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Aus der Schweiz

Chapter 7: Den 2. August 1849.
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About This Book

A series of travel sketches and short narratives recounts the author's impressions from various Swiss locales, choosing selected scenes rather than offering a systematic description. Landscape vignettes and diary fragments evoke lakes, mountains, hotels and village life, while social portraits and dialogic encounters reveal intimate relations with fellow travelers and locals. Political debate and personal reflection are woven into everyday incidents and occasional dramatic episodes, and quiet moments such as sunrises and lakeside evenings punctuate the prose. The result emphasizes contrasts within the country and presents a subjective, observant voice that balances sympathy with critical distance.

The Project Gutenberg eBook of Aus der Schweiz

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Title: Aus der Schweiz

Author: Ida von Düringsfeld

Release date: January 2, 2022 [eBook #67083]
Most recently updated: October 18, 2024

Language: German

Original publication: Germany: Verlag von Franz Schlodtmann, 1850

Credits: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This transcription was produced from images generously made available by Bayerische Staatsbibliothek / Bavarian State Library.)

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DER SCHWEIZ ***

Aus der Schweiz.

Von

Ida von Düringsfeld,
Verfasserin von »Schloß Goczyn«.


Bremen,
Verlag von Franz Schlodtmann.
1850.

An Otto.

 Es schäumen und es rauschen
Die grünen Wellen des Rheins,
Wir horchen, und wir lauschen
Dem Steigen des Mondenscheins.
 
 Der Mondschein wiegt im Rheine  
Glühend, wie feurig Gold,
Ueber die schwarzen Steine
Das duftige Silber rollt.
 
 Wir blicken ernstlich nieder,
Es dünkt uns so bekannt,
Als wären wir schon wieder
Im theuren Vaterland.
 
Am Rheinfall, den 28. September 1849.

Zwei Worte voraus

vor diesem meinem ersten Wort »Aus der Schweiz« in die Heimath, um Täuschungen nicht erst entstehen zu lassen. Man möchte erwarten, ich hätte »die Schweiz« geschildert – dem aber ist nicht so, – ich schrieb nur »Aus der Schweiz«. Darum frage man mich nicht: wo ist Interlaken, wo Bern, wo Vevey? Ich habe gewählt aus dem Gesehenen. Und wenn das Gewählte ungleich erscheint, hier ganz modern, dort barock veraltet, so ist es eben wieder »aus der Schweiz«, und diese nicht nur eine Eidgenossenschaft von Cantonen, sondern auch von Contrasten. Meine persönlich-politische Empfindung mag denn auch mit gefärbt haben, Andere würden vielleicht anders sehen als ich. Ich habe mich zwar ernsthaft bemüht, so unparteiisch wie möglich zu sehen, aber Sympathie und Antipathie sind unsichtbare Brillen – wer weiß, sind sie mir nicht zwischen das Auge und meine Gegenstände geschoben worden? Wie dem nun sei, möge mein kleines Buch von meinen Schweizer Freunden freundlich und arglos aufgenommen, in der Heimath aber gern gelesen werden, wenn man sich nämlich nach der langen Zeit eines Jahres einer armen Verschlagenen dort noch erinnert.

Inhalt.

  Seite
Mauricy W***. 1
Von Genf nach Baden. 25
Die beiden Wittwen. 43
Waadtländerin und Pariser. 56
Tagebuch in Schwyz. 111
Im Mätteli. 126
  Mys lieb Beat. 132
Die Urschweiz. 178
Ein Sonnenaufgang auf der Rigi.  186
Im Hotel Weber. 191
  Die Heimathlosen. 201

Mauricy W***.

Gleich zu Anfang unseres Aufenthaltes in der Schweiz wohnten wir einen Monat lang in Horgen am Zürchersee.

Der Meierhof ist eigentlich keine Pension: außer uns hielt sich nur noch ein Pole dort auf, derselbe, dessen Namen diese Skizze trägt. Wir wußten jedoch damals seinen Namen noch nicht, sondern nur, daß er an der Brust leide, den Sommer über in Interlaken zur Molkenkur gewesen sei und jetzt in Horgen die Traubenkur gebrauchen wolle. Warum er zu diesem Zwecke nicht lieber in die französische Schweiz ging? Eine polnische Familie, welche in der Nähe von Zürich ein Landhaus besaß, hatte einen sehr geschickten Arzt bei sich. Mit diesem war Mauricy in Interlaken bekannt geworden und hatte solches Vertrauen zu ihm gefaßt, daß er noch länger in seiner Behandlung zu bleiben wünschte. Die Familie hatte mit jener Herzlichkeit, welche die Polen unter sich verbindet und sie gleichsam zu Gliedern einer Familie macht, dem kranken Landsmann ihr Haus angeboten, aber er wollte weder geniren, noch genirt sein, und so kam es, daß wir ihn in Horgen kennen lernten. Von hier aus konnte er mit den vielen Dampfschiffen, welche den Zürichersee durchfurchen, täglich nicht nur ein, sondern mehrere Male hinüber.

Ich will unsern Hausgenossen schildern. Sein Aeußeres war sonderbar, doch für uns wenigstens gleich auf eine gewisse Art einnehmend. Wir sahen ihn zum ersten Male, als er die Treppe hinaufstieg, welche zu seinen und unsern Zimmern führte. Groß und schlank ging er langsam, gebückt und nachlässig, die Augen gleichgültig vor sich hin gerichtet, ohne irgend Etwas, folglich auch ohne uns zu bemerken. Sein glattes Haar war dunkel und tief auf die Stirn gekämmt, welche, gleich dem ganzen zusammengefallenen Gesichte, eine wachsgelbe Farbe hatte. Die Kleidung war grau, aber auch vom Kopf bis zu den Füßen so vollständig grau, daß wir Mauricy später nie anders nannten, als unsern grauen Geist. Indessen in dieser wunderlich schlotternden Umhüllung und trotz seines völligen Sichfallenlassens sah man in ihm den ächten Edelmann. Nie wäre es Einem eingekommen, den schlichten, blassen, grauen Menschen für einen commis voyageur zu halten. Sein Alter schätzte ich damals auf sechs- bis achtunddreißig Jahre, später sagte er uns, daß er achtundzwanzig sei.

Am Abend wurde uns gemeinschaftlich der Thee im Salon servirt, wo ein vortrefflicher Flügel stand. Horgen wird blos durch die Reisenden belebt, welche von Arth kommen, oder dorthin fahren – wir waren allein mit Mauricy. Er war anfangs ein stummer Gesellschafter; ich bemühe mich sonst gewöhnlich auch nicht um Bekanntwerden; was bewog mich denn, einen Versuch zum Gespräche mit dem bleichen Polen zu machen und mich durch seine Einsilbigkeit nicht zurückschrecken zu lassen? War es ein Vorgefühl, daß ein künftiger Freund zwischen uns Beiden sitze?

Er ließ sich allmählich gewinnen und zum Sprechen bringen. Ohne gut französisch zu können, verstand er es genug, um sich hinreichend über Alles auszudrücken. Bald glitt unser Gespräch in die Politik hinein, eine damals, wie noch jetzt, gefährliche Bahn. Ich hatte ein Gemälde von dem Glücke entworfen, wie ich es mir wünsche. Ein Landhaus unter schönem Himmel, einen Garten voll Schatten und Stille, mit mir mein Mann und mein Kind, das Meer nicht weit, im Hause Bücher, Musik und Frieden. – Unser Pole lächelte ein Wenig, schüttelte das Haupt – »das würde mir nicht genügen. Wenn ich mein Vaterland nicht wieder glücklich sähe –« Hier war die Gefahr zum Streit da. Polen und Preußen haßten sich eben wie vielleicht noch nie. Die Polen warfen den Preußen vor, Verheißungen gemacht und nicht erfüllt zu haben – die Preußen beschuldigten die Polen, daß sie gewährtes Vertrauen gemißbraucht. Bald versicherte Mauricy mir, daß er die Preußen weit mehr verabscheue als die Russen. Ich erwiederte eifrig und heftig: »Das habe ich schon vorausgesetzt, übrigens schätze ich jetzt die Polen so gering wie möglich.« Genug, wir stritten und sagten uns böse Dinge mit den bittersten Mienen und den lebhaftesten Geberden. Ich hatte über den Armen den Vortheil einer gesunden Brust und brachte ihn glücklich außer Athem. »Ich kann nicht mehr,« seufzte er, »Sie machen mich ganz schwach.« – »Warum haben Sie denn angefangen?« entgegnete ich trotzig. »Ich hätte Sie wahrlich in Ruhe gelassen, denn ich kenne die Polen schon.« Er nahm sein Licht, schlich davon, drehte sich jedoch in der Thür noch einmal um. »Wenn einst Krieg wird,« sagte er komisch-böse, »so schieße ich Ihnen Ihren Mann dort todt.« – »Ehe Sie das können, schieße ich Sie nieder,« war meine unumwundene Antwort. – »Oder ich Sie.« – »So, Sie würden also auch meiner nicht schonen?« – »Nein, aber vorher würde ich sehr höflich meinen Hut abnehmen und um Erlaubniß bitten.« – »O, bis Sie das gethan hätten!«

So war unsere erste Berührung mit Mauricy. Wunderlich, wird man sagen. Vielleicht, doch nicht ganz so, wie es scheinen mag. Ich sage immer: einmal zankt man sich doch mit Jedermann; da ist's denn viel besser, mit Zank anfangen, als damit aufhören.

Wenigstens bestätigte es sich hier. Die ausgetauschten zärtlichen Erklärungen störten nicht im Geringsten unser gutes Vernehmen, ja, sie schienen durch den unwillkürlichen Humor, welchen sie hervorgerufen, es im Gegentheil recht befördern zu wollen. Die gegenseitigen Fragen, wann wir uns todtschießen würden, ob wir einander dann beklagen würden und dürften, und andere, gleich harmlos-alberne, machten uns lachen, und wenn man erst über- und miteinander lacht, ist man auf gutem Wege zur Vertraulichkeit.

Nicht daß wir uns nicht mehr gestritten und selbst erboßt an einander geärgert hätten –, alle Tage! Wir alle Drei, und insbesondere noch Mauricy und ich, waren zu aufgeregt durch die Zeit, um nicht das nachmittagliche Lesen der Zeitungen mit lauten Anmerkungen begleiten zu müssen. Und aus diesen Anmerkungen wurden Kämpfe zwischen Demokratismus und Royalismus, wie sie schwerlich selbst in der durch politische Haltung sich wenig auszeichnenden Paulskirche erbitterter und hitziger durchgefochten worden sind. Jeder, der nur auf einer Barrikade gekämpft hatte, war für Mauricy ein Held, für uns – es ging Mauricy's Helden schlecht von uns! Dagegen schleuderte er die heftigsten Ergüsse seines Hasses gegen Alles, was auf Thronen saß, oder das unverzeihliche Verbrechen beging, in Amt oder Würden zu sein. Alle Könige und Fürsten müßten ermordet werden, das war sein unaufhörlich wiederkehrender Satz. Und wenn er könnte, setzte er jedes Mal hinzu und nahm sein Messer in die Hand, so würde er selbst immer Einen nach dem Andern niederstoßen. Wir, wieder nicht träge, ließen himmelhohe Galgen für die Radikalen errichten, kurz, es war schrecklich, was wir Alle wüthend und blutdürstig waren!

Die Polen sind durch eine ganz eigene nationale Liebenswürdigkeit begünstigt, das hat man oft geäußert, und ich kann es nur bestätigen. Je mehr ich verschiedene Nationalitäten kennen lerne, je abstechender gegen alle, je bestechender für mich finde ich die Polen. Wäre ich ein Mann, ich würde mich gewiß nur in eine Italienerin oder eine Polin verlieben. Wenn Mauricy mich dadurch gekränkt hatte, daß er seine schonungslosen Angriffe vorzüglich auf Preußen richtete, so durfte er mir nur seine kalte Hand bieten und mich mit seinem guten Blicke um Verzeihung bitten, und ich war versöhnt.

Der arme Mauricy, – er hatte immer so kalte Hände! Und so blasse, – noch nie hatte ich solche farblose Hände gesehen. Das Blut schien schon fremd in ihnen geworden zu sein, sich ganz nach den Lippen zu drängen, über die es täglich kam. Mauricy war krank, und wie er selbst glaubte, zum Tode. Auch ich war krank, an der Krankheit unseres Jahrhunderts, bei welcher das Leben lange währen kann, aber eigentlich nur eine lange Qual ist. Wir sahen uns gegenseitig leiden und bemitleideten einander. Er litt frömmer, geduldiger, als ich. Die Resignation, gegen welche ich mich noch sträubte, als müßte ich mit ihr das Leiden unwiderruflich annehmen, er hatte sie schon – hatte sich unter dem Kreuze gebeugt. Wir fragten einander eines Tages: wie lange wir schon krank wären. Vier Jahre, sagte er, ich sechzehn. »Dann,« sprach er sanft, »werden Sie zuerst gesund – ich kann warten.«

Dieses Wort war keine Phrase – Mauricy kannte die Phrase nicht. Die Geselligkeit war ihm deswegen zuwider, weil in ihr so viel – Schicklichkeiten – stattfinden müssen. »Was soll ich da?« fragte er, und ich konnte ihm das nicht sagen. Denn auch ich habe mich oft gefragt: was soll ich, wenn ich mich den Menschen so ganz überflüssig sah, und die Menschen mir.

Wir, Otto, ich und Mauricy, waren einander nicht überflüssig. Wir suchten uns. Wir hatten uns oft auch Nichts zu sagen, aber wir saßen zusammen und waren still. Während des Stillschweigens gewannen wir uns noch lieber, als während des Zankens. Und jeden Abend wünschten wir uns mit besserm Herzen gute Nacht.

Wenn wir Beide uns fragten, was eigentlich Mauricy zu uns führe, und uns bewege, für ihn Raum zu machen in unserm sonst so verschlossenen Zweileben, so wußte es am Ende Keiner. Er war nicht geistreich; – was er auf den Universitäten von Kiew und Moskau gelernt – ich hatte ihn stark in Verdacht, Alles wieder vergessen zu haben. Wie er das Examen zu seinem Proforma im russischen Staatsdienst gemacht, will mir noch jetzt nicht recht einleuchten. Uebrigens fehlte es ihm durchaus an nichts Wesentlichem, er wußte genug, dachte klar und klug, urtheilte richtig, nur glänzende Gaben hatte er nicht, und suchte sie auch nicht. Er hatte es sich wohl aus meinem Wesen und meinen Reden herausbuchstabirt, ich müsse eine geniale Frau sein, und wenn ich es ihm ausreden wollte, sagte er doch: ich denke mir das so, aber er fragte weiter nicht nach der genialen Frau. Ich ließ im Geplauder mit Mauricy Geist ganz ruhig Geist sein – ihn kümmerte auf der ganzen Welt Nichts weniger. Das führte ihn also nicht zu uns.

Ebensowenig das Bedürfniß, Erinnerungen auszutauschen, was bei Vielgereisten bisweilen so lebhaft ist, daß sie es selbst um den Preis befriedigen müssen, andere Gereiste und Nichtgereiste zu langweilen. Mauricy war am Rhein, in Belgien, in Frankreich und in Italien gewesen, aber er war eben auch nur dagewesen – Eindrücke aufgenommen, Beobachtungen gesammelt, Studien gemacht, das Alles hatte er nicht. Aus Rom erzählte er ein einziges Mal von St. Peter, von Belgien äußerte er, es wären schöne Kirchen da, von Ems erfuhren wir, daß er alle Abende bei einer Familie Thee getrunken und dabei in einem sehr bequemen Lehnstuhl gesessen habe, von Schlesien bemerkte er, es gäbe in Reinerz so schrecklich häßliche alte Frauen. Von der übrigen Welt sagte er – Nichts, Polen ausgenommen; aber Polen war auch nicht die Welt: Polen war das Paradies.

Unsern Geschmack, unsere Neigungen theilte er auch nicht. Die Natur war ihm gleichgültig. Wenn ich das Glühen der Appenzeller Alpen betrachtete, oder das lichtdurchschimmerte Abendwerden auf dem See, kam er wohl langsam zu mir und fragte: »Aber wie können Sie sich das so lange ansehen?« Nicht minder kalt ließ ihn die Literatur. Von Le Maistre hatte ihm die »Reise um meine Stube« gefallen, mit sich führte er außer der Bibel und Thomas a Kempis nur noch die »Gedanken« des Obersten Weiß, ein Buch in der Art, wie Oxenstierna es geschrieben, sonst habe ich ihn nie weder etwas lesen sehen, noch erwähnen hören. Lamartine's Reise in den Orient hatte er angefangen, als ich sie begehrte, überließ er sie mir gleich – »ich schlafe, statt sie zu lesen,« sagte er. Was endlich die Musik betraf, so hörte er mich gern, besonders in dem böhmischen Liedchen: ach neni, neni! aber auch nur mit Melancholie, nicht mit Kennerschaft. Was führte uns denn also zusammen bei getrennten politischen Gesinnungen, ganz verschiedenen Neigungen, Anlagen und Charakteren?

Das Menschlichste, Innerlichste, die Seele des Herzens – das Gemüth.

Mauricy's innerstes Wesen war Güte, keine sentimentale, keine moralisch erkämpfte, nein, eine einfache, naturgemäße, unbewußte Güte. Er war nicht schwächlich-nachgiebig, tadelte was zu tadeln war, mochte recht wild werden können, wenn sich gerade eine Gelegenheit dazu fand, hatte ganz unbefangen seine Fehler, aber dabei kannte er weder Neid, noch Gehässigkeit, noch Rache, noch Parteilichkeit – er hatte eben zur Natur die Güte.

Güte haben, man redet davon gemeiniglich ganz so leicht hin, wie von gut sein, und wie oft findet man denn Güte?

Güte ist Gottes Gabe, sie lernt sich nicht und verlernt sich nicht – wer sie hat ist Gottes Liebling, denn er lindert Leiden. Sie ist die Grazie der Seele und das Genie des Gemüthes – als Grazie liebkos't und schmeichelt sie, erfreut und erquickt, erhellet und entzückt; als Genie hat sie den Drang, das gebeugte Rohr aufzurichten, Verirrten nachzueilen in die Wildniß, sich mit starker Kraft zwischen Verfolgte und Verfolger zu werfen, wider Ungerechte zu zürnen, Sinkende gewaltig zu erfassen, über Verlorene schmerzlich zu weinen. Sie ist nicht himmlisch, sie ist auch nicht irdisch – von der Erde aufgestiegen als Hauch, fällt sie wieder herab als Thau; so schwebt sie immerfort zwischen Himmel und Erde und ist dadurch menschlich. Und wie das Veilchen den Rosenpurpur und das Irisblau in seiner köstlichen Weichheit verschmilzt, so athmet aus ihr als Wohlwollen das Süßeste der Innigkeit und das Feinste der Milde.

Ich will nicht sagen, daß in Mauricy diese göttliche Erscheinung sich in voller Glorie offenbarte – zu einem so auserwählten Gefäß war er nicht stark genug – aber ein schöner, reiner Strahl leuchtete aus seinem weichen, dunkelblauen Auge. Vielleicht wirft man mir hier spottend ein: »und die umzubringenden Könige alle – fiel auf die der Strahl auch?« da antworte ich denn ganz unbekümmert: »wenn ein verfolgter König Schutz und Stärkung bei Mauricy gesucht hätte, würde Mauricy ihm seinen eigenen Mantel gegeben und seinen letzten Becher Wein an ihn abgetreten haben.«

Das dachte ich damals schon und lächelte, wenn er seine Philippiken herausseufzte, denn um sie kräftig hören zu lassen, war seine Brust zu müde. Wie er zur Erwiederung von uns dachte, sagte er eines Tages, als er uns sein Album brachte. »Man findet überall brave Leute, die man achten kann,« sprach er in seinem schleppenden Französisch, welches sich immer besann, ehe es über seine Zunge gekrochen kam. »Und darum bitt' ich Sie, sich Beide einzuschreiben.«

Das Album war noch fast leer, obgleich bereits im vorigen Winter zu Rom gekauft. Mauricy war nicht eine Natur, die sich leicht und viel hingab – er konnte seine Freunde mit eins, zwei, drei, vier, fünf zählen. Auch das machte ihn mir werth; ich schätze solche Mäßigkeit in Freundschaften: viele intime Freunde sind in meinen Augen ein wahrer embarras de richesse, und was am schlimmsten ist, de richesse factice.

Da etwas Schickliches nicht immer vom Himmel fällt, hatten wir einige Tage später noch Nichts eingeschrieben, als Mauricy das Buch auf wenige Stunden zurückverlangte. Er wollte es den drei Töchtern jener Familie bringen, die so gut wie seine eigene war, ja, noch besser als oft eine eigene ist. Ich hatte ihn schon einige Male wegen dieser jungen Mädchen geneckt, die er als sehr liebe, zugleich natürliche und ausgebildete Wesen schilderte. Jetzt reichte ich ihm das Buch mit einem bedeutungsvollen Blicke und einem sehr weisen Kopfnicken. Er lächelte und schüttelte langsam den Kopf. Noch aus keinem Antlitz hatte ich das Lächeln eine so wunderbare Erleuchtung hervorbringen sehen, wie auf dem Mauricy's. Es war ganz, als strömte plötzlich ein schimmernder Sonnenblick auf ein dunkles Gemälde. Für gewöhnlich war er nicht einmal hübsch, und kaum hob er seine Oberlippe ein wenig und ließ unter dem kleinen dunklen Bart zwei glänzende Zähne sehen, so mußte man ihn mindestens so gut wie schön finden.

Gegen Abend brachte er das Buch wieder. »Sie haben sich nicht verlobt?« fragte ich. Abermals machte ein stummes und langsames Kopfschütteln die Verneinung aus. Wir waren im Garten; der See mit seiner lieblichen Heiterkeit, das weiße Zürich links, die weißbläulichen Alpen rechts, rings herum die weißen Ortschaften, welche sich wie ein dichter Kranz von Margueriten durch das Grün der Ufer winden, der Mond im reinen Himmel – es war ein Bild voll Anmuth. Mauricy saß, den Kopf an einen Baum gelehnt. Er ruhte sich gern so aus und glich dann einem kranken Kinde. Auf Otto's Arm gestützt, stand ich vor ihm und fragte: »warum wollen Sie denn allein bleiben? Sie haben mir gesagt, Ihr Herz müßte noch sechs Monate lang, bis Sie heimkehren könnten, wie gestorben liegen – warum soll es das? Gönnen Sie ihm Leben – die Liebe kann Sie noch gesund machen.« – »Sollte ich ein junges Mädchen an mich ketten?« erwiederte er. – »O, Sie wissen nicht, wie gern ein junges Mädchen sich ganz aufopfert und darin Glück findet.« – »Wenn sie dafür geliebt wird,« sprach er. – »Nun –« sagte ich ermuthigend. Er blickte melancholisch zu mir auf und zeigte mir einen Ring, schwarz emaillirt. »Das ist das Andenken meiner letzten Liebe.« Er küßte das weiße Kreuz auf dem schwarzen Email. »Ist sie gestorben?« fragte ich leise. – »Für mich,« antwortete er ruhig. »Aber nie mehr werd' ich geliebt werden, wie von ihr – nie nach ihr noch lieben.«

Man hört fast Nichts seltener, als daß ein Mann eine – ich will das so oft verspottete Wort muthig nennen – eine unglückliche Liebe unbefangen ausspricht. Wohlverstanden, wenn er keine Verse macht. In Versen ist es ebenso Styl, es zu thun, wie es im Leben nicht Styl ist. Im Leben gilt ein solches Gefühl oft für ein Verbrechen, welches das Herz wider den Stolz begeht, im besten Falle für eine beschämende Weichlichkeit. Mauricy aber fürchtete nicht sich bloßzugeben, denn er war nicht eitel, und auch als weichlich meinte er nicht zu erscheinen, weil er stark und tief empfand. Und er hatte Recht. Was beweist mehr für unsere innere Macht, als die Fähigkeit zu einer großen Liebe?

Mauricy trug die seine still in sich, zugleich mit dem Tod, mit dem Gram um sein Vaterland, mit der Trauer um seine jüngste Schwester. Diese hatte achtzehn Jahr alt und seit sechs Wochen verheirathet, ihren Mann nach Sibirien führen sehen und war nur so lange noch in der Heimath geblieben, um ihr erstes Kind zur Welt zu bringen. Als es geboren war, übergab sie es ihrer Schwester und folgte dem Gatten nach Sibirien. Das erzählte uns Mauricy an demselben Abend, und ebenso schlicht, wie er das von seiner ersten Liebe erzählt. Ich machte die Augen zu, um die Thränen zurückzudrängen. Mauricy sah mich still an und war dann still fort; sein Mund dankte mir nicht, ich denke aber sein Herz. Mein Gott, ich weiß ja, wie ich der einzigen Freundin, die mir einst schrieb, sie habe um mich geweint, wie ich ihr ernst und gerührt gedankt habe!

Wo ein Wort erst den Weg gefunden hat, da finden ihn leicht mehrere. Oefter, wenn gleich nicht oft, redete Mauricy nun von dem, was sein Leben gefärbt und wieder entfärbt hatte, und wie wir wohl einsahen, ihn so gleichgültig dagegen machte. Leise, wie durch halbe Striche gelegentlich hingeworfen, gestaltete sich vor uns eine Skizze dieser einfachen, aber tiefbegründeten Begebenheit. Die Freundin war es gewesen, an deren Theetisch Mauricy jeden Abend in Ems den Lehnstuhl bereit gefunden. In Rom hatten sie in einem Hause gewohnt. Sie war verheirathet, dennoch hatte Mauricy Hoffnungen hegen dürfen: ihre Liebe wenigstens hatte sie ihm geschenkt. Warum nicht auch sich selbst? fragte ich ihn. Ehen können gelöst werden – in Rom ist der Pabst. Sie hatte es gewollt, antwortete er. Aber sie hatte dann wieder anders gethan. Sie war zurück nach Polen, zum Gatten. »Sie hat es vorgezogen, Gottes Gebot zu erfüllen, statt ihr Herz zu befriedigen,« sagte Mauricy. »Gottes Gebot!« rief ich erregt. »Glauben Sie, Gott würde sie gestraft haben, wenn sie sich Ihnen gegeben, der Sie ihrer so ganz bedurften? Denn sagen Sie mir – als Sie Hoffnung hatten, durften Sie da nicht die Genesung noch für möglich halten?« Er bejahte. »Und seit Sie von ihr getrennt sind, fühlen Sie sich nicht wieder um Vieles kränker?« – »Das ist wohl natürlich,« sagte er sanft. – »Nun denn, warum da Sie verlassen, nicht lieber ihr Heil selbst wagen, wenn ihr Glaube so streng ist, obgleich wahrlich Gott nicht gezürnt hätte?« Ich war unwillig. Beschwichtigend sprach er: »Ich denke vielleicht wie Sie und würde wahrscheinlich gehandelt haben, wie Sie sagen. Aber hatte ich das Recht, sie zu Etwas zu verleiten, was sie für Sünde hielt? Nein; obgleich sie mich aufgegeben, ich sage doch, sie hat gut gethan.«

Ich schwieg, aber ich grollte der Frau im Stillen, besonders als ich vernahm, daß sie noch im Briefwechsel mit ihm stehe. »Sie hat einen Roman mit ihm gespielt,« eiferte ich später gegen Otto, »und damit er ihr ja nicht entgehe, hält sie ihn an den Briefen wie an einem Faden. Das mag für sie recht hübsch und unterhaltend sein, aber für den armen Menschen ist's tödtlich.« Otto antwortete mir: die Frau könne es doch ernstlich meinen; er halte die Polinnen einer solchen religiösen Ueberspannung ganz für fähig. »Der Geliebte ist das Opfer, welches sie Gott bringt,« setzte er hinzu, »und je schmerzlicher sie es fühlt, und je größer es ist, um so heiliger handelt sie.«

Mochte das sein – ich hätte Mauricy gar zu gern durch eine der drei jungen Polinnen getröstet gesehen. Was ich thun konnte, um ihn zu zerstreuen, das that ich, schon jener Frau zum Trotz, die den armen Kranken sich verzehren ließ, um mehr Himmel zu gewinnen. Halb gelang mir, was ich wollte – Mauricy ließ sich zerstreuen, er konnte heiter, ja manchmal sogar ein klein wenig toll werden. So entsinn' ich mich eines Abends, wo eine niedliche junge Bernerin zum Besuch bei den Töchtern des Wirthes war. Wir trafen sie im Garten, und Mauricy trug sich dem armen verlegenen Kinde äußerst dringend zum Manne an. Die Hände gefaltet, saß er beweglich bittend vor ihr und spielte den schüchternen Liebhaber so natürlich, daß die kleine Bernerin sich zuletzt keinen andern Rath wußte, als ihm feierlich zu sagen: Monsieur, mon père n'a pas l'honneur de vous connaître. Das gute Kind hatte Alles für bittern Ernst genommen, ging ihm den ganzen nächsten Tag sorgfältig aus dem Wege und war seelenfroh, als sie wieder abreisen konnte, denn, sagte sie zufrieden: »Maintenant monsieur le Polonais ne pourra plus me taquiner.«

Ein andermal versicherte Mauricy mir mit der höchsten Ernsthaftigkeit, da er ein Demokrat sei, wolle ich seinen Tod – er werde mir daher das Vergnügen machen, sich diese Nacht vor meiner Thür zu hängen, und biete mir nur vorher noch die Hand zum ewigen Abschied. Ich glaubte nun zwar nicht, ihn am andern Morgen als Zierde meiner Thür zu finden, hielt es aber doch für möglich, daß der barocke Abschied eine nächtliche Abreise bedeuten könne. Aber er war am nächsten Morgen in höchsteigener grauer Person am gewohnten Platze und lachte mich vergnügt aus.

So weit hatte ich es gebracht, – vergaß er darum? Als ich ihn einmal danach fragte, küßte er statt aller Antwort wieder das weiße Kreuz auf dem schwarzen Grunde. Und am Abend, als ich sang, weinte er.

Und fort wollt' er auch – nach Rom. Umsonst suchte ihn sein Arzt zu bewegen, die lange, anstrengende Reise nicht zu unternehmen, lieber mit der Familie an den Genfersee zu kommen. Sie war nicht mehr in Rom, aber sie war dort gewesen. Er sagte das nicht, aber wir erriethen's. Ihre Spuren wollt' er suchen. Sie beherrschte ihn unumschränkt; er betete in ihr eine Heilige an.

Da wir sahen, daß er fest war, versuchten wir nicht erst, ihn zu erschüttern. Am Ende – was lag ihm am Leben?

Den letzten Abend kam er noch spät zu uns, still und gut. Ich wünschte das Bild seiner Freundin zu sehen – er brachte mir's. Es war kein schönes, aber ein liebes Gesicht, welches mit einem traurigen Ausdruck aus sanften schwarzen Augen blickte. Ich befragt' es ernstlich und prüfend – nein, es gehörte keiner Kokette – ich hatte der Frau Unrecht gethan – wie sie auch gehandelt, aus Ueberzeugung war's gewesen.

Wir sprachen noch lange von ihr. Gut, gut, himmlischgut, dieser Lobspruch ging immer wieder über Mauricy's bleiche Lippen. Es ist süß, geliebt zu werden, weil man als gut erkannt wird. Dieser Frau ward also ein lieblich Loos, und Mauricy – wenigstens ging er nicht in der Anbetung eines Götzenbildes unter.

In wie langen Zügen er das Gift getrunken, vernahmen wir erst jetzt. Nachdem er die Freundin in Ems kennen gelernt, hatten sie gemeinschaftlich einen Ausflug an den Rhein und nach Belgien, dann die Reise nach Rom gemacht. Noch erinnerte er sich, mit welcher Sorgfalt sie über ihn gewacht. Sie war fest entschlossen, die Scheidung von ihrem Gatten nachzusuchen und sobald Mauricy genesen, diesen zu heirathen. Ihr Gatte war alt, ruinirt, ein früherer Anbeter ihrer Mutter, welche die reiche Tochter mit achtzehn Jahren an ihn verheirathet hatte, dann aber, als diese ihn zu fesseln gewußt, eifersüchtig und die Störerin der Ehe geworden war. Als die Tochter nun aber in Rom die nöthigen Schritte zur völligen Aufhebung dieser unglücklichen Heirath thun will, bemächtigen sich ihrer die Priester, drohen mit Sünde und Strafe, schrecken und verwirren ihre fromme Seele, und sie entsagt dem Geliebten, weiht ihn der Verlassenheit, sich selbst abermals dem Gatten. Doch um den Abschied noch recht zu genießen, läßt sie sich von Mauricy über den Lago maggiore in die Schweiz begleiten. In Interlaken bleiben sie den Sommer, dann bringt er sie bis Zürich und bleibt allein. Acht Tage später lernten wir ihn kennen.

Wir schwiegen und dachten nach; da sagt' er plötzlich zu mir: »Sie haben mich manchmal wegen der jungen Mädchen da drüben geneckt – nun, als ich heute Adieu sagte, wurde die Eine etwas bewegt, und da« – sein schönes Lächeln zeigte sich – »da sah ich, daß sie hübsch war.« Ich wollte aus dieser Wahrnehmung geschwind einen Schluß ziehen, aber er sagte wieder ernst: »Mon mariage sera avec la mort, madame.« Dann stand er auf, bot mir die kalte Hand. »Gott segne Sie,« sagte er. »Gott geleite Sie,« sprach ich. Otto begleitete ihn noch in sein Zimmer.

Am andern Morgen sahen wir die Thür zu diesem offen, es wurde gefegt, gescheuert. Als wär's das Zimmer eines Todten! Ein beklemmender, peinlicher Eindruck.

Was uns anfänglich auch etwas verstörte – wir waren so gewöhnt, die graue Gestalt zu sehen, die müden, langsamen Schritte zu hören, daß wir sie noch immer zu sehen, zu hören glaubten. Ja, bisweilen war mir's gerade, als müßte unser grauer Geist schleichend hereinkommen, mich ernsthaft grüßen und mir mit seiner schwachen Stimme sagen: Madame, je viens vous dire, que je suis mort.

Briefe wollten wir gegenseitig nicht. Was nützen Briefe? Wir hörten einige Male durch die polnische Familie, daß er in Rom kränker und kränker werde. Schwerlich lebt er noch.

Am Genfersee aber dichtete ich zur Erinnerung an ihn eine Romanze, die heißt:

Der schwarze Ring.
 
 Ich bin fern von meinem Hause,
Ich bin fern von meinem Land;
Ich bin einsam und verlassen,
Ungeliebt und unbekannt.
Aus den Stunden unsers Glückes
Blieb mir nur ein einzig Pfand:
Dieser Zeuge meiner Freuden
Ist der Ring an meiner Hand.
 
 Fremde öffnen mir die Pforten,
Fremde schenken mir den Wein;
Wenn ich traure, trauert Niemand,
Wenn ich weine, ist's allein.
Einen Freund nur hab' ich mit mir,
Einen Freund aus unser'm Land:
Dieser Zeuge meiner Thränen
Ist der Ring an meiner Hand.
 
 Ich bin krank und werde sterben,
Aber dich vergess' ich nicht;
Bis die müden Augen brechen,
Bist du meiner Seele Licht.
Deine letzte Gabe nehm' ich
Mit mir in das Bett von Sand:
Denn der Zeuge unser's Liebens
Ist der Ring an meiner Hand.

Von Genf nach Baden.

Den 2. August 1849.

Abschied, sehr vergnügt und friedfertig. Die halbe Familie ist gerade heute auf dem Lande. Ich lasse Empfehlungen zurück – das genügt meinem Herzen vollkommen. Die alte Tante allein ist betrübt – sie allein hat mich liebgewonnen. Ich gebe ihr den einzigen Kuß, welchen ich bisher in der Schweiz gegeben, und verspreche ihr, sie in zehn Jahren wieder zu besuchen. »Ach, da bin ich gewiß todt!« ruft sie. Ich glaub' es auch – entweder sie, oder ich. Im Augenblicke, wo wir in den Kahn steigen, fällt uns noch ein Bullenbeißer an, natürlich ein menschlicher, ächte Genfer Race, fünfter Klasse. Er entgeht durch meine Gegenwart einem freundschaftlichen Stockschlage. Ich denke bei solchen Gelegenheiten nicht oft genug, aber doch bisweilen an Sokrates: wenn dich ein Esel anrennt u. s. w. Ein wärmerer Abschied findet zwischen uns und François statt. Er ist unser Ruderlehrer gewesen, ist der Portier der nicht zu vergessenden Campagne du Port. Wenn wir wieder nach Genf kommen, miethen wir den Pavillon unter den Platanen, meine stille Neigung, meine schmerzliche Leidenschaft – aber wir kommen nicht wieder nach Genf. Die Bise leidet das Zelt nicht. Der Leman langweilt mich noch einmal ungebührlich. Alles sitzt voll Engländer und Engländerinnen, diese sind wieder unglaublich garstig. Ich weiß nicht, wie sie's anfangen, grüble darüber, warum man überhaupt auf Reisen so selten ansprechende Gesichter sieht, sondern fast immer Langeweile, Verdrossenheit, Abspannung, Geistlosigkeit. Das Reisen muß häßlich machen. Von Morges aus sehen wir, hoffentlich nur für jetzt, zum letzten Male den Gletscherdiamanten, den Montblanc. In Ouchy drängt so gut wie Alles sich in die Kähne – wie es hineinkommt? »Frage die Sterne,« die glücklicher Weise noch nicht scheinen. Im Omnibus werden wir unaufhörlich aufgefordert: »Messieurs et mesdames, serrez-vous, serrez-vous, messieurs et mesdames; encore un peu, un tout petit peu encore!« Wir rücken zusammen und rücken zusammen, bis es endlich nicht mehr geht. Dabei fange ich an zu lachen, und Alles lacht mit, ausgenommen ein Hündchen, das ehrbar aus dem Fenster schaut. Die Kathedrale von Lausanne sehe ich mir im Vorüberfahren an und beschwichtige mein Gewissen mit der Versicherung: ich habe sie genug gesehen. Im Hotel de France essen wir mit tragischer Freude – denn sie offenbart, wie sehr wir in Genf gehungert haben – ein vortreffliches Zweifrankmittag. Ich habe mich über die guten Waadtländer so abscheulich lustig gemacht, und bekomme gleich in Lausanne eine wirkliche Brühsuppe, die erste seit drei Monaten – ich schäme mich recht. Herren und eine Dame aus Yverdun essen mit uns; sie sind freundlich, fragen, ob man sich in Genf sehr vor den Preußen fürchte. Ich bejahe, setze aber hinzu, die Genfer wollten mit den Preußen ein Ende machen. »Sie sollen's doch versuchen,« sagt der jüngere Herr. Der Kellner nimmt das Wort und ruft: »Les Génevois ont beaucoup de paroles et peu de coeur; c'est ce qu'ils ont montré dans la guerre du Sonderbund.« Die brüderliche Liebe der Cantone unter sich ist rührend. Wir fragen: »Wird man uns als Preußen unangefochten durch Neufchatel lassen?« Die Antwort ist: »Tous les honnêtes gens sont pour la Prusse.« Im Coupé des Omnibus fahren wir durch flach, aber fruchtbar Land. Man begreift, woran man im Canton Genf irre wird, wie die Schweizer Brod essen können. Eine junge Person, Tochter eines Genfer Vaters und einer englischen Mutter, erzogen in England, zum Besuch bei Verwandten in Genf, fährt mit uns und erfreut unsere Abneigung, indem sie die Genfer durch und durch hechelt. Ich helfe ihr; dieses Vergnügen hält den ganzen Weg über vor. Sie versichert, die Genfer seien den letzten Tag einer Bekanntschaft noch ebenso eisig, wie den ersten – »you can't make any impression upon them.« In Yverdun gehen wir spazieren, zuerst unter den Pappeln und Kastanien der Promenaden, nachher am Seeufer, da, wo die Zill einfließt. Die Wellen spielen auf dem dünenartigen Sande, junge Pappeln stehen im Mondlicht, Erlengebüsche scheinen undurchdringlich, es ist feucht, warm, ein Schiff mit hohem Segel kommt den Strom herauf, der Jura liegt dunkel umher, der See ist ein neuer, ein preußischer.

Den 3. August.

Im Speisesaale finde ich erst heute Morgen heraus, daß auf den Tapeten Tankred und Clotilde, Rinald und Armide sind. Das kleinste Dampfbötchen, l'Industriel, kommt pünktlich an; wir fahren heute unter einem Zelte. Mit uns sind ein Engländer mit zwei Töchtern, eine höfliche, aber etwas verblichene Familie. Ein einsamer, schwerfälliger, gelblicher Engländer. Ein junges Ehepaar. Die jungen Ehepaare sind unverkennbar. Schweizer. Einer von diesen, klug Gesicht über blauer Blouse, unter schwarzem Hut, giebt uns Erläuterungen. Links ist Granson mit seinem erhaltenen Schlosse, rechts im Freiburgischen Estavayer – Otto von Granson und die schöne Dame von Estavayer, der feinste Intriguenstoff in der ganzen Schweizergeschichte. Drüben in der Ferne scheinen silbern die Alpen des Tessins. Schlösser des Grafen Pourtales liegen hinter Granson; der Graf besitzt deren mehrere auch in Genf und Waadt, aber beide Cantone haben verboten, ihm noch welche zu verkaufen, »denn er kauft die schönsten, und werden da die Fremden nach Genf und Waadt kommen, wenn sie nicht länger die schönsten Schlösser bewohnen können?« So mein Gewährsmann in der blauen Blouse. Neufchatel hat, neutral wie es sich gehalten, im Sonderbundskriege, der vorletzten großen Begebenheit der Schweiz, auf Handelswege durch den »Industriel« den Freiburgern Schießbedarf zukommen lassen – Waadt legt in Yverdun Beschlag auf den »Industriel« und zwingt ihn, sechs Wochen lang nur in waadtländischen Staatsdiensten zu fahren. Auf waadtländisch heißen die Neufchateller Aristokraten und Jesuitenfreunde. Nachbarlich und freundschaftlich. (Immer mein Gewährsmann in der blauen Blouse.) Wir trinken vortrefflichen Wein aus Neufchatel. Die Stadt gekrönt mit Schloß und Kathedrale, unter beiden gelb und geräumig das Gymnasium. Vorher haben wir noch in das Val-de-Travers und in den Tunnel gesehen, durch welchen der Seyon genöthigt worden ist, anders als bisher in den See zu fließen. Am Lande fallen Kutscher über uns her. Wir sollen nach Basel, und Bern. Mit dem Omnibus sollen wir dahin, wohin wir wollen – nach Biel. Aber nicht im Coupé – darauf hat bereits die verblichene Familie Beschlag gelegt. Im Innern mögen wir nicht – wir nehmen für zehn Franken einen char-à-côté. Der Omnibusführer findet das unerhört; er zeigt auf uns: »die Leute da nehmen einen eigenen Wagen, weil sie nicht im Coupé fahren können!« Dazu Geberden. Ohne seine Erlaubniß also fahren wir fort, zwischen dem Oertchen St. Blaise und dem Sanct Blasisee hindurch an den Bieler See. Da ist links auf malerischer Waldhöhe Neustadtschloß, Ruine – rechts unter malerischer Felshöhe am See Neuville. Ich laufe durch den Weingarten des Gasthauses an das Ufer; Rohr wächst im Wasser, ein Badhäuschen steht, ein Kahn wiegt sich im Rohre; das Städtchen hat sechs Thürme, einen immer spitzer als den andern; der See ist mit dunklen Waldbergen eingefaßt; rechtshin im Laubwerk sehe ich den Thurm des Schlosses von St. Jean. Rousseau hat guten Geschmack gezeigt, als er auf St. Pierre saß, obgleich man seinen Schilderungen nach mehr Erhabenheit hier erwartet. Ich gucke auch in ein Sommerhäuschen; da überrasch' ich einen Herrn, der sich gebadet hat und wie eine Leiche in ein weiß Laken gewickelt ist; er erschrickt nicht, ich erschrecke ebenfalls nicht, lass' ihn sich weiter abtrocknen und komme zum Kaffee zurück in das Gasthaus. Dort hat es ein Erkennen zwischen Otto und einem Kutscher gegeben, der uns vorigen Herbst in Bern gefahren und »die Fru« gleich wiedererkannt hat. Der Mann hat eine rothe Weste an, raucht aus einer kurzen Pfeife und fährt nach Genf. Wir haben in Genf eine leere Kiste stehen lassen, die nach Bern gehört – wir fragen den Mann, ob er sie mitnehmen wolle? Lauter Bereitwilligkeit, aber als es ans Bezahlen geht, lauter Schwierigkeit. Der Mann verlangt drei Franken – die ganze Kiste ist nur zwei werth. Wir danken dem Manne freundlich; er ist ganz kurz geworden, erwiedert kaum unser Lebewohl. Vor uns her fährt mit einem Kutscher und einem Passagier ein anderer char-à-côté. Als wir aus Neuville heraus sind, wendet der vorausfahrende Kutscher sich um, ruft unserm Etwas zu, beide Chars halten, beide Kutscher springen ab, der vordere Kutscher wirft unserm seine Zügel zu, kommt an unsern Char, macht auf: »Vite, faites-moi place pour ce jeune homme« – seinen Passagier. Wir starren ihn an – »Mais, monsieur –« – »Eh, parbleu! faites; il faut qu'il soit à Bienne avant le départ de la diligence.« – »Eh bien, qu'il aille à Bienne, mais pas dans notre voiture.« – »Mais si, dans votre voiture, il-y-a trois places.« – »Nous les avons prises.« – »Eh non, vous n'avez payé que deux – je veux la troisième. Rangez-vous.« – »Mais, monsieur, la voiture est-elle donc à vous?« – »Parbleu, si elle est à moi! Je veux conduire ce jeune homme à Bienne. Vous rangerez vous?« – »Pas du tout. Nous avons pris la voiture et nous la garderons.« – »Eh, ne faites donc pas tant de façons – en quoi ce jeune homme peut-il vous gêner?« – »Mais assurément il nous gênerait et même beaucoup. Enfin nous ne voulons pas.« – »Oh, quels gens! quels gens!« Er schwingt sich auf den Kutschersitz, nimmt den jungen Menschen auf seine Knie und in seinen Arm, und fort geht's, während unser bisheriger Kutscher dasteht und uns nachschaut. Sein Trinkgeld ist's, was davonfährt; der Herr ist ihm und uns nachgefahren, um ihn und uns einzuholen, statt seiner zu kutschiren, den zu befördernden Burschen zwischen uns einzuschieben und so von Neuville aus einen Char zu ersparen. Schönen Dank, das ist, wie da wir nach Mornex fuhren. Da wurde der Kutscher angerufen, hielt, fragte zu uns herein: »Wollen Sie zwei Personen mitfahren lassen?« Wir sahen hinaus – da standen zwei ungeheure Bonnen mit drei Kindern – die wollten zwei Personen vorstellen. Nun, jetzt kommen wir, Dank dem jungen Menschen, der nach Basel soll, wenigstens nicht zu spät nach Biel. Der Herr-Kutscher ist ganz geschmeidig geworden, seit wir beharrlich waren – erklärt uns die Eile des jungen Menschen – zum Begräbniß der Schwester soll er. Das thut uns sehr leid, aber darum können wir doch nicht – der Kutscher sagt zustimmend: »N'en parlons plus.« Sein geschwindes Fahren hat uns ganz wirr gemacht, besonders weil wir die heißen Felsenwände vor uns hatten. Es ist ein beliebtes On-dit in der Schweiz, daß ein Engländer einst in einem char-à-côté um den ganzen Genfer See gefahren sei, ohne den See einmal gesehen zu haben. In Biel empfängt uns ein Omnibuskutscher und verspricht uns für vierzig Batzen einen schönen Wagen, in welchem wir ganz allein fahren sollen. Wir treten an das glückselige Fuhrwerk hinan – da steht unser junges Ehepaar vom »Industriel« und wartet, daß unser Kutscher es in dem schönen Wagen ganz allein nach Solothurn fahre. Der Omnibuskutscher sagt ganz vergnügt: »Ja, ich habe Sie allein fahren wollen, denn ich wußte ja nicht, daß noch mehr Personen kommen würden; nun diese zwei Personen gekommen sind, können Sie nicht allein fahren – nein, das geht nicht – ich bin ein Omnibus – ich fahre Alles.« Der junge Ehemann sagt: »Ich mag dem Manne seinen Verdienst nicht schmälern; es ist mir nur des Prinzips wegen.« – »Eben des Prinzips wegen würd' ich uns nicht nehmen,« sagt Otto. Der Kutscher wiederholt: »Ich bin ein Omnibus – ich fahre Alles.« Also wir sollen fahren, selbst gegen das Prinzip, aber erst müssen wir essen – wir sterben Hungers. Im Speisesaale sitzt die verblichene Familie. Der Vater kommt zu Otto. Er hat für jeden Platz im Coupé sechs Franken zahlen müssen. »Ist das nicht zu theuer?« – »Ja wohl, der Platz im Coupé ist immer nur einen Frank mehr, als der im Innern und für einen solchen hat man mir in Neufchatel nur vier Franken abverlangt.« – »Entschuldigen Sie, hier hat die Person fünf und einen halben zahlen müssen.« Es ist klar – die Gesellschaft hat für uns Beide mitbezahlt – die Kutscher in Neufchatel und Biel scheinen sich das Wort gegeben zu haben, an diesem dritten August zu prellen. Wir verschlucken ein Beefsteak und eilen hinab – da sitzt das junge Ehepaar auf den beiden Vordersitzen. Ich soll rückwärts fahren, nachdem ich so lange seitwärts gefahren – dazu ist mein Kopf zu müde – wir wollen wieder abladen lassen. Der Neufchateller Kutscher räth dem Bieler dringend, das junge Ehepaar in Biel zu lassen – »am Ende, sie zahlen nicht zwanzig Franken!« Das will sagen, wir zahlen zehn Batzen mehr. Der Bieler Kutscher aber macht am Wagenschlage so eindringliche Vorstellungen über die Rücksichten gegen das Frauenzimmer, daß der junge Ehemann den Kopf heraussteckt und frägt: »Madame, können Sie nicht gut rückwärts fahren?« Meine Antwort ist Nein. »Nun gut,« sagt er, »ich kann's auch nicht gut, aber wir wollen's versuchen.« Wir versuchen's, es geht, und wir schwatzen recht angenehm bis Solothurn. Das junge Ehepaar besitzt einen Schatz, um welchen ich es aufrichtig beneide – den allernachgiebigsten Magen. Des Morgens braucht es kaum zu frühstücken, des Mittags geradezu gar nicht zu essen, und nie ist es hungrig. In Solothurn muß es erst noch einen Spaziergang machen, um Eßlust zu finden! Nun frag' ich, kann man angenehmer reisen, als immer gesättigt, ohne je vor Abend zu essen? Wir haben immer Hunger, Morgens, Mittags und Abends auch noch, müssen immer in Eile sein, unsern innern Despoten zu befriedigen, können immer erst nach dem Beefsteak an den Mondschein denken. Glückseliges junges Ehepaar, in deiner poetischen Bedürfnißlosigkeit! Während es endlich irdisch genug fühlt, um zu Abend zu speisen, kommt unser einzelner Engländer vom Morgen. Er setzt sich langsam neben mich, unterhält und amüsirt sich langsam, spricht aber beileibe kein Wort Englisch außer auf Französisch. Nachdem er sich lange genug so amüsirt hat, steht er langsam auf, sagt uns langsam, er werde morgen nach Schinznach fahren, bietet uns langsam guten Abend und schreitet langsam aus dem Saale.

Den 4. August.

Als wir im vorigen October in Solothurn übernachteten, war's winterkalt und der große Ofen wurde erst am andern Morgen warm, während das Kamin unermüdlich rauchte. Heute ist's wärmer, aber der Röhrbrunnen an der Kathedrale rauscht so lebendig, daß er uns wach erhält und uns nöthigt, noch um Mitternacht im schlafenden Hause auf eigne Hand ein anderes Zimmer aufzusuchen. Am Morgen giebt es einen Retoureinspänner nach Aarau. Der Einspänner ist das nationale Fuhrwerk der Schweiz. Der Koffer will nicht recht darauf gehen – ich benutze den Augenblick und gehe still in die Kathedrale. Das Gebäude ist weiß und hell von innen und außen. Auf den Beichtstühlen sind hingeworfene reuige Gestalten – Petrus nach der Verleugnung eine von ihnen. Mir ist's nach dem ultrareformirten Genf herzlich wohl, wieder einmal zwischen heiligen Bildern und knieenden Betern zu wandern. Man betet besser unter einem Gewölbe, welches ausschließlich bestimmt ist, Gebet und Gesang zu Ehren des Herrn zu hören, als in der Stube, wo alle die Kleinlichkeiten der Häuslichkeit gethan werden. Ein Oratorium allein kann das tägliche Gebet im Hause gesammelt machen. Als ich meine Wanderung vollbracht, fahren wir – das junge Ehepaar fährt nach Basel. Wie malerisch ist hier der Jura! Voriges Jahr war er so überbunt, wie ich noch kaum weder Gebirg noch Wald gesehen. Ich hab' ihn liebgewonnen den langen, einförmigen und doch mannigfachen Jura, vielleicht weil er sowohl in der Ferne, wie in der Nähe so schöngeschwungene Linien hat, vielleicht auch, weil ich so oft auf ihm die ersten und letzten Lichter der Sonne und in der Mondnacht den leuchtenden Schnee blinken sah. Die Luft von ihm weht rauh; heute ist sie ein Sturm. Wir wenden uns endlich an der Stelle von ihm ab, wo wir damals von Basel her über ihn kamen. Den ganzen Tag bis Abends um sechs fahren wir durch die frischesten Hügellandschaften, welche für mich mit den Alpengegenden der Schweiz wetteifern. Aarau liegt geradezu allerliebst; es ist die erste Stadt in der Schweiz, wo zu wohnen mir gefallen könnte. Wir gehen vom Ochsen hinunter an die Aar, über ein Bächlein, das hineinschießt, die Aar hinauf. Jenseits liegt das Thal voll Landhäuser; Fähren gehen hinüber und kommen herüber; der Abend ist kühl, aber nicht rauh, Wiesenduft füllt ihn. Wie wohl thut das, wenn man so lange kalkige Luft geathmet. Auf einer Brücke, die, ich weiß nicht worüber führt, kehren wir in die Stadt zurück; ein zahm Starmätzchen sitzt auf dem Geländer, guckt uns an, springt vor uns herum, dreht klug und neugierig das Köpfchen und fliegt endlich in einen Gasthof neben der Brücke. In unserm Ochsen schiebt mich der lange, trockne, regungslose Kellner am Ellenbogen an den Speisetisch; es ist das seine Beförderungsart: allein läßt er einen nicht gehen. Der Ochse ist etwas ältlich, aber der Wirth einer der artigen Wirthe, wie man sie eben in den älteren schweizer Gasthäusern findet, Stube und Betten sind kolossal, auf der Gallerie blüht ein schöner Granatenbaum, und es gefällt mir in Aarau.

Den 5. August.

Alterthümertag, ohne unser Verdienst. Der lange Kellner weckt uns nicht, der Kutscher thut's, der natürlich wieder ein Retoureinspänner ist und zwar aus Baden am Stein. Dabei ein großer, starker, hübscher Mensch, in kurzer blauer Jacke und niedrigem grauen Troddelhut, mit krausem röthlich-blondem Bart und geradem, regelmäßigem Profil, Tell, wie man ihn sich nur denken kann, Xaver genannt, und so voll Kraft, daß er den schweren Koffer mit einem Ruck aus allen Fugen reißt. Er sieht bei dieser Heldenthat sehr gelassen darein – wir sind weniger zufrieden damit, indessen was soll man sagen? Wir setzen uns zum Frühstück und sehen die Begrüßung zweier eidgenössischen Lieutenants, die einander genannt werden. Sie bleiben in einem Bückling vorgebogen stehen, lächeln sich verlegen an, wissen sich nicht ein Wort zu sagen und setzen sich endlich stillschweigend gleich uns zum Frühstück. Wir fahren mit Xaver – der Wagen ist gut genug, aber das Pferd, das Pferd! Xaver hat es verzogen, wie eine Großmutter ihr jüngstes Enkelkind. Jeder seiner Neigungen wird nachgegeben, und es hat deren unendlich viele. Es will in jedes Thor, in jeden Seitenweg, in jedes Wirthshaus. Kein Grashalm steht am Wege, ohne daß es den Braunen danach gelüstet, und liegt nun gar ein Kleefeld da, so will er förmlich mit Gewalt hinein. Zugleich erschrickt er vor jedem Nichts; ein Karren, ein Haufen Flachs, ein Hund, ein Vogel sind sämmtlich ungeheuerliche Dinge, vor denen der Braune ebenfalls rechts oder links will. Xaver blickt bei jeder dieser gentilesses sich freundlich lächelnd nach einem um, als wollt' er sagen: seht, was das für ein Pferd ist! Dazu fehlt noch ein Nagel im linken Vorderrade; Xaver hat ein Hölzchen geschnitzt, es in die Lücke geschoben und spricht nun von Zeit zu Zeit: »Wenn das Nägli herausginge, würde das Rad rückwärts gehn, aber das Nägli geht nicht heraus.« In Folge aller dieser kleinen Hemmnisse kommen wir nur gemessen weiter; die Gegend wenigstens ist reizend. Rechts auf Höhen Wildeck und Habsburg, Schloß und Ruine; links im Thale Wildenstein, Schloß, auf ferner Höhe Schenkenberg, Ruine. Habsburg unstattlich. Der Erbauer borgt sich das Geld dazu von seinem Bruder, dem Bischof von Constanz. Wie's fertig, kommt der Bischof, besieht, wiegt das Haupt. »Für so viel Geld ein so klein Schloß mit so schlechten Mauern!« Der Besitzer zeigt hinunter vor das Schloß. Da stehen einige tausend Mann in Waffen. »Das sind meine Mauern; für die hab' ich euer Geld verwandt.« Schinznach, moderner Halbmond in Gehölzen zum Spazierengehen. Bei Brugg wird der Aar der Rücken gedreht. Links liegen Gebäude in einem fensterlosen Viereck, über das ein Thurm ragt. »Was ist denn das?« – »Kloster Königsfelden.« Agnesens Rachedenkmal. Man muß es doch sehen. Militair im Hofe. Hindurch. Ein Thor. Die Kirche schwer, rauh. Rechts die Mönchs-, links die Nonnenwohnung. Diese leer, wüst, Bohnen im Kreuzgange. Agnesens Zimmer voll von römischen Töpfen und Schüsseln – Alles zerbrochen, nur ein Löwenkopf und ein Säulenfuß anständig. In der Zelle alte Malerei und neben dem Fremdenbuch römische Münzen. Die Kirche Holzschuppen. Zwischen Balken und Brettern das Denkmal der Kaiserfamilie. Ueber Grabsteine von Berner Herren in den Chor. Schöne bunte Fenster. Ueber den Stühlen die bei Sempach gefallenen Ritter. Alle knieen; einer sieht genau wie der andere aus. Von der Reuß an die Limmath, von der Limmath nach Baden.

Die beiden Wittwen.

In Baden am Stein ist der »Hinterhof« das letzte, älteste und stillste der Hotels, wirklich wie sein Name andeutet, ein Hof hinter allen andern Höfen, hinter dem »Raben«, dem »Ochsen« und dem »Bären«, hinter dem »Schiff«, hinter der »Blume«, ja sogar hinter der »Sonne«. Ein großer Hof, eingefaßt von Gebäuden, deren neuestes zweihundert Jahr zählt. Treppen hier und da, viel Thüren, viel Ecken. Eine Gallerie. Kürzlich umhergepflanzt Kastanien, Ahorn, Liliodendron, Kugelakazien. Dazwischen in großen Kübeln Granatbäumchen und schöne Fuchsien. Grüne Persiennen an Fenstern, von denen kaum eines so groß wie das andere ist, kaum zwei in gleicher Reihe und gleicher Entfernung von einander ausgebrochen sind. Hineinschauend, als gehörte er auch zum Hause, der Thurm einer kleinen Kirche, welche sich von Außen vertraulich an die Scheune legt. Das ist der Hof des »Hinterhofes« und hier saß ich an dem schönen Sonntagnachmittag, wo wir nach Baden kamen, während Otto die Stuben musterte. Da näherte sich eine alte Frau mit freundlicher Miene, rothen Wangen und buntem Anzug, machte mir einen höflichen Knix und fragte: »Spreche Sie dütsch?« Ich antwortete der Wahrheit gemäß, und wir waren gegenseitig bereits sehr verbindlich und freundschaftlich, als Otto mir Bericht erstatten kam. Wie öfter sprachen wir italienisch; die alte Frau machte ein noch freundlicher Gesicht und fragte auch auf italienisch: ob ich aus Bergamasco oder aus Mailand sei. Zu Ehren meines Italienisch muß ich bemerken, daß diese beiden Städte die einzigen italienischen waren, welche die alte Dame kannte. Ich erklärte ihr, wie es komme, daß wir diese schöne Sprache so liebten – »O, ich war auch in Italien,« sagte sie mit Stolz, »fünfundzwanzig Jahre bin ich da gewesen, ja, meine Signora. In Locarno bei dem Signor Governatore. Und wenn ich Italienisch höre, fühl' ich's im Herzen.«

So hatten wir eine Bekanntschaft, ehe wir noch in den »großen König« eingezogen. Diesen erhabenen Namen führte nämlich die älteste und häßlichste Stube in dem ganzen alten Hause. Lang, niedrig und dunkel hatte sie nur ein vernünftiges Fenster, das andere war eine Art Schießscharte, mit kleinen runden Scheiben in Blei. Eine fehlte – wir klebten Papier vor das Loch. Ein schwerer Tisch stand auf gekreuztem Balken, auf den Dielen stolperte man immerfort, ebenso auf der hohen Schwelle. An der Thür fehlte Nichts als die Klinke, und unser Doctor pflegte zu sagen, die Stube wäre noch von unsern Vorfahren, den alten Regensburgern, eingerichtet. Der sogenannte Alkoven daneben hatte ebenfalls eine Hügelschwelle und eine Schießscharte, außerdem mittelalterliche Wandnischen und endlich einen blaugestrichenen Kleiderschrank, an dessen Thür angeschrieben stand: Herr so und so aus Bern habe den und den Tag hier hinein seine Röcke gehangen. Grauer, veralteter, ja verfallener hätten wir gar keinen Raum finden können, und er gefiel uns natürlich ungemein.

Die Gesellschaft an der Table d'hote war ungefähr wie die Stube und das ganze Haus. Mir wollte es beim Anhören der Gespräche immer vorkommen, als läse ich Goethe über den Elsaß. Da war ein Herr Wölflin, jetziger Tabacksfabrikant aus Rheinfelden, ehemaliger Napoleonischer Soldat ohne Enthusiasmus. Da war aus Mühlhausen, Fabrikant auch von Etwas, Herr Wangern, der an Regentagen als Liebhaber drosch und durch die That bewies, »was für eine Eßlust man dabei bekomme.« Da war der Herr Steiger aus Bregenz, jung, glatt gekämmt, Sonntags im Frack, Wochentags im grauen Rock mit grünem Sammtkragen. Da war Herr Kyslin, Lithograph aus Basel, dem die Thränen in die Augen drangen, wenn er an den nahen Untergang der Welt dachte, ein armes Opfer frommer Traktätchen. Da war endlich Herr Kaiser, Eisenhändler in Solothurn, gebürtig aus dem Schwarzwalde, krank an einem Halsleiden, das allerbeste Gemüth auf Erden, und, wie Herr Wölflin meinte, »halt etwas blindköpfig,« weßwegen den ganzen Mittag über immer gewetteifert wurde, wer den armen Mann am besten schrauben könne. Man sprach z. B. von der Verschiedenheit der Kartoffeln und der pommes de terre. Herr Kaiser sah schlau aus und meinte, das sei wohl dasselbe, nur auf französisch und auf deutsch. »Behüte,« wurde ihm geantwortet, »pommes de terre sind Erdäpfel, und diese, wie gesagt, völlig verschieden von den Kartoffeln. Es wäre eine gute Speculation, wenn man pommes de terre auf- und als Kartoffeln wieder verkaufte. Die Pflanze ist sonderbar, hat Blätter wie die Sonnenrose und wächst wie ein Strauch, manchmal ungeheuer hoch.« Herr Wangern versicherte: in Mühlhausen wachse die Cichorie auch oft neun Schuh hoch und zwar mit dem Hopfen zusammengezogen. Der Ertrag beider wunderbarer Pflanzen werde meistens über Neuenburg im Badischen verführt. Otto antwortete: Wir in Preußen bezögen auch fast alle Waaren über dieses Neuenburg. Folgte nun die Unterhaltung über die Stadt. Sie war klein, so gut wie gar keine Straßen, kaum Häuser, aber ein ungeheuerer Verkehr. Herr Kaiser hörte Alles an und – glaubte Alles.

Ganz offen – diese Gesellschaft machte mir die eine Stunde immer außerordentliches Vergnügen. Sie war so vollkommen neu für mich. Am oberen Ende des Tisches saßen mehrere Französinnen und elegante Waadtländerinnen, aber von ihnen hielt ich mich mit äußerster Sorgfalt entfernt – ich hatte noch genug von Genf. Meine Elsässer und Schwarzwälder mit ihrem kernigen Humor waren mir weit lieber. Außerhalb des Tisches freilich hörten unsere Beziehungen zu ihnen fast gänzlich auf, nur mit meiner ersten Bekanntschaft gab es bei jeder Begegnung einen Austausch von Höflichkeit und Italienisch.

Sie war 78 Jahr alt, dabei frisch, fett und froh, blos der Kopf zitterte ihr etwas. Seit acht Jahren lebte sie im Hinterhofe, Winters mit der Familie, Sommers mit den Fremden. Ihr »Herr« war hier im Bade gestorben – sie liebte, seinem Grabe nahe zu sein. Sie trocknete sich die Augen, als sie uns das erzählte, »wie eine junge Wittwe,« sagte ich damals zu Otto. O, ihr »Herr« war so süß gewesen und ihr so theuer! Er war Seckelmeister in Einsiedeln gewesen und ganz besonders um sie zu heirathen nach Italien gekommen. Sie war auch aus Einsiedeln, hatte dort Brüder als Conventualen und ich glaube gar einen Onkel als Fürstabt gehabt – o, sie war von Familie und so aristokratisch, wie man es nur in der Schweiz noch ist. Mir, der fast 30 Jahr jüngeren Frau, küßte sie trotz meines Sträubens immer die Hand, denn ich war eine Signora, und sie verstand das. Ihr »Herr« war auch ein Signor gewesen, sonst hätte sie, obwohl bereits 50 Jahre zählend, da er um sie gefreit, ihn gewiß nicht als Gemahl angenommen. Und im Hinterhofe würde sie auch nicht wohnen, wenn es nicht eine gute Familie wäre, aber die Dorers waren eine der ältesten Familien in Baden – ihre Mutter, eine Baldinger, war mit ihnen verwandt. Freilich schätzten sie den Vorzug ihres Geschlechtes nicht genug – sie verständen es nicht besser – flüsterte sie vertraulich. Sie hatte Recht – Herr Dorer, dick, untersetzt und stumpfsinnig, dachte weit mehr an das Rindfleisch, welches er immer eigenhändig herumreichte, als an seinen Ahn, den Schultheiß, der einst die Mauern von Baden so tapfer vertheidigt. Sein Erbe schlachtete ihm nach – weder der jetzige, noch der »Fideicommissair«, – denn der Hinterhof im Canton Aargau ist ein Fideicommiß – sah im Geringsten patricisch aus. Aber die Seckelmeisterin wußte, aus welchem Blute Beide stammten, und dieses Wissen tröstete sie über das plebejische Aussehen und machte es ihr angenehm im Hinterhofe. Sie selbst war allgemein beliebt; besonders schrie die kleine Amalie, das Schwesterchen des jüngeren Fideicommissairs, schon auf zwanzig Schritte mit ihrem hellen Stimmchen: »Scheckelmei! Scheckelmei!« Scheckelmei kam dann herbei und hieß Amalie vor den Fremden ihre »Kneikerle« machen. Scheckelmei war ihrer Manieren und ihrer Sprachkenntniß wegen Gouvernante bei den Fräulein Töchtern des Herrn Gouverneurs gewesen und wußte, was Lebensart heißt. Sie redete immer wohl und immer mit Feierlichkeit, ganz wie in Goldoni's Komödien geredet wird. Damit konnte sie uns inmitten des Hofes ganze Viertelstunden aufhalten. Wenn ich endlich durchaus entschlüpfen wollte, gab ich ihr geschwind einen Kuß; darüber war sie so erfreut, daß sie uns fortließ. Bei Tische machte sie immer die Wirthin und nöthigte einem Jeden weit mehr vom Nachtisch auf, als er essen wollte. Sie war gar gut die Scheckelmei, und ich hatte sie sehr lieb, und sie mich auch. Dann freute sie sich immer über meinen »dulce signore,« pries die Süßigkeit der Freundschaft, die Süßigkeit der Keuschheit und das Paradies der Liebesfreuden, sprach von ihrem »Herrn«, trocknete sich die Augen und wartete auf die Wiedervereinigung, wenn gleich vielleicht ohne sie besonders zu wünschen.

Eine Table d'hote in einem Badeorte ist eines der treuesten Bilder des Lebens – täglich verschwinden bekannte Gesichter, um fremden Platz zu machen. Wir hatten bald nicht mehr Herrn Wölflin, Herrn Wangern und selbst unsern guten Herrn Kaiser, dafür hatten wir eine »enorme« Jungfer aus Stäfa, die jeden Tag in einem anderen prachtvollen Seidenkleide erschien, eine Madame aus Chur mit einem vierjährigen Knaben, welcher durch seine grenzenlose Unbändigkeit bald den ganzen Hinterhof zur Verzweiflung brachte. Schweizer Officiere mit ihren Frauen, Professoren, Räthe und endlich ein Paar, das uns auffiel, weil der Mann noch so jung und so hübsch war und die Frau so bleich und so krank aussah. Auch trug sie Trauer und der Mann nicht. Dabei schienen sie sich sehr zu lieben; man sah Beide nie anders als miteinander; er führte sie stets. Wir machten eine Art Bekanntschaft mit ihnen auf einem Spaziergange, wo wir von verschiedenen Seiten zusammentrafen. Sie waren Beide in St. Gallen und Heidelberg so gleich gut bekannt, daß wir meinten, er sei irgend ein Rath oder dergleichen aus St. Gallen, der in Heidelberg studirt habe. Am Abend suchten wir in der Fremdenliste, konnten aber weder aus Heidelberg, noch aus St. Gallen ein Ehepaar entdecken und wunderten uns. Doch nur wie man sich über Dinge wundert, die einen wenig oder eigentlich gar nicht interessiren. Den nächsten Tag war der Mann abgereist; ich fragte natürlich die Frau, ob er ihr nicht sehr fehle. Sie lächelte verlegen. »Sie haben auch gedacht, das sei mein »Herr«, nicht wahr?« fragte sie. »Aber das ist nicht; ich bin Wittwe und in Trauer um meinen Mann, und Karl ist nur mein Bräutigam.«

Ja, es war auch eine Wittwe, wirklich und wahrhaftig eine Wittwe – wir hatten zwei Wittwen im Hinterhofe, eine alte und eine junge, eine treue und eine getröstete, eine Wittwe zum Beispiel, und eine Wittwe zur Warnung. Eine Figur aus Goldoni, und eine Frau aus Boccaccio. Ich fiel ein Mal um das andere aus den Wolken in die naivsten, freudigsten Verwunderungen darüber, daß die Mannheimerin mir eine jener frischen, verliebten Frauen so lebenswahr vorspielte, denn sie war aus Mannheim unsere verlobte Wittwe, sie war aus Mannheim und seit acht Jahren in St. Gallen äußerst glücklich verheirathet gewesen. O, ihr Mann war noch viel schöner gewesen als Karl, und wie sie ihn geliebt, und wie beweint hatte – es ließ sich nicht sagen! Ganz St. Gallen war auch, als sie ihn verloren – es war zu Neujahr gewesen, also jetzt gerade sieben und einen halben Monat – ja, ganz St. Gallen war lauter Mitleid gewesen; obgleich eine Fremde, hatte sie sich völlig wie unter Landsleuten glauben können, so hatte man sich beeifert, ihr Theilnahme zu bezeigen, sie zu trösten! Die guten St. Gallener hatten vermuthlich gemeint, einen St. Gallener zu verlieren, müßte für eine Mannheimerin ein geradezu unermeßlicher Verlust sein! Einer der angesehensten Männer war zu ihrem Schutzvogt ernannt worden – die Interessen der armen Verlassenen mußten doch als heilig betrachtet werden. Die arme Verlassene, die so allein auf der Welt war, hatte den Winter über einsam ihrer Trauer gelebt und im Frühjahr eine Landsmännin aus Heidelberg nur darum aufgenommen, weil die unglückliche Frau sich vor den Wirren aus Baden geflüchtet und nicht gewußt hatte, wohin. Diese unglückliche Frau war zufälliger Weise die Mutter von Karl gewesen, und Karl natürlich zu seiner Mutter gekommen, als er mit seinem Bruder nicht in den Aufstand gewollt hatte. Und da hatten sie sich Monate lang täglich gesehen, und so – o, sonst hätte sie's gewiß nimmer gethan, versicherte die Wittwe-Braut. Natürlich, wenn sie Karl nicht kennen gelernt hätte, würde sie sich nicht in ihn verliebt haben. Jetzt war sie's ordentlich, ein junges Mädchen, welches den ersten Bräutigam hat, kann's nicht ärger sein. Karl kam immer zugleich mit dem seligen Mann aus ihrem Munde. Diese Hoffnung auf ihren Künftigen zugleich mit der Trauer um ihren Seligen machte sie ungemein belustigend. Man wußte immer nicht, wen man hörte – ob die Wittwe oder die Braut. Dazu kam, daß dieser lebendige Widerspruch alle seine Empfindungen mit süddeutscher Offenheit herausplauderte. Wir erfuhren alle ihre Angst, daß die St. Gallener merken könnten, wie es mit ihrer Wittwenschaft aussähe, alle ihre Entschlüsse, so lange sie dieses Kleid trage, nicht wieder zu heirathen, alle ihre Furcht vor dem vornehmen Schutzvogt, der ihr jetzt ein wahrer Luxus von Ehre schien, unnütz, sehr unnütz, endlich die Noth, welche sie hier im Hause, in unserm scheinbar so soliden Hinterhofe gehabt. Die Leute waren schrecklich, aber schrecklich neugierig gewesen; immer hatten sie gelauscht, gelacht und bedeutungsvolle Mienen gemacht; selbst der Joseph war anzüglich geworden. Joseph war der Badewärter des Hinterhofes und eine der gelassensten Individualitäten, welche mich je um die Geduld gebracht. Aller Welt hätte ich boshafte Bemerkungen zugetraut, nur nicht dem Joseph, und dieser selbige Joseph hatte doch mit zweideutiger Miene gefragt: ob der Herr denn nicht mit in's Bad gehe. Um diese Frage nicht gar zu impertinent zu finden, muß man wissen, daß hier unter Eheleuten die Sitte des gemeinschaftlichen Badens herrscht, aber freilich nur unter Eheleuten, unter Verlobten nicht. Der heillose Joseph schien indessen Karl und die Wittwe nicht blos für Verlobte halten zu wollen, denn auf ihre Erwiederung: der Herr sei nicht krank, hatte er trocken gemeint: ach, die Herren gingen doch mit, auch wenn sie nicht badeten. Das war denn der armen Wittwe doch zu arg geworden und sie hatte den Bräutigam beschworen, das ungestörte Zusammensein, welches sie hier in Baden gehofft hatten, fahren zu lassen und sie in St. Gallen zu erwarten. Karl war ein vernünftiger junger Mann gewesen und resolut abgereist, aber, ach, was es jetzt der Wittwe leid that, daß sie nicht lieber den Joseph hatte schlaue Bemerkungen machen lassen, ohne den Bräutigam fortzuschicken! Sie wußte sich nicht mehr zu finden, sie brauchte ihre Kur wie im Traume, sie versicherte, daß sie nicht aus dem Fieber herauskomme. Endlich hielt sie's nicht mehr aus – der Doctor mußte ihr die Abreise erlauben. Sie kam zu uns herüber gelaufen, sie war wie elektrisirt, nie habe ich ein glückseliger Geschöpf gesehen. Sie wollte einen Antheil an dieser Freude ihrer kleinen Tochter zuschreiben, aber ich fürchte sehr, die Wonne war einzig und allein für Karl.

Die beiden Wittwen waren von einander verschieden, wie eine graue, moosige Epheuranke, welche sich auf einem Grabstein eingewurzelt, und ein leichtsinniger Finke, der, wenn sein Nest auf einem Baume zerstört wird, sich zwitschernd einen andern sucht, um sich ein neues zu bauen.