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Aus der Schweiz

Chapter 37: Im Hotel Weber.
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About This Book

A series of travel sketches and short narratives recounts the author's impressions from various Swiss locales, choosing selected scenes rather than offering a systematic description. Landscape vignettes and diary fragments evoke lakes, mountains, hotels and village life, while social portraits and dialogic encounters reveal intimate relations with fellow travelers and locals. Political debate and personal reflection are woven into everyday incidents and occasional dramatic episodes, and quiet moments such as sunrises and lakeside evenings punctuate the prose. The result emphasizes contrasts within the country and presents a subjective, observant voice that balances sympathy with critical distance.

Beat wartete kaum die nöthigste Frist ab, welche der Anstand vorschreibt, um sich nach einer neuen Frau umzusehen. Ja, Marguerite war für ihn nur noch seine erste Frau, und was noch mehr, die verdrießlichste Täuschung. Jetzt wollte er nicht wieder getäuscht werden – er spähete vor Allem nach einem hübschen Vermögen. Die Erbinnen eines solchen zeigten sich indessen sämmtlich ungeneigt, Beat auf die Art zu beglücken, welche er für die einzig wahre hielt.

Inzwischen war er mit einem bedeutend bessern Gehalt als Zeichenlehrer nach Baden berufen worden, kurze Zeit nachdem Doctor Sinnich dort Badearzt geworden war. Und kaum sah er diesen so eifrig verfolgten Wunsch erfüllt, so schien auch der zweite in Erfüllung gehen zu sollen. Er lernte die Schwester eines Regierungsrathes aus St. Gallen kennen, ein nicht mehr ganz junges, aber dabei hübsches, und was noch besser war, sehr reiches Mädchen. Wie Beat es angefangen, weiß man nicht, vermuthlich wie alle Bewerber, denen es glückt – genug, er gefiel dem Mädchen. Ihrer Familie nicht; indessen da das Mädchen mündig war, hatte das wenig auf sich. Als sie nach St. Gallen zurückkehrte, wurde ein Briefwechsel verabredet, und sie schied von ihm mit der festen Zusicherung, entweder ihre Familie zur Einwilligung zu bewegen, oder weiter Nichts nach dieser Einwilligung zu fragen.

Als Beat seine neuen Aussichten Doctors mittheilte, sagte Madame Sinnich halb scherzend, halb ernsthaft: »Bodenwieler, denken Sie an »Mys Beat, ich komme,« und sie machte die Geberde, welche die Sterbende gemacht.

Beat lachte; für ihn war Marguerite so gut wie vergessen. Selbst mit ihrem Denkmal blieb es beim Entwurf, obwohl ihm jetzt die Mittel zur Ausführung nicht mangelten.

Es war, als regne es auf einmal Manna für ihn. Was er sich auch immer gewünscht, einmal eine größere Arbeit in Marmor ausführen zu können, das sollte ihm jetzt ebenfalls werden. Ein reicher Mann bestellte bei ihm die Statue von Julia Alpinula, dieser jungen Priesterin, welche aus Gram darüber starb, daß sie von den Römern das Leben ihres Vaters nicht hatte erbitten können. Beat hatte sich bereits eine Probe von dem Marmor kommen lassen, aus welchem er sein erstes großes Werk zu schaffen gedachte. Der reine, weiße Stein war angelangt, stand vor ihm; von ungewöhnlichem Feuer belebt, entwarf er eine vortreffliche Zeichnung zu seiner Statue. Ermuthigt durch den Erfolg, und sich im Triumphzuge dem Glücke nähernd, schrieb er seiner Geliebten und forderte zärtlich und dringend, sie möge jetzt alle Bedenklichkeiten überwinden und ihm endlich das bestimmte Wort geben. Als er den Brief auf die Post getragen, ging er zu Sinnich's, denen gegenüber er wohnte, erzählte ihnen, was er geschrieben, und zeigte die Skizze. »Ich bin der glücklichste Mensch,« rief er, »denn von St. Gallen kann mir die günstigste Antwort nicht fehlen.« Der Doctor freute sich an der Skizze, seine Frau aber sagte dieses Mal strafend: »Bodenwieler, und das Denkmal Ihrer Frau ist auch noch nicht weiter als auf so einem Blatte. Bedenken Sie, was Sie thun; sühnen Sie, ehe Sie sich verheirathen, ihre Frau durch einen wirklichen Beweis Ihres Andenkens.« – »Ich will's thun, sobald ich verheirathet bin,« erwiederte Beat, »wahrlich, es ist meine ernstliche Absicht.« Sie sah nachdenkend und unzufrieden vor sich hin; Beat ging. »Was fällt Dir denn ein,« fragte der Doctor, »daß Du den Bodenwieler bange machen willst? Du, die sonst so sehr gegen alle Phantasterie eifert?« Sie antwortete: »Rede, was Du willst – mir ahnt nichts Gutes.«

Es war Sonntag; Beat hatte trotzdem eine Stunde in seiner Schule zu geben. Er kehrte in seine Wohnung zurück, um sich Bleistifte und dergleichen zu nehmen. Während er damit beschäftigt ist, fällt von seinem entfernt stehenden Secretair die Brustbüste Margueritens herab, und wenige Augenblicke nachher von der Wand gegenüber sein eigenes Portrait in Alabaster. Beide Gegenstände waren nicht angerührt worden, von Außen war keine Erschütterung gekommen. Beat, etwas blaß und betroffen, läuft im Vorbeigehen noch einmal zu Sinnich's hinauf, findet aber nur die Frau, erzählt ihr eilig, was vorgegangen, und setzt nachdrücklich, aber doch noch halb lachend hinzu: »Ich verspreche Ihnen, ich mache das Denkmal, sobald ich verheirathet bin.« Damit geht er fort und in seine Schule, welche er in dem alten Schlosse jenseits der Brücke hielt. Die Doctorin bleibt mit einer entschiedenen Angst bis zum Abend allein; da kommt ihr Mann und sagt: »Der Bodenwieler ist in der Schule auf einmal so krank geworden – ich muß doch hinüber, sehen, was er macht.« Er geht, kommt nach einer halben Stunde wieder: »Der hat die Darmentzündung, und ist, irre ich nicht sehr, unrettbar verloren.« – »Da siehst Du's, – Marguerite,« sagte die Doctorin blaß und leise.

Der Doctor hat mir sein Wort darauf gegeben, daß Beat am dritten Tage seiner Krankheit in derselben Stunde gestorben ist, wo das Jawort seiner neuen Braut aus St. Gallen eintraf. Erkläre man es, wie man es wolle, mit dem alten Spruche Shakespeare's oder mit dem bequemen Worte: »Zufall, nichts als Zufall.« Ich habe gethan, was ich mir vorgenommen, diese Geschichte erzählt. Eine Erklärung am Ende versprach ich nicht.

Beat und Marguerite sind wenigstens auf Erden getrennt – er liegt in Baden, und der kleine Marmor, den er als Probe kommen ließ, bildet seinen Leichenstein. Sein Grab besuchte ich nicht, wohl aber den neuen Kirchhof von Mellingen, wo das unbezeichnete Grab Margueritens ist. Es war an einem sonnigen Tage zu Ende August, die Aepfel waren fast reif, die Wiesen voll Herbstzeitlosen, im Städtchen brechte man Flachs, hackte Holz und schaffte Kartoffeln ein. Der Kirchhof lag ein Stückchen davon, an dem Scheidepunkte der beiden Straßen nach Luzern und Aarau. Pappeln umgeben ihn, eine Kapelle zeigt sich weiß, mit offener Säulenhalle. Ich hätte für Marguerite einen andern Grabort gewählt, mit mehr Schatten und mehr Ruhe, nicht so an der Landstraße, nicht so zwischen Aeckern. Doch wo wir ruhen, ruhen wir im Herrn, wenn wir geliebt wie Marguerite.

Die Urschweiz.

Der Vierwaldstätter See ist das heilige Wasser der Schweiz, nicht der gemachten von Achtzehnhundertfunfzehn, sondern der alten, wirklichen, lebendigen Schweiz. In silberner Drachengestalt liegt er, eingesenkt zwischen die Mythen von Schwyz, die Gletscher von Uri, die Hörner der beiden Walden, und um ihn herum liegen alle ersten Erinnerungen der Schweizer: Brunnen, Rüttli, Altorf, Zwinguri, Küßnacht. Und hier, wo diese Erinnerungen Grund und Boden haben, haben sie auch Poesie. Die Tellsage, welche mir in der französischen Schweiz so unsäglich widerwärtig geworden, wurde mir hier wieder lieb. Tell's steife Bildsäule auf dem Markte zu Altorf, der bemalte Thurm, welcher an dem Platze der Linde steht, unter die sein Knabe sich hinstellen mußte, Bürglen, sein umbüschtes Dorf, der Schächenbach, worin er ein heimathlich Grab gefunden, seine Platte mit ihrer kleinen Kapelle, Alles heischte und erhielt meine Aufmerksamkeit. Die Platte ist nicht ganz so hoch und gefährlich, wie man sie immer gemalt sieht, springt auch nicht von starren Felsen hervor, sondern ruht an einer lieblichen, obwohl steilen Mattenhöhe – nun was thut's? – der Sprung war immer ein guter und ein natürlicher dazu; denn wer wird sich selbst in's Gefängniß fahren, wenn er es anders machen kann? Gewiß wenigstens nicht ein Gemsenjäger, dem die Gefangenschaft wo möglich noch grauenhafter sein muß als einem civilisirten Menschen. Auch daß Tell den Herrn, welchen er so zu fürchten hatte, mit Bedacht und Schlauheit todtschoß, war natürlich – seine Landsleute würden heute noch dasselbe thun, wenn es sie drängte und sie könnten. Der ganze Tell ist natürlich, nur der Mann eines rücksichtslosen Naturvolkes und nicht das Ideal eines modernen Republikaners. Er hat die Republik nicht gekannt, sondern seinen Feind aus dem Hinterhalt getroffen wie eine Gemse, ohne allen innerlichen Kampf, ohne jede andere Ungewißheit als die über die Sicherheit seines Schusses. Wenn Goethe doch hier nicht Schillern gewichen wäre! Wir hätten dann einen wahren Tell.

Doch nicht allein durch die Sage, durch seine Natur fesselt der See der Urkantone. Wenn der Genfer aristokratisch und stereotyp, der Neufchateller alltäglich malerisch, der Bieler von romantischer Einsamkeit, der Zuger mit Grazie eingefaßt, der Zürcher überall lachend, der kleine Lowerger rührend-traurig, der Thuner, aus der Höhe gesehen, ein stilles Auge der Alpen ist, so ist der Vierwaldstätter von einer wundersam phantastischen Melancholie. Ich habe diesen Eindruck tief in mich aufgenommen, während wir zu allen Stunden und bei allen Beleuchtungen über den See hin und her schifften. Wir wollten diesen kennen, auswendig lernen, seine Buchten, seine Alpen, seine Vorgebirge und Bergzungen. Die längste von diesen, der Bürgen, erinnerte mich augenblicklich an einen Schnabel des Bucintoro. Wie schön am Abend die blaue Bergumgebung von Fluelen, gegenüber der einströmenden Reuß! Wie einfach und doch wie bedeutungsvoll die kleine Kapelle von Kindleinsmord, auf dem Hüglein zwischen jungen Tannen! Ich sah den Vater, wie er sein Söhnchen, das um Brod bittet, mit dem Kopfe an den Stein schlägt. Was die Schrift als Unmöglichkeit annimmt, hier ist's geschehen. Dann der Pilat, als Berg was der See als See ist, ja, recht eigentlich der Berg des Sees, ganz so zackig, so phantastisch, so drachenhaft, wie dieser. Luzern dürfte gar nicht am Vierwaldstätter See liegen, wenn es nicht den Pilat hätte, diesen Nebelkönig mit seinem Hofstaat von Teufelchen. Ich erkannte den Pilat augenblicklich, ohne daß man ihn mir genannt, so deutlich und wahrhaftig hatte ich mir ihn vorgestellt. Und ich wollte durchaus hinauf, aber sie versicherten mir Alle, für Frauen sei es völlig unmöglich, höchstens junge Herren gelangten hinauf, und auch die nur unter Angst und Gefahren; man müßte die Nacht im Freien zubringen, auf Baumstämmen über Abgrundsspalten hinweg – ich hatte bei dem Nebelritt von der Rigi herab meinen Muth messen können – es war ein kleines, sehr kleines Endchen Muth, und ich blickte den Pilat, den einzigen Berg in der Schweiz, auf den ich mich wirklich hinaufgewünscht, traurig an und fuhr nach Fluelen.

Von hier aus entschieden wir uns für den Weg nach der Teufelsbrücke. Wie der Pilat der Berg, so ist der Gotthardspaß die rechte Straße von und nach dem Vierwaldstätter See und von den großen Verbindungswegen, welche die Ströme den Menschen durch die Gebirge gebahnt, gewiß einer der fahrwürdigsten. Goethe war ihn hinangewandert – wir halten diese Erinnerung gebührend an Ort und Stelle. Desgleichen vergegenwärtige ich mir mit Vergnügen die wilden tyrolischen Längenthäler und ebenso mit einem Lächeln den Brenner, der gegen diesen energischen Durchbruch der Alpen sich ausnimmt wie ein Blumenpfad neben einem Klippensteige. Wie es im Frühling hier sein möge, war auch leicht sich auszumalen – die Lawinenbetten, die jetzt versiegten Bäche, die weißen Wasserfälle, wir durften sie uns nur gefüllt, geschwellt und überbrausend denken, und wir hatten den Frühling im Reußthale. Etwas fiel mir noch fortwährend ein – der Franzose, welcher in Töpfer's Schilderung vom großen Bernhard durchaus auf die Lawine gefallen sein will und die höfliche Einwendung: »Aber, mein Herr, gewöhnlich fällt die Lawine auf Sie,« gar nicht beachtet. Hier würde die Lawine unfehlbar auf ihn gefallen sein und er mit ihr unfehlbar in die Reuß. Wenn schon im ganzen Thale die Blöcke wie ein Hagelschlag lagen, wilder noch ward's im Schöllenenthal, von Göschenen hinauf zur Teufelsbrücke. Rechts erschien in einiger Entfernung die prächtige Gruppe der Göschenen Gletscher und links bog die Schlange der Straße zwischen die starren, aufrechtstehenden Felsenhöhen hinein. Ein kleiner Bube, begleitet von einem gleich kleinen schwarzen Pudelchen, bot uns hier Krystalle vom Gotthard an, Rachtepasse, wie der Rauchtopas in der hiesigen Sprache heißt. Die Gemsenjäger bringen diese und andere Krystallisationen aus den verborgenen Grotten mit herab und verkaufen sie an Knaben, denen sie die Namen davon lehren. Die Knaben ihrerseits verhandeln sie an die Fremden – wir hatten in Amsteg welche ausgewählt, mochten jedoch den Kleinen nicht abweisen und nahmen seine beiden Stückchen für anderthalb Batzen. Die Münze war ihm fremd; gravitätisch ging er zum Kutscher und erkundigte sich, wie viel es wäre. Der sagt' es ihm. »Einen und einen halben Batzen?« fragte er, »dann dank' ich schön.« Wir kamen bald darauf langsam genug im feuchtkalten Nebelsturme an die Teufelsbrücke. Sie überraschte uns nicht – die vielen Brücken vorher hatten uns vorbereitet, aber sie befriedigte. Die alte verlassene unter ihr würde den Blick anziehen, ginge nicht schon viel früher eine über den grünweißen Strom, die auch verlassen, grün bewachsen und mit abgebrochenen Brüstungen daliegt und dabei viel besser gesehen werden kann. Von Regenbogen auf dem Sturz war weder an diesem, noch am folgenden Tage die Rede, obgleich wir in schöner, heißer Sonne nach Fluelen zurückfuhren. Denn wir fuhren zurück – wir machten es Goethe nach, doch nicht um es ihm nachzumachen, sondern weil wir nicht anders konnten. Schnee war in der Nacht von Neuem gefallen, sowohl die Furca, wie der Paß nach Bündten schwierig zu unternehmen geworden, und das Thermometer zeigte im Zimmer nur sieben Grad. Wir schwankten ein wenig zwischen Links und Rechts, zwischen den Rheinquellen und den Rhonegletschern, dann sagte ich gefaßt: wir wollen zurück. Goethen ward es schwer, von hieraus nicht nach Italien hinabzueilen, sondern freiwillig umzukehren. Hätten wir Italien nicht verwüstet, verstört, für eine Zeit verwandelt gewußt, es wäre uns ebenfalls nicht leicht gewesen; vielleicht war es uns auch nicht leicht, aber wir fuhren mit würdiger Ruhe nach Fluelen zurück.

Am späten Abend, als wir zum letzten Male auf dem scheinend blauen See schwankten und die halbumwölkten Berge uns einen feinen Nebelregen in das Gesicht sprühten, da ergriff uns wehmüthiger und mächtiger denn seit lange die Sehnsucht nach einem Hause. Im Herbst möchte man einfliegen wie im Frühling aus – wir konnten's nicht; ungewiß lag auch dieser Winter wieder vor uns. Otto sagte tröstend: »Laß gut sein, besser Liebe ohne eine Heimath, als eine Heimath ohne Liebe.« Ich drückte ihm die Hand, aber ich mußte mir doch einige bittere Thränen abtrocknen.

Ein Sonnenaufgang auf der Rigi.

»Und wenn Sie in die Schweiz kommen, so reiten Sie hinauf auf den Rigi. Den Rigi müssen Sie sehen, es ist eine gar zu große Herrlichkeit« – so sprach vor drei Jahren in Breslau Dr. Anton Theiner, drückte mir zum letzten Male herzlich die Hände und ließ uns fortfahren nach Venedig.

Wenn wir nach unserer Heimkehr durch Tyrol und nicht durch die Schweiz, bisweilen davon redeten, ob, wie und wann wir diese letztere besuchen würden, so fragten wir uns jedes Mal: »Und werden wir auch Theiner's Willen thun?« Und Eines gestand dann immer dem Andern: »Du, ich habe eigentlich gar keine Sehnsucht auf den Rigi.«

Wir waren fast seit einem Jahre in der Schweiz, doch Kummer und Radikalismus, Kranksein und Ueberdruß am Leman nahmen uns dermaßen ein, daß wir des großen Rigi vielleicht kaum einige Male und da stets nur mit der größten Gleichgültigkeit gedachten.

In Baden am Stein lernten wir, daß man nicht der Rigi, sondern die Rigi sagen müsse. Wir nahmen diese Belehrung ebenfalls mit vollkommener Gleichgültigkeit an, denn wir beabsichtigten durchaus weder auf den, noch auf die Rigi hinaufzureiten.

Jede Schweizergegend fast hat ihr Nizza oder ihr Italien, nämlich irgend einen Ort, wo irgend Etwas im Freien wächst. Von Genf sollte es Morner, Richterschwyl von Zürich, von Luzern endlich Wäggis sein. Wir wollten nach diesem Nizza. Ein Engländer, der mit einer englisch häßlichen Frau und einer gleichen Tochter auf dem Dampfschiffe saß, fragte mich, ob auch wir »to the Rigi« gingen. »O nein,« antwortete ich, »auf den Rigi geht oder reitet Jedermann; ich liebe das nicht; wir bleiben in Wäggis.« Vier Stunden später sagte ich zu dem Engländer auf dem Kulm: »Very happy to see you.« Wäggis-Nizza war eins von den prosaischen Dörfern, wie sie an den Schweizerseen liegen, und der Sohn und Kellner des einzigen Gasthofes ein so unbeschreiblich langweiliges Geschöpf, daß ich vor Langeweile gestorben wäre, hätte ich mich nur acht Tage lang von ihm bedienen lassen müssen. So ritten wir denn, um doch Etwas zu thun, auf die Rigi.

Wenn in künftigen Jahrhunderten von diesem unserm Jetzigen und nebst seinen Sitten auch von seinen Absonderlichkeiten geschrieben werden wird, so wird man in irgend einer Novelle folgende Schilderung zu lesen bekommen:

»Es gab in jener Zeit« – ich sage mit Bedacht: es gab, denn die Rigi könnte dann ja eingefallen, oder die Schweiz ein unbekanntes Land geworden sein, also – »es gab in jener Zeit einen Berg, der hieß Rigi. Dieser Berg war, was viele andere Berge auch sind, so und so viel tausend Fuß hoch, übrigens durch keine eigenthümliche Merkwürdigkeit ausgezeichnet, man müßte denn als eine solche annehmen, daß man von seiner Höhe aus elf kleinere und größere Seen sah. Ob mit oder ohne Grund, genug, dieser Berg war »in die Mode gekommen«, wie man damals sprach, d. h. man mußte ihn gesehen haben. Weil man das nun mußte, kamen aus Europa und Amerika, zuweilen auch aus andern Welttheilen, aber hauptsächlich doch aus diesen beiden, und aus Europa hauptsächlich von England, Leute beider Geschlechter und jeglichen Alters und ritten oder stiegen auf diesen Berg hinauf. Sie hießen die Rigireisenden. Waren sie auf der Höhe, welche die Kulm genannt wurde, so hüllten sie sich in Mäntel und Tücher, brachten Lorgnetten und Operngläser an die Augen, ließen sich von den Führern, die sie hinaufgeleitet, die Namen der verschiedenen Seen nennen und suchten die Sonne. Wenn diese sich sehen ließ, so war das »Panorama«, wie man den Anblick nannte, ein sehr prachtvolles: die Seen blitzten, die Gletscher wurden roth und die Bergspitzen schwammen in einem blauen Oceane. Es geschah jedoch äußerst selten und man nannte es der Seltenheit wegen den »Sonnenuntergang vom Rigi.« Geschah es nicht, lag das Panorama in Bleigrau da, so zogen die Rigireisenden sich frierend und gelangweilt – nebenbei, das Gelangweiltsein war eins ihrer kenntlichsten Merkmale – gelangweilt und frierend also, in das Haus zurück, welches von Holz auf dem Kulm erbaut worden war. Dort schliefen sie, bis die Stunde des »Sonnenaufgangs vom Rigi« gekommen sein sollte. Diese Stunde war indessen noch ungewisser als die des Sonnenunterganges. Unter hundert Rigireisenden schlug sie nur für zehn, die übrigen neunzig ritten oder stiegen wieder hinunter, ohne die Sonne gesehen zu haben, gewöhnlich im dichten Nebel, häufig im starken Regen und manchmal sogar im Schnee. Das nannte man die »Tour auf die Rigi.«

Die Rigi ist trotz ihrer ganz alltäglichen Gestaltung ein Auszug der gemäßigten Alpennatur. Die Obstbäume, selbst die weicheren, an ihrem Fuße, das Laubholz auf ihrer Mitte, weiter die Tannen, endlich die Steilheit und die Nacktheit, zusammengewachsene Felsenriffe, einzelne seltsame Steine, den Epheu, die Quellen und die Mattenblumen, die blaue Tiefe zu den Füßen und das letzte spärliche Gras oben, sie hat Alles – wer einen Tag und eine Nacht zu verlieren hat, reite hinauf und sehe zu, ob er die Sonne zu sehen bekommt; aber doch hat »die Tour auf die Rigi« am meisten meine heftige Begierde gezähmt, den Pilatus, diesen Brocken der Schweiz, in seiner Unbesuchtheit zu stören.

Im Hotel Weber.

»Und so reisen Sie wirklich heute Abend noch?« fragte ich den Grafen Wladislav.

»Calclire, muß sein,« versetzte er.

Wir saßen im südlichen Fenster eines Salons im ersten Stock des Hotel Weber. Es war ein trüber Tag, welcher eben in einen trüben Abend übergehen wollte. Die Waldhöhen, zwischen denen der Rhein hervorkommt, fällt und sich weiter windet, waren bunt und feucht, der Rhein sah so dunkelgrün aus wie das Glas der Römer, aus denen sein Wein getrunken wird; der Fall erschien noch weißer als gewöhnlich.

Das Hotel Weber ist ein unwillkürlicher Stelldicheinort für alle Welt. Wir waren dort von mehreren Bekannten getroffen worden, unter andern von Wladislav, und hatten eine Menge Bekanntschaften gemacht, zuerst die des zweiten großen Unbekannten Charles Sealsfield. In dem »Süden und Norden« dieses Verfassers hatte Wladislav eben an diesem Nachmittage eifrig studirt, und so kam es, daß er mir halb absichtlich und halb absichtslos auf gut kentuckisch antwortete.

»Kommt mir vor, wär' noch nicht nöthig,« sagte ich lachend in derselben Weise.

»Sag' Euch, muß nach Hause,« antwortete er höchst ernsthaft.

Wladislav war groß, schlank und dunkelblond. Sehr gehalten in seinem Betragen, sehr überlegt in seinen Handlungen, und dabei doch der seltsamsten Extravaganzen fähig, nur daß er sie eben auch so gelassen unternahm und zu Ende brachte, wie alles Andere. Was ich an ihm sehr gern hatte – er war originell wie ein Kind, ohne es zu wissen. Vollkommen ruhig in der Gewißheit, es gerade so zu machen wie Jedermann, wunderte er sich ungemein, wenn man sich über ihn wunderte. Wir kannten uns schon mehrere Jahre – er mochte ungefähr fünf- bis sechsundzwanzig sein, dabei Herr über drei- bis viermalhunderttausend Thaler. Jetzt war er unsertwegen vier Tage hiergeblieben, wir hätten ihn gern noch länger gesehen, aber er wollte sich nicht länger mehr halten lassen.

»Was versäumen Sie denn aber?« fragte Otto.

»Haben Sie gar kein Heimweh, nicht Sie, und Sie auch nicht?« fragte er uns Beide.

»Und wenn wir's haben – wir müssen doch noch hier bleiben.«

»Um ein Buch zu schreiben, das überall just eben so gut geschrieben werden kann, einen Brief zu erwarten, der nichts Gescheidtes bringen wird, denn Briefe, auf die man so wartet, bringen nie etwas Gescheidtes.«

»Sie sind sehr tröstlich.«

»Ich will Sie gern hier fort haben. Sie entwickeln ein schreckliches Talent zum Sitzenbleiben. Ich sehe Sie noch den ganzen Winter über hier kleben und dann im Frühjahr mit Mr. Sealsfield nach Louisiana fahren, um sich dort, wie er Ihnen versprochen hat, in eine Blumenvase setzen zu lassen.«

»Er hat ihr auch verheißen, sie könne vielleicht eine kleine Revolution zu Stande bringen,« bemerkte Otto.

»Wollen Sie das etwa?« fragte Wladislav feierlich.

»Nein,« antwortete ich lachend, »eine Revolution in Amerika machen, lockt mich nicht. Mein kleiner gigantischer Wunsch – Sie wissen, Jedermann hat einen solchen, nur größer oder winziger, – meiner also wäre ein hübsches, niedliches, comfortables Privat-Königreich im Orient.«

»Wo Sie das biblisch-patriarchalische Verhältniß zwischen Herren und Sklaven einführen würden, welches Mr. Sealsfield so wunderschön findet?«

»Sklaven würde ich natürlich kaufen. Wie sollte man es denn anders machen?«

»Vollkommen einverstanden, Majestät. Und wie würden Sie denn heißen? Sie haben Mr. Sealsfield Herrn über Neger, Alligatoren und Klapperschlangen genannt – welchen Titel wollen Sie annehmen?«

Ich ließ den Scherz fallen und sah trübselig hinaus. Wenig elastisch in meiner Stimmung, wurde es mir jetzt leicht zu mühsam, den Federball des Humors zu werfen.

»Glauben Sie mir, kommen Sie zurück,« fing Wladislav nach einer Pause wieder an, aber jetzt ernsthaft. »Da nun einmal für den Augenblick Mr. Sealsfield im Zenith Ihrer Schätzung steht –«

»Bekennen Sie es,« unterbrach ich ihn, »Sie sind etwas vaterländisch eifersüchtig auf den ›überseeischen Autor‹.«

»Aergerlich eher, weil er Deutschland so ganz und gar herunterreißt.«

»Glauben Sie mir, wenn er das thut, verabscheue ich ihn so von Herzen, daß ich mich am liebsten mit ihm auf Tod und Leben schießen möchte. Aber er thut's nur in Stunden. Gewöhnlich ist er gar nicht so hyperamerikanisch, dagegen ganz human und deßwegen mit seiner in die literarische Civilisation verkleideten Urwäldlernatur sehr lieb und wacker.«

»Das ist eine curiose Lobrede,« sprach Wladislav kopfschüttelnd, »die haben Sie sich vermuthlich ganz eigens für Sealsfield ›auscalculirt‹.« »Aber,« fuhr er, wieder zu seinem vorherigen Gedanken zurückkehrend, mürrisch fort, »warum, wenn er Deutschland so geringachtet, hat er sich die Mühe gegeben, Deutsch zu lernen? Warum fuhr er nicht in aller Bequemlichkeit fort, Englisch zu schreiben? Bei uns konnt' er ja sicher sein, übersetzt zu werden?«

»Warum haben Sie ihn das nicht gefragt, ehe er gestern abreiste?«

»Ich wollt' es thun, da sah ich einen Regenbogen auf dem Fall, das zerstreute mich.«

»O diese Regenbogen sind hier sehr häufig,« warf ich nachlässig hin.

»Freilich, wenn man vier Wochen am Rheinfall sitzt, ist's das Wenigste was man gewinnt, so von den Regenbogen auf ihm reden zu können. Es ärgert mich – ich möchte Sie entführen und mit Gewalt nach Deutschland zurückbringen. Daß Sie nicht schon an der bloßen Sehnsucht nach Musik verschmachten, bei der Unmöglichkeit, ein gutes Piano zu finden, und bei der zweiten Unmöglichkeit, selbst das schlechte Piano ohne horrende Kosten gestimmt zu kriegen!«

»Herr Weber wird nächstes Frühjahr ein gutes Piano kaufen.«

»Auf welchem Sie jetzt schon im Vorgefühl spielen können – sehr genügend! Und dann diese Einsamkeit – das ganze Hotel ist ja schon leer geworden.«

»Schade genug,« sagte ich, »es sollte im Winter benutzt werden so gut wie im Sommer. Diese hohen, großen Zimmer, diese freie Lage in der Gegend, welche es einem mehr und mehr anthut, je länger man sie sieht, die freundliche Familie, welcher es wirklich so Ernst ist –«

Wladislav wollte mich unterbrechen – ich ließ es nicht zu, sondern fuhr fort: »und diese Stille – wirklich, kein Ort ist mehr zu einem Schriftsteller-Einsiedeln geeignet als dieses Hotel.«

»Oder zu einer Schriftsteller-Colonie,« bestätigte Otto.

»Sogar zu einer Schriftsteller-Colonie!«

Wladislav hielt sich die Ohren zu. »Still, wenn Sie Beide erst mit Ihren Extragedanken anfangen, so sind wir den nächsten Augenblick mitten in der willkürlichen Absurdität, und vor der fürchte ich mich, denn man kann sie bei einiger Uebereilung für die Vernunft nehmen. Ich sage Ihnen, alle Schriftsteller-Verbindungen sind unheilsvoll – aus einer jeden wird eine Schule, in jeder Schule herrscht Zwang, und jeder Zwang drückt den Geist, der nur ein Element hat – die Schönheit in der Freiheit. Aber eben so wenig taugt für den Schriftsteller einsiedlerisches Vornehmthun. Im Gedräng soll er sich Bahn brechen, sich an die Ellenbogen stoßen, auf die Füße treten lassen –«

»Da wäre ich Ihnen bei der Tombola auf dem Markusplatze wahrhaft idealisch erschienen, denn gedrängter kann es kein Gedränge geben – man wurde nicht nur gestoßen und getreten, sondern auch gelegentlich etwas entzweigedrückt.«

»Werden Sie denn ernsthafte Dinge nie ernsthaft behandeln lernen, oder zu behandeln die Gnade haben?« fragte Wladislav mit dem Uebersehen des Mannes, des durch die Gymnasialklassen geläuterten und in den verschiedenen Collegien verschiedener Universitäten vollendeten Mannes. »Was ich meine und was Ihnen auch Sealsfield sagte – wenn Sie auf Ihr Vaterland wirken wollen, so müssen Sie in und mit Ihrem Volke leben.«

»Ja,« sagte ich geängstigt, »wenn nur die unglückliche Zweiheit in meiner Natur nicht wäre! Intellectuell bedarf ich Deutschlands, physisch der Sonne, folglich des fernsten Südens oder des Orients, denn das werden Sie mir doch eingestehen – die Sonne scheint in Deutschland nicht recht.«

»Scheint sie hier in Schaffhausen mehr?«

»Wenigstens eben so viel wie anderswo in der Schweiz.«

»Ja,« sprach Otto, der es bei Wladislav immer darauf anlegte, mit ganz ungehörigen Dingen dazwischen zu kommen, »ich finde, man thäte viel gescheidter, sich hier in Pension zu geben, als im Waadtlande, wenigstens die letzten Herbst- und die ersten Frühlingsmonate. Veranlassen Sie doch recht viel Landsleute dazu – wir wollen's auch thun.«

»Man soll sich gar nicht in Pension geben,« schrie Wladislav ungeduldig, »das ist eine moderne Albernheit. Man soll entweder vernünftig zu Hause bleiben oder ordentlich reisen, aber nicht wie Sie sich immer zehn oder zwanzig Meilen weiter von einem Schreibtisch an den andern schieben.«

»Sie haben klug reden,« rief ich, auch ungeduldig. »Wenn man nun kein eigen Haus hat und von zehntausend Hindernissen im ordentlichen Reisen gehemmt wird?«

»Die Zahl ist wieder gigantisch. Sie würden mit Cockley einen ganz harmonischen Dialog führen.«

»Und wo sind Sie denn den ganzen Sommer über gewesen?« fuhr ich fort. »Auch in der Schweiz. Also –«

Er bat schön, ich solle nicht böse sein – ich habe Recht. Dann fragte er mich, wie viel ich an meinem Buche noch zu schreiben habe. Ich antwortete ihm, ich müsse, um die gehörige Form heraus zu bekommen, noch eine meiner Schweizer-Erinnerungen ausarbeiten. Ob ich da nicht eine Novelle von ihm als Schluß annehmen wolle? Sie sei noch nicht ganz fertig – er habe sie, angeregt durch das Geschwätz mit uns, am vorigen Morgen angefangen und in der Nacht so weit gebracht wie sie jetzt sei. Sie spiele im Waadtlande, unter den Heimathlosen, von denen ich doch gehört? »Wer hätte im Waadtlande nicht von den »Hehmathlosen« gehört, wie sie's dort aussprechen,« sagte ich. »Nun gut,« sprach Wladislav, »wollen Sie da meine Erzählung hören? Nämlich, ich erzähle, und Alles ist mir buchstäblich begegnet.« Ich sah ihn lächelnd an. – »Ich betheure es,« sprach er. So hieß ich ihn sein Manuscript holen und wollte sehen, ob es gut genug sein werde, um mir eine Mühe zu ersparen.

Wir hatten etwa noch eine Stunde bis zu Wladislav's Abfahrt. Die Lichter des Dorfes Neuhausen brannten röthlich links in der Senkung diesseits des Rheins, die im Schlößchen Laufen blinkten rechts auf der jenseitigen Erhöhung. Der weiße Fall spielte und rauschte geisterhaft durch die dunkle Nacht. Sonst war die ganze Gegend einsam, das ganze Haus still, und Wladislav las:

Die Heimathlosen.

Ich kam im September vorigen Jahres in Vevey an. Sollt' ich den Winter über am Genfer See bleiben? – ich wußte es noch nicht. Ich kannte ihn schon, ohne je an ihm gewohnt zu haben. Die Luft war nicht blos warm, sondern heiß – das that mir wohl – in Dresden war's so kalt gewesen. Ich will hier bleiben, dacht' ich, als ich in den »drei Kronen« am Fenster meines Zimmers stand. Warum nach Italien? Ist's dein Italien? dein Bilderland? In Neapel, in Sicilien der König gegen Etwas, das Constitution heißt und es nicht ist. In Rom der Radicalismus gegen den armen Pius, welcher hätte der auferweckte Sixtus V. sein müssen, um wollen zu dürfen, was er gewollt. In Mailand unmöglich etwas anderes als Krieg, in Venedig endlich – ja, was war denn in Venedig? Ich konnte nicht wissen, ob Heldenmuth, ob kindische Einbildung. So blieb ich am Genfer See.

Ich empfehle die »drei Kronen«! Sie sind nicht zu theuer für den, der Geld hat, und sehr unterhaltend für den, welcher keine Gesellschaft braucht. Ich brauchte keine, war mir selbst genug, aß auf meinem Zimmer. Nicht daß ich trübsinnig gewesen wäre, melancholisch über die Zeit, wie es eben Mode war. Es hat noch ärgere Zeiten gegeben, wird noch ärgere geben. Die Welt geht eben noch nicht unter, wenn es mit ihr auch einmal drüber und drunter geht. Es ist dergleichen blos ein Ausrecken der gewaltigen Menschheitsglieder, die da Völker heißen. Etwas Geräusch, etwas Störung, dann ist's wieder gut und der wundervoll riesige Organismus vollführt weiter, was zu vollbringen ihn Gott lehrt. Wenn wir an der Menschheit zweifeln wollen, wie wollen wir denn da an uns glauben?

O mein Vaterland, Deutschland, Heimatherde, an deiner Grenze sitz' ich, da ich dieses schreibe! Der Rheinfall rauscht unten – ich bin seines Rauschens schon gewohnt, hör' es nur, wenn ich eben daran denke. Es ist hier fast wie in Deutschland – nein, es ist ganz wie am Rhein, wo er unser ist – Rebenhügel, Wald, Felsen – Alles lieblich, einfach poetisch. Und herüber weht's wie vom Siebengebirg. Und ich bin im Geist auf jenen Hügeln, labe mich an jenen Trauben, sehe, Mondscheinerscheinung, the castled cliff of Drachenfels, sumse vor mich hin von Heine:

Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und unten flimmert der Rhein –
Der Gipfel des Berges funkelt
Im klaren Mondenschein.

O, der Rhein ist ein Heim Heinescher Lieder, wie Heidelberg eines für Uhlandsche, und ich lieb' den grünen Rhein und den hellen Neckar und die blaue Elbe, und du, ganz Deutschland, bist mein Schatz, mein Heiligthum und meine Hoffnung, und böte man mir die ganze übrige Welt dafür, ich vertauschte mein Deutschland nicht.

Einer Brustwunde wegen sollte ich in's Warme. Bei einer Barrikade am Pfingstfeste in Prag hatte ich sie bekommen. Ich war gerade auf dem Hradschin, als es unten in der Stadt anfing. Um nach meinem Hotel zu kommen, mußte ich über mehrere im Bau begriffene Barrikaden. Bei der einen wurde ich angehalten und sollte helfen. Ich weigerte mich; natürlich, wo werde ich? Ein Stoß in die Brust streckte mich nieder – ein wüthender Student war's, der ihn gab. Mit Hülfe einiger minder patriotischen Musenjünger rettete mich ein junger Kurländer, der mit mir war, und – klüger als ich, sich nicht geweigert hatte. Todtkrank lag ich den ganzen Pfingsttag über, während Kleingewehrfeuer, Kanonendonner und Sturmläuten abwechselten – gerade keine angenehme Musik, wenn man in die Brust gestochen ist. Am nächsten Tage mußten alle Fremde aus der Stadt – wie sie mich fortgebracht, weiß ich nicht recht. Aber ich kam auf die Elbe und auf der Elbe nach Dresden, welches seine Barrikaden noch erwartete. Dort genas ich langsam, doch die Brust blieb angegriffen. Und deßwegen saß ich jetzt am Genfer See.

Er ist schön, besonders wenn man ihn nicht zu lange sieht. Manche Gegenden kann man nicht genug sehen – der Genfer See ist keine davon. Doch gefiel mir's recht gut, nur ein Bischen langweilig war's. Gerne wäre ich manchen Tag noch wo anders hin gereist, aber ich wußte nur nicht wohin. Ausdrücklich war mir die Politik untersagt, damit ich mich nicht aufregen möchte, und wo konnte ich hoffen ohne Politik zu leben, wenn nicht in der Schweiz, die gerade ruhig war? So schickte ich mich denn in Geduld, las was ich eben fand, und ging spazieren, wenn es nicht allzu heiß war.

Bald wurde es mir öfter etwas zu scharf, dann saß ich am Fenster, sah den See blau sein, grau, grün, schwarz und dann wieder blau werden, und hatte Gedanken, bisweilen dumme, manchmal aber auch recht vernünftige.

Auf meinen Spaziergängen unterhielt ich mich öfter mit den Bewohnern der vielen kleinen Dörfer, die von Vevey nach Villeneuve zu liegen. Die Leute waren prosaisch, aber auch recht vernünftig, und interessirten mich, wie etwas Gleichgültiges interessiren kann.

Eines Tages erzählte mir ein junger Mensch von einem Diebstahle, der in Clarens begangen worden. Eine Uhr oder dergleichen. Die Heimathlosen sollten es gewesen sein.

»Die Heimathlosen?« fragte ich, überrascht durch das deutsche Wort in dem französischen Munde.

»Ja, Monsieur, so nennen wir die Leute, welche keine Papiere haben und deßwegen überall vertrieben werden.«

»Und wo sind sie denn da?«

»Dort oben, in den Wäldern gegen Freiburg zu.«

»So duldet man sie hier im Canton?«

»Ja, Monsieur, man kann sie doch nicht fortjagen.«

»Wenn man es überall thut –« sagte ich ironisch.

»Irgendwo müssen sie doch bleiben können,« meinte der junge Mensch.

Ich lobte die Menschenfreundlichkeit des Cantons und fragte dann: »Aber wovon leben sie?«

»Sie machen Körbe und andere Dinge – betteln, stehlen.«

»Kommen sie in die Kirche?«

»Nie.«

»Aus welchem Stamme sind sie?«

»Man weiß es nicht.«

»Woher sind sie gekommen?«

»Man weiß es auch nicht. Wir nennen sie die Heimathlosen.«

Die Heimathlosen – die Zigeuner sind heimathlos. Waren die Heimathlosen in den waadtländischen Gebirgen Zigeuner?

Ich fragte rechts und links. Kein Aufschluß. Die Waadtländer sind so gelassen über Alles, was nicht entweder sie selbst, oder Kaiser und Könige betrifft. Immer bekam ich dieselbe Antwort: »Man weiß nicht, wer sie sind, man weiß auch nicht, woher sie kommen – wir nennen sie die Heimathlosen.«

»Kommen sie denn nie herunter?« fragte ich eines Tages ungeduldig, »da sie doch ihre Körbe verkaufen –«

»Diesen Morgen ganz früh war eine Frau von ihnen hier,« antwortete mir der dümmste der sehr dummen Kellner.

Ich war sehr verdrießlich. Es war nun schon tiefer Spätherbst – die »drei Kronen« langweilten mich bereits etwas – eine Heimathlose wäre mir eine Zerstreuung gewesen. Der Kellner erhielt den ausdrücklichen Befehl, jedes sich zeigende Individuum dieser geheimnißvollen Kaste zu mir zu führen, und wäre es auch um fünf Uhr Morgens. Der Kellner sah noch dümmer aus als gewöhnlich – er wunderte sich.

Acht Tage gingen hin. Nicht ein Heimathloser. »Unerträglich!« rief ich am neunten Tage. Ich will es nur gestehen – ich vegetirte in einer trostlosen Einförmigkeit, und es ist kaum glaublich, wie sich bei einem solchen Zustande alle Gedanken krankhaft auf einen Gegenstand heften können. Meine Ungeduld wurde wirklich nervös. Die Heimathlosen reizten mich, peinigten mich, ließen mir keine Ruhe. Ich wollte zu ihnen, da sie nicht zu mir kamen. Entschlossen erkundigte ich mich nach dem Wege.

»Erlauben der Herr Graf,« sagte der Kellner, »Sie werden doch nicht dieses Gesindel besuchen wollen?« Der Kellner war – ein Landsmann von mir.

»Warum denn nicht?« fragte ich kurz.

»Das Gesindel ist sehr unsicher.«

»So?«

»Ja gewiß – es ist ihm nicht zu trauen.«

»Wie der Bauer von der Viper sagte,« murmelte ich, an Shakespeare denkend. Dann dankte ich dem Kellner für seine Warnung und versprach ihm, mich in Acht zu nehmen. Den andern Morgen steckte ich meine Pistolen ein, aber nur wenig Geld, ließ mir noch einmal die Richtung andeuten, in welcher die Heimathlosen hausen sollten, nahm eine Tasche mit Brod und Wein um und machte mich auf.

Meine Brust war nun wieder so weit gut, daß ich diese Entdeckungswanderung wagen durfte. Und hätte ich auch gewußt, daß es mir schaden würde, ich hätt' es doch gethan.

Die Gegend werde ich nicht erst beschreiben. Von jeher sind mir die Localitätsschilderungen unausstehlich gewesen. Was kann dem Leser daran liegen, ob, während eine Begebenheit vor sich geht, rechts der und der Fluß, links die und die Stadt und im Hintergrunde das und das Gebirge zu sehen gewesen? Vielleicht versteh' ich es nicht, aber ich kann nun einmal dergleichen in sein sollende Poesie übersetzte Landkarten nicht leiden und sage von der Gegend nur ganz schlechtweg, daß sie aus Gebirgen und Tannenwald bestand. Abgestorbene Bäume hie und da, bisweilen Felsen, Bäche, manchmal ein wenig Gefahr auf den überschwemmten Steinen – es waren unermeßliche Regen gefallen, auch Schnee hatte es hier oben schon gegeben. Tiefe Stille, völlige Einsamkeit – die letzten Sennhütten waren längst hinter mir geblieben – kein rüstiger Waadtländer kam mir mit einer Holzladung oder einem Baumstamme entgegen – ich stieg allein im menschenleeren Walde hinan.

Menschenleer – war er's? Die Heimathlosen sollten ja hier horsten wie die Raubvögel, sich verbergen wie die Schlangen? Noch hatte ich indessen keine Spur von ihnen entdecken können.

Da plötzlich zwischen hohen Tannen eine kleine Strecke Schnee wie ein glatter Teppich, und darauf, in das Dickicht hineinführend, frische, tief eingedrückte Fußstapfen.

Ich war, wo ich sein wollte, sah, was zu suchen ich hier herauf gekommen war.

Warum hemmte ich meinen bisher raschen Gang?

Mein Herz hatte eine stärkere Bewegung angenommen. Fürchtete ich mich? An der Barrikade, umbrüllt von tobenden Schwachköpfen hatte ich nur Verachtung empfunden, hier – schauerte mich.

Wenn wir auf uns allein angewiesen sind, einer zugleich ungewissen und möglichen, zugleich sichtbaren und räthselhaften Gefahr gegenüber – es ist das ein eigenes Gefühl. Die Civilisation verwöhnt uns so sehr, immer auf den Beistand außer uns zu zählen, welcher Gesetz heißt, daß es uns wohl seltsam zu Muthe sein darf, wo er nicht ist. Die Amerikaner behaupten sogar, wir Deutschen riefen, ehe wir uns unserer Haut zu wehren wagten, immer erst pflichtgehorsamst nach der hohen Polizei. Das ist bei mir wenigstens nicht der Fall gewesen – gerieth ich beim Berliner Carneval etwa in eine Schlägerei, so gebrauchte ich meine Hände tüchtig. Man warf mich hinaus, doch nicht ungerächt. So konnte ich mich denn ziemlich auf mich verlassen, allein hier handelte es sich um etwas mehr, als den Berliner-Schönen auf die wunderbare Manier, wie man sie vielleicht nur dort kennt, den Hof zu machen.

Mein Vorrath war noch unangetastet. In einer Sennhütte hatte ich für einen Frank ein Alpenfrühstück eingenommen, wie die Schweizer Schriftsteller es seit zweihundert Jahren auf deutsch und lateinisch gerühmt haben: Honig, Brod, Butter, Käse und Crême; denn nie bekommt man Milch, immer nur Crême. Meine Tasche war also voll, und ich setzte mich auf einen Baumstrunk, brach Brod und trank aus meiner Flasche. Kraft wollt' ich gewinnen für jeden Fall – der Gesättigte hat Muth; der Hungrige, welcher friert, schwerlich.

Der Himmel war fahl, die Luft nicht rauh, aber feucht, durchfröstelnd, um mich her Einöde, mir zur Seite die Spur der Fußstapfen.

Ich aß mein Brod ungewöhnlich langsam, als hätte ich keine gute Zähne mehr. Endlich schämte ich mich, stand auf und dachte: »Nun ist's wahrlich Zeit. Im Schweiße deiner Stirn hier herauf zu klettern, um hier auf einem alten Baume sitzen zu bleiben und trocknes Brod zu essen – es wäre eine Schande, die nicht mehr zu verlöschen wäre. Die Heimathlosen sind ja eben nichts mehr als arme Korbmacher und dergleichen – an's Todtschlagen werden sie, weiß der Himmel, nicht denken, vielleicht dein Geld dir abbetteln – gut, dazu hast du's ja mitgenommen. Und wollten sie etwas Anderes, gut, so wolle du dich tüchtig wehren, und nun vorwärts.«

Ich folgte der Spur, drang langsam und vorsichtig weiter in das Gebüsch ein. Verwirrt war's wie kraus Haar. Die Zweige schlugen mich in die Augen, streiften mir beinah die Mütze vom Kopfe. Der Nachtreif hing hier noch an den Nadeln, kalte Tropfen fielen in mein Haar, auf meine Stirn. Naß geworden und doch erhitzt erreichte ich endlich eine Lichtung. Eine Hütte stand da, ein Hund schlug an. Die Hütte war ein Dach von Tannenreisern auf einem Viereck von Stämmen und Zweiggeflechten. Auf einer Skizze hätte sie sehr malerisch ausgesehen, in der Wirklichkeit war sie buchstäblich ein Wohnplatz der Armuth. Desolation, anders kann ich keinen Ausdruck finden für sie selbst und ihre Umgebung von Tannen, Gestrüpp, etwas Reisholz und einigen Krautköpfen. Ja, Krautköpfe waren da, und Kartoffeln mußten auch da gewesen sein, denn ich sah ein Paar auf dem bischen Acker liegen, wozu die Lichtung benutzt war. Diese paar Kartoffeln, dieses umgewühlte Erdreich trösteten mich in der Seele, nicht meinetwegen – ich fürchtete Nichts mehr – nein, wegen des Bewohners der Hütte. Oder hatte sie Bewohner, diente sie einer Familie Heimathloser als Heimath?

Heimath – was ist Heimath? Die Heimath habt ihr auf jeder Erde, unter jedem Schatten – wo ihr wohnt. Die Heimath ist nicht der Geburtsort, nicht das Vaterland, sie braucht selbst nicht ein eigenes Haus zu sein, sie ist – der eigene Heerd. Wo dessen Feuer flackert oder glimmt, wo dessen Rauch aufwirbelt oder sich niedersenkt, da ist die Heimath.

Ich wollte sehen, wer hier seine Heimath hätte. Der Hund, der kleine, graue, braune, gelbe, struppige, nackte Hund, ein Nondescript, für welches ich keine andere Benennung weiß, als das gutmüthig schimpfende »Köter«, kauerte mißtrauisch vor dem Brette, welches als Thür diente. An meiner Kleidung erkannte er mich für einen Eindringling. Zu bellen wagte er nicht, aber knurrend schielte er zu mir empor, als ich an der sogenannten Thür pochte.

»Entrez!« sagte es von innen.

Ich drückte das Brett zurück, bückte mich und trat in das Zweighaus. Ein Mann saß da und schnitzelte. Italienische Figur und Physiognomie. Ohne aufzustehen, maß er mich mit einem festen Blick, dann schnitzelte er weiter. Doch sah man, daß diese Gleichgültigkeit nur gemacht war.

»Parlate italiano?« fragte ich.

»Si, Signore,« erwiederte er.

Ich hatte etwas von Verirren u. s. w. vorbringen wollen, doch von diesem Menschen fühlte ich instinktmäßig, er werde mich durchschauen. So sagte ich denn: »Ich komme, um Euch zu besuchen.«

Ein mißtrauisches Runzeln der Augenbrauen, ein augenblicklicher stechender Seitenblick.

»Nicht Euch persönlich,« beeilte ich mich hinzuzusetzen. »Die Heimathlosen.«

Das Gesicht wurde wieder italienisch gleichgültig.

»Ihr gehört auch zu ihnen?«

Gemessenes Kopfneigen.

»Ihr seid aus –«

»Hier geboren, Signor.«

»Aber der Vater?«

»Der Vater? Aus Toscana.«

»Und hierhergekommen – wann?«

Der Mensch faßte mich wieder schärfer in's Auge. Ich sah, daß er meine Fragen unverschämt fand.

»Erlaubt mir, daß ich mich ein wenig zu Euch setze,« sagte ich einlenkend. »Ich bin ermüdet, weit hergekommen.«

Er rückte etwas weiter auf seiner Bank, so daß Raum für mich wurde. Ich setzte mich, wirklich angegriffen.

»Von Vevey?« fragte nun er.

Ich bejahte.

»Der Signor wohnt dort?«

»In den Kronen.«

»Wegen der Gesundheit?«

Ich zuckte die Achseln.

»Warum steigt da der Signor in solchem Wetter so weit herauf?« fuhr er mit halbem Lächeln fort.

»Wie ich Euch sagte – um Euch zu besuchen.«

Das Lächeln auf seinen Lippen wurde deutlicher. Er schien mich für thöricht zu halten. Nach einigen Secunden sagte er humoristisch: »Bei uns ist doch wenig zu finden.«

»Auch begehre ich Nichts, als Euch kennen zu lernen.«

»Uns Alle?« antwortete er zweideutig.

»Seid Ihr nicht Alle –« forschte ich.

»Ehrlich?« ergänzte er. »O gewiß, Signor. Aber sonderbar – sonderbar, ein klein wenig excentrisch. Man läßt uns ungestört.«

Das war verständlich. Ich blieb jedoch sitzen. Saß ich einmal neben einem Heimathlosen, wollte ich ihn auch durchforschen, wenn es mir gelang nämlich.

Es schien mir nicht gelingen zu sollen. Der Mensch neben mir war wie versiegelt. Absichtliche Ruhe ganz und gar, und dabei ganz und gar ruhig in der Absicht, mich fortzuschicken.

Denn als er sah, daß ich mich nicht rührte, stand er auf und fragte: »Soll ich den Signor vielleicht ein Stück hinunterbegleiten? Vielleicht könnte der Signor den Weg hinunter doch verfehlen, wenn er ihn hinauf gleich gefunden hat.«

Auf dieses im reinsten Toskanisch gemachte Anerbieten ließ sich dann eben Nichts erwiedern. Mißmuthig stand ich auf. »Da bin ich so weit hergekommen,« sagte ich, »mit den besten Gesinnungen hergekommen, die sich denken lassen, und Ihr gönnt mir nicht einmal fünf volle Minuten Ausruhen unter Euerm Dache.«

»Mein Dach ist ein armes Dach,« erwiederte er demüthig spöttisch, »und es schickt sich nicht, daß ein solcher Signor darunter verweile.«

»Aber warum wollt Ihr nicht, daß wir besser bekannt mit einander, daß wir Freunde werden? Ich würde so gern Etwas für Euch thun.«

»Danke, Signor. Freundschaft ist nur zwischen Gleich und Gleich, nicht zwischen einem Reichen und einem Heimathlosen. Wollt Ihr mir Etwas geben, so werd' ich's dankbar annehmen, denn ich wäre ein Narr, wenn ich den Stolzen spielen wollte; aber von Freundschaft redet nicht und kommt auch nicht wieder.«

Der Mensch sprach italienisch höflich, aber bestimmt. Es klang gerade, als glaube er sich mir überlegen. Ich zuckte verächtlich die Achseln. »Wenn Ihr's denn so wollt – ich werde Euch nicht bitten.«

Damit reichte ich ihm das Geld, welches ich aus meiner Börse in die Hand geschüttet. »Gott segne Euch, Signor,« sagte er freimüthig, mit sichtlichem Vergnügen. »Da nehmt auch das noch,« sprach ich milder, zog den Rest des Brodes und die noch halb volle Flasche hervor und bot ihm Beides. Ueberrascht blickte er mich einen Augenblick an und sprach dann mit Rührung: »Erlaubt mir, Euch bei der Hand zu fassen, Signor. Wer mir Geld giebt, der ist mein großmüthiger Wohlthäter; aber wer sein Brod mit mir theilt, der erkennt mich für seines Gleichen, für einen Menschen. Das habt Ihr gethan, Signor, und nun befehlt über mich. Was Ihr zu wissen wünscht, – wenn Pietro es Euch sagen kann, so sollt Ihr es erfahren.«

Aber ich sah nach dem Himmel, wo er über der Lichtung sichtbar war. Der Abend brach bereits herein, und ich hatte noch mehrere Stunden bis hinunter, ja, wer wußte, ob ich Vevey noch vor der Nacht erreichen konnte. Das sagte ich meinem Heimathlosen, den ich nun wenigstens bei einem christlichen Namen nennen konnte. Abermals, und jetzt eifriger als vorher, erbot er sich, mich zu führen, einen kürzeren Weg, einen vortrefflichen Weg. Der Signor würde sehen. Jetzt nahm ich seine Begleitung gern an. Ich fürchtete keine Begegnung, aber einen möglichen Fehltritt, ein Ausgleiten, einen gebrochenen oder doch verstauchten Fuß. Treu meinem Grundsatz, mich vor allem unnöthigen Schaden vorzusehen, wollte ich mich lieber führen lassen, als romantisch allein verunglücken. Pietro lief zu seinem Hunde, streichelte ihn, gab ihm den ersten Bissen von dem Brode und gebot ihm, sich vor die Thür zu legen und das Haus zu bewachen. Der Hund begriff sicherlich die Wichtigkeit und das Ehrenhafte dieses Auftrages – er streckte sich mit der Majestät eines Löwen vor der sogenannten Thür hin. Pietro legte neben ihn noch drei Bissen Brod, das übrige fing er selbst an zu essen. Den Wein hatte er Anfangs verwahren wollen, ohne davon zu nehmen; vermuthlich sollte das gute Getränk in einer recht ruhigen Stunde mit dem gehörigen Behagen genossen werden. Aber als er an die Thür gelangt war, hielt er still, erhob die Flasche und besah den Wein mit einem Liebesblicke. Ich nahm seinen Kampf mit sich selbst wahr und hieß ihn trinken – er solle in Vevey mehr erhalten. Hurtig und vergnügt trank er nun, doch nur in kleinen Zügen. Mir schmeckte es mit. Als kein Tropfen mehr aus der Flasche herauswollte, machte er ihr ein komisch-wehmüthig Gesicht; dann wischte er sich den Mund, sprang zu mir zurück, verbeugte sich und erklärte sich für bereit zu meinen Diensten, und nicht nur für jetzt, sondern in alle Ewigkeit. Der Mensch war wie umgewandelt. Vorher ein Grande des Waldes, jetzt ein großes Kind. Auch jünger dünkte er mir jetzt um Vieles. Für einige dreißig hatt' ich ihn gehalten – er war erst zweiundzwanzig Jahr. »Man hungert manchmal – das macht alt,« sagte er, aber ganz vergnügt, ja, mit wahrer Komik. Seiner Laune nach war das Heimathlosendasein eine Shakspeare'sche Comödie, wunderlich, aber ganz gleich gemischt aus Lust und Wehe. Gewiß wenigstens keine Tragödie des Elends, und am allerwenigsten eines jener Proletariats-Dramen, woran sich jetzt so viele stumpfe Federn versuchen, ohne irgend etwas einzuernten als ein mäßiges Honorar, oder irgend etwas anzustiften als eine unermeßliche Langeweile.

Pietro stieg hinab und ich folgte durch das Doppeldunkel des Waldes und des Abends, auf Pfaden, die außer ihm vielleicht nur Kinder beim Beerensuchen aufgefunden hatten. Und dennoch nicht nur furchtlos, sondern völlig vertrauungsvoll, so sicher, gut geleitet zu werden, wie ich sonst als Kind unserm alten treuen Kammerdiener gefolgt. Es liegt eine heilige Brüderschaft im Theilen des Brodes – Pietro hatte mir nicht umsonst so herzlich gedankt, und ich konnte mich ihm unbedingt überlassen.

Aber das Unternehmen war für meinen Gesundheitszustand ein tolles gewesen – das sah ich ein, als ich endlich um zehn Uhr wieder in Vevey anlangte. Zwölf Stunden fast immer auf den Füßen und noch dazu gestiegen, entweder hinauf oder hinunter – ich fühlte mich wie entzwei, der Frost der Ueberreizung blieb auch nicht aus – ich mußte mich legen, doch nicht ohne für Pietro ein Abendbrod nebst einer Flasche Wein befohlen zu haben. Er verzehrte die für ihn märchenhafte Anrichtung in meinem Zimmer und machte dabei ein fürchterliches Geräusch. So hatte ich noch nie essen hören – ich dankte dem Himmel, als er sich für gesättigt erklärte und was noch vorhanden war, in die einzige Tasche steckte, die er an seinem Kittel hatte. Er versicherte mir, es sei für das arme Hündlein, für den Liebling, den er allein habe lassen müssen, um dem Signor zu dienen, wie es seine Schuldigkeit gewesen, setzte er mit tiefem Ernst hinzu. Eigentlich beabsichtigte ich ihm noch eine Flasche Wein mitgeben zu lassen, aber bei näherer Ueberlegung hielt ich es für rathsamer, ihn nicht gleich zu verwöhnen und dadurch überbegehrlich, wenn nicht gar schlimm zu machen. Er hatte heute schon Geld, zwei Mal Wein, ein Abendessen erhalten und außerdem mich noch zum Freunde – das war genug – ich entließ ihn mit meinem Dank, meinen guten Wünschen. Mit ganz unnöthiger, und eben darum erheiternder Feierlichkeit gelobte er, morgen wieder bei seinem Gönner und Herrn, dem edelmüthigsten aller christlichsten Cavaliere, zu sein. Ich hieß ihn auch seinen Hund mitbringen; er dankte für die Ehre, welche ich dem armen Thiere erwiese, aber, setzte er wichtig hinzu, er muß durchaus oben bleiben und unser Haus bewachen. Ich hatte es schon bemerkt – er redete von sich und dem Nondescript, welches nebenbei gesagt, Tiger hieß, immer in der Mehrheit.

Diese Nacht hatte ich tüchtiges Fieber, aber für den nächsten Tag keine Langeweile zu befürchten. So war ich dann musterhaft in der Geduld.

Pünktlich kam am andern Morgen Pietro an, dermaßen pünktlich, daß ich, ermattet von der bösen Nacht, noch im tiefsten Schlafe lag. Getreu dem vor elf Tagen erhaltenen Befehl weckte der Kellner mich auf. Ich fluchte sowohl über den Kellner wie über meinen Heimathlosen. Aber Pietro zeigte eine so wahre Freude, seinen groß- und edelmüthigen Gönner wieder zu begrüßen, daß ich nicht böse bleiben konnte, sondern ihm Frühstück geben und mir seine Geschichte erzählen ließ.

Das war eine Vagabonden-Novelle trotz einer, so gut, so frisch, so bunttoll und tollbunt, wie gewiß keiner unserer Schriftsteller sie erfinden könnte, wer weiß sogar, ob ein englischer.

Ich schreibe sie nicht nach – ihr würden zu sehr die schwarzen Augen fehlen, welche, wetteifernd mit dem überströmenden Munde, sie erleuchteten, ihre Schatten schwärzer und ihr Helles greller machten. Nur so viel, daß Pietro's Vater in Neapel erst Priester und dann Bandit gewesen, dann da und dort gegaunert hatte, überall gehetzt, verfolgt, verjagt worden war. Endlich hatte er sich ins Waadtland geflüchtet und hier »niedergelassen«, wie Pietro emphatisch sagte. Ein Weib sei mit ihm gekommen, hätte –, gesegnet sollte sie sein! – unter dem Dache, welches ich kannte, Pietro geboren. Pietro würde ungern den Glauben preisgegeben haben, daß sie eine der ersten Familien der »Niederlassung«, vielleicht gar die älteste seien. Aristokratie auch unter den Heimathlosen! Ich lachte –, Pietro sah ernstlich aus; ich entschuldigte mich, er wurde wieder freundlich. Großen Werth legte er darauf, daß er lesen und schreiben könne. Sein Vater habe ihm die gebührende Erziehung gegeben, meinte er mit nicht geringer Genugthuung. Um es mir zu beweisen, holte er aus seiner Tasche einen beschmutzten, aber vollständigen Ariosto hervor und las mit feuriger Declamation einige Ottaven.

Ich unterbrach ihn, um ihm allerlei Vorschläge für ein Einbürgern in unsere Welt zu thun. Mit großer Demuth hörte er mich an, begleitete Alles, was ich sagte, mit seinem Beifall, erschöpfte sich in Danksagungen und am Ende kam es doch heraus, er wolle bleiben, wo und wie er sei. Es werde nicht recht gehen, meinte er bedenklich. Er verstehe Nichts, sei zu alt und zu dumm Etwas zu lernen. »Vielleicht auch zu träge,« bemerkte ich mit einiger Strenge. »Vielleicht« – er gab es mit schmerzlichem Bewußtsein seiner Unwürdigkeit zu. »Wenn man nicht geboren ist zu etwas, ist's sehr schlimm, Signor«, sagte er kläglich. »Aber, Pietro, Ihr werdet dann nie mehr Hunger haben.« – »O, Signor, der Hunger kommt selten, selten, und es ist immer besser, bisweilen einen Tag zu hungern, als alle Tage thun zu müssen, was uns nicht gefällt«. Damit küßte er mir die Hand, bat mich, nicht auf ihn erzürnt zu sein, und ich konnt' es nicht. Er war so con amore Vagabond, Heimathloser – es wäre Grausamkeit gewesen statt Güte, ihn zu einer ordentlichen Existenz zu zwingen. Was seine Festhänglichkeit an sein sogenanntes Haus noch vermehren mochte, war, wie ich erwähnte, die Erinnerung an einige unschuldige Fehltritte, begangen auf dem Markt des Lebens und angemerkt von der bête noire der Amerikaner, der Polizei. Denn Pietro's Füße hatten die Grenzmarken der Civilisation überschritten – er war mit seinem Vater und allein einige Male zu kleinen Besuchen in Italien, Savoyen, der übrigen Schweiz gewesen, aber wie ich denke, nicht immer mit besonders gutem Gewissen wieder in sein Waldasyl zurückgehuscht. Wenigstens zeigte er gar keine Lust, sich legitim bei Tageslicht und Angesichts der Menge sehen zu lassen.

»Nun wohl«, sagte ich, als ich meine Ueberredungskünste vergeblich fand, »thut wie Ihr wollt, aber bei denen, welche Ihr Eure Leute nennt, werde ich nichtsdestoweniger versuchen, sie für etwas Besseres als die Heimathlosigkeit zu gewinnen.«

Pietro wiegte bedächtig den Kopf, nahm seinen klugen Blick an und antwortete: »Ich zweifle, daß sie wollen werden – ich bin gewiß, daß sie nicht wollen werden.«

»Aber was habt Ihr in Euren Wäldern, auf der rauhen Erde, unter dem oft mitleidlosen Himmel?«

»Ihr sagt's, Signor, wir haben die Wälder, die Erde und den Himmel – wir haben die Freiheit. Wir schlafen, wann wir wollen, lachen und weinen, wann wir wollen. Das ist viel. Es giebt in Eurer Gesellschaft tausend Fesseln, von denen eine einzige uns die ganze Welt mit allem ihrem Golde zum Gefängniß machen würde. Ihr seid's gewohnt, diese Ketten als Schmuck zu tragen – wir würden das nicht verstehen. Wundert Euch nicht, mich so reden zu hören. Wir flechten nicht blos Körbe, fangen nicht blos Vögel – wir denken auch nach und verständigen uns über unsere Gedanken. Auch haben wir einige Studirte unter uns, die – irgendwie unglücklich gewesen sind. (Also dieser zarte Ausdruck auch hier gebräuchlich.) Von denen lernen wir, wie es in der Welt zugeht,« fuhr Pietro fort, »und, Signor, verzeiht mir, es geht nicht immer so schön zu, daß man Euch beneiden möchte. Ihr werdet auch uns nicht beneiden – das ist natürlich, noch mehr, Euch muß unser Zustand schrecklich dünken, und weil Ihr ein gutes Herz habt, möchtet Ihr ihn ändern. Aber glaubt mir, am besten ist's, Ihr lasset uns, wie Ihr uns findet.«

Da hatte ich die Philosophie des Heimathlosen. Ich konnte mich nicht überzeugen, daß sie auch die der übrigen Zweihundert sein sollte – so viel dieser Horster in den Wäldern giebt es, wie man mir sagt. Gewiß waren unter ihnen welche, die an Zurückverlangen nach dem bürgerlichen Dasein litten, für welche diese gepriesene Freiheit, zu jeder Stunde schlafen zu können, nicht mehr und nicht weniger war, als ein ungeheures Gefängniß, in welches das Elend sie eingeschlossen.

Sobald ich also wieder gesund war, kehrte ich zu meinem Vorhaben zurück, die Heimathlosen kennen zu lernen. Nur machte ich mich von nun an nicht mehr zu Fuße auf, sondern ritt morgenländisch auf einem Esel. Man ist hier solcher Reiterei gewöhnt; die Jungen liefen mir nicht nach, obwohl meine langen Beine von dem kleinen Thier beinah bis auf den Boden reichten.

Dieser gute Graue nun trug mich in die Schlupfwinkel der Heimathlosen; wohin Pietro mich geleitete – er wußte sie alle. Ich wurde meistens gut empfangen – von Gefahr war nie die Rede, wenigstens glaub' ich es nicht. Tiger trabte immer mit uns. Ein Schloß verwahrte jetzt das Haus – Tiger brauchte nicht mehr zurückzubleiben. Das Nondescript hing unbeschreiblich an mir – er konnte, leider, nicht mit dem Schwanze wedeln, weil er keinen hatte, aber es war eben so gut, als thäte er's.

Manchmal, wenn wir einherzogen in den winterlichen Bergen, ich auf dem Esel, Pietro mit Stock und Provianttasche neben mir und der unbeschreibliche Tiger vor uns, manchmal fragte ich mich, ob ich's wirklich sei. Aber ich war's.

Im Hotel, glaub' ich, hielten sie mich für ein wenig verrückt, wenn nicht für ganz und gar. Anfangs machte man mir Vorstellungen über das, was ich wage – selbst der Wirth ließ sich herab: Mais, monsieur! zu mir zu sagen. Ich gab ihm Recht, bedankte mich und war den nächsten Tag wieder mit Pietro auf den Wegen der Abenteuerlichkeit.

Waldzauber, Waldeinsamkeit, Wildheit, Vagabondenthum – ich fing an, das Alles zu begreifen. Nicht daß ich mich verlockt fühlte, auch Waldmensch, oder was gleich ist, Heimathloser zu werden, dazu war ich zu sehr, um mit Immermann's Münchhausen zu sprechen, das gebildete Kind gebildeter Eltern. Aber ein scharfer, eigener Reiz lag in diesem Verkehr mit dieser Horde, die mitten in Europa ohne Gott, Gesetz und Obrigkeit lebte. Ohne Gott – das muß ich zurücknehmen. Gott war mit ihnen in ihrem Walde. Sie beteten zu ihm, die Einen so, die Andern so.

Und wer waren sie dann? Waren's Zigeuner, Heiden, Christen, Verbrecher, Herumtreiber, Verfolgte?

Sie waren das Alles, und waren das Alles nicht – sie waren Heimathlose.

Ein verwitterter Knäuel dunkler, wunderbarer Existenzen.

Die Prosa des Elends.

Die Poesie der Armseligkeit.

Gemeinheit und wieder manchmal Melancholie.

Voll Rohheit und voll Weichheit.

Seelen zum Schaudern und zum Weinen.

Unwissend über sich selbst wie Findelkinder, verschwiegen über sich selbst, wie das böse Gewissen.

Dennoch hörte ich viel. Wäre ich Schriftsteller, hätte ich studiren können.

Epopöen der Schuld hört' ich.

Elegieen des Mangels an Allem, nicht nur an Brod, auch an Gottes Wort.

Die kaum eine Tradition über sich kannten, waren mir die liebsten – die Studirten dagegen sehr zuwider. Sie sprachen so viel, waren so erhitzte Ankläger der ganzen Menschheit und so weitschweifige Vertheidiger von den schlechtesten Bruchstücken derselben, von sich selbst. Dabei hatten sie immer so ungeheuer viel zu heischen. Ich hätte ein Rothschild im Kleinen sein müssen, um sie befriedigen zu können. Was meine Mittel nicht überstieg, that ich. Aber bekennen muß ich, daß ich in ihnen wahre Contrebande nach Amerika versendete.

Ob »Uncle Sam« nicht ein Mal protestiren wird gegen die tausend socialen Ueberflüssigkeiten, welche wir ihm so freigebig aufbringen.

Gerade für Diejenigen, die ich unter meinen neuen Freunden am liebsten gewonnen, konnte ich am wenigsten thun. Ihr Geschick war fertig, ihr Gemüth hineingewachsen. Einige Kinder übergab man mir – was aus denen zu machen ich hoffen darf, würden die Tage lehren, die noch kommen sollen. Bei den Großen wär' ich mir, um abermals mit Immermann's Münchhausen zu reden, wie ein Ziegenbock vom Helikon vorgekommen, hätte ich irgend mir einbilden können, sie auch nur halb zu civilisiren.

Ich kaufte meinen Ausgestoßenen ein paar Ziegenböcke und dazu Ziegen. Was diese Thierchen brauchten, konnten sie sich immerhin ohne Gesetzverletzung von den Bäumen und Felsen nehmen. Webstühle, Decken, Flachs, Kessel kaufte ich auch – für wenig Geld möblirte ich meine Heimathlosen königlich.

Aber sie liebten mich auch! Messias hieß ich ihnen, Herr, Freund. Die Welt war in mir zu ihnen gekommen, und Gott sei Dank, wenigstens nicht lieblos.

Eine einzige Hütte hatt' ich noch nicht betreten. Sie war größer, etwas fester gebaut als die übrigen Wohnungen, aber immer verschlossen. Die Heimathlosen sagten mir: dort wohnten die Einsiedler.

Ein Mann und eine Frau, erfuhr ich weiter. Sie lebten ganz geschieden von den sie Umwohnenden. Beide waren nicht mehr jung. Die Frau müßte schön gewesen sein, meinte Pietro, wenigstens fein, sehr fein.

»Woher könnt Ihr das sehen?« fragte ich. »Trägt sie sich gut, haben sie's besser als Ihr?«

»Nein, eher sind sie noch ärmer; aber die Frau sieht Euch so an, bewegt die Hand so, wie nur vornehme Damen es thun. Signor, ich verstehe mich darauf, seit ich in Genua vornehme Damen gesehen habe.«

Das natürlich machte mich neugierig. Ich bat Pietro, dem Manne von mir Dienstleistungen anzubieten. Pietro brachte mir einen Dank und eine Ablehnung.

Ein vornehmes, stolzes Unglück, dachte ich, und meine Gedanken waren in der Hütte.

War's nicht meine Pflicht, dort einzudringen? Wenn ich vielleicht eine unerträgliche Lage beenden konnte –

Aber wenn ich im Gegentheil vielleicht noch mehr verstörte?

Das Hausrecht ist mir immer noch um Vieles natürlicher und ehrwürdiger vorgekommen, als jedes andere. Wenn ich in meinem Hause nicht thun darf, wie mich's dünkt, wo soll ich's da dürfen? Versteht sich von selbst nur nach dem Gesetz.

So wagte ich denn nicht, dieses Haus zu verletzen, untersagte mir selbst die Neugier und fing nach und nach auch an, mich wieder nach etwas Anderm zu sehnen. Ich muß zu einem thätigen Leben geboren sein, so schnell verzehr' ich alle Interessen, die sich mir darbieten.

Da erhielt ich eines Tages durch Pietro einen Brief »von der Frau aus der stillen Hütte«, wie er ausdrucksvoll sagte.

Hastig, wie noch nie einen Liebesbrief, machte ich das nothdürftig zugeklebte Blatt auseinander und las in deutscher Sprache: