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Aus einer kleinen Garnison: Ein militärisches Zeitbild cover

Aus einer kleinen Garnison: Ein militärisches Zeitbild

Chapter 10: Achtes Kapitel.
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About This Book

The narrative paints a lively, often ironic portrait of life in a small garrison town, following social rituals such as parlor concerts and household receptions. Detailed scenes of domestic evenings and regimental routine expose vanities, petty rivalries, and the performative politeness that structures community relations. Episodic character sketches and incidents illustrate tensions between duty, social aspiration, and personal indulgence. Satirical observation emphasizes manners, hierarchy, and the everyday absurdities of provincial military life, alternating descriptive passages with brisk, scene-based episodes.

Das Ehrengericht des Regiments hatte auf eine »Verwarnung« erkannt, »wegen Gefährdung der Standesehre«. Als Erklärung wurde hinzugefügt, daß der Offizier sich nicht in die Gefahr begeben dürfe, seitens der Welt falsch beurteilt zu werden. Da dies im vorliegenden Falle aber geschehen sei, müsse man dem Rittmeister König seine Handlungsweise als inkorrekt und nachteilig für seine Ehre als Offizier vor Augen führen.

König las das Dienstschreiben mit spöttischem Lächeln, und am selben Abend lag sein Abschiedsgesuch beim Regiment.

Wenige Wochen vorher hatte auch der Oberst ein Schreiben erhalten, aber von »oben«, und es steckte in einem blauen Umschlag.

Er war darin bedeutet worden, daß man zwar seine trefflichen Verdienste anerkenne und zu würdigen wisse, nun aber für dieselben keine Verwendung mehr habe.

»Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.« Man nahm daher keinen Anstand, dem Oberst seine Wünsche zu erfüllen, als er um seinen Abschied bat, da er die Beschwerden des Königlichen Dienstes nicht mehr auszuhalten vermöge.

So fuhr denn eines Tages ein gelbgestrichener Möbelwagen vor dem schönen Hause am Ende der Stadt vor, und man packte alles hinein, was des Mitgehens wert war.

Der Oberst aber zog mit Familie sang- und klanglos zum Bahnhof, nur der Bursche erschien, denn er war zum Koffertragen kommandiert. Im letzten Augenblicke kam auch noch atemlos die Kinderfrau an und forderte energisch den letzten Monatslohn.

Ein greller Pfiff, und der Schnellzug entführte einen Mann, der noch einmal mit traurigem Lächeln sein Auge über die Dächer der Stadt gleiten ließ, in welcher er fünf Jahre seine segensreiche Tätigkeit entfaltet.

In der nämlichen Woche reisten Bleibtreu und König ab, in welchen die Armee zwei tüchtige Soldaten und ergebene Anhänger verlor.

Achtes Kapitel.

Acht Uhr vorbei. An einem Dezemberabend. Die Läden der Geschäftshäuser wurden geräuschvoll geschlossen, aus allen Teilen der Straße tönte das Rasseln der Jalousieen, die man vor den blendend erleuchteten Auslagefenstern herunterließ.

Auf dem Asphalt wogte es von einer wortlos dahineilenden Menschenmasse. Hastend und jagend, als habe jeder einzelne etwas Versäumtes nachzuholen, schritten sie dahin, elegante Frauen, Männer im Arbeitsanzug, vornehm gekleidete Herren und der nicht enden wollende Schwarm junger Mädchen, welcher den Ladentischen und Kontors der Geschäftshäuser entströmte, vermischt mit jenen, die in langsamem Tändelschritt, von einer Woge aufdringlichen Parfums umgeben, ihre hoch aufgenommenen seidenen Röcke zur Schau tragen. Auf dem Fahrdamm sausten Cabs und Omnibusse in rastloser Folge dahin, elegante Pärchen, verschleierte Damen, Börsenbarone, Großkaufleute, Reisende und alle die ihrem Ziele zuführend, welche sich nicht mit dem Staub der Menge die Schuhe beschmutzen wollten, oder es besonders eilig hatten. Dazwischen ließ das Automobil seinen düsteren Klageruf erschallen, oder die Straßenbahn ihr Glockenzeichen, elegante Koupees rollten geräuschlos über den Asphalt, nur ab und zu bei dem weißen Licht der Läden oder Straßenlaternen einen Blick in ihr geheimnisvolles Innere gestattend.

Diese ganze Wirrnis des Großstadtstraßenlebens, dies bunte Gedränge, das eilige Hasten und Jagen, alles trug den Stempel des Strebens, der Arbeit, es war wie in einem Ameisenhaufen, wo jedes einzelne Tierchen rastlos seine Pflicht erfüllt, um in gemeinsamer, emsiger Arbeit ein gemeinnütziges Ganzes zu schaffen.

Um die Ecke nach einer schlecht erleuchteten Seitenstraße bog ein elegantes Paar und nahm seinen Weg auf dem von Papieren und Unrat aller Art bedeckten Fahrdamm, hindurch zwischen den zahllosen Wagen und Karren der Verkäufer.

Vor einem einfachen Hause machten sie Halt und stiegen die ausgetretenen Steinstufen hinauf. Der Portier schaute aus seinem Verschlag und grüßte kurz das Paar, welches aus dem Monopol-Hotel hierher übergesiedelt war und ihm so oft zu denken gab.

Es war der ehemalige Oberleutnant Borgert und Frau Leimann.

Sie hatten ihre Schritte nach London gelenkt in der Hoffnung, hier vor einer etwaigen Verfolgung sicher zu sein und einen Unterhalt in dieser Millionenstadt zu finden, die so Manchem das tägliche Brot spendete.

Das Geld war schnell zur Neige gegangen, denn wer in guten Tagen nicht zu rechnen versteht, vermag es auch nicht in den Tagen der Not. Und so hatte sich Borgert nach einer Beschäftigung umsehen müssen, um dem Hunger vorzubeugen, wie schwer es auch dem verwöhnten, nur im Nichtstun groß gewordenen Manne wurde, sich zur Arbeit zu zwingen.

Aber in zwei Geschäfthäusern hatte man ihn wieder entlassen, und eben kehrte er von einem letzten erfolglosen Gange zurück.

Mutlos und verzweifelt warf er sich auf das schmale Sopha und bedeckte das Gesicht mit den Händen, während sich Frau Leimann in einen kleinen Stuhl vor dem Kaminfeuer kauerte.

Mit entgeisterten Augen schaute sie in die erlöschende Glut, — es waren die letzten Kohlen, welche ihre Wärme in den dürftigen Raum ergossen.

Beide sprachen kein Wort, und als Borgert endlich das Schweigen brach, fuhr die Frau erschreckt empor, wie aus einem angstvollen Traume.

»Was soll nun werden?« sagte er leise.

Frau Leimann antwortete nicht, sondern schaute wieder sinnend in das Kaminfeuer, und eine Träne leuchtete in ihrem Auge.

»Morgen müssen wir hinaus aus dem Hause, wenn wir nicht zahlen, und dann können wir auf der Straße schlafen!«

»Du mußt arbeiten, Georg!« entgegnete die Frau mit tränenerstickter Stimme, und sie versuchte einen energischen Ton in ihre Worte zu legen.

»Hab' ich es nicht versucht?« gab er achselzuckend zurück, »hat man mich nicht jedesmal wieder hinausgeworfen? Und es hat auch keinen Zweck, daß ich noch einmal einen Anlauf nehme, ich kann eben nicht arbeiten, ich habe es nicht gelernt.«

»Aber es muß etwas geschehen, wir müssen einen Ausweg finden!« rief die Frau verzweifelt. »Wenn du mich jetzt im Stiche lassen willst, so durftest du mich nicht mit in's Verderben locken!«

»Locken?« fragte Borgert spöttisch, »wer hat dich denn gelockt? Warst du es nicht selbst, die mich flehentlich bat, mitgehen zu dürfen, weil du es bei deinem noblen Herrn Gemahl nicht mehr aushalten konntest?«

»Wenn ich es tat, so mußtest du als Mann so viel Vernunft besitzen, mir mein Vorhaben auszureden!«

»Euch Weibern soll einmal einer etwas ausreden, was ihr Euch in den Kopf gesetzt habt! Jetzt trage ich natürlich allein die Schuld, Ihr Weiber seid ja nie an etwas schuld.«

»Lästere nicht, Georg, raffe dich zusammen und überlege, wie uns jetzt zu helfen ist. Es muß ein Mittel geben!«

»Hier ist es!« entgegnen Borgert und warf einen kleinen Revolver auf den Tisch.

Ein Schauer durchzuckte die Frau und einen Augenblick lehnte sie wie ohnmächtig an der Wand, während die weitgeöffneten Augen entsetzt auf das kleine Ding gerichtet waren, dessen Metall im Widerschein des Feuers leuchtete.

»Um Gottes Willen!« stieß sie atemlos hervor, »bist du von Sinnen?«

»Im Gegenteil«, erwiderte Borgert kühl, »es ist der einzige Weg, der uns erlösen kann, und nicht zum ersten Male kommt mir der Gedanke. Ist es nicht besser, diesem Hungerdasein und Hundeleben ein kurzes Ende zu machen, als sich vielleicht noch Jahre lang herumzuquälen in Not und Unsicherheit?«

Frau Leimann tat sinnend einen Schritt nach dem erlöschenden Feuer hin, wie wenn es sie anzöge, um mit seiner wohltuenden Wärme das erstarrte Blut in ihren Adern neu zu beleben. Ihr Blick hing wie gebannt auf einem vergilbten Stahlstich über dem Kaminsims, der das Festgelage eines alten englischen Königs darstellte. Wie geistesabwesend schaute sie mit gläsernen Augen auf das Bildnis, welches so recht die Freuden des Lebens zu malen schien. Sie merkte es nicht, als Borgert leise hinter sie trat.

Ein Schuß krachte und mit einem Aufschrei brach die Frau zusammen. Die linke Hand griff wie Hilfe suchend in den Feuerschein, und die kleinen blauen Flämmchen spielten ersterbend um die weiße Frauenhand, aus der mit dem Blute das Leben entwich.

Einen Augenblick starrte der Mörder mit entgeistertem Blick auf das leblose Weib, dann richtete er die Waffe gegen sich, und ein zweiter Schuß setzte seinem Leben ein Ziel: er büßte im Tode die vielfache Schuld, die ihm das Leben verleidet.

Als man nach vier Tagen auf einem entlegenen Friedhof, weit draußen am Themsestrand, die irdischen Reste des jungen Paares einscharrte, wußte niemand, wem auf der weiten Welt es angehörte: niemand ahnte das Drama seines Lebens und die Sünden, die ihm der Tod verzieh.



Druck von W. Hoppe, Borsdorf-Leipzig.


Transcriber's Note(s)
Notizen des Bearbeiters:

Inhaltsverzeichnis hinzugefügt.

Table of contents added.