WeRead Powered by ReaderPub
Aus der Schweiz cover

Aus der Schweiz

Chapter 21: Unvermuthet.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

A series of travel sketches and short narratives recounts the author's impressions from various Swiss locales, choosing selected scenes rather than offering a systematic description. Landscape vignettes and diary fragments evoke lakes, mountains, hotels and village life, while social portraits and dialogic encounters reveal intimate relations with fellow travelers and locals. Political debate and personal reflection are woven into everyday incidents and occasional dramatic episodes, and quiet moments such as sunrises and lakeside evenings punctuate the prose. The result emphasizes contrasts within the country and presents a subjective, observant voice that balances sympathy with critical distance.

Waadtländerin und Pariser.

Ein Nervenzufall.

Die hübsche Madame Picard lag auf dem Sopha und hatte einen heftigen Nervenzufall. Ihr Mann ging verdrießlich und unruhig hin und her und begriff nicht, wie bei einer vernünftigen Frau ein so unvernünftiger Zufall möglich sei. Herr Picard war an Nervenzufälle bei seiner Frau gewöhnt, aber so einer! Wie gesagt, konnte man einen solchen Nervenzufall haben?

Die hübsche Waadtländerin ließ den ernsthaften Genfer nicht lange darüber in Ungewißheit. Sie schrie höchst erbärmlich, daß er sie nicht mehr liebe.

»Aber, meine Theure,« fing der Gatte an.

»Nein, lassen Sie mich,« schluchzte sie. »O, ich weiß es seit lange. Glauben Sie, daß solche Veränderungen dem Herzen einer Frau nicht fühlbar werden? Angebetet, wie ich war, glaubst Du, ich empfinde nicht, Grausamer, daß Du kalt geworden bist, trostlos, ganz und gar kalt?«

»Pauline, wir sind dreizehn Jahr verheirathet.«

»Und das ist ein Grund, um uns nicht mehr zu lieben? Nun wohl, wie Sie wollen, Monsieur, wie Sie wollen.«

Der Mann sprach von Uebertreibung und unbilligen Forderungen, so vernünftig, wie ein Genfer Kaufmann nur sprechen kann. Die Frau aber geberdete sich vor dieser unwillkommenen Vernunft immer krankhaft unverständiger, so daß dem Manne zuletzt Nichts übrig blieb, als der Bonne zu schellen und nach dem Doctor zu schicken.

Die Bonne erhob, als sie ihre Herrin in einem solchen Zustande sah, die Augen gen Himmel, zuckte tragisch die Achseln und verkündete, indem sie durch die Küche eilte, Monsieur bringe Madame noch um, das sei ganz klar.

Die Köchin und ein eben anwesendes Nähtermädchen umarmten den kleinen dreijährigen Emil, der ihrer besondern Sorgfalt anvertraut war, schüttelten traurig die Köpfe und seufzten: »armes Kind!« Emil begehrte noch eine Butterschnitte; unter neuen schweren Seufzern empfing er sie von den bewegten Dienerinnen. Er biß hinein, beschmierte sich beide Backen und watschelte in dieser wahrhaft kindlichen Verfassung hinaus auf die Gallerie, ohne im mindesten zu wissen, daß seine Mutter als ein Gegenstand des tiefsten Mitleidens auf ihrem Sopha am Rande des Grabes lag.

Die Mutter schien es zu wissen, denn sie wehklagte über ihre armen Kinder und beschwor ihren Mann, wenigstens diese zu lieben. Der Mann murrte: das verstehe sich ja von selbst.

Nein, das verstand sich nicht von selbst. Wer die Mutter nicht mehr liebte, wie leicht konnte der auch der Kinder vergessen.

Herr Picard griff sich mit allen zehn Fingern langsam in das Haar. Es war ihm dies seit zehn Jahren nicht begegnet, aber seine Frau hatte sich auch noch nie so aufgeführt.

Sie lag starr und sprachlos, als der Doctor kam. Herr Picard fand diese Sprachlosigkeit recht gut – der Doctor war anderer Meinung. Kaum hörten das die Bonne, die Köchin und das Nähtermädchen, so erhoben sie einstimmig ein Geschrei von solcher Stärke, daß Herr Picard fürchtete, die ganzen Eaux-vives könnten aufrührerisch werden. In dieser Vorstadt von Genf stand nämlich das Häuschen, welches einen kleinen Hof, einen kleinen Garten und zwei kleine Gallerien hatte und von Herrn Picard nebst Frau und Kindern bewohnt wurde.

Nachdem Madame zu Bett gebracht und mit Essenzen gerieben worden war, bekam sie die Sprache wieder und verlangte nach ihren Kindern. Die beiden ältesten Jungen konnten nicht aufgefunden werden – sie fischten irgendwo, wahrscheinlich in nicht kleiner Gefahr, aus dem Kahn in den See zu fallen. Der kleine Emil wurde von der Bonne herbeigeführt – die Mutter küßte ihn und verzog den Mund, weil sie mit dem Kusse Butter auf die Lippen bekommen hatte. Die Bonne, ziemlich hart über ihre wenige Sorgfalt für den Kleinen angelassen, rümpfte die Nase und versicherte dann draußen in der Küche: man könne es Madame nie recht machen; Monsieur möge es manchmal schwerer mit ihr haben, als man glaube. Die Köchin und das Nähtermädchen stimmten der Bonne völlig bei, und Madame schlief ein, ohne länger bedauert zu werden.

Unterdessen las der Doctor dem gelangweilten Ehemanne Moral. Eine so reizbare Frau müsse geschont werden, oder man könne der übelsten Folgen gewärtig sein. Herr Picard rief mit unterdrückter Erbitterung: »Wenn ich nur erst wüßte, wie ich sie schonen soll!« – »Wissen Sie's nicht?« fragte der Doctor. »Nein, ich weiß es nicht,« erwiederte der verdrossene Mann. »Nun, das müssen Sie wissen,« schloß der Doctor phlegmatisch.

Herr Picard wäre beinah heftig geworden, obgleich er ein Genfer war. »Sie können gut reden – Sie haben auch eine Frau –« – »Aber die hat keine Nervenzufälle,« ergänzte der Doctor.

»Das war's, was ich sagen wollte. So haben Sie leicht predigen, was Sie nicht zu thun brauchen.«

»Ich predige nur, was nöthig ist. Denn ich wiederhole Ihnen – schonen Sie Ihre Frau, oder – Sie möchten sie nicht gern verlieren, nicht wahr?«

»Was für eine Frage!«

»Nun, Sie können sie verlieren, wenn dergleichen Auftritte sich öfter wiederholen. Widersprechen Sie ihr nie, sie mag verlangen, was sie will.«

»Zu verlangen versteht sie,« sagte Herr Picard mit einem Seufzer, der vielfachen Erinnerungen galt. »Man sollte meinen, sie wäre statt am See von Joux in Paris geboren worden.«

»Was wollen Sie?« antwortete kaltblütig der Doctor. »Es giebt Frauen, die haben das Genie der Caprice, wie andere das Genie der Liebe. Ihre Frau ist eine von den ersteren.«

Madame Picard.

Also im Jouxthal war sie geboren und in einem Pensionat zu Morges erzogen worden. Ihre Mutter hielt in ihrem kleinen Geburtsort ein kleines Hotel und hatte ein artiges Vermögen. Als Pauline siebzehn Jahr war, verliebte Herr Picard, Pelz- und Schnittwaarenhändler aus Genf, sich in das hübsche waadtländer Mädchen und heirathete sie nach kurzer Bewerbung. So kam sie, jung, unerfahren und erwartungsvoll, in die dritte oder vierte Klasse der Genfer Gesellschaft – vielleicht auch in die fünfte oder sechste. Genf ist ja in so viel Klassen getheilt, wie ein botanisches System. Wodurch die eigentliche Aristokratie sich auszeichnet, habe ich nie verstehen können; man sagte mir, sie sei stolzer als irgend eine, wohne im Winter in der obern Stadt, im Sommer auf dem Lande und sei eben die Aristokratie. Gewiß ist es, daß Madame Picard nicht in die Aristokratie kam und kein Haus in der obern Stadt, sondern nur eins in den Eaux-vives hatte. Trotzdem gelang es ihr, sich zu einer recht angenehmen Frau auszubilden, freilich nur an der Oberfläche und zugleich aus der Natur heraus. Groß und voll gewachsen, würde sie sich ganz gut bewegt haben, hätte sie sich nicht eine gewisse kindische Lebhaftigkeit angeeignet. Die ist bei einem kleinen Figürchen recht niedlich, fällt dagegen bei einer großen Gestalt leicht ins Lächerliche. Ihr Gesicht war weniger gefällig, breit, mit starken Backenknochen und keinem schönen Profil. Im Hute sah sie sogar häßlich aus, in einem kleinen umgeknüpften Tuche dagegen recht anlockend. Sie wußte das und trug sich oft so, verdarb aber, was die Tracht für sie that, gewöhnlich wieder durch kleine gezierte Mienen. Die arme Pauline wollte gern recht gefährlich kokettiren und hatte doch weder große Anlagen dazu, noch die Gelegenheit, ihre kleinen zu entwickeln. Sie war daher unaufhörlich in Bewegung, machte sich immer laut, sprach nur von sich, schob fortwährend ihren Fuß vor, ließ die Hände nie ruhen, wurde mit einem Wort kokett im kleinen Styl. Daß sie den unglücklichen Genfer Accent annahm und mit gekniffenen Lippen zwischen den Zähnen sprach, war nicht nur verzeihlich, sondern unvermeidlich, aber freilich nicht wohltönend. Ihre Bildung war nicht mangelhafter als die der Genferinnen, doch will das nicht viel sagen. Sie hatte das Italienische angefangen und wieder liegen lassen, das Deutsche angefangen und aufgegeben und nur das Englische fortgesetzt, so daß sie es seit einem Jahre ihren beiden ältesten Knaben lehren konnte. Wurde englisch gesprochen, so verstand sie es nicht, aber die Anfangsgründe der Grammatik waren ihr noch erinnerlich genug, um sie überlieferungsartig den Kindern mittheilen zu können. Ihr musikalisches Talent beschränkte sich auf den Vortrag von Walzern, bei denen sie den Takt, um nicht herauszukommen, mit dem Fuße schlug und mit einem ausdrucksvollen Spiel der üppigen Schultern begleitete. In ihren politischen Gesinnungen war sie Republikanerin und Aristokratin, dabei sehr feurig und entschlossen. Wenn die Genfer gedacht hätten wie sie, würde James Fazy, der einstweilige Regent dieser Duodezrepublik, es nicht lange gewesen sein. Im Uebrigen litt sie seit ihrem ersten Wochenbette an einer krankhaften Reizbarkeit der Luftröhre, weßwegen sie nicht mehr singen durfte, stand ihrem Hauswesen mit Ordnungsliebe vor, hegte ziemlich mütterliche Gefühle für ihre beiden häßlichen Zwillinge und ihren kleinen dümmlichen Emil, thronte in einem kleinen Kreise von Freundinnen und würde sich mit Fassung in ihre dreißig Jahre geschickt haben, wäre ihr Mann ihr Liebhaber geblieben. Aber damit hatte er allmählich aufgehört. Natürlich; waren sie nicht dreizehn Jahr verheirathet, hatten sie nicht zwei zwölfjährige und einen dreijährigen Jungen, war Herr Picard nicht ein Kaufmann und vor Allem ein Genfer? Es giebt viele Dinge, welche ich mir vorstellen, eben so viele aber, die ich mir nicht vorstellen kann – zu diesen letztern gehört ein Genfer, der seine Frau anbetet. Naive Mittheilungen von Genferinnen selbst haben mir einen sehr kleinen Maßstab für die Genfer Ehemannsgalanterie in die Hand gegeben. Auch gelten die deutschen Frauen bei den Genferinnen für verzogene Kinder, und diese Bemerkung wird beißend genug gemacht. Pauline würde darin recht gern die deutsche Frau gespielt haben, aber wie schon gesagt, Herr Picard war Genfer durch und durch, das heißt ein großer, etwas steifer, sehr zurückhaltender und bedeutend selbstbewußter Mann, der die Liebhaberrolle nie recht bequem gefunden hatte. Folglich zog er sich im Verlauf der Jahre mehr und mehr in die Gelassenheit des Ehemannes zurück, und ebenfalls folglich erklärte Madame Picard sich für die unglücklichste Frau, nicht nur in Genf, sondern auf Erden, verlangte, um ihr armes Herz auszufüllen, alle möglichen Unmöglichkeiten und bekam, so oft der Gemahl vernünftig widerredete, unvernünftige Nervenzufälle.

Die Frau des Compagnons.

Herr Picard hatte einen Compagnon, der die Dienste eines Commis that. In den sämmtlichen kleinen Orten, welche, um Genf her gedrängt, den Canton ausmachen, lief er, das Pack Proben unter dem Arme, jede Woche einmal umher und forderte die Kleinhändler auf, sich aus der Großhandlung Picard zu versehen. Demohnerachtet war und hieß Herr Hölty – denn diesen Dichternamen führte der Mann – in ganz Genf der Compagnon des Herrn Picard, und in dieser Eigenschaft besaß er ein gemiethetes Haus auch in den Eaux-vives, einen Hund, zwei Kinder und eine Frau.

Madame Hölty war gleich ihrer Compagnonsfrau oder Principalin eine Waadtländerin, doch nicht so tief aus dem Lande, sondern hart von der Grenze, aus Coppet. Funfzig Jahr, von Gestalt mittelgroß und stämmig, von Gesicht etwas tartarisch, mit kleinen schwarzen Augen und einer kupfrigen Farbe. Vor ihrer Verheirathung, wie sie sagte Gesellschaftsdame, wie die böse Welt sagte Kammerjungfer bei einer russischen Fürstin, jedenfalls aber in der Krimm gewesen, denn ihr drittes Wort lautete unwiderruflich: »Als ich in Baktschisarai war.« Auch hatte sie von dieser vornehmen Zeit her die Idee bekommen, daß sie eigentlich zu gut für die Schweiz und hauptsächlich für einen Schweizer sei; dennoch hatte sie einen geheirathet, und zwar den derbsten, welchen sie sich hatte aussuchen können. Mehr wohl um andere Gesellschaft zu haben, als um ihre Einnahme zu erhöhen, hielt sie eine Pension, doch nicht, ohne jedem Fremden die bei den Genfer Pensionshalterinnen stereotype Unhöflichkeit zu sagen: »Wenn ich es nicht nöthig hätte, würde ich es nicht thun.« Die Wahrheit ist: sie empfing die Fremden wie Manna, und den ersten Monat konnte man gar keine aufmerksamere Wirthin finden als Madame Hölty. Sie war eitel Honig und Höflichkeit. Die Diners waren auserlesen, die Frühstücke wahre kleine Schöpfungen. Das ganze Haus verwandelte sich in Rücksicht; Louise, das Mädchen, dudelte nicht falsch, Georges, der Knabe, machte keinen Lärm mit dem Hunde, selbst die Bonne trat in eine erhöhte Sphäre und empfing keinen Befehl, ohne daß Madame hinzusetzte: »s'il vous plait.« Madame wollte durch diese feine Haltung den Fremden einen hohen Begriff von ihrem kleinen, aber ausgezeichneten Hauswesen und besonders von der Herrin dieses Hauswesens beibringen. Es gelang ihr: wenn man sie beim ersten Anblicke für eine gute, aber ordinaire Frau gehalten, so ließ man sich von ihrer Selbstschätzung allmählich überreden, sie als eine kluge Frau anzunehmen, der es allerdings an der vollkommenen Ausbildung gebreche, aber nicht an einem taktvollen Verständniß der Welt. Sie hatte sich einen gewissen Vorrath von gescheidten Aeußerungen zusammengetragen, die tischte sie die ersten Abende zum Thee auf, und wenn man sich auch nicht gerade interessirt fühlte, so langweilte man sich doch mit Geduld. Aß man zum ersten Male am Sonntage mit dem Manne und den Kindern zusammen zu Mittag und sah man in Herrn Hölty die incarnirte Grobheit, welche sich selbst bei guter Absicht gar nicht anders als roh zu gehaben vermochte, so bedauerte man die Frau und fand es natürlich, daß sie andere Unterhaltung wünschte. Aber man fand auch bald, es sei drückend, sie unterhalten zu sollen. Sie wurde sehr eintönig, die höfliche Frau, der man gar nicht ausweichen konnte, die einem des Morgens den ersten guten Tag bot und des Abends die letzte gute Nacht, die einen im Garten begleitete, mochte es Sonnen- oder Mondschein sein, die sich überall neben einen setzen kam und immer sprechen wollte und immer über schon durchgesprochene Gegenstände. Es wurde einem unaussprechlich überdrüssig, immer zu hören: »Als ich in Baktschisarai war,« immer noch einmal die schönen Tartarinnen sich vorstellen zu sollen, die stumm wie Marmor gewesen waren, immer von Neuem zur Theilnahme darüber aufgefordert zu werden, daß Madame Hölty Herrn Hölty geheirathet. Genug, die Fremden und die Wirthin waren den zweiten Monat nie so zufrieden mit einander wie den ersten, wer einmal die Gesellschaft der Madame Hölty gründlich genossen, kam nie wieder, um diesen Genuß nochmals zu suchen, und längere Zeit blieben in den kleinen Stübchen, wo die Fremden eingeschachtelt waren, nur junge Männer, die den ganzen Tag außer dem Hause zubrachten.

Mit Madame Picard lebte Madame Hölty in einem Verhältnisse, welches sie als vertraulich darzustellen suchte. Wenn sie Etwas zu Madame Picard gesagt haben wollte, so verfehlte sie nie der Anrede: »Meine Theure« zu erwähnen. Wenn sie wirklich mit Paulinen sprach, sagte sie Madame Picard, sowie Pauline Madame Hölty sagte. Pauline kam selten zu Madame Hölty, Madame Hölty fast noch seltener zu Paulinen. Madame Hölty vertraute den Fremden, mit welchen sie über Madame Picard redete: Madame Picard sei ihr zu weltlich, der Kreis, der Pauline umgebe, ein zu frivoler; aber ging man etwas mehr auf den Grund, so ergab es sich, daß der Kreis Paulinens und Pauline selbst Madame Hölty mit ihren Erinnerungen an Petersburg und Baktschisarai zu langweilig fand und sie deßhalb in ihrem Bewußtsein sitzen ließ. Nur nach Nervenzufällen begehrte Pauline die Compagnonsfrau, weil diese die Gefälligkeit haben mußte, alle Klagen der unglücklichen Frau anzuhören. So kam es denn, daß noch am Abend nach der letzten Katastrophe Madame Hölty am Bett Paulinens saß.

Vertrauliche Unterredung.

Pauline klagte lebhaft und selbst leidenschaftlich. Herr Picard war wenigstens ein Ungeheuer und hatte es lediglich der Schonung seiner Frau zu verdanken, daß er nicht noch etwas Anderes, Aergeres wurde. Madame Hölty hörte zu, bis Pauline erschöpft zurücksank, dann sagte sie langsam – Madame hatte eine langsame, einförmige Redeweise, gerade wie ihr Gang – also langsam sagte sie: »Was wollen Sie, Madame Picard, wir sind an Schweizer verheirathet. Sie wissen, ich habe es Ihnen schon gesagt, daß ich nie einen Schweizer heirathen wollte, weil alle Schweizer Egoisten sind, aber da wir Beide es nun einmal gethan, müssen wir auch Geduld haben.«

Pauline murmelte: es sei manchmal recht schwer, Geduld zu haben, und diese Worte galten ebenso der guten Madame Hölty, wie dem unliebhaberhaften Ehemanne.

»Sehen Sie,« fuhr Madame Hölty fort, »wie es bei uns ist. Wie oft habe ich zu meinem Manne gesagt: es hat Alles im Hause seinen Platz, nur du nicht. Am Sonntag, wo er mit uns sein könnte, bleibt er wohl? Früh um fünf auf den See, nachher spazieren, Nachmittags zu Freunden. Abends selbst führt er noch den Hund aus. Ueberschlagen Sie sich dagegen, wie viel Sie von Herrn Picard haben.« Pauline dachte, es komme denn auch darauf an, ob die Frau dreißig oder funfzig, hübsch oder tartarisch sei; Madame Hölty aber fuhr in glücklicher Arglosigkeit fort: »Ich versichere Ihnen, mehr als ein Fremder hat mich schon gefragt: »Aber, Madame Hölty, ist Ihr Mann denn unsichtbar?«

»Das wäre eben kein so großer Schade,« zischelte Pauline vor sich hin. Laut fragte sie: »Ist Ihr Mann noch immer eine Woche conservativ und die andere radikal? Darüber ärgere ich mich bei ihm; sonst ist's ein recht guter Mann.«

»Nun,« sagte Madame Hölty, welche die Partei ihres Mannes ergriff, sobald von Jemand anders, als von ihr auf ihn geredet wurde, »nun,« sagte sie lauernd, »es hat Ihnen doch voriges Jahr ein entschieden Radikaler gar nicht so mißfallen, wie mein armer Mann.«

Trotz ihres gehabten Nervenzufalles wurde Pauline roth und antwortete sehr verlegen: »Ach, Herr Leon – aber das ist auch etwas Anderes – er ist ein junger Mann und in Paris erzogen worden – wo soll er da gute Grundsätze bekommen haben? Ich bin überzeugt, hätte er länger unter uns gelebt, er hätte sich geändert – er sagte mir, mit den Genfer Frauen könne man sich ganz anders unterhalten, als mit den Pariserinnen; wir wären viel ernster und gediegener.«

Als Madame Hölty später dieses Gespräch mittheilte, wollte sie Paulinen geantwortet haben: »Aber, meine Theure, glauben Sie doch nicht, daß Herr Leon das ernstlich gemeint habe – kennen Sie denn die Franzosen nicht? Sie sagen jeder Frau dergleichen Dinge – es ist das ihre Art.« In der Wirklichkeit aber, am Bette Paulinens sitzend, sprach sie falsch schmeichlerisch: »Man konnte es wohl sehen, daß Herr Leon sich sehr gern mit Ihnen unterhielt, Madame Picard,« und süßer noch setzte sie dann hinzu: »Wissen Sie, daß er wieder hier ist?«

Pauline hatte doch Klugheit genug, um nur eine gleichgültige Verwunderung zu äußern. Dann fragte sie: »Und er wohnt bei Ihnen, natürlich?«

»Nein,« versetzte Madame Hölty, »er wohnt bei seiner Mutter.«

»Wie, die Mutter ist auch wieder hier und nicht wieder bei Ihnen?« rief Pauline boshaft.

Madame Hölty heuchelte Unbefangenheit. »Sie geht in wenigen Wochen nach Leuk, und da sie Freunde in der Stadt hat, so ist es ihr bequemer, in der Stadt zu bleiben. Sie wohnt in der großen Pension auf dem Quai, neben der Krone, drei Treppen hoch.«

»Und Herr Leon auch?«

»Herr Leon auch. Er war aber schon mehrere Male bei uns, und ich will in diesen Tagen einmal die Mutter und ihn zum Thee bitten – werden Sie mir da das Vergnügen machen, auch zu kommen?«

»Wenn ich wohl genug bin,« erwiederte Pauline, ihre Freude schlecht verbergend. »A propos, haben Sie nicht wieder neue Pensionaire bekommen?«

»Ja, einen Engländer mit seiner Frau.«

»Also zwei Ehepaare, denn die Deutschen sind doch noch immer da?«

»O ja, und sie werden auch bleiben; sie gefallen sich sehr bei mir.«

»Und sie lieben sich noch immer so?«

»Wo möglich noch mehr.«

»Ach, welches Glück! Und die Engländer – sind sie eben so zärtlich?«

»Nicht ganz so, aber doch auch sehr. Er hat seiner Frau zum Geburtstage eine goldene Uhr für zweihundert Franken gekauft, und jeden Morgen pflückt er ihr ein Sträußchen, das er ihr zum Frühstück auf den Teller legt.«

»Alle Frauen werden geliebt,« sprach Pauline kummervoll, »und –«

»Wir beide nicht,« vollendete Madame Hölty. »Was wollen Sie, Madame Picard, wir müssen uns darein ergeben. Die deutsche Dame sagte mir erst heute: »Madame, ich bewundere Sie. Jeden Abend aufsitzen, bis es Herrn Hölty gefällig ist, nach Hause zu kommen, dazu sind Sie wahrlich zu gut. Wenn ich in Ihrer Stelle wäre, ich gäbe Herrn Hölty einen Schlüssel und spräche: nun komme du nach Hause, wenn es dir beliebt, vor oder nach Mitternacht, aber mir erlaube, zu Bette zu gehen.«

Pauline konnte nichts weniger leiden, als so ein »Wir« von Madame Hölty. Sehr kühl fragte sie daher: »Und wollen Sie diesem Rathe folgen?«

»Ich möchte es,« sprach die Besucherin, indem sie aufstand, »aber, Madame Picard, der häusliche Frieden – was thut man nicht, um den zu erhalten? Sie wissen, ich hasse nichts so sehr, wie Unruhe im Hause. Dennoch sagte ich es meinem Manne heute bei Mittag – ich war es wirklich müde, ihn zu erwarten – die ganze Woche ist er nie vor elf gekommen. Ich sagte ihm also, daß ich ihm von nun an sein Abendbrod an das Feuer setzen würde, da könnte er es sich allein nehmen, wenn er nach Hause käme – mich aber würde er zu Bette finden.«

»Dergestalt, daß Sie ihm gerade sagten, was Sie ihm nicht sagen wollten,« unterbrach Pauline ungeduldig das Geschwätz. »Und was antwortete Herr Hölty?«

»O, er war böse. Er sagte, das sei ein deutscher Zank, und er würde diese Nacht gar nicht nach Hause kommen, sondern mit Freunden auf die Berge gehen.«

»Nun, so lassen Sie ihn gehen. Wir werden morgen Regen haben, das wird ihn abkühlen.«

»Er war schon zu Hause, als ich zu Ihnen ging,« antwortete Madame Hölty.

»Was, es ist ja kaum halb neun!«

»Ja, er war schon da. Die deutsche Dame hat ganz Recht – man muß nicht immer zu gut sein, man verwöhnt die Männer. Guten Abend, Madame Picard, – pflegen Sie sich recht – ich werde Ihnen durch Louise sagen lassen, wann ich meinen Thee gebe – nochmals guten Abend.«

»Guten Abend, Madame Hölty; ich danke Ihnen, daß Sie noch so spät gekommen sind.«

Ich muß hier ein Bekenntniß einschalten im Namen der deutschen Dame, die ich ziemlich genau kenne. Herr Hölty hatte nebst vielen andern angenehmen Eigenschaften auch die, fürchterlich zu schnarchen, und zwar um so toller, je später und – belebter er nach Hause kam. Da nun die Deutschen unmittelbar unter dem Höltyschen Doppellager schliefen, die Zimmer wirklich wahre Schmetterlingsschachteln und die Decken förmlich spinnwebdünn waren, so fand, wenn Herr Hölty in ganzen vollen Tönen schnarchte, die arme Deutsche es rein unmöglich, auch nur eine Stunde zu schlafen. Das war nun geradezu schrecklich, besonders da sie am Tage auch keine Ruhe hatte. Denn da ging Madame Hölty unaufhörlich mit knarrenden Schuhen über ihrem Kopfe herum, da sang Louise, da tobte Georges – es war schon im dritten Monat. Und Nachts sollte sie das Oberhaupt der Familie auch noch hören – das war ihr zu viel, und sie redete Madame gegen Monsieur auf, damit Monsieur, gehörig gescholten, früher und – weniger schlaftrunken heimkehren und nur in halben Tönen mit der Nachtigall Duette singen möge.

Herr Leon.

Und was war Herr Leon? Herr Leon war Herr Pellet, Sohn eines Vaters, der gestorben war, und einer Mutter, welche noch lebte; außerdem noch der Schwager seiner Schwägerin, die ihrerseits die Frau seines Bruders war. Der Vater war Advokat gewesen, die Mutter war Rentiere, Herr Leon hatte einen sehr kleinen Platz in der Beamtenwelt ausgefüllt und – füllte ihn nicht mehr aus, indem die Republik ihm für seine Dienste gedankt hatte. Man flüsterte sich zu, Herr Leon sei zu republikanisch gewesen – unsere kleine Geschichte spielt nämlich im Frühjahr Achtzehnhundertneunundvierzig, und man weiß, daß man da nirgends weniger republikanisch war als in Frankreich. Vielleicht mochte Herr Leon sogar ins Rothe geschillert haben – Madame Hölty wenigstens vertraute es der jungen Deutschen an, als diese Herrn Leon zufällig gesehen und aus Langeweile nach ihm gefragt hatte. »Und sein Bruder ist noch entschieden roth,« fuhr Madame Hölty fort, »zum großen Zorne der Mutter, welche ultraconservativ ist.« – »Das muß ein gutes Verhältniß zwischen Mutter und Söhnen abgeben,« bemerkte die Deutsche, Madame Hölty machte die Miene einer Wissenden. »Ich habe einen Auftritt mitangehört – Madame, Sie würden erschrocken sein, hätten Sie diese Mutter gesehen. Sie hatte Paris gleich nach der Februarrevolution verlassen und war nach Lyon gegangen; von da aus kam sie im Frühjahr hierher zu mir. Herr Leon besuchte sie auf vierzehn Tage. Da stritten sie sich einmal – sie war wie rasend. Sie warf ihrem Sohne vor, er so gut wie sein Bruder wäre im Stande, sie zu ermorden. Die Politik bringt furchtbare Spaltungen in den Familien hervor.« – »Wenn Herr Pellet unabhängig von seiner Mutter ist,« meinte die Deutsche. »Das ist es ja eben,« sprach Madame Hölty, die sich etwas damit zu wissen schien, in die Sorgen des jungen Parisers so eingeweiht zu sein. »Herr Leon und sein Bruder haben nur das Vermögen des Vaters bekommen – die Mutter ist Herrin des ihrigen. Und Herr Leon – wie die jungen Leute sind – hat fast Alles ausgegeben und ist nun noch dazu ohne Amt. Da muß er wohl die Mutter wieder zu versöhnen suchen – auch nimmt er sich ungemein in Acht – widerspricht ihr nie.« – »Das wird auf Kosten des Bruders geschehen,« sprach lachend die Deutsche. – »Was wollen Sie, Madame,« meinte Madame Hölty, »Jeder für sich. Herr Leon hat eine schwere Zeit bei seiner Mutter – da ist's billig, daß er belohnt werde.« »Sehr wahr – ich wünsche ihm, daß er seine Mutter ganz verstricken möge.«

Der Gegenstand dieses Gespräches ging unterdessen die Eaux-vives hinauf in die Stadt. Es war gegen zehn Uhr, aber schon so furchtbar heiß, wie es in Genf nur sein kann. Fühlte Herr Leon wirklich das Bedürfniß, einen Augenblick zu athmen, oder war's ein anderer Beweggrund, der ihn veranlaßte, einige Schritte von Paulinens Hause stehen zu bleiben und sich die Stirn abzutrocknen? Es war am Morgen nach dem großen Nervenzufall, Pauline eben aufgestanden. In einen Shawl gehüllt durch die halbgeöffnete Persienne blickend – zufällig, mein Himmel, so zufällig wie möglich, sah sie den jungen Pariser und wich mit einem Herzklopfen zurück, als wäre sie bei einer kleinen Sünde ertappt worden. Leon sah von der Seite nach dem Hause hinauf, konnte jedoch hinter der Persienne nichts entdecken. Pauline fühlte eine lebhafte Versuchung, die Persienne besser zu schließen, »damit es nicht so heiß hereinkomme.« Leon sah zwischen den grünen Brettchen eine ziemlich weiße Hand sich unruhig, fast ungeschickt bewegen – er wußte, daß er gesehen worden sei. Madame Hölty hatte heute erwähnt, wie sie seine Anwesenheit Paulinen mitgetheilt. Selbstzufrieden ging der junge Mann weiter.

Herr Leon war, wenn ich es denn offen sagen soll, ein Geck, wie es nur je einen gab. In Paris konnte er keine große Rolle spielen – er war eben nur Nachahmer von Nachahmern, hatte nur eine erwähnenswerthe Liebe gehabt mit der Tochter eines Generals, war mit einem Worte gänzlich unbedeutend. Als er im vorigen Jahre bei Madame Hölty wohnte, kam er so wenig in die gute Genfer Gesellschaft wie Madame Hölty hineinkam, und – die Wahrheit zu sagen, langweilte er sich gränzenlos in dem »Schooße der Familie,« wie Bulwer sagen würde. Da lernte er eines Abends bei dem Scheine des Mondes und der Glühwürmchen Madame Picard kennen. Sie war gerade nicht ausgezeichnet hübsch, sie war auch nicht besonders unterhaltend, aber neben Madame Hölty und in dem langweiligen Genf überhaupt war sie eine Erscheinung, und Herr Leon stellte sich so geblendet, als habe er eine neue Sonne entdeckt. Madame Picard war es wirklich. Gewiß ist es, ihr Name konnte überall mit Herrn Leon in die Schranken treten, und der Preis der bessern Haltung nicht allein, auch des hübschen Aeußern wäre ihm geworden. An Kenntnissen, an Charakter war Herr Picard gleichfalls der Ueberlegene – Leon wußte so gut wie gar Nichts und war an Charakter so gut wie Null. Aber – er war Pariser, sprach von der Oper und seinem Schicksal, von Kirchthurmrennen und innerlicher Einsamkeit, von Toiletten und der Liebenswürdigkeit Paulinens. Der kleine Roman war angefangen, und wenn er nicht fortgesetzt wurde, so lag das nicht an Leon, sondern an der Gelegenheit. Pauline hatte keinen Salon, Leon durfte selbst nicht wagen, ihr sogleich einen Morgenbesuch zu machen. Ein Brief seines Bruders, bezüglich auf die Plane ihrer Partei, rief ihn unvermuthet zurück; er reis'te ab, ohne Pauline öfter als zwei Mal gesehen zu haben. In Paris vergaß er ihrer bald ganz – Pauline dachte seiner um so eifriger – es war der erste Mann, welcher sich ihr als Anbeter genähert. In Genf giebt es keine Anbeter für Frauen: die Seltenheit gab Leon einen unberechenbaren Werth. So oft Herr Picard als Ehemann sprach, dachte Pauline an Leon und sagte sich: »er würde nicht so sprechen.« Es ist der beste Beweis für Paulinens Unverdorbenheit, daß sie diese erste kleine Koketterie so ungemein ernsthaft nahm, doch konnte auch eben darum Gefahr in einem Wiedersehen Leons liegen. Er für sein Theil erinnerte sich der hübschen Waadtländerin erst wieder, als er sich drei Abende nach einander mit seiner Mutter und ihren Freunden aus Lyon bei Whist und Zuckerwasser gelangweilt hatte.

Die Abendgesellschaft.

Der große Tag kam. Madame Hölty machte im Salon ein mächtiges Geräusch. Der Sopha wurde ganz anders gestellt, neben die zweite Thür, welche unmittelbar in den Garten führte. Die Deutsche, welche in ihrem Stübchen oben das Gerassel der Vorbereitungen gehört, kam herunter und gab ihr Wort dazu. Zwei Lehnsessel waren vorhanden; sie ließ sie von der Wand an den runden Tisch vor den Sopha rücken. Es ist in Genf Sitte, daß besagter runder Tisch mit Büchern geschmückt werde, und zwar in der Art, daß die Bücher gleich Radien eines Kreises liegen. Auch hier war es der Fall; alle Bücher Louisens waren ausgebreitet. Die Deutsche meinte, das passe nicht zu einer Soirée. Madame Hölty sah kläglich aus; im ganzen Hause gab es keine andere Bücher. Die Deutsche entschloß sich kurz, holte aus der Reisebibliothek ihres Mannes eine Menge Sprachlehren und Wörterbücher und garnirte damit den Tisch. Die Kinderbücher wurden in eine Ecke einquartirt neben einem schadhaften Damenspiel und einem ehemals eleganten Kästchen, und der Salon hatte auf einmal eine ganz eigene Physiognomie, ein gewisses »capables Ansehen« angenommen.

Der Mittag ging wie gewöhnlich des Sonntags vorüber – die Genfer lobten Gott, indem sie in Paquis knatternd nach der Scheibe schossen, Herr Hölty hatte am frühen Morgen Fische gefangen, welche nebst Rindfleisch und einem Kuchen das Diner ausmachten. Die Kinder aßen den Gästen mehr fort, als diesen lieb war, der Hund bettelte am Fenster und bekam Nichts – es war, wie es schon sechs oder sieben Mal gewesen war. Aber am Abend sollte es anders sein.

»Madame Picard wird wohl etwas früher kommen, um den Abend im Garten genießen zu können,« sagte Madame Hölty.

»Wer kommt noch außer Madame Picard?« fragte die Deutsche. Die Engländerin konnte kein Wort Französisch, folglich auch keine Frage thun. »Kommt Herr Picard auch?« fragte die Deutsche.

Nein, Herr Picard war auf einer Reise, es kamen außer Madame Pellet und Herrn Leon nur noch ein Ehepaar aus Lyon und die Nichte der Madame Hölty, »die ein Stück spielen solle«.

Die Deutsche lachte über die ungemein glänzende Versammlung.

Ein Herz schlug dieser Gesellschaft doch entgegen, so lächerlich klein sie auch war. Pauline aß kaum Etwas zu Mittag. Die Kinder wurden gescholten, die Bonne bekam Verweise. Pauline war fieberhaft erregt, hatte Kopfweh. Ob sie nicht lieber absagen sollte? Am Ende – eine Soirée bei Madame Hölty – Gott, man wußte ja, wie langweilig das war. Allerdings, heute waren Fremde da. Von der Deutschen hatte Pauline schon viel gehört. Der Mann sollte noch jung und sehr angenehm, die Frau eine gute Sängerin sein. Dann die Engländer – Pauline mochte Engländer leiden, sie waren meistens originell, »und etwas Originalität thut einem in Genf von Zeit zu Zeit Noth,« seufzte Pauline. Ja, der Fremden wegen wollte sie gehen. Und so – mußte sie sich anziehen.

Welches Kleid? Putzen konnte man sich nicht gut, aber elegant mußte man doch auch aussehen. Die beiden Fremden würden sich gewiß sehr schön machen. Pauline entschied sich für ein schwarzseidenes Kleid, eine elegante Collerette, eine nelkenrothe Cravatte. Ein schwarzes Tuch um den Kopf wurde nicht vergessen, ein Ueberwurf angezogen, welcher den Wuchs gut hervorhob, dann der Hut aufgesetzt – Pauline wußte nicht, wie sehr er sie entstellte, und hätte sie es auch gewußt, man kann doch in einer Vorstadt von Genf nicht ohne Hut gehen. Pauline rief den Zwillingen, welche Georges die Freunde Picard nannte, übergab Emil der Bonne, warf nachlässig hin, sie werde bald wiederkommen, nahm den Sonnenschirm in die Hand und das gleichgültige Gesicht an und begab sich comme il faut zu Madame Hölty.

Georges nahm am Gartenthor die Zwillinge in Empfang; Louise, im weißen Kleide mit blauer Schürze, eilte den Gang hinauf, wo die Mutter mit der Deutschen war. Madame Hölty stellte »ihre Freundin« vor. Madame Picard erschrak – die Deutsche hatte weder Hut noch Handschuhe. Auf eine sehr faselige Art freute sie sich, die Bekanntschaft Paulinens zu machen, versicherte dann, sie könne unmöglich den schönen Abend vorbeigehen lassen, ohne sich noch etwas zu rudern und lief an den See, wo ihr Mann bereits einen Kahn losgemacht hatte. Madame Hölty führte Pauline an die Gartenmauer, und sie sahen, wie das Ehepaar lustig in den klaren See und in die laue Luft hinausruderte. »Das ist alle Abend ihr Vergnügen,« sagte Madame Hölty, »wird sie müde, so rudert er allein – nie fast fahren sie mit Jemand sonst. Und das dort ist der Engländer, der fährt seine Frau auch.« Pauline folgte den leichten Barken, deren jede ein allem Anschein nach vollkommen glückliches Paar trug, mit dem Blicke eines stillen Neides. Warum konnte sie nicht auch so fahren, gerudert von einem Manne, der sie anbetete, gleichsam Königin in der Schönheit dieses Abends? Eine Erbitterung gegen ihren Mann ergriff sie, wie sie noch nie empfunden – »an ihm rächen möcht' ich mich,« dachte sie. »Madame, wie glücklich bin ich, Sie wiederzusehen,« sagte eine Stimme hinter ihr. Erröthet wandte sie sich um. Leon Pellet stand da und begrüßte sie mit ausdrucksvollem Blicke. Er hatte kein schönes Organ, aber er sprach in reinem Französisch, und Pauline glaubte, eine Bewegung in seinem Tone zu errathen. Er hatte auch kein schönes Auge, – es war stechend und bisweilen selbst zweideutig im Ausdrucke, aber er heftete es fest auf Pauline, und sie bedurfte es in diesem Augenblicke so sehr, bewundernd angesehen zu werden. So dünkten denn Auge und Stimme ihr liebenswürdig, ja, sogar bestechend.

Leon war mit seiner Mutter gekommen – er war jetzt ein so guter Sohn, daß er seine Mutter nie ohne die Stütze seines Armes gehen ließ. Aber die alte Dame spazierte mit Madame Hölty in einiger Entfernung auf und ab, und Pauline fand sich nicht veranlaßt, die ersten Schritte ihr entgegenzuthun. Sie setzte sich vielmehr auf eine grüne Bank, die zwischen Rosen stand. Leon stützte sich auf die Lehne. Pauline athmete laut auf – sie hatte jetzt auch einen Mann neben sich, der nur auf sie sah, nur mit ihr redete. Allerdings war es nicht der ihrige, aber – man kann nicht immer Alles haben.

Sie sprachen. Die Unterhaltung, welche Leon mit ihr führte – es bedurfte keiner Genferin, um sie zu führen, wenn nämlich die Genferinnen sich wirklich durch größeren Ernst und tieferen Gehalt auszeichnen sollten. Der See war das Thema, das uralte und alltägliche Thema, welches zum tausendsten Male in derselben Art abgehandelt und abgewandelt wurde. Der See war schön, wer wollte es läugnen? Das Gartengestade drüben lag in prächtiger Dunkelheit auf dem violetduftigen Jura. Die Stadt links, beherrscht von der zweithürmigen Kathedrale, war kraftvoll in die gelbliche Glorie des Himmels gemalt. Rechts hin – wie lieblich verliefen nicht die Linien des Sees in die des Joral, und die Umrisse des Joral in den rosigen Osten! Und die vielen Fahrzeuge, welche auf der spiegelhellen Glätte in die Abendröthe schifften, rascher, langsamer, gewaltsam, ruhig, bald mit blähendem Segel, bald blos mit flatternden Wimpeln, gerudert von zwei, vier, sechs, acht Rudern. Ja, der Abend auf dem See war schön, aber um das zu empfinden, brauchte man blos eine Seele, um es zu sehen, nur zwei gesunde Augen.

Pauline ließ die ihren melancholisch einer kleinen Peniche folgen, worin eine Frau saß, während zwei Männer ruderten. »Ich möchte wohl,« ließ sie fallen und hielt inne. –

»Auch so fahren?« fragte Leon. »Ja, diese Beweglichkeit lockt an – man möchte sich hineinmischen. Haben Sie keinen Kahn? Ich würde Sie mit Vergnügen fahren.«

»Mein Mann liebt Wasserfahrten nicht,« erwiederte Pauline. »Für mich ist es eine Erinnerung an meinen heimathlichen See.«

»Ist der so schön wie dieser?« lispelte Leon.

»Für mich schöner. Doch natürlich heißt das mit den Augen des Herzens sehen.«

»Das beste Sehen, das richtigste.«

»Nicht immer.«

»Doch. Sobald Sie eine Person auf diese Art sehen, werden Sie ihr Gerechtigkeit widerfahren lassen.« Ein Blick gab dieser Redensart ihre Anwendung.

Pauline erhob sich, anscheinend in Verwirrung. Sie spielte so gut wie Leon, nur eifriger als er. Er that's nur, weil er nichts Besseres zu thun hatte – sie, weil ihre Phantasie dadurch ergriffen war. In ihrer Rolle lag es jetzt, verstanden zu haben und auszuweichen; sie sagte leise, es werde kalt hier am See. –

Leon lächelte – es war ein unverschämtes Lächeln. Pauline nahm es nur für bedeutungsvoll. Er bot ihr den Arm. Der große Salève sah aus seiner blauen Höhe über die Bäume des Gartens herein. »Dort hinauf will ich einmal,« sagte der junge Mann. »Waren Sie schon oben?«

Pauline bejahte, setzte hinzu, sie erwarte binnen einigen Tagen Verwandte – mit denen wolle sie abermals hinauf. »O dann –« sagte Leon. Er erwartete eine Einladung; er irrte sich. Pauline kokettirte als Genferin, d. h. mit genauer Beobachtung einer gewissen Scheidelinie. Leon konnte sich ihr Entgegenneigen nicht mit ihrer Zurückhaltung zusammenreimen. Daß er sie interessirte, daß sie jede Bewegung in der Absicht machte, ihm zu gefallen – er sah es – warum lud sie ihn also nicht ein, sie auf den Berg zu begleiten? Ach, jetzt hatte er es errathen – die Verwandten!

»Aber ich glaube, wir sind ganz allein,« sagte Pauline plötzlich.

»Nun gut, was weiter?« fragte Leon, und drückte leise ihren Arm.

Sie schien nicht darauf zu achten, sondern flüsterte mit beredtem Augenniederschlage: »o, es ist hier nicht Sitte, einsame Spaziergänge am Ufer des Sees zu machen.«

Leon führte sie den andern Frauen nach und sagte ziemlich kühl: »sprechen wir von Politik, da wird es unschuldig. Sind Sie noch immer so entsetzlich streng gegen alle arme Demagogen?«

Die junge Frau kam beinah aus der Fassung. »Antworten Sie mir doch,« flüsterte er ihr zu, »man beobachtet uns dort.« Er deutete ihr mit den Augen Madame Hölty an, welche eben die Lyonneser bewillkommnete, dabei aber nicht wenig scharf nach der Seite schielte, von welcher das verspätete Paar kam. Leon fragte wieder laut: »Nun, hat James Fazy immer noch keine Gnade vor Ihren Augen gefunden, Madame?«

»Monsieur Fazy,« rief Pauline, Feuer fangend, mit natürlicher Lebhaftigkeit, »Monsieur Fazy ist eine Canaille.«

»Wenigstens eine Canaille, die Verstand hat,« sprach Leon, etwas betroffen. »Nur so läßt es sich erklären, daß die Conservativen, welche in der Mehrheit sind, ihn dulden.«

»Die Conservativen sind Schöpse!« rief Pauline wieder.

»So verdienen sie geschoren zu werden,« sagte Leon. »Aber, Madame, um Himmelswillen, wie leidenschaftlich sind Sie in der Politik!« Es ärgerte ihn, daß sie in der Politik nicht so kühl Maaß hielt wie in der Koketterie. Er wurde einsylbig, zerstreut. Umsonst setzte Pauline, nachdem sie die Lyonneser begrüßt, den Spaziergang fort, umsonst fing der Mond an zu scheinen, umsonst duftete das Geißblatt – Leon blieb fremd. Pauline wurde dagegen lebhafter, sie wollte ihn wieder so haben, wie er eben gewesen war. Ganz ausschließlich mit ihm beschäftigt, kam sie endlich in den Salon und wies ihm einen Stuhl neben dem ihrigen an. Leon setzte sich und betrachtete den Fußboden. »Was ist Ihnen?« fragte Pauline leise. »Nichts,« antwortete er mit einem sehr geschickt modulirten Tone. Pauline hörte Empfindlichkeit über ihre Zurückhaltung, dabei Trauer, unterdrückte Leidenschaftlichkeit heraus. Sie glaubte wirklich Leons Herz erfaßt zu haben und nach Gefallen schmerzhaft oder freudig erschüttern zu können. Gerührt ließ sie ihre Augen ihm allerlei Versicherungen der Milde und Güte ertheilen. In diesem Augenblicke traten die Fremden ein, die Deutsche zuerst, dann die Engländer. Madame Hölty verstand nicht, die Wirthin zu machen; sie stellte die Fremden der Gesellschaft, aber nicht diese jenen vor. Die Engländerin setzte sich bequem hin und ließ sich von ihrem Manne unterhalten; die Deutsche tauschte mit dem ihrigen flüsternd Bemerkungen aus. Auf Pauline und Leon deutend, sagte sie: »Ich glaube, das ist das Ehepaar aus Lyon.« Sie erkannte, kurzsichtig wie sie war, Pauline ohne Hut nicht wieder. »Nur sieht der Mann wie der Pariser aus,« wandte der Deutsche ein. – »Ja, aber der Pariser ist nicht verheirathet. Nein, nein, das sind Herr und Madame Caille oder wie sie heißen, aus Lyon, und Herr Pellet ist der junge Mann dort oben.« Zu gleicher Zeit flüsterte die Engländerin gegen ihren Mann: »Das ist ein hübsches Gesicht – ihr Mann scheint sie sehr zu lieben.« Pauline gehabte sich auch wirklich wie eine nicht lange verheirathete Frau; Leon neben ihr hatte ganz das stille Wesen eines zufriedenen, aber gehaltenen Ehemannes – man konnte nicht anders als Beide für verheirathet annehmen. Die Deutsche fragte Madame Hölty, die eben vorbeikam, wie lange sie es wären. Madame Hölty lächelte. »Das – aber das sind ja –« und die Erklärungen. Die Deutsche lachte. »Dann ist's eine hübsche kleine Courmacherei.« – »Ja wohl – wir haben es schon voriges Jahr bemerkt, und mein Mann war sehr unzufrieden damit.« Die Deutsche blickte Madame Hölty einen Augenblick scharf an.

Pauline kam jetzt zu der Deutschen und bat und hoffte, sie möchte und würde sich doch hören lassen. »Nach Ihnen, Madame,« antwortete die Deutsche. »O, ich, Madame!« Alle kleinen nöthigen Weigerungen erfolgten, dann setzte Pauline sich an den Flügel, ließ ihr Tuch flattern, ihre Schultern arbeiten, ihre Augen spielen und ihre Walzer hören. Leon hatte ihr Aufstehen eilends benutzt, um sich in den Eßsaal zu begeben und mit Herrn Hölty einige Gläser Wein zu nehmen; als er darin befriedigt war, kam er geräuschlos wieder und setzte sich auf den Sopha. Pauline ließ, da sie ihn nicht erreichen konnte, einige Augenblitze zu dem Deutschen und dem Engländer fliegen, die beide näher saßen. Leon bemerkte es und machte sich innerlich lustig über die verlorene Koketterie, denn beide Männer schienen mit Kaltblütigkeit wahrhaft gepanzert. Und doch war Pauline bei Weitem hübscher als die Deutsche und die Engländerin, aber beide Frauen gaben sich keine Mühe, und Leon fand sie auf einmal weit mehr der seinigen werth. Mit der Engländerin konnte er nicht sprechen, da sie nicht seine, er nicht ihre Sprache verstand; blieb also die Deutsche. Sie sang jetzt, Melodien in vier oder fünf Sprachen. Pauline, welche befürchtete, die Aufmerksamkeit könne sich ausschließlich auf den Gesang wenden, bewegte sich mit ihrer hübschen Gestalt unaufhörlich bald da, bald dort. Vor Leon stand sie mehrmals; seine Mutter machte ihr Platz, sie setzte sich neben ihn. Sie hatte jetzt die Besonnenheit verloren und that alles Mögliche, um sich »zu affichiren.« Leon war ungemein »Löwe,« d. h. erhaben und gelassen. Nachdem er Paulinens Lebhaftigkeit eine Zeit lang ertragen, stand er auf und nahm einen Stuhl neben der Deutschen, die eben heimlich mit der Engländerin plauderte. Sie sah ihn kommen und belustigte sich über Paulinens sichtliche Unruhe. Die hübsche Waadtländerin wußte erst gar nicht, was sie machen sollte; dann lockte sie den Deutschen an den Flügel und brachte ihn dazu, eine unserer schönsten Compositionen zu spielen, wobei die Gesellschaft sich über alle Maßen langweilte. Leon saß immer geduldig da und wartete auf die Gelegenheit, sich liebenswürdig zu zeigen. Endlich war die gute Musik aus, Pauline ließ ihre Beredtsamkeit über den Deutschen ergehen, Leon wandte sich entschieden zu seiner Nachbarin und flüsterte ihr in den weichsten Tönen seine Bewunderung über ihren Gesang zu. Pauline flatterte wie ein Vogel über Kohlen – die Deutsche sah es und ging, boshaft genug, in ein Gespräch mit Leon ein. Pauline überredete den Deutschen, eines ihrer Walzerhefte dazubehalten – es knüpfte sich so eine Bekanntschaft an, – die Deutsche erhob sich, um auf Leons Bitte ein venetianisches Gondellied zu singen. Die arme Pauline – sie allein war bei diesem Spiel ernsthaft; Leon wünschte, eben so sehr wie ihr, der Deutschen zu gefallen – diese lachte innerlich herzlich, ebenso ihr Mann. Die Koketterie ist wie das Feuer; man verbrennt sich, wenn man damit spielen will. Pauline ward ganz verwirrt, ganz beängstigt; ihr war, als gehöre Leon ihr, als müsse sie alle ihre Kräfte anstrengen, um ihn festzuhalten. Mehr und mehr gab sie sich ihrer Aufregung hin und der ganzen Gesellschaft ein ergötzliches Schauspiel. Erst als der Aufbruch da war, beruhigte ihre aufgescheuchte Eigenliebe sich in Etwas; sie sah sich wieder als den Punkt, auf den Aller Augen sich hefteten. Der Engländer half ihr den Ueberwurf anziehen, der Deutsche dankte ihr für die Noten, Leon stand bereit, ihr den Arm zu bieten. Wenigstens einigermaßen beschwichtigt trat sie hinaus in die schöne Nacht.

Beim Nachhauseführen.

Die beiden Häuser lagen, eines am Anfang, das andere am Ende der Eaux-vives. Eine Viertelstunde war's wohl von einem zum andern, besonders wenn man langsam ging. Das wollte die Gesellschaft, denn der Abend war köstlich. An Sommerabenden versetzt Genf wirklich in den Süden. Nicht wie am Tage entbehrte man den Schatten der im Frühjahr behauenen Platanen. Es war so spät, daß die Straße einsam war. Zu beiden Seiten dufteten die Gärten der Campagnen und kleineren Besitzungen. Auch aus diesen Düften hauchte etwas Südliches Beschleunigung in das Blut. Der Mond leuchtete.

Welch eine Stunde zu einer verschleierten Erklärung! Pauline ging, tief athmend vor Erwartung, an Leons Arm. Daß Herr Hölty, mit ihren Noten unter dem Arme, als selbstbestellter Ehrenhüter seines Freundes und Principals an ihrer rechten Seite trabte, störte sie wohl etwas, beunruhigte sie aber nicht. Der Mann verstand ja nicht, was sie mit Leon sprechen konnte. Sie wandte ihr Gesicht zu Leon; er sah sie ernsthaft an und sprach kein Wort.

Wollte er so die Zeit verstreichen lassen? Wann sahen sie sich dann wieder? Es konnte ja nur zufällig sein. Pauline wurde ungeduldig und sprach so kokett, wie sie ihres Wächters wegen nur konnte. »Sie haben sich viel mit der deutschen Dame unterhalten. Spricht sie gut?«

»Das Französisch schlecht aus, sonst gut,« erwiederte Leon gehalten. Er sah Pauline ankommen.

»Lieben Sie es, mit deutschen Frauen zu sprechen?« fuhr Pauline unruhiger fort.

»Sie sind tief im Gefühl,« sagte Leon mit einem gewissen Nachdruck.

»Sind sie allein das?« fragte die Unvorsichtige.

Leon schwieg.

»Trauen Sie uns kein Gefühl zu?« forschte sie dringender.

»Ich achte die Schweizerinnen unbegränzt,« erklärte Leon.

»Warum sollten Sie auch nicht?« gab Herr Hölty dazu.

Pauline ließ sich wirklich reizen. »Ach, aber liebenswürdig sind wir nicht, nicht sentimental, wie – die Deutschen?«

»Die deutsche Dame bei uns ist gar nicht sentimental, sondern sehr vergnügt,« schaltete Herr Hölty wieder ein. »Das Schießen kann sie nicht leiden, sonst ist's eine gute Person.«

Leon benutzte diese Rede und warf in Paulinens Ohr: »Wenn Sie wollten –«

Sie wurde wieder Komödienspielerin, that als zittere sie.

Leon seinerseits ließ sich täuschen, glaubte die junge Frau berückt zu haben, ihrer endlich sicher zu sein. Leise brachte er seine Finger an ihre Hand, berührte diese mit einem Drucke, in den er Willen und unwillkührliche Aufregung zugleich legte. Paulinens Eitelkeit war befriedigt, aber kein Puls ihrer Hand klopfte schneller. Sie war in diesem Augenblicke noch härter und unwahrer als Leon. Er ahnte das nicht; die Eitelkeit, welche sie kühl und sicher machte, verwirrte ihn. Sein Athem streifte glühend Paulinens Wange. »Wenn ich mich nicht getäuscht,« flüsterte er, »wenn Sie für mich –« Pauline lauschte, mit ihren Augen an seinem Munde hängend – der gute Hölty wußte gar nicht, warum die beiden Leute auf einmal so stumm wurden und suchte in seinem Kopfe nach einer Rede, um das Stillschweigen zu unterbrechen. Leon fuhr fort: »Seit vorigem Jahre denke ich nur an Sie, und Sie, Madame –« Pauline blickte nieder wie in tiefer Befangenheit. »O mein Gott, wenn Sie nur einen Gedanken an mich gehabt hätten – wenn ich – wäre es zu dreist, Ihr Schweigen so zu deuten?« Sie schien Etwas murmeln zu wollen. »Sprechen Sie nicht, ich bitte Sie – Sie wissen, was das Schweigen mir sagen soll – ein Gedanke, wie wenig, – für mich die Welt, für Sie – ein Augenblick, welchen Sie der Toilette abgewendet haben, – bin ich nicht bescheiden?«

Pauline triumphirte, und sie hatte ein Recht dazu – Leon war in dieser Minute wirklich verliebt. Gern wäre er mit Paulinen wieder am Rande des See's gewesen, gern hätte er vor Allem die Begleitung seines Freundes Hölty entbehrt. Aber Hölty wich nicht von der Seite der hübschen Frau und der – war es jetzt ganz erwünscht, – sie fürchtete sich beinah etwas vor Leon. Er kam bald dazu, den unbequemen Wächter zu verwünschen. »Kann man unleidlicher sein?« flüsterte er Paulinen zu. Da kamen sie an das Picard'sche Haus. Hölty öffnete die Gartenthür. »Wann darf ich morgen kommen?« fragte Leon rasch und leise. Pauline entzog ihm ihren Arm, sah plötzlich wie eine Siegerin auf den Versucher. »Morgen bin ich noch allein und nehme keine Besuche an,« sprach sie gezwungen. »Von übermorgen an ist Herr Picard jeden Abend um sieben Uhr zu Hause – da wird er sich ausnehmend freuen.« – »Sie sind ausnehmend gütig, Madame,« erwiederte Leon, sich verbeugend. Pauline grüßte fürstingleich, nahm von den Uebrigen ebenfalls einen vornehmen Abschied. Sie glaubte, Leon gegenüber eine Stellung eingenommen zu haben, die Stellung der angebeteten Gebieterin gegen den gedemüthigten Sklaven. Sie irrte. Leon verschluckte allerdings einen nicht geringen Aerger, aber er ärgerte sich nicht über eine Minute. Als Herr Hölty Madame Pellet und der Lyonneser Familie gute Nacht gewünscht und seinem Hunde gepfiffen hatte, um mit ihm noch etwas spazieren zu laufen, hatte Leon sich schon wieder gefaßt, bot, kühl wie eine Gurke, seiner Mutter den Arm und führte sie mit der größten Liebenswürdigkeit in die Stadt zurück.

Ungewißheit.

»Ich werde das Madame Picard doch sagen,« sprach am Morgen nach der Abendgesellschaft Madame Hölty in ihrem Garten, wo sie die Deutsche abgefangen hatte.

»Thun Sie es nicht,« sagte die Deutsche. »Sie würde sich dadurch geschmeichelt fühlen, so wenig schmeichelhaft es eigentlich auch für sie ist. Thun Sie, als bemerkten Sie diese kleine Thorheit gar nicht, dann vergißt Madame Picard sie von selbst. Sie beachten heißt sie befördern.«

»Glauben Sie, Madame?« fragte Madame Hölty. Eine Stunde später stand sie am Gitter von Paulinens Garten. »Und wie geht es Ihnen, Madame Picard? Haben Sie gut geschlafen? A propos, denken Sie sich, gestern hat man Sie und Herrn Leon für ein Ehepaar gehalten!« – »Ist es möglich? Wer, wer denn?« – »Wer denn anders als die Deutschen und die Engländer. Das ist sonderbar, nicht wahr?« – »Unbegreiflich,« sagte Pauline, ganz roth vor Freude.

»Ein Beweis, wie sehr Herr Leon Ihnen gehuldigt,« bemerkte schmeichlerisch die wahre Freundin. »Nur müssen Sie es ihn nicht zu arg machen lassen – denken Sie, wenn Herr Picard –«

»Ich weise Herrn Pellet schon in seine Schranken zurück,« sprach Pauline stolz. »Allerdings, er würde zu weit gehen – ich weiß nicht, was ihn zu mir zieht, vermuthlich die Langeweile.« Pauline lächelte hier – man sah, daß sie sich selbst kein Wort glaubte; aber wieder einen hohen Ernst annehmend, fuhr sie fort: »Er soll indessen sehen, daß ich keine Pariserin bin; er soll andere Grundsätze kennen lernen, als die leichten, welche er bisher einzig unserm Geschlechte zugetraut. Ich will ihn nöthigen, die Frauen in mir zu achten. Denken Sie, was ich Ihnen vorhin schon sagen wollte – er hat mich gefragt, wann ich ihn annehmen könnte. Ich habe ihm geantwortet –« und Pauline erzählte, was sie geantwortet. Madame Hölty war voll Bewunderung. »Das wird ihn getroffen haben,« sagte sie.

Nachmittags theilte sie der Deutschen getreulich den Hergang mit. »Also haben Sie es doch nicht verschweigen können,« sagte die Deutsche lachend. »Daß Herr Pellet übrigens um Erlaubniß zu einem Besuche gebeten hat, ist das Wenigste, was er thun konnte; Madame Picard kann nach ihrem gestrigen Betragen noch froh sein, wenn sie kein Billet von ihm bekommt.« – »Meinen Sie, Madame?« – »Allerdings.«

»Der guten Hölty würde ich in Stelle der Madame Pellet nicht trauen,« bemerkte die Deutsche gegen ihren Mann und den Engländer.

»Was soll sie denn der alten Madame Pellet thun?« fragte der Deutsche.

Lachend antwortete die Deutsche: »Ich verwechsele in einem fort die Namen – die beiden Menschen müssen durchaus noch ein gemeinsames Schicksal haben. Ich wollte sagen, daß Madame Hölty sich trösten würde, wenn ihre liebe Madame Picard sich ein wenig compromittirte.«

»Warum denken Sie so Böses?« fragte der Engländer.

»Welche finden Sie hübscher?« fragte sie zurück. »Madame Picard oder unsere liebenswürdige Wirthin?«

»Das ist wohl kein Zweifel.«

»Welche ist jünger, welche eleganter, welche hat allenfalls die Erlaubniß zu kokettiren?«

»Alles kein Zweifel.«

»Nun, wie können Sie mich da nicht verstehen – wollen? Warten wir's ab – es ist eine völlige Novelle – Nichts fehlt, nicht einmal die heuchlerische Vertraute – Madame Hölty spielt sie mit möglichster Natürlichkeit.«

»Und wie wird das Ende sein?«

»Ueberall wo anders würde es zu einem – komischen oder höchstens dramatischen Ende kommen, hier in Genf besteht das Ende darin, daß es eben kein Ende giebt.«

»In der That?«

»Ja,« sagte die Deutsche anmaßend, »in der Schweiz giebt es keine Romantik.« Sie sagte das mit der vollkommensten Ueberzeugung.

Madame Hölty, die sich nicht träumen ließ, wie gut sie errathen worden, befand sich unterdessen zum zweiten Male vor dem Stacketenzaun am Picardschen Garten.

»Die deutsche Dame sagt, sie würde sich gar nicht wundern, wenn Herr Leon Ihnen noch heute die glühendste Liebeserklärung schriebe.«

»Ach,« antwortete Pauline mit schlecht unterdrücktem Entzücken, »die Deutschen sehen Alles mit poetischen Augen an. Herr Leon denkt nicht daran, mir eine Erklärung zu schreiben – überdies würde ich sie auch ungelesen zurückschicken,« setzte sie, sich auf ihre Würde besinnend, feierlich hinzu.

Der ächten weiblichen Logik nach wartete Pauline den ganzen Abend, sowie den ganzen nächsten Morgen über auf einen glühenden Brief von Leon. Es kam kein Blättchen, wohl aber um Mittag Herr Picard.

Seine Frau gab ihm kaum die Hand. Obgleich Genfer, fand er diesen Empfang doch zu kalt – es gab eine Scene, nur machte dieses Mal Monsieur die Vorwürfe. Pauline fand keine Zeit, darauf stolz zu werden – die kommen sollende Liebeserklärung ging ihr im Kopfe herum. Sie kam immer noch nicht. Dagegen am Dienstag Abend Leon in eigener Person, aber nur, um mit seiner Mutter am Arm vorüber und zu Madame Hölty zu gehen.

Das machte Pauline ungeduldig, regte sie auf. Wollte er die Deutsche wieder singen hören? Pauline hätte sich deßwegen beruhigen können, die Deutsche sang nicht, aber Leons Mutter fand Geschmack an ihrer Unterhaltung, und noch zweimal in dieser Woche sah Pauline den jungen Pariser vorbeigehen, immer fein spießbürgerlich die Mutter führend. Da sie das Warum dieser Besuche nicht wußte, verlor sie sich in den allerfalschesten Vermuthungen. Die gelassene kleine Engländerin sogar blieb nicht frei. Pauline hielt nun einmal Leon für unwiderstehlich und glaubte, beiläufig gesagt, auch nicht an Frauen ohne Koketterie.

Warum machte Pauline denn nicht kurz und gut einen Besuch und sah, wie die Sachen standen? Sie schämte sich ganz im Geheimen vor den beiden Frauen, die sie so naiv für Leons Gattin gehalten. Und warum erkundigte sie sich denn nicht bei Madame Hölty? O, Madame Hölty hatte jetzt so viel zu thun mit Wäsche für ihren Mann, mit Blousen für Georges und Kleidern für Louise! Madame Hölty wußte recht gut, daß Pauline neugierig sein würde, darum hütete sie sich wohlweislich zu kommen.

Der Deutsche machte endlich einen Besuch, um die ihm geliehenen Noten zurückzubringen. Pauline sprach während der Stunde, die sie ihn festhielt, außer von sich, nur von Leon. Der Deutsche half ihr indessen auf keine Spur; er lobte Herrn Pellet als einen sehr angenehmen Mann, wunderte sich, daß er roth gewesen sein sollte, stimmte völlig Paulinens politischen Kraftmeinungen bei, half ihr aber, wie schon gesagt, auch nicht zu dem kleinsten Faden, der sie in dem Labyrinth von Leons völligem Schweigen leiten konnte. Nur das erfuhr sie von ihm, daß seine Frau noch nicht wieder gesungen habe.

Unvermuthet.

Es war ein schöner Morgen, noch ganz früh, Madame Hölty aber schon auf und im Garten. Da hörte sie ihren Hund bellen, Georges »Guten Morgen« sagen, hörte hinter sich einen Tritt, sah sich um und erblickte Herrn Leon.

»Ach, Herr Leon,« sagte sie holdselig und reichte ihm die Hand, »so früh! Was bringen Sie?«

»Ein Geheimniß,« antwortete er mit einem Ausdruck von Behaglichkeit.

»Ein Geheimniß?« wiederholte Madame Hölty. »Ein gutes, hoff' ich?«

»O, das allerbeste.«

Sie setzten sich auf die Bank, Georges wurde zum Hunde geschickt. Madame Hölty war voller Erwartung.

»Ich bin verliebt,« fing Leon ohne alle weitere Einleitung an.

Verliebt – Madame Hölty fühlte eine gewisse Unruhe – wollte er sie zur Vertrauten machen – das ging doch unmöglich an, Herrn Picards wegen.

Leon wiederholte nachdrücklich: »Ja, ich bin verliebt, sehr verliebt, und will heirathen.«

»Was, Sie wollen Madame Picard heirathen?« fuhr Madame Hölty heraus.

»Madame Picard heirathen?« fragte er ihr nach und sah sie groß an. »Was fällt Ihnen ein? Was sollte ich mit Madame Picard? Ein junges Mädchen will ich heirathen, ein bildhübsches junges Mädchen aus Marseille, mit vielem Vermögen, aus sehr guter Familie.«

Man sieht, Madame Hölty hatte den armen Leon verläumdet, indem sie ihn als Rothen schilderte – er war der conservativste Mensch. Auch sah sie ihn ganz verblüfft an und konnte sich gar nicht in das ihr geschenkte Vertrauen finden. Endlich fragte sie: »Und seit wann, wie, wo sind sie denn auf diesen Gedanken gekommen?«

»Seit wann? Im vorigen Winter. Wo? In Paris. Wie? Indem ich mich verliebte und die Partie wünschenswerth fand. Da jedoch mein künftiger Schwiegervater auch von mir ein gewisses Einkommen verlangt, und ich leider beinahe Nichts mehr besitze, so mußte ich meine Mutter zu gewinnen suchen, damit sie Etwas für mich thue. Deßwegen bin ich hergekommen und habe mich so aufgeopfert. Nun, ich bin auch belohnt worden – meine Mutter willigt ein, setzt mir eine hübsche Summe jährlich aus, – wünschen Sie mir Glück, ich bin Bräutigam. Jetzt begleite ich nur noch meine Mutter nach Hause, dann reise ich sogleich nach Frankreich, und in zwei oder drei Monaten hoffe ich, Ihnen meine junge Frau vorstellen zu können.«

Die Freude Madame Hölty's war groß und aufrichtig; Leon war ihr entschiedener Günstling. Plötzlich sah sie sehr erschrocken aus und fragte: »Aber Madame Picard?«

»Nun wohl, Madame Picard?« erwiederte Leon. »Was ist's mit Madame Picard? Ich habe ihr im Vorbeigehen etwas den Hof gemacht, und hoffe, sie wird mir erlauben, ihr ebenfalls meine junge Frau vorstellen zu dürfen.«

Da Leon Madame Hölty ersucht hatte, seine Mittheilung geheim zu halten, konnte es nicht fehlen, daß sie zu Mittag ihre Fremden davon in Kenntniß setzte. Die Deutsche klatschte in die Hände und rief: »Das ist allerliebst – die Novelle endet, wie ich gesagt, ohne Ende.« Dann wurde sie ernsthaft und setzte hinzu: »Auch wenn Herr Pellet liebenswürdiger wäre als er ist, möchte ich ihn doch nicht zum Manne haben. Ein sauberer Bräutigam das!« Die Engländerin war, als man ihr den Verhalt verdollmetscht, ganz derselben Meinung; der Engländer versuchte, den Pariser zu entschuldigen, wurde jedoch überstimmt. Dann kam die Frage zur Sprache: ob und durch wen Madame Picard es erfahren solle. »Sie müssen es ihr sagen, Madame Hölty,« entschied die Deutsche.

»Ich sehe nicht ein, warum, Madame,« erwiederte Madame Hölty, auf einmal zurückhaltend. »Sie scheinen sich wunderbare Gedanken über Madame Picard zu machen; es kann ihr doch völlig einerlei sein, ob Herr Pellet heirathet oder nicht.«

»Ach, Sie sehen es nicht ein? Sie haben vollkommen Recht,« sagte die Deutsche nachlässig, im Innern aber ergriff sie jetzt für die arme Pauline Partei. »Sie soll es erfahren,« dachte sie, »ganz einfach, ohne daß sie dadurch plötzlich überrascht, noch einmal Stoff zu hämischen Betrachtungen liefern soll.« Wie man sonst sagt: ein Mann, ein Wort; so heißt es hier: eine Frau, ein Wille. Die Deutsche fand es plötzlich nöthig, vor ihrer nahen Abreise Paulinen einen Besuch zu machen. Da, neben der hübschen Waadtländerin sitzend, erwähnte sie ganz obenhin, was sie wußte. Die arme Pauline ward roth und blaß – es traf sie unvermuthet. Ihren Anbeter hatte sie in Leon zu sehen geglaubt, und nun war er ein Bräutigam. »O, die Männer waren doch alle gleich schlimm!« seufzte sie innerlich. Die Deutsche sagte lächelnd: »Was meinen Sie, beneiden wir die Braut? Ich muß Ihnen bekennen, nach zehnjähriger Ehe ziehe ich meinen Mann noch tausend Mal dem verbesserten Demokraten, Herrn Leon, vor, und Sie werden wahrscheinlich eben so denken. Er ist, ich weiß nicht warum, das Ideal unserer guten Madame Hölty – nun, der Geschmack ist frei, aber hier, unter uns, nicht gut. Herr Leon riecht immer so grenzenlos nach Taback.« Und sie machte ein Gesicht, als wäre damit ein Mann unwiderruflich verurtheilt.

Pauline lachte bald mit dem größten Aplomb über den Löwen ihrer Träume. Es ist gut, daß man sich so leicht fassen kann, wenn man eben nur kokett gewesen. Als Pauline Madame Hölty sah, sprach sie schelmisch: »Nun, und Herr Leon?« Madame Hölty wollte Nichts wissen. »Aber ich weiß Alles,« sagte lachend Pauline. »Wenn Sie ihn sehen, sagen Sie ihm, jetzt könne er mich besuchen, wann er wolle. Ich möchte gern von seiner Braut hören.«

Leon machte diesen Besuch nicht und hörte auch mit Gleichmuth von Paulinens Gleichgültigkeit. Madame Hölty ärgerte sich darüber; sie hätte Paulinen »gern einmal Etwas gegönnt.« Pauline aber ist seitdem ernster geworden und scheint ihrer guten Freundin keine Gelegenheit mehr zu freundlichen Wünschen geben zu wollen. Leon ist bereits seit zwei Monaten Ehemann, will aber bis jetzt noch nicht nach Genf kommen, weil er es zu demokratisch fand. Wie man sagt, stimmt Leon jetzt für die Legitimisten.