberfläche eine Meile tief zum Ozeansgrunde abstürzt, da senkt sich auch der Teppich mit, tierisches Leben geht bis zur Sohle die ganze Meile mit hinab.

Aus dem schwarzen Abgrund hebt es sich dann wieder zum Licht: grüne Tangstämme, wie die Macrocystis pyrifera der Südsee, recken sich 200 Meter empor, ein Medusenschwarm dehnt sich über mehrere Kilometer aus, eine rötliche Alge färbt ein halbes Meer.

Auf der Feste wieder wächst ein einzelner Eukalyptusstamm anderthalb hundert Meter vom Boden an aufwärts durch die Luft. Knieholz folgt den viel höheren oberen Gebirgsterrassen. Zuletzt hängt die gelbe Flechte selbst als äußerstes Faserwerk des Teppichs am Granit. Über dem schneebedeckten Hochgebirgshorn aber schwebt noch der Geier. Und vielleicht noch weit über der Meile Gestein, die die höchste Gebirgserhebung über das Meeresniveau hinausgipfelt, ziehen mit dem Winde Bakteriensporen.

Dem Vertikalen dieser Doppelmeile wiederum entspricht die horizontale Eroberung durch alle Zonen. In der Steppe durchmißt der Reisende wochenlang immer neuen Blumenflor. Selbst über der nackten Wüste zaubert die Fata Morgana Palmen herauf. Eisberge des Pols färbt die Volvox-Alge der Karmoisinklippen mit zauberhaftem Rot. Unter 81 Grad 26 Min. nördlicher Breite fand Nansen die Tümpel des schmelzenden Eises noch mit Diatomeen und Bakterien erfüllt.

Und dieser räumlichen Anschmiegung entspricht eine innerliche, eine physiologische: die unendlich vielseitige Anpassung an alle Bedingungen dieses Lebensraumes. Der Tiefseefisch leuchtet, der Käfer Leptoderus in der finsteren Adelsberger-Grotte ist blind, der Eisbär ist behaart bis auf die Tatzensohle, und die Haut des Nilpferdes ist ganz nackt; die Flechte am Fels verträgt das Austrocknen, das Murmeltier unserer Alpen überschläft die kalte Jahreszeit und der Tanrek-Igel Madagaskars die ausdörrend heiße, und der Zugvogel überquert ganze Erdteile, um für sich den Unterschied der Zonen aufzuheben.

Aber es wird Nacht, und über dieser lebensfrohen Erde beginnen die Sterne aufzufunkeln.

Du sagst Dir, daß jedes dieser Lichtpünktchen des Fixsternhimmels eine Welt für sich ist, so groß oder größer als unsere Sonne. Und sie alle müssen, damit wir sie sehen können, leuchten, müssen eine Hülle glühender Gase um einen Kern in Weißglut mit sich dahintragen. Trotzdem sind die Stoffe dort die gleichen wie bei uns. Nur der Wärmestand ist ein unvergleichlich viel höherer. Das Gewicht unserer Erde verrät uns, daß sie im Herzen wohl nichts anderes ist, als eine riesige Metallkugel, vielleicht hauptsächlich aus Eisen, dem gleichen Element, das auch in dem Meteorblock steckt, der vom freien Raum her zu uns stürzt und der vielleicht ein solches Herzstück eines anderen Weltkörpers ist, und dem gleichen, ohne das hier an der Oberfläche in der Sphäre des Lebendigen kein Pflanzenblatt sein wundervolles Grün entwickeln könnte. Der Raum aber, aus dem dieses Meteoreisen fällt, ist selber eiskalt, kälter als die tiefste Polarkälte. Wenn dieser Meteorblock einst glühend gleich den Sonnen dort hinein geworfen worden ist, so ist er längst darin bis ins Innerste so kalt geworden, daß unsere Haut daran kleben bliebe, wollten wir ihn greifen; wohl erhitzt er sich durch die Reibung unserer Atmosphäre flüchtig noch einmal, aber im Innern ist noch mehrfach die ganze Kälte festgestellt worden, die schaurige Weltraumkälte. Was aber dem Zentnerblock geschah, warum nicht das Gleiche dem ganzen Erdplaneten?

Auch er war einst im Lose derer da oben, sein Metallkern strahlte Weißglut, und blutrote Wasserstoffdämpfe schossen als Protuberanz darüber hinaus. Aber die Kälte kroch zäh heran und legte ihre Hand darauf. Bis die Schlacke eine Rinde hatte. Bis das Eisen sich härtete und Rost setzte. Und bis der Wasserstoff sich dem Sauerstoff vermählte zu Wasser. Die großen Sonnen glühen noch fort, — die kleine Erde ist schon gestrichen im Chor der Glutatmenden.

So ist der Gedanke schon dem René Descartes im siebzehnten Jahrhundert aufgestiegen: die Erde ist nur eine verkrustete, eine erloschene Sonne.

Athanasius Kircher in seinem Folianten von der „Unterirdischen Welt“ (Mundus subterraneus) hat 1668 auf einer prächtigen Tafel die ganze Kugel durchschnitten wie eine Apfelsine dargestellt; im Innern, verborgen unter unermeßlichen Lasten starren Gesteins, zeigt sich nur noch wie in einem Gefängnis der alte Stern, als Zentralfeuer, von dem glühende Kanäle mit knotenartigen Feuerinseln durch die Feste sich schlängeln bis zu den lavaspeienden Feuerbergen der Rinde. Es ist die Anschauung, die sich bis an die Schwelle der neuesten Geologie fest erhalten hat.

Hat sie aber recht, so wäre diese gesamte Erdoberfläche, über die sich heute die Lebenssphäre zieht, einst auch als Ganzes nur ein solcher nackter Krakatau-Fels gewesen, — einmal damals, als zum ersten Male die Glut oben endgültig ausbrannte, die Urlava starr wurde.

Ein Krakatau-Fels der ganze Planet, kahl aufstarrend gegen den öden Weltenraum. Und dann erst hätte auf ihm irgendwie (worüber denn Theorien zu bauen wären) das Leben eingesetzt, um allmählich seine große Eroberung der zwei Meilen vertikalen Teppichspielraums und der Horizontale von den beiden Polen zum Äquator zu beginnen.

Wann aber war das?

Heute ist die Erde grün und lebensbunt, wie der Krakatau in seinen zwanzig Jahren noch lange nicht.

Werden wir irgend einen Anhalt finden können, auch bei ihr diese Besiedelung auf eine Jahresziffer festzulegen, ihre Krakatau-Periode zu bestimmen, wie es auf der Ruine der Sundastraße Treub und Penzig gelang?

In den achtziger Jahren hörte ich in Bonn ein Kolleg bei dem trefflichen alten Historiker Arnold Schäfer, — über Chronologie in der alten Geschichte. Er ging bis zu den damals noch ältesten Daten der Ägypter und Babylonier. Immerhin blieb’s ein kleiner Kreis von Jahrtausenden. Dahinter aber, sagte er, wird’s ganz düster; dort, meine Herren, beginnt nämlich der Naturforscher, und der hat’s ja sehr viel leichter, wenn Sie ihn fragen wollen: der spielt mit Millionen; aber mit Wissenschaft hat das nichts mehr zu tun.

Das hörte ich vormittags. Nachmittags las der Anthropologe Schaaffhausen. Er legte uns den Neandertal-Schädel vor, den er damals für einen uralten, noch ausgesprochen tierähnlichen Menschenrest hielt; in der Folge ist das stark bestritten worden, heute aber glaubt man nach Schwalbes Forschungen und nach anderen prähistorischen Funden wieder entschieden daran.

Nun denn: dieser Schädel und Verwandtes führte so weit vom alten Babylonier und Ägypter fort, daß man in unfaßbare Zwischenräume zu sehen glaubte. Und doch war er gewiß nicht älter, als nur erst das Diluvium. Dahinter erst begannen die großen Epochen der organischen Erdgeschichte, Tertiär, Kreide, Jura und so weiter. Erdteile zerspalteten sich da vor dem Blick, Meere überbrückten sich, die großen Gebirge von heute wurden zu Koralleninseln oder Seeboden und andere kreuzten die völlig verwandelte Karte. Die klimatischen Grenzen von heute paßten nicht mehr. Tier- und Pflanzenwelt bekamen einen fremden Zug. Der Mensch fehlte vollkommen. Vor solchen Änderungen schien das Wörtchen Million auf einmal ganz klein. Nicht wir waren die Könige, die mit Millionen spielten. Da drunten wuchs, von uns nicht gewollt, sondern einfach nur in Empfang genommen, eine Welt der zeitlichen Riesendimensionen auf, der unsere Nullen hinter der Eins umgekehrt ein Zwergenspiel wurden, Strohfäserchen, die eine Ameise schleppt, gegen ein Weltmeer.

Der ganze Kontrast war in den beiden Bildern: des Historikers in seiner „Weltgeschichte“ alten Schlages, der schon ein Rechnen mit einem Jahrhunderttausend für einen schlechten Dilettantenscherz voll leichtsinnigster Verwegenheit hält; — und des modernen Naturforschers, dem bei sorgfältigster Selbstkritik der eigene Leichtsinn immer wieder darin steckt, daß er noch zu kurze Zeitmaße ansetzt.

Aber jener Vorwurf ist mir seitdem immer wieder aufgetaucht, er ist noch jetzt zäh.

Heute, da die Meinung Modefarbe bekommt, die ganze Entwickelungslehre gehe wieder zurück, kann man auch ihn wieder lebhafter hören. Wenn der ganze Ideengang Darwins erst wieder abgetan ist, heißt es, so werden wohl auch diese tollen Ziffern, mit denen wir unsern armen Kopf quälen sollten, endlich verschwinden.

Und dabei ist der wahre Sachverhalt heute der ganz genau gleiche wie früher.

Höchstens ist er noch schärfer geworden, — schärfer in der unbedingten Forderung größtmöglichster Zeiträume für die Geologie.

Es gibt eine Hauptquelle für diese Mißverständnisse.

Sie sprudelt, solange wir eine echte Geologie haben.

Immer haben wir von außerordentlich viel Zeit gehört, die dort nötig sei, — aber wir haben auch immer das größte Schwanken gesehen innerhalb der Naturforschung über die eigentlichen Ziffern. Um diese engeren Ziffern ist jedesmal der erbittertste Zwist geführt worden, sobald eine genannt war, und so oft der Fernstehende einen solchen Kampf mit dem Sturz einer Ziffer enden sah, machte er sich seinen Vers, es sei nun aus dort mit der ganzen Zeitrechnung der Millionen.

Wer aber tiefer in die Karten schaut, dem erscheint gerade als das Entscheidende, daß jeder Sturz der Ziffer immer nur ein Sieg war des noch ausgedehnteren Maßes überhaupt. Als zu klein ist noch jede echte geologische Ziffer verworfen worden.

Das spielt jetzt seit anderthalb hundert Jahren.

Der erste geologische Rechner modernen Stils ist Buffon im achtzehnten Jahrhundert.

Man muß heute wieder öfter auf Buffon zurückkommen. Von seinen Zeitgenossen vergöttert, ist er im neunzehnten Jahrhundert durchweg schlecht behandelt worden. Man hat ihm nachgerechnet, was er im Detailwerk der Forschung an neuen exakten Tatsachen gegeben habe, und diese Wage schien immer leichter. Sein Kultureinfluß in seiner Zeit war aber unberechenbar groß. Er gab diesem allenthalben geweckten, nach neuen Weltfundamenten lechzenden Jahrhundert der Voltaire, Rousseau, Lessing, Kant, Herder, Schiller zum ersten Mal das große geschlossene Weltpanorama des Naturforschers als „Macht“ in den Besitz. Es entscheidet nicht dabei, wie viel kühne Hypothese war. Die Lücken füllte er mit glänzenden Hypothesen. Was tun wir heute anderes? Das Wesentliche war das Einheitliche des Natur-Weltbildes. Er malte es so, daß jeder gepackt wurde. Keiner bis auf ihn hatte es annähernd noch gekonnt. Nach ihm sind Humboldt und alle die Kosmologieen gekommen. Er war der erste.

Man kann behaupten, daß keine große geistige Debatte bis ins Extremste des Moralischen und Ästhetischen hinein im letzten Drittel des achtzehnten Jahrhunderts geführt worden ist, ohne daß dieses Panorama einer vom Naturforscher gefaßten Ganz-Welt, einer ganz gefaßten Welt auf Naturgesetzen, dabei einen Hintergrund gebildet hätte, mit dem jeder rechnete; es war aber Buffons Naturgemälde, an das man dachte.

Man braucht allein auf Goethe zu sehen, wo dieses naturwissenschaftliche Bild schon die ganze Anschauung der Dinge auch im Ästhetischen beherrscht, um Buffons Einfluß in seiner Kraft zu fühlen. Ich halte Buffon in allem Naturgeschichtlichen für gradezu bestimmend bei Goethe. Die unmittelbare Berührung läßt sich durch viele Stellen belegen. Die feine geistige Beziehung ist aber noch viel weiter deutlich. Von Buffon hatte auch Goethe zu den überliefert religiösen, den philosophisch-moralischen, den ästhetischen Weltbildern seiner Zeit das große Kosmosbild des Naturforschers, das damals eine ganz neue Kraft war, stählend zugleich, aber auch beängstigend; wie er sich damit auseinander gesetzt hat, war ja dann sein eigenes Werk.

Nun also: Buffon hatte jenen oben gestreiften Ideengang schon ganz klar.

Die Erde war ein Stück Sonne, das in der Weltraumkälte eines Tages erstarren mußte. An dem Tage begann auf ihm das Leben wie auf der nackten Schlacke des Krakatau. Eher konnte es nicht beginnen, denn es ist kein Salamander der Sage, der im Feuer leben kann. Immerhin ist es auch nur möglich auf einer noch erwärmten Rinde. Wenn der Block einst ganz erkaltet und eine ewige Eisperiode anhebt, wird es wieder verschwunden sein. So stellt es eine Intervall-Erscheinung des Planeten zwischen zwei Grenzen dar, gebunden an ein Temperatur-Intervall. Sollten wir aber diese so scharf gegebene Zeitspanne nicht wirklich ziffernmäßig berechnen können?

Buffon machte ein ganz einfaches, aber zunächst verblüffendes Experiment.

Er stellte eine Anzahl kleiner Metall- und Steinkugeln auf, erhitzte sie bis zur Weißglut und ließ sie sich dann bei einer mäßigen Lufttemperatur allmählich wieder abkühlen. Die Grade dieser Abkühlung legte er in festen Ziffern nieder, die vor allem zwei Zeitpunkte genau fixierten: den Augenblick, da man die Kugel zuerst wieder berühren konnte, ohne daß unsere lebendige Haut Schaden dabei nahm; und den andern, da die gewöhnliche heutige Temperatur der Kugel bei dieser bestimmten Luftwärme wieder erreicht war, also die Eisenkugel sich wieder anfühlte wie jedes Eisen sonst. Diese einfachen Ziffern wurden dann im Verhältnis umgerechnet für eine Kugel von der Größe der Erde und sofort erschienen auch hier ganz feste Zahlen.

Wenn der heutige Temperaturzustand dieser großen Erdkugel auch nur ein Produkt der Abkühlung aus Weißglut war, so ergab das für die Dauer des Abkühlungsprozesses bei den Größenverhältnissen des Erdballs (unter Anrechnung einiger kleiner Begleitumstände) im ganzen bis heute genau 74832 Jahre.

In diesen rund vierundsiebzigtausend Jahren bildete wie bei den kleinen Versuchskugeln einen wichtigen Einschnitt die Jahresziffer, bei der wir die Erdoberfläche zum ersten Mal hätten berühren können, ohne daß unsere Haut Brandblasen bekam.

Den entsprechend umgerechneten Experimentziffern nach mußte das vor genau 40062 Jahren geschehen sein.

Das bedeutete aber dann zugleich ein ungemein wichtiges Geschichtsdatum. Denn wenn unsere Hand sich damals nicht mehr verbrannt hätte, so heißt das: Leben war damals möglich geworden auf der Erde. Vor rund vierzigtausend Jahren hatte das Pflanzen- und Tierleben begonnen: es war die Krakatau-Ziffer des ganzen Erdfelsens!

Buffon war in Hinsicht der Lebenserscheinungen ein eminent aufgeklärter Kopf, seiner Zeit weit voraus. Wo die nötigen Temperaturbedingungen gegeben waren, da nahm er Entstehung von Leben als notwendigen Naturprozeß an. Wenn zwei Länder ähnliche Wärmeverhältnisse hatten, so brachten sie auch ähnliche Tiere und Pflanzen ganz von selbst hervor, ohne daß man an Wanderungen zu denken brauchte. „Die gleiche Temperatur nährt, erzeugt überall die gleichen Wesen,“ sagt er wörtlich (Ausgabe von Richard, Paris 1839, Bd. I., S. 463).

Wenn also vor vierzigtausend Jahren die Lebenswärme erreicht war, so war nicht einzusehen, warum wir nicht mit dieser Ziffer auch den wirklichen Lebensanfang in Händen hatten.

Buffon schloß aber noch weiter.

Zunächst gab diese Rechnung auch einen scharfen Zukunfts-Grenzwert.

Die Abkühlung der Erde ging weiter, auch über unsern heutigen Zustand hinaus. In 93291 Jahren mußte die Erdkugel bis auf ein Fünfundzwanzigstel der heutigen Temperatur abgekühlt sein. Das bedeutete aber Vereisung, — endgültigen Kältetod alles Lebens. Es war die Schlußziffer, mit der die Lebensära nach einer ruhmreichen Dauer von rund hundertdreiunddreißigtausend Jahren wieder abschnitt, Pflanze, Tier und Mensch begrabend.

Die zweite Folgerung ging auf die übrigen Planeten und Monde unseres Systems. Überall dort rechnete Buffon nach der gleichen Methode. Die kleineren waren früher in ihre Lebensperiode eingetreten, hatten sie aber auch rascher schon durchlaufen, die größeren umgekehrt folgten erst langsam nach. Der fünfte Trabant des Saturn war beispielsweise die erste Welt in unserem System gewesen, die lebensfähig geworden war, seit mehreren Jahrtausenden aber war sie auch schon wieder zu Todesstarre vereist. Unser eigener Mond hatte höchstens sechzigtausend Jahre lang geblüht und war seit über zweitausend Jahren auch im Lebenssinne wieder erloschen. Auch der Mars war längst gestorben, auf dem vierten Saturn-Trabanten lag alles in den letzten Zügen der Verschmachtung, die Venus dagegen war noch etwas wärmer als wir, auf dem Saturnring stand das Leben in erster Vollkraft und gar der Jupiter war heute noch überhaupt zu heiß zur Bildung organischer Wesen.

Auch alle diese Angaben kamen in Ziffern bis auf halbe Jahre genau. Daß auch diese andern Weltkörper ihr Leben entwickelten zu ihrer Zeit, stand ein für allemal fest. Man darf glauben, sagt Buffon, daß alle diese gewaltigen Himmelskörper, deren Temperatur in der rechten Periode ist, „gleich dem Erdball bedeckt seien mit Pflanzen und selbst bevölkert mit empfindenden Wesen, die den Tieren der Erde ungefähr ähnlich sind.“

Buffon erfuhr mit diesen kühnen Rechnungen das größte Leid seines sonst so schönen Denkerlebens. Obwohl die Ziffern gar nicht so außerordentlich groß waren, stimmten sie nämlich doch nicht mit den hergebrachten Zahlen der Bibel.

Selbst eine tief religiöse Natur mit innerlich fein geklärtem Standpunkt, hatte Buffon friedlich losgerechnet, ohne sich etwas Verfängliches zu denken. Aber man begreift, daß das für seine Zeit eine starke Zumutung war: über 74000 Jahre Weltexistenz allein für die Erde gefordert statt der üblichen paar tausend Jahre für das Ganze, — Mehrheit bewohnter Welten bis zu empfindenden Wesen von Tierähnlichkeit, also wohl gar Menschen auf Venus und Saturn — endlich, wie wir heute sagen würden, unverfälschter Darwinismus, der den Planeten Leben treiben ließ zu seiner Zeit und Pflanzen- wie Tierarten sich entwickeln ließ wie ein Kristall unter bestimmten Umständen naturgesetzlich anschießt ... das war für den Hof Ludwigs XV. und XVI. denn doch des Guten an Ketzerei zu viel.

Man machte dem harmlosen Gelehrten das Dasein sauer genug. Doch das ist mit den Zeiten verschollen. Was uns als übrig allein interessiert, ist die Wahrheitsgrundlage seiner Rechnungen und Ideen selbst. Und da ist denn auch für uns manches zu sagen.

Wer aus der schlichten Vorstellung der sieben Schöpfungstage kam, dem mußte gewiß schon Buffons großer Erd-Roman wie etwas Überwältigendes an Handlung und Verwickelung erscheinen.

Der nächste Fund aber über Buffon hinaus war: er hatte die Dinge zu klein gesehen.

Wohl schwebte er im Geiste wie ein Herrscher über der Glutkugel, die sich abkühlte, bis Pflanze, Tier und Mensch auf ihrer Rinde wohnen konnten. Doch bei dieser „Rinde“ hatte er immer nur an die Schlackendecke aus Schmelzfluß gedacht, an etwas Einheitliches, wie es auch seine Metallkugeln im Experiment wiesen. Die Forschung noch neben ihm und unmittelbar nach ihm besah sich aber die wirkliche Erdrinde, auf der wir Menschen hausten, etwas genauer und sie geriet auf ein besonderes Bau-Geheimnis noch in ihr, zu dem Buffons einfaches Modell des Erdenhauses nicht auslangen wollte.

Gewiß war das, was wir von dieser „Rinde“ im Oberflächenbilde mit seinem Wechsel von Berg und Tal, Ebene und Wasserbett oder auch im Aufschnitt und angerissenen Innern zu sehen bekamen, nur ein kleines Stückchen zu der ungeheuren Kugel, wirklich nur eine Art dünner Haut. Noch heute, da wir ein paar für unsere Ameisen-Technik ganz kolossal tiefe Bohrlöcher hineingetrieben haben, geht das längste dieser Löcher (das von Paruschowitz in Oberschlesien) nur erst 2003 Meter in die Erde hinab, zwei Kilometer von zwölftausend; die tiefsten natürlichen Aushöhlungen im Ozeansgrunde reichen immer noch mehr als viermal tiefer und selbst das wäre schließlich auch nur eine kleine Ziffer. Nehmen wir den Gaurisankargipfel, den tatsächlich noch keiner wirklich betreten hat, als oberste Ecke und jene Riesentiefen des Meeres, wie sie die Challenger-Expedition und neuere gelotet haben (auch von hier kennen wir nur einige oberflächlichste Schlammproben und die Druck- und Temperaturziffern), so kommen rund kaum achtzehntausend Meter heraus, — als das Äußerste, was wir annähernd von der Erdrinde als idealer Kante überschauen. Achtzehn Kilometer gegen zwölftausend! Damals, zu Goethes Manneszeiten, hatte man aber noch viel weniger.

Und doch merkte man etwas.

Dieses Stückchen Rindenerde machte durchaus nicht bloß den Eindruck von Krakatau-Schlacke. Allenthalben, wo diese Rinde geborsten, aufgewühlt, in ihre „Eingeweide“ hinein entblößt war, erschien sie wie durchsetzt mit aller Art Brocken und Fetzenstücken eigentümlicher konzentrischer Steinhäute, die aus der einfachen Rinde ein so unglaublich kompliziertes Ding machten, wie wenn einer in eine Zwiebel schneidet und statt einer einfachen Fruchtschale eine Zwiebelhaut über die andere losschält.

Und es bedurfte wirklich nur eines ziemlich geringen Durchdenkens der Sache, so mußte klar werden, daß diese bald aufeinander gepackten, bald wieder gelösten, zerrüttelten, zerstückelten Zwiebelhäute zum teil jedenfalls ein Ergebnis von Wasserniederschlägen in einer Reihe von einander folgenden Zeitabschnitten sein mußten. Nur das Wasser konnte diese zwar oft nachträglich gestörte, aber immer wieder durchschimmernde horizontale Butterbrot-Schichtung der Gesteine bewirkt haben, und auf alten, erst nachher verhärteten Wasserschlamm deutete allzu klärlich auch die sandige, schieferige, kalkige Natur dieses Gesteins.

Das war die grundlegende neue Weisheit unseres deutschen geologischen Altmeisters Werner, der geboren wurde, als der erste Band von Buffons Naturgeschichte eben heraus war, 1750. Werner saß Zeit seines Lebens im Erzgebirge, er reiste nicht, er spekulierte wenig mit großen Werten und er schrieb keinerlei packende Werke in vielen Bänden. Aber er ritt auf einem Prinzip, und das war in der Tat unendlich wichtig: daß der Hauptteil mindestens der Gesteine der Erdrinde, die wir heute sehen, ein Produkt des Wassers sei, angesetzt auf einer Grundrinde, etwa wie sich nachträglich Kesselstein auf das Metall eines Dampfkessels auflagert, und, ursprünglich wenigstens, angesetzt in wirklichen konzentrischen Lagen Schicht auf Schicht in einer Reihe einander folgender Zeitperioden.

Mochte es nun mit der anfänglichen Glutkugel sein, wie es wollte: jedenfalls schob sich zwischen ihre erste eigene Erkaltungsrinde und unsere schließliche, heute greifbare „Oberfläche“ noch ein gewichtiges Zwischending: diese ungeheure, viele tausende von Metern dicke Lage steinerner Butterbrote, die den darüber stehenden Meeren verdankt wurden. Ihre ganze Masse war im Meer einmal einigermaßen aufgelöst, lose verteilt gewesen und dann langsam abgelagert worden, wie heute noch allerorten die Schlammteilchen im ruhigen Wasser allmählich abwärts sinken und einen Bodensatz bilden.

Zu diesem Akt des Wassers aber gehörte — Zeit.

Buffon hatte gerufen: Zeit für die Temperatur, 74000 Jahre für die heutige Abkühlung der Ur-Rinde! Werner verlangte: Zeit für das Wasser; Zeit für seine dicken Kesselsteinschichten auf dieser Rinde; wie viel, mochte zunächst offen sein, und es brauchte vorläufig auch keine Debatte zu sein, ob die Buffonsche Ziffer stimmte, auf alle Fälle handelte es sich jetzt um ein Separatkonto.

Und das ist für die ganze Folge das Entscheidende auch geblieben in allem Wechsel: daß hier eine zweite, von der Wärmerechnung ganz unabhängige Zeitforderung in die Geologie eintrat. Die ganze Buffon-Forderung konnte leerer Traum sein: so blieb doch hier von einer ganz anderen Ecke her eine neue Zeitforderung bestehen, die für sich bewiesen werden konnte oder widerlegt werden wollte. Aber — und das ist das noch wieder Entscheidende — auch diese Forderung verlangte viel Zeit.

Es ist nicht Werner selbst, der große alte „Thales der Geologie“, der Wassergeologe, der diese Forderung des „viel Zeit“ am schärfsten zieht, sondern ein zweiter Mann der gleichen Tage.

Wer die Geschichte der Geologie in ihrer großen denkwürdigen Genesis im 18. Jahrhundert knapp aus dem Leitfaden lernt, der pflegt sich einzupauken: zwei Schulen des Anfangs, zwischen 1750 und 1800; Neptunisten und Plutonisten; erstere leiteten alle Bildungen der Erdrinde geschichtlich aus dem Wasser ab, letztere aus dem Feuer; Haupt der ersten Schule ist Werner von Freiberg; Haupt der letzteren Hutton in England. Wer das konfus ausdrückt, dem wird es zu einem wirklichen Wiederaufleben des alten Philosophengegensatzes von Thales und Heraklit: der eine baut die ganze Erde bloß aus Wasser, der andere bloß aus Feuer auf. So kahl waren aber die Extreme in Wahrheit nicht.

Hinter beiden Anschauungen stand Buffon mit seinem sich abkühlenden Glutstern. Werner kam bloß in der Folge zum Ruf des Allverwässerers, weil er einzelne Gesteine, die wir heute sicher zu den lavaartigen, aus Glutfluß unmittelbar erstarrten, rechnen, auch noch für Wasserniederschläge nahm, so den als Exempel und Kampfobjekt berühmt gewordenen Basalt. Aber an der Basis aller Schichten blieb auch ihm ein ursprünglicher „Grund der Hölle“ wie Goethe im Faust sagt, als er seinen Helden mit Mephisto auf dem Granit des Hochgebirges Halt machen läßt.

Und umgekehrt war James Hutton kein einseitiger Feuermeister, sonst hätte er nur für den Buffonschen und nicht für jenen anderen, zweiten Zeit-Begriff in Betracht kommen können.

Huttons umfassende Bedeutung ist erst in späteren, zum Teil erst in neueren Tagen recht gewürdigt worden. Kürzlich hat Friedrich Ratzel in einer auch sonst ausgezeichneten Studie (in Ostwalds „Annalen der Naturphilosophie“) ihn trefflich grade in seiner Rolle auch als nicht-plutonischer Zeit-Forderer charakterisiert.

Obwohl Hutton die Erdwärme überall brauchte und sich ohne sie das Stein-Werden alter Schlammschichten überhaupt nicht denken konnte, lag ihm doch an Buffons Ur-Roman eigentlich noch weniger als Werner. Sein Blick faßte die Erde viel lieber als etwas von Ewigkeit her Gegebenes, an dem wir bloß gewisse harmonische, gleichsam rhythmische Kreisläufe von Erscheinungen beobachten könnten. Zu solchen Erscheinungen gehörte auch die Bildungsgeschichte jedes Stückes Kalk, jeder Platte Sandstein. Das Bild, das wir uns von dem Vorgang der Entstehung nach schlichter Gesetzmäßigkeit machen wollten, bestimmte die dabei verflossene Zeit. Wo konnte uns aber bei der ewigen Ähnlichkeit dieses Erden-Rhythmus etwas Besseres ausgesagt sein über jenes Bild als in den heute noch sichtbaren Vorgängen der Kalk-Bildung, der Sand-Anhäufung auf Erden?

Noch heute häufte der Fluß vor seiner Mündung eine Barre von Sand auf, noch heute baute sich, erhöhte sich, wanderte, festigte sich die Sand-Düne am Gestade des Ozeans. Heute auch noch häuften sich im Seegrunde die Kalkschalen von Tieren, heute noch bauten die kleinen Korallenwesen hohe Mauern aus solider Kalkmasse auf. Hier und nur hier konnte der Schlüssel auch zum Verständnis des alten Werdens liegen.

Grade diese Vorgänge von heute aber liefen nicht im Siebenmeilenschritt: sie verlangten Zeit zuerst, Zeit zuzweit, Zeit immer wieder.

Sandkörnchen um Sandkörnchen wuchs die Düne. Jahr um Jahr prägte sich das Stromdelta an der Mündung etwas schärfer aus, aber an der Spule dieses „Etwas“ spann sich der Faden durch die Jahrtausende, bis ein großes Bild wirklich da sein konnte.

Die Ewigkeit der Vergangenheit hatte nun weite Arme für solche Zeitforderung der Gegenwart. Genau so langsam mochten die Sandberge, die Kalkquadern der Vorwelt sich gebildet haben. Zumal wenn wir uns dachten, daß all dieses Material, das vom Wasser etwa als Schlamm abgelagert werden konnte, vorher durch langsames Abnagen und Zerstören wieder vom Urfels oder von noch älteren, schon landgewordenen Ablagerungen gewonnen sein mußte. Und der Blick tauchte und tauchte in geradezu endlose Zeiten allein für diese Wasserarbeit. Es hatte nicht vom Kosmos her plötzlich vierzig Tage lang Sand geregnet oder der Erdenschlund hatte nicht Sand gespieen, sondern Teilchen zu Teilchen war atomhaft winzig in den Wassergrund gesunken wie heute — und doch waren jene Butterbrotschichten von vielen Kilometern Dicke geworden, die heute bald in Brocken durch die zerborstene Rinde verstreut liegen, bald sich Kilometer um Kilometer noch als einheitliche Fläche horizontal unter unserem Schritt dahin ziehen.

Zeit war die große Melodie, die aus all diesen grundlegenden Tatsachen heraufklang. Unabsehbare Zeiträume, allein nötig für die Wasserleistung und organische Kalkproduktion des Planeten.

Die Veröffentlichung von Huttons Ideen fällt erst ganz in den Ausgang des Jahrhunderts.

Auch da war die unmittelbare Wirkung gerade seines Werkes geringer, als wir heute denken sollten, wenn sein Name im Leitfaden als der eines Kirchenvaters der Geologie, als des scheinbaren Gegenpapstes zu Werner, erklingt. Als eigentliches Dokument ist es, wie gesagt, erst später gewürdigt worden. Aber die Gedankengänge, die es ausspricht, müssen wir in der ganzen Zeit damals als eine (wenn auch nicht so scharf formulierte) Grundströmung suchen.

Goethe ist das beste Beispiel bei uns.

Goethes Geologie, wie wir sie jetzt in zwei Bänden der Weimarer Ausgabe vollständig vor Augen haben, besteht nur aus einer scheinbar regellosen Fragmentenreihe. Aber es geht wie bei allen naturwissenschaftlichen Studien Goethes. Die Stücke sind alle nur Bruchstücke eines einheitlichen Werkes, einer Morphologie der Erde. Man fühlt die große Linie durch, die ihm vorschwebte, und man fühlt auf Schritt und Tritt das Wehen des geologischen Zeitgeistes dabei von damals.

Goethes Geologie schiebt sich zeitlich fast ziffernmäßig genau zwischen Buffon und Lyell. Für die Ur-Anfänge seiner Erde schweben ihm Buffons Bilder vor: die Erde als erkaltender Stern. Das reicht bis auf eine Ur-Erkaltungsrinde, die er im Granit sucht. Auf ihr (und zeitlich nach ihr) spielt sich aber dann der ganze Zwischenakt im Sinne Werners und Huttons ab. Die Sedimentgesteine bilden sich. Langsam, schlicht, nach Art, wie heute sich etwas ablagert.

Goethe nahm in Plutonismus und Neptunismus anfangs eine sehr besonnene Vermittlerstellung ein. Später, als die Katastrophen-Lehre sich geltend machte, war er entschieden gegen das Gewaltsame, die wüste „Polterei“ auf vulkanistischer Grundlage; es war aber nur eine Stellungnahme bei ihm gegen ein Extrem, und im Untergrunde revoltierte in ihm gerade das Festhalten an dem Prinzip des Langsamen, der reichen Zeit, des harmonischen Kreislaufes kleiner, noch heute ebenso zu beobachtender Wirkungen.

Gerade an den Stellen, wo man von Goethe als Detailforscher reden kann, äußert sich am durchsichtigsten, wie selbstständig und klar er sich den Standpunkt auch errungen hatte, an dem man jetzt bei Huttons Namen denkt. Das Geheimnis der erratischen Blöcke beispielsweise hat ihn viele Jahre lang beschäftigt, jener Blöcke, die weitab von der Stelle, da ihr Gestein als Fels ansteht, jäh, unerklärlich zunächst, als loses Trümmerstück auftauchen, nicht abgerollt durch Wassertransport, sondern hingeworfen, als habe eine Riesenhand sie meilenfern vom Gebirge gesprengt und als scharfkantige Scherbe ins Land gestreut. Goethe löste das Problem in dem Sinne, der heute fester Besitz unserer Wissenschaft ist, — es war aber just ein Sinn aus jenem weiteren Gedankengang heraus. Er suchte nicht mit blühender Phantasie wirkliche gespenstische Riesenursachen der Vorwelt, die mit hausgroßen Granitblöcken spielten wie mit Kindermurmeln. Er sammelte Material über die heute noch sichtbare Art, wie Urgestein fernweg von seiner Gebirgsader verfrachtet wird. Wasser im gewöhnlichen Sinne, das Sand verschleppt, paßte nicht. Aber Wasser trat heute auch auf als Eis. Die Alpengletscher brachten Granitscherben langsam, aber sicher heute noch vom Firngipfel bis an ihren schmelzenden Fuß im Tal. Eisschollen trugen eingebackene Gesteinsbrocken als natürliches Schiff sogar übers Meer. Mit unermüdlichem Eifer sammelte Goethe Material über den Gletschertransport in den Schweizer Alpen. Eine Nachricht über große Eisschollen, die mit Granitstücken beladen, durch den Sund geschwommen seien, versetzte ihn in Entzücken, — es war gerade, was er brauchen konnte: eine heute beobachtete Tatsache, die das Vergangene jäh erhellte. Wo heute erratische Blöcke lagen, da war einst ein Meer mit solchem blockbeladenen Treibeis gewesen, oder ein Gletscher hatte seine Moränen gehäuft. Zu all diesen Vorgängen aber war Zeit erforderlich. Dem Auge des Reisenden war ein Gletscher ein starres Gebilde. Seine Arbeit konnten erst Generationen gewahren. Gerade von dieser Arbeit aber sahen wir aus alten Tagen nun die unvergänglichen Spuren, unvergänglicher als selbst seine eigene Existenz.

Das war nur möglich, wenn man „einer freiwirkenden Natur Jahrtausende Zeit“ ließ (Worte Goethes, Weimarer Ausgabe Band IX S. 20 in dem Aufsatze über die „Joseph Müllerische Sammlung“) und mit Thales im „Faust“ sprach: