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Aus einer kleinen Garnison: Ein militärisches Zeitbild cover

Aus einer kleinen Garnison: Ein militärisches Zeitbild

Chapter 6: Viertes Kapitel.
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About This Book

The narrative paints a lively, often ironic portrait of life in a small garrison town, following social rituals such as parlor concerts and household receptions. Detailed scenes of domestic evenings and regimental routine expose vanities, petty rivalries, and the performative politeness that structures community relations. Episodic character sketches and incidents illustrate tensions between duty, social aspiration, and personal indulgence. Satirical observation emphasizes manners, hierarchy, and the everyday absurdities of provincial military life, alternating descriptive passages with brisk, scene-based episodes.

Friedrich Röse saß in der schlecht erwärmten Arrestzelle, in welcher er die 14tägige Strafe wegen Wachtvergehens verbüßte.

Durch den mit Eisblumen bedeckten kleinen Lichtschacht sah er hinauf nach dem Fenster im ersten Stock der 3. Eskadron, wo ein Weihnachtsbaum im Lichterglanz erstrahlte. Schwermütig ernst ertönten die Klänge jenes ewig schönen Weihnachtsliedes, dessen Musik gerade in ihrer Eintönigkeit ergreifend wirkt. Fröstelnd saß er auf dem Rand der harten Holzpritsche, und eine Träne rollte über die Wangen hinab auf das Steinpflaster des Fußbodens. Wieder weilten die Gedanken daheim, aber nicht freudig, erwartungsvoll, sondern Verstimmung, Schmerz und Sehnsucht lagen in den Zügen des jungen Mannes.

Mit welcher Freude, welchem Eifer hatte er sich zum Militär gemeldet! Schon sein Vater, einst Wachtmeister der Gardekürassiere, schilderte das herrliche Soldatenleben in den schönsten Farben und hatte keinen größeren Wunsch, als seinen Jungen einmal als flotten Unteroffizier wiederzusehen.

Aber das gab es jetzt nicht mehr, er war bestraft mit strengem Arrest, gebrandmarkt für seine ganze Dienstzeit.

Die freudige Lust am Soldatenstande hatte sich mit einem Male in Haß und Ingrimm verwandelt gegen den bunten Rock, gegen alles, was Soldat sein bedeutete, mit einem Schlage war aus dem diensteifrigen, strebsamen Rekruten einer von den vielen geworden, die nur Soldat sind, weil sie es müssen und die den Tag der Entlassung als den ihrer Freiheit ersehnen.

Und warum war das alles?

Nicht weil er wissentlich seine Pflicht verletzt hatte, sondern weil es einem jener Herren Offiziere einfiel, die Laune seiner Trunkenheit an dem ersten besten Opfer auszulassen, das ihm in die Hände fiel. Und was der Herr in seiner Meldung behauptete, stand als bombenfeste Tatsache da, wer daran zweifelte, beging ein neues Vergehen, die Achtungsverletzung.

Röse hatte auf die bezügliche Frage seines Rittmeisters den Vorgang geschildert und seine Unschuld hoch und heilig beteuert, aber der Adjutant hatte hierauf erwidert, der Mann wolle sich jetzt herauslügen. Was er gemeldet habe, sei Tatsache.

Oder sollte er zugestehen: Ich habe dir Unrecht getan, habe mich geirrt, denn ich war betrunken und übler Laune? Fiel ihm gar nicht ein, er konnte sich diese Blöße nicht geben. Wie durfte er, der unnahbare, nie fehlende Regimentsadjutant eingestehen, sich geirrt zu haben? Er irrte sich eben nie, und was schadete es groß dem Kerl, wenn er die paar Tage brummte?

Was es schadete?

Daß es einen Apostel mehr gab, der verkündete, er sei als Soldat ein gepeinigter, in ein beschwerliches Joch gezwungener Mensch, der Spielball seiner Vorgesetzten gewesen, die ihre Laune an ihm ausließen, wie es ihnen behagte, daß unverdiente Härte und Ungerechtigkeit, gegen die es keine genügende Waffe gab, da zu finden gewesen seien, wo indviduelle Behandlung, Rücksicht und einsichtsvolle Überlegung am Platze wären.

Und was es weiter schadete?

Daß Jedermann, dem Röse in späteren Jahren seine Papiere vorlegte, die Achseln zuckte und dachte: »Du scheinst mir auch kein zuverlässiger Bruder zu sein, 14 Tage wegen Wachtvergehens, das ist übel!« — — — —

Gegen neun Uhr schreckte Röse ein Geräusch an der Tür aus seinen Gedanken. Ein Schlüsselbund klapperte, das Schloß schnappte und herein trat der Offizier vom Dienst, hinter welchem der Wachthabende stand.

Röse sprang auf, nahm eine militärische Haltung ein und meldete:

»Gemeiner Röse mit 14 Tagen wegen Wachtvergehens bestraft!«

Der Offizier schaute einen Augenblick in das Innere der dunkelen Zelle, ob er nicht etwa einen verbotenen Gegenstand außer der Schlafdecke und dem Wasserkrug entdeckte, dann wandte er sich zum Gehen. Da sagte Röse zögernd:

»Gestatten der Herr Leutnant eine Bitte?«

»Wenden Sie sich an den Wachthabenden, wenn Sie etwas wollen«, entgegnete der Offizier kurz und tappte die Steintreppe hinunter, vorsichtig um sich schauend, daß er sich den grauen Mantel an dem staubigen Treppenhaus nicht beschmutze.

Der Wachthabende begleitete ihn bis zum Ausgang und kehrte dann zu Röse zurück.

»Was wolltest du denn?« fragte er wohlwollend.

»Ich wollte bitten, wenn ein Brief für mich da wär, daß ich ihn jetzt bekommen kann, Herr Unteroffizier!« antwortete Röse schüchtern.

»Ja, mein Junge,« lachte der Unteroffizier gutmütig, »das geht eigentlich nicht — erst absitzen, dann's Vergnügen.« Wie er aber Röse, der von seiner Schwadron war und den er gut leiden mochte, mit dem trübseligen Gesichte vor sich stehen sah, tat ihm der arme Junge leid. Es war doch eine harte Sache, hier den heiligen Abend verleben zu müssen und obendrein wegen einer solchen Lappalie, und schließlich sogar unschuldig. Er sagte daher freundlich zu Röse:

»Na ja, ich werde mal nachfragen lassen.«

Er verschloß die Zelle wieder und schickte einen Mann zu Röse's Berittführer mit der Bitte, doch einmal zu ihm zu kommen. Und als dieser herbeigekommen war, fragte der Wachthabende den Berittführer:

»Ist ein Brief für den Röse da?«

»Ein Brief nicht, aber ein Packet habe ich für ihn vom Wachtmeister bekommen!«

»Weiß du was?« flüsterte der Wachthabende, »mach die Kiste auf und bring dem Kerl was rüber, das arme Luder tut mir leid.«

Der Berittführer nickte und verschwand, um bald mit einem Brief, einer Wurst und einem Stück Kuchen zurückzukehren. Der Wachthabende nahm alles in Empfang und stieg zu Röse hinauf. Gleichzeitig hieß er einen Mann mit einem Eimer Kohlen mit sich gehen.

Nach wenigen Minuten flackerte das Feuer in der Zelle wieder hell und Röse stand davor, um beim flackernden Schein den Brief der Eltern zu lesen. Dabei rannen ihm beständig die Tränen über die Backen. Dann versteckte er wie einen kostbaren Schatz Wurst und Kuchen hinter der Pritsche, hüllte sich in seine Decke ein und legte sich auf das harte Holzbett nieder.

Bald schloß der Schlaf die verweinten Augen, und im Traum saß Röse daheim unter'm Weihnachtsbaum im Kreise seiner Eltern und Geschwister.

Der 28. Dezember war ein Trauertag für die vierte Schwadron.

Die Leute, die erst am Abend vorher von Urlaub zurückgekehrt waren, gaben heute einem Kameraden das letzte Geleit: man trug den Gefreiten Dietrich zum Friedhof hinaus.

Er war stets ein schwächlicher Mensch gewesen. Damals aber, als er erhitzt und vom Regen durchnäßt in die kalte Stube kam und kein Feuer anbrennen konnte, weil ihm Roth die Kohlen verweigerte, packte ihm am selbigen Abend ein heftiges Fieber. Nach zwei Tagen stellte der Arzt Gelenkrheumatismus fest, der so stark auftrat, daß das Herz in Mitleidenschaft gezogen wurde und der Arme am ersten Weihnachtsfeiertage an Herzschlag starb.

Die tieferschütterten Eltern hatten zwar telegraphisch um Überführung der Leiche ihres einzigen Sohnes zum Heimatsort gebeten, doch da das Geld für einen Zinksarg und den Transport nicht kam, fand die Beerdigung auf dem Garnisonsfriedhof statt.

Am nächsten Tage wurde auch der vom Pferde geschlagene dicke Reserve-Gefreite aus dem Lazaret entlassen. Seine Verletzungen schienen zwar geheilt, doch war das ganze Gesicht durch die zurückgebliebenen Narben schrecklich entstellt und das linke Auge durch eine Operation entfernt worden, da man infolge der Verletzung desselben fürchtete, das andere Auge könnte in Mitleidenschaft gezogen werden.

So kehrte denn der Unglückliche als Halbinvalide mit einer monatlichen Pension von neun Mark in die Heimat zurück.

Der ehemalige Sergeant Schmitz saß am Sylvesterabend in seiner dürftigen Stube.

Er hatte sich, um der äußersten Not vorzubeugen, als Arbeiter einer großen Fabrik der Nachbarstadt verdingt und konnte so wenigstens seinen Lebensunterhalt verdienen. Er bewohnte ein mäßiges Zimmer im zweiten Stock eines Arbeiterhauses und wurde von der darin hausenden Familie gegen geringes Entgeld mit verpflegt.

Jetzt saß er am Tisch, den Kopf in beide Hände gestützt. Vor ihm stand ein Teller mit den Resten des kärglichen Abendbrotes, und eine kleine Lampe mit zerbrochenem Schirm warf einen matten, rötlichen Schein auf die am Tisch sitzende Gestalt und die ärmliche Einrichtung des kleinen Raumes. An der Wand stand ein eisernes Bett mit rot und weiß kariertem Bezug, und darüber waren Klinge und Scheide des Säbels übers Kreuz befestigt.

Auf einem kleinen Holzschemel stand eine Waschschüssel, daneben lag ein graues Handtuch. Das Feuer in dem kleinen Ofen war längst erloschen, nur einzelne klimmende Köhlchen lebten noch darin.

Wer den Mann da sitzen sah, konnte glauben, einen Schlafenden vor sich zu haben, aber Schmitz wachte, und in seinem Kopf jagten wilde Gedanken durcheinander. Er dachte an vergangene Zeiten, und je schroffer ihm seine jetzige Lebenslage von früheren Zeiten abzustechen schien, um so grimmiger wurde sein Haß gegen den, welcher ihn in seine jetzige Lage gebracht; er sann auf Rache, wie er jenen elenden Schurken strafen und brandmarken könne für seine gewissenlose, gemeine Handlungsweise.

Eine Weile noch saß er brütend da, dann erhob er sich mit finsterem Gesicht und trat an's Fenster, hauchte ein kleines Loch in die dicken Eisblumen und schaute hindurch nach der erleuchteten Uhr des Kirchturmes, aus dem jetzt das melodische Läuten der Glocken in die kalte Nacht hinaus drang, das Herannahen des neuen Jahres kündend.

Elf Uhr! Schmitz setzte seinen Hut auf, ergriff den Spazierstock, blies die Lampe aus und ging die dunkle Treppe hinab.

Auf der eisbedeckten Steinstufe vor der Haustür verweilte er einen Augenblick und lauschte dem dumpfen, feierlichen Glockenton. Sonst vernahm man keinen Laut, keinen menschlichen Tritt, nur ein fernes Rauschen wie ein Atem erfüllte die Luft, der Atem einer Großstadt in der Silvesternacht.

Schmitz schlug fröstelnd den Rockkragen hoch, steckte beide Hände in die Hosentaschen und ging, den Stock unter'm Arm, eiligen Schrittes dem Bahnhof zu, wo er für 20 Pfennig eine Fahrkarte nach seiner früheren Garnison erstand und den bereitstehenden Zug bestieg.

Das kleine Städtchen lag wie ausgestorben in seiner schneeichten Hülle. Von der Kaserne flimmerten die hell erleuchteten Fenster wie Sterne herüber, und mitunter tönten abgebrochene Weisen eines Gesanges, oder einzelne Akkorde, vom Winde sanft getragen, klangen in die Nacht hinaus. In der Ferne summte es von dem Läuten zahlreicher Kirchenglocken, welche in den vielen umliegenden Dörfern und Flecken das neue Jahr begrüßten. Aus den hell erleuchteten Kneipen und Restaurationen aber ertönte lautes Reden, Lachen und Gesang fröhlicher Zecher, die dem neuen Jahr einen frischen Trunk entgegenbrachten.

Schmitz ging dem Stadtende zu, an welchem die Kaserne lag und machte vor einem Wirtshause Halt. Scheu blickte er um sich, ob Niemand ihn beobachte, dann stieg er auf den Rand der Mauer und schaute durch das angelaufene Fenster.

Richtig, dort saß der Roth, im Kreise einiger Unteroffiziere und Gefreiten, denn hier pflegte er allabendlich bis in die tiefe Nacht zu zechen oder ein Spielchen zu machen.

Vorsichtig stieg er wieder herab und schritt der Kaserne zu. Er bog in einen zu beiden Seiten mit beschneiten Hecken eingefaßten Richtweg und stellte sich an der ersten Biegung auf. Hier pflegte Roth auf dem Heimweg vorbeizukommen.

Schmitz mußte lange auf seinem Posten ausharren, aber es war ihm wohl zu Mute.

Die bittere Kälte des Tages war um Mitternacht einer lauen Winterluft gewichen, ein sanfter Wind trieb seine Schneeflöckchen vor sich her und ließ die dürren Blätter der Buchenhecke rascheln. Unten, wo der schmale Weg in die Straße einbog, sah man mitunter eine Gestalt wie einen Schemen schwankenden Schrittes in dem Dunkelgrau der Nacht auftauchen und lautlos auf der weichen Schneedecke wieder verschwinden — Zecher, die nach reichlichem Trunk der Ruhe des Bettes bedurften. —

Schmitz fühlte keine Spur von Kälte, denn bei jedem neuen Schlag der fernen Turmuhr trieb ihm das Blut schneller durch die Adern, immer näher rückte der Augenblick, auf den er sich schon so lange gefreut.

Endlich, es hatte eben zwei Uhr geschlagen, nahte eine dunkle Gestalt.

Der Wartende drückte sich an die Hecke und faßte den Stock fester, das Herz klopfte ihm zum Zerspringen.

Schon war Roth auf wenige Meter herangekommen, das Gesicht fast ganz in dem hochgeschlagenen Mantelkragen versteckt, aber Schmitz erkannte den Wachtmeister genau, wie er, einen Gassenhauer vor sich hinpfeifend, mit schleppendem Säbel schwankenden Ganges daher kam.

Als der Wachtmeister nur noch einige Schritte hatte, um neben Schmitz zu sein, trat dieser, den Stock auf der Schulter, breitbeinig vor seinen Gegner hin.

Roth stutzte einen Augenblick wie ein scheues Wild, dann sah er sein Gegenüber scharf an. Er erkannte ihn nicht.

»Was wollen Sie?« brachte er mit trockener Kehle hervor.

»Mit dir abrechnen will ich«, war die kurze Antwort, die dem Vizewachtmeister das Blut erstarren machte.

Einen Augenblick standen die beiden Männer einander gegenüber, da erkannte Roth seinen ehemaligen Freund.

»Ach, du bist es, alter Kerl, was willst du denn hier?« stieß er mit heiserer Stimme hervor.

»Das will ich!« schrie Schmitz und ließ seinen Stock sausend durch die Luft fahren. Der erste Schlag traf den Gegner mitten ins Gesicht.

Der zum Tod Erschrockene taumelte einen Augenblick, ehe er aber seinen Säbel ergreifen konnte, sauste ihm ein kräftiger Hieb nach dem anderen in's Gesicht, auf den Kopf, die Schultern und Hände.

Da stürzte er sich wie ein wildes Tier auf seinen Gegner. Schmitz aber holte aus und gab dem Wachtmeister eine schallende Ohrfeige, daß er rücklings zu Boden fiel.

»So, du ehrloser Hund, du feiges, dreckiges Aas, das war für deine gemeine Gesinnung und das ist für deine Lügerei!« Dabei gab er dem am Boden Liegenden einen derben Tritt und entfernte sich.

Im Gehen rief er noch spöttisch seinem Opfer zu:

»Jetzt darfst du mich wieder melden, du Schweinehund, aber dann habe ich so Verschiedenes zu erzählen!«

Nun war dem alten Futtermeister wieder wohl um's Herz, jetzt konnte er sein Schicksal ruhiger tragen, denn er wußte den Gegner gestraft. Die Rache ist doch süß!

Vizewachtmeister Roth mußte mehrere Wochen im Lazarett verbringen, bis seine Wunden im Gesicht und an den Händen geheilt waren. Er hatte angegeben, von einem betrunkenen Arbeiter überfallen worden zu sein und behauptete, ihn mit dem Säbel zu Boden gestreckt zu haben.

Daran wollte aber niemand recht glauben, denn es meldete sich weder ein verwundeter Arbeiter, noch war ein solcher durch Nachfragen bei den Ärzten der Umgegend festzustellen. Im Stillen wußte jeder, aus welchem Laden der verhaßte Wachtmeister seine Prügel bezogen hatte.

Schmitz aber feierte in der Silvesternacht seine Rachetat durch einige Glas Bier, die er sich lange nicht geleistet hatte. Als er beim Schein der Lampe Blut an seiner Hand entdeckte, wischte er es ab wie das eines räudigen Tieres und warf sein Taschentuch in's Feuer. Dann rief er lustig:

»Noch eins, Herr Wirt!«

Viertes Kapitel.

In den letzten Tagen des Januar herrschte in den Räumen des Offizierskasinos rege Tätigkeit.

Ein ganzes Aufgebot von Tischlern, Malern und Gärtnern war damit beschäftigt, die Zimmer und Korridore samt Veranda und Wintergarten in einen Festplatz mit zahlreichen Buden und Zelten umzuwandeln, damit Prinz Karneval in den ersten Tagen des Februar einen würdigen Einzug halten könne.

Unter dem Dach grünender Bäume waren buntbemalte, mit Plakaten aller Art bedeckte Schaubuden aufgeschlagen, in denen es köstliche Leckerbissen und allerlei Getränke, vom einfachsten Selterwasser bis zum echten Französischen, zu kaufen geben sollte, in einer anderen sollten einige als wilde Tiere frisierte Soldaten in Freiheit vorgeführt werden, ein drittes Zelt war als Bühne hergerichtet, auf welcher man durch Spezialitätenvorstellungen die Lachmuskeln der Festbesucher in Bewegung halten wollte. Zwei mit Bänken besetzte Rasenplätze luden zu den Genüssen einer Musikbande und echten Pilseners ein, während im Nebenzimmer ein Standesamt errichtet war, wo man sich unter Verabfolgung eines Glases Sekt für zehn Pfennig trauen und nach einer Stunde wieder scheiden lassen konnte.

Der große Speisesaal stellte den Hauptfestplatz dar. Auf einer mit Zweigen umkränzten Kanzel war Platz für ein Musikkorps, und die Trompeter des Regiments schweiften täglich in der ganzen Gegend umher, um irgendwo ein recht zerlumptes Musikantenkostüm aufzutreiben.

Sogar eine Photographierbude fehlte nicht, an deren Außenwand die verlockendsten Porträts und Gruppenbilder zu sehen waren.

Natürlich bildete die bevorstehende Festlichkeit den Hauptgesprächstoff während des Offiziersmittagstischs. Jeder wollte so originell als möglich angezogen erscheinen, und es war ein langes Hin- und Herberaten, bis man sich über das zu wählende Kostüm schlüssig wurde.

So kam der Tag des Festes allmählich heran. Am Nachmittag traf ein kleines Heer von Friseuren ein, und der Regimentsschneider zog mit seiner Nadelgarde von einem Herrn zum anderen, um noch Änderungen an den Kostümen vorzunehmen oder mit hülfreicher Hand einzugreifen, wo etwas nicht paßte.

Um sieben Uhr erwarteten die Ordonnanzen in schwarzen Kellnerfräcken die Festteilnehmer, und es währte keine halbe Stunde, bis die Herren und Familien des Offizierkorps mit ihren Gästen vollzählig erschienen waren.

Es bot ein buntes, farbenprächtiges Bild, wie sie alle in ihren mehr oder minder geschmackvollen originellen Verkleidungen durcheinanderwogten, während die Musik aus den verschiedenen Ecken des Festplatzes ihre Tanzweisen ertönen ließ. Dabei floß der Sekt in Strömen, und an einem Gartentische sah man sogar einen derben Bauern, den Knotenstock zwischen den Beinen, eine Portion Kaviar verzehren, während daneben ein Zirkusklown einen Hummer zerlegte.

Die drolligste Figur aber war der Kommandeur in seinem polnischen Bauernkostüm, mit der Pelzkappe auf dem Kopf. Wäre er in dieser Verkleidung auf dem Schweinemarkt in Pommern erschienen, hätte jeder Käufer einen bedeutenden Borstentier-Züchter in ihm vermutet, mit dem es sich lohnte, einen Handel anzufangen. Es machte ihm sichtlich auch keine Mühe, durch entsprechende Gebärden und Bewegungen die Treue seiner Rolle zu erhöhen.

Da der Sekt auf allgemeine Unkosten ging, war der Herr Oberst schon nach einer Stunde »veilchenblau«.

Sein hoher Adjutant hatte nicht gut daran getan, die Verkleidung eines polnischen Juden zu wählen, denn auf diese Weise ersetzte er geschickt, was seinem Äußeren am waschechten Mauschel noch fehlte.

Frau König sah als Kammerzofe reizend aus, und ihre blauen Augen strahlten vor Vergnügen. Wäre es im Ernst gewesen, so hätte die niedliche blonde Dirn mit dem lebensfrohen frischen Gesichtchen sofort eine Stellung mit hohem Lohn gefunden. Dies erkannte auch der Jägerbursch, dessen Züge denen Bleibtreu's auffallend ähnlich waren, und er beschloß, mit dem sauberen Mädel »zu gehen«, um sich dann mit ihm zum Standesamt zu begeben. Erst das Ende des Festes machte einen Strich durch die so schönen »Flitterstunden« des jungen Paares und führte ihm die rauhe Wirklichkeit in Gestalt des zum Aufbruch mahnenden Gatten vor Augen.

Auch Frau Leimann erschien als Vierländerin nicht minder begehrenswert. Das Kostüm stand ihr gut, und Borgert weidete sich mit sichtlichem Behagen an der schönen Figur und den kleinen Füßchen seiner Hausgenossin.

Frau Kahle kokettierte als Blumenmädchen mit den jüngeren Herren, indem sie aller Augen auf den Ausschnitt ihres Kleides zog, an welchem sie eine herrliche Rose befestigt hatte. Auch sie spielte ihre Rolle vortrefflich, denn der Sekt ließ bereits eine befriedigende Wirkung erkennen. Leutnant Kolberg als Modegigerl hatte ihr bereits alle Blumen abgekauft und sie dann als »Arbeitslose« gänzlich mit Beschlag belegt.

Frau Rittmeister Stark allein paßte gar nicht in das Milieu des Festplatzes hinein. Die Wahl ihrer Gewandung hatte ihr heftiges Kopfzerbrechen verursacht, denn als Blumenmädchen oder Balletteuse zu erscheinen, schien ihr zu gewagt. Die Rolle einer Äpfel- oder Butterfrau fürchtete sie als zu naturgetreu, und so schwebte sie denn in einem schillernden Phantasiekostüm durch die Menge, das sie auf Befragen neckisch für das einer »Nixe in mittleren Jahren« erklärte. So hatte sie sich in eine Wolke rosa und mattgrüner Spitzen gehüllt, und der gewaltige Busen schien die Meereswogen darzustellen, während die bloßen Arme eigentlich mehr den Eindruck machten, als seien sie das Handwerkszeug einer »Kraftmenschin« oder Riesendame.

Drei jüngere Herrn bildeten ein vortreffliches Vagabunden-Kleeblatt, und man konnte glauben, die zerlumpten Gesellen hätten sich meuchlings von der Landstraße eingeschlichen, um einmal ein Fest der »oberen Zehntausend« mitzumachen. Die zu ihrer Rolle passende Trunkenheit hatten sie sich in kürzester Zeit angeeignet.

Leutnant von Meckelburg stand als Leierkastenmann unbeweglich in einer Ecke und konnte sich nicht entschließen, an dem lustigen Treiben teilzunehmen, dabei machte er ein Gesicht, welches nicht unmittelbar auf die Anwesenheit von Geist schließen ließ. Erst als er in späterer Stunde seine musikalische Dekoration in einem Winkel des Festplatzes verborgen, stellte sich allmählich etwas Geist ein, der aber dem Grunde einer geleerten Sektflasche entstammte.

Die Musik spielte die schönsten Tanzweisen und benutzte die Pausen zu intensivem Studium des Bierfasses, dessen Hahn aus dem Tannengrün ihres Podiums herauslugte.

Um 11 Uhr begann die Festvorstellung auf der kleinen dazu errichteten Bühne.

Ein Leutnant trug als Einleitung zwei prinkelnde Kouplets vor, indem er als anmutige Chansonette in einem reichlich dekolletierten Babykleidchen auf der Bühne herumhüpfte. Daran schloß sich die Aufführung einer Parodie auf Shakespeares »Hamlet«, in deren Verlauf sämtliche Mitwirkende durch Mord, Gift, Blitz, Hunger und Durst elendiglich zu Grunde gehen. Zum Schluß trat sogar der Souffleur auf die Bretter und gab, erschüttert durch die vor seinen Augen sich abspielenden Greuel, seinem inhaltlosen Leben durch freiwilligen Sturz in die Versenkung einen würdigen Abschluß.

So war die Stimmung immer anregender geworden und allmählich unterschied sich die Fastnachtsfeier des Offizierkorps nur noch durch den immer noch strömenden Sekt von dem Treiben auf einem wirklichen Festplatz zur Zeit der Dorfkirmes.

Leutnant Kolberg hatte sich inzwischen mit Frau Rittmeister Kahle in einer Laube niedergelassen und eine Rollschutzwand davorgestellt, um ungestört und ungesehen ein trautes Stündchen zu verbringen.

Eine kleine »Flirtation« war ihm Lebensbedürfnis, und, da die Garnison mit ihren soliden Bürgerstöchtern und ehrbaren Frauen seinen diesbezüglichen Ansprüchen nicht gerecht wurde, wollte er einmal hier sein Heil versuchen. Er wußte ja von Pommer her, wes Geistes Kind Frau Grete war und wollte nun auf diplomatischem Wege das Feld sondieren.

Die dazu erforderliche Zeit aber hatte er zu lange bemessen, denn schon nach einer Viertelstunde lag die kleine Frau wonne- und liebestrunken in seinen Armen und wehrte sich nicht im Geringsten, als der feurige Galan die Rose am Busen seiner neuen Geliebten einer eingehenden Besichtigung unterzog.

Das war doch ein anderer Kerl wie sein unbeholfener Vorgänger, der hatte Mut und Feuer, und sie malte sich ein Liebesleben mit dem neu eroberten Romeo in den glänzendsten Farben.

In einer anderen Laube saß Oberleutnant Leimann ganz allein und vergoß Bäche von Tränen. Das heulende Elend hatte ihn wieder pünktlich nach dem sechsten Glase gepackt.

Jeden tröstlichen Zuspruch wies er schroff zurück, und die Ordonnanzen wollten sich tot lachen, wenn sie den heulenden ungarischen Magnaten wie ein Häuflein Unglück auf einem Weinfaß sitzen und herzbewegend schluchzen sahen.

Seine Gattin fand die Situation höchst langweilig und beschloß daher, einen Migräneanfall zu bekommen. Sie nahm also mit müden Zügen in einer anderen Ecke Platz und bat den sofort hinzukommenden Borgert, sie nach Hause zu bringen.

Durch diesen Auftrag nicht unangenehm berührt, bot er der schönen Vierländerin den Arm, geleitete sie zur Garderobe, warf ihr den Pelzmantel über die Schultern und geleitete sie nach Hause.

Als sie vor der Tür des gemeinsamen Hauses standen, tat sie einen tiefen Seufzer und sagte leise:

»Die Luft hat mir gut getan! Es ist mir wieder wohl!«

»Also darf ich Sie wieder zum Kasino zurückbegleiten?« war Borgert's Antwort, und der Ton seiner Stimme verriet sichtliche Enttäuschung.

»Ach nein, wir wollen bei mir noch eine Tasse Kaffee trinken, das wird uns gut tun, ich habe auch gar keine Lust, wieder unter diese betrunkenen Menschen zu gehen, es ist ein widerwärtiger Anblick!«

»Ganz wie Sie wünschen, meine Gnädigste!«

Dabei schob er den Schlüssel in das Schloß, öffnete die Tür, und beide stiegen schweigend die dunkle Treppe hinauf.

Als sie im Zimmer angelangt waren, holte Borgert die Lampe herbei und zündete sie an. Er kannte genau den Platz, wo sie zu finden war. Dann griff er nach einer Zeitung und setzte sich träge in die Sofaecke.

Frau Leimann aber war im Nebenzimmer verschwunden, um nach wenigen Augenblicken wieder mit der Kaffeemaschine zu erscheinen, auch hatte sie das Fastnachtskostüm mit dem Morgenrock vertauscht, dessen weicher Faltenwurf sich kosend an die schönen Glieder schmiegte.

»So,« sagte sie, die Gardinen zuziehend, »jetzt sind wir endlich in unseren vier Pfählen, jetzt wollen wir noch ein Stündchen gemütlich plaudern!«

Dabei ließ sie sich ebenfalls auf das Sofa fallen, und Borgert's Augen hingen wie trunken an der jugendlich schönen Gestalt, die sich unter dem Stoff des Gewandes verriet.

»Endlich allein! könnte man eigentlich sagen,« scherzte Borgert, »hoffentlich kommt Ihr Gatte nicht zu bald nach, damit unser idyllisches Kaffeestündchen nicht gestört wird.«

»Mein Mann?« erwiderte Frau Leimann mit spöttisch emporgezogenen Lippen, »der kann bleiben wo er ist, wie ich ihn kenne, kommt er vor morgen früh auch nicht nach Hause. Ich habe den Menschen schrecklich satt! Ich kann ja zu Ihnen offen reden!«

»Ja, gnädige Frau, das sind eben die Freuden und Leiden des Ehestandes. Drum prüfe, wer sich ewig bindet, sagt Schiller, denn sonst gibt es eben ein Unglück!«

»Sie haben gut reden! Man kann doch in den paar Wochen, die man verlobt ist, nicht seinen Zukünftigen so kennen lernen, wie man es in der Ehe tut. Hätte ich das gekonnt, dann hätten wir nicht diese Dummheit begangen, uns zu heiraten. Denn ich bin ihm jetzt zu arm und er wird mir allmählich unausstehlich!«

»Darum heirate ich nie, ich lasse die Finger von diesem Hazardspiel!«

»Aber man ist doch schließlich dazu da!« erwiderte Frau Leimann fast gereizt, »man will doch später nicht als alte Jungfer zum Gespött der Leute werden.«

»Nach unseren Gesetzen und gesellschaftlichen Regeln hilft es eben nichts, gnädige Frau, da heißt es entweder heiraten oder ledig bleiben. Aber das ist entschieden eine Lücke in unserer Weltordnung. Wie wenige sind es, die, nach langjähriger Ehe vor die Frage gestellt, ob sie sich noch einmal heiraten würden, mit einem aufrichtigen »Ja« antworten könnten! Meistens würde man doch die Gelegenheit benutzen, auseinander zu laufen. Ich setze dabei also voraus, daß es eine Bestimmung gäbe, die nach beispielsweiser zehnjähriger Ehe diese trennen und den Gatten eine nochmalige gegenseitige Heirat gestatten würde.«

»Sie haben Recht, manche möchten schon nach den ersten Wochen wieder auseinander, aber sie müssen weiter neben einander her vegetieren, weil sie durch die sogenannte Ehe zusammengebunden sind.«

»Das wäre etwas voreilig gehandelt, gnädige Frau, denn viele Ehegatten müssen sich erst an einander abschleifen und ganz genau kennen, um sich schätzen zu lernen, wozu oft lange Jahre gehören, und dann kommt es doch häufig vor, daß sie in späteren Jahren recht gut miteinander auskommen, während sie früher wie Hund und Katze standen.«

»Gewiß, aber wenn nach zehn Jahren keine Liebe da ist, dann kommt sie auch nicht mehr!«

»Das möchte ich beinahe auch glauben,« lachte Borgert, »man sieht eben, die Ehe ist keine zeitgemäße Einrichtung. Sie mag gut sein für zwei Menschenkinder, die äußerer Vorteile wegen, wie sie auch sein mögen, sich heiraten. Aber für Menschen, die nur zusammenkommen, weil sie glauben, sie lieben sich, ist es nichts, denn wenn die Liebe vorbei ist, ist die Ehe nur ein Martyrium. Und deswegen sollte es für solche, die sich näher treten wollen, eine andere Einrichtung geben, als sie dann gleich fürs ganze Leben aneinander zu fesseln!«

»Sie meinen also dann, an Stelle der Ehe sollte man die sogenannte »freie Liebe« einführen?«

»Gewiß, gnädige Frau, entweder das, oder, wenn dies aus irgend welchen Gründen nicht ratsam erscheinen sollte, eine Einrichtung schaffen, wie sie die Orientalen haben. Hat dort ein Mann sich an einer Frau gesättigt, wenn ich mich drastisch ausdrücken soll, so geht er einfach zur nächsten über, denn er darf sich ein ganzes Hans voll halten. Aber er wird einer einzelnen gar nicht so schnell überdrüssig, weil er eben Abwechslung in der Liebe haben kann. Und man kann doch keinen Menschen zwingen, sein ganzes Leben nur immer denselben oder dieselbe zu lieben!«

»Da schiene mir denn doch die freie Liebe noch ratsamer, wenn Sie einmal die Einzelehe verwerfen wollen, denn sie wäre noch weniger durch Grenzen und Gesetze beengt, wie es die orientalische Ehe trotzdem ist.«

»Selbstverständlich, welchen Unsinn und widernatürlichen Zwang unsere Ehe bedeutet, sehen Sie, wenn Sie ihr Wesen einmal genau definieren. Was heißt Ehe? Ein Bündnis zwischen Mann und Frau, die sich lieben oder deren äußere Verhältnisse eine Verbindung ratsam erscheinen lassen. Dabei machen Kirche und Gesetz, manchmal auch nur letzteres allein, dieses Bündnis, Ehe genannt, zu einem rechtmäßigen.

Aber erstens: die sich lieben. Tun sie das immer und dann durch das ganze Leben? Nein, nur in der Minderzahl der Fälle bleibt eine etwa zu Anfang vorhandene Liebe bestehen, aber die Ehe ist von Gott und Natur dazu bestimmt, Liebende zu verbinden. Tut sie das nicht, ist es Unsinn.

Zweitens: eine Ehe zwischen äußeren Umständen gibt es auch nicht, denn um aus gemeinsamen Vorteilen, oder wie Sie es nennen wollen, Gewinn zu haben, ist Handel und Geschäft der richtige Weg, aber nicht die heilige Ehe.

Drittens: eine Ehe, in welcher die Liebe schwinden kann, ist ebenfalls hinfällig, denn man muß bei der Trauung dem Pfarrer, gewissermaßen also dem Stellvertreter Gottes, das eidliche Versprechen geben: wir wollen uns das ganze Leben in Liebe angehören. Dieser Eid ist also sofort in einen Meineid verwandelt, wenn die Liebe schwindet. Und wie kann man mich denn zwingen, etwas zu schwören, von dem ich noch gar nicht weiß, ob ich es zu halten im stande bin? Wider die Natur kann doch kein Mensch!

Der Begriff Ehe ist also abgetan.

Was haben nun weiter Gesetz und Kirche mit der Verbindung zweier Menschen zu tun, die sich lieben? Die Kirche gibt ihren Segen dazu und soll den Bund heiligen. Das ist aber überflüssig und lediglich eine Formsache, denn das Gefühl der Weihe, wie es die Trauung einflößen soll, haben zwei Menschen von selbst, die sich wirklich gern haben und den Entschluß fassen, sich zu verbinden.

Ferner, ein Gesetz muß es ja geben, denn es bildet die Norm für auseinandergehende Ansichten, und ohne Gesetz ist kein Staat, kein gemeinschaftliches Wirken zweier oder mehrerer Menschen denkbar. Die Liebe als solche aber, wie sie allein zwei Gatten zusammenführen soll, braucht keine Gesetze, denn diese sind von der Natur aufgestellt. Ein Gesetz schreibt Handlungen oder Unterlassungen vor, gibt Anhaltspunkte für das menschliche Zusammenleben und Wirken, Gefühle aber kann es nicht vorschreiben, also auch nicht rechtskräftig machen.

Zwei Menschen also, die sich wirklich lieben und fühlen, daß sie zusammen gehören, verbinden sich am natürlichsten durch die freie Liebe!«

»Aber warum sollen sie sich denn nicht heiraten, wenn sie unbedingt glauben, zusammen zu gehören?« warf Frau Leimann ein.

»Weil sie der Kirche keinen falschen Eid geschworen haben, wenn die Liebe einmal schwindet, auch können sie dann ruhig wieder auseinander gehen.«

»Aber dafür gibt es doch die Scheidung!«

»Gewiß, die gibt es. Eine Scheidung aber wirbelt meist so viel Staub auf und hat oft so nachteilige Folgen für die Beteiligten, daß sie lieber jahrelang in gegenseitigem Überdruß, oder gar in Haß und Verachtung neben einander leben, als sich zur Scheidung entschließen. Abgesehen von den großen gesetzlichen Schwierigkeiten einer solchen ist es aber auch meist schwer, die nun einmal verbundenen äußeren Umstände, Vermögen u. s. w. zu trennen.

Hört freie Liebe auf, so geht man stillschweigend wieder auseinander und führt nicht jahrelang ein widernatürliches Leben in einer sogenannten Ehe. Auch werden sich Mann und Frau, solange wahre Liebe zu einander vorhanden ist, nicht gegenseitig mit einem anderen betrügen, und damit wäre viel Unglück und Sünde aus der Welt geschafft.«

»Aber dann müßte ja jeder gesellschaftliche Familienverkehr aufhören, denn die Männer eines gemeinsamen Wirkungskreises, z. B. eines Offizierkorps oder die Beamten eines Gerichtes würden dann aus so verschiedenen Schichten der Gesellschaft oder des Volkes ihre Frauen wählen, daß diese gar nicht zusammen passen würden!«

»Das wäre kein Hinderungsgrund, gnädige Frau: die zu einander passen, könnten doch miteinander verkehren. Die übrigen bleiben sich eben gegenseitig fremd. Oder finden Sie es etwa schön, daß Frauen, die sich innerlich ganz fern stehen und bleiben, jeden Tag wie dicke Freundinnen zusammensetzen, weil es der gesellschaftliche Verkehr verlangt?«

»Das finde ich allerdings nicht schön, man braucht sich ja nur einmal unsere Damenkaffees zu betrachten.«

»Die Wahl der Frau in der freien Liebe ist an keine Gesellschaftsklasse gebunden, weil dann die Frau dem Manne eben nicht dazu dient, sich äußere Vorteile in Stellung oder pekuniärer Beziehung zu schaffen oder um mit ihr Staat zu machen, sondern nur für die Liebe, also für das engere Leben in Haus und Familie.«

»Aber die Ehe ist doch eigentlich nur die Form für ein Naturgesetz, daß nämlich das Menschengeschlecht erhalten wird.«

»Stimmt, aber dieses Naturgesetz wird weit besser durch die freie Liebe als durch die Ehe gefördert. Nehmen Sie eine Ehe, in welcher die wirkliche Liebe der Gatten zu einander geschwunden ist, oder sie sich vielleicht sogar überdrüssig sind. Scheiden lassen wollen sie sich nicht, aber Kinder werden doch in die Welt gesetzt, eins nach dem anderen. Diese aber sind keine Kinder der Liebe, und ihre Erziehung, Charakter- und Gemütsbildung muß doch darunter leiden, wenn sie keine inneren Beziehungen, keine Herzens- und Seelenverwandschaft der Eltern empfinden, denn dahinter kommt ein Kind sehr bald. Aber auch die Kinderzahl würde sich in der freien Liebe verringern, denn ein Mann, der seine Frau wirklich lieb hat, macht keine Maschine aus ihr, und glauben Sie nicht, daß zum Glück einer Ehe schon zwei Kinder genügen? Jedes weitere bringt nur Last und Sorge. Wenn aber, besonders in niederen Volksklassen, die Kinderzahl abnimmt, ist auch gleichzeitig eines jener Grundübel beseitigt, die den Sozialismus fördern.«

»Nun nehmen Sie aber eine Ehe, die fünf Kindern das Leben gibt und setzen Sie statt der Ehe die freie Liebe: Der Mann wählt jedes Jahr eine andere Frau, das lassen Sie zwanzig Jahre so fortgehen und es gibt unter normalen Umständen zwanzig Kinder statt fünf. Was soll aus ihnen werden? Der Mann kann doch nicht jedesmal in sein neues Liebesverhältnis die jährlich wachsende Kinderzahl mitbringen und sie alle großziehen!«

»Betreffs der Kinder der freien Liebe könnte es ja ein Gesetz geben, welches dem Vater dieselben Verpflichtungen auferlegt, wie sie für außereheliche Kinder bestehen. Dann würde er sich schon einzurichten wissen, wenn er zu regelmäßigen, seinem Einkommen entsprechenden Geldopfern gezwungen wäre.«

»Und wenn der zweiten Frau nicht paßt, daß er das Kind des ersten Verhältnisses mitbringt?«

»Dann könnte man Erziehungshäuser in großem Styl errichten. Schon unter den jetzigen Verhältnissen wäre es oft gut, wenn ein Kind nicht bei den Eltern aufwüchse, die nicht harmonieren, und so dem jugendlichen Gemüt Eindrücke zu teil werden, die ihm nicht von Nutzen sind.

Indeß nennt man ja Kinder das Unterpfand der Liebe, sie würden das einmal eingegangene Verhältnis erhalten helfen.«

»Dann kämen wir also wieder auf die Ehe zurück!«

»Gewiß, aber auf eine Ehe, die wir jeden Tag selbständig lösen dürfen.

Wir Menschen tun gut, uns in allem an die Natur zu halten, an ihr künsteln und bessern zu wollen, hat meist den entgegengesetzten Erfolg. Ein Tier tritt auch nicht vor den Altar oder den Standesbeamten, wenn es sich mit einem anderen paaren will. Sind sie von einander gesättigt, läuft das eine wieder nach Süden, das andere nach Norden.«

»Wir sind aber doch mehr wie Tiere!« lachte Frau Leimann.

»Dafür haben wir auch die Liebe, ein Tier kennt nur Triebe!«

Frau Leimann schwieg. Ein so ernstes Gespräch hatte sie lange nicht geführt und es machte ihr fast Mühe, dem Gedankengang zu folgen. Schien ihr auch mancher Punkt noch anfechtbar, im Grunde war es doch richtig mit dieser freien Liebe, und sie bedauerte beinahe, daß man in der Kultur noch nicht so weit gekommen sei. Das wäre eher nach ihrem Geschmack gewesen, als die Ehe mit so einem langweiligen, häßlichen Mann, wie ihr Gatte war, mit so unendlich vielen schlechten Eigenschaften. Sie besaß auch genügend Feingefühl, um mit dem schlauen Verstand einer Frau zu empfinden, wo hinaus Borgert mit Entwickelung dieser seiner Ansichten wollte. Sie warf daher ihr erhitztes Köpfchen auf, blinzelte verschmitzt den Apostel der freien Liebe von der Seite an und fragte mit erheuchelter Unbefangenheit:

»Nun, sagen Sie, wenn eine Frau schon verheiratet ist, also bereits durch eine Gesetzesehe gebunden, und kommt nun nachträglich zur Einsicht, daß die freie Liebe besser ist? Was dann?«

»Dann mag sie ihrer Einsicht folgen, nur darf sie es nicht so offenkundig vor aller Augen tun, da sie es eben nach den vorläufig noch bestehenden Grundsätzen über eheliche Treue nicht darf. Sie muß es machen wie die Pariserin.«

»Dann wird es aber Zeit, daß ich mich nach einem solchen heimlichen Romeo umsehe, denn mein Gesetzlicher wird mir allmählich unheimlich!« rief Frau Leimann belustigt.

»Kann ich Ihnen dabei behilflich sein, Gnädigste?« entgegnete Borgert ebenfalls scherzend.

»Sie würden es sich damit wahrscheinlich wieder leicht machen, denn, wenn ich mich recht entsinne, stellten sie sich schon einmal freundlichst zur Verfügung!«

»Womit ich auch in diesem Falle meine Dienste beginnen würde!«

»Dann könnte ich ja mit Ihnen einmal die neue Theorie probieren, schade, daß kein heimlicher Standesbeamter da ist. Aber nein, den haben Sie ja als überflüssig verworfen.«

»Nein, den brauchen wir nicht, wir machen die Sache unter uns ab!« sagte Borgert scherzend.

»Bedarf es denn gar keiner Formalitäten?«

»Gewiß, sogar vieler, und zwar derselben wie beim Abschluß einer richtiggehenden Ehe!«

»Ach so, Sie meinen einen Händedruck und einen innigen, tränenfeuchten Blick?«

»Auch das gehört dazu.«

»Auch? Was denn noch? Ich habe so ein schlechtes Gedächtnis.«

»Ich will es Ihnen ins Ohr sagen, rücken Sie etwas näher!«

Frau Leimann rückte dicht neben Borgert und sagte, unbefangen scherzend:

»Das scheint ja eine große Heimlichkeit zu sein!« Sie beugte ihren Kopf zu Borgert hin, welcher in diesem Augenblick mit beiden Armen die schöne Frau umschlang, während seine Lippen die ihren suchten. Da schlang auch sie die Arme um den Mann, und lange hielten sie sich so umschlungen, während ein heißer, glühender Kuß all die verhaltenen Gefühle der Liebe auszuströmen schien, die lange beider Herzen erfüllt.