Tagebuch in Schwyz.
Den 9. September 1849.
Wie kommen wir hierher? Vorgestern und gestern waren in Einsiedeln zum Geburtstag der Jungfrau achttausend Pilger, und alle sechszehn Glocken läuteten mit geringer Unterbrechung von früh vier bis acht Uhr Abends. Aus meinem Fenster sah ich unaufhörlich das Hinundwiederströmen, wie ein buntes Schattenspiel, auf dem weiten, farblosen Platze zu unsern Füßen. In schwerer Ermattung kamen die Weithergewanderten, auf dem Rücken ihr armes Gepäck, auf der Stirn Staub, im Herzen wohl Kummer oder Reue, tranken an jeder der Röhren, aus denen der heilige Brunnen strömt, und gingen dann noch erst in die Kirche, bevor sie ein Obdach suchten, das zu finden ihnen oft vieles Bitten kosten sollte. »Mühselige und Beladene« dachte ich immerfort, und mir war's, als legte das ganze Leben erdrückend sich auf meine Brust. Ein finsteres Gewitter stand hinter den Tannenwäldern, starke Donner rollten linkshin in Glarus, das graue ausgedehnte Kloster ward von grellen Lichtern schneidend beleuchtet. In der Nacht glaubt' ich immer, es wolle mit seinen beiden gewaltigen Thurmarmen mich umschließen und zu Tode pressen. Fort wollt' ich, fort, fort, gleichviel wohin. Wir fanden einen Kutscher aus Brunnen und eben als die Procession sich geisterhaft zu entwickeln begann, fuhren wir dem Vierwaldstädter See zu. Mir war's gleich, ich sah Nichts um mich her, ich weinte. Nach dem Mittag in Sattel wurde der steinige Weg für meinen gemarterten Kopf so furchtbar, daß ich in Schwyz zu bleiben begehrte, weil wir eher dorthin kommen sollten, als nach Brunnen. Der Kutscher meinte: es sei schön da, »und do,« setzte er hinzu, »do isch Goldau.« Die Stätte einer Verwüstung und einer solchen – das weckte mich aus meinem Stumpfsinne – ich ließ den Wagen zurückschlagen, da lagen am Lowerzer See die Rigi und der Roßberg und zwischen beiden in der Tiefe die röthlichen Trümmer. Den ganzen Roßberg herab ist noch die Straße dieses Unheils sichtbar – mir gefiel's – es war ein herb Gefallen.
Hier empfing uns Herr Hediger, Wirth des nach ihm getauften Hotels, sehr freundlich. Das Haus war ganz leer, uns willkommen, ihm nicht. Vor acht Tagen hatte er noch einen Gast gehabt – Herrn Fritzsche aus Berlin. Der war schon im vorigen Jahre acht Tage hier gewesen und in diesem »bereits wirklich« auf vierzehn wiedergekommen. Wir wurden Herrn Fritzsche's Erben, d. h. wir bezogen die von ihm verlassenen Zimmer, und können nun von seinem Balkon die vollkommenste, ich möchte sagen klassischste Alpenlandschaft, die wir noch gesehen, überschauen und gleichsam studiren.
Vor uns liegt, durchblinkt von der Muotta, das grüne Thal, von Schwyz bis Brunnen. Rechts in der Tiefe der See, rechts von ihm der Timbel, näher zu uns der Urmiberg, links von uns die schöne Frohnalp, gegenüber jenseits der Urner Rothstock und das Buochshorn in Unterwalden. Es ist eine warme gesättigte Vollendung in diesem Gemälde, eine künstlerische Abrundung, eine unübertreffliche Verschmelzung des idyllischen Vorgrundes mit dem großen, reichen Hintergrunde und der prachtvollen Einrahmung. Die Ueberleuchtung erinnert uns an das Innthal – derselbe reine, sonnige Glanz, nur dort krystallener, hier schwingender.
Den 10. September.
Der Flügel im Salon neben unserm Balkonzimmer steht einen ganzen Ton zu tief. Ich begehre nach dem Organisten. Um acht Uhr werden wir heute durch Spielen geweckt. Otto geht hin, findet einen jungen Menschen, der sich als halber Stimmer gehabt, schickt ihn fort, bis ich aufgestanden. Nach der hiesigen Mittagsstunde von halb zwölf kommt der kleine schönfrisirte Mensch wieder. Ich empfange ihn als Organisten, aber er ist es nicht, er ist »nur so für sich.« Der Sohn des hiesigen Schmiedebesitzers. Ein Elegant von Schwyz, Musiker, – wird bei der nächsten Kirchweihe den Richard in der Schweizerfamilie singen. Ich kenne doch wohl die Oper? Eine Jungfer aus Gersau singt die Emmeline. Sie hat »wirklich« neulich in einem Concert auf dem Rathhause die Arie: »Wer hörte« mit allgemeiner Zufriedenheit gesungen. Richard sagt natürlich »gesunga«. Der Pater Placidus, vertriebener Conventuale aus Wettingen bei Baden, lehrt hier den Gesang und läßt seine Schüler die Oper einstudiren, die erste Oper, an welche die hiesige Liebhabergesellschaft geht. Das Orchester will noch nicht recht schnell streichen und blasen, eine große Probe ist noch nicht gewesen, die Mitspielenden können noch nicht ihre Nummern alle, die Gertrud hat eine etwas schwache Stimme, aber das thut Alles Nichts – die Oper wird gehen. Dramen sind schon mehrere aufgeführt worden, und Richard kann sagen: »bereits wirklich zum Vergnügen des Publikums«. Nun, wenigstens doch Sinn für etwas Anderes als Milch und Käse. Im Hause sogar ein Lesecabinet mit deutschen, italienischen und französischen Blättern, eingerichtet vom Redacteur der hiesigen neuen Zeitung, einem Flüchtling aus dem Aargau. Die damals im Aargau für den Sonderbund gekämpft, sind jetzt noch proscribirt – die Badener, welche ihre Fahne verlassen haben, sollen von ihrem Fürsten mit der bereitwilligsten Artigkeit aufgenommen werden, verlangen die freien, d. h. die radikalen Schweizer. Bei Bürgerkriegen in einer Republik hat jeder Einzelne die vollkommene Berechtigung, zu ergreifen, welche Partei er wolle – sollte man meinen. Behüte, die freien Schweizer meinen es anders. Der Sonderbund war ein Aufruhr gegen die jetzige Regierung – welche noch nicht eingesetzt war. Die Fürsten, welche sich etwa noch erhalten haben, sind Rebellen gegen die künftige allgemeine Republik. Also sei es, da der Unverstand es so haben will. Otto hat mit dem Redacteur gesprochen. Der junge Mann prophezeit einen Ausbruch nicht mehr gar zu fern, und zwar einen blutigen. Ich glaube ihm, ich habe schon im vorigen Winter im Waadtlande und diesen Frühling in Genf mehr denn zehnmal zu Schweizern gesagt: »Gebt Acht, nach oder vor der Heimkehr von der Alp giebt's ganz unversehens wieder bei Euch einen kleinen Familienkrieg, eine allerliebste, niedliche Contrerevolution.« So wird's auch kommen – im Sommer nicht, im Winter eben so wenig: im Winter ist's gefährlich in den Pässen und zu kalt obenein, im Sommer muß gealpt, geerntet, gekeltert werden, und die Schweizer sind viel zu praktisch und zu vernünftig, um einer Revolution wegen ihre Geschäfte ungethan zu lassen. Aber im Frühling oder im Herbst, im Herbst besonders, wenn Vieh und Ernte unter Dach und Fach sind, dann erlaubt man sich wohl von beiden Seiten das Vergnügen wieder einmal an einander zu stoßen, und dann – so gelassen, überlegt und gutmüthig im Allgemeinen die Schweizer sind, zum Todfeind möchte ich keinen haben. Sie besitzen, glaube ich, im höchsten Grade die allen phlegmatischen Organisationen inwohnende Fähigkeit zur Rache.
Der Redacteur wohnt im Hause, neben seinem Zeitungscabinet. Vor acht Tagen hat auch »bereits wirklich« noch ein alter Sprachlehrer hier gewohnt, »ein melancholischer Pedant«, der Englisch, Französisch und Italienisch gelehrt. Otto sagte: »Da wohnt ja Alles hier im Hause.« Richard antwortete mit schweizerischer Gründlichkeit: »O nein, eben nicht Alles.« Der Flügel steht noch, wie er stand.
Den 11. September.
Herbstwind und Wolkenschatten ziehen über die Gegend, die ich noch gleich bildschön finde. Aus lauter großen Verhältnissen ergiebt sich hier die anmuthigste Umgebung. Der Mythen hinter uns hat an sechstausend Fuß – wir blicken an ihm hinauf wie an einer mäßigen Felsenwand, deren Farben deutlich erscheinen. Die Gletscher in Uri sind zehntausend Fuß hoch – wir sehen den Schnee auf ihnen so nahe liegen, als dürften wir, um eine Schale voll zu nehmen, eben nur hinüber. Der See scheint ein hübsches, kleines Gewässer und ein Dampfschiff auf ihm nicht viel größer, als das Kähnchen mit der eidgenössischen Fahne, welches wir in Baden für Marco kauften.
Nachmittag.
Der Wind ist der Föhn. Er kommt über die Lawinenspur auf der Frohnalp, schiebt die Alpen zusammen und färbt sie mit weicher, funkelnder Dunkelheit. Der Schnee leuchtet heller zwischen den jetzt dunkelblauen Zacken, und der See ist Lichtkräuseln.
Den 12. September.
Ungeduld und Ueberdruß ergreifen mich bisweilen mit den wildesten Krämpfen. Ich schreie dann, es sei, weil ich so lange keine wirkliche Schönheit gesehen. Das Hängen über allen Abgründen von Möglichkeiten mag's denn mit sein, vielleicht hauptsächlich, aber gewiß thut auch viel, daß ich seit Italien keinen Himmel, kein Meer, keine Rosen und kaum zwei oder drei schöne Gesichter gesehen habe, daß ich in der Prosa gelebt, wie in einem zu niedrigen Raum, daß – o Süden und Schönheit!
Als ich in Sterzingen wieder die erste Krautpflanzung sah – drei Jahre sind's nun. Was hab' ich seitdem für Krautpflanzungen vor mir gehabt! Damals weinte ich wie unsinnig über den heimathlichen Anblick, und die Wirthin fragte, neugierig wie nur Tyrolerinnen es sein können: »Warum weint denn die Frau so?« – »Weil sie aus Italien zurück soll,« antwortete Otto. »Fahren's doch wieder 'nein,« war ihr naiver Vorschlag. »Ja, fahren's doch wieder 'nein in das Land der Malerei, oder – in den Himmel.«
Ein Haus wird gebaut – nicht für uns! Und warum wird's denn hier in Schwyz gebaut? Wohnt man denn noch in Schwyz? Mir kommt das Städtchen trotz der aufzuführenden Oper und der neuen Zeitung so überflüssig im jetzigen Jahrhundert vor. Wie eingenickt sitzt es da am Fuße des Mythens und sieht ganz aus, als würd' es im nächsten Augenblick völlig einschlafen. Schlaf' ein, altes Schwyz, schlaf' ein – ich will dir ein Wiegenlied singen.
Abends.
Der Abbé Gregorio fragte, als er uns von dem Irren auf Lazzaro erzählt: »Ist er toll, oder sind wir's?« So frag' ich: »Ist die Schweiz prosaisch, oder sind wir's?« Wir bewundern Alles, es gefällt uns Alles und läßt uns Alles kalt. Macht die Sorge das Herz so kühl, wie sie die Stirn heiß macht?
Der Staub des Lebens ist sichtbar in der Schweiz. Man sieht es recht, wenn zwischen Schweizern ein Tyroler einherschreitet. Otto sagt: die Schweizer schleppten sich, als drückte ihre Freiheit sie – der Tyroler ginge, als fühlte er unter dem freiwillig anerkannten Herrn sich wahrhaft unabhängig. In einem Wort es auszudrücken – die Tyroler sind ein poetisches, die Schweizer ein prosaisches Alpenvolk.
Wir saßen heute lange auf einem Steinzaun, gegenüber dem Mythen, um dessen rothe Spitze schleierne Wölkchen webten, und wieder wunderten wir uns, daß er mit seinen dreitausend Fuß über unserm Steinzaune nicht schauerlicher aussähe. Wonach wir Alle ringen, Ueberlegenheit, ist eigentlich nur die Bequemlichkeit, die Welt von unserm Standpunkte aus so verkleinert zu sehen, wie in solcher Höhe die Alpen. Die eigenthümliche, gleichsam körperliche Stille der Luft, welche wir im Berner Oberlande gefühlt, berührte uns heute abermals. Ein Junge jodelte; die Echo's schrieen es ihm aus tausend Kehlen nach. Das Jodeln klingt unnatürlich, es ist das letzte Mittel, worauf die Langeweile in diesen Gegenden gekommen; sie erzwingt dadurch wenigstens eine eingebildete Belebung. Ein Mädchen that es auch; wir sahen uns mehrere Male um, ob wir uns auch nicht in dem Geschlecht der Stimme täuschten, so bubenhaft klang sie.
Den 13. September.
Der See tobt regenbogenglühend im letzten Sonnenscheine, der wie durch Schleier schräg darauf fällt. Wir sehen es von hier, wie die Wellen anschlagen, als wollten sie empor auf die brennenden Matten in Uri.
Ein Veilchen von der Steinmauer eines Landhauses gab uns heute Frühlingsduft im Herbste. Es hat hier Landhäuser, aber sie nehmen sich auch eben nicht anders aus, als wie kühle, gesicherte, angenehme Schlafwohnungen.
Wer einen schwachen Magen hat, komme geschwind her in die schönste Alpenlandschaft und in das schläfrigste Städtchen. Drei Apotheken sind hier und nicht ein einziger Zuckerbäcker, und selbst das einfache Weißbrod ist immer: vom Tage vorher. Es ist hier ein Eden ohne Versuchung.
Den 14. September.
Heute ist in Einsiedeln große Abendprocession mit glänzender Erleuchtung des Klosters. Wir wollten hin und in der Nacht zurück, aber ich bin noch zu matt.
Ein Blinder aus Stuttgart hat eben den Flügel glücklich auf den Kammerton gebracht, was dem guten Instrument seit dem Tage seiner Existenz noch nicht begegnet sein soll.
Hellblauer Himmel, hellblauer See, sonniggrüner Vorgrund, dunkelblaue Alpen, große, weiße Wolken darauf.
Alte Zeitungen studiren wir durch. Sehen, wie's heillos gewesen in der Welt diesen Sommer. Sind dadurch bedrückt noch außer unserm eigenen Kummer. Deutschland, – werde nur Deutschland eins mit Preußen, Preußen durch Deutschland groß, mächtig und prächtig! Mir füllt's manchmal die Brust: Preußens deutsche Größe sei das Räthselwort dieser zwei Jahre.
In drei Monaten hunderttausend Einwanderer in den Vereinigten Staaten. Was für unreine Elemente in den Gährungsproceß, der sich dort allmählich vorbereitet!
Unser Herr Hediger möchte auch hin. Der Kulmwirth vom Rigi ist ebenfalls europamüde. Sind die Schweizerwirthe närrisch?
Nestroy schreibt noch Possen. Das heißt auch Charakter.
Gegenüber liegt die Rütli, wo die drei Schweizer gegen Oesterreich schworen. Ich möchte hier auch ein antiösterreichisch Gelübde thun, wenn – ein Gelübde von mir Etwas hülfe.
An die Welt thue ich jetzt täglich die Frage: Was wirst du einst für meinen Knaben sein?
Sieben Uhr.
Wir gingen träumend durch den Herbstabend im Schwyzerländchen. Es ist voll von Sägemühlen und Kapellen. Eine von diesen besuchten wir; die Weihkessel waren fast leer; inwendig über der Thür stand zu lesen:
| Heiliger Antony, bitte für uns Alle, |
| Daß uns und unser Vieh kein Schaden befalle. |
Unter Nußbäumen kamen wir nach Uetenbach und an die Muotta, dann zurück am Bächlein, wo Vergißmeinnicht blühten. Das Bächlein murmelte, die Mühlen klapperten, die Kapellen läuteten, die Nebel webten um den Mythen und allenthalben, – ganz betäubt langte ich wieder in unserm Balkonzimmer an und wunderte der grünen und weißen Dämmerung gegenüber mich immerfort, wie ich eigentlich nach Schwyz gekommen sei.
Da bringen Aloys und Franzl den Thee. Es sind die beiden Knaben des Hauses, Franzl ist im Elsaß gewesen und antwortet mir sehr schön mit »oui, monsieur«; Aloys soll nach Italien, um zu einem Herrn »si, signora« sagen zu lernen – ich kann einen nie vom andern unterscheiden.
Den 16. September.
Und so verlassen wir Schwyz. Das ist unser langes Bleiben, unser schönes Stillsitzen, mein Schreiben auf dem alten braunen Tisch, wo es sich so gut geschrieben hätte. Der Blinde giebt morgen ein Concert; der Flügel wurde gestern Abend zu meinem größten Schrecken hinuntergeschafft, dann von acht bis ein Uhr gespielt und geraucht. Aller Rauch stieg vermittelst eines Wandschrankes als kühler Geruch in unsere Schlafstube hinauf; heute, morgen wird's dasselbe sein, denn die Schwyzer sind um Schweizer, den Blinden, her, wie Fliegen um eine Honigwabe. Außerdem versammelt sich morgen auf acht Tage der Cantonrath, und fast alle Räthe wohnen im Hause – wir fliehen. So oft wir fein bürgerliche Niederlassungsgedanken fassen, geht's so – wir sollen zur Nachkur reisen. Nun gut, man wird reisen. Wohin? Wenn wir angekommen sind, werd' ich's aufschreiben. Die Schwyzer Gesellschaft sahen wir gestern noch bei der Probe zum Concert – die hiesigen Sänger werden den Blinden unterstützen. Pater Placidus ließ singen oder vielmehr brüllen: »Morgen marschiren wir«, und wettete mit Richard um einen Schoppen, daß er heute nicht predigen werde. Der Tenor nahm die Pfeife aus dem Munde und setzte das Glas Wein weg, um dünn und feierlich zu singen: »Laura betet, Engelharfen hallen«. Richard versprach mir einmal Abends: »'s Herz ist ein spaßig Ding« als eine prächtige Arie hören zu lassen. Das maurische Ständchen, welches der Blinde auf unser Verlangen in wunderbar freier Weise vortrug, wurde stürmisch beklatscht; wahrscheinlich hielt man es für etwas »Apartes«, weil wir's begehrt hatten. Richard fragte: »Haben Sie dieses Lied bereits wirklich bei sich?«
Die Gesellschaft war, wie man sieht, vollkommen was die Engländer quaint nennen, dennoch gefiel sie mir gut – die Schwyzer sind schmucke Leute, wie wir Schlesier sagen. Sie rauchen ein Bischen viel Taback – nun, man muß eben im Sommer herkommen, wenn man die Fenster offen haben kann. Ich scheide also mit guter Gesinnung von Schwyz – es ist uns schon viel schlechter gegangen als hier, und man ist gar freundlich gegen uns gewesen. Den sechs Kindern hinterlasse ich die Krapfen, welche die guten Nonnen in Kloster Fahr den Descendenten der alten Regensberge verehrt haben. Die Gegend ruht im Sonnenglanz, wie da wir sie zum ersten Male sahen.
Im Mätteli.
Baden am Stein ist nicht nur einer der hübschesten Badeorte, sondern einer der hübschesten Orte überhaupt, die es geben kann. Ganz Grün und Freundlichkeit, und Spaziergänge nach allen Seiten. Da ist der langgestreckte Lägern, auf welchem noch die Burg unsers Stammes steht, da der Uetliberg, der nach Zürich zu geht, der Kreuzli- und der Martinsberg, beide lieblich waldig, der Schloßberg mit der schönen Ruine des Steins, die ein klein wenig an Heidelberg erinnert, zwischen ihr und dem Martinsberg der duftige Oestliwald, auf dem rechten Limmathufer in den malerischen Gehölzen die aufrechte Fluh und die goldene Wand, Felsengruppen zum Malen, auf dem linken der Weg an den Sonnenreben oben, der Platanengang unten, und das Alles ist voll Schatten, einladend einsam, aber immer erfreuend durch den Blick in das unbeschreiblich reizende Thal.
Von allen den grünen und frischen Orten ist jedoch der grünste und frischeste das Mätteli, dieses liebliche Buchengehölz, welches die Senkung des Limmath-Ufers vom Martinsberge bis zum Hinterhofe bedeckt. Zwei Wege führen hindurch, der eine höher auf die Straße nach Bruck, der zweite zu mehreren Schattenplätzen dicht an dem grünbräunlichen, schillernden, schäumenden und rauschenden Strome. Auf diesem Wege kauerte ich eines schönen Nachmittags, um einer jener langen braunen Schnecken, welche kein Haus, nur einen Panzer haben, mit einem trockenen Stöckchen den Rücken zu krauen. Es gehörte das zu meinen Vergnügungen im Mätteli. Der Schnecke aber wollte es nicht gefallen – sie zog sich verdrießlich zusammen. Als ich sie aus ihrer Trägheit zu diesem Kundgeben von Mißbehagen gebracht, sah ich sie mir selbstzufrieden durch die Lorgnette an. In diesem Augenblicke ging ein Mann mit einer Frau am Arm an mir vorüber, der Mann groß, die Frau schlank, Beide in Trauer. Die Frau sah im Vorüberstreifen verwundert auf meine Stellung und meine Beschäftigung herab; ich mochte mich sonderbar genug ausnehmen.
Am nächsten Tage kamen wir gegen Abend an das letzte der Schattenplätzchen, welches unser gewöhnlicher Sitz, uns besonders lieb war. Eine kleine Bucht mit Kiesgrund und Bucheneinschattung, gegenüber unter der aufrechten Fluh das Dörfchen Rieden, weiter rechts über den Winterbergen die goldene Wand – man konnte gern hier sitzen und der Limmath zusehen und zuhören. Aber heute war die Bank nicht frei – eine Frau in Trauer saß da und strickte. Getäuscht und ziemlich übellaunig hockten wir auf den Kiesboden nieder und fingen an, Steine entzweizuschlagen, was ebenfalls zu meinen Vergnügungen im Mätteli gehörte. Die Frau beobachtete uns eine Weile; dann kam sie zu uns und sagte: »Vous paraissez aimer beaucoup l'histoire naturelle, Madame?«
Einen zerklopften Quarzkiesel in den Händen, antwortete ich ihr von der Erde auf, daß ich leider ganz Unwissenheit sei und lediglich aus Neugier so mit den Steinen handthiere. Sie blieb bei uns stehen, bis ich genug hatte, dann setzten wir uns zusammen auf die Bank, und ich erklärte ihr, um mich wieder etwas zu Ehren zu bringen, wie bisher die Literatur mein ausschließliches Studium gewesen, wie ich die Naturwissenschaften später zu studiren gedenke, und was dergleichen mehr war.
Eben sprach ich sehr kenntnißreich und weise über Bandello und das sechszehnte Jahrhundert in Italien, da kam hinter den Buchen am Ufer ein langer Mann hervor, und die Frau fragte: »Jaques, hast Du Etwas gefangen?« Der Mann steckte eine Angelruthe in einen Spazierstock zurück und antwortete mürrisch genug mit Nein. Die Frau packte ihr Strickzeug ein, nahm den Arm des Mannes, sagte uns Adieu und ließ uns im ungestörten Besitz der Bank.
Am andern Nachmittag fanden wir sie indessen wieder. Jaques fischte abermals und fing wieder Nichts. Wir unterhielten uns dieses Mal von Reisen – die Frau war in Italien gewesen.
Den dritten Tag war die Bank unbesetzt. »Wo ist denn Madame Jaques?« fragten wir uns – so schnell gewöhnt man sich daran, eine Person an einem Orte zu sehen. Wir saßen jedoch nicht lange, so kamen Jaques und seine Frau auf einem der kanotähnlichen Kähne an, mit welchen allein die Limmath befahren werden kann. Jaques hatte heute glücklich eine Forelle gefangen, nur war ihm das abscheuliche Thier wieder durchgegangen, indem es den Haken entzweigebissen hatte. Heute plauderten wir zu Vier und zwar abermals von Reisen – Jaques war in Constantinopel gewesen.
Von nun an trafen wir mit Monsieur und Madame Jaques fast täglich im Mätteli zusammen, d. h. Monsieur kam immer erst dazu, wenn er seine Forelle gefangen und sie den Haken durchgebissen hatte. Sobald sie einmal im Haken bleiben würde, sollte ich sie erhalten – sie hat's aber nicht gethan, und ich habe sie nicht gesehen.
Eines Tages hatte ich das grüne Buch mit, in welchem ich Alles bemerke, was ich sehe, höre, denke, beabsichtige. Madame Jaques wollte es durchaus sehen, ich sagte ihr, sie solle etwas Besseres von mir lesen, und schickte ihr meine kleine Novelle »Hedwig« mit einem Gruß de l'auteur à madame Jaques.
Sie schrieb mir als die Frau des Fischers Jaques einen allerliebsten Brief, worin sie mir sagte, in mir sei Alles Originalität, das habe sie gleich gewußt, als sie mich zum ersten Male vor einer Schnecke kauern gesehen. Eine jener Frauen von feiner Erregbarkeit, die sich leicht enthusiasmiren, war ich von nun an ein Gegenstand für ihre Phantasie, und sie mochte öfter von mir geredet haben, denn unser Doctor wußte auf einmal, daß ich Bücher schriebe. Und wie denn einem Schriftsteller immer gern Geschichten erzählt werden, so erzählte mir auch der Doctor eine, die er selbst erlebt, und zwar in Baden, wo wir eben waren.
Diese ist es, welche auf den folgenden Blättern nachzuerzählen ich versuchen will.
Mys lieb Beat.
Es mögen ungefähr zehn Jahre sein, daß ein junger Mann, Beat Bodenwieler, gebürtig aus Einsiedeln, sich in Zürich als geschickter Portraiteur in Alabaster bemerklich machte. Eigentlich war er Bildhauer, hatte, ohne bedeutend zu sein, seine Kunst in Tyrol gut genug gelernt, fand jedoch in der Schweiz wenig Aufmunterung und fast gar keine Beschäftigung. Eine Brustbüste Pestalozzi's erhielt Beifall, Bestellungen jedoch wollten nicht kommen. Beat war arm; der Oheim, welcher ihn erzogen, konnte ihn nicht länger ernähren, auch wünschte Beat unabhängig zu sein. Der natürlichste Wunsch bei jedem nur leidlich tüchtigen Menschen. Da man keiner Statuen begehrte, kam Beat auf die Portraits in Alabaster. Er war glücklich im Treffen, gewandt im Schneiden; die Arbeit fing an, sich zu finden. Ein Freund seines Oheims, wie dieser, Arzt, interessirte sich warm für Beat, und der junge Mensch würde in Zürich noch weit mehr Glück gemacht haben, hätte er sich nicht den Liberalen angeschlossen. Dadurch verscherzte er sich die aristokratischen, folglich reicheren Häuser. Er gewann jedoch für den Augenblick genug, und übermüthig wie die Jugend es ist, glaubte er nie mehr zu bedürfen und deshalb ganz seinen Gesinnungen gemäß leben zu können.
Baden am Stein war damals vielleicht noch besuchter als jetzt. Beat hoffte mit Recht, unter den Badegästen würden sich Einige und sogar mehr als Einige recht gern portraitiren lassen. Er schlug also eine kleine Werkstatt für den Sommer dort auf, Vagabond unter den Vagabonden. Seine Hoffnung wurde gerechtfertigt – er bekam eine Menge Portraits und sehr hübsche Summen Geldes.
In seiner besten Stimmung über diesen prächtigen Erfolg wurde er eines Tages zu einer alten Dame eingeladen, welcher er auf seine Art in Alabaster so geschmeichelt hatte, wie der Maler es darf. Die alte Dame war reich, eitel und liebte es, die Gönnerin zu spielen. Beat ließ sich mit der größten Unterwürfigkeit beschützen und kam so oft zu Tische, wie die alte Dame nur befahl. Auch an diesem Tage erschien er, geputzt und von gehorsamer Liebenswürdigkeit. Die alte Dame lud immer einige Frauen zu ihrem Günstling ein, und Beat mochte Frauen gern gefallen. Als er in das Zimmer trat, sah er zwei junge Mädchen, welche ihm noch fremd waren. Die alte Dame nannte ihm in der Einen ihre Enkelin, in der Andern ein Fräulein Marguerite von Gontran aus Freiburg. Beide waren Kostgängerinnen im Kloster Fahr, zwischen Baden und Zürich. Sophie, die Enkelin der alten Madame Linder, hatte die Erlaubniß die Großmutter zu besuchen auch für Marguerite auszuwirken gewußt, welche, erst seit kurzer Zeit im Kloster, sich fremd genug fühlte und einer Zerstreuung um so mehr bedurfte, da ihr elterliches Haus ein vermögliches und geselliges gewesen war. Weshalb man sie aus demselben nach vollendeter Erziehung neuerdings in ein Kloster gebracht? Wie es hieß, damit sie deutsch lernen solle, eigentlich aber, um sie vom Hause zu entwöhnen und allmählich an das Klosterleben zu gewöhnen. Sie hatte einen Bruder; der wünschte das Vermögen einst nicht mit der Schwester theilen zu müssen. Die Eltern wünschten dasselbe: je reicher der Repräsentant der alten Familie, je mehr Glanz für diese. Marguerite wußte nicht um diesen Plan; sie war ungern nach Fahr gekommen, fühlte sich unheimlich, besonders da sie bei ihrer Unkenntniß der Sprache um Vieles einsamer war, als die übrigen Kostgängerinnen; aber die Besorgniß, es solle für immer sein, quälte sie wenigstens nicht. »Wenn ich Deutsch können werde, darf ich wieder nach Hause,« das war ihr Gedanke und ihr Trost. Um diesen glücklichen Zeitpunkt recht bald heranzubringen, lernte sie mit grenzenlosem Eifer deutsch, leider aber fehlte ihr alles Talent, und sie beweinte oft mit heißen Thränen ihre langsamen und geringen Fortschritte. Je länger sie am Deutschen lernte, je länger mußte sie in Fahr bleiben.
Ihre Gefährtinnen hielten sich gewöhnlich in einer gewissen Entfernung von ihr – sie wollten nicht durch ihre größere Schönheit verdunkelt werden. Marguerite war wirklich auffallend schön, üppig und lieblich zugleich, mit einem glänzenden Köpfchen und naiven, schwärmerischen Augen, mit langem, dunklem Haar, welches abzuschneiden eine wahre Sünde gewesen wäre. Dieser Besitz von Anmuth hätte vielleicht ein anderes Mädchen über die Sprödigkeit getröstet, welche sie von den neidischen Schwestern erfuhr, aber Marguerite war noch zu frisch, zu gut, zu unverdorben, sie wollte geliebt und nicht beneidet werden, und trauerte oft, wenn sie sich so schön und so gemieden sah. Sophie allein hatte sich ihr angeschlossen, vielleicht aus Widerspruchsgeist, vielleicht aus Sorglosigkeit, vielleicht auch aus Gutmüthigkeit, genug, man sah überall ihr blühendes, aber unbedeutendes Gesichtchen neben dem poetischen Kopfe Margueritens. Diese war so voller Dankbarkeit für die Gemeinschaft, welche Sophie mit ihr hielt, daß sie für Sophie Alles gethan und geopfert hätte, was in ihren Kräften lag. Sophie faßte zum Glück die Freundschaft nicht von der heroischen Seite auf; sie wollte, Marguerite sollte mit ihr lachen und französisch plaudern. Marguerite lachte und plauderte so gern, daß sie immer wieder vergaß, wie sie ja Deutsch zu lernen habe. Fiel ihr das ein, so weinte sie ihre kindischen Thränen, machte Sophien bewegliche Vorstellungen und beschwor sie, ihr behülflich zu sein. Sophie versprach es feierlich, wollte es ehrlich, und Alles zwischen den beiden jungen, guten und thörichten Geschöpfen blieb, wie es war.
Auf die Fahrt nach Baden, auf das Mittagsessen bei der Großmutter hatten die Kinder sich schon wochenlang gefreut. Nun sollte, wie Madame Linder ihnen wichtig ankündigte, sogar ein junger Mann kommen, ein Schützling der Mama, ein Künstler, etwas »Extraordinaires«, ein Genie. Wie waren sie neugierig, als Beat eintrat! Der junge Bildhauer war nicht schön, doch konnte er wohl gefallen, besonders jungen Mädchen, die noch kaum einen Begriff von jungen Männern hatten, denn Sophie sowohl, wie Marguerite waren im Kloster groß geworden, immer nur in Frauengesellschaft gekommen, selbst Marguerite bei ihren Eltern. So war Beat denn für sie eine Erscheinung. Seine mittelgroße Gestalt dünkte ihnen herrlich, selbst die etwas geneigte Haltung gefiel ihnen. Er sähe so angenehm schwermüthig aus, meinten sie in ihren ungeprüften Herzen, die noch kein Wort aus dem großen Wörterbuche des Leidens verstanden, denn was war Margueritens Gram? Die flüchtige Trübung eines Frühlingstages. Schwermuth klang den Kindern wie Nachtigallgesang und Mondschein, gedämpft und süß. Beat mußte schwermüthig aussehen; wär' es nicht gewesen, hätte ihm in den Augen der lieben Thörinnen Etwas gefehlt. Aber jetzt war er vollkommen. Seine hohe Stirn, seine gerade, strenge Nase, sein glattes, langes, schwarzes Haar, seine etwas geschlitzten dunklen Augen, Alles entzückte sie, ja, selbst seine etwas spitze Kopfbildung, wie man beobachtet hat, charakteristisch an den Eingebornen seiner Gegend, selbst die sollte vornehm und fein sein. Das flüsterten die Mädchen sich Alles ernstlich und wichtig zu, während Beat sich mit seiner ehrwürdigen Gönnerin und einer ernsten jungen Frau unterhielt, welche die Gattin des Arztes zu Mellingen und dem jungen Künstler, wenn auch nicht immer billigend, doch warm und redlich geneigt war.
Während der junge Mann so der Gegenstand des heimlichen mädchenhaften Beobachtens war, stahl auch sein Blick sich fort von den Frauen, mit denen er redete. Marguerite hatte ihn geblendet. Noch nie hatte er eine lebendige Schönheit so vollendet gesehen. Sie zog den Künstler unwiderstehlich an, sie reizte den Jüngling mit einer neuen heftigen Sehnsucht. Er hätte sie zugleich als Modell und als Geliebte rauben mögen. Madame Linder gewahrte den Eindruck, welchen die schöne Freiburgerin machte, mit Wohlgefallen. Die alte Dame gehörte zu den Hausherrinnen, welche in jedem Gast etwas Auserlesenes einladen wollen. Wie sie vorher die Mädchen auf Beat neugierig gemacht, so rühmte sie jetzt das Fräulein von Gontran als reiches, schönes, vornehmes Mädchen, als das vergötterte Kind anbetender Eltern, als die glänzendste Partie für den Mann, der so glücklich sei, ihre Neigung zu gewinnen. Es hätte nicht so vieler Worte bedurft, wie sie verschwendete, um den ehrgeizigen Beat zu dem brennenden Wunsch zu stacheln, der Glückliche zu werden, welchen sie schon im Voraus pries. Der Schwiegersohn einer begüterten, einflußreichen Familie – welche Zukunft für sein Talent, welcher Horizont von Ruhm und Ehre! Wie an das Gestirn, welches diesen Himmel erleuchten sollte, hefteten des doppelt begehrlichen Künstlers Augen sich an Marguerite. Sie war ganz Natur und Unschuld: ergriffen, verwirrt, selig senkte sie ihre Augen, um nicht zu sehen, wie sie angesehen werde. Sich zu sträuben gegen die neue Wonne, den dreisten jungen Mann auch nur durch scheinbaren Ernst in Schranken zu halten, fiel dem wahrhaften Wesen nicht ein; sie kannte noch keine künstlichen Pflichten. Madame Linder schmunzelte und seufzte in Erinnerung ihrer Jugend, Sophie neckte Marguerite mit Ausgelassenheit, nur die Frau des Arztes sah ernsthaft darein; ihr mißfiel diese Liebelei, obwohl sie weit entfernt war, ihr eine tiefere Bedeutung beizumessen. Eigenthümlich genug war es, daß der Austausch dieses plötzlich entsprudelten Gefühls ganz allein durch Blicke vor sich ging, denn wie Marguerite nicht Deutsch, konnte Beat nicht Französisch. Es erregte diese gegenseitige Unbeholfenheit die Laune der alten Dame und die laute Fröhlichkeit Sophiens. Sie bemühten sich Beide, die Hülflosen durch Dolmetschen in ein Gespräch zu bringen. Es ging nicht; Marguerite war zu verschämt und Beat zu verliebt; er zog es vor, sie nur anzusehen, und sie sprach durch Erröthen und Lächeln wahrlich lieblicher, als durch den etwas großen Mund Sophiens. Als es gegen Abend kam, mußten die jungen Mädchen nach dem Kloster zurückfahren. Freundlich, wenn auch etwas pomphaft und umständlich lud Madame Linder Marguerite ein, ihren Besuch zu wiederholen. Marguerite sah Beat an und versprach, eine helle Freude auf dem schönen Gesichte. Der junge Mann half den Mädchen in den Wagen und drückte dabei Margueriten lebhaft die Hand. Unschuldig erwiederte sie den Druck; ein Bund zwischen ihnen war so gleichsam schon geschlossen.
In das Zimmer zurückgekehrt, ergoß Beat sich in feurigen Lobpreisungen Margueritens und erklärte, daß er ganz und gar verliebt sei. Die alte Dame lachte auch jetzt und ermunterte ihren Günstling zum Beharren und Heirathen, Madame Sinnich aber, so hieß die Frau des Arztes, äußerte sich noch mißvergnügter als vorher. Bodenwieler würde sich da Etwas in den Kopf setzen, was doch immer eine Einbildung bleiben müsse, meinte sie; Madame Linder sollte ihn lieber wegen seines Uebermuthes schmälen, als ihn darin bestärken! Beat, welcher vor der strengen, praktischen Frau eine Art Respect hatte, suchte sie zu beschwichtigen und das Ganze als einen Scherz darzustellen. »Ich will's um Ihretwillen wünschen,« sagte sie, nicht vollkommen überzeugt. Am Abend bei ihrer Zurückkunft erzählte sie ihrem Manne davon. Der nahm es leichter und lachte über die Schilderung, welche sie ihm von Beat's Gehaben machte. »Es ließe sich ein Lied darauf dichten,« sprach er. »Du denkst immer nur an Verse,« sagte die Frau unzufrieden. Der Doctor malte sehr gut Landschaften und dichtete allerliebst im Dialekt; die Frau mochte das nicht, hatte vielleicht auch aus dem Grunde Beat nicht besonders gern, nämlich im Hause, sonst gönnte sie ihm alles Gute.
Beat lief unterdessen in seinen Freistunden wie toll in den schönen Umgebungen von Baden umher. Er war wirklich verliebt, aber freilich nur halb in Marguerite, halb in das reiche Mädchen.
Marguerite dagegen liebte ihn von der ersten Stunde an und liebte nur ihn. Sophie, die heute zum ersten Male etwas eifersüchtig auf Marguerite geworden war, legte umsonst Nachdruck auf seine Armuth, wie er ein aus Barmherzigkeit erzogenes Waisenkind sei, und so fort. Marguerite erwiederte: »Die Waisenkinder sind des lieben Gottes Kinder.« Sie betete am Abend für den armen Beat, der keinen Vater und keine Mutter habe. Es war kein Gebet für eine zukünftige Nonne, aber gewiß eines für den Himmel der Liebe. Marguerite glaubte Reichthum und eine Familie zu besitzen und sehnte sich mit ungeduldiger Zärtlichkeit, dem bedürftigen Beat zu geben, was ihm mangele. »Wann,« dachte sie, »wann werde ich ihn wiedersehen, um ihm zeigen zu können, daß ich ihn liebe?«
Diese Gelegenheit hatte sie bald. Kloster Fahr liegt ganz vereinzelt, nur ein Gasthaus theilt mit ihm die Einsamkeit an der Limmath. Da dieses Haus ein beliebter Vergnügungsort ist, konnte Beat öfter herkommen, ohne anfänglich Aufsehen zu erregen. Die Kostgängerinnen wurden nicht sehr streng gehalten und durften unter der Aufsicht einer Schwester spazieren gehen. Mehrere Tannenwäldchen liegen in der Nähe; Beat konnte sich verbergen, bis der Zug der hübschen Kinder herankam, dann sich wie zufällig zeigen, mit Margueriten einen Blick wechseln. Leider erkannte auch Sophie ihn, und Sophie war neidisch darüber, daß Marguerite von einem Liebhaber verfolgt werden sollte und sie nicht. Die ersten Male schwieg sie noch; sie schämte sich, Marguerite zu verrathen. Aber als Beat sich häufiger sehen ließ, als Marguerite, die sich Sophiens veränderte Gesinnung nicht vorstellen konnte, immer offener und feuriger von ihrem Geliebten sprach, da siegte der Neid, und Sophie machte mehrere ihrer Gefährtinnen darauf aufmerksam, daß Beat, welchen sie bisher für eine Art allgemeinen Anbeter genommen, leicht nur Margueritens wegen auf allen Spaziergängen sich finden lassen dürfte. Mehr bedurfte es nicht, um alle die jungen Augen scharf zu machen, und gewiß, Beat schlich allein wegen Marguerite auf allen Seiten ihnen vor oder nach. Das verdiente Strafe; geschickt, um jeden Anschein der Angeberei zu vermeiden, wurde die Arglosigkeit der Klosterfrauen aufgeweckt. Die guten Seelen – daß in ihrem Kloster eine Liebesgeschichte spielen sollte, war ihnen ganz neu und wie unbegreiflich. Indessen sie überzeugten sich: Beat schlich dem Kloster immer näher; es war ihm sogar gelungen, an der Mühle, welche die Klostereinfriedigung gegen das offene Feld zu abschließt, mit Margueriten eine Zusammenkunft von einigen Augenblicken zu haben. Das junge Paar hatte hierfür blos dem besondern Fatum der Verliebten zu danken, Marguerite war von innen und Beat von außen an die Mühle gekommen – das war Alles, aber im Kloster sah man darin eine geschickt ausgeführte Verabredung und die Gefahr nah und dringend. Man rathschlagte, ob man das junge Mädchen in ein scharfes Verhör nehmen solle, fand es aber dann für besser, ohne sie erst einzuschüchtern, gleich an die Familie zu schreiben und dieser das Weitere zu überlassen. Marguerite wollte man einstweilen nur gut bewachen, und daß dies geschehe, wandte man sich an den frommen Eifer ihrer Gefährtinnen. Die jungen Mädchen waren entzückt, das nunmehr im Auftrage thun zu dürfen, was sie bisher im Geheimen gethan. Sollte man aus dieser Bereitwilligkeit nicht auf wirkliche Gehässigkeit gegen die Fremde und die Schönere schließen? Und doch war es sicher nur jugendliche Eifersucht auf »den Liebhaber«. Hätte man allen den jungen Neiderinnen der Reihe nach den Künstler angeboten, Keiner würde er recht gewesen sein, Keine ihn gewollt haben. Aber Marguerite sollte nicht lieben und nicht geliebt werden.
Das arme Kind, sie fand sich in dem Hause, dessen Sprache sie nicht verstand, welches ihr daher nie heimlich gedünkt, jetzt doppelt unheimlich, doppelt verlassen. Nie mehr ließ man sie allein, nicht nur jeder ihrer Schritte, jede ihrer Mienen wurde belauert. Für das Kloster war es eine Pflicht, Etwas zu verhindern, wovon es mit Gewißheit annehmen konnte, die Familie Margueritens würde es als ein Unheil und eine Schande betrachten. Doch die arme Marguerite, mit dem Kopfe, der nicht rechnete, mit dem Herzen, das zu seinem Beat wollte! Der junge Mann war nicht weniger beunruhigt als seine Geliebte, wenn er auch innerlich minder litt. Während mehr denn acht Tagen war es ihm nicht mehr geglückt, sie auch nur von Weitem zu sehen. Geängstigt und verstört, wollte er sich bei seiner großen Gönnerin Trost erholen, aber die alte Dame empfing ihn sehr schlecht. Sophie hatte ihr etwas übertriebene Mittheilungen gemacht, und sie erklärte dem jungen Armen unumwunden, ein kleiner Spaß habe nichts geschadet, aber im Ernst sei er nicht für Fräulein von Gontran. Noch mehr niedergeschlagen kam er nach Mellingen, aber auch da hörte er nichts Erfreuliches. Der Doctor rieth ihm sehr ernstlich, von einer Thorheit abzustehen, durch welche er sich und das Mädchen unglücklich machen werde, und die Frau wollte es schon unverzeihlich finden, daß er so weit gegangen.
Im Kloster war inzwischen Margueritens Bruder angelangt. Die Schwester empfing ihn nicht ohne Furcht; als sie aber vernahm, er sei gekommen um sie nach Hause zu holen, warf sie sich ihm mit Thränen der Freude um den Hals. Wenn sie nur wieder bei den Eltern war, da wollte sie so bitten, daß Beat in das Haus eingelassen und sie glücklich würde. Daß er ihr folgen würde, bezweifelte sie gar nicht erst: es verstand sich von selbst. Vom Kloster nahm sie einen frohen Abschied, von Sophie einen traurig vorwurfsvollen. Anders die abgefallene Freundin zu strafen, vermochte sie nicht – sie war gar zu weich – ein Herz, recht geschaffen, um gequält und gebrochen zu werden.
Unterwegs fing der Bruder bald an, sie um ihren Beruf für das Klosterleben zu befragen. Zutraulich und offen erklärte sie ihm, sie habe keinen, dagegen eine herzliche Neigung, welcher sie durch eine Ehe Genüge gethan wünsche. Der Bruder gab ihr zu bedenken, daß sie ja im Kloster auch ihrem Vergnügen gemäß leben könne. »Wie oft findet das nicht statt,« setzte er lächelnd hinzu. Die unschuldige Schwester verstand ihn nicht; sie antwortete: »Ich würde nie mein Vergnügen im Kloster haben – im Gegentheil, ich würde schrecklich unglücklich sein – wenn ich nicht gar vor Gram stürbe.« Und zum ersten Male von dem Gedanken erschreckt, ihre Familie könne ihr am Ende eben so feindlich sein, wie man ihrer Meinung nach im Kloster ihr gewesen, fragte sie ängstlich und aufgeregt: »Man will mich doch nicht etwa zwingen – sage mir, könnte die Mutter – Gott, sie war immer so gut gegen mich – könnte die das wollen?«
Der junge Gontran wollte ausweichend antworten, aber sie rief mit einer an ihr ganz ungewohnten Heftigkeit: »Sag' es mir nur gerade heraus – lieben sie Dich mehr, und soll ich aufgeopfert werden, wie es auch einmal einem jungen Mädchen geschehen ist, die in's Kloster mußte, damit der Bruder reicher würde – verlangt man das von mir?« – »Es ist das sehr häufig der Fall,« sagte der Bruder kalt; »junge Mädchen, die ihre Familien lieben, thun freiwillig ein Gelübde, welches die Zersplitterung des Vermögens verhindert.« – »Nie, nie werde ich das thun. Es ist unnatürlich, barbarisch.« – »Wie es Dir gefällt; sag' es, wenn wir ankommen, dem Vater und dem Abbé, und höre, was sie Dir antworten werden.«
Der Abbé Lallemant war der Beichtvater des Hauses und für Marguerite von jeher ein Gegenstand der Furcht gewesen. Er hatte es veranlaßt, daß man sie nach Fahr gebracht, und nun sollte sie gleich bei ihrer Rückkehr ihm, dem Ueberlegenen, Widerstand zu leisten haben, vielleicht ohne auf Hülfe hoffen zu dürfen, selbst von ihrer Mutter. Die arme Marguerite fror in der Seele; ihr war es, als sitze ihr Feind und nicht ihr Bruder neben ihr. Doch gab sie darum weder ihren Willen auf, noch ihre Liebe verloren; ihr war nur bange vor der Heimkunft, auf die sie sich so gefreut, vor dem Elternhause, wo man sie nicht mehr wollte, vor dem Streit, den sie erwartete. Der junge Gontran saß still und mürrisch und ließ die Schwester sich quälen, so viel sie mochte. Sie quälte sich sehr, aber sie faßte sich auch; »Gott wird mich nicht verlassen,« dachte sie, »es ist für ihn.«
Gegen Abend kamen sie in Solothurn an und fuhren bei dem Kloster der Visitantinerinnen vor. Es fiel das dem jungen Mädchen nicht auf; sie hatte bei der Hinreise auch hier geschlafen; die Aebtissin war eine Bekannte ihrer Mutter. Der Bruder nahm flüchtig Abschied von ihr und sagte ihr, sie möge sich morgen bei Zeiten fertig halten, er werde sie so früh wie möglich abholen.
Marguerite schlief nicht viel und war mit dem Tage bereit. Aber der Morgen verstrich, und der Bruder kam nicht. Das junge Mädchen ward unruhig, ohne jedoch Argwohn zu schöpfen. Der Bruder konnte verhindert sein. Als er indessen um Mittag noch nicht da war, wollte sie eben bitten, man möge nach ihm schicken, da ward sie zur Aebtissin gerufen, die sie am vorigen Abend nicht gesehen. Die würdige Frau empfing das Mädchen mit mütterlicher Zärtlichkeit. »Du gehörst uns an, meine Tochter,« sagte sie; »Dein Bruder hat mir heute Morgen den Wunsch Deines frommen Herzens eröffnet – gern nehme ich Dich auf.« Marguerite, starr, antwortete nicht gleich; sie überlegte im Stillen, ob solch ein Verrath von einem Bruder möglich sei. Endlich fragte sie: »Und hat mein Bruder gesagt, ich wolle in das Kloster?« – »Nichts anders,« erwiederte die Aebtissin. – »O, dann vergebe ihm Gott!« rief Marguerite schmerzlich. »Er hat gelogen, mich und Sie belogen, uns Beide gleich. Ich erwartete ihn heute, damit er mich nach Hause bringe, und statt dessen – o, Gott erbarme sich meiner, denn von meinen Nächsten bin ich verrathen!«
Eine Schlechtigkeit ahnend, tröstete die Aebtissin mit milden Worten das weinende Mädchen. Auf die wiederholte feierliche Versicherung, nie solle sie mit Gewalt hier zurückgehalten werden, eröffnete Marguerite der würdigen Frau voll reinen Zutrauens alles Geschehene. Die Aebtissin lächelte bei den naiven Bekenntnissen der kleinen verliebten Unschuld, sie runzelte die Stirn, als sie von den Vorstellungen des jungen Gontran vernahm. Als Marguerite geendet hatte und mit der Furcht einer Taube zu ihr aufschaute, sagte sie beruhigend: »Mache Dir keine Sorge, mein Kind, Du sollst nicht hierbleiben müssen; noch heute schreibe ich an Deine Mutter, und wenn ich Dir auch nicht versprechen kann, es soll gleich Alles nach Deinen Wünschen gehen, so will ich Dir doch keineswegs die Hoffnung für später untersagen. Gott hilft seinen Kindern und will keine erzwungene Opfer.«
Marguerite hoffte. Die Aebtissin schrieb. Keine Antwort kam. Sie schrieb wieder. Jetzt erfolgte ein Brief, bedrohend für die ungehorsame Tochter. Die Mutter hatte vergessen, daß auch sie jung gewesen und geliebt. Diese Vergessenheit der Eltern ist ein Fluch für die Jugend der Kinder, und – wie häufig! Marguerite auch sollte darunter zu Grunde gehen. Was ihre Mutter nicht länger war, das ward die Aebtissin. Wieder und wieder schrieb die edle Frau, abmahnend, bittend, dringend. Bis ihr das schwere Werk gelungen sein würde, unnatürliche Eltern wieder zur Natur zurückzuführen, behandelte sie Marguerite ganz wie ihre Kostgängerin, ließ sie an allem Unterricht Theil nehmen und gönnte ihr zugleich die größte Freiheit. Die Gontrans waren mit mehreren Familien in Solothurn bekannt; zu denen durfte Marguerite ungehindert, so lange sie freundlich empfangen wurde. Das hörte indessen bald auf; man fürchtete, mit den Eltern in Unannehmlichkeiten zu gerathen, wenn man die Tochter, welche sich auflehnte, zu begünstigen schiene. Marguerite lernte gleich in dem ersten Kampfe mit dem Leben die Menschen recht verschieden kennen – die Mehrzahl so feig in der Theilnahme, nur einige Wenige voll Muth zur Güte. Von diesen war die Erste die Aebtissin, dann bezeigte der Arzt des Klosters sich unverändert herzlich gegen das junge Mädchen, und je auffallender andere Familien Marguerite abwehrten, je häufiger kamen die Einladungen von ihm. Eines Tages schickte er schon früh und ließ bitten, Marguerite möchte zu Mittag kommen dürfen. Die Aebtissin erlaubte es; Marguerite trat um zwölf Uhr in das Wohnzimmer ihrer neuen, aber aufrichtigen Freunde. Ein Schrei entfuhr ihr – Beat stand da, breitete ihr die Arme entgegen. Trunken von der plötzlichen Lust warf sie sich hinein: es war die erste Umarmung, der erste Kuß. Als Marguerite wieder denken konnte, wußte sie nicht, wo anfangen mit Fragen – wem verdankte sie dieses Heil, wie kam Beat hierher, wie hatte er erfahren, was mit ihr vorgegangen? Beat konnte Alles leicht erklären; Solothurn war nicht so weit von Baden, daß ein solcher Vorfall wie Margueritens Verlassenwerden nicht hätte hindringen sollen. Beat vernahm es kaum, als er sein Atelier in Baden aufhob, seine Geschäfte möglichst in Ordnung brachte und nach Solothurn kam, wo er in dem Arzt des Klosters einen Jugendfreund hatte. Er hoffte durch des Freundes Vermittelung wenigstens Nachrichten von Marguerite zu erhalten; der Freund, aufgebracht über das Verfahren der Familie Gontran, versprach ihm noch mehr – eine ungestörte Zusammenkunft. Die hatten sie jetzt, und Beat trug Sorge, daß die kostbaren Stunden nicht blos in Liebeständeleien verschwendet wurden. Mit Hülfe des Arztes, welcher den Dolmetscher spielte, vereinigten die Liebenden sich dahin, daß Beat an Margueritens Vater schreiben und förmlich um ihre Hand anhalten sollte. Die Aebtissin, zu welcher Marguerite voll Hoffnung und Freude zurückeilte, billigte diesen Entschluß vollkommen; der Arzt schrieb den Brief und Beat unterzeichnete ihn. Marguerite versuchte ihrerseits noch einmal, sich mit kindlichem Vertrauen an die Brust der Mutter zu werfen. »Verlange nicht, daß ich der Liebe und dem Glücke entsage,« flehte sie, »denke, meine Mutter, wie es Dir gewesen sein würde, hättest Du in ein Kloster gesollt, während Du jung warest und leben wolltest.« Der ganze Brief war so voll einfältig bittender Hülflosigkeit, welche das Mutterherz anrief als ein göttlich liebendes. Aber keine Antwort kam, nicht von Herrn von Gontran an Beat, nicht von der Mutter an ihr Kind. Auf die Ermunterung des Freundes schrieb Beat nochmals – Marguerite, niedergeschlagen, wagte es nicht mehr, aber die Aebtissin that es an ihrer Statt. Jetzt erfolgte von Freiburg ein Schreiben, des Inhalts, Marguerite sei frei, die beabsichtigte Mißheirath zu thun, habe aber dann von den Eltern Nichts mehr zu erwarten als Vergessenheit. Mit diesem Segen wurden die Liebenden in der Kirche des Klosters getraut, nachdem die Aebtissin noch einmal dem jungen Mädchen eindringlich vorgestellt, was sie mit einer solchen Ehe wage. Leicht Mangel, gewiß Sorgen, wer wußte, ob nicht Reue. Marguerite liebte Beat, das war ihre ganze Antwort – sie wurde getraut, unter Fremden, verstoßen von den Ihrigen. Sie weinte, denn sie fühlte die Verstoßung, aber in ihren Thränen war sie noch glücklich.
Beat – ein reiches Mädchen hatte er gewollt und ein armes genommen. Es war eine herbe Täuschung, doch seine Jugend und seine Gutmüthigkeit, welche durch Margueritens Schönheit und Liebe gereizt und gefesselt wurden, halfen ihm darüber hinweg. Auch hegte er wohl noch Hoffnung auf ein einstiges Nachgeben der Eltern. Wenn einmal geschehen war, was ihnen mißfiel, wenn Marguerite wirklich des Beistandes bedurfte, vielleicht für ein Kind neu bitten konnte – »der Zorn währt nicht ewig,« dachte Beat. Einstweilen verlangte er, was Margueriten rechtmäßig gehörte – bedeutende Pathengeschenke, die ihr von Zeit zu Zeit gemacht worden, eine kleine Erbschaft, welche ihr übergeben werden sollte, sobald sie mündig würde oder heirathete. Die Familie Gontran verharrte in ihrem einmal angenommenen System – sie schwieg. Marguerite erhielt Nichts, und Beat, der in Solothurn keine Arbeit finden konnte, sah sich genöthigt, mit seiner jungen Frau nach Einsiedeln zu seinem Oheim zu reisen und dessen Obdach in Anspruch zu nehmen.
Auf dem Wege dahin besuchte er den Doctor Sinnich in Mellingen. Der Doctor schildert das Pärchen als rührend komisch. Marguerite hatte endlich einige Bröckchen von der barbarischen Muttersprache ihres Geliebten erlernt, doch ging die Unterhaltung noch immer kläglich genug von Statten. Beat begnügte sich damit, seiner schönen jungen Frau von Zeit zu Zeit seine Dose anzubieten; sie streichelte ihm mit beiden Händen die Wangen und sagte ihm dabei zärtlich: »O mys lieb Beat!«
Bitter ist das Brod der Abhängigkeit – Marguerite sollte das erfahren! Obgleich gute und brave Leute, waren doch Beats Oheim und Tante allzu unzufrieden mit der thörichten Heirath ihres Neffen, um ihren Aerger nicht ohne Schonung auszulassen. Beat kam dabei gut genug weg, sie liebten ihn wie ihr eigenes Kind; die Vorwürfe, welche er erhielt, wurden durch Liebkosungen gemildert und vergütet. Aber Marguerite, das unwillkommene, überflüssige, zartgewöhnte Mädchen, denn sie war noch immer wie ein junges Mädchen, so kindlich, so fremd in der Welt, man wußte Nichts mit ihr anzufangen, man konnte sie zu Nichts gebrauchen – das Fräulein wurde sie spottweise genannt. Ihre Geburt ward ihr hier zum Vorwurf, der Reichthum, mit welchem sie Beat verlockt haben sollte, nun sie ihn nicht geben konnte, ihr zum Verbrechen gemacht. Wenn sie sich anbot, im Hause nach ihren Kräften zu helfen, wies man sie als nutzlos zurück, und verlangte doch gleich darauf mehr, als sie mit der größten Anstrengung leisten konnte. Jeder Antheil an der täglichen Speise wurde ihr vorgerechnet – was that sie, um ihn zu verdienen? Wenn sie manchmal mit überströmenden Thränen flehte, sie doch nicht so schlecht zu behandeln, fragte man sie, ob sie etwa fort wolle – die Thür stehe offen. Wohin hätte sie gehen sollen? Auch dachte sie nicht daran – Beat war da. Beat war da, warum nahm er denn Marguerite nicht an seine Brust, sie zu schützen vor dem Weh, das man ihr anthat? In seiner Gegenwart ließ man sie unangefochten, und klagen wollte sie nicht, ihn nicht in Unfrieden mit seinen Verwandten verwickeln, denen er Dank schuldete. Marguerite schleppte sich also hin in jammervoller Dienstbarkeit, in hoffnungsloser Ermüdung. Dazu war die Luft von Einsiedeln für ihre feine Organisation zu rauh. Und dann, welch' ein Wohnort für ein junges, lebendurstiges und ach, so schwer gedrücktes Geschöpf! Dieses weite, leere Hochthal, diese wilden Alpen, welche über die Tannenberge hereinsehen, dieser Sand, diese einförmigen Matten, diese Kahlheit, und mitten darin das baumlose, gleichsam verlorene Städtchen und das riesige Kloster mit den beiden grauen Thürmen, so großartig, aber auch so finster! Einsiedeln muß man besucht haben, aber um dort wohnen zu können, muß man stärker und gewiß glücklicher sein, als Marguerite es war. Sie verging hier vor Bangigkeit. Gewohnt wie sie des reichen, schönen Freiburgs war, hatte ihr schon Fahr eine Art Wüste geschienen, und nun gar Einsiedeln! Besonders der Winter war furchtbar für sie. Diese Gegend, schon im Grün des Sommers so düster und eintönig – was ward sie erst unter den Schneelasten, welche sich mit den ersten dunkeln Tagen auf sie legten. Wie einsam war es, wie melancholisch tönten die Glocken des Klosters! Und Marguerite, eingeschlossen in die niedrigen Stuben, die man hier überall findet, mit Balkendecken, welche wie vorzeitige Sargdeckel auf dem täglichen Leben liegen. Wer unter solchen Decken geboren, gewiegt und großgezogen ward, der mag sich unter ihnen wohl fühlen, aber wer gewöhnt gewesen ist, Raum über seinem Haupte zu sehen, der erstickt unter ihrer Pressung. Marguerite träumte manchmal, sie sei schon begraben, und zwar unter der Decke ihres bangen, luftlosen Stübchens. Ich habe das Haus gesehen, wo die jungen Leute beinah zwei Jahre gewohnt haben; es liegt an dem Platze des Klosters, doch in einiger Entfernung von diesem, ist groß, ganz von Holz, ganz schwarz angestrichen, hat eine Unzahl kleiner Fenster, und heißt »Zur heiligen Katharine«. Die Braut des Heilandkindes konnte ihren Namen keinem unheimlicheren Gebäude leihen. Als ich es sah, blühten auf allen Fenstern Blumen, besonders eine Menge rother Pelargonien, aber trotz dieses Schmuckes und trotz des Glanzes seiner Schwärze schauerte mich vor ihm noch mehr als vor ganz Einsiedeln.
Der späte Frühling erlöste Marguerite von einiger ihrer Qual; sie konnte aus, sah die Pilger ankommen und Bewegung in die heilige Oede bringen, fand in den Tannenwäldern Blumen, wurde dann und wann freundlich gegrüßt. Man hatte sie im Orte liebgewonnen, ohne daß sie es gewußt; es zeigte sich jetzt, und sie fühlte sich etwas gelindert. Freilich war dieser Trost für sie bald verloren, denn Beat beschloß, den Sommer zu Reisen anzuwenden. Er wollte verdienen, was er hier nicht konnte; er wollte dahin, wo er noch nicht gearbeitet hatte; vielleicht, so redete er Margueriten zu, würde er so viel zurückbringen, daß sie den nächsten Winter in eine Stadt ziehen könnten; aber um das Möglichste zu erwerben, mußte er möglichst sparen, und Marguerite durfte daher nicht mit. Marguerite weinte und gehorchte. Sonderbar genug wurden Oheim und Tante, seit Beat fort war, milder gegen sie. Vielleicht hatte ihre immer gleiche Sanftmuth sie entwaffnet – genug, sie begegneten ihr mit mehr Barmherzigkeit. Marguerite, noch ganz elastisch, bedurfte nur geringer Aufmunterung, um wieder Zutrauen zu fassen. Sie wurde so heiter, wie sie ohne Beat werden konnte.
Aber ihre Gesundheit war durch den Winter und die viele Trauer, welche sie lautlos geduldet, unterwühlt worden. Ein Husten zeigte sich, den die scharfen und häufigen Luftabwechselungen dieser hohen Lage unterhielten. Der Oheim wandte umsonst sein Wissen an, Marguerite welkte, mit Geduld, wie sie sich bisher gebeugt, langsam, unaufhaltbar. Beat fand sie bei seiner Rückkehr erschreckend verändert. Hätte er genug Geld gebracht, um sie gleich in eine andere Luft, in eine andere Umgebung führen zu können, vielleicht daß Genesung noch möglich war. Aber sein Verdienst war gering gewesen, wie es immer ist, wenn die Noth drängt. Wenn immer Arbeit sich finden ließe, wer würde da zu Grunde gehen? Einer unter Hunderten vielleicht. Der Trieb zur Selbsterhaltung ist mächtig, nur – muß man sich erhalten können, und die Thüren schließen sich nie fester, als vor dem Bedürfniß. Beat kam mit dieser trostlosen Erfahrung zurück. Leichtsinnig, wie er im Grunde war, verzweifelte er noch nicht. Im nächsten Jahre würde es besser gehen, ermunterte er Marguerite, im nächsten Jahre wolle er sie nach Baden bringen, da solle sie gesund werden. Marguerite horchte seinen Verheißungen wie ein gläubiges Kind und wurde dabei kränker und kränker. Der zweite Winter kam über sie, noch härter und rauher als der erste. Umsonst beeiferten sich jetzt Oheim und Tante, sie zu pflegen, umsonst war Beat herzlich gut – der Husten wich nicht, sondern ward hohler – und sie immer bleicher. Der Gönner Beat's, der Doctor aus Zürich, kam einige Male die arme Kranke besuchen; sie nahm, was er ihr gab, mit ihrer gewohnten frommen Unterwürfigkeit, tröstete Beat, hoffte zuversichtlich und – ward bleicher und kränker. Beat machte sich eines Tages zu Fuß nach Mellingen auf, überbrachte dem Doctor Sinnich eine Beschreibung von ihrem Zustande und bat ihn um Hülfe. Doctor Sinnich sah bedenklich aus, versprach aber, sich mit Beat's Oheim in Briefwechsel zu setzen und so zu thun, was er vermöge.
Einige Wochen später, es war Anfang Mai, seine Frau in Luzern bei ihren Eltern, er am Schreibtische, an einem Abend um die Dämmerstunde also hielt ein Bauernwagen vor seinem Hause, welches er sich außerhalb der Stadt gebaut hatte. »Ein Kranker,« dachte er, als er, an das Fenster getreten, den Wagen mit Betten belegt sah. Da ging hinter ihm die Thür; »Doctor,« sagte eine bekannte Stimme, Sinnich wandte sich um, es war Beat, der blaß vor ihm stand und ohne Umschweife sprach: »Doctor, da bringe ich Ihnen meine Frau.«
Sinnich war unwillig, erstaunt. »Was thun Sie mit der kranken Frau auf der Landstraße, und ohne mich eine Silbe voraus wissen zu lassen?« – »Ich konnte nicht länger mit ihr in Einsiedeln bleiben, sie hält die Luft nicht mehr aus, und – sie wollen uns auch nicht mehr behalten.« Beat sagte das mit einer Art von Trotz. Der Doctor dachte an die Kranke, die erwartend unten lag. »Für's Erste müssen wir Ihre Frau unter Dach und Fach bringen – kommen Sie, lassen Sie sie in den Löwen fahren.« – »Ja Doctor, aber das sage ich Ihnen frei – ich habe kein Geld.«
Der Doctor erbarmte sich. Er ließ das arme, heimathlose Weib in sein Haus tragen, er ließ sie in das Bett legen, welches für seine Eltern bestimmt war, wenn sie zum Besuch kamen. Marguerite versuchte mit ihren kalten Lippen seine Hand zu erreichen. Er zog die Hand fort und hieß die blasse Kranke schlafen. Sie schlief unter dem Dache des Samaritaners.
Als Madame Sinnich zurückkam, empfing der Doctor sie mit einiger Ungewißheit, »ob es ihr recht sein würde.« Es war ihr recht; sie konnte ihm schelten, wenn er ein Gedicht machte, nicht wenn er eine gute Handlung ausübte. Dieses Blatt ist in dieser Geschichte das einzige tröstliche. Möge man es mit Freude lesen, wie ich es mit Freude schrieb.
Marguerite blieb, zum ersten Male wahrhaft gepflegt, mehrere Wochen im Hause Sinnich's; dann hatte dieser, im Verein mit dem Pfarrer von Mellingen, Etwas gefunden, wodurch den unglücklichen Eheleuten wenigstens das bare Leben gesichert wurde. Sie errichteten eine Zeichenschule, die Gemeinde gab dreihundert Franken und eine kleine Wohnung und Beat den Unterricht.
Mellingen ist ein klein Städtchen, etwa eine Stunde von Baden. Der Weg führt über zwei Höhenrücken, die Badener und die Mellinger Sommerhalde. Das Reußthal ist bei Mellingen ebenso lieblich wie bei Baden das Limmaththal. Das Städtchen ist eine jener alten Ortschaften mit Mauern und Thorthürmen, durch zwei Straßen kreuzweis, wenn auch nicht ganz regelmäßig getheilt. Eine alterthümliche bedeckte Brücke führt über die Reuß hinein; ich liebe solche alte Brücken, unter deren Bedachung man geschützt stehen und den Strom fließen sehen kann. Das Wappen von Mellingen, eine weiße Kugel im rothen Felde, ist einfach und doppelt an den beiden Thorthürmen angebracht. An dem linken Arm des Straßenkreuzes liegt der größte Platz des Ortes, mit dem Gasthof zur Krone, mit der Kirche und einer Grabkapelle, mit dem frühern alten Schlosse, dessen Garten bis an die Reuß geht. Die Grabkapelle hat einen hohen, buntgedeckten Thurm, zwischen ihr und der Kirche steht der braune Glockenthurm mit einem abgestumpften Dache, das Kirchthürmchen ist klein und spitz, grau der spalierumgrünte Wendeltreppenthurm des Schlosses. Vier Thürme also, die schwere Kirchthür mit Schnitzwerk, ein hohes, hölzernes Kruzifix, viele kleine eiserne, wunderliche, verrostete, bemalte Grabkreuze, ein paar Bäume, hinhängend, wie leidend, ein paar Beete mit kranken Blumen, das Alles bildet eine Stätte des Begrabens, wo der Tod nicht als der Bruder des Schlafes, sondern als der furchtbare Erbfeind des Lebens erscheint. Marguerite sah sie täglich und stündlich, denn das ihnen angewiesene Häuschen lag dicht neben der Vikarei, und die ist der Krone gegenüber. Aber in Margueritens Herzen sprudelte wieder die Quelle der Harmlosigkeit, sie glaubte gewiß, daß sie genesen werde, sie freute sich in dem kleinen Garten, aus welchem sie die Alpen sehen konnte, zu säen, zu pflanzen. Sinnich hatte sie wirklich so weit gebracht, daß sie den Sommer weit mehr genoß, als den vorigen. Die Luft war hier so mild, man zeigte ihr so viel Wohlwollen. Marguerite gewann sich Herzen, wo sie nur wenige Wochen lebte; das Mitleid half denn auch; die jungen Eheleute wurden unterstützt, soviel nur die Kräfte der Gemeinde es zuließen. Aber mit dem Winter machte doch der Mangel sich wieder fühlbar, um so mehr, da Marguerite auf das Neue zurücksank. Sinnich und seine Frau konnten diese Entblößung, der sie ihren beschränkten Mitteln nach nur höchst unvollkommen abzuhelfen vermochten, nicht länger so gelassen mit ansehen. »Lassen Sie ihre Frau nach Freiburg schreiben,« sagten sie zu Beat, »die Eltern müssen weich werden, wenn sie erfahren, in welchem Zustande ihre Tochter ist.« Marguerite brachte mühsam einen Brief zu Stande – ein Brief, besonders ein solcher, ist für einen Kranken ein so mühsames Werk. Das Blatt, auf welchem ihre Hand gezittert, auf welches ihre Thränen und von ihrer Stirn der kalte Schweiß gefallen, das Blatt blieb unbeantwortet; ein zweites, noch mühevoller, müder, bittender geschrieben, hatte dasselbe Loos. Jetzt schrieben Sinnich und der Pfarrer, siegelten mit Sinnich's Wappen und gaben den Brief in Zürich auf die Post. Wenn Frau von Gontran ihre Tochter noch einmal sehen wolle, möge sie eilen; Margueritens Tod sei nahe.
Auf diesen Brief kam die Mutter; er war in ihre Hände gelangt, aber nicht der, welchen Marguerite ihr von Solothurn aus geschrieben, keiner von der Aebtissin, welche vor ihrem bald auf Margueritens Heirath erfolgten Tod noch einmal versucht, Frau von Gontran zu erschüttern. Der junge Gontran und der Abbé Lallemand hatten alle diese Blätter, ebenso wie auch die beiden letzten Briefe Margueritens, unterschlagen, die Mutter wußte Nichts von der Gefahr, Nichts von dem Elend der Tochter, sogar Nichts von ihrer Heirath. Sie hatte bisher geglaubt, Marguerite lebe mit Beat als dessen Geliebte. »Wie konntest Du denn das von mir denken?« fragte Marguerite mit naivem Vorwurf. Die Mutter weinte und schuldigte sich an, doch war selbst in diesen ergreifenden Augenblicken eine gewisse Gemüthskälte bei ihr nicht zu verkennen. »Ach, wenn Du doch in's Kloster gegangen wärest,« seufzte sie; »wie viel glücklicher wärest Du gewesen.« – »Sprich nicht so, meine Mutter,« antwortete Marguerite, mit dem Lächeln des befriedigten Herzens, »ich habe meinen lieben Beat.« Und sich zu ihm wendend und ihm die Hand darreichend, setzte sie in ihrem gebrochenen Deutsch hinzu: »Mys lieb Beat, ich nicht mit einem König tauschen,« ihr liebstes und häufigstes Wort. Die Mutter sah darum Beat nicht günstiger an; sie betrachtete ihn als den einzigen Anlaß aller der Uebel, die Marguerite zu leiden habe. Im Ganzen war der Besuch ein wenig erquicklicher; die Mutter hatte allerdings einiges Geld mitgebracht, aber das war nur wie ein Tropfen für die vielen und dringenden Bedürfnisse. Auch fühlte Frau von Gontran sich gedemüthigt vor den Fremden, die ihr Kind, welches sie verlassen, aufgenommen und genährt hatten. Sie konnte nicht ohne Scham die Worte der Doctorin hören: »Bedenken Sie, Madame, daß in dem armen Städtchen Mellingen auch der Aermste sich noch reich genug findet, um Ihrer Tochter Kartoffeln schicken zu können.« Sie versprach, alles Nöthige zu senden, um dem Mangel, der die Kranke umgab, wenigstens einigermaßen abzuhelfen. Sogar das Piano Margueritens, welche auf diesem Instrument Virtuosin war, sollte mit andern Möbeln kommen. Bitter lächelnd sagte die Doctorin: »Madame, dazu ist es zu spät, Ihre Tochter wird kein Piano mehr spielen, es hat ihr zu lange an Brod und Kleidern gefehlt.« Das war keine Uebertreibung; Marguerite hatte sich in Einsiedeln nicht immer satt essen können und besaß keine andern Kleider, als die, welche sie mit in die Ehe gebracht. Sie waren abgenutzt, zerrissen theilweise, Marguerite, die immer viel Geschmack für zierlichen Anzug gehabt, bat die Mutter, ihr ein neues Kleid zu schenken. »Ach, nur eines, Maman; ich komme mir in diesen alten Dingern selbst so alt vor. Gewiß, ich würde besser aussehen, wenn ich ein hübsches Kleid anhätte.« Die Kokette – sie wollte noch jetzt ihrem Beat gefallen!
Er pflegte sie wenigstens treulich, gab dabei seine Stunden, und machte außerdem die Examina, welche zu einer bessern Anstellung nöthig waren. Aber noch fand die sich nicht.
Dagegen kam die versprochene mütterliche Hülfe von Freiburg. Worin bestand sie? In einem kleinen Stuhl, den Marguerite als Kind gehabt, in dem dazu gehörigen Tische und in einer Bettdecke von Damast. Sonst Nichts, keine Wäsche, keine Geräthschaften, kein Geld, nicht einmal das erbetene Kleid. Marguerite klagte nicht, sie sagte nur in ihrer treuherzigen Art: »Sie werden die Mutter wieder herumgekriegt haben, aber das Kleid hätte sie mir doch schicken können.« Beat war muthlos, der Doctor entrüstet, seine Frau empört, besonders über den Hohn, welchen sie in der Sendung der reichen Damastdecke wahrzunehmen meinte. »Man hat es der Armen recht anschaulich machen wollen: sieh, was Du hättest haben können, wenn Du nicht einen solchen Mann genommen,« sagte sie mit einem starken, redlichen Unwillen. Vielleicht hatte sie Recht.
Einige Zeit später kam der junge Gontran. Ob um seiner selbst, oder um der Menschen willen? So gut Marguerite war, den Bruder, der ihr so viel Herzeleid angethan, ohne daß sie ihn je anders beleidigt, als durch ihr Dasein, den Bruder konnte sie nicht mit Vergnügen, ja, kaum mit Mäßigung begrüßen. Die Unterredung war demnach kurz und gezwungen, Beat sah den Schwager gar nicht, und dieser äußerte auch keinen Wunsch, die Bekanntschaft zu machen. Beistand brachte er der Schwester nicht, selbst keinen Gruß von den Eltern; er sagte nur, sie wären gesund. Nach einer Viertelstunde stand er auf, wünschte der Schwester eisig eine bessere Gesundheit und reichte ihr die Fingerspitzen. Sie wandte ihr Gesicht von ihm ab zur Wand, ohne Etwas zu erwiedern; er ging, sichtlich erleichtert, den unangenehmen Besuch überstanden zu haben. Sein Wagen war noch nicht bereit; er hieß den Kutscher ihm nachkommen und ging zu Fuß bis zu Sinnich's Haus. Dort ließ er sich melden. Sinnich lag gerade krank, nahm aber den Bruder Margueritens doch an; »denn vielleicht,« sprach er zu seiner Frau, »daß er doch in guter Absicht kommt.« Die Doctorin schüttelte den Kopf; sie erwartete Nichts mehr von der Familie Gontran. Der junge Mann trat ein, abstoßend von Physiognomie, so unähnlich wie möglich seiner jetzt noch schönen Schwester. Im Betragen war er äußerst höflich und dankte mit ausgesuchten Wendungen dem Doctor sowohl wie dessen Gattin für die Güte, welche sie seiner beklagenswerthen Schwester erwiesen. »Ich wünschte sehr, mein Herr von Gontran, die Familie der Madame Bodenwieler hätte uns weniger Gelegenheit zu dieser Güte gegeben,« antwortete der Doctor, geradezu wie er war, und hier doppelt unumwunden im Gefühl, das Recht sei auf seiner Seite. Der junge Gontran zuckte die Achseln, machte Mienen, bedauerte unendlich die Verhältnisse, unglückliche Mißverständnisse. Es war nicht schwer, hierauf zu antworten, und die Doctorin that es mit aller Rücksichtslosigkeit, zu welcher in gewissen Stunden die Guten den Schlechten gegenüber die Erlaubniß von Gott selbst haben. Der junge Gontran hörte sie mit übel verhehlter Verlegenheit an. Endlich sagte er: »Damit Sie sehen, daß es mir nicht an brüderlicher Liebe fehlt, so will ich von nun an meiner Schwester drei Kreuzer täglich aussetzen und Sie bitten, ihr dafür Geflügel zu kaufen.« Der Doctor maß den zärtlichen Bruder mit einem Blick, der zwischen Erstaunen und Verachtung schwebte. »Ist das Ihr Ernst, oder wollen Sie mich zum Narren haben?« – »Es ist mein völliger Ernst.« – »Und wissen Sie, daß man für dieses Geld kaum am Sonntage ein kleines, elendes Hühnchen kaufen könnte?« – Gontran zuckte wieder die Achseln und sagte: »Das thut mir sehr leid, aber mehr bin ich nicht im Stande.« – »Herr,« schrie jetzt der Doctor mit der gewaltigen Stimme seiner gesunden Tage, »machen Sie, daß Sie fortkommen, oder, krank wie ich bin, stehe ich auf und schmeiße Sie hinaus!« Gontran wartete diese Anstrengung von Seiten des Doctors nicht erst ab; er entfernte sich eilig, stieg in seinen Wagen, der gerade ankam, und wünschte sich gewiß Glück, so gut davongekommen zu sein.
Dies war das letzte Mal, wo Marguerite von ihrer Familie hörte. Sie war jetzt aufgegeben; ein Theil der Luftröhre war bereits herausgefault, sie hatte ganz die Stimme verloren und konnte nur noch essen, wenn sie sich auf den Rücken an den Boden legte. Dennoch kam sie an guten Tagen noch manchmal zu Doctors, wo sie sich recht eigentlich daheim zu glauben schien. Sie liebte sehr kleine Leckereien, und Doctors pflegten, wenn sie Gäste hatten, ihr immer etwas vom Nachtisch aufzuheben. Kam sie nun, und die Doctorin reichte ihr die für sie bestimmten Früchte oder Bonbons, so warf sie, kindisch begierig wie sie war, sich sogleich an den Boden und fing an, auf ihre Art zu essen. Die Fremden wunderten sich dann nicht wenig; hörten sie aber erst die Geschichte des armen, sonderbaren Geschöpfes, so machte das Lächeln der tiefsten Theilnahme und den wärmsten Tröstungen Platz.
Konnte Marguerite denn getröstet werden außer von Oben? Sie liebte, sie lebte trotz aller Leiden mit Lust, und sie mußte sterben. Es ist dieses das Loos von Tausenden unter uns, aber wir wollen auch nicht fragen, wie schwer wir es finden. Marguerite blieb wenigstens heiter in der Geduld; sie beklagte sich nicht und klagte nicht an; sie hatte ihr kärgliches und bitteres Leben genommen, wie Gott es gegeben hatte, ohne zu grübeln, ohne zu zweifeln, mit Dank für die wenigen Blumen im stechenden Kranze. »Mys lieb Beat, nicht mit einem König tauschen,« war und blieb ihre Rede, selbst in den letzten, schrecklichsten Tagen.
Beat weinte an ihrem Bette, wie jeder nur einigermaßen fühlende Mensch bei dem Anblick solcher Leiden und besonders eines schweren Sterbens weint. Aber er weinte nicht um sie, nicht um sein Weib, nicht wegen der bevorstehenden Trennung. Marguerite war für ihn längst Nichts weiter mehr als eine Last. Er hatte sie mit Gutmüthigkeit getragen, aber je näher der Augenblick kam, wo er sie in ein Grab niederlegen dürfen sollte, je mehr athmete er auf. Jenseits dieses Grabes lag für ihn eigentlich erst das Leben. Marguerite hatte einen andern Willen. »Höre, mys Beat,« sagte sie mehrmals mit einer eigenen Eindringlichkeit, »Du mir ja nicht wieder heirathen. Ich Dich will gehabt haben allein hier unten und dort oben. Wenn Du nehmen willst andere Frau, ich kommen und machen so.« Und sie machte mit ihren abgezehrten Händen an seinem Halse die Geberde des Erwürgens.
Beat versprach ihr Alles. Sie sah ihn dann durchdringend an, halb forschend, halb drohend. Noch in ihrer letzten Minute hatte sie diesen Blick. Beat drückte ihr die Augen zu; nun konnte sie ihn nicht mehr ermahnen. Marguerite war gestorben, ohne geliebt worden, ohne glücklich gewesen zu sein, ohne glücklich gemacht zu haben. Von dem ganzen Reichthum des Lebens hatte sie nur drei Empfindungen gekannt: Hoffen, Lieben und Leiden.