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Aus des Angelus Silesius Cherubinischem Wandersmann

Chapter 3: Anmerkung
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About This Book

A sequence of concise, epigrammatic devotional poems that probe mystical union with the divine, asserting God's immanence in the human soul and exploring paradoxes of identity, humility, love, and contemplation. Through aphorisms and striking metaphors—light and fire, wine and vine, mirror and image—the pieces urge inner purification, surrender of the self, and transformation into divine likeness, balancing theological paradox with practical spiritual exhortation toward continual inward prayer and intimate union.

Ich ward das, was ich war,   und bin, was ich gewesen,
Und werd es ewig sein,   wenn Leib und Seel genesen.

Gott schafft die Welt annoch:   kommt dir dies fremde für?
So wiß, es ist bei ihm   kein Vor noch Nach, wie hier.

Die Allmacht hält die Welt,   die Weisheit, die regiert,
Die Güte segnet sie:   wird hier nicht Gott gespürt?

Die Rose, welche hier   dein äußres Auge sieht,
Die hat von Ewigkeit   in Gott also geblüht.

Die Ros ist ohn warum,   sie blühet weil sie blühet,
Sie acht't nicht ihrer selbst,   fragt nicht, ob man sie siehet.

Der Regen fällt nicht ihm,   die Sonne scheint nicht ihr;
Du auch bist anderen   geschaffen und nicht dir.

Freund, wer in jener Welt   will lauter Rosen brechen,
Den müssen 'vor allhier   die Dornen gnugsam stechen.

Ich weiß, die Nachtigall   straft nicht des Kuckucks Ton:
Du aber, sing ich nicht   wie du, sprichst meinem Hohn.

Freund, solln wir allesamt   wie immer Eines schrei'n,
Was wird das vor ein Lied   und vor Gesinge sein?

Je mehr man Unterscheid   der Stimmen vor kann bringen,
Je wunderbarlicher   pflegt auch das Lied zu klingen.

Gott gibet so genau   auf das Koaxen acht,
Als auf das Direlirn,   das ihm die Lerche macht.

Die Kreaturen sind   des ewgen Wortes Stimme:
Es singt und klingt sich selbst   in Anmut und im Grimme.

Dies alles ist ein Spiel,   das ihr die Gottheit macht:
Sie hat die Kreatur   um ihretwill'n erdacht.

Ihr Menschen, lernet doch   von Wiesenblümelein,
Wie ihr könnt Gott gefalln   und gleichwohl schöne sein.

Gott ist ein Organist,   wir sind das Orgelwerk,
Sein Geist bläst jedem ein   und gibt zum Ton die Stärk.

So schön die Laute sich   aus eignen Kräften schlägt,
So schön klingt auch die Seel,   die nicht der Herr bewegt.

Den Bräutgam deiner Seel   verlanget einzuziehen,
Blüh auf: er kommet nicht,   bis daß die Lilgen blühen.

Die Schönheit lieb ich sehr:   doch nenn ich sie kaum schön,
Im Fall ich sie nicht stets   seh unter Dornen stehn.

Was ist nicht sündigen?   Du darfst nicht lange fragen:
Geh hin, es werdens dir   die stummen Blumen sagen.

Gott ist nur alles gar:   er stimmt die Saiten an,
Er singt und spielt in uns:   wie hast dann du's getan?

Ein Herze, das zu Grund   Gott still ist wie er will,
Wird gern von ihm berührt:   es ist sein Lautenspiel.

Die Sonn erreget alls,   macht alle Sterne tanzen,
Wirst du nicht auch bewegt,   so g'hörst du nicht zum ganzen.

Blüh auf, gefrorner Christ,   der Mai ist für der Tür:
Du bleibest ewig tot,   blühst du nicht jetzt und hier.

Die Ros' ist meine Seel,   der Dorn des Fleisches Lust,
Der Frühling Gottes Gunst,   sein Zorn ist Kält und Frost,
Ihr Blühn ist Gutes tun,   den Dorn, ihr Fleisch, nicht achten,
Mit Tugenden sich ziern   und nach dem Himmel trachten:
Nimmt sie die Zeit wohl wahr   und blüht, weils Frühling ist,
So wird sie ewiglich   für Gottes Ros' erkiest.

Die Lieb ist unser Gott,   es lebet alls durch Liebe:
Wie selig wär ein Mensch,   der stets in ihr verbliebe!

Schweig, Allerliebster, schweig:   kannst du mir gänzlich schweigen,
So wird dir Gott mehr Gut's,   als du begehrst, erzeigen.

Fürwahr, wer diese Welt   recht nimmt in Augenschein,
Muß bald Democritus,   bald Heraclitus sein.

Ach daß wir Menschen nicht,   wie die Waldvögelein,
Ein jeder seinen Ton   mit Lust zusammen schrein!

Freund, es ist auch genug.   Im Fall du mehr willst lesen,
So geh und werde selbst   die Schrift und selbst das Wesen.


Anmerkung

Der Dichter des Cherubinischen Wandersmann, Johann Scheffler, bekannter unter dem Namen Angelus Silesius, wurde 1624 zu Breslau geboren. 1643 bezog er als Mediziner die Universität Straßburg. Von den nächsten Jahren verbrachte er zwei in Leyden, hier ist er wahrscheinlich durch den Umgang mit dem schlesischen Theosophen Abraham von Franckenberg und durch das Studium der Schriften Jakob Böhmes in die mystische Strömung gekommen. 1647 ging er nach Padua und erlangte dort den Doktorgrad »mit höchstsonderlichen Ehren.« 1649 wurde er Leibarzt des Herzogs von Öls, gab diese Stellung jedoch schon nach drei Jahren auf und trat im Juni 1653 zur katholischen Kirche über. Der feinempfindende Dichter fühlte sich von dem trocknen Protestantismus abgestoßen, die Mystik führte ihn zum Pantheismus, der Pantheismus zum Katholizismus. Beim Übertritt nahm er den Namen Angelus an und nannte sich in der Folge in seinen Dichtungen Johann Angelus Silesius (der Schlesier).

1657 erschienen, vielleicht früher von der lutherischen Zensur beanstandet, seine Hauptdichtungen, beide mit Erlaubnis der katholischen Zensur: »Geistreiche Sinn- und Schlußreime«, bekannter unter dem Namen der zweiten vermehrten Auflage als »Cherubinischer Wandersmann«, und die Sammlung seiner geistlichen Lieder, die zu den bedeutendsten ihrer Art gehören. Manche davon sind in protestantische Gesangbücher übergegangen und werden noch heute häufig gesungen.

Sein hervorragendstes Werk voll ewiger, unvergänglicher Gedanken ist der Cherubinische Wandersmann. Neben wunderbar Schönem und Tiefem, wie es nur der Philosoph, der Künstler und echte Dichtergeist auszusprechen vermag, finden sich jedoch Reime, die alle Mängel des sich mehr und mehr in Sektenaberglauben verstrickenden Sehers verraten und die sich schwer mit dem übrigen Inhalt des Buches vereinigen lassen; diese konnten für unsere Erneuerung nicht in Frage kommen. Im Februar 1661 wurde Scheffler Minorit, im Mai erhielt er die Priesterweihe – und aus dem tiefsinnigen, weihevollen Dichter ward nun der fanatische Feind des Protestantismus. Seine Haupttätigkeit blieb fortan die literarische Fehde, so daß er in zwölf Jahren fünfundfünfzig zum Teil sehr umfangreiche Streitschriften herausgab. In den letzten Jahren seines Lebens zog er sich ganz ins Matthiasstift seiner Vaterstadt zurück und starb daselbst nach jahrelangem Leiden am 9. Juli 1677.


Zusammengestellt von Ch. H. Kleukens


Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig